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TSCHETSCHENISCHER FLÜCHTLING SOLL IN BEGLEITUNG VON RUHIGER MUSIK STERBEN

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Unser Landsmann, Khamzat Arsamakov . 1970

Da ich in einem so zivilisierten, einem der führenden Rechts- und Sozialstaaten der Europäischen Union lebe, weigerte ich mich zu glauben, was ich kürzlich von meinen Landsleuten gehört hatte.
Ja, ich spreche von Deutschland, wo Millionen von Menschen aus aller Welt Unterkunft, notwendige medizinische Versorgung, rechtlichen und sozialen Schutz erhalten.
Nachdem die in Gera (Deutschland) lebenden Tschetschenen von ihren Bekannten erfahren hatten, wandten sie sich an mich als Leiter des Deutschen Nordkaukasischen Sozial- und Kulturzentrums (DNSK Zentrum) mit der Bitte, ihnen zu helfen, das Leben unseres Landsmannes zu retten.
Am Anfang war ich überrascht, und nachdem ich mir ihre Geschichte bis zum Ende angehört hatte, war ich einfach nur schockiert. Es war schwer zu glauben, wie eine solch unmenschliche und kriminelle Behandlung von Menschenleben von Beamten verantwortet werden kann. Am Tag darauf begab ich mich zum Tatort und das ist, was ich gesehen und gehört habe:

Unser Landsmann, Khamzat Arsamakov *1970, wohnhaft in der Gaswerkstraße 10, 07546 Gera, war aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen im Gefängnis. Nach Angaben unserer Landsleute, die an der gleichen Adresse wohnen und Khamzat kennen, trat er (Khamzat Arsamakov) in den Hungerstreik und weigerte sich, Schweinefleisch zu essen. Das Gefängnispersonal hat sich geweigert, die Situation zu kommentieren, die Kontrolle der Umstände des Vorfalls sind in Bearbeitung. Deshalb werden wir über die Ereignisse im Flüchtlingsheim sprechen, dessen Leiterin Frau Natalia Dolokova ist.

Nach einem langen Hungerstreik in der Haft und dem Fehlen der notwendigen medizinischen Betreuung und der medizinischen Notfallversorgung, war Kh.Arsamakovs Körper erschöpft, was zu einer Dystrophie führte. Nachdem sie Arsamakovs kritischen Zustand gesehen hatten, lösten die Mitarbeiter des Gefängnisses die Angelegenheit ohne besondere Anstrengungen und brachten ihn am 30.10.2019 an seinen Wohnort, d.h. in die Herberge. Laut Dolokova weigerte sie sich in jeder Hinsicht, einen so hilflosen und kranken Arsamakov zu akzeptieren, aber die Vertreter des Gefängnisses bestanden darauf und sagten, dass er nicht bis zum nächsten Tag in Haft überleben würde. Dann befahl sie, Arsamakov wegen seiner ansteckenden Krankheit (wir wissen noch nicht, welche!) in den Keller zu bringen, wo er keine medizinische Versorgung erhielt und auf einen frühen Tod wartete.

So dauerte es bis zum 17.12.2019 (!), bis Khamzat zufällig durch das Fenster des Kellerraumes von einem unserer Landsleute gesehen wurde. Am selben Tag versuchten bereits mehrere unserer Landsleute nach Khamzat zu sehen, aber die Sicherheitskräfte der Herberge ließen sie nicht herein. Dann gingen sie zu der Leiterin N. Dolokova, die sich aber weigerte, sie hereinzulassen, was sie mit der Gefahr einer Ansteckung mit Krankheiten begründete. Dann baten unsere Landsleute darum, einen Krankenwagen für H. Arsamakov zu rufen, aber auch das brachte kein Ergebnis. Am nächsten Tag, dem 18.12.2019, als unsere Landsleute beschlossen, Khamzat weiter moralisch zu unterstützen, zumindest durch Gesten durch das Fenster, sahen sie, dass der Hausmeister im Namen von Dolokova das Fenster schloss, so dass sie ihn nicht sehen konnten.

