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Geschichte & Gegenwart

Die Wainachen & die Waisen

рубрика: Geschichte & Gegenwart

Trotz der patrilinearen Abstammungsideologie ist die tschetschenische Gesellschaft keineswegs so geschlossen, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Einerseits können auch Fremde in einen Teip adoptiert werden. Andererseits sind mehrere Teipy in der tschetschenischen Gesellschaft von EinwanderInnen gegründet worden, die in der tschetschenischen Gesellschaft aufgenommen und als Teip in diese integriert wurden.

So gibt es unter den über 150 Teipy auch eine ganze Reihe von Teipy dagestanischer, georgischer, russischer und sogar einen jüdischer Herkunft. Der jüngste Teip bildete sich erst durch den Russland-Deutschen Willy Weissert, der die nach Kasachstan deportierten TschetschenInnen während seiner eigenen Deportation kennen lernte und als Mokhmad Khadzhi zum Islam konvertierte.

Die Nachkommen Weisserts und seiner tschetschenischen Frau Tamara, die gemeinsam acht Kinder auf die Welt brachten, leben bis heute im Dorf Melchukhi bei Gudermes und bilden einen neuen Teip in der tschetschenischen Gesellschaft.

Ein anderes Beispiel ist Zura Radujewa, welche 1950 im Exil in Kasachstan geboren wurde. Radujewa wurde später Schauspielerin am Theater in Grosny. Vor dem Krieg spielte sie in der Produktion Scheich Mansur die russische Zarin Katherina die Große. »Es war die erste böse Rolle meines Lebens« erinnert Sie sich »und die Rolle hat eine gewisse Ironie für mich. Meine Mutter war nämlich Deutsche. Als dreijährige Waise wurde sie von einer tschetschenischen Familie adoptiert und gemeinsam mit deren Kindern aufgezogen. Ich konnte die Rolle also nicht ablehnen, obwohl ich Katherina die Große dafür hasste, dass sie den gesamten Kaukasus unterworfen hat. Gleichzeitig fand ich sie als Frau und Persönlichkeit toll. Ich spielte also eine Russin mit deutschen Vorfahren, dabei fühlte ich mich ganz gegenteilig: Als Tschetschenin mit deutschen Wurzeln trat ich für die Unabhängigkeit meines Landes ein.

Auch in schweren Zeiten wurde diese «Tschetschenische Toleranz» praktiziert, wie der Schrecken des Holodomor zeigte.

Zu dieser Zeit flohen viele Menschen aus der Ukraine aber auch aus der Wolga-Region, die von der Hungersnot betroffen waren, in den Tschetscheno-Inguschischen Autonomen Oblast (ab 1936 TschIASSR). Sie fanden hier alle Zuflucht, Nahrung, ließ sich nieder und schlugen Wurzeln.

Für die Tschetschenen wurden sie im wahrsten Sinne des Wortes ihre eigenen. Keinem von ihnen wurde gesagt, dass sie «Neuankömmlinge» seien oder die «Einheimischen» um ihr Brot berauben. Keinem wurde eine Flucht aus »wirtschaftlichen Interessen« vorgeworfen, es war auch weniger wichtig woher jemand kam. Man tat es einfach aus Menschlichkeit.

In den Jahren 1932-1933 konnten Tausende von Ukrainern, der Tötung durch Hunger, dem «Holodomor» entkommen, die Millionen von Leben in der ukrainischen sozialistischen Sowjetrepublik kostete. Einige gingen ins tschetschenische Autonome Oblast, wo die einheimischen Familien sie aufnahmen. Dieser Teil der Geschichte blieb außerhalb von Tschetschenien bisher beinahe unbekannt.

Im kleinen tschetschenischen Aul Belgata erinnert man sich noch an Lyuba, ein kleines verwaistes Mädchen, das aus dem Holodomor geflohen ist. Lyuba und ihre Familie gelang es, aus der ukrainischen sozialistischen Sowjetrepublik bis zum Januar 1933 zu entkommen, als deren Grenzen im Auftrag von Joseph Stalin geschlossen wurden und die Hungersnot ihren Höhepunkt erreichte. Viele Opfer des Holodomors versuchten, in die Nachbarländer zu fliehen – Rumänien, Polen, aber die Familie von Lyuba beschloss, in den Südosten zu gehen, wo laut Gerüchten die Anwohner den verhungernden Ukrainern Nahrung und Schutz boten. Lyubas Eltern erreichten ihr Ziel niemals – sie starben vor Hunger auf dem Weg.

Die kleine Lyuba wurde in ein tschetschenisches Waisenhaus gebracht, wo sie schnell die Sprache und die örtlichen Bräuche lernte. Sie verbrachte den Rest ihres Lebens im Kreise ihrer Adoptiveltern, zusammen mit einer unbestimmten Zahl von ukrainischen Kindern, die entweder von der Hungersnot verwaist oder von ihren verhungernden Verwandten an Tschetschenen anvertraut worden waren – eine Episode des Holodomors, die praktisch undokumentiert bleibt.

Lyuba ist seitdem verstorben. Aber 80 Jahre nach der Hungersnot lebt ihre Erinnerung in Tschetschenien weiter. Amina, eine pensionierte Schullehrerin, die sie persönlich kannte, sagt, dass Lyuba sich schließlich im Aul Belgato niederließ. Sie erzählte Azattyk, dass Lyuba ihren tschetschenischen Ehemann sehr gern hatte und sie gemeinsam zwei Kinder hatten, welche im Kindesalter starben.

Die Tragödie traf Lyuba erneut, als die russische Föderation den ersten Krieg gegen 1994 startete und Städte wie Dörfer wahllos bombardierte. Damals starb der Ehemann von Lyuba. Amina erzählt weiter, dass sie nach dem Tod ihres Mannes in Armut lebte, aber trotz der Überzeugungsarbeit von Amina, in die Stadt zu ziehen, beschloss Lyuba, in dem Aul zu bleiben, in dem ihr Mann und ihre Kinder begraben wurden. Die Bewohner des Auls brachten ihr Essen und halfen ihr, selbst der Imam.

Es gibt viele mündliche Zeugnisse in Tschetschenien über Ukrainer, die in Tschetschenien während des Holodomor Schutz fanden, aber es gibt keine schriftlichen Beweise, keine Archivdaten.

Der Rentner Khozha Yakhyayev sagte gegenüber Azattyk, dass sein Aul mindestens hundert ukrainischen Familien während der Hungersnot aufgenommen hätte. Onkel Yakiyajew war der Kopf des Dorfes, und er erinnerte sich oft an ihre Ankunft: »Als sie ankamen, erschöpft durch Hunger, zeigten wir ihnen unsere Gastfreundschaft. In Tschetschenien, gab es damals 500 Familien, und jede fünfte Familie akzeptierte Ukrainer in ihre Häuser. Wir haben ihnen bis 1938 geholfen.«

Heute gibt nur noch wenige ethnische Ukrainer in tschetschenischen Auls, einige kehrten nach dem Ende der Hungersnot in ihre Heimat zurück, andere als der Krieg in den 90er in Tschetschenien ausbrach.

Yakhyayev erzählt weiter über die Waisen und wie einige von ihnen wählten ihren Pflegefamilien ins Exil zu folgen, als Stalin 1944 die Deportation der Tschetschenen, Inguschen, Karatschaier, Balkaren und Mescheten befahl. Während einige zurückkehrten, starben viele auf der zermürbenden Reise nach Zentralasien und Sibirien oder in den folgenden Jahren.

Diejenigen, die blieben, kümmerten sich um die Häuser, die von den deportierten Tschetschenen zurückgelassen wurden: »Die Ukrainer haben Freundlichkeit mit Freundlichkeit zurückgezahlt. Sie kümmerten sich um die leeren Häuser und die Habseligkeiten, die von den Tschetschenen zurückgelassen wurde, sie kümmerten sich um ihr Vieh «, erzähltt Yakhyajew. »Sie haben ihr Bestes getan, um diese Häuser zu bewahren und sie vor Plünderungen zu schützen.«

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion haben Gelehrte und Historiker Tausende von Zeugnissen von Holodomor-Überlebenden gesammelt aber bis zum heutigen Tag ist außerhalb Tschetscheniens dieser Teil der Geschichte des Holodomor kaum bekannt. Vasyl Marochka, einer der führenden Historiker des Holodomor in der Ukraine, sagt, dass es keine Quellen aus der Zeit der Hungersnot gibt, welche belegen, dass Ukrainer ins tschetschenische Autonome Oblast geflüchtet sind. Der tschetschenische Historiker Vakhit Akayev sagt, dass Familienfotos und andere potenzielle Beweise für diese Ereignisse während der Deportation der Tschetschenen und den beiden nachfolgenden Kriegen verschwunden sind. »Neue Ereignisse entfalteten sich, neue, noch schrecklichere Tragödien verfinsterten alte«, sagt er. »Deshalb wurde dieses Thema noch nie erforscht.«

Die Tschetschenen zumindest haben aber die Waisen des Holodomor nicht vergessen. Der tschetschenische Folklore Sänger Imam Alimsultanov widmete ihnen ein Lied mit dem Titel »Ukraine, danke« zu ihrem Andenken. »Es war in den 1930er Jahren, das Schicksal hat uns schon damals zusammengebracht«, singt er. »Hunger, Zerstörung rundum, Tschetschenien nahm die Ukrainer auf.«

Gegenwart

Wenn Kinder sich selbst überlassen bleiben, nachdem beide Eltern verstorben sind, sorgt der Tradition zufolge die Familie ihres Vaters für sie. Wenn die Großeltern nicht für die Kinder sorgen können, werden sie in die Obhut der Familie ihrer Mutter übergeben. Wenn es niemanden gibt, der sich um die Kinder kümmern kann, kommen sie in ein Waisenhaus. In Tschetschenien und dem übrigen Nordkaukasus setzen Familien alles daran, um zu vermeiden, dass Kinder in ein Waisenhaus kommen. Es ist nicht üblich, Kinder in Waisenhäuser zu bringen, und normalerweise leben in Waisenhäusern nur Kinder, die ihre gesamte Familie verloren haben.

Im Allgemeinen vertreten Behörden die Auffassung, dass es in Tschetschenien keine Waisenhäuser geben sollte, da es Aufgabe der Familie ist, für die Kinder zu sorgen. 2009 ordnete Präsident Kadyrow an, dass alle Waisenhäuser in Tschetschenien geschlossen werden und die Kinder wieder zu ihren Verwandten zurückkehren sollten. Nach Auskunft eines Vertreters einer internationalen Organisation im Nordkaukasus lag dieser Initiative von Kadyrow der Wunsch zugrunde, deutlich zu machen, dass Familien einen starken Verbund darstellen und sie für sich selbst sorgen können. Nur wenige wollten jedoch entfernte Verwandte zu sich nehmen, zu denen sie kaum Kontakt hatten. Aufgrund des Wohnungsmangels und finanzieller Zwänge waren die Menschen nicht bereit, noch ein weiteres Mitglied in ihren Haushalt aufzunehmen und zu unterstützen. Kadyrow möchte den Eindruck vermitteln, dass die familiären Bande noch genauso stark sind wie früher, doch ist dies nach Angaben der Organisation nicht der Fall.

Es gibt keine offizielle Zahl der Waisenhäuser in Tschetschenien, doch nach Angaben eines tschetschenischen Rechtsanwalts gibt es eines in Grosny, ein weiteres im Bezirk Nadteretschny. Laut einer NGO in Moskau gibt es in Tschetschenien fünf oder sechs Waisenhäuser. In dem größten sind 200-300 Kinder untergebracht.

Vownuschki

рубрика: Geschichte & Gegenwart

Vownuschki ist ein majestätischer Turmkomplex in der Gulohiya-Schlucht (Ozdi-Chouzh), welcher auf den spitzen Gipfeln steiler Felsklippen erbaut wurde und aus zwei separaten uneinnehmbaren Turmkomplexen besteht, die in der Antike durch eine Hängebrücke verbunden waren. In der inguschischen Übersetzung bedeutet Vownuschki »der Ort der Gefechtstürme«. Die Gefechtstürme waren vierstufig, mit engen Schießscharten, einer hohen Brüstung und einem flachen Dach. Sie verdeutlichen das Konzept der »Festung«: riesige Steinbauten, die fest auf einer felsigen Basis stehen. Die Zufahrten zu den Türmen und Wohnhäusern wurden durch mächtige Festungsmauern blockiert, welche auf den ersten Blick als natürlicher Teil des Berges wahrgenommen wurden. Nicht weit von den Türmen blieb ein seltenes kernförmiges Mausoleum erhalten.

Vownuschki ist ein anerkanntes Meisterwerk der mittelalterlichen Turmarchitektur und ein Objekt des besonderen Stolzes der Inguschen. Jetzt ist es schwer vorstellbar, wie viele Anstrengungen von den Baumeistern von Vownuschk vor fünf Jahrhunderten unternommen werden mussten, um einen vierstöckigen Komplex in solch einem schwierigen Aufstellungsort zu schaffen. Der Ort wurde nicht zufällig gewählt, in alter Zeit ist hier einer der Abschnitte der Großen Seidenstraße passiert. Eine der Legenden über Vownuschki erzählt von dem Mut und der Stärke der inguschischen Frauen. Als einmal der Feind den Komplex umzingelte und mit der Belagerung begann, zogen die Bewohner der Hängebrücke über die Schlucht zur gegenüberliegenden Burg. Während der Schlacht wurde die Seilbrücke beschädigt, aber die Frau, die sich im belagerten Turm befand, rettete trotz der drohenden Gefahr mehrere Babys, indem sie die Wiegen mit den Kindern zum nächsten Turm schleppte.

Heutzutage gilt Vownuschki als ein Symbol für ganz Inguschetien, aber insbesondere für die Schönheit und Größe der inguschischen Turmarchitektur. Im Jahr 2008 wurde Vownuschki Finalist des Wettbewerbs »Die Sieben Wunder von Russland« als eine der erstaunlichsten von Menschenhand geschaffenen Sehenswürdigkeiten des Landes. Im Jahr 2010 hat die Zentralbank von Russland eine Gedenkmünze für Vownuschki herausgegeben. Heute ist es einer der beliebtesten Orte für Erholung und Tourismus in der bergigen Region Inguschetien und zieht jeden Tag Dutzende von Touristen an.

Die ersten zuverlässigen Beschreibungen von Vownuschki stammen aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts. Zu dieser Zeit spielte das Familienschloss von Ozdoev eine wichtige strategische Rolle. Fakt ist, dass die benachbarte Assin-Schlucht damals die einzige direkte und relativ bequeme Passage durch den Jokkcha Kawkas (Gebirgsketten des Großen Kaukasus). Diese Route wurde oft von Karawanen genutzt, die der Gefahr ausgesetzt waren von Räubern überfallen zu werden. Vownuschki diente hierbei als Zuflucht und Schutz für Reisende (sowie eine Reihe anderer benachbarter Turmkomplexe). Von Zeit zu Zeit wurde das Schloss von Überfällen bedroht, ganz zu schweigen von lokalen Konflikten. Aber es wurde an so einem glücklichen Ort gebaut, dass es der längsten Belagerung standhalten konnte. Ungeladene Gäste wurden durch Berghänge zuverlässig geschützt.

Wenn einer unwissenden Person ein Foto des Turmkomplexes gezeigt wird und man sie fragt an welchem Ort sich diese Festung befindet, würden sicherlich viele ein europäisches Land nennen. »Eine typische Konstruktion für das Spätmittelalter«, sagen Historiker. Seltsamerweise kann aber keiner von ihnen die genaue Zeit der Entstehung des Komplexes datieren. Vermutlich ist dies das 17. bis 18. Jahrhundert, aber vielleicht sogar früher. Zur damaligen Zeit als die Festung gebaut wurde, lebten noch Christen auf dem Territorium Inguschetiens, denn der Islam begann sich im XVIII. Jahrhundert unter der lokalen Bevölkerung auszubreiten und hatte noch nicht die Zeit, das Aussehen und die Architektur der lokalen Gebäude zu prägen.

Kult aus Stein – so lässt sich das Wesen dieser Struktur kurz charakterisieren. Eine der architektonische »Wunderleistungen« ist, dass die beiden massiven Gefechtstürme ohne Fundament errichtet wurden. Tatsächlich stehen sie auf Schieferfelsen. Dabei war dies eine ziemlich allgemeine Bautechnologie der damaligen Zeit: auf der vorgeschlagenen Baustelle wurde auf dem Boden Milch ausgeleert. Der ganze Boden, durch den er sickerte, wurde entfernt und erneut gegossen – bis die Milch nicht mehr absorbiert wurde. Danach wurden die ersten Steine ​​von enormer Größe platziert, in der Regel grösser als ein ausgewachsener Mensch, was die Stabilität der Struktur lieferte. »Mit erstaunlicher Schlankheit, Proportionalität und einer ziemlich großen Höhe sind sie sehr stabil und stark“, schrieb der Maler Schtscheljkin Iwanowitsch, welcher viel über diesen Ort und Skizzen von lokalen Strukturen nachforschte, über die militärischen Türme der Inguschen. Beim Transport der Steinen wurde ein spezielles Technik zum Heben verwendet und in den kaukasischen Legenden gibt es eine Erwähnung, dass die Steine ​​für die Basis des Turms von neun Paaren von Stieren gezogen wurden, denn selbst und zwölf Pferde konnten sich nicht bewegen.

Bevor der Bau des Wohn- oder Wehrturms begann, wurde notwendigerweise ein Opfer gebracht. Der Platz des zukünftigen Gebäudes wurde mit dem Blut des Opferlamms bestreut, und erst danach durfte man mit der Arbeit beginnen. Neben der Bauweise ist auch die Technik der Mörtelherstellung, um auf den oberen Etagen des Turms befindlichen Steine aneinander zu befestigen, speziell. Nach den Ergebnissen von Laboruntersuchungen ist eine der Hauptkomponenten Casein (ein Protein, das sich bildet, wenn Milch sauer ist). In der Tat ist die Lösung eine Mischung aus Kalk, Sand und Milch. Er hält immer noch die Kupplung »fest«.

Es überrascht nicht, dass die Fähigkeit, mit Stein in diesen Zeiten umzugehen, sehr geachtet wurde. Von Generation zu Generation wurde die Praxis des Baus von Steinburgen weitergegeben, und alle prominenten Meister in dieser Angelegenheit waren unter ihren Namen bekannt. Für die Nachfolger der Traditionen war nicht nur die Qualität des Bauens Ehrensache, sondern auch die Einhaltung der Baukonditionen. Dem Meister wurde genau ein Jahr gegeben, und wenn er aus irgendeinem Grund die Fristen nicht einhalten konnte, fiel Schande auf seine Familie, und der Turm wurde demontiert. In der Regel waren die Meister in der Zeit. Auf jeden Fall ist die Festung Vownuschki ein klarer Beweis für die Fähigkeit und Pünktlichkeit seiner Schöpfer. Aber auch der Kunde hatte sich an Konditionen zu halten. Es war seine Pflicht alle Bauarbeiter mit genügend Nahrung zu versorgen. Wenn der Meister vor Hunger schwindlig war und er deshalb vom Turm fiel, wurde der Eigentümer der Gier angeklagt und vom Dorf vertrieben.

Das Leben und die Bräuche der Bewohner des Turmkomplexes

Beide Türme waren durch eine Hängebrücke verbunden, und im Falle einer Belagerung zogen die alten Leute, Frauen und Kinder in den sichereren Turm. Wenn wir von der Höhe sprechen, können wir eine Parallele mit dem siebenstöckigen Haus zeichnen (die Architekten jener Zeit errichteten in der Regel keine Kampftürme über 30 Meter). Hinein kamen die Leute nur durch den zweiten Stock, dort war die Eingangstür: das beraubte den Feinden die Möglichkeit, während der Belagerung einen Rammbock zu benutzen. Der erste Stock war ohne Fenster und Türen diente als Lagerraum für Lebensmittel inklusive eines Kellers für Gefangene. Im zweiten Stock war gewöhnlich das Wertvollste, was die Bewohner der Wehrtürme besaßen: der Topf der Toten – ein große Kessel an einer dicken Kette. Dem Behälter wurde magischen Eigenschaften zugeschrieben und er wurde als Schrein verehrt (man glaubte, dass die Seelen der Verstorbenen darüber schwebten). Wenn jemand aufgrund der Blutrache verfolgt wurde, es ihm aber gelang den Turm zu betreten und den heiligen Kessel zu anzufassen, durfte er nicht berührt und kein Blut vergossen werden, bis er sich genügend weit von dem Heiligtum zurückgezogen hatte.

Bewohnbar waren nur die oberen Stockwerke der Wohntürme, Wachtürme dienten in erste Linie des Schutzes und waren nicht ständig bewohnt. Zwischen den Stockwerken bewegten sich die Bewohner der Türme entlang der Leitern. Und der oberste wurde als Dachboden genutzt, wo Waffen, Baumaterialien und notwendige Haushaltsgegenstände aufbewahrt wurden.

Merkmale der Begräbnisse inguschischer Krieger

Nicht weit von dem Turmkomplex entfernt wurden meist Krypten erbaut und errichtet. Vownuschki ist keine Ausnahme: Wenn Sie ein wenig die Schlucht hinaufklettern, finden Sie eine alte Krypta und Mausoleum, das eine sehr seltsame Form einer Kanonenkugel hat. Im Mittelalter wurden in Inguschetien oft oberirdische Krypten errichtet, in denen die Toten auf mehrere Regale gestellt wurden und deren Körper der sogenannten »natürlichen Mumifizierung« unterzogen wurden.

Kaukasischer Knoten

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Das Dilemma von Diktatia: Im Land der Endurier, dass so klein ist, dass es niemand außerhalb des Kaukasus kennt, ist die Regierung nicht sonderlich beliebt. Um ehrlich zu sein, sie ist sogar ziemlich verhasst. Leider gibt es kein demokratischse Verfahren, mit dem die Bevölkerung ihren Unmut ausdrücken könnte. Deshalb ist im Untergrund eine Widerstandsbewegung entstanden, die immer wieder Anschläge verübt. Nach einem besonders furchtbaren Attentat, bei dem eine Bombe neben dem Regierungspalast explodiert ist, lässt der Präsident 30 bekannte Mitglieder der Opposition verhaften und stellt ihnen ein Ultimatum. Entweder verraten sie die Namen der Attentäter, oder sie werden alle hingerichtet. Er erwartet mindestens zwei Namen. Die inhaftierten Oppositionellen bekamen Zeit, um über das Angebot nachzudenken. Es ist alles andere als verlockend. Selbstverständlich ist keiner von ihnen an dem Attentat beteiligt gewesen. Sie wissen nicht einmal, wer es begangen haben könnte. Wenn sie aber keine Namen angeben, sollen alle 30 hingerichtet werden »um den anderen Oppositionellen eine Lehre zu sein« wie es der Polizeichef mit grimmigem Lächeln ausgedrückt hatte. Die Drohung ist durchaus ernst zu nehmen, es hat bereits genügend frühere Vorfälle gegeben, bei denen die Regierung ihre Zuverlässigkeit in dieser Hinsicht unter Beweis gestellt hatte. Schließlich macht einer der Gefangenen einen Vorschlag – man könnte losen, wer von der Gruppe zugeben soll, die Bombe gelegt zu haben. Die beiden Verlierer würden sich opfern müssen, damit die anderen freikämen.

Der Vorschlag scheint besser als das Todesurteil für alle aber ist er korrekt?

Für alle mit Ausnahme der beiden Unglücklichen schien das eine sehr sinnvolle Übereinkunft zu sein, zumindest bis zum nächsten Anschlag – denn nun wurden alle wieder zusammengetrieben. Jetzt brachte einer aus der Gruppe vor, moralisch korrekt sei allein, sich aus der Entscheidung über eine Hinrichtung ganz herauszuhalten. Sie sollten alle ihre Unschuld verkünden, dazu die Schlechtigkeit der Regierung usw. und wenn sie alle hingerichtet würden, dann wenigstens mit unbefleckten Händen und reiner Seele. Das sei besser, als erneut zuzulassen, dass zwei Unschuldige, ob nun per Losentscheid oder als »Freiwillige« sterben, damit die anderen ihre Haut retten konnten. Denn sonst würde man sich etwas beteiligen, was vollkommen falsch sei. Damit sind natürlich nicht alle in der Gruppe einverstanden. So sagt einer, man solle abstimmen, weil das die einzige faire Möglichkeit sei, ein so verstecktes Dilemma aufzulösen. Aber ist es ethisch?

Ein derartiges Dilemma ist nicht so fern, wie der Elbrus von Europa erscheinen vermag. Man denke nur an die Zeit des Nationalsozialismus, in der nach Anschlägen der Widerstandsbewegung ganze Gruppen von Verdächtigen festgenommen und auf ähnliche Weise unter Druck gesetzt wurden. So mancher sieht dieses Problem als rein mathematisches an – entweder sterben alle dreißig oder nur zwei Personen. Andere halten jedoch dagegen, dass auch auf mathematischer Ebene die Antworten nicht so einfach ist. Geht man nämlich auf das Angebot der Regierung ein, gibt man ihnen die legale Handhabe für zukünftige Ungerechtigkeiten ungeahnten Ausmaßes. Andere würden argumentieren, dass es grundsätzlich falsch ist, Menschenleben zu opfern, unabhängig von Kalkulation und Konsequenz. Iskander sagte einmal, dass der kaukasische Knoten komplizierter sei, denn wer will nicht lieber leben? Wenn wir von mathematischer Wahrscheinlichkeit sprechen, wünschen wir Exaktheit um eine konkrete Antwort für die ethischen Fragen zu erhalten und Verschließen uns dabei der Realität, denn die Annahme, dass dich eher einer deiner Gruppe verrät, sehen wir nicht als gegeben.

Gespräch im Gefängnis:

– Warum sitzt du hier?

– Wegen Faulheit. Wir haben spät am Abend mit den Freunden Witze erzählt. Ich habe gedacht: ich will jetzt nicht rausgehen. Ich werde sie morgen früh beim Geheimdienst melden. Und sie sind sofort zum Geheimdienst gegangen.

Der Präsident der in einem prächtigen und protzigen Palast lebte, sah es pragmatischer: Iskander? Die Rakete oder der Schriftsteller? Egal denn der Herr lebt in einem Elfenbeinturm beim Elbrus und sollte es sachbezogener sehen. Weshalb sollte der Polizeichef so primitiv sein? Der »Tod aus natürlichen Gründen« ermöglicht die Eliminierung von Dissidenten ohne Dissens. Herzinfakt, hypertensive Krise oder plötzlicher Hirntod machen sich im politischen Portfolio besser.

Wie würden Sie diesen kaukasischen Knoten lösen?

Doch dies ist nicht das einzige Dilemma in Diktatia. Die Menschen, die dort leben, sind ein einfaches Volk, das alten Traditionen folgt und seinen eigenen Weg geht. Durch die Gaben der Natur gesegnet, waren die Bewohner das ganze Jahr über mit Früchten und Gemüse versorgt. Zusätzlich bauen die Endurier, von denen jeder ein kleines Stück Land besitzt, gerne Weintrauben an. Es gibt eigentlich nichts, worüber sie sich streiten müssten, wenn man mal von Frauen und Geld absieht – und die Endurier sahen davon ab. Im Laufe der Zeit haben die Endurier ein politisches System entwickelt. Einmal im Monat tritt ein Ältestenrat zusammen, der alle ihm vorgelegte Probleme zu entscheiden hat. Alle Entscheidungen müssen einstimmig gefällt werden, und solange die Bewohner der Bergdörfer zurückdenken können, hat diese Form der Selbstverwaltung sehr gut funktioniert. Nur einmal kommt es zu Unstimmigkeiten: dem Rat der Ältesten wird ein Vorschlag vorgelegt, wonach die gesamte Ernte des Landes gesammelt und dann je nach Bedarf an die Bewohner verteilt werden soll. Dieser Vorschlag kommt von einem Kommunisten aus der Stadt, der die Berge gerade besucht. Im Ältestenrat gibt es kaum Unterstützung für diesen Vorschlag. Warum sollte sich jemand die Mühe machen, Weintrauben anzubauen, wenn er den Wein direkt aus dem Kelch des Kollektiv trinken kann, fragte eines der Ratsmitglieder. »Das bestehende System ist das fairste, das es gibt. Jeder hat alles, was er braucht, und wer mehr haben möchte, muss eben etwas mehr arbeiten. Wir sollten es so lassen, wie es ist.«

Hat das Ratsmitglied recht?

Der Rat stimmt dem Mitglied zu und der Vorschlag wird verworfen. Kurze Zeit später gerät das kleine Land unter großen Druck. Das Klima verändert sich und ein großer Teil des Ackerlandes verdörrt. Erstmals können die Bewohner kaum noch genug ernten, um zu überleben. Eine Ausnahme bilden allerdings die zehn Prozent der Einwohner, die das Glück haben, eine eigene Quelle zu besitzen. Ihre Ernte übersteigt ihren Eigenbedarf bei Weitem, deshalb lassen sie die anderen Endurier für sich arbeiten und bezahlen sie mit Wein. Als der Kommunist dem Rat der Ältesten den Vorschlag erneut vorlegt, kommt es zu einer deutlich hitzigeren Debatte. Vielen Enduriern geht es inzwischen nämlich sehr schlecht. Die Kinder mehrere Familien sind bereits verhungert. Sie verlangen, dass die zur Verfügung stehende Nahrung an alle verteilt wird. Die Endurier, mit eigenen Quellen wollen jedoch, dass die Situation bleibt, wie sie ist, sodass sie mehr Nahrung haben, als sie brauchen und ein wenig die großen Herren spielen können. Sie behaupten, es wäre selbst dann nicht genug für alle da, wenn man die vorhandene Nahrung aufteile. Außerdem wird das Argument wiederholt, mit dem der Vorschlag schon einmal abgeschmettert wurde – niemand würde noch auf seinem eigenen Acker arbeiten, wenn die Reicheren ihre Ernte nicht behalten könnten. Der Rat der Ältesten kommt nicht zu einer einstimmigen Entscheidung, also müssen alle Endurier weiter mit den immer härteren Bedingungen fertig werden. Der Vorsitzende des Ältestenrats weist jedoch darauf hin, dass es wichtiger sei, das Prinzip aufrechtzuerhalten, nach dem niemand gegen seinen Willen etwas gezwungen werden dürfe, als dass einige Endurier leiden.

Ist der Rat immer noch im Recht?

Einige Jahre später dringt Kunde von einem neuen Bewässerungssystem in das Land. Indem man die Quellen und die Felder durch Kanäle verbindet, kann das ganze Land wieder fruchtbar gemacht werden. Die armen Bauern sind davon überzeugt, dass der Rat diesem System zustimmen wird, denn schließlich hätte jeder dadurch nur Vorteile. Einige Endurier und nicht nur die Quellenbesitzer, haben sich aber inzwischen an die neuen gesellschaftlichen Verhältnisse gewöhnt und sind gegen die Bewässerung. Daraufhin verlassen die armen Bauern die Versammlung und setzen das neue Bewässerungssystem zwangsweise durch.

Ist dieses Verhalten gerechtfertigt?

Nach diesem Vorfall entschließt sich der Ältestenrat für das Prinzip der Mehrheitsentscheidung. Schon ein paar Jahre später denken die Bewohner, die sich nun Bürger nennen, kaum noch an die frühere Regelung einstimmiger Entscheidungen. Die Meinung der Mehrheit scheint durchaus für eine faire Gesetzeslage sorgen zu können. Mehrere Jahre lang funktioniert das Prinzip zur Zufriedenheit aller. Dann aber kommt es zu einer tödlichen Epidemie, die in direktem Zusammenhang mit den lebenswichtigen Wasserkanälen steht. Nachdem man die Bergbäche begradigt hatte für die Kanäle, haben sie sich als ausgezeichnetes Brutgebiet für Mücken erwiesen. Der Derwisch von Diktatia, ein der Medizin kundiger, weiser Mann, prophezeite, dass zwei Drittel der Bevölkerung an der Krankheit sterben werden, wenn man nicht sofort Gegenmaßnahmen ergreift. Der Rest ist gegen die Krankheit von Natur aus immun. Der Derwisch schlägt vor, dass jeder Einwohner die Blätter der Bärenkralle kauen soll, weil diese angeblich schütze. Dieser Vorschlag wird beim Rat eingebracht und steht kurz davor, einstimmig angenommen zu werden, als jemand das Wort ergreift und den Derwisch fragt, ob es denn wahr sei, dass nicht jeder die Bärenkralle vertrage und sogar an ihrem Genuss sterben könne?

»Nun ja, schon.« antwortet der Derwisch. »Ich erwarte, dass etwa ein Zwanzigstel der Bevölkerung an der prophylaktischen Behandlung sterben wird – aber das sind viel weniger als die zwei Drittel, die durch die Mücken dahingerafft würden!« Der Derwisch fügt mit ernster Stimme hinzu »Im Übrigen, ist es essenziell wichtig, dass jeder einzelne Bürger immunisiert wird, denn sobald jemand infiziert ist, wird die Krankheit hoch ansteckend, der Virus verändert sich und spricht danach auf die medizinischen Gegenmaßnahmen nicht mehr an.«

Sollten gemäß dem Vorschlag des Derwisches alle Bürger gezwungen werden, die Bärenkralle zu kauen?

Noch bevor über den Vorschlag, modern nach Mehrheitsentscheidung, abgestimmt werden kann, meldet sich ein weiterer Endurier zu Wort: »Warum soll ich mein Leben riskieren und eines dieser albernen Blätter kauen? Ich war bereits erkrankt und habe mich wieder erholt. Lieber stecke ich mich noch einmal an, als dass ich mich dem Risiko der Bärenkralle aussetzte – schließlich weiß ich, dass ich wieder gesundwerden kann. Niemand kann mich zu der prophylaktischen Behandlung zwingen!« Die anderen Endurier sind jedoch mit dem Rat einer Meinung, dass das Risiko für Mitbürger wie den vorherigen Sprecher zwar vorhanden, aber klein sei und dass im Übrigen ein wirksamer Schutz für das Land nur durch die konsequente Behandlung aller Bürger gegeben sein könne. Das Immunisierungsprogramm wird mit großer Mehrheit angenommen.

Da die Endurier nicht wissen, ob sie der Epidemie zum Opfer fallen könnten, scheint die Zwangsbehandlung mit Bärenkralleblättern eine akzeptable Idee zu sein. Aber ist die Durchführung wirklich fair und demokratisch oder unfair und despotisch?

In dieser Diskussion spielen mehrere ethische Grundsätze eine Rolle. Aus einem Sinn für Gerechtigkeit heraus könnte man etwa beklagen, dass manche Menschen mehr haben als sie brauchen, während andere Mangel leiden. An den bestehenden Verhältnissen ändert dieses Unbehagen allein jedoch nichts. Aber inguschische Ironie beiseite, der Vorsitzende hat vielleicht recht, wenn er sagt, dass zum Wohl der Allgemeinheit sowohl reichen als auch armen Bürgern Anreize geschaffen werden müssen. Die Überlegungen der Kritiker, die Erträge anders zu verteilen, ist möglicherweise etwas kurzsichtig und illusorisch. Das »Recht« der Armen, nicht zu hungern, steht dem »Recht« der Mehrheit auf Freiheit diametral gegenüber. Die Endurier haben es hier mit einem typischen Problem zu tun – das System funktioniert ausgezeichnet, solange es keine Schwierigkeiten gibt, wird aber ungerecht und geradezu despotisch, sobald Probleme auftreten. Gerade in schwierigen Zeiten zeigt sich, ob sich Regierte regieren lassen.

Die Vorstellung, dass das Volk in einer solchen Pflicht steht, findet sich zum Beispiel in dem imaginären »Gesellschaftsvertrag« des Philosophen Thomas Hobbes. Hobbes merke an, dass die Natur keine Gesetzte kennt und keine Unterscheidung zwischen Gut und Böse trifft. Allerdings ist das Leben in der Natur »ekelhaft, tierisch und kurz«. Deshalb hielt es Hobbes, der während des englischen Bürgerkriegs lebte, für besser, dass Einzelne im Notfall auf sein Recht, selbst zu bestimmen, was für ihn das Beste sei, verzichtet und – falls nötig – auch unter einem Diktator lebt, als dass die staatliche Autorität untergraben wird. Er ging davon aus, dass ein Diktator weniger Schaden anrichten könne als eine anarchische Gesellschaft. Dem hielt ein Jahrhundert später John Locke – der allgemein als geistiger Vater der amerikanischen Verfassung angesehen wird – entgegen, dass ein solcher Gesellschaftsvertrag für die Menschen schlimmer sei als jener »Naturzustand« vor dem sie eigentlich geschützt werden sollten, da sie damit der Willkür der Obrigkeit ausgesetzt wären. Wer, so fragt Locke, würde denn einen vertrag unterschreiben, der ihn vor »Iltissen und Füchsen« schützt, wenn er sich dafür »den Löwen ausliefern« muss? Der wirtschaftliche Erfolg liberaler Demokratien mit ihrem »unnatürlichen« Grundsatz, dass alle Menschen gleich sind, hat zur weitgehenden Anerkennung der Vorstellung geführt, dass jeder Mensch unveräußerliche politische Rechte besitzt.

Teilen die Endurier diese eurozentrische Sicht?

Was ist wenn alle die gleichen Rechte haben, nur manche mehr?

Nach ein paar Wochen sind einige Bürger durch das Kauen der Blätter zu Tode gekommen, darunter auch der, der sich während der Versammlung zu Wort gemeldet hatte. Die Mehrheit der Endurier ist jedoch jetzt immun. Die Immunisierung scheint also prinzipiell gerechtfertigt zu sein, und doch dürfte so mancher einen nagenden Zweifel verspüren…

Wie bei vielen ethischen Problemen hängen auch hier die unterschiedlichen Argumente auf komplexe Weise zusammen. Der Zeitgenössische Philosoph John Rawls hat darauf hingewiesen, dass man nur dann gerechte und vernünftige Entscheidung treffen kann, wenn keine persönlichen Interessen von der Entscheidung berührt werden. Die Frage der Bewässerung kann also am besten von einem Außenstehenden getroffen werden (das Grundprinzip des Utilitarismus) der das Wohl der Allgemeinheit gegen die Freiheit des Einzelnen aufwiegen kann. Das größte Problem besteht darin, dass einige Leute glauben, mit einer Wiederansteckung ein geringeres Risiko einzugehen als mit dem Kauen der Blätter. Rein rechnerisch ist die Gefahr, nach dem Verzehr der Blätter zu sterben, viel kleiner, als durch die Krankheit dahingerafft werden (1:20 beziehungsweise 2:3). Von einem objektiven Standpunkt aus ist das Programm also notwendig. Wüssten wir jedoch von vorneherein, wer die Krankheit überlebt, wäre es unethisch, diese Person einem tödlichen Risiko auszusetzten, das ihn keinerlei Nutzen bringt. Für die Nochtschi ist die einzige Lösung einzusehen, dass selbst die, die gegen die Krankheit immun sind, ein so hohes Risiko auf sich nehmen müssen, um der Mehrheit zu helfen – zu denen ja auch ihre Freunde und Verwandte gehören.

Einer der Endurier erwidert: etwas an dieser Ethik verstehe ich immer noch nicht. Gibt es denn Unterscheide zwischen moralischen Geboten und staatlichen Gesetzten? Wenn ja, weshalb? Wie sind Menschen wirklich? Eigennützig und gierig oder großzügig und nett? Sind einige Menschen »besser« in Moral als andere oder ist jeder Mensch gleichermaßen zum Guten fähig? Gibt es gute Methoden, Kinder moralisch zu erziehen? Hat überhaupt jemand das Recht, anderen zu sagen, was Gut- oder Schlechtsein heißt? Gibt es Typen von Handlungen (z.B. Kindesfolter) die immer schlecht sind? Wenn ja, welche? Wie lautet wohle eine gute Antwort auf die Frage: »Warum soll ich ein guter Mensch sein?« Ist Ethik eine Sonderform des Wissens? Wenn ja, welcher Art und wie können wir es uns aneignen? Heißt Moral, bestimmte Regel zu gehorchen oder bedeutet es, Folgen von Handlungen genau abzuwägen? Wenn jemand sagt »Ich weiß, dass Mord Schlecht ist.« ist das Wissen oder lediglich sehr starker Glaube? Ist die Ethik einzigartig und dadurch universell oder haben Europäer und Endurier eine andere Moral? Wenn jede Antwort nur eine neue Frage ergibt, wer beantwortet denn alle Fragen am Ende? Weshalb wissen wir, dass wir glücklicher wären, wenn wir die Antwort hätten? Ein anderer Endurier antwortet: Als Waise weiß ich wenig, aber wie können wir die Antworten auf die großen Fragen erwarten, wenn wir kaum die kleinen beantworten können?

Zwei Brüder, dazwischen ein Berg. Die Brüder laufen, laufen, begegnen sich nicht. Was ist das?

Vier Brüder. Einer läuft dem anderen hinterher, sie laufen, aber können sich nicht einholen. Was ist das?

Auf einem Klotz sind zwei Pilze, was ist das?

Ich hebe es hoch, es weint. Ich lege es hin, es ist wieder still, was ist das?

Auf der Spitze eines Berges ist eine Schlüssel Joghurt, was ist das?

In einem Weingefäß ist zweierlei Wein, was ist das?

Wir haben eine Braut, sie räumt das Haus auf und bleibt in der Ecke stehen, was ist das?

In einer Bäckerei sind zweierlei Brot: eins ist warm, eins ist kalt, was ist das?

In einer Grube ist eine Schlüssel Reis, was ist das?

Ich habe ein Haus, es hat weder Tür, Dach noch Boden. Rundherum ist nur eine Wand, drinnen jedoch ist es voller Menschen, was ist das?

Ich habe ein Handtuch, ich falte und falte, kann es aber nicht zusammenfalten. Was ist das?

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