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Geschichte & Gegenwart

Das Schicksal der Enkelsöhne des Propheten Noah (Nochtschi)

рубрика: Geschichte & Gegenwart

1935/37 Kollektivierung im Kaukasus

Wer viel Leid erfahren hat, strebt nicht nach irdischen Gütern. Ich habe soviel erlitten, dass ich das Leben kenne, ohne mir Illusionen zu machen. Es genügt, an jenen Abend im letzten Sommermonat des Jahres 1937 zu denken. Ich kehrte vom Mähen heim, mit einem verwundeten Wachtelweibchen in der Hand. Es war mit unter die Sense geraten und am Flügel verletzt. Ich wollte es wieder gesund pflegen. Als ich am Brunnen vorbei ins Dorfzentrum schritt, ertönt ein schriller Ruf: »Stehenbleiben« Ein Gewehrschloss knackte, graue Soldaten brachten die Gewehre in Anschlag. Die Wachtel flatterte mir aus der Hand. Vor Schreck schoss mir der Offizier in die Schulter. Er meinte wohl, ich wollte Widerstand leisten, vielleicht tat er es auch zum Vergnügen. Mit einem Strick banden sie mir die Hände hinter dem Rücken und führten mich ab. Mit Schlägen ihrer Gewehrkolben ins Genick und Fußtritten trieben sie mich weg. Der Weg ins Gefängnis von Itum-Kale bleibt mir mein Leben lang in Erinnerung. Mit verwunderter Schulter, fast verdurstend, wurde ich zwei Wochen gefoltert, von einem Russen und einem Tschetschenen (verflucht sei er) Sie hießen mich, zu gestehen, ich sei ein Abrek und habe ein Gewehr. Was ich danach im Gefängnis von Grosny erdulden musste, reichte aus, um ein Leben lang genügsam zu sein.

In einem großen Klubhaus Namens Stalin (Die Gefängnisse waren übervoll) ließen sie uns in fürchterlicher Hitze »schmorren«. Dreitausend waren wir, von Läusen zerfressen, in unseren groben Lederschuhen, Papachas und Schaffelljacken. Nach Mitternacht, um zwei, drei Uhr, holten sie je zehn bis fünfzehn Mann heraus, schlugen sie und hießen sie, einander zu denunzieren. Gegen Morgen schleppten sie uns zurück und warfen uns wie Leichen übereinander. Auch das reichte, um ein Leben lang genügsam zu sein.

Tausende überlebten nicht. Sie wurden umgebracht, den Verwandten wurde jedoch gesagt, sie seien verschollen. Die Sowjetmacht hat sie verschlungen, nicht einmal Gräber sind geblieben. Die Macht erregte Mitleid, wie eine bettelende Waise. Sie betrat ein fremdes Haus, bekam einen Ehrenplatz und nahm es dann in Besitz. Anführer waren stets Menschen anderer Nationalitäten, zu welchen wir ein besseres Verhältnis als zu ihren hatten. Im Gefängnis in Grosny war es ebenso. Die Vorgesetzten waren Dagestaner, Georgier und Russen, hauptsächlich Russen. Ein Aware verhörte mich in tschetschenischer Sprache. Seine Frau war Tschetschenin. »Mutiger Tschetschene, sagst du?« wiederholte er bei jedem Verhör und schlug aufs Gesäß. Fiel ich hin, schlug er ins Gesicht, in den Bauch. Ich fiel immer hin, erst in die Knie, dann auf den Rücken. Die Hände waren gefesselt. »Steh auf, leiste Widerstand, oder bist du etwa kein Konach?« höhnte er über mir, die Arme in die Hüften gestemmt. Ich habe nicht gestöhnt, ein Rest Tapferkeit war mir geblieben. Das ertrug der »Anführer« schwer. Er prügelte mich mit dem Stock, versetzte mir Fußtritte, bis er erschöpft war. Als sie mich aus dem Büro schleppten, war er am Ende, weil ich ungebrochen war und ihm direkt in die Augen sah. Während er mich befragte, standen an der Türe Offiziere in Bereitschaft. Einmal haben sie mich blau und grün geprügelt, mir Zähne ausgeschlagen, die Hand und einige Rippen gebrochen.

Beim ersten Verhör hatte der Aware nach Teijp und Namen des Vaters gefragt. Mit einem Schlag ans Ohr schleuderte er mich in die Ecke. Ich war überrumpelt, dann stürzte ich mich auf ihn und packte ihn an der Gurgel. Ich kam nicht dazu, ihm ein Hieb zu versetzten. Am folgenden Abend kam ich im Klub wieder zur Besinnung, ich lag auf dem Rücken, auf einer Felljacke. Danach wurde ich immer mit gefesselten Händen zum Verhör geführt. Uma Dujew aus Sumsoj kam mir in den Sinn. [Uma Dujew – Naib von Imam Schamil, 1877 einer der Anführer des Aufstandes in Tschetschenien, hingerichtet am 9. März 1878.] Bei seiner Hinrichtung am Galgen war kein Tschetschene bereit gewesen, ihm den Schemel unter den Füssen wegzustoßen. Ein Aware hat es getan. In Erinnerung an diese und andere Episoden fiel es mir leichter, im Gefängnis den »Heroismus« des »Anführers« zu ertragen.

Vier Monate später transportierten sie uns nachts durch verschneite Einöden. Wir waren etwas tausend Mann. Die übrigen waren im Gefängnis von Grosny umgekommen. Ein Sturm peitsche den Schnee an die wenigen kleinen Wagonfenster. Als der Zug hielt, waren wir in Kotlas im Oblast Archangelsk. Halbnackt und barfuß mussten wir uns im Schnee aufstellen. Die Schuhe waren verschlissen. Rundum standen Soldaten. Ein großes Auto fuhr vor. Der »Anführer« bestieg es, in einer langen weißen Pelzjacke und Handschuhen. In den Händen hielt er einen Stoß Papiere. Er reif Namen auf und verkündete uns die Urteile, im Schnee. »Hier!« hatte der mit dem entsprechenden Namen zu antworten. § 58 fünfzehn Jahre, schrie der »Anführer« Zu Befehl, § 58 fünfzehn Jahre, schrie der Häftling zurück. Der »Anführer« rief den nächsten auf. »Hier!« § 58 Zehn Jahre.

In der öden Taiga, im Holz, begegnete ich Rokossowski, einem Armeeoffizier. [Konstantin Rokossowski 1896-19689 sowjetischer Offizier, Marschall der SU.] Er war ein groß gewachsener, hagerer, ernsthafter Mann, obschon er auch Scherze duldete. Nie wurde er zur Arbeit außerhalb des Lagers geschickt. »Es wird Krieg geben« sagte er oft »sie werden mich holen. Ich und Schukow sind die beiden einzigen Feldherren, die das Kriegshandwerk verstehen.« Die Gefangenen lachten, als er dies sagte. Sie glaubten es nicht. Zu Beginn des Krieges erhielt er eine Brigade und wurde ohne Wache ins Holz geschickt. »Das hat nicht die Lagerleitung, sondern Moskau bestimmt« sagte er »es ist eine List, Burschen, eine Finte. Sie wollen prüfen, ob ich fliehe oder nicht.«
Er wusste viel über diese Staatsmacht. Einiges hat er erzählt. Ich fragte ihn nach zweien meiner Brüder und dem Vater. Er meinte, sie seien nicht am Leben und in eine ferne, menschenleere Gegend verschickt worden, um die neue sowjetische Nation zu erbauen und die eigene Vergangenheit zu vergessen. Ich fragte, ob sie zu finden seien, wenn man sie suche. »Selbst im Innersten der Erde sind sie nicht zu finden. Du wirst auch nichts über sie erfahren. Nur zwei, drei Leute in Moskau dürften wissen, wo sie sind.« Ich habe ihm damals nicht geglaubt. Als der Krieg ausbrach, wurde Rokossowski geholt. Das ganze Lager weinte ihm nach. Viele nahm er mit, die meisten waren Urki. Zuvor hat er mich beauftragt, sein Kriegspferd zuzureiten. Dieser Hengst wurde ebenfalls geholt, er wurde in ein grosses Auto verladen. Wir hingegen wurden im Lager behalten. Wir wurden nicht eingezogen. Unser Paragraph erlaubte uns nicht einmal, Kriegsdienst zu leisten. Wir mussten als Seki in Abgeschiedenheit gehalten werden, an einem unbekannten, freien Menschen und selbst dem Feind unzugänglichen Ort.

1953 wurde ich frei, als Sisso der Herr von Erde, Sonne und Mond starb, der Herr der ganzen Welt, der Führer aller Zeiten und Völker. Meine Verwandten seien in Alma-Ata, im Exil, teilte mit der Lagerchef am Tag der Befreiung mit. Meine Frau und die beiden Söhne fand ich nicht. Die Mutter war auf dem Transport gestorben, ihre Leiche an irgendeiner Bahnstation ausgeladen worden. Später erzählten mir Leute, meine Frau und der jüngere Sohn seien vor Hunger gestorben. Der ältere Sohn, Ismajl, sei 1945 in ein Kinderheim gebracht worden. »Keiner konnte sich seiner annehmen, Hunger herrschte, wir konnten uns selbst kaum durchbringen.« Alle suchten sich herauszuwinden. 1955 fan ich Ismajl, besser gesagt den Ort, wo er umgebracht worden ist, den Kohleschacht bei Dschambul in Kasachstan. Vierzehn war er als Urki ihn 1947 eine Suka nannten, unter einen Kohlewagen stießen und ihm beide Hände und Füße abhackten. Keiner rührte sich, als er auf tschetschenisch um Hilfe rief. Ich kam viel zu spät, bereits acht Winter und Frühlinge waren vergangen, schon der neunte Winter überzog die Erde mit Eis. Da ich nun Gewissheit über Ismajls Schicksal hatte, wurde mir leichter zumute. Ich »genoss« die Tage, an welchen ich mit den Frauen am Dreschplatz Korn säuberte. Den Bart rasierte ich nicht, trug ihn bloß kurz geschnitten. Ich schämte mich, meines Sohnes zu gedenken.

1944

Dieses Jahr ist zu bitter, um es zu vergessen,
die Wunden zu brennend, um nicht in Erinnerung zu bleiben:
1944, Februar, die ersten Märztage.
Seinen Namen, Achmad,
hört meine Großmutter im Gedränge,
als der Zug bereits in Fahrt ist.
»Er war im nächsten Wagen…«
Erinnerte sie sich,
aufgewühlt von den Geschehnissen jenes Transports.
Sprach sie von ihm, stand immer tiefes Leid in ihren Augen.
»…er wurde auf den Rücken geschleudert,
versuchte sich wieder hochzustemmen.«
Der Güterzug, in dem Tschetschenen und Inguschen ins Exil verschickt wurden,
hält für zwanzig Minuten in einem dichten Wald.
Weit und breit nur weißer Schnee, schwarze Bäume
und die Linien des Bahngleises, wie Schlittenspuren.
Eilends werden Leichen ausgeladen,
einfach in den Schnee geworfen.
Die Deportierten werden zur Verrichtung der Notdurft herausgelassen.
Auf beiden Seiten des Zuges stehen bewaffnete Soldaten,
bereit zu schießen, sobald einer sich entfernt
oder ihnen missfällt.
Drei, vier entfachen da und dort hastig ein Feuer,
um sich wenigstens kurz zu wärmen.
Knapp fünfzehn Minuten sind vergangen.
Ein Offizier flucht, grob,
in seiner Sprache, russisch,
geht von Feuer zu Feuer,
tritt mit den Stiefeln die erst schwach brennenden Scheite in den Schnee.
Die Menschen sehen sich verängstig um
Und laufen von den Feuern weg.
Etwas weiter entfernt ist noch ein Feuer,
ein Mann kauert daneben,
wärmt sich, starrt ins Feuer.
Stimmen rufen seinen Namen,
er hört es nicht,
in Gedanken vertieft, sucht er zu verstehen, was vor sich geht.
Wieder Rufe. Er reagiert nicht.
Er hält seine Hände über das Feuer,
das der wütende Offizier zertritt,
blickt auf, sieht ein bleiches Gesicht, blaue Augen,
Stoppeln in unbestimmter Farbe über der Lippe.
Er kennt das Gesicht nicht,
weis nicht, was der Mann von ihm will,
versteht nicht, woran er schuld sein sollte.
Er springt auf, holt schneller als jener zum Schlag aus.
Ein dumpfer Ton,
der blauäugige Offizier taumelt, fällt vornüber zu Boden.
Die Pistole sinkt in den Schnee.
Achmad setzt sich, richtet die Feuerstelle wieder her.
Er legt zwei brennende Scheite auf,
greift nach dem dritten, das abseits liegt.
Ein Schuss knallt.
An seiner linken Schulter kratzt etwas,
nun hängt sie herab,
wie der verletzte Flügel eines Vogels.
Er taumelt, sucht sich hochzustemmen,
erstarrt.
Der Offizier liegt im Schnee,
Blutspuren im Gesicht, die Pistole im Anschlag.
Achmad bemüht sich, scharf zu sehen,
sieht den Lauf.
Dieser zuckt drei, vier Mal,
Kugel um Kugel
Dringt in seinen Bauch.
Ehe er hinfällt, kommt er zu sich.
Zu Bewusstsein bringt ihn ein Bild,
für das er gelebt hat, das ihm teuer ist,
nach dem er sich sehnt,
das Bild Tschetscheniens.
Dann schwinden die Sinne,
in der rechten Hand verspürt er ein Kribbeln,
im Fall begreift er, weshalb.
Es ist die Hand, die dem Offizier
eine krachende Ohrfeige versetzt hat.

1943/67 Kreuzbucht

Seltsam war, dass Denk- und Erinnerungsvermögen ausgelöscht waren. Die Welt voller Leben, mit Menschen und Städten, schien nicht mehr zu existieren. Alles war weg, als hätte es nie existiert. Es gab nur noch die großen und kleinen Kuppen, den Schnee, der sie bedeckte, und immer wieder Schneestürme. Legte sich der Sturm, trugen wir tagaus tagein Steine zusammen, unter ständiger Aufsicht eines Begleitsoldaten.

Oft schlug er einen mit dem Gewehrkolben auf den Rücken. Der Mann fiel hin. Genauer gesagt, er sank leicht wie Flaum zu Boden. Er wand sich, versuchte, vor dem nächsten Schlag aufzustehen, rappelte sich auf alle Viere auf und fiel wieder hin. Kam er schließlich wieder auf die Beine, strengte er sich an, weiterzugehen und unebene Stellen zu meiden. Stolperte einer abends auf dem Weg zur Baracke über eine Unebenheit und fiel hin, hoben ihn die Gefährten auf und schleppten ihn weiter, bis die Wache es bemerkte. Sie schleppten, soweit sie konnten. Lange reichten die Kräfte nicht. Jeder kleine Graben, jede unebene Stelle auf dem Weg waren uns wohlbekannt. Wir sahen sie schon von weitem und umschlurften sie vorsichtig. Wir hoben die Füße kaum vom Boden, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren und zu stürzen. Außer Flüche, Geschrei, Geschimpfe und endlosem Schnee war nichts zu sehen und zu hören. Keiner wusste, an wessen Adresse sich Geschimpfe und Flüche richteten. Keiner machte sich darüber Gedanken.

Eines Morgens, als wir auf Kommando aufstanden, rührte sich mein Nachbar nicht. Er lag da, tot, bereits aufgedunsen, erstarrt. Keiner wusste, wie und wann er gestorben war. Keiner achtete darauf. Längst wunderte sich keiner mehr über irgendetwas. Menschliche Gefühle waren abgestorben, oder nie vorhanden gewesen. Wünsche, Träume und Verlangen richteten sich nur auf eines: essen und sich wärmen. Hunger- und Kältegefühl vergingen nie. Nach der wässrigen Abendsuppe, ohne jegliche Zutaten oder Fett, wollten wir uns so schnell wie möglich mit einem am Körper versteckten, trockenen Stück Brot hinlegen. Vom Brot ging ein schwerer, betäubender Geruch aus. Von diesem wunderbaren Geruch konnten wir nicht genug bekommen. Wir wollten, dass er in den ganzen Körper und in die Kleidung eindrang. Das Brot war aus Abfällen von Sonnenblumenkernen hergestellt. Es war schwer und so feucht, dass man es auswringen konnte. Die Brotstücke wurden nicht gekaut. Sie wurden lange auf der Zunge gelutscht und als Breigeschluckt, um den Magen wenigstens für kurze Zeit zu täuschen. Der Magen knurrte ständig, wie ein hungriges Tier. War das Brot gegessen, beleckten wir die Lippen, schluckten den Speichel und suchten mit der Zunge zwischen den Zähnen nach stecken gebliebenen Krummen.

Gesprochen wurde nicht. Die Worte für Gespräche waren vergessen. Nachts träumte ich von einer fetten Suppe zum Frühstück, tagsüber träumte ich von drei Löffeln Grütze zum Mittagessen, und schon war wieder Abend. Der Abend war die meistersehnte Tageszeit. Da konnte ich mich hinlegen, zusammenrollen und an einem Stück Brot auf der Zunge lutschen. Schlaf gab es kaum. Die Läuse ließen mich nicht einschlafen. Ich klinkte mich einfach vom Leben aus und versank in einen Dämmerzustand.
Im Dämmerzustand stand mir das Transitlager in Nachodka vor Augen. Sechzehntausend Mann waren wir dort, ehemalige Kriegsteilnehmer, vom Soldaten bis zum General, festgenommen erst nach Kriegsende. Vor uns waren deutsche Kriegsgefangene dort gewesen. Auf dem ganzen Lagergelände war kein einziger Grashalm zu finden. Die Deutschen hatten alles Gras samt den Wurzeln gegessen. Wasser wurde einmal pro Tag in einem Zisternenwagen gebracht. Das ganze Lager kam in Bewegung, alle suchten Wasser zu ergattern. Um Unruhen zu verhindern, stellten sich bewaffnete Wächter um den Zisternenwage auf. Leerte sich die Zisterne, eröffnete die Wache das Feuer und schoss über die Menge hinweg, um sie zu zerstreuen. Zeigte dies keine Wirkung, gaben sie aus Maschinenpistolen eine zweite Salve ab, den Gefangenen vor die Füße. Erdklumpen flogen den Menschen ins Gesicht. Wenn die Menge sich auflöste, blieben um den Zisternenwagen bis zu zwei dutzende Leichen liegen. Keiner sah sich nach den Leichen um. Pro Tag bekam jeder dreihundert Gramm Brot zugeteilt. Es wurde in unzählige kleine Stücke gebrochen, um den Prozess des Kauens möglichst lange hinauszuziehen. Manchmal wurde Brot gegen Tabak getauscht. Einer der vor Hunger im Sterben lag, tauschte oft das letzte Stückchen Brot gegen Machorka. Viele starben, während sie zum letzten Mal Tabakrauch inhalierten.

Drei Tage hatte ich nicht einen einzigen Tropfen Wasser bekommen. Auch am vierten Tag hatte ich Pech. Als ich niedergeschlagen zur Baracke ging, hielt mich ein ebenso Unglücklicher an. »Woher?« fragte er mich. »Aus dem Kaukasus.« »Ach so, noch einer aus dem Kaukasus, wie der Wodsch.« sagte er »los, gehen wir, du wirst mir einen Schluck verschaffen.« Auf ausgebreiteten Mänteln und Matrosenjacken lag ein Mann. Er besetzte eine große Ecke des Raumes. Gedankenversunken sah er an die Decke, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, die Beine übereinandergeschlagen. Um ihn scharten sich etliche Männer, alles Urki aus dem Durchgangsgefängnis. Von weitem grüßte ich laut in Tschetschenisch. Der Mann schoss auf, als hätte er sich verbrannt. Hastig brachte er den Hemdkragen in Ordnung. Er erwiderte den Gruss und fragte, wer ich sei. »Ich bin Parijew aus Hildehoroj, mein Vater hieß Pchari. Mein Name ist Alchast.« »Ach, du bist also Pcharis Sohn! Ist mir bekannt, klar… Komm näher, setzt dich erst einmal.« Verlegen lief er hin und her. Bald errötete, bald erbleichte er, wie ein Junge, der bei einem kleinen Diebstahl ertappt worden ist.

Es stellte sich heraus, dass er der Sohn von Magomed Suldajew aus Hatscharoj war, dem ehemaligen Chef der Bezirkspolizei von Itum-Kale, der später NKWD-Offizier im Bezirk Schali geworden war. Sein Name war Achmed. Von seinem Vater hatte ich viel gehört, ihn sogar einige Male gesehen. Er war mit meinem Vater befreundet. Vom Hörensagen kannte ich auch ihn, Achmed. Ich wusste, dass ein Mann durch seine Hand umgekommen war und er deswegen zehn Jahre im Lager gesessen hat. Jetzt saß er zum zweiten Mal. Wir verbrachten etwa zwei Monate zusammen. Während dieser Zeit fehlte es mir an nichts. Zu essen und zu trinken gab es bei Achmed im Überfluss, wie in einer Staatskantine. Wasser brachten ihm die Urki soviel er wollte. Mit Essen versorgten sie ihn ebenfalls. Er kontrollierte das Lager. Wenn er wollte, zettelte er eine Meuterei an. Auf ein einziges Wort von ihm hin endete sie auch wieder.

Wenn draußen Lärm und Schreie die Ankunft des Zisternenwagens signalisierten, nahm einer der Urki die Aluminiumpfanne, schlug mit dem Löffel darauf und ging mit dem Schrei «Für den im Gesetz» voraus. Trotz Achmeds Protesten ging ich eines Tages selber. Ich wollte mit eigenen Augen sehen, wie man zu Wasser kommen konnte. «Für den im Gesetz» schrie, stoben die Leute vor mir auseinander, wie Schafe vor dem Wolf. Wer hinfiel, kroch hastig weg. Dann balgten sie sich, um sich hinter mir in die Schlange zu stellen. Als ich mit Wasser zurückkam, traten sie beiseite und gaben mir einen breiten Durchgang frei. Es war tatsächlich erstaunlich, dass so viele einen einzigen Menschen derart fürchteten. «Was hast du mit diesen Menschen gemacht, Achmed?» fragte ich. «Sie fürchten dich wie Schafe den Wolf.» Er winkte ab. «Das sind noch Folgen der ersten, in diversen Lagern abgesessen Haft, Alchast, sämtliche Ausdrücke stammen von dort.»

Einmal kam es zu einer Schlägerei. Die Schläger wurden getrennt und beruhigten sich. Nur einer wollte keine Ruhe geben. Er fuhr alle an, nannte sie Schweinehunde, Prostituierte, Denunzianten. Achmed stellte sich vor ihn und hiess ihn schweigen. Er zählte die Lager auf, in welchen er gesessen hatte, sowie etliche Namen, die in jenen Kreisen Achtung genossen. Jener antwortete, führ ihn sei keiner eine Autorität, weder Achmed noch sonstwer. Augenblicklich schnellte Achmed auf, stürzte sich mit einem Satz auf ihn und versetzte ihm einen harten Schlag auf den Kopf. Man hörte ein dumpfes Knirschen. Mit blutüberströmten Gesicht fiel der Mann rücklings zu Boden, die Arme breit ausgestreckt. Die Urki packten ihn an den Beinen und schleiften ihn weg. Sein Kopf schepperte über den Boden.

«Mit ihm milde zu reden, ist sinnlos, Alchast» sagte mir Achmed. «Barmherzigkeit ist ein ihnen unbekanntes Gefühl. Mit ihnen muss man hart umgehen, wie mit einem Blutfeind. Halte sie sich für Menschen wie du und ich, tue ihnen nie Gutes, sie verstehen unsere Güte nicht. Schlägst du sie nicht, achten sie dich nicht.» Nach zwei Monaten wurde Achmed mit einem Sträflingstransport nach Magadan verschickt. Ich blieb. Er hätte mich gerne mitgenommen aber mich ließen sie nicht weg. Achmed war ein Krimineller, ich hingegen nach Paragraph 58 ein «Vaterlandsverräter». Mein Paragraph war schlimmer. «Pass auf, Alchast. Sei hart und nochmals hart. Sei hart, aber gerecht. Vergiss die Barmherzigkeit, wir sind nicht bei uns zu Hause» riet er mir beim Abschied und umamrte mich fest. Ich habe Achmed nie mehr gesehen.

In den Lagern machte man mit Toten nicht viele Umstände. In Tschukotka war es ebenso. Bis eine Leiche entdeckt wurde, wurde sie erst einige Tage in der Baracke herumgeschoben und versteckt, um die Brotration des Toten zu bekommen. Bevor er weggebracht wurde, wurde er nackt ausgezogen. Besitzer dieser Sachen wurden immer die Urki. Auch Brot und Zigaretten hatten sie immer, sogar Zucker, eine Kostbarkeit von unschätzbarem Wert.

Oft brachten sie nachts jene um, die ihnen nicht passten. Sie erdrosselten sie mit einem Handtuch. Sie töten selbst für ein Kleidungsstück, das ihnen gefiel, oder für den Versuch, bei dessen Raub Widerstand zu leisten. Sie übertrafen an Grausamkeit und Gewalt die Lagerleitung, die Staatsmacht, die ganze Welt. Welt, Staatsmacht und sie waren eins. Sie hatten dieselben Ziele und Methoden. Durch die Urki rechnete die Staatsmacht mit den Gefangenen ab. Die Urki waren zu allem fähig.

Sie hatten auch ihre «Frauen» im Lager, so genannte «Hähne» die sie «vergewaltigen» und sich zu Diensten machten. Sie gaben ihnen weibliche Namen. Michail wurde so zu Mascha, Wassili zu Vera. Die «Frauen» massierten die Füße der Urki, damit diese schneller einschliefen. Die «Männer» stöhnten leise, wie ein kleines Kind. «Was hast du, Maksimtschik?» fragte die «Frau». Die «Vera» im Dienst beschütze den Schlaf ihres «Mannes» so beflissen, dass sie nicht einmal das Reden im Raum gestattete. Die Gefangenen fürchteten die «Frauen». Falls einer nicht spurte, beklagte «sie» sich bei ihrem «Mann» dann wurde der Schuldige entweder verprügelt, bekam einige Tage kein Brot oder musste neben dem Latrinenkübel schlafen. Je nachdem, wie schuldig er nach Meinung des «Mannes» vor seiner «Frau» war.
Die Ergebenheit dieser «Frauen» war wahrhaftig erstaunlich. Die «Frau» änderte ihr Verhalten, sie redete mit hoher, weiblicher Stimme, zwinkerte kokett mit den Augen und nahm einen rein weiblichen Gang an. Wollte der «Mann» die «Frau» lieben, musste sich alle in der Baracke mit dem Gesicht nach unten hinlegen, damit die «junge Frau» sich nicht geniert fühlte. Dann hörte man ihr Stöhnen. In ihrer Nähe war immer einer ihrer Schnüffler, der die Baracke bewachte. Ihr Treiben hatte der Baracke egal zu sein. Die Baracke verstummte, träumte von frischen Brot und würzigem Borschtsch.

Einmal versuchten Urki, ihre Gesetze auch in meine Baracke einzubringen und meine dort mit Mühe durchgesetzte Ordnung zu stören. Ich verwehrte es. «Wir rühren dich nicht an, Tschetschene, und du rührst uns nicht an» sagten sie mir «hier gilt ein anderer Kodex». Ich verwehrte es erneut. Unsere Diskussion endete im Streit. Schließlich gab es eine Schlägerei, in der ich einem von ihnen den Kopf einschlug. «Schluss! Es reicht! Wir vertuschen es!» Er gab nach. «Wir reden noch darüber.» Dann begannen sie hinter meinem Rücken zu handlen. Mit ihren Kniffen suchten sie Hass gegen mich zu schüren, um alle gegen mich aufzuwiegeln. Bei jeder Äußerung von Missachtung mir gegenüber schlug ich nach Kräften zu als ginge es um den letzten Kampf im Leben. Sie versuchten, mich nachts zu töten, mit einem Kissen zu ersticken. Wie durch ein Wunder entging ich zwei Mal dem Tod. Beide Male rächte ich mich derart, dass sie lange um Verzeihung baten.

Später wurden wir in Gruppen von je tausend Mann über den ganzen Hohen Norden verteilt. Verurteilt waren wir für fünfzehn. Zwanzig, fünfundzwanzig Jahren, faktisch auf immer und ewig. Mir hatten sie fünfundzwanzig Jahre gegeben. Nach Paragraph «Vaterlandsverräter». In die Armee eingezogen wurde ich vor dem Krieg. Den ganzen Krieg habe ich durchgemacht. Etliche Kugeln sind im Körper stecken geblieben. Doch an der Brust baumelten einige Aluminiumdinger, die ich als Auszeichnung von der Sowjetunion bekommen habe. Zwei Mal wurde ich für den Heldentitel vorgeschlagen.

Nachdem wir Städte und Länder befreit, über Gräbern von «Brüdern» getrauert und zu Ehren gefallener Genossen salutiert hatten, kamen wir nach Jugoslawien. Dort wurden wir ebenfalls unter Tränen als Befreier empfangen. Die Menschen freuten sich über uns, unablässig brachten sie uns Esswaren und Wein. Mit einem Leutnant namens Wassili Koslowojwar ich bei einer Witwe zu Gast, betrunken. Was weiter geschah, habe ich nie begriffen. Soldaten unserer Einheit banden uns, trieben uns mit Gewehrkolben weg. Angeblich hatten wir drei Tage bei der Witwe verbracht. In wenigen Tagen wurden aus vielen Städten und Einheiten zahlreicher Armeeangehöriger verschiedener Nationalitäten verhaftet, Tataren, Ukrainer … Den als Sieger aus einem beispiellos brutalen Krieg Zurückgekehrten, die in verschiedenen Ländern gefallene Waffenbrüder begraben hatten und unter dem Schmerz von Wunden und Erinnerungen litten, wurde die erhoffte Wiedervereinigung mit ihren Familien und Verwandten verwehrt. Stattdessen wurden sie geradewegs in Lager verschickt, dort wie Korn in der Mühle zermalmt, in Folterkammern gepeinigt. Bei Verhören wurden Rippen gebrochen, Schädel eingeschlagen, Zähne ausgeschlagen. Der schwerste Überlebenskampf stand ihnen noch bevor.

Sämtliche Paragraphen des Strafgesetzbuches wurden wie Esswaren im Futtersack eines Bettlers auf einem Haufen geworfen und gegen sie angewendet. Sie waren «Vaterlandsverräter», «Volksfeinde», «Handlanger Hitlers, die den Krieg verlängert hatten». Die ganze Welt, die Staatsmacht, das Volk war gegen sie. Auf ihrer Seite war keiner.

Von den dreitausend Mann, die in den Hohen Norden verschickt wurden, unter ihnen auch ich, überlebten nur etwa dreihundert den ersten Winter und Frühling. Mehr nicht. Zwei Wochen fuhren wir über das noch nicht zugefrorene Meer. An Land marschierte wir sodann acht Tage durch den Wald. Der Schnee reichte bis zu den Knien, stellenweise bis zum Gürtel. Wir wurden in Einheiten zu je tausend Mann aufgeteilt, bekamen für fünf Tage Verpflegung (Zwieback) und den Befehl, loszumarschieren. Unterwegs wurden wir nochmals aufgeteilt, in Gruppen zu je zehn Mann. Einer stapfte voraus und pfadete. Die anderen folgten seiner Spur. Nach drei Kilometern wurde jeweils der Vorderste vom nächsten abgelöst. Der Pfad wurde mit den Füssen breitgetreten. Wir nächtigten dort, wo die Dämmerung über uns hereinbrach. Wir fällten Bäume, zündeten ein Feuer an und schliefen neben dem Feuer. So marschierten wir acht Tage, bis wir nachmittags zu einem Pfahl kamen, der in den verschneiten Boden gerammt war. Am Pfahl war ein kleines Schild angebracht, darauf stand Kreuzbucht. Sonst weit und breit nichts. Gegen Abend trafen allmählich auch die anderen ein.

Am nächsten Morgen begannen wir mit dem Bau von Baracken. Den festgestampften Schnee bedeckten wir mit Ästen. Darauf legten wir geschlagene Stämme als Boden. Über mehrstöckige Pritschen wurde eine Zeltplane gespannt und an Pflöcken befestigt, die in den Boden gerammt waren. Wenn nachts die Eisenöfen geheizt wurden, begann der Schnee unter dem Boden zu schmelzen und in der Baracke verbreitete sich drückender, feuchter Gestank. Dampf steig auf, wie Nebel. Wir konnten kaum mehr atmen. Viele starben, vor Kälte und an Krankheit. Etliche wurden von Urki umgebracht. Andere setzten ihrem Leben selbst ein Ende, sie schnitten sich die Venen auf. Aber die Zahl von dreitausend blieb stets konstant. Neue Gefangene ersetzten die Verluste. Die neu angekommen starben schneller.
Überleben war für klein gewachsene, schmächtige Menschen anscheinend leichter. Für große, mit festem Körperbau war es schwerer – es gab nicht genug essen. Die Zeltplane schützte kaum vor der eisigen Kälte. Der runde Eisenofen gab wenig Wärme ab. Das Feuer brannte nicht lange. Die Ausgabe von Brennholz war normiert, die Norm schnell verheizt. Dann fegte bis zum Morgen kalter Wind durch das Zelt. Unter dem Holzboden bildete sich eine Eiskruste. Am Morgen fanden wir jeweils etliche Tote, zu Eis erstarrt. Sie wurden ins Freie geschleift, auf einen Schlitten geladen und weggebracht. Keiner wusste, wohin. Die Zurückgebliebenen trugen den ganzen Tag Steine zusammen und schichteten sie zu kleinen und großen Haufen auf. Nach den Schneestürmen gruben wir diese Haufen wieder aus dem Schnee und schichteten sie an einem anderen Ort auf.

Frühling und Sommer kamen in Tschuktokta gleichzeitig, ohne Übergang. Die warme Jahreszeit dauerte nur vierzig Tage. Der Schnee konnte nicht einmal tauen. Im Frühling wuchs zwischen den Steinen etwas Gras. Wir konnten Pilze finden. Diese halfen zu überleben. Im ersten Frühling starben viele an Pilzvergiftung. Genauer gesagt, an Motorenöl-Vergiftung. Unser Lager war nicht weit vom Meer entfernt. An der Küste standen zahlreiche Metallfässer mit Motorenöl. Die Amerikaner sollen sie zu irgendwelchem Zweck hergebracht und nach dem Krieg zurückgelassen haben. Nachts gingen wir zum Ufer und stahlen dieses Öl. Darin brieten wir in Konservendosen Pilze. Zwei Tage geschah nichts. Dann starben die ersten an blutigem Durchfall, der fast vollständig aus Motorenöl bestand. Die Hosen nahmen hinten eine kohlrabenschwarze Farbe an, was die Wächter sehr belustige. Sie ließen sich keine Gelegenheit zur Verhöhnung der unglücklichen Gefangenen entgehen. Sie fielen plötzlich im Gehen hin und waren tot. Sie starben mit offenen Augen, mit wirren, ausdruckslosem Blick. Körperlicher Verfall erfasst offenbar auch die Augen. Einer, der sich hinsetzte, um Atem zu schöpfen, stand oft nicht mehr auf. In einiger Entfernung drohte der Begleitsoldat mit dem Gewehrkolben und beschimpfte ihn. Der Mann rührte sich nicht. Trat ihn der Soldat in die Rippen, kippte die Leiche lautlos um, wie ein morscher Baum.
Selten war unter dem tauenden Schnee ein kleiner, gebleichter Knochen eines Tieres oder Vogels zu finden. Bevor einer es sah, versteckten wir ihn gleich am Körper. Im Lager gab es viele Denunzianten. Abends zermalmtem wir den Knochen zwischen Steinen und kochten daraus in Schmelzwasser eine Suppe. Diese Brühe tranken wir, um wenigstens etwas Fett zu bekommen. Doch von Fett keine Spur. Einmal im Jahr, mit Glück einmal in einem halben, konnten wir uns ein bisschen wärmen. War ein bewaffneter Begleitsoldat in der Nähe, war vor Angst von Wärme nicht einmal zu träumen. Sich zu wärmen gelang, wenn wir zu zweit zu etwas leichterer Arbeit geschickt wurden. Dazu wurden gewöhnlich die Schwächsten ausersehen. Sie setzten eine Tagesnorm fest und ließen uns in Ruhe. Selbst die übliche Wache zeigte sich nicht in der Nähe. Fliehen konnte man nirgendshin, die Kräfte hätten auch nicht gereicht.
In einer Grube zündeten wir heimlich ein Feuer an und passten auf, dass kein Rauch aufstieg. Abwechslungsweise wärmte sich einer am Feuer, während der andere arbeitete. Die Norm zu erfüllen war ohnehin unmöglich. Jetzt bloß keine Wache, dachte ich, wenn ich zwei, drei Tage auf einem Baumstrunk am Feuer saß, die Hände wärmte und am Feuer Laub für selbstgedrehte trocknete. Wurden die Finger warm, begannen sie qualvoll zu schmerzen. Um Kleider und Körper zu durchwärmen, ließen wir den Rauch bis auf die nackte Haut kommen. Es gab keinen angenehmeren Geruch als den des Rauchs.

Momente wie diese, wenn ich ohne Wache am Feuer saß und allmählich aufwärmte, täuschten über die Wirklichkeit hinweg. Dann wollte ich leben, an Glück und Gott glauben, dessen Existenz ich nie in Zweifel gezogen hatte. Ich wusste, Er ist ständig bei mir. Ging es mir gut, glaubte ich aufrichtig an ihn. Gott war mein einziger, mein nächster und liebster Freund. Gott offenbarte sich im Feuer, in der Nahrung, im Schlaf. Schrie mein Gefährte plötzlich «Wache kommt!» hätte ich am liebsten geweint, geschluchzt, am Boden gewinselt wie ein verletzter Welpe. Ich trauerte bereits den Momenten am Feuer nach, den Minuten der Ruhe, den trügerischen Bildern von einem anderen Leben. Solch ein Tag konnte erst in einem halben, in einem Jahr wiederkommen. Dann ließ ich mich wieder ebenso täuschen, wollte wieder ebenso schluchzen und um dieses «Glück» trauern. Trotz allem sehnte ich mich schon wieder nach diesen Momenten, nach Ruhe, Erbarmen und dem Verlangen, weinen zu können.

Wer auch nur einen Tag oder Augenblick zu kämpfen aufhörte, erfror sogleich. Dann wurde er auf einen Schlitten geladen und irgendwohin verbracht, auf immer. Das Wichtigste war, nicht einmal eine Sekunde schwach zu werden. Um durchzuhalten musste man gegen sich selbst, gegen die ganze Welt kämpfen. Einzig dieses Verlangen brachte mich morgens auf die Beine und abends in die Baracke zurück. Andere wurden des Kämpfens müde. Ich durfte mich nicht nach ihnen umsehen. Sonst wären auch meine Kräfte geschwunden, und ich wäre verloren gewesen.

Um zu überleben, dachte ich nicht mehr an die Menschen meiner Umgebung, als gebe es auf der ganzen Welt nur mich allein. Stattdessen dachte ich oft an die Steine und die Bäume. Ohne sie zu fragen hatten die Winde des Schicksals auch sie in diese kalte, karge Gegend verschlagen, wie mich. Auch in ihnen schlug ein Herz, in den Zellen rann ihr Blut, in den Wurzeln ruhten ihre Seelen. Der Stein, des Kämpfens müde, brach auseinander und wurde zu Sand. Den Baum riss der Sturm samt Wurzel aus. Jeden Tag, jede Stunde, jeden Augenblick widerstanden sie Kälte, Schneestürmen und Entbehrungen. Gemeinsam mit ihnen habe ich Tag für Tag dasselbe getan. Ich habe mich im Morgengrauen erhoben, bin in der Abenddämmerung in die Baracke zurückgekehrt, habe die feuchten Brotstückchen gelutscht und ständig gegen den Tod gekämpft.

Ich habe lange gekämpft, lange widerstanden, meinen Gefährten nachgesehen, die Tag für Tag auf Schlitten weggebracht wurden. Bereits der zehnten Schicht habe ich so nachgesehen. Ich habe mich gut gehalten, bis zu einem frostigen Dezembermorgen im Jahr 1950. An jenem Morgen konnte ich nicht aufstehen, alles war mir zuwider. An jenem Morgen verlor ich die Hoffnung, vergaß die Sehnsucht nach einem anderen Leben. «Sie töten dich, steh auf!» baten mich die Gefährten. «Ich will auch sterben. Ich bin erschöpft!» antwortete ich. «Selben kann ich meinem Leben nicht ein Ende setzen. Ich hasse die Peiniger zu sehr, als dass ich ihnen diese Freude gönnte.» Die Gefährten warnten mich «Eine Kugel für dich ist ihnen zu schade. Sie werden dich zertrampeln.» Ich erhob mich nicht. Statt für das Leben zu kämpfen, wählte ich den Tod. Für das Leben zu kämpfen ohne mit dem eignen Gewissen in Konflikt zu geraten, war unerträglich schwer. Um wenigstens etwas satt oder warm zu werden, musste man einem anderen wehtun, ihm den letzten Bissen wegnehmen. Doch das war gemein. Das hätte ich nie tun können.

Meine Gefährten begriffen, dass ich nicht aufstehen wollte. Sie legten mich auf einen Schlitten und nahmen mich mit zur Meerenge, damit die Peiniger mich nicht umbrachten. Sie nahmen mich aus Hass gegen jene mit, um ihnen keine Gelegenheit zu sadistischer Freude an einem Mord zu geben. Der Winter war kalt, wie immer. Dichter Nebel lag über der Meerenge. Wie Fetzen an verschneiten Bäumen hin er auch über dem vereisten, mit Raureif bedeckten Boden. Die Sonne war nie sichtbar. Ich sah weder ihren Aufgang noch Untergang. Sah ich die hell schimmernden Wolken, wusste ich jedoch, irgendwo ist die Sonne. Ich lag mit meinem Gesicht nach oben auf dem Schlitten und beobachtete meine Gefährten. Ich wollte sterben.

1953 als Stalin der Schlächter starb

Von den Dorfbewohnern fehlten nur die Deutschen. Wie die Tschetschenen, waren auch sie in großer Zahl hierher deportiert worden. Aber sie versammelten sich nie und nirgends. Sie arbeiten alle im Sägerei-Kombinat am Rand des Dorfes und verarbeiten das Holz des dortigen Kiefernwaldes. Sie leben rund um dieses Kombinat in ordentlichen kleinen Häuschen, die sie sich selbst gebaut hatten. Wenn sie von der Arbeit für den Staat nach Hause kommen, arbeiten sie immer irgendetwas zu Hause. Dieses Volk ruht nie aus, denken alle. Vom Frühling bis zum Winter graben sie in ihren Gemüsegärten, die ebenfalls nicht weit vom Kombinat liegen. Niemand kennt Vorfälle, bei welchen diese Deutschen je mit jemandem oder untereinander einen Skandal oder eine Schlägerei angezettelt hätten, oder bei welchem ihre Kinder in der Schule etwas angestellt hätten. Die Tschetschenen dachten anfangs, sie seien Russen, da sie diesen äußerlich glichen, dann begriffen sie, dass dem nicht so war, und sie ebenfalls Deportierte waren. Alle Deutschen verstehen sich auf etwas, besser gesagt, jeder versteht sich auf vieles, der Tschetschene hingegen versteht sich auf eines – einfach Tschetschene zu sein. Obwohl kein Deutscher jemanden etwas zuleide tut und sie niemanden stören, mag sie im Dorf niemand, weder die Russen noch die Kasachen, nicht einmal die Tschetschenen. Und zwar deshalb, weil der Krieg gegen die Deutschen geführt worden war, von welchen auch diese einst abstammten. Die Tschetschenen mochten sie zudem auch deshalb nicht, weil man sie selbst unter dem Vorwand angeblicher Kollaboration mit den Deutschen deportiert hatte, dabei hatten sie die Deutschen gar nie mit eigenen Augen gesehen.

Als sie erfuhren, dass jene Leute Deutsche waren, haben die Tschetschenen ihnen sogleich vorgeworfen, dass sie ihretwegen litten. Einige Deutsche, die ihnen in die Hände fielen, haben sie verprügelt. Um diesen Zwischenfall beizulegen und künftigen Streit zu vermeiden, haben die Deutschen den Hunger leidenden Tschetschenen eine Wiedergutmachung in Form einer bestimmten Menge Kartoffeln und Sauerkraut bezahlt. Bei den Deutschen wachsen große und doppelt so viele Kartoffeln wie bei den anderen Dorfbewohnern, obwohl die Erde ein und dieselbe ist. Wenn man dieser Tage einen Deutschen trifft, so errät man nicht, ob er etwas von der Krankheit des Voshd weiß und wie er dazu steht. Nichts davon wissen können sie natürlich nicht, doch auf ihren Gesichtern widerspiegelt es sich in keiner Weise. Im Dorf wissen ohnehin schon alle, dass man vom Gesicht eines Deutschen nichts ablesen und nie wissen kann, was er denkt. Darin sind sie den Tschetschenen gar nicht ähnlich, was in deren Kopf vorgeht, drückt sich auch in Sprache, Gesicht und Bewegung aus- Und in diesen Tagen stand alles in sehr großen Buchstaben auf ihren Gesichtern geschrieben. Die Tschetschenen denken, der Tod des kranken russischen Padischah, wie sie den verhassten Stalin nennen, werde für sie Rückkehr in ihre Heimat bedeuten. Deshalb beten sie zu Gott, dass er ihn hole und zwar so bald wie möglich. Die anderen sind jedoch überzeugt, völlig zugrunde zu gehen, falls dem Kranken etwas zustößt. Das Wort Tod wagen sie nicht einmal zu denken, da ja der Woschd kein Mensch ist, der einfach sterben kann.

1988 Ererbtes Haus

Jedes Mal feilschte ich mit der alten Frau. Sie wollte und wollte nicht nachgeben. »Das Haus ist noch gut im Stand« sagte sie »und zehn Aren Land. Du siehst wie groß der Garten ist!« Es war wirklich viel Land. Im Hof wuchsen zwei Nussbäume. Als ich sie zum ersten Mal sah, schien mir, sie neigten sich mir zu. Es sollten drei sein, aber es waren nur zwei. In Gedanken warf ich ihnen vor, ihren Gefährten nicht beschützt zu haben. Sie schweigen. Stumm sah ich sie von weiten an und gab ihnen zu verstehen, mir sei alles klar.
»Nussbäume geben gutes Geld« meinte die alte Frau, als sie bemerkte, wohin ich blickte. »Mein Mann hat sie selbst gezogen. Ich kann mein Haus nicht einfach so weggeben, junger Mann! Du kannst das nicht verstehen: Es ist das Haus, in dem wir lebten, mit ihm sind Erinnerungen verbunden… Ich würde auch nicht wegziehen, wenn ich hier Verwandte hätte. Aber keiner ist da. Deshalb will ich nach Pskow (Südwestlich von St. Petersburg) um mein Leben im Dorf zu beschließen, wo meine Mutter und zwei Schwestern begraben sind. Die dritte Schwester lebt auch dort, in der Nähe von Pskow.«

Die alte Frau tischte jedes Mal, wenn ich kam, Tee und Maulbeerenbaum-Konfitüre auf. »Sie ist heilsam« sagte sie »doch ihr achtet ja nicht auf solche Kleinigkeiten.« Ich lächelte traurig und blickte auf die vielen Fotoraphien, die rundum an den Wänden hingen. »Das ist mein Mann« sie zeigte auf das Bild »und das bin ich. Ich war damals sehr hübsch. Mein Mann hat mich wahnsinnig geliebt. Doch er starb früh, und ließ mich mit zwei Kindern allein. Ich habe nicht wieder geheiratet. Mein Sohn lebt in Moskau, die Tochter in Pskow. Aber mit ihr, in der Stadt, will ich nicht leben. Was braucht sie mich, alte Frau! Ich gehe ins Dorf, wo meine Eltern gelebt haben. Alle rufen mich, kehr heim, in die Heimat. Warst du schon einmal in Russland?« – »Ja, ich war in Russland. Sibirien kenne ich, auch Kasachstan ist mir bekannt. Ich habe bemerkt, dass jede Gegend die Menschen prägt. Hier, in Tschetschenien, ist es ebenso. Davon bin ich überzeugt, seit ich Tschetschenien zum ersten Mal gesehen habe.«

Mein Großvater hatte starkes Heimweh nach den Bergen. Sah er an einem klaren Tag die Wolken am Himmel, rief er: »Ach, arme Wolken! Traurig zieht ihr dahin, wie Waisen, ohne Berge, auf die ihr euch stützen könnt!« Die Berge, von welchen er erzählte, hatte ich damals noch nicht mit eigenen Augen gesehen. Ich kam am zweiten März 1944 auf dem Transport zur Welt. Als ein Kriegskommissar mich nach Geburtsort fragte, sagte ich, ich sei im Zug geboren worden. Er schlug mit der Faust auf den Tisch und schrie: »Aufhören!« Ich habe nichts begriffen. Ich begriff immer noch immer nichts, als ich zum Dorfkommandanten ging, mit der Bitte, mich einen Fahrer-Kurs besuchen zu lassen. Er fragt nach meinem Namen. Ich nannte ihn. »Soo, Daoud! Du heißt Daud, hast du gesagt? Du willst Fahrer werden und mit einem Fahrzeug herumkurven. Wer wird dann statt dir die Pferde weiden?« Mit dem stumpfen Ende des Bleistifts, den er zwischen den Fingern hielt, hämmerte er auf den Tisch.

»Bekbajew Muchtar wird es statt mir tun, er übernimmt die Herde« erwiderte ich. Ich bemühte mich, meine Worte so überzeugend wie möglich klingen zu lassen. Die linke Gesichtshälfte des Kommandanten verzog sich. »Verschwinde augenblicklich von hier!« Mit hochgezogenen Brauen sah er mir direkt in die Augen. »Bevor ich dich einloche, weil du die Herde unbeaufsichtigt gelassen hast« Der Großvater erklärte mir später, der Kommandant habe Recht gehabt. »In unsere Hände gehört eine Peitsche« sagte er »zum Auto aber schnelle Räder.« Da wurde mir alles klar. Ja, ich war in Russland, in Sibirien, und Kasachstan kannte ich gut. Der Herbst in jenen Gegenden war prächtig, er ließ die weißen Espen goldene Tränen weinen. Die Gegenden waren schön.

»Ich erinnere mich an den Tag, als sie euch deportierten. Wie könnte ich es vergessen! Ich weinte, dort an jenem Fenster.« Die alte Frau zeigte auf das Fenster. »Sie ließen niemanden auf die Straße. Ich sah hinter dem Vorhang durchs Fenster und weinte. Nikolai weinte mit mir. Aber Gott hat ihn bestraft, er wurde ja aus dem Mausoleum rausgeschmissen, der Judas! Eine einzige Hölle reicht nicht, er allein füllt ja schon eine« (Gemeint ist Stalin, auf seinen Befehl wurden die Tschetschenen im Februar 1944 wegen angeblicher Kollaboration mit den Deutschen deportiert)

Ich zweifelte nicht, dass seine Sünden eine Hölle füllten. Doch für wen sind die anderen Höllen? Es soll ja mehrere geben. Ich verhandelte lange mit der Frau, wobei ich oft anbrachte, sie solle mit dem Preis runtergehen. Sie lächelte und schüttelte den Kopf. Sie wusste nicht, weshalb ich gerade dieses Haus wollte. Ich sagte es ihr auch nicht – ich fürchtete, dann wolle sie es mir überhaupt nicht verkaufen. »In der Nähe steht ein anderes Haus zum Verkauf, nicht teuer. Weshalb kaufst du nicht jenes? Meines gebe ich nicht für weniger als dreißigtausend, ich habe ja viel Land. In der Stadt ist der Boden teuer. Nicht dass mein Haus schlecht wäre. Mein Mann hatte eine gute Stellung und verdiente gut. Deshalb baute er dieses Haus in ausgezeichneter Qualität. Du siehst wie groß die Fenster sind!«

Die Fenster waren tatsächlich groß. Die Zimmer geräumig, das Dach hoch. »Er baute es sehr groß« sagte ich »gewöhnlich bauen doch die Russen kleine Häuser.« – »Nein, er liebte es nicht, knausrig zu sein« sagte die alte Frau. »Und wie er euch Tschetschenen liebte! Oft klagte er: Das ist doch abscheulich, Marina – ein Volk zu deportieren! Ein ganzes Volk deportieren! Er hatte einen Freund, einen Tschetschenen. Er hieß Mahmud. Wie Nikolai ihn liebte! Bis an sein Lebensende erinnerte er sich an ihn. Fast jeden Morgen sagte er zu mir: Heute habe ich von Mahmud geträumt, Marina. Und lächelte wie ein Kind«

Die alte Frau verstummte, gleichsam in alte Zeiten versunken. Auch ich schwieg und sah mich um. Dieses Haus war mir vertraut. Bis zum letzten Nagel. Ich wusste, woher die Balken stammten, aus welchem Wald die Dachsparren. Ich hätte ja gerne geglaubt, was die alte Frau erzählte. Manchmal wünschte ich, es wäre genau so gewesen, wie sie erzählte. Manchmal verlangte es mich zu sagen: »Es war völlig anders, meine Liebe. Willst du, dass ich dir die Wahrheit erzähle?« Ich vermochte es nicht.
»Weshalb willst du gerade dieses Haus, es werden ja noch viele andere verkauft?« fragte sie plötzlich eines Abends, als ahne sie etwas. Ich sagte ihr, mir gefalle die Lage im Stadtzentrum, das viele Land, zudem sei es ein gutes Haus. Darauf lachte sie: »Stimmt, die Lage ist gut. Trotzdem werde ich nicht zum Preis, den du bietest, verkaufen. Nimm es mir nicht übel.« Ich war ratlos, lächelte traurig. In den fünf Jahren, in welchen ich in der Stadt studierte, war ich in den Hof zu spähen. Ich sah die beiden Nussbäume, wusste aber, es sollten drei sein. »Einmal wird es mein sein« gelobte ich jedes Mal. Letztes Jahr sah ich endlich am Zaun: »Haus zu verkaufen. Anfrage jederzeit« Da betrat ich zum ersten Mal den Hof, mit dem rechten Fuß voran. Dann blieb ich wie versteinert stehen, unfähig mich zu rühren. Ich erinnerte mich an alles.
»Zu wem wollen sie, junger Mann?« hörte ich fragen. »hierhin« – »Wen wollen sie sprechen?« – »Niemanden« – »Wie – niemanden?« Ich sagte ihr irgendetwas. Ich weiß nicht mehr, was. Nach meinem letzten Besuch war ich lange nicht mehr bei der alten Frau. Ich überlegte ständig, was ich tun sollte. Ich hatte nur dreizehntausend. Mühsam hatte ich soviel erspart, mir vom Mund abgespart, mich nicht wie normale Menschen gekleidet. Niemand würde mir, der von einem einzigen Gehalt lebte, so viel leihen. Aber ich wollte dieses Haus kaufen, darin ein- und ausgehen, es betrachten, darin schlafen, ein breites, langes Bett aufstellen…

»Ich werde sie überreden, auf zwanzigtausend herunterzugehen. Irgendwo kriege ich schon noch sieben zusammen« sagte ich mir. Entschlossen ging ich eines Abends zur alten Frau. Die kleine Pforte war mit einem Schloss verriegelt. Am nächsten Tag kam ich wieder. Niemand war da. Ich fragte die Nachbarn, Sie sagten, die alte Frau sei nach Pskow gefahren, zum Begräbnis der Schwester, die weder Kinder noch andere Verwandte gehabt habe. Die Nachbarn wussten nicht genau, wann sie zurückkommen würde, in zwei Wochen oder einem Monat. Ich brauchte die alte Frau. Ich wusste, dass sie es nun mit dem Verkauf eilig haben werde, und hoffte, sie werde nicht mehr so zäh sein. Am siebzehnten Abend traf ich sie. Ich sprach mein Beileid aus und ging – es war unangebracht, an jenem Tag über Geschäfte zu reden. Als ich zwei Tage später wiederkam, war sie in schwarzem Kopftuch am Packen. »Ich fahre weg, junger Mann« sagte sie »ich fahre weg. Es hat sich ein Käufer gefunden, er gibt zweiundzwanzigeinhalb. Dort habe ich ein Haus, von der Schwester, sie hat es mir vererbt…«

Ich sagte, ich gebe ihr dreiundzwanzig, wenn sie wolle fünfundzwanzig, sogar dreißigtausend. Sie schien erstaunt. »Wann kann ich das Geld bringen?« Fragte ich, ehe sie dazukam, ein Wort zu sagen. »Du hast ja kein Geld. Ich verkaufe nicht für dreizehn. Du hast nicht richtig verstanden.« Ich gab ihr mein Wort, dass ich ihr morgen um acht Uhr dreiundzwanzigtausend bringen würde. Sie starrte mich an. In jener Nacht gab es für mich keine ruhige Minute. Im Taxi suchte ich alle Verwandten auf. Ich brachte die Summe zusammen und fuhr gegen neun Uhr morgens zur alten Frau.

»Du hast gelogen, als du sagtest, du hättest kein Geld« scherzte sie »Ich habe es ja geahnt. Es ist nicht gut, alte Leute zu betrügen!« Aus Anstand lächelte ich. Sie hatte viel Hausrat, der in einem Container transportiert werden musste: Schränke, Sofas, ein Klavier, einige hundert Bücher. Sie bat mich, ihr zu helfen, sie erlasse mir dafür fünfhundert Rubel des Kaufpreises. Ich nahm sie nicht. Wir spedierten alles weg, bis auf einen Koffer und eine Tasche, die sie selbst mitnehmen wollte. Sie schien schlecht zu sehen. Jedes Papierchen, jede Quittung musste ich ihr vorlesen. Sie hatte zahlreiche Briefe von ihren Schwestern. Darunter waren auch ihre Briefe an die Schwestern, die ihr Kinder der verstorbenen Schwester zurückgegeben hatten. Diese ließ sie hier. Sie nahm nur die an sie adressierten mit. Als die Vorbereitungen getroffen waren, kaufte sie ein Billet für den Nachtzug am Sonntag. Sie blieb noch eine Nacht, um sich von den Nachbarn zu verabschieden.

Ich ging über den Hof des von mir gekauften Hauses, räumte den Abfall weg, verbrannte Papiere und machte Ordnung. Die ganze Zeit überlegte ich: ihr sagen oder nicht. Ich wollte es sagen. Dann dachte ich: Was ändert sich, wenn ich es sage? Trotzdem drängte es mich, alles offen zu legen. Beim Verbrennen der Papiere bemerkte ich auf einem Brief, den die Flamen nicht erreichten, das Wort »Tschetschenen«. Ich nahm den Brief. Ich kauerte nieder und begann zu lesen. Lange verweilte ich so, ergriffen, in Gedanken versunken. Dann fasste ich mich wieder einigermaßen. Ich setzte mich auf einen Baumstamm, rauchte eine Zigarette nach der anderen und blieb sitzen, bis es Nacht wurde.
Am Sonntag ging die alte Frau auf den Friedhof, um von ihrem Mann Abschied zu nehmen. »Begleitest du Marina?« fragten mich die Nachbarn. »Der Zug fährt um zehn Uhr.« Abends stieg leichter Nebel auf. Es begann zu nieseln. Am Bahnhof war es feucht. Die alte Frau weinte, als sie die ehemaligen Nachbarn umarmte. »Bessere Nachbarn findest du nicht« sagte sie mir und trocknete sich die Augen mit dem Kopftuch. Ich nickte. Aus der Ferne wand sich tosend und laut pfeifend der Zug heran. Die Menschen drängten auf den Bahnsteig. Ohne jeglichen Respekt schoben und stießen sie einander. Sie schleppten Taschen, schrien herum. Die alte Frau hastete ebenfalls vorwärts, fragte jeden nach dem vierten Wagen. Auch die Nachbarn beeilten sich. Mit dem Koffer in der Hand schritt ich in großem Abstand hinterher. Schon zum x-ten Mal fragte ich mich: ihr sagen oder nicht?
Die alte Frau umarmte uns alle nochmals, winkte uns von der Plattform zu und verschwand im Zug. »Sie war eine gütige Frau« sagte einer. »Wie gut wir es hatten« ein anderer. »Ja, schade…« ein dritter. Ich schwieg. Ich konnte nicht glauben, dass alles zu Ende war, dass ich ihr nichts gesagt hatte, es nicht einmal versucht hatte. Mit einem heftigen Ruck setzte sich ein Wagen nach dem anderen ächzend in Bewegung. Zwei Fenster blitzten vorbei. Das dritte, vierte, fünfte, sechste. Dann alle. Schneller, immer schneller. Wie Funken stoben sie vorbei und verschwanden. Der Zug entschwand, mit ihm die alte Frau. Ich hatte nichts gesagt.

Im Getöse des Zugs kam mir mein Großvater in den Sinn. Ich erinnerte mich, wie traurig er zum Himmel blickte, schwer seufzte, manchmal die Lider halb geschlossen. Dann hatte er Tschetschenien vor Augen. Dessen Berge, die Wolken, die sie umhüllten, weiß von der reinen Luft, die sie atmeten. Vielleicht erinnerte er sich auch an sein Haus, für dessen Errichtung er auf Stieren Baumstämme aus Sorota geholt hatte – an das Haus, das nun für dreinundzwanzigtausend in mein Eigentum übergegangen ist. Es ist mir nicht vererbt worden – wie der alten Frau das Haus der Schwester.

»Im Hof habe ich drei Nussbäume gepflanzt« sagte mein Großvater oft. Nun waren es nur noch zwei. Meinem Großvater fehlten an der linken Hand drei Finger, und er hinkte mit einem Bein. Diese Verletzung waren ihm nach den Kämpfen gegen Denikins Truppen in Alchan-Jurt als dauerndes Andenken geblieben. Er hatte für die Sowjetmacht gekämpft. »Du bist am zweiten März im Zug zur Welt gekommen« erzählte er mir »als wir auf jenem entsetzlichen Transport waren.« Gezeugt wurde ich aber in diesem Haus. Von hier haben sie uns damals vertrieben. Meine Mutter starb im Frühling desselben Jahres, als wir in Kasachstan ankamen, aufgedunsen vor Hunger, von Läusen zerfressen. Der Großvater suchte Essen für sie aufzutreiben. Er wurde mit einem Pud Weizen erwischt, den er in der Kolchose gestohlen hatte. Er bekam zehn Jahre.
Nein, die alte Frau hat nicht aus dem mir gezeigten Fenster gesehen und aus Mitleid mit den Menschen geweint, die 1944 an einem Februarmorgen vertrieben wurden. Es war das Haus meines Großvaters. Sie war an jenem Tag nicht dort. Im Brief, den ich fand, hatte die alte Frau der Schwester in Pskow geschrieben: »Liebe Schwester, wir haben eine schlechte Nachricht erhalten. Die Tschetschenen und Inguschen sollen nach Hause gelassen werden. Nun wissen wir nicht, was tun. Gott verhüte, dass sich dies als wahr erweist…«

Für sie war es eine schlechte Nachricht, dass sie mich nach Hause zurückkehren ließen, nach Tschetschenien, in mein Land – in das Haus meines Großvaters. Dennoch habe ich ihr nichts gesagt. Lange sah ich dem Zug nach, in dem sie wegfuhr. Das Geräusch des Zuges widerhallte in meinem Kopf, löste sich in tausend Schreie auf. Eisige Kälte durchfuhr meine Adern. Das Geräusch des Zuges, der einst von hier wegdonnerte und auf seiner langen Fahrt Leichen, Leichen, Leichen in den weißen Schnee ausspie…
Da wurde mir klar, weshalb ich der alten Frau nichts hatte sagen können. Wozu auch, sie hätte meinem Schmerz nicht verstanden. Damals haben ja viele nicht verstanden. Nur wenige, einige wenige Menschen haben verstanden. Die alte Frau gehörte nicht dazu. Nichts zu machen, wirklich nichts…

Bittere Erinnerungen

Der erste Krieg (1994-1996) hat mein Dorf und das Nachbardorf zerstört. Vom Haus für den Bruder ist kein Stein auf dem anderen geblieben. Das Haus, das ich für ihn, der mir so lieb war, gebaut habe. Auch mein kleines Haus ist niedergewalzt, Kettenpanzer bahnten sich einen Weg hindurch. Die noch aufragenden Mauerreste und Torpfosten erinnern an ein abgebranntes Maisfeld.

Es sind schwere Zeiten. Das Nötigste zum Leben fehlt. Jeden Tag betteln mehr Arme um Almosen. Immer mehr Bewaffnete spielen mit Waffen, schießen auf Menschen, wo auch Fäuste genügten. Wer hat sich nicht alles hierher verirrt, Koreaner, Araber, Schwarze, Leute aus Indien, dem Irak. Obdachlose Hunde. Zum Amüsement werden ihnen tschetschenische Mädchen geliefert, verheiratete und ledige. Eine ist selber übergelaufen oder gegen ihren Willen entführt worden, ohne Gottes Segen. Die Eltern sagen danach, sie sei zum Jihad aufgebrochen. Wie Esel, die sich von der Leine losgerissen haben, verletzten von überall Hergelaufene, gemeine Diebe und Mörder das Verbot des Ehebruchs und genießen die Sünde. Über alle vier Grenzen der Republik, nach Dagestan, Inguschetien, Georgien, Stawropol, transportieren sie ab, was auch nur den geringsten Wert hat. Vom Eisendraht bis zum Hirsebesen lassen »Generäle« jegliche »Beute« mitlaufen. Da werden Waffen verkauft, dort entführte Menschen. Sie ergreifen Besitz von fremden Wohnungen, Häusern, Grundstücken. Die ganze Republik stinkt nach Benzin, ist von Russ brennenden Öls überzogen. Menschen, die seit dem Tag ihrer Geburt die Stadt nicht ein Mal gesehen haben, werden mit achtzehn, zwanzig, fünfundzwanzig Jahren Eigentümer von fünf, ja zwanzig Wohnungen. Und bleiben es, als Diener jeder neuen Staatsmacht. Ihr selbst produziertes Öl, die Ölgruben sind vergessen.

Vertreter sämtlicher Geheimdienste strömen hierher und vergessen ihre Kriege, ihren Jihad. Sie kommen, um Tschetschenien zu befreien, statt ihr Palästina, ihren Irak, ihr Afghanistan. Neue Staatsorgane treten in Erscheinung »Schura-Rat«, »Scharia-Gericht«, »Ältesten-Rat«. Unter den Jungen kommt eine neue Mode auf, sie rasieren den Schnurrbar und lassen sich Bärte wachsen. Sie verkünden, es gebe weder einen Propheten ﷺ noch Heilige, es gebe nur Gott und sie. Sie säen Zwietracht und spalten das Land. Weil niemand sie in Schach hält und sie nur auf die Befehle ihrer nicht hiesigen Herren hören, entbrennt der zweite Krieg (1999-2009). Das entzweite Land verliert ihn.

Nach dem Verlust unseres gesamten Besitzes fehlen meiner Familie die Mittel, um aus der Republik auszureisen. An einem regnerischen Herbsttag nutzen wir die Gelegenheit zur Flucht. Die russischen Truppen, die Grosny eingeschlossen haben, gestatten den Bewohnern, die Stadt Richtung Nadteretschny-Rayon zu verlassen. Meine alte Mutter, die heranwachsende Tochter, der vierjährige Junge, meine Frau und ich fliehen zu Beginn des zweiten Krieges, im Oktober 1999, in dichtem Schneeregen. Die Kolonne von Autos, Bussen und Lastwagen wälzt sich wie eine vertriebene Herde über die Anhöhe in Richtung des Dorfes Dojkur. Als sich die Menschen- und Autoschlange abwärts windet, beginnen in der Ferne sich dunkel abzeichnende Panzer, Minenwerfer und andere Geschütze Feuer auf uns zu speien.

In diesem Chaos, dieser Apokalypse, setzten Explosionen Geschütze in Brand, töten, verbrennen und verstümmeln lebende Menschen. Verwundete suchen ihre Hände und Füße. Abgerissene Köpfe fliegen durch die Luft. Wir kommen kaum mehr aus dem Bus heraus. Meine Tochter wird das linke Bein oberhalb des Knies weggerissen, wie mit einem Messerschnitt. Splitter explodierender Granaten verletzten Menschen, auch meine Mutter. Von Sinnen vor Entsetzten, vor dieser Hölle, schreien, heulen die Menschen, rennen über den Hang statt irgendwo Deckung zu suchen. Sie stürzen zu Kindern und Eltern, versuchen sie zu retten, ihre Taschen zu ergreifen. In ihrer Panik wissen sie nicht, was tun. Die Explosionen blenden und betäuben uns, aufrichten können wir uns nicht. Durch den Dreck kann ich etwas weiter kriechen, die Mutter auf dem Rücken, den Sohn an der Hand. Die Tochter kriecht mit meiner Frau. Wir stoßen auf ein Rohr, von halber Körperlänge Durchmesser. Es ist voll von Menschen, schreienden, stöhnenden, um Hilfe rufenden, von Entsetzten gepackten Menschen. Der Lärm ist furchtbar. Ich lasse Mutter, Sohn und Frau im Rohr, mehr Platz gab es ohnehin nicht. Mit der verwundeten Tochter krieche ich unter Feuerschlägen weiter. Mehr tot als lebendig erreiche ich das nächste Dorf, übergebe sie dem ersten Bewohner, den ich treffe, und bitte ihn, sie ins Krankenhaus zu bringen. Bei meiner Rückkehr zum Rohr ist die Mutter nicht mehr am Leben.

Noch in derselben Nacht begrabe ich sie, in einem fremden Hof. Im selben Kleid, den Kiefer mit ihrem Kopftuch hochgebunden. Drei Tage später stirbt die Tochter, nachdem sie sich zwei Tage im Delirium hin und her geworfen hat. Ich weine um die Mutter, trauere um die Tochter. Zu ihrem Begräbnis versammeln sich zahlrieche Menschen. Gemäß unserer Sitte bringen sie eine Opfergabe dar, sie schlachten einen auf Borg gekauften Stier. Am übernächsten Tag kehre ich zur Anhöhe zurück. Ich sehe eine Menge Leichen und Überreste zertrümmerter, verkohlter Autos. Heckenschützen schießen, um die Menschen von den Toten fernzuhalten. Ich finde den blutbefleckten Pass einer jungen Frau, der Name Makka und der Wohnort Dischni-Wedeno sind noch erkennbar. Überall liegen Körperteile, Köpfe, Füße, Hände. Ich möchte das Bein meiner Tochter finden, um es zu begraben. Gefunden habe ich nicht.

1999 Krieg im Kaukasus

In Tschetschenien wurden Menschen in die Luft gesprengt und starben. Wurde ein Soldat beim Legen einer Sprengmine gefasst, wurde sein Name gewöhnlich verschwiegen. Ein Tschetschene hingegen wurde unter Angaben des vollen Namens am Fernsehen gezeigt. An der Bushaltestelle beim Museum kamen bei einer Explosion fünfzehn oder sechzehn Menschen um, einschließlich kleiner Kinder. Das Regierungsgebäude wurde gesprengt. Dabei starben zahlreiche Menschen. »Wir wissen wer dies getan hat! Das Volk hat nichts zu befürchten! Es hat die Freiheit gewählt!« ließ die Regierung verlauten. Aber das Volk hatte Angst, vor der ehemaligen wie der jetzigen. Die jetzige bestand aus der ehemaligen und teilte mit ihr die Beute. Das Volk als solches gab es nicht mehr. Geblieben sind nur herumhastende, bleiche, erbärmliche Wesen mit irgendwelchen Namen, Phantome, mit gesenktem, starren Blick.

Das Volk wurde bloß zum Kampf um die Macht gebraucht. Viele wechselten im Gerangel mehrmals die Seiten – Herren der Lage waren die Russen. Sie schrieben das Drehbuch und führten Regie. Auch der Schlüssel des Theaters war in ihrer Hand. Die anderen waren lediglich Akteure und wurden gezwungen, die ihnen zugeteilte Rolle zu spielen. Wer versuchte, eigenmächtig den Text zu ändern, wurde ein für alle Mal von der Szene gefegt. Irgendwo gab es allerdings auch jene, die aufrichtig an die Freiheit, an Tschetschenien glaubten. Sie haben sich nie weder auf die eine, noch auf die andere Seite geschlagen. Viele von ihnen sind gestorben. Die restlichen wurden denunziert, ohne je herauszufinden zu können, wer sie denunziert hatte. Es gab noch einige wenige, die nie irgendwem vertraut haben. Wer vertraute, ging einen Pakt mit dem Tod ein. Der Tod hatte jedoch nicht mehr die Bedeutung von einst. Mit Ehre, Würde und Achtung hatte er nichts mehr zu tun.

Jeden Tag, jede Nacht wurden Menschen getötet. Wie eine hirtenlose Herde wurden sie von Dorf zu Dorf gejagt. Wer ihnen in die Hände fiel, töteten die Soldaten, wer ihnen entkam – gewisse Tschetschenen, die mit dem russischen Geheimdienst gemeinsame Sache machten und eigene Landsleute verrieten. Festgenommene verschwanden spurlos. Wer ihre Leichen fand, konnte froh sein. Sie geziemend bestatten zu können, war ein Trost.

Am Leben blieb nur, wer beizeiten fliehen und sich verborgen halten konnte. Viele hielten das Land für eine von Gott verfluchten Ort und verließen es. Mittellose wurden Flüchtlinge, Wohlhabende fanden in Moskau Zuflucht. In Moskau gab es keinen Krieg. Dort gab es breite, die ganze Nacht beleuchtete Strassen, Züge, Metro, Flugzeuge. Dort gab es Konzerte, Feste, Hochzeiten. Nach Belieben auch Bars, Bordelle und hellhaarige russische Mädchen. Reiche Tschetschenen vergossen von dort »Tränen« – Unser Volk leidet, das russische Volk. Sie wiederholten, was die »Herren ihnen auftrugen, erwiesen ihnen jegliche Gefallen, wenn sie nur dortbleiben durften. Auf eigene Kosten bauten sie den Russen Häuser, Tennisplätze. Gaben Millionen für sie, deren Frauen und Kinder aus, flogen sie zur Erholung auf die Kanarischen Inseln, in die Schweiz, nach Nizza.

Die Landsleute in Tschetschenien speisten sie mit leeren Versprechungen ab. Damit errichteten sie Paläste, bauten Dörfer und Straßen wieder auf. Bat man sie um die kleinste, konkrete Hilfeleistung, verschwanden sie und blieben unauffindbar. Brauchten hingegen sie hier Hilfe, beispielsweise in der Vorwahlkampagne, tauchten sie von weiß woher auf. Sie setzten sich, fassten sich an den »sorgenschweren« Kopf, redeten über die hiesige Lage, über ihre Schlaflosigkeit vor Kummer um das Schicksal des Volkes und dessen Zukunft. Sie beredeten, berieten, fragten, seufzten, rätselten, wie sie helfen könnten: »Unser Volk, das arme Volk… wir sind doch eine echte Nation, in unseren Sitten edler, kein Volk, das unserem gleich käme… Wie könnte man denn helfen, vielleicht einen Fonds gründen, für unsere Kultur, um wenigstens etwas zu retten. Ob eine Million genügt, eine Million Dollar?« Nach Erwägung und Berechnungen warfen sie ihre Scherflein hin, wie einem Kind, und verschwanden wieder, auf lange Zeit.

Flüchtlinge gaben via Internet aus der Schweiz, Frankreich, Amerika und Polen Erklärungen ab: »Mein Volk leistet dem Aggressor Widerstand. Es lässt sich von ihm nicht besiegen!« Das Volk war bereits am Rand des Abgrunds, entkräftet, erschöpft, allein, sich selbst überlassen. Es ging ihm so schlecht wie einem verwaisten Welpen. Einer warf ihm Almosen zu, der andere versetzte ihm einen Fußtritt. Das ganze Volk wurde gleichsam nach dem Sprichwort »Herr der Frau und des Pferdes ist, wer auf ihnen sitzt« behandelt. Kommt er nicht selber zurecht, sucht er anderweitig Abhilfe.

Russland verkündete allenthalben, tschetschenische Terroristen seien in Bolivien, Irak, Bosnien, Afghanistan gefasst worden. Angebliche »Terroristen« waren Männer, die Soldaten nachts aus ihren Häusern geholt hatten, die Verwandte jahrelang nicht finden konnten und für spurlos verschwunden hielten. Ohne Namen und Pass wurden sie unter Nummern gefangen gehalten, beinahe zu Tode gefoltert, mit fünfzehn-zwanzigjährigen Haftstrafen eingeschüchtert, vertraglich zur Sabotage, Teilnahme am Krieg, Mord verpflichtetet und dann in jene Länder geschickt. Gefängnisse gab es viele, das größte samt Trainingslager war in Baschkirien. Gerüchten über Verbindungen der Tschetschenen zu al-Kaida wurden verbreitet. Die Tschetschenen waren ein großes Übel, weltweit. Niemand mochte sie, niemand wollte sie sehen und hören. Auch im eigenen Land mochte sie niemand. Sie waren anders, und deshalb suspekt. Selbst ein arglos ausgesprochenes Wort wurde gleich der »rechten« Stelle hinterbracht. Keiner traute dem anderen, jeder fürchtete jeden. Es gab keinen Tag, keine Nacht, ohne dass zwanzig, dreißig umgebracht wurden, vor allem junge Männer, die neue Generation. Männer sah man kaum mehr. Wohin der Blick fiel, überall waren Frauen. Sie beschafften das tägliche Brot, erduldeten Beschimpfung und Erpressung der Soldaten. Tag und Nacht schleppten sie schwere Taschen aus Dagestan oder der Kabarda nach Tschetschenien.

2002 Die Säuberung

Die Nacht ist ruhig. Die Sterne flackerten heiter am Himmel. Der Mond gähnte, kam durch die Wolken und glitt über den Himmel. Heute haben sich Nacht und Stille gefunden. Seit langem waren sie nicht mehr so ruhig vereint. Es krachen keine Panzergeschosse, keine Leuchtraketen ärgern den Himmel. Das Dorf war eingeschlafen, im Frieden der nächtlichen Stille.

Sie kamen frühmorgens und zerfetzten die Stille. Die Fenster des Hauses klirrten vom Dröhnen der schweren Fahrzeuge, als wollten sie die Bewohner vor der nahenden Gefahr warnen. Die Hunde begangen wild zu bellen. Die Menschen sprangen aus dem warmen Bett und führten noch im Halbschlaf die gewohnten Handgriffe aus. Zeit mit Anziehen wurde nicht verschwendet, denn Alte wie Junge legten sich in den Kleidern schlafen, wie Partisanen im Wald. Die Frauen steckten die goldenen Schmuckstücke und die mageren Ersparnisse unter ihre Kleider, um sie vor den unguten Blicken ungebetener Gäste zu verbergen. Die Männer legten die Pässe bereit und versteckten alles, was entfernt an eine Waffe erinnert – zu lange Küchenmesser, Familienstücke wie Dolche der Großväter und weitere unsinnige Gegenstände, auf welche sich die Soldaten bei den «Säuberungen» jeweils stürzten und ihnen höchst kriegerische Bedeutung beimaßen.

Die Soldaten verteilen sich über den Hof. Während der Säuberung legten sie außerordentliche Effizienz und großen kämpferischen Eifer an den Tag. Der Erfolg dieser Operation war ihnen sicher. Weil der Feind ohne Waffen und nicht imstande war, Widerstand zu leisten. Die Männer des Hauses standen mit finsterem Blick in der Mitte des Hofes, schweigend beobachteten sie, wie die Soldaten ihr Haus verwüsteten.

«Nun, ihr Herren, was lässt ihr den Kopf so hängen?» Jener, der ihr Anführer zu sein schien, trat auf sie zu, in seinem Ton lag Spott. «Wo ist eure kaukasische Gastfreundschaft?» – «So kommt man nicht zu Gast» antwortete der Hausherr finster. «Sogar ein Feind beachtet die elementaren Anstandsregeln.»

«Im Krieg gibt es nur eine Regel, Überrumplung!» lachte der Anführer der «Säuberer» voll Stolz auf sein Wissen. «Aber hier, unter Zivilisten, ist das unangebracht» entgegnete der Tschetschene. «Auf dem Schlachtfeld, Aug im Auge mit dem Feind, ist es etwas anderes.»

«Ach So! Man ist ja schrecklich gebildet.» Verächtlich hob der Soldat die Schultern. «Wer seid ihr denn? Nun, von Beruf?» – «Ich bin Geschichtslehrer an der Schule.» – «Aha, Schulmeister der Kriegskunst» formulierte der Soldat auf seine Art die Aussage des Lehrers. «Sie bilden wohl die zukünftige Bojewiki aus?»

«Prochorow!» laut rief er einen der Soldaten. «Hier!» Der Besitzer des gerufenen Namens kroch aus dem Keller. «Hast du etwas gefunden?» – «Nein, nichts, Genosse Sergeant.» – «Die Antwort ist nicht korrekt.» Viel sagend stellte sich der Sergeant vor ihm auf. «Du hast gefunden … Habe ich mich klar ausgedrückt?»

«Verstanden, Genosse Sergeant» Der Soldat kroch erneut in den Keller und nach kam nach einer Minute wieder heraus. «Genosse Sergeant, ich habe eine Granate gefunden, in einem Sack Mais.» Der Sergeant blickte triumphierend auf den bleich gewordenen Lehrer. «Nun, was sagen sie zu ihrer Rechtfertigung, Herr Lehrer?»

«Ihr selbst habt doch die Granate dorthin gelegt, ihr handelt gesetzwidrig.» rügte dieser. Der Sergeant lachte. «Und sie werden es beweisen. Schreiben sie doch eine Beschwerde. Reichen sie Klage ein.» Er freute sich über die missliche Lage des rechtlosen Tschetschenen. Dann befahl er: Ihn ergreifen und ins Auto!

Sogleich banden sie ihm die Hände und warfen ihn zu Boden. Seine Frau lief verzweifelt über den Hof und reif um Hilfe, doch es gab kaum jemand, der ihm hätte zu Hilfe kommen können. Rundherum, in allen Höfen, hörte man Schreie und vereinzelte Schüsse von Maschinengewehren, es geschah Unbeschreibliches.

«Genosse Kommandant» meldete jetzt per Funk der Sergeant. «Wir haben einen Bojewiki gefasst … einen Anführer … Wir haben Waffen gefunden. Wir führen eine sorgfältige Kontrolle durch … Verstanden!» Er stellte das Funkgerät ab und beugte sich über den zu Boden geworfenen Verhafteten. «Also Herr Historiker deine Geschichte ist zu Ende, jetzt beginnt eine neue – Dossier Nummer 1 – und glaub mir, solche Anklagedossiers anlegen, das können wir. Darauf kannst du dich verlassen.

Ein junges Mädchen von ungefähr sechzehn Jahren, dass die Schreie und das Weinen seiner Mutter gehört hatte, stürzte aus dem Haus. Dichte kastanienbraune Haare fielen ihr über den Rücken, in ihren großen Augen stand blankes Entsetzten. «Vater» – «Geh weg, Tochter geh in Haus, schrie ihr der Vater zu.» Er versuchte, sich aufzurichten, wurde aber fest zu Boden gedrückt.

«Ach, schau mal, welch hübsches Ding!» Der Sergeant packte das zum Vater drängende Mädchen am Arm. «Wo hast du denn eine solche Schönheit versteckt?» In seinen Augen blitzen gefährliche Funken auf. Das Mädchen grub die Zähne in seine Hand. «Ah, du Miststück!» Schrie er und fasste sie an der Gurgel. «Was soll´s, wir unterhalten uns später, unter vier Augen.»

«Lass sie los» stöhnte der Vater des Mädchens. «Ich werde alles unterschreiben, was ihr verlangt. Aber rührt meine Tochter nicht an.» – «Was heißt da sie loslassen?» zischte der Sergeant zornig «Die ist doch eine Heckenschützin » Die Mutter des jungen Mädchens brach vor Entsetzen fast zusammen. «Was tut ihr, ihr Ungeheur?» Sie warf sich auf den Sergeanten. «Nimm deine schmutzigen Pfoten von meiner Tochter!»

«Verschwinde, du Hexe« der Sergeant riss sich von ihr los, machte aber gar keine Anstalten, seine Beute loszulassen. Die Frau kratze wie eine Tigerin, die ihr Junges verteidigt. Außer sich vor Zorn und Schmerz verlor der Sergeant die Beherrschung, er zog die Pistole und erschoss die arme Frau aus nächster Nähe.

«Mama!» Eisiger Schauer durchfuhr die Tochter. Bewusstlos sank sie neben die Tote. «Schweinehunde!» Machtlos schlug der zu Boden gedrückte Tschetschene mit dem Kopf gegen den Boden. «Wenn ich am Leben bleibe, so werde ich euch sogar aus dem Grab herausholen!» Der Sergeant antwortete gelassen «Richtig, richtig, wenn du am Leben bleibst… Aber ich, ich werde dafür sorgen, dass dies nicht geschieht… Ins Auto mit ihm … Das Mädchen auch … Sie ist unsere Trophäe.»

Plötzlich ertönte eine durchdringende Knabenstimme. «Stehen bleiben!» Verblüfft standen alle still. In diesem Durcheinander hatte niemand den etwa zwölfjährigen Jungen aus dem Haus stürmen sehen. Jetzt stand er mit einer Granate in der Hand da, bereit, sie zu entsichern. Der Sergeant war bestürzt. «He! Kleiner!» schmeichelte er «gib die Granate her, damit scherzt man nicht.»

In den Augen des Jungen schimmerten Tränen. Er wies mit dem Kopf in Richtung der toten Mutter und der bewusstlos daliegenden Schwester. «Ihr habt genug gescherzt … Jetzt bin ich dran.» Stille trat ein. Alle warteten gebannt. Dem Sergeanten und dem Soldaten stockte der Atem. Wenn sie explodiert, kommen sie nicht mit dem Leben davon. In den Händen des Jungen war dieselbe Granate, die der Soldat dem Hausherrn erst unterschoben und dann auf den Tisch gelegt gatte, als Beweisstück. Doch aus Versehen hatte er vergessen, sie wegzuschaffen.

«Sag deinem Kleinen, er soll die Granate hergeben» zischte der Sergeant dem Tschetschenen zu, der den Blick ausdruckslos auf eine Stelle gerichtet hielt. Vater und Sohn sahen einander in die Augen. Keiner der Anwesenden konnte sich vorstellen, was in diesen beiden verwandten Seelen vorging. Beide schwiegen, aber redeten mit Augen und der Junge las in jenen des Vaters die ganze Ausweglosigkeit ihrer Lage. Auch wenn er die Granate hergibt, bekommt er den Vater nicht zurück und rettet die Schwester nicht vor Schande. An sich selbst dachte er schon gar nicht. Der Vater schloss die Augen … Man hörte eine ohrenbetäubende Explosion.

Am nächsten Tag wurde jedoch in den Nachrichten am Fernsehen gemeldet: In einem tschetschenischen Dorf, in den Bergen, stießen Soldaten bei einer planmäßigen Säuberungsoperation auf eine Gruppe von Kämpfern, unter ihnen zwei Heckenschützinnen. Ein Gefecht entbrannte, die Kämpfer sind vernichtet, die Soldaten in Erfüllung ihrer Pflicht heldenhaft gefallen. Ihre Namen werden zu Ordensverleihung vorgeschlagen. Posthum.

TEXT: Musa Beksultanow erzählt von der Unmöglichkeit, entwurzelt heimzukommen und so zu tun, als könnte man weiterleben. Er spiegelt in seinen Erzählungen tschetschenische Geschichte und Gegenwart. Inspirationsquelle sind eigene Erlebnisse sowie Erinnerungen aus dem Mund älterer Tschetschenen. Kunstvoll verflochtene Handlungsstränge, prägnant geschilderte Figuren und kritische Dialoge vergegenwärtigen bewegte Jahrzehnte des Widerstands und des Ringens um Freiheit. Beksultanow bleibt er der Wahrheit verpflichtet – und schreibt weiter. (Stela’ad)

Archipel Tschernokosowo

рубрика: Geschichte & Gegenwart

Die Nacht ist ruhig. Die Sterne flackerten heiter am Himmel. Der Mond gähnte, kam durch die Wolken und glitt über den Himmel. Heute haben sich Nacht und Stille gefunden. Seit langem waren sie nicht mehr so ruhig vereint. Es krachen keine Panzergeschosse, keine Leuchtraketen ärgern den Himmel. Das Dorf war eingeschlafen, im Frieden der nächtlichen Stille.

Sie kamen frühmorgens und zerfetzten die Stille. Die Fenster des Hauses klirrten vom Dröhnen der schweren Fahrzeuge, als wollten sie die Bewohner vor der nahenden Gefahr warnen. Die Hunde begangen wild zu bellen. Die Menschen sprangen aus dem warmen Bett und führten noch im Halbschlaf die gewohnten Handgriffe aus. Zeit mit Anziehen wurde nicht verschwendet, denn Alte wie Junge legten sich in den Kleidern schlafen, wie Partisanen im Wald. Die Frauen steckten die goldenen Schmuckstücke und die mageren Ersparnisse unter ihre Kleider, um sie vor den unguten Blicken ungebetener Gäste zu verbergen. Die Männer legten die Pässe bereit und versteckten alles, was entfernt an eine Waffe erinnert – zu lange Küchenmesser, Familienstücke wie Dolche der Großväter und weitere unsinnige Gegenstände, auf welche sich die Soldaten bei den «Säuberungen» jeweils stürzten und ihnen höchst kriegerische Bedeutung beimaßen. Die Soldaten verteilen sich über den Hof. Während der Säuberung legten sie außerordentliche Effizienz und großen kämpferischen Eifer an den Tag. Der Erfolg dieser Operation war ihnen sicher. Weil der Feind ohne Waffen und nicht imstande war, Widerstand zu leisten. Die Männer des Hauses standen mit finsterem Blick in der Mitte des Hofes, schweigend beobachteten sie, wie die Soldaten ihr Haus verwüsteten.

«Nun, ihr Herren, was lässt ihr den Kopf so hängen?» Jener, der ihr Anführer zu sein schien, trat auf sie zu, in seinem Ton lag Spott. «Wo ist eure kaukasische Gastfreundschaft?» – «So kommt man nicht zu Gast» antwortete der Hausherr finster. «Sogar ein Feind beachtet die elementaren Anstandsregeln.»

«Im Krieg gibt es nur eine Regel, Überrumplung!» lachte der Anführer der «Säuberer» voll Stolz auf sein Wissen. «Aber hier, unter Zivilisten, ist das unangebracht» entgegnete der Tschetschene. «Auf dem Schlachtfeld, Aug im Auge mit dem Feind, ist es etwas anderes.»

«Ach So! Man ist ja schrecklich gebildet.» Verächtlich hob der Soldat die Schultern. «Wer seid ihr denn? Nun, von Beruf?» – «Ich bin Geschichtslehrer an der Schule.» – «Aha, Schulmeister der Kriegskunst» formulierte der Soldat auf seine Art die Aussage des Lehrers. «Sie bilden wohl die zukünftige Bojewiki aus?»

«Prochorow!» laut rief er einen der Soldaten. «Hier!» Der Besitzer des gerufenen Namens kroch aus dem Keller. «Hast du etwas gefunden?» – «Nein, nichts, Genosse Sergeant.» – «Die Antwort ist nicht korrekt.» Viel sagend stellte sich der Sergeant vor ihm auf. «Du hast gefunden … Habe ich mich klar ausgedrückt?»

«Verstanden, Genosse Sergeant» Der Soldat kroch erneut in den Keller und nach kam nach einer Minute wieder heraus. «Genosse Sergeant, ich habe eine Granate gefunden, in einem Sack Mais.» Der Sergeant blickte triumphierend auf den bleich gewordenen Lehrer. «Nun, was sagen sie zu ihrer Rechtfertigung, Herr Lehrer?»

«Ihr selbst habt doch die Granate dorthin gelegt, ihr handelt gesetzwidrig.» rügte dieser. Der Sergeant lachte. «Und sie werden es beweisen. Schreiben sie doch eine Beschwerde. Reichen sie Klage ein.» Er freute sich über die missliche Lage des rechtlosen Tschetschenen. Dann befahl er: Ihn ergreifen und ins Auto!

Sogleich banden sie ihm die Hände und warfen ihn zu Boden. Seine Frau lief verzweifelt über den Hof und reif um Hilfe, doch es gab kaum jemand, der ihm hätte zu Hilfe kommen können. Rundherum, in allen Höfen, hörte man Schreie und vereinzelte Schüsse von Maschinengewehren, es geschah Unbeschreibliches.

«Genosse Kommandant» meldete jetzt per Funk der Sergeant. «Wir haben einen Bojewiki gefasst … einen Anführer … Wir haben Waffen gefunden. Wir führen eine sorgfältige Kontrolle durch … Verstanden!» Er stellte das Funkgerät ab und beugte sich über den zu Boden geworfenen Verhafteten. «Also Herr Historiker deine Geschichte ist zu Ende, jetzt beginnt eine neue – Dossier Nummer 1 – und glaub mir, solche Anklagedossiers anlegen, das können wir. Darauf kannst du dich verlassen.

Ein junges Mädchen von ungefähr sechzehn Jahren, dass die Schreie und das Weinen seiner Mutter gehört hatte, stürzte aus dem Haus. Dichte kastanienbraune Haare fielen ihr über den Rücken, in ihren großen Augen stand blankes Entsetzten. «Vater» – «Geh weg, Tochter geh in Haus, schrie ihr der Vater zu.» Er versuchte, sich aufzurichten, wurde aber fest zu Boden gedrückt.

«Ach, schau mal, welch hübsches Ding!» Der Sergeant packte das zum Vater drängende Mädchen am Arm. «Wo hast du denn eine solche Schönheit versteckt?» In seinen Augen blitzen gefährliche Funken auf. Das Mädchen grub die Zähne in seine Hand. «Ah, du Miststück!» Schrie er und fasste sie an der Gurgel. «Was soll´s, wir unterhalten uns später, unter vier Augen.»

«Lass sie los» stöhnte der Vater des Mädchens. «Ich werde alles unterschreiben, was ihr verlangt. Aber rührt meine Tochter nicht an.» – «Was heißt da sie loslassen?» zischte der Sergeant zornig «Die ist doch eine Heckenschützin» Die Mutter des jungen Mädchens brach vor Entsetzen fast zusammen. «Was tut ihr, ihr Ungeheur?» Sie warf sich auf den Sergeanten. «Nimm deine schmutzigen Pfoten von meiner Tochter!»

«Verschwinde, du Hexe« der Sergeant riss sich von ihr los, machte aber gar keine Anstalten, seine Beute loszulassen. Die Frau kratze wie eine Tigerin, die ihr Junges verteidigt. Außer sich vor Zorn und Schmerz verlor der Sergeant die Beherrschung, er zog die Pistole und erschoss die arme Frau aus nächster Nähe.

«Mama!» Eisiger Schauer durchfuhr die Tochter. Bewusstlos sank sie neben die Tote. «Schweinehunde!» Machtlos schlug der zu Boden gedrückte Tschetschene mit dem Kopf gegen den Boden. «Wenn ich am Leben bleibe, so werde ich euch sogar aus dem Grab herausholen!» Der Sergeant antwortete gelassen «Richtig, richtig, wenn du am Leben bleibst… Aber ich, ich werde dafür sorgen, dass dies nicht geschieht… Ins Auto mit ihm … Das Mädchen auch … Sie ist unsere Trophäe.»

Plötzlich ertönte eine durchdringende Knabenstimme. «Stehen bleiben!» Verblüfft standen alle still. In diesem Durcheinander hatte niemand den etwa zwölfjährigen Jungen aus dem Haus stürmen sehen. Jetzt stand er mit einer Granate in der Hand da, bereit, sie zu entsichern. Der Sergeant war bestürzt. «He! Kleiner!» schmeichelte er «gib die Granate her, damit scherzt man nicht.»

In den Augen des Jungen schimmerten Tränen. Er wies mit dem Kopf in Richtung der toten Mutter und der bewusstlos daliegenden Schwester. «Ihr habt genug gescherzt … Jetzt bin ich dran.» Stille trat ein. Alle warteten gebannt. Dem Sergeanten und dem Soldaten stockte der Atem. Wenn sie explodiert, kommen sie nicht mit dem Leben davon. In den Händen des Jungen war dieselbe Granate, die der Soldat dem Hausherrn erst unterschoben und dann auf den Tisch gelegt gatte, als Beweisstück. Doch aus Versehen hatte er vergessen, sie wegzuschaffen.

«Sag deinem Kleinen, er soll die Granate hergeben» zischte der Sergeant dem Tschetschenen zu, der den Blick ausdruckslos auf eine Stelle gerichtet hielt. Vater und Sohn sahen einander in die Augen. Keiner der Anwesenden konnte sich vorstellen, was in diesen beiden verwandten Seelen vorging. Beide schwiegen, aber redeten mit Augen und der Junge las in jenen des Vaters die ganze Ausweglosigkeit ihrer Lage. Auch wenn er die Granate hergibt, bekommt er den Vater nicht zurück und rettet die Schwester nicht vor Schande. An sich selbst dachte er schon gar nicht. Der Vater schloss die Augen … Man hörte eine ohrenbetäubende Explosion.

Am nächsten Tag wurde jedoch in den Nachrichten am Fernsehen gemeldet: In einem tschetschenischen Dorf stießen Soldaten bei einer planmäßigen Säuberungsoperation auf eine Gruppe von Kämpfern, unter ihnen zwei Heckenschützinnen. Ein Gefecht entbrannte, die Kämpfer sind vernichtet, die Soldaten in Erfüllung ihrer Pflicht heldenhaft gefallen. Ihre Namen werden zu Ordensverleihung vorgeschlagen. Posthum

Die ersten Wochen des neuen Jahrtausends wird Ruslan Babijew sein Leben lang nicht vergessen. Drei Wochen lang ist Ruslan [die Namen der Gefangenen wurden in diesem Text verändert] in Tschernokosowo, 60 Kilometer nordwestlich der tschetschenischen Hauptstadt Grosny, geschlagen und gefoltert worden. Drei Wochen lang hat er miterlebt, dass russische Gefängniswärter Hunderte von Mitgefangenen gequält und Männer wie Frauen vergewaltigt haben. Jetzt erholt sich Ruslan bei seiner Familie, die mit ihm nach Inguschetien geflohen ist. Der FR schilderte Ruslan ausführlich seine Haft. Sein Bericht stimmt mit denen anderer Ex-Häftlinge überein, die die FR bei getrennten Interviews in den Dörfern Inguschetiens getroffen hat. Die Berichte belegen, dass Russland in Tschetschenien ein Schreckensregime aufbaut, in dem willkürliche Festnahmen und Folter an der Tagesordnung sind. Nach Moskaus offizieller Darstellung sollen in so genannten «Filtrationslagern» wie Tschernokosowo Rebellen, die gegen die russische Armee gekämpft haben, aus der Masse friedlicher Zivilisten «herausgefiltert» werden.

Doch von einer aufwändigen Überprüfung mit rechtsstaatlichen Mitteln war keine Rede, nachdem russische Polizisten Ruslan am 16. Januar bei einer Routinekontrolle im Dorf Snamenkoje verhaftet hatten. «Du hast Dich im Trainingslager von Chattab [einem bekannten Rebellenführer] ausbilden lassen und gehörst zur tschetschenischen Aufklärung» warf ihm der Untersuchungsrichter vor. «Dafür haben wir Zeugen.» An der Entführung westlicher Geiseln sei Ruslan ebenso beteiligt gewesen wie an der Serie von Bombenanschlägen, die Russland im September 1999 erschütterten. Ruslan weigerte sich, das vorbereitete Geständnis zu unterschreiben.

Ein vergitterter Polizeiwagen brachte Ruslan und zehn andere Männer ins nahe Tschernokosowo. Der Wagen fuhr auf den Hof der «Strafkolonie verschärften Regimes» die Einheiten des russischen Innen- und Justizministeriums Anfang Dezember in Betrieb genommen haben. Als sich die Wagentür öffnete, bildeten zwanzig Uniformierte mit Schlagstöcken einen «lebenden Korridor» für die Ankömmlinge. «Während wir gebückt und mit den Händen über dem Kopf durch den Korridor liefen, prügelten sie auf uns ein» erzählt Ruslan. Im Gefängnis nahmen die Wärter den Gefangenen Geld und Wertsachen ab und sperrten sie unter weiteren Schlägen in eine Zelle. «Sie befahlen uns, uns mit dem Gesicht an die Wand zu stellen, die Handflächen nach außen. So standen wir bis zum späten Abend» berichtet Ruslan. Dann begann die Routine des nächtlichen Horrors: «Die Wärter holten uns einzeln aus den Zellen und brachten uns zum Verhör oder schlugen uns auf dem Korridor zusammen. Wenn sie das Prügeln leid waren, holten sie manchmal einen Mann oder eine der Frauen aus der Zelle und vergewaltigten sie. Wir konnten in unseren Zellen natürlich nichts sehen. Aber wir hörten die Schreie.» Der 24 Jahre alte Eli Saslanbekow, der die zweite Januarhälfte in Tschernokosowo verbrachte, erlebte mit, wie die Wärter einen Mann aus dem Dorf Goragorskij zum Verhör holten. «Er flehte: ‚Schlagt mich nicht mehr!‘ Sie ließen ihn über den Korridor zum Zimmer der beiden Untersuchungsrichter kriechen, die alle verhörten. Dort musste er rufen: ‚Bürger Chef, danke dafür, dass ich zu Ihnen kriechen durfte. Danke, dass Sie mich empfangen.‘ Nach dem Verhör schlugen sie ihn zusammen und vergewaltigten ihn. Dann öffneten sie die Zellentür. ‚Sag Deinen Kameraden, wie Du heißt!‘ Er antwortete: ‚Fatima.‘ Er war ein gebrochener Mann.»

Ein vergitterter Polizeiwagen brachte Ruslan und zehn andere Männer ins nahe Tschernokosowo. Der Wagen fuhr auf den Hof der «Strafkolonie verschärften Regimes» die Einheiten des russischen Innen- und Justizministeriums Anfang Dezember in Betrieb genommen haben. Als sich die Wagentür öffnete, bildeten zwanzig Uniformierte mit Schlagstöcken einen «lebenden Korridor» für die Ankömmlinge. «Während wir gebückt und mit den Händen über dem Kopf durch den Korridor liefen, prügelten sie auf uns ein» erzählt Ruslan. Im Gefängnis nahmen die Wärter den Gefangenen Geld und Wertsachen ab und sperrten sie unter weiteren Schlägen in eine Zelle. «Sie befahlen uns, uns mit dem Gesicht an die Wand zu stellen, die Handflächen nach außen. So standen wir bis zum späten Abend» berichtet Ruslan. Dann begann die Routine des nächtlichen Horrors: «Die Wärter holten uns einzeln aus den Zellen und brachten uns zum Verhör oder schlugen uns auf dem Korridor zusammen. Wenn sie das Prügeln leid waren, holten sie manchmal einen Mann oder eine der Frauen aus der Zelle und vergewaltigten sie. Wir konnten in unseren Zellen natürlich nichts sehen. Aber wir hörten die Schreie.» Der 24 Jahre alte Eli Saslanbekow, der die zweite Januarhälfte in Tschernokosowo verbrachte, erlebte mit, wie die Wärter einen Mann aus dem Dorf Goragorskij zum Verhör holten. «Er flehte: ‚Schlagt mich nicht mehr!‘ Sie ließen ihn über den Korridor zum Zimmer der beiden Untersuchungsrichter kriechen, die alle verhörten. Dort musste er rufen: ‚Bürger Chef, danke dafür, dass ich zu Ihnen kriechen durfte. Danke, dass Sie mich empfangen.‘ Nach dem Verhör schlugen sie ihn zusammen und vergewaltigten ihn. Dann öffneten sie die Zellentür. ‚Sag Deinen Kameraden, wie Du heißt!‘ Er antwortete: ‚Fatima.‘ Er war ein gebrochener Mann.»

Die drei interviewten ehemaligen Häftlinge sind sich einig, dass die Tschernokosowo-Wärter Kontraktniki sind: für einige Wochen oder Monate angeheuerte Schläger, die für das Justizministerium die Drecksarbeit in den Gefängnissen erledigen. «Die meisten Wärter trugen Masken, wenn sie uns aus der Zelle holten» berichtet Wacha Israpilow. Übereinstimmend mit Ruslan schätzt er die Zahl der Gefangenen «in den 19 Zellen unseres Blocks auf etwa 300». Tschernokosowo ist kein Einzelfall, «sondern Teil eines großen Systems» sagt Alexander Tscherkassow von der Moskauer Menschenrechtsorganisation Memorial. Wie im ersten Tschetschenien-Krieg 1994-96 nutzt Russland ein umfassendes Netz von Gefängnissen und Lagern zur «Filtration». «Zu diesem Netz gehören alle Kontrollposten und die provisorischen Gefängnisse, die es praktisch in jedem größeren Dorf Tschetscheniens gibt» sagt Tscherkassow. «Wir wissen heute von Gefängnissen in Tolstoj-Jurt, Gudermes, Urus Martan und Naurskaja.» Nach Tscherkassows Recherchen werden festgenommene Tschetschenen außerdem «in die russischen Städte Mosdok, Stawropol und Pjatigorsk» gebracht. Da die Kapizität der bestehenden Gefängnisse erschöpft ist, haben russische Bausoldaten am Rand von Tolstoi-Jurt, zehn Kilometer nördlich von Grosny, und in Tscherwlennaja am Terek-Fluss «mit dem Bau zweier großer Filtrationslager begonnen» sagte Oberst Jurij Gladkewitsch von der Moskauer Agentur für Militärnachrichten der FR bereits Anfang Februar. Das Justizministerium hat zudem fünf Millionen Rubel für den Wiederaufbau des Untersuchungsgefängnisses von Grosny bereitgestellt, sagte Wladimir Jelunin, Chef der Hauptabteilung für die Vollziehung von Strafmaßnahmen im russischen Justizministerium, auf einer Pressekonferenz am 15. Februar. Jelunin machte deutlich, dass in Tschetschenien die «Filtration» im großen Maßstab begonnen hat: 1400 Beamte und Sondertruppen des Justizministeriums befänden sich heute in Tschetschenien.

Alexander Tscherkassow von Memorial zweifelt nicht daran, dass Jelunins Einheit, früher dem Innenministerium unterstellt und schon zu Zeiten Stalins für den Strafvollzug im Archipel Gulag zuständig, tschetschenische Gefangene systematisch misshandelt, wie es die ehemaligen Häftlinge der FR berichteten. «Auch im vorigen Tschetschenien-Krieg wurden angebliche Geständnisse in den Lagern oft durch Folter erreicht.» Der liberale Parlamentarier Jurij Rybakow stimmt mit ihm überein: «Ich habe keinen Grund zu der Annahme, dass die russischen Einheiten ihre Sitten gegenüber dem ersten Krieg geändert haben. Die ‚antiterroristische Operation‘ hat sich in einen Krieg zur totalen Vernichtung der tschetschenischen Bevölkerung verwandelt.» Bis heute gelten 1500 Tschetschenen aus dem ersten Tschetschenien-Krieg als spurlos verschwunden. Eine Einwohnerin von Schami-Jurt berichtete der Menschenrechtsorganisation Memorial Anfang Februar, in ihrem Dorf seien Dutzende junger Männer auf Lastwagen verladen worden. Seitdem fehle von ihnen jede Spur. Der Frankfurter Rundschau erzählten Flüchtlinge aus dem Dorf Katyr-Jurt, russische Einheiten hätten am 5. Februar etwa 200 tschetschenische Männer von ihnen Familien getrennt und mit Lastwagen und Hubschraubern in ein Lager bringen wollen. Nur weil moskaufreundliche tschetschenische Polizeieinheiten Bislan Gantemirows einschritten, seien die Männer wieder freigekommen.

Ruslan Babijew, Wacha Israpilow und Eli Saslanbekow sind überzeugt, dass sie noch Glück im Unglück gehabt haben: Ihre Familien haben schnell herausgefunden, dass sie in Tschernokosowo saßen. Und sie konnten genug Geld auftreiben, um den Untersuchungsrichter zu bestechen und die Freilassung ihrer Söhne oder Männer zu erreichen: zwischen 1200 und 4000 Rubel, umgerechnet 85 bis 285 Mark. Ruslans und Wachas Entlassungsscheine umfassen drei knappe Standardsätze. «Vorstehender Person sind die Fingerabdrücke abgenommen worden. Sie wurde fotografiert und mit der Datenbank des Provisorischen Polizeireviers und der Stadt Mosdok (Tschernokosowo) überprüft. Eine Teilnahme an ungesetzmäßigen bewaffneten Formationen festzustellen, erwies sich als unmöglich.» Dass der Schein, den längst nicht alle Entlassenen bekommen, vor einer erneuten Festnahme schützt, glaubt keiner der ehemaligen Häftlinge. Eli Saslanbekow kam am 31. Januar frei, zusammen mit sechs anderen Männern. Zwei Tage später wurden zwei von ihnen an einem russischen Kontrollposten festgenommen und wieder nach Tschernokosowo gebracht.

«Wenn es eine Hölle gibt, kann man sie hier sehen»

MOSKAU, 10. Februar. In den vergangenen Monaten wurden hunderte tschetschenische Männer von Russen festgenommen und vor allem in zwei «Filtrationslager» gebracht: nach Urus-Martan südwestlich von Grosny sowie ins Tschernokosowo-Lager am Terek-Fluss, 50 Kilometer nordwestlich von Grosny. Da diese Lager voll sind, haben russische Bausoldaten bei Tolstoi-Jurt, zehn Kilometer nördlich Grosnys, und in Tscherwlennaja am Terek-Fluss «mit dem Bau zweier großer Filtrationslager begonnen» sagte Oberst Jurij Gladkewitsch von der Moskauer Agentur für Militärnachrichten: «Die Zahl der in Tschetschenien Festgenommenen ist steil angestiegen und betrug nach einigen Angaben bereits Ende vergangener Woche rund 1000 Mann.» Generaloberst Wiktor Kasanzew, Oberkommandeur der Tschetschenientruppen, kontrolliere persönlich die Arbeiten zur Schaffung der Filtrationslager, sagte Gladkewitsch, der sich auf Quellen im russischen Stab in Chankala beruft. Die Lager werden offiziell «Filtrationslager» genannt, weil dort aus den inhaftierten Tschetschenen die Rebellen «herausgefiltert» werden sollen. Das angeblich dem Justizministerium unterstehende Lager Tschernokosowo wurde vor einigen Tagen in der Berichterstattung genannt, als sich herausstellte, dass der Radio-Liberty-Korrespondent Andrej Babitzkij dort eingeliefert wurde, bevor sich seine Spur verlor. Nach FR-Informationen hat das Justizministerium Soldaten seiner Guin-Einheiten – ausgebildet für die Niederschlagung von Gefängnisaufständen – in die Gefangenenlager nach Tschetschenien geschickt. Die englische Zeitung Independent veröffentlichte am Donnerstag Auszüge eines Briefes, der nach Aussage des Blattes am 3. Februar von einem im Tschernokosowo-Lager dienenden russischen Wehrpflichtigen geschrieben wurde. Demnach werden dort rund 700 Tschetschenen festgehalten, von denen nur sieben verdächtigt würden, Rebellen zu sein. Die Tschetschenen «werden hier buchstäblich umgebracht» schreibt der Soldat. «Man muss die Schreie robuster, gesunder Burschen hören, denen die Knochen gebrochen werden. Sie zwingen einige von ihnen, sich gegenseitig zu vergewaltigen. Wenn es eine Hölle gibt, kann man sie hier sehen.» Andrej Babitzkij sei nicht vergewaltigt worden, «aber sie haben ihn so böse zusammengeschlagen, dass seine Brille in die Luft flog» zitiert der Independent den Soldatenbrief. Die meisten Männer, die vergewaltigt oder geschlagen würden, seien Jugendliche und wegen geringer Vergehen wie unregistrierter Pässe oder eines bei ihnen gefundenen Militärparkas festgenommen worden. «Ich kann die exotischen Methoden nicht beschreiben, die sie [die russischen Wächter, d. Red.] anwenden, um den menschlichen Willen zu brechen, um ein menschliches Wesen in ein Tier zu verwandeln.» Allerdings seien auch echte Rebellen gefangen genommen worden «für die ich kein Mitleid empfinde» schreibe der Soldat. Zwei Rebellen seien erschossen worden. Sergej Jasterschembskij, Tschetschenien-Sprecher des Kreml, sagte der FR, das Tschernokosowo-Filtrationslager sei das einzige seiner Art. 280 Tschetschenen befänden sich dort, 316 Gefangene seien freigelassen worden. Der Independent-Bericht sei «eine Desinformation und Lüge». Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch veröffentlichte einen detaillierten Bericht über die Ermordung von mindestens 38 Zivilisten durch russische Soldaten und Einheiten des Innenministeriums Dieser Bericht bestehe ebenfalls aus «Fälschungen und Desinformationen» sagte Jasterschembskij.

DAYMOHK

рубрика: Geschichte & Gegenwart

The film DAYMOHK tells the story of Chechen dance star and choreographer Ramzan Ahmadov, whose dance group Daymohk has found refuge with Chechnya’s current president Kadyrov. Momentarily postponing the extinction of this age-old folk dance. But the sacrifice this move takes, is great: in an attempt to save his country’s tradition, Ramzan collaborates with the authorities and sacrifices what he loves the most.

A film by: Masha Novikova

Die Wainachen & die Waisen

рубрика: Geschichte & Gegenwart

Trotz der patrilinearen Abstammungsideologie ist die tschetschenische Gesellschaft keineswegs so geschlossen, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Einerseits können auch Fremde in einen Teip adoptiert werden. Andererseits sind mehrere Teipy in der tschetschenischen Gesellschaft von EinwanderInnen gegründet worden, die in der tschetschenischen Gesellschaft aufgenommen und als Teip in diese integriert wurden.

So gibt es unter den über 150 Teipy auch eine ganze Reihe von Teipy dagestanischer, georgischer, russischer und sogar einen jüdischer Herkunft. Der jüngste Teip bildete sich erst durch den Russland-Deutschen Willy Weissert, der die nach Kasachstan deportierten TschetschenInnen während seiner eigenen Deportation kennen lernte und als Mokhmad Khadzhi zum Islam konvertierte.

Die Nachkommen Weisserts und seiner tschetschenischen Frau Tamara, die gemeinsam acht Kinder auf die Welt brachten, leben bis heute im Dorf Melchukhi bei Gudermes und bilden einen neuen Teip in der tschetschenischen Gesellschaft.

Ein anderes Beispiel ist Zura Radujewa, welche 1950 im Exil in Kasachstan geboren wurde. Radujewa wurde später Schauspielerin am Theater in Grosny. Vor dem Krieg spielte sie in der Produktion Scheich Mansur die russische Zarin Katherina die Große. »Es war die erste böse Rolle meines Lebens« erinnert Sie sich »und die Rolle hat eine gewisse Ironie für mich. Meine Mutter war nämlich Deutsche. Als dreijährige Waise wurde sie von einer tschetschenischen Familie adoptiert und gemeinsam mit deren Kindern aufgezogen. Ich konnte die Rolle also nicht ablehnen, obwohl ich Katherina die Große dafür hasste, dass sie den gesamten Kaukasus unterworfen hat. Gleichzeitig fand ich sie als Frau und Persönlichkeit toll. Ich spielte also eine Russin mit deutschen Vorfahren, dabei fühlte ich mich ganz gegenteilig: Als Tschetschenin mit deutschen Wurzeln trat ich für die Unabhängigkeit meines Landes ein.

Auch in schweren Zeiten wurde diese «Tschetschenische Toleranz» praktiziert, wie der Schrecken des Holodomor zeigte.

Zu dieser Zeit flohen viele Menschen aus der Ukraine aber auch aus der Wolga-Region, die von der Hungersnot betroffen waren, in den Tschetscheno-Inguschischen Autonomen Oblast (ab 1936 TschIASSR). Sie fanden hier alle Zuflucht, Nahrung, ließ sich nieder und schlugen Wurzeln.

Für die Tschetschenen wurden sie im wahrsten Sinne des Wortes ihre eigenen. Keinem von ihnen wurde gesagt, dass sie «Neuankömmlinge» seien oder die «Einheimischen» um ihr Brot berauben. Keinem wurde eine Flucht aus »wirtschaftlichen Interessen« vorgeworfen, es war auch weniger wichtig woher jemand kam. Man tat es einfach aus Menschlichkeit.

In den Jahren 1932-1933 konnten Tausende von Ukrainern, der Tötung durch Hunger, dem «Holodomor» entkommen, die Millionen von Leben in der ukrainischen sozialistischen Sowjetrepublik kostete. Einige gingen ins tschetschenische Autonome Oblast, wo die einheimischen Familien sie aufnahmen. Dieser Teil der Geschichte blieb außerhalb von Tschetschenien bisher beinahe unbekannt.

Im kleinen tschetschenischen Aul Belgata erinnert man sich noch an Lyuba, ein kleines verwaistes Mädchen, das aus dem Holodomor geflohen ist. Lyuba und ihre Familie gelang es, aus der ukrainischen sozialistischen Sowjetrepublik bis zum Januar 1933 zu entkommen, als deren Grenzen im Auftrag von Joseph Stalin geschlossen wurden und die Hungersnot ihren Höhepunkt erreichte. Viele Opfer des Holodomors versuchten, in die Nachbarländer zu fliehen – Rumänien, Polen, aber die Familie von Lyuba beschloss, in den Südosten zu gehen, wo laut Gerüchten die Anwohner den verhungernden Ukrainern Nahrung und Schutz boten. Lyubas Eltern erreichten ihr Ziel niemals – sie starben vor Hunger auf dem Weg.

Die kleine Lyuba wurde in ein tschetschenisches Waisenhaus gebracht, wo sie schnell die Sprache und die örtlichen Bräuche lernte. Sie verbrachte den Rest ihres Lebens im Kreise ihrer Adoptiveltern, zusammen mit einer unbestimmten Zahl von ukrainischen Kindern, die entweder von der Hungersnot verwaist oder von ihren verhungernden Verwandten an Tschetschenen anvertraut worden waren – eine Episode des Holodomors, die praktisch undokumentiert bleibt.

Lyuba ist seitdem verstorben. Aber 80 Jahre nach der Hungersnot lebt ihre Erinnerung in Tschetschenien weiter. Amina, eine pensionierte Schullehrerin, die sie persönlich kannte, sagt, dass Lyuba sich schließlich im Aul Belgato niederließ. Sie erzählte Azattyk, dass Lyuba ihren tschetschenischen Ehemann sehr gern hatte und sie gemeinsam zwei Kinder hatten, welche im Kindesalter starben.

Die Tragödie traf Lyuba erneut, als die russische Föderation den ersten Krieg gegen 1994 startete und Städte wie Dörfer wahllos bombardierte. Damals starb der Ehemann von Lyuba. Amina erzählt weiter, dass sie nach dem Tod ihres Mannes in Armut lebte, aber trotz der Überzeugungsarbeit von Amina, in die Stadt zu ziehen, beschloss Lyuba, in dem Aul zu bleiben, in dem ihr Mann und ihre Kinder begraben wurden. Die Bewohner des Auls brachten ihr Essen und halfen ihr, selbst der Imam.

Es gibt viele mündliche Zeugnisse in Tschetschenien über Ukrainer, die in Tschetschenien während des Holodomor Schutz fanden, aber es gibt keine schriftlichen Beweise, keine Archivdaten.

Der Rentner Khozha Yakhyayev sagte gegenüber Azattyk, dass sein Aul mindestens hundert ukrainischen Familien während der Hungersnot aufgenommen hätte. Onkel Yakiyajew war der Kopf des Dorfes, und er erinnerte sich oft an ihre Ankunft: »Als sie ankamen, erschöpft durch Hunger, zeigten wir ihnen unsere Gastfreundschaft. In Tschetschenien, gab es damals 500 Familien, und jede fünfte Familie akzeptierte Ukrainer in ihre Häuser. Wir haben ihnen bis 1938 geholfen.«

Heute gibt nur noch wenige ethnische Ukrainer in tschetschenischen Auls, einige kehrten nach dem Ende der Hungersnot in ihre Heimat zurück, andere als der Krieg in den 90er in Tschetschenien ausbrach.

Yakhyayev erzählt weiter über die Waisen und wie einige von ihnen wählten ihren Pflegefamilien ins Exil zu folgen, als Stalin 1944 die Deportation der Tschetschenen, Inguschen, Karatschaier, Balkaren und Mescheten befahl. Während einige zurückkehrten, starben viele auf der zermürbenden Reise nach Zentralasien und Sibirien oder in den folgenden Jahren.

Diejenigen, die blieben, kümmerten sich um die Häuser, die von den deportierten Tschetschenen zurückgelassen wurden: »Die Ukrainer haben Freundlichkeit mit Freundlichkeit zurückgezahlt. Sie kümmerten sich um die leeren Häuser und die Habseligkeiten, die von den Tschetschenen zurückgelassen wurde, sie kümmerten sich um ihr Vieh «, erzähltt Yakhyajew. »Sie haben ihr Bestes getan, um diese Häuser zu bewahren und sie vor Plünderungen zu schützen.«

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion haben Gelehrte und Historiker Tausende von Zeugnissen von Holodomor-Überlebenden gesammelt aber bis zum heutigen Tag ist außerhalb Tschetscheniens dieser Teil der Geschichte des Holodomor kaum bekannt. Vasyl Marochka, einer der führenden Historiker des Holodomor in der Ukraine, sagt, dass es keine Quellen aus der Zeit der Hungersnot gibt, welche belegen, dass Ukrainer ins tschetschenische Autonome Oblast geflüchtet sind. Der tschetschenische Historiker Vakhit Akayev sagt, dass Familienfotos und andere potenzielle Beweise für diese Ereignisse während der Deportation der Tschetschenen und den beiden nachfolgenden Kriegen verschwunden sind. »Neue Ereignisse entfalteten sich, neue, noch schrecklichere Tragödien verfinsterten alte«, sagt er. »Deshalb wurde dieses Thema noch nie erforscht.«

Die Tschetschenen zumindest haben aber die Waisen des Holodomor nicht vergessen. Der tschetschenische Folklore Sänger Imam Alimsultanov widmete ihnen ein Lied mit dem Titel »Ukraine, danke« zu ihrem Andenken. »Es war in den 1930er Jahren, das Schicksal hat uns schon damals zusammengebracht«, singt er. »Hunger, Zerstörung rundum, Tschetschenien nahm die Ukrainer auf.«

Gegenwart

Wenn Kinder sich selbst überlassen bleiben, nachdem beide Eltern verstorben sind, sorgt der Tradition zufolge die Familie ihres Vaters für sie. Wenn die Großeltern nicht für die Kinder sorgen können, werden sie in die Obhut der Familie ihrer Mutter übergeben. Wenn es niemanden gibt, der sich um die Kinder kümmern kann, kommen sie in ein Waisenhaus. In Tschetschenien und dem übrigen Nordkaukasus setzen Familien alles daran, um zu vermeiden, dass Kinder in ein Waisenhaus kommen. Es ist nicht üblich, Kinder in Waisenhäuser zu bringen, und normalerweise leben in Waisenhäusern nur Kinder, die ihre gesamte Familie verloren haben.

Im Allgemeinen vertreten Behörden die Auffassung, dass es in Tschetschenien keine Waisenhäuser geben sollte, da es Aufgabe der Familie ist, für die Kinder zu sorgen. 2009 ordnete Präsident Kadyrow an, dass alle Waisenhäuser in Tschetschenien geschlossen werden und die Kinder wieder zu ihren Verwandten zurückkehren sollten. Nach Auskunft eines Vertreters einer internationalen Organisation im Nordkaukasus lag dieser Initiative von Kadyrow der Wunsch zugrunde, deutlich zu machen, dass Familien einen starken Verbund darstellen und sie für sich selbst sorgen können. Nur wenige wollten jedoch entfernte Verwandte zu sich nehmen, zu denen sie kaum Kontakt hatten. Aufgrund des Wohnungsmangels und finanzieller Zwänge waren die Menschen nicht bereit, noch ein weiteres Mitglied in ihren Haushalt aufzunehmen und zu unterstützen. Kadyrow möchte den Eindruck vermitteln, dass die familiären Bande noch genauso stark sind wie früher, doch ist dies nach Angaben der Organisation nicht der Fall.

Es gibt keine offizielle Zahl der Waisenhäuser in Tschetschenien, doch nach Angaben eines tschetschenischen Rechtsanwalts gibt es eines in Grosny, ein weiteres im Bezirk Nadteretschny. Laut einer NGO in Moskau gibt es in Tschetschenien fünf oder sechs Waisenhäuser. In dem größten sind 200-300 Kinder untergebracht.

Vownuschki

рубрика: Geschichte & Gegenwart

Vownuschki ist ein majestätischer Turmkomplex in der Gulohiya-Schlucht (Ozdi-Chouzh), welcher auf den spitzen Gipfeln steiler Felsklippen erbaut wurde und aus zwei separaten uneinnehmbaren Turmkomplexen besteht, die in der Antike durch eine Hängebrücke verbunden waren. In der inguschischen Übersetzung bedeutet Vownuschki »der Ort der Gefechtstürme«. Die Gefechtstürme waren vierstufig, mit engen Schießscharten, einer hohen Brüstung und einem flachen Dach. Sie verdeutlichen das Konzept der »Festung«: riesige Steinbauten, die fest auf einer felsigen Basis stehen. Die Zufahrten zu den Türmen und Wohnhäusern wurden durch mächtige Festungsmauern blockiert, welche auf den ersten Blick als natürlicher Teil des Berges wahrgenommen wurden. Nicht weit von den Türmen blieb ein seltenes kernförmiges Mausoleum erhalten.

Vownuschki ist ein anerkanntes Meisterwerk der mittelalterlichen Turmarchitektur und ein Objekt des besonderen Stolzes der Inguschen. Jetzt ist es schwer vorstellbar, wie viele Anstrengungen von den Baumeistern von Vownuschk vor fünf Jahrhunderten unternommen werden mussten, um einen vierstöckigen Komplex in solch einem schwierigen Aufstellungsort zu schaffen. Der Ort wurde nicht zufällig gewählt, in alter Zeit ist hier einer der Abschnitte der Großen Seidenstraße passiert. Eine der Legenden über Vownuschki erzählt von dem Mut und der Stärke der inguschischen Frauen. Als einmal der Feind den Komplex umzingelte und mit der Belagerung begann, zogen die Bewohner der Hängebrücke über die Schlucht zur gegenüberliegenden Burg. Während der Schlacht wurde die Seilbrücke beschädigt, aber die Frau, die sich im belagerten Turm befand, rettete trotz der drohenden Gefahr mehrere Babys, indem sie die Wiegen mit den Kindern zum nächsten Turm schleppte.

Heutzutage gilt Vownuschki als ein Symbol für ganz Inguschetien, aber insbesondere für die Schönheit und Größe der inguschischen Turmarchitektur. Im Jahr 2008 wurde Vownuschki Finalist des Wettbewerbs »Die Sieben Wunder von Russland« als eine der erstaunlichsten von Menschenhand geschaffenen Sehenswürdigkeiten des Landes. Im Jahr 2010 hat die Zentralbank von Russland eine Gedenkmünze für Vownuschki herausgegeben. Heute ist es einer der beliebtesten Orte für Erholung und Tourismus in der bergigen Region Inguschetien und zieht jeden Tag Dutzende von Touristen an.

Die ersten zuverlässigen Beschreibungen von Vownuschki stammen aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts. Zu dieser Zeit spielte das Familienschloss von Ozdoev eine wichtige strategische Rolle. Fakt ist, dass die benachbarte Assin-Schlucht damals die einzige direkte und relativ bequeme Passage durch den Jokkcha Kawkas (Gebirgsketten des Großen Kaukasus). Diese Route wurde oft von Karawanen genutzt, die der Gefahr ausgesetzt waren von Räubern überfallen zu werden. Vownuschki diente hierbei als Zuflucht und Schutz für Reisende (sowie eine Reihe anderer benachbarter Turmkomplexe). Von Zeit zu Zeit wurde das Schloss von Überfällen bedroht, ganz zu schweigen von lokalen Konflikten. Aber es wurde an so einem glücklichen Ort gebaut, dass es der längsten Belagerung standhalten konnte. Ungeladene Gäste wurden durch Berghänge zuverlässig geschützt.

Wenn einer unwissenden Person ein Foto des Turmkomplexes gezeigt wird und man sie fragt an welchem Ort sich diese Festung befindet, würden sicherlich viele ein europäisches Land nennen. »Eine typische Konstruktion für das Spätmittelalter«, sagen Historiker. Seltsamerweise kann aber keiner von ihnen die genaue Zeit der Entstehung des Komplexes datieren. Vermutlich ist dies das 17. bis 18. Jahrhundert, aber vielleicht sogar früher. Zur damaligen Zeit als die Festung gebaut wurde, lebten noch Christen auf dem Territorium Inguschetiens, denn der Islam begann sich im XVIII. Jahrhundert unter der lokalen Bevölkerung auszubreiten und hatte noch nicht die Zeit, das Aussehen und die Architektur der lokalen Gebäude zu prägen.

Kult aus Stein – so lässt sich das Wesen dieser Struktur kurz charakterisieren. Eine der architektonische »Wunderleistungen« ist, dass die beiden massiven Gefechtstürme ohne Fundament errichtet wurden. Tatsächlich stehen sie auf Schieferfelsen. Dabei war dies eine ziemlich allgemeine Bautechnologie der damaligen Zeit: auf der vorgeschlagenen Baustelle wurde auf dem Boden Milch ausgeleert. Der ganze Boden, durch den er sickerte, wurde entfernt und erneut gegossen – bis die Milch nicht mehr absorbiert wurde. Danach wurden die ersten Steine ​​von enormer Größe platziert, in der Regel grösser als ein ausgewachsener Mensch, was die Stabilität der Struktur lieferte. »Mit erstaunlicher Schlankheit, Proportionalität und einer ziemlich großen Höhe sind sie sehr stabil und stark“, schrieb der Maler Schtscheljkin Iwanowitsch, welcher viel über diesen Ort und Skizzen von lokalen Strukturen nachforschte, über die militärischen Türme der Inguschen. Beim Transport der Steinen wurde ein spezielles Technik zum Heben verwendet und in den kaukasischen Legenden gibt es eine Erwähnung, dass die Steine ​​für die Basis des Turms von neun Paaren von Stieren gezogen wurden, denn selbst und zwölf Pferde konnten sich nicht bewegen.

Bevor der Bau des Wohn- oder Wehrturms begann, wurde notwendigerweise ein Opfer gebracht. Der Platz des zukünftigen Gebäudes wurde mit dem Blut des Opferlamms bestreut, und erst danach durfte man mit der Arbeit beginnen. Neben der Bauweise ist auch die Technik der Mörtelherstellung, um auf den oberen Etagen des Turms befindlichen Steine aneinander zu befestigen, speziell. Nach den Ergebnissen von Laboruntersuchungen ist eine der Hauptkomponenten Casein (ein Protein, das sich bildet, wenn Milch sauer ist). In der Tat ist die Lösung eine Mischung aus Kalk, Sand und Milch. Er hält immer noch die Kupplung »fest«.

Es überrascht nicht, dass die Fähigkeit, mit Stein in diesen Zeiten umzugehen, sehr geachtet wurde. Von Generation zu Generation wurde die Praxis des Baus von Steinburgen weitergegeben, und alle prominenten Meister in dieser Angelegenheit waren unter ihren Namen bekannt. Für die Nachfolger der Traditionen war nicht nur die Qualität des Bauens Ehrensache, sondern auch die Einhaltung der Baukonditionen. Dem Meister wurde genau ein Jahr gegeben, und wenn er aus irgendeinem Grund die Fristen nicht einhalten konnte, fiel Schande auf seine Familie, und der Turm wurde demontiert. In der Regel waren die Meister in der Zeit. Auf jeden Fall ist die Festung Vownuschki ein klarer Beweis für die Fähigkeit und Pünktlichkeit seiner Schöpfer. Aber auch der Kunde hatte sich an Konditionen zu halten. Es war seine Pflicht alle Bauarbeiter mit genügend Nahrung zu versorgen. Wenn der Meister vor Hunger schwindlig war und er deshalb vom Turm fiel, wurde der Eigentümer der Gier angeklagt und vom Dorf vertrieben.

Das Leben und die Bräuche der Bewohner des Turmkomplexes

Beide Türme waren durch eine Hängebrücke verbunden, und im Falle einer Belagerung zogen die alten Leute, Frauen und Kinder in den sichereren Turm. Wenn wir von der Höhe sprechen, können wir eine Parallele mit dem siebenstöckigen Haus zeichnen (die Architekten jener Zeit errichteten in der Regel keine Kampftürme über 30 Meter). Hinein kamen die Leute nur durch den zweiten Stock, dort war die Eingangstür: das beraubte den Feinden die Möglichkeit, während der Belagerung einen Rammbock zu benutzen. Der erste Stock war ohne Fenster und Türen diente als Lagerraum für Lebensmittel inklusive eines Kellers für Gefangene. Im zweiten Stock war gewöhnlich das Wertvollste, was die Bewohner der Wehrtürme besaßen: der Topf der Toten – ein große Kessel an einer dicken Kette. Dem Behälter wurde magischen Eigenschaften zugeschrieben und er wurde als Schrein verehrt (man glaubte, dass die Seelen der Verstorbenen darüber schwebten). Wenn jemand aufgrund der Blutrache verfolgt wurde, es ihm aber gelang den Turm zu betreten und den heiligen Kessel zu anzufassen, durfte er nicht berührt und kein Blut vergossen werden, bis er sich genügend weit von dem Heiligtum zurückgezogen hatte.

Bewohnbar waren nur die oberen Stockwerke der Wohntürme, Wachtürme dienten in erste Linie des Schutzes und waren nicht ständig bewohnt. Zwischen den Stockwerken bewegten sich die Bewohner der Türme entlang der Leitern. Und der oberste wurde als Dachboden genutzt, wo Waffen, Baumaterialien und notwendige Haushaltsgegenstände aufbewahrt wurden.

Merkmale der Begräbnisse inguschischer Krieger

Nicht weit von dem Turmkomplex entfernt wurden meist Krypten erbaut und errichtet. Vownuschki ist keine Ausnahme: Wenn Sie ein wenig die Schlucht hinaufklettern, finden Sie eine alte Krypta und Mausoleum, das eine sehr seltsame Form einer Kanonenkugel hat. Im Mittelalter wurden in Inguschetien oft oberirdische Krypten errichtet, in denen die Toten auf mehrere Regale gestellt wurden und deren Körper der sogenannten »natürlichen Mumifizierung« unterzogen wurden.

Kaukasischer Knoten

рубрика: Geschichte & Gegenwart

Das Dilemma von Diktatia: Im Land der Endurier, dass so klein ist, dass es niemand außerhalb des Kaukasus kennt, ist die Regierung nicht sonderlich beliebt. Um ehrlich zu sein, sie ist sogar ziemlich verhasst. Leider gibt es kein demokratischse Verfahren, mit dem die Bevölkerung ihren Unmut ausdrücken könnte. Deshalb ist im Untergrund eine Widerstandsbewegung entstanden, die immer wieder Anschläge verübt. Nach einem besonders furchtbaren Attentat, bei dem eine Bombe neben dem Regierungspalast explodiert ist, lässt der Präsident 30 bekannte Mitglieder der Opposition verhaften und stellt ihnen ein Ultimatum. Entweder verraten sie die Namen der Attentäter, oder sie werden alle hingerichtet. Er erwartet mindestens zwei Namen. Die inhaftierten Oppositionellen bekamen Zeit, um über das Angebot nachzudenken. Es ist alles andere als verlockend. Selbstverständlich ist keiner von ihnen an dem Attentat beteiligt gewesen. Sie wissen nicht einmal, wer es begangen haben könnte. Wenn sie aber keine Namen angeben, sollen alle 30 hingerichtet werden »um den anderen Oppositionellen eine Lehre zu sein« wie es der Polizeichef mit grimmigem Lächeln ausgedrückt hatte. Die Drohung ist durchaus ernst zu nehmen, es hat bereits genügend frühere Vorfälle gegeben, bei denen die Regierung ihre Zuverlässigkeit in dieser Hinsicht unter Beweis gestellt hatte. Schließlich macht einer der Gefangenen einen Vorschlag – man könnte losen, wer von der Gruppe zugeben soll, die Bombe gelegt zu haben. Die beiden Verlierer würden sich opfern müssen, damit die anderen freikämen.

Der Vorschlag scheint besser als das Todesurteil für alle aber ist er korrekt?

Für alle mit Ausnahme der beiden Unglücklichen schien das eine sehr sinnvolle Übereinkunft zu sein, zumindest bis zum nächsten Anschlag – denn nun wurden alle wieder zusammengetrieben. Jetzt brachte einer aus der Gruppe vor, moralisch korrekt sei allein, sich aus der Entscheidung über eine Hinrichtung ganz herauszuhalten. Sie sollten alle ihre Unschuld verkünden, dazu die Schlechtigkeit der Regierung usw. und wenn sie alle hingerichtet würden, dann wenigstens mit unbefleckten Händen und reiner Seele. Das sei besser, als erneut zuzulassen, dass zwei Unschuldige, ob nun per Losentscheid oder als »Freiwillige« sterben, damit die anderen ihre Haut retten konnten. Denn sonst würde man sich etwas beteiligen, was vollkommen falsch sei. Damit sind natürlich nicht alle in der Gruppe einverstanden. So sagt einer, man solle abstimmen, weil das die einzige faire Möglichkeit sei, ein so verstecktes Dilemma aufzulösen. Aber ist es ethisch?

Ein derartiges Dilemma ist nicht so fern, wie der Elbrus von Europa erscheinen vermag. Man denke nur an die Zeit des Nationalsozialismus, in der nach Anschlägen der Widerstandsbewegung ganze Gruppen von Verdächtigen festgenommen und auf ähnliche Weise unter Druck gesetzt wurden. So mancher sieht dieses Problem als rein mathematisches an – entweder sterben alle dreißig oder nur zwei Personen. Andere halten jedoch dagegen, dass auch auf mathematischer Ebene die Antworten nicht so einfach ist. Geht man nämlich auf das Angebot der Regierung ein, gibt man ihnen die legale Handhabe für zukünftige Ungerechtigkeiten ungeahnten Ausmaßes. Andere würden argumentieren, dass es grundsätzlich falsch ist, Menschenleben zu opfern, unabhängig von Kalkulation und Konsequenz. Iskander sagte einmal, dass der kaukasische Knoten komplizierter sei, denn wer will nicht lieber leben? Wenn wir von mathematischer Wahrscheinlichkeit sprechen, wünschen wir Exaktheit um eine konkrete Antwort für die ethischen Fragen zu erhalten und Verschließen uns dabei der Realität, denn die Annahme, dass dich eher einer deiner Gruppe verrät, sehen wir nicht als gegeben.

Gespräch im Gefängnis:

– Warum sitzt du hier?

– Wegen Faulheit. Wir haben spät am Abend mit den Freunden Witze erzählt. Ich habe gedacht: ich will jetzt nicht rausgehen. Ich werde sie morgen früh beim Geheimdienst melden. Und sie sind sofort zum Geheimdienst gegangen.

Der Präsident der in einem prächtigen und protzigen Palast lebte, sah es pragmatischer: Iskander? Die Rakete oder der Schriftsteller? Egal denn der Herr lebt in einem Elfenbeinturm beim Elbrus und sollte es sachbezogener sehen. Weshalb sollte der Polizeichef so primitiv sein? Der »Tod aus natürlichen Gründen« ermöglicht die Eliminierung von Dissidenten ohne Dissens. Herzinfakt, hypertensive Krise oder plötzlicher Hirntod machen sich im politischen Portfolio besser.

Wie würden Sie diesen kaukasischen Knoten lösen?

Doch dies ist nicht das einzige Dilemma in Diktatia. Die Menschen, die dort leben, sind ein einfaches Volk, das alten Traditionen folgt und seinen eigenen Weg geht. Durch die Gaben der Natur gesegnet, waren die Bewohner das ganze Jahr über mit Früchten und Gemüse versorgt. Zusätzlich bauen die Endurier, von denen jeder ein kleines Stück Land besitzt, gerne Weintrauben an. Es gibt eigentlich nichts, worüber sie sich streiten müssten, wenn man mal von Frauen und Geld absieht – und die Endurier sahen davon ab. Im Laufe der Zeit haben die Endurier ein politisches System entwickelt. Einmal im Monat tritt ein Ältestenrat zusammen, der alle ihm vorgelegte Probleme zu entscheiden hat. Alle Entscheidungen müssen einstimmig gefällt werden, und solange die Bewohner der Bergdörfer zurückdenken können, hat diese Form der Selbstverwaltung sehr gut funktioniert. Nur einmal kommt es zu Unstimmigkeiten: dem Rat der Ältesten wird ein Vorschlag vorgelegt, wonach die gesamte Ernte des Landes gesammelt und dann je nach Bedarf an die Bewohner verteilt werden soll. Dieser Vorschlag kommt von einem Kommunisten aus der Stadt, der die Berge gerade besucht. Im Ältestenrat gibt es kaum Unterstützung für diesen Vorschlag. Warum sollte sich jemand die Mühe machen, Weintrauben anzubauen, wenn er den Wein direkt aus dem Kelch des Kollektiv trinken kann, fragte eines der Ratsmitglieder. »Das bestehende System ist das fairste, das es gibt. Jeder hat alles, was er braucht, und wer mehr haben möchte, muss eben etwas mehr arbeiten. Wir sollten es so lassen, wie es ist.«

Hat das Ratsmitglied recht?

Der Rat stimmt dem Mitglied zu und der Vorschlag wird verworfen. Kurze Zeit später gerät das kleine Land unter großen Druck. Das Klima verändert sich und ein großer Teil des Ackerlandes verdörrt. Erstmals können die Bewohner kaum noch genug ernten, um zu überleben. Eine Ausnahme bilden allerdings die zehn Prozent der Einwohner, die das Glück haben, eine eigene Quelle zu besitzen. Ihre Ernte übersteigt ihren Eigenbedarf bei Weitem, deshalb lassen sie die anderen Endurier für sich arbeiten und bezahlen sie mit Wein. Als der Kommunist dem Rat der Ältesten den Vorschlag erneut vorlegt, kommt es zu einer deutlich hitzigeren Debatte. Vielen Enduriern geht es inzwischen nämlich sehr schlecht. Die Kinder mehrere Familien sind bereits verhungert. Sie verlangen, dass die zur Verfügung stehende Nahrung an alle verteilt wird. Die Endurier, mit eigenen Quellen wollen jedoch, dass die Situation bleibt, wie sie ist, sodass sie mehr Nahrung haben, als sie brauchen und ein wenig die großen Herren spielen können. Sie behaupten, es wäre selbst dann nicht genug für alle da, wenn man die vorhandene Nahrung aufteile. Außerdem wird das Argument wiederholt, mit dem der Vorschlag schon einmal abgeschmettert wurde – niemand würde noch auf seinem eigenen Acker arbeiten, wenn die Reicheren ihre Ernte nicht behalten könnten. Der Rat der Ältesten kommt nicht zu einer einstimmigen Entscheidung, also müssen alle Endurier weiter mit den immer härteren Bedingungen fertig werden. Der Vorsitzende des Ältestenrats weist jedoch darauf hin, dass es wichtiger sei, das Prinzip aufrechtzuerhalten, nach dem niemand gegen seinen Willen etwas gezwungen werden dürfe, als dass einige Endurier leiden.

Ist der Rat immer noch im Recht?

Einige Jahre später dringt Kunde von einem neuen Bewässerungssystem in das Land. Indem man die Quellen und die Felder durch Kanäle verbindet, kann das ganze Land wieder fruchtbar gemacht werden. Die armen Bauern sind davon überzeugt, dass der Rat diesem System zustimmen wird, denn schließlich hätte jeder dadurch nur Vorteile. Einige Endurier und nicht nur die Quellenbesitzer, haben sich aber inzwischen an die neuen gesellschaftlichen Verhältnisse gewöhnt und sind gegen die Bewässerung. Daraufhin verlassen die armen Bauern die Versammlung und setzen das neue Bewässerungssystem zwangsweise durch.

Ist dieses Verhalten gerechtfertigt?

Nach diesem Vorfall entschließt sich der Ältestenrat für das Prinzip der Mehrheitsentscheidung. Schon ein paar Jahre später denken die Bewohner, die sich nun Bürger nennen, kaum noch an die frühere Regelung einstimmiger Entscheidungen. Die Meinung der Mehrheit scheint durchaus für eine faire Gesetzeslage sorgen zu können. Mehrere Jahre lang funktioniert das Prinzip zur Zufriedenheit aller. Dann aber kommt es zu einer tödlichen Epidemie, die in direktem Zusammenhang mit den lebenswichtigen Wasserkanälen steht. Nachdem man die Bergbäche begradigt hatte für die Kanäle, haben sie sich als ausgezeichnetes Brutgebiet für Mücken erwiesen. Der Derwisch von Diktatia, ein der Medizin kundiger, weiser Mann, prophezeite, dass zwei Drittel der Bevölkerung an der Krankheit sterben werden, wenn man nicht sofort Gegenmaßnahmen ergreift. Der Rest ist gegen die Krankheit von Natur aus immun. Der Derwisch schlägt vor, dass jeder Einwohner die Blätter der Bärenkralle kauen soll, weil diese angeblich schütze. Dieser Vorschlag wird beim Rat eingebracht und steht kurz davor, einstimmig angenommen zu werden, als jemand das Wort ergreift und den Derwisch fragt, ob es denn wahr sei, dass nicht jeder die Bärenkralle vertrage und sogar an ihrem Genuss sterben könne?

»Nun ja, schon.« antwortet der Derwisch. »Ich erwarte, dass etwa ein Zwanzigstel der Bevölkerung an der prophylaktischen Behandlung sterben wird – aber das sind viel weniger als die zwei Drittel, die durch die Mücken dahingerafft würden!« Der Derwisch fügt mit ernster Stimme hinzu »Im Übrigen, ist es essenziell wichtig, dass jeder einzelne Bürger immunisiert wird, denn sobald jemand infiziert ist, wird die Krankheit hoch ansteckend, der Virus verändert sich und spricht danach auf die medizinischen Gegenmaßnahmen nicht mehr an.«

Sollten gemäß dem Vorschlag des Derwisches alle Bürger gezwungen werden, die Bärenkralle zu kauen?

Noch bevor über den Vorschlag, modern nach Mehrheitsentscheidung, abgestimmt werden kann, meldet sich ein weiterer Endurier zu Wort: »Warum soll ich mein Leben riskieren und eines dieser albernen Blätter kauen? Ich war bereits erkrankt und habe mich wieder erholt. Lieber stecke ich mich noch einmal an, als dass ich mich dem Risiko der Bärenkralle aussetzte – schließlich weiß ich, dass ich wieder gesundwerden kann. Niemand kann mich zu der prophylaktischen Behandlung zwingen!« Die anderen Endurier sind jedoch mit dem Rat einer Meinung, dass das Risiko für Mitbürger wie den vorherigen Sprecher zwar vorhanden, aber klein sei und dass im Übrigen ein wirksamer Schutz für das Land nur durch die konsequente Behandlung aller Bürger gegeben sein könne. Das Immunisierungsprogramm wird mit großer Mehrheit angenommen.

Da die Endurier nicht wissen, ob sie der Epidemie zum Opfer fallen könnten, scheint die Zwangsbehandlung mit Bärenkralleblättern eine akzeptable Idee zu sein. Aber ist die Durchführung wirklich fair und demokratisch oder unfair und despotisch?

In dieser Diskussion spielen mehrere ethische Grundsätze eine Rolle. Aus einem Sinn für Gerechtigkeit heraus könnte man etwa beklagen, dass manche Menschen mehr haben als sie brauchen, während andere Mangel leiden. An den bestehenden Verhältnissen ändert dieses Unbehagen allein jedoch nichts. Aber inguschische Ironie beiseite, der Vorsitzende hat vielleicht recht, wenn er sagt, dass zum Wohl der Allgemeinheit sowohl reichen als auch armen Bürgern Anreize geschaffen werden müssen. Die Überlegungen der Kritiker, die Erträge anders zu verteilen, ist möglicherweise etwas kurzsichtig und illusorisch. Das »Recht« der Armen, nicht zu hungern, steht dem »Recht« der Mehrheit auf Freiheit diametral gegenüber. Die Endurier haben es hier mit einem typischen Problem zu tun – das System funktioniert ausgezeichnet, solange es keine Schwierigkeiten gibt, wird aber ungerecht und geradezu despotisch, sobald Probleme auftreten. Gerade in schwierigen Zeiten zeigt sich, ob sich Regierte regieren lassen.

Die Vorstellung, dass das Volk in einer solchen Pflicht steht, findet sich zum Beispiel in dem imaginären »Gesellschaftsvertrag« des Philosophen Thomas Hobbes. Hobbes merke an, dass die Natur keine Gesetzte kennt und keine Unterscheidung zwischen Gut und Böse trifft. Allerdings ist das Leben in der Natur »ekelhaft, tierisch und kurz«. Deshalb hielt es Hobbes, der während des englischen Bürgerkriegs lebte, für besser, dass Einzelne im Notfall auf sein Recht, selbst zu bestimmen, was für ihn das Beste sei, verzichtet und – falls nötig – auch unter einem Diktator lebt, als dass die staatliche Autorität untergraben wird. Er ging davon aus, dass ein Diktator weniger Schaden anrichten könne als eine anarchische Gesellschaft. Dem hielt ein Jahrhundert später John Locke – der allgemein als geistiger Vater der amerikanischen Verfassung angesehen wird – entgegen, dass ein solcher Gesellschaftsvertrag für die Menschen schlimmer sei als jener »Naturzustand« vor dem sie eigentlich geschützt werden sollten, da sie damit der Willkür der Obrigkeit ausgesetzt wären. Wer, so fragt Locke, würde denn einen vertrag unterschreiben, der ihn vor »Iltissen und Füchsen« schützt, wenn er sich dafür »den Löwen ausliefern« muss? Der wirtschaftliche Erfolg liberaler Demokratien mit ihrem »unnatürlichen« Grundsatz, dass alle Menschen gleich sind, hat zur weitgehenden Anerkennung der Vorstellung geführt, dass jeder Mensch unveräußerliche politische Rechte besitzt.

Teilen die Endurier diese eurozentrische Sicht?

Was ist wenn alle die gleichen Rechte haben, nur manche mehr?

Nach ein paar Wochen sind einige Bürger durch das Kauen der Blätter zu Tode gekommen, darunter auch der, der sich während der Versammlung zu Wort gemeldet hatte. Die Mehrheit der Endurier ist jedoch jetzt immun. Die Immunisierung scheint also prinzipiell gerechtfertigt zu sein, und doch dürfte so mancher einen nagenden Zweifel verspüren…

Wie bei vielen ethischen Problemen hängen auch hier die unterschiedlichen Argumente auf komplexe Weise zusammen. Der Zeitgenössische Philosoph John Rawls hat darauf hingewiesen, dass man nur dann gerechte und vernünftige Entscheidung treffen kann, wenn keine persönlichen Interessen von der Entscheidung berührt werden. Die Frage der Bewässerung kann also am besten von einem Außenstehenden getroffen werden (das Grundprinzip des Utilitarismus) der das Wohl der Allgemeinheit gegen die Freiheit des Einzelnen aufwiegen kann. Das größte Problem besteht darin, dass einige Leute glauben, mit einer Wiederansteckung ein geringeres Risiko einzugehen als mit dem Kauen der Blätter. Rein rechnerisch ist die Gefahr, nach dem Verzehr der Blätter zu sterben, viel kleiner, als durch die Krankheit dahingerafft werden (1:20 beziehungsweise 2:3). Von einem objektiven Standpunkt aus ist das Programm also notwendig. Wüssten wir jedoch von vorneherein, wer die Krankheit überlebt, wäre es unethisch, diese Person einem tödlichen Risiko auszusetzten, das ihn keinerlei Nutzen bringt. Für die Nochtschi ist die einzige Lösung einzusehen, dass selbst die, die gegen die Krankheit immun sind, ein so hohes Risiko auf sich nehmen müssen, um der Mehrheit zu helfen – zu denen ja auch ihre Freunde und Verwandte gehören.

Einer der Endurier erwidert: etwas an dieser Ethik verstehe ich immer noch nicht. Gibt es denn Unterscheide zwischen moralischen Geboten und staatlichen Gesetzten? Wenn ja, weshalb? Wie sind Menschen wirklich? Eigennützig und gierig oder großzügig und nett? Sind einige Menschen »besser« in Moral als andere oder ist jeder Mensch gleichermaßen zum Guten fähig? Gibt es gute Methoden, Kinder moralisch zu erziehen? Hat überhaupt jemand das Recht, anderen zu sagen, was Gut- oder Schlechtsein heißt? Gibt es Typen von Handlungen (z.B. Kindesfolter) die immer schlecht sind? Wenn ja, welche? Wie lautet wohle eine gute Antwort auf die Frage: »Warum soll ich ein guter Mensch sein?« Ist Ethik eine Sonderform des Wissens? Wenn ja, welcher Art und wie können wir es uns aneignen? Heißt Moral, bestimmte Regel zu gehorchen oder bedeutet es, Folgen von Handlungen genau abzuwägen? Wenn jemand sagt »Ich weiß, dass Mord Schlecht ist.« ist das Wissen oder lediglich sehr starker Glaube? Ist die Ethik einzigartig und dadurch universell oder haben Europäer und Endurier eine andere Moral? Wenn jede Antwort nur eine neue Frage ergibt, wer beantwortet denn alle Fragen am Ende? Weshalb wissen wir, dass wir glücklicher wären, wenn wir die Antwort hätten? Ein anderer Endurier antwortet: Als Waise weiß ich wenig, aber wie können wir die Antworten auf die großen Fragen erwarten, wenn wir kaum die kleinen beantworten können?

Zwei Brüder, dazwischen ein Berg. Die Brüder laufen, laufen, begegnen sich nicht. Was ist das?

Vier Brüder. Einer läuft dem anderen hinterher, sie laufen, aber können sich nicht einholen. Was ist das?

Auf einem Klotz sind zwei Pilze, was ist das?

Ich hebe es hoch, es weint. Ich lege es hin, es ist wieder still, was ist das?

Auf der Spitze eines Berges ist eine Schlüssel Joghurt, was ist das?

In einem Weingefäß ist zweierlei Wein, was ist das?

Wir haben eine Braut, sie räumt das Haus auf und bleibt in der Ecke stehen, was ist das?

In einer Bäckerei sind zweierlei Brot: eins ist warm, eins ist kalt, was ist das?

In einer Grube ist eine Schlüssel Reis, was ist das?

Ich habe ein Haus, es hat weder Tür, Dach noch Boden. Rundherum ist nur eine Wand, drinnen jedoch ist es voller Menschen, was ist das?

Ich habe ein Handtuch, ich falte und falte, kann es aber nicht zusammenfalten. Was ist das?

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