Unsere Landsleute saßen nicht untätig daneben. Am selben Tag kontaktierten sie den in Frankreich lebenden Bruder von H. Arsamakow und am zweiten Tag war er bereits in Hera. Sofort nach seiner Ankunft erschien er bei der Leiterin der Herberge und bat darum, seinen Bruder sehen zu dürfen und so schnell wie möglich um Hilfe zu rufen, wurde aber abgelehnt. Dann beschlossen er selbst einen Krankenwagen zu rufen, aber als die Sanitäter eintrafen, ließen die Wachen sie nicht zu dem Patienten H. Arsamakov, und die Leiterin der Herberge Dolokova rief die Polizei. Nach der Ankunft der Polizei, die das Publikum aufforderte, sich zu zerstreuen, durfte Islam Arsamakov zu seinem Bruder gehen. Da Khamzat so erschöpft und schmutzig war, war sein Bruder Islam ratlos und versuchte ihn selbst ins Krankenhaus zu bringen, aber er durfte es nicht tun.
Danach kontaktierte mich Islam Arsamakov (der eigene Bruder des Opfers, Khamzat Arsamakov) und bat mich, ihnen zu helfen. Am selben Abend kam ich in der Stadt Gera an und ging in das Heim in der Gaswerkstr. 10, um Khamzat zu sehen, aber die Security ließ mich nicht rein und bat mich, am nächsten Tag zu kommen.

Am Morgen des 20.12.2019 um 7:00 Uhr kehrte ich in die Herberge zurück, und trotz der früheren Worte von N.Dolotova über die Gefahr der Ansteckung mit einer Infektionskrankheit durch Kh.Arsamakov durften wir mit Islam Arsamakov ohne Schutzkleidung und medizinische Gesichtsmaske in die Herberge gehen. Bei Khamzat trafen wir zwei Mitarbeiter vom Pflegedienst.Wir erfuhren von ihnen, dass sich Khamzat seit dem 30.10.2019 im Keller des Wohnheims befindet und Arsamakov seitdem, trotz ihrer Bitte, keine medizinische Versorgung mehr erhalten hat. Ich sprach kurz (in Anbetracht seines Zustandes) mit Khamzat, er erzählte mir, wie schlecht er sich fühlte und bat mich, ihm zu helfen, gab mir eine Vollmacht, seine Interessen zu vertreten.
Während unseres Gesprächs kam Frau Dolokova und bat uns, für das Gespräch in ein anderes Zimmer zu gehen, und wir alle zusammen (einschließlich zweier Krankenschwestern, die uns helfen wollten) folgten Dolokova.

Wir setzten uns an einen runden Tisch, an dem entweder die Vertreterin oder der Leiterin der Diakonie auf uns wartete, die mich ansprach und mit folgenden Worten begann: „Ach, Du bist es aus Berlin, man hat mir gestern gesagt, dass Du kommen wirst. Ich werde reden, du hörst zu, bis ich fertig bin, dann kannst du mir eine Frage stellen.“
Dann begann sie mir zu erzählen, was für eine gute Frau Dolokova sei, und sagte abschließend, dass ich zwei Möglichkeiten hätte: die eine wäre, die ganze Verantwortung zu übernehmen und Khamzat nach Russland zu transportieren, und die andere, ihn an einen besonderen Ort namens Hospit zu bringen, wo er unter professioneller Pflege und ruhiger Musik friedlich sterben könnte. Ich war schockiert! Aber nachdem ich mich gesammelt und meine Emotionen eingeordnet hatte, antwortete ich, dass diese beiden Varianten nicht akzeptabel seien und ich die Öffentlichkeit, die Medien usw. in diesem Fall mit einzubeziehen würde. Diese Worte waren wie eine kalte Schauer für die Damen und unser Gespräch fand sofort „Herzlichkeit“ und „gegenseitiges Verständnis“, und wir kamen zu zwei Möglichkeiten – entweder direkt ins Krankenhaus gehen, um Khamzat die Nothilfe zu leisten, oder zum Hausarzt zu gehen, um ihm eine Überweisung zu besorgen, um ihn anschließend ins Krankenhaus zu bringen.

Als wir uns bereits für die nächsten Schritte entschieden hatten, fragte die Dame von der Diakonie wer für Khamzats Behandlung bezahlen würde. Dann sagte die Vertreterin des Sozialamtes, die bei unserem Treffen anwesend war, dass dies keine Diskussionsfrage sei, weil wir Menschen sind, wir müssen helfen, und alle finanziellen Fragen werden vom Sozialdienst übernommen.
Es war bitter und beleidigend, diese Worte zu hören, denn vor unserer Intervention haben sie irgendwie die Menschlichkeit, die Barmherzigkeit und zumindest ihre beruflichen Verpflichtungen vergessen.

Wir fuhren mit zwei Autos zum Krankenhaus, aber unter Hinweis auf den Mangel an Plätzen wurde uns empfohlen, am 6.1.2020 zu kommen. Dann gingen wir zum Hausarzt, die Dame von der Diakonie erzählte ihm von dem Problem, aber der Hausarzt erhob Einwände, da er es für sinnlos hielt, Khamzat ins Krankenhaus zu bringen. Dann stellte ich mich vor und erklärte den Ernst der Situation und meine Absichten (Ich habe ihm verständlich machen wollen dass ich einen Anruf beim Bürgermeisters tätigen würde), über seine medizinische Verantwortung, woraufhin wir eine Überweisung erhielten. Danach gingen wir zurück zum Flüchtlingsheim und riefen unterwegs den Krankenwagen, dessen Mitarbeiter eine Stunde später eintrafen. Khamzat wurde in das Hera-Krankenhaus gebracht, und ich ging als Dolmetscher mit ihm. Am Ankunftsort erzählte ich den Mitarbeitern des Krankenhauses über die Ereignisse. Das Personal war entsetzt darüber. Khamzat wurde in das Universitätsklinikum in Gera. Jena überwiesen, wo er ab diesem Zeitpunkt in stationärer Behandlung ist

Der Vorfall in der Stadt Gera darf nicht zu einem gewöhnlichen Vorfall gegen einen tschetschenischen Flüchtling werden, sondern als eine kriminelle Haltung gegenüber dem menschlichen Leben selbst wahrgenommen werden. Rechte und das Gesetz sollten für alle gleichermaßen gelten. Politiker, Journalisten und Menschenrechtsaktivisten riskieren ihr Leben, um diese Gerechtigkeit herzustellen.
Wir werden dankend jede rechtliche, informative, auch nur moralische Unterstützung von jedem annehmen, dem die Prinzipien der Menschenrechte und Freiheiten am Herzen liegen. Es ist nicht nur ein Unglück eines tschetschenischen Flüchtlings – es ist unser gemeinsames Unglück, wenn die Grundsätze der Demokratie und der Freundschaft zwischen den Völkern von ethnischen Vorurteilen mit Füßen getreten werden.
Z. Dokudaev, Leiter des DNSK-Zentrums.

info.dnskzentrum@gmail.com

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Tschetschenisches Kulturverein ICHKERIA

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Foto: Kulturverein ICHKERIA

Das tschetschenische Kulturverein ICHKERIA wurde im Jahr 2015 von uns gegründet und ist seitdem sehr aktiv. Wir haben die vergangenen Jahre immer mehr Menschen dazu bewegt im Namen des Vereins zu spenden. Eines der größten und bisher unerfüllten Wünsche, die wir haben, ist es einen eigenen Raum zu haben, welcher uns die Möglichkeit gibt unsere Vereinstätigkeiten zu repräsentieren. Vor der Vereinsgründung arbeiteten wir im Namen eines anderen Vereins “Demokratische Tschetschenen in Österreich“.

Der Verein bietet Unterstützung für Geflüchtete, besonders für alleinerziehende Mütter. Alleinerzieherinnen stehen vor eine großen Herausforderung, Arbeit und die Betreuung ihrer Kinder unter einen Hut zu bringen. Deshalb bieten wir Unterstützung und ein offenes Ohr. Zudem fördern wir die Integration, anhand von Sprachkursen, Computerkursen, Workshops, Beratung und gemeinsamen Aktivitäten wie Kochkursen und Sport. Es ist uns ein wichtiges Anliegen, interkulturell zu agieren und mit verschiedenen Organisationen zusammen zu arbeiten.

Für fast ein Jahr hatten wir die Möglichkeit im “CORE” einige Räume für unsere Kurse zu bekommen. An Samstagen haben sich Frauen, Männer und Kinder versammelt um die für sie vorgesehenen Kurse zu besuchen. Im Angebot standen zunächst Tschetschenisch, Russisch- und Englisch-Sprachkurse für Kinder, 3D-Animationskurse, Webdesign Kurse und für Frauen verschiedener Herkünfte einen Kochkurs.

Zur Repräsentation unserer Arbeit wurden Gäste zum “CORE” eingeladen, jedoch war dies nie zu hundert Prozent organisiert oder so wie es wünschenswert wäre.

Zu einigen unserer sehr gelungenen Veranstaltungen beziehungsweise Workshops zählen unter anderem die Sportveranstaltung im Sommer 2019, die wir mit dem afghanischen Verein „Neuer Start“ gemacht haben.

Am 11.Dezember 2019 haben wir eine Veranstaltung , die die -25 unversöhnlichen Jahre Krieg- mit Russland kennzeichnete gemacht. Zudem findet jährlich unsere Gedenkveranstaltung am 23.Februar statt, welche wir seit einigen Jahren im Amtshaus Margareten halten.Der 23.Februar kennzeichnet einen  Holocaust tschetschenisch-inguschischen Bevölkerung, bei dem von den 500.000 aus ihrem Häusern gerissenen Menschen nur weniger als die Hälfte diese Tragödie überlebten.

Der Kulturverein ICHKERIA ist ein vielfältige “Organisation” , welchen es an professioneller und finanzieller Unterstützung teils fehlt. Aus diesem Grund sind wir herzlichst bereit jede Hilfe entgegen zu nehmen.

Tschetschenischer Kulturverein ICHKERIA
IBAN: AT381200010013263511
BIC: BKAUATWW

 

© Bild: Heinz Wagner
© Bild: Heinz Wagner

 

 

© Bild: Heinz Wagner

 

 

 

 

 

Was wird aus den Kindern – auch nach dem Krieg?

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© Bild: Heinz Wagner

Kinder und Jugendliche trugen mit Gedichten zum Kulturprogramm des Vereins „Ichkeria“ bei – Anlass: 25 Jahre seit Kriegsbeginn.

von Heinz Wagner

Umar, Ali/Ela, Jasmina, Lina, Seda und Amina sitzen auf Sesseln auf der Bühne im Halbkreis. Gegenseitig ermahnen sie sich noch „wir müssen ganz ernst bleiben, was wir erzählen ist ja echt im Krieg passiert“. Als Ruhe im Festsaal der Bezirksvorstehung Margareten (5. Bezirk in Wien) einkehrt, ertönt zunächst fürchterlicher Fluglärm. Kriegsflugzeuge. Kinder halten sich die Ohren angestrengt zu. Und beginnen dann zu erzählen.

Wir befinden uns in einer Situation im Keller einer Schule in Grosny, der Hauptstadt Tschetscheniens. In einem der Kriege Russlands gegen die kleine, nach Freiheit und Unabhängigkeit strebende Republik im Kaukasus. Die eingangs genannten Kinder schildern Erlebnisse, die zum Glück nicht sie selbst, aber andere Kinder, Jugendliche und Lehrer_innen er-, viele von ihnen aber nicht überlebt haben.

Die besagte Runde bildete den Auftakt zur Veranstaltung „25 unverzeihliche Jahre“ des tschetschenischen Kulturvereins Ichkeria (der Name des Landes in dieser Sprache) in Wien, die dann vom Ichkeria-Obmann Khusein Ishanov offiziell eröffnete.

So wie die vorgetragenen Schilderungen sind auch die Fotos im Nebenraum des Festsaals kaum zu ertragen – aber sie spiegeln die grausem Wirklichkeit des Krieges, nein der beiden Kriege Russlands gegen Tschetschenien wider.

Schilderungen sind auch in Form von Ausschnitten aus Filmen von Kim Traill, einer australischen Journalistin, die in Tschetschenien Reportagen gedreht hatte – und von Schilderungen der tschetschenischen Journalistin und Schriftstellerin Lula Zhumalaeva – vorgetragen durch Jugendliche aus Wien.

Interessante Hintergründe zum ersten Tschetschenienkrieg lieferte Ekkehard Maaß, Vorsitzender der Deutsch-Kaukasischen Gesellschaft in Berlin.

Fortgesetzt wurde bei der Veranstaltung auch die schon im Sommer beim Sport- und Kulturfest des afghanischen Vereins „Neuer Start“ begonnene Zusammenarbeit – mit Grußworten von Shokat Ali Walizadeh.

Jasmina und Ali („auf tschetschenisch ist mein Name Ela“) trugen ein sehr beeindruckendes und nachdenklich machendes Gedicht vor:

Was wird aus den Kindern
Die sehen die Schrecken
Welche Gedanken
Werden die wecken

Leben mit Bomben
Mit Trauma und Tod
Farben den Krieges
Sie sind schwarz und rot

Häuser in Trümmern
Nirgendwo Halt
Ängste statt Liebe
Folter Gewalt

Was wird aus den Kindern
Die all dieses sehen
Werden sie jemals
Den Frieden verstehen

Werden sie hassen
Die die sie gehetzt
Oder verzeihen
Denen, die sie verletzt

Auch Lebensfreude und Hoffnung

Trotz aller tragischen Schicksalsschläge auch oftmals unter Verwandten und Freund_innen aus dem Umfeld der Community, strahlte die Veranstaltung auch Lebensfreude und Hoffnung auf eine bessere Zukunft aus. Am intensivsten spürbar werden ließ dies die aus den Niederlanden angereiste Sängerin Louiza Saitova mit Gitarrist Frans van Dijk.

Aber auch die aus dem Waldviertel kommende Sängerin-Songwriterin Angie Zach munterte mit Songs – am Piano und an der Gitarre auf – zur Überraschung der Gäste hatte sie auch die tschetschenische Hymne erlernt, mit der der offizielle Teil der Gedenkveranstaltung abgeschlossen wurde – bevor es an das üppige, köstliche buffet ging, bei dem auch das eine oder andere mögliche künftige gemeinsame Projekt besprochen wurde.

Follow@kikuheinz

ichkeria.at

Bei der Hymne …

Weiter auf:  https://kurier.at/kiku/was-wird-aus-den-kindern-auch-nach-dem-krieg/400703850?fbclid=IwAR18weCWU5Q3umjQzIaDLhqYPQoHYvC9ZS-hdIxB80HyAMqRZQ_OZXQ5Uyw

 

Der Geruch des Feindes

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An dem Tag, als ich auf diese Welt kam, wurde Groznys Nachbarschaft von russischen Bomben in Stücke gerissen. Meine einjährige Schwester, meine Großmutter und mein Großvater warteten zu Hause im ruhigen Zentrum der Stadt auf uns. Jedes Mal, wenn eine andere Bombe mit einer Dröhnen zu Boden fiel, die Fenster in den Fenstern klingelten und das Geschirr im Schrank klapperte, beruhigte die Großmutter ihre Schwester: „Boow, solche Feuerwerke werden am Hochzeitstag meiner Enkelin rasseln!“ Die Verantwortung für die Enkelin übertönte dann die Angst meiner Großmutter, sie litt an Herzschmerzen.

Ein paar Tage alt, in den Armen meiner Mutter, verließ ich das Land meiner Vorfahren. Ich hatte mehr Glück als die zehntausenden getöteten tschetschenischen Kinder. Ich bin am Leben geblieben. Nach 4 Jahren kehrte ich mit dem überlebenden Teil des Hauses zum selben Hof zurück. Wir Kinder durften nicht über die Tore hinaus, die voller Fragmente waren. Viele wilde Hunde gewöhnten sich an die Stadt, auch an das menschliches Fleisch. Und die Kinder waren leichte Beute für sie.

Wir haben in der Stadt und im Dorf meiner Mutter den ganzen Sommer verbracht. Der Herbst war nun vor der Tür. Wir spielten nachlässig und hatten keine Ahnung, dass der zweite Krieg wieder vor stand. Mama wartete darauf, dass uns ein ausländischer Pass aus dem Land mit dem wir Krieg führten gegeben wird. Aber den Tschetschenen wurden hartnäckig jegliche Pässe verweigert. So habe ich den Beginn des zweiten russisch-tschetschenischen Krieges miterlebt.

Eines Herbsttages spielten meine Schwester und ich auf einem großen dicken Teppich in einem Raum, in dem sich abends meine große Familie versammelte. Plötzlich gab es ein Poltern, ein Rasseln und die Wände zitterten. Schwester rannte zum Fenster. Ich rannte vom Fenster in die Küche zu meiner Mutter. Ich blieb sitzen. Ich glaube, ich war taub vor Schock und konnte mich nicht bewegen. Es gab scharfe Schreie, einen automatischen Ausbruch und ein trauriges Kreischen unseres Hundes Sharik.

Endlich konnte ich aufstehen und ging langsam in die Küche. Viele Männer mit Waffen füllten unsere Küche. Mama hielt die Stuhllehne fest, Mehl wurde auf den Tisch gestreut und ein Sieb lag auf der Seite. Einer der Soldaten, wahrscheinlich der Kommandeur, fragte meine Mutter nach den männlichen aus der Familie. Sie antwortete ruhig, dass es niemanden gab, nur sie und die zwei Kinder. Ich wollte diesen Onkel erwähnen, den jüngeren Bruder meiner Mutter, aber ich überlegte es mir anders. Mama, obwohl sie ruhig war, sah ungewöhnlich aus. Das Militär stieß mich von der Tür und ging mit schmutzigen Schuhen in die Zimmer. Das Haus füllte sofort den widerlichen Geruch von schmutzigen, ungewaschenen Körpern und etwas anderem, wahrscheinlich riecht der Feind so.

In der Mitte der großen Küche stand ein großer Esstisch. Er stand genau in der Mitte eines großen Teppichs. Der Kommandant zog einen der Stühle heraus und setzte sich. Er begann zuzuhören, ohne meine Mutter aus den Augen zu verlieren. In der Zeitspanne trug das Militär unsere gepackten Koffer aus dem Schlafzimmer. Da waren alle unsere Kleider und Schmuck drinnen. Schmutzige und stinkende Männer nahmen unsere Sachen und Kieselsteine ​​mit, aber meine Mutter schwieg.

Andere Soldaten begannen Lebensmittel, Utensilien, Töpfe und Besteck aus den Küchenschränken zu holen. Sie nahmen eine noch warme gusseiserne Pfanne vom Herd. Der Kommandant stand vom Tisch auf, ging in die Hocke und hob die Ecke des Teppichs unter dem Tisch. Schwester, die sich auf den Tisch lehnte und schwankte, sagte ich hätte mein Geschäft auf dem Teppich erledigt. Ich war empört, schwieg aber. Die Soldaten hoben den Teppich weiter hinauf und deckten den Boden auf. Meine Schwester fügte hinzu, dass ich tatsächlich mehrmals mein Geschäft auf diesem Teppich erledigt hatte. Ich sah Mama an, ihr Gesicht war ausdruckslos.

Meine Schwester fuhr fort, dass der Teppich in dem großen Raum neu war und ich noch nicht darauf uriniert hatte. Ich ging zu meiner Mutter und hielt ihre Hand.

Der Soldat stand abrupt auf, warf die Ecke des Teppichs und ging in den Raum nebenan. Er kehrte mit zwei weiteren Soldaten, einem eingerollten Teppich, einem Präfix und zwei weitere Fernseher zurück.

Radiosender und übel riechende Männer mit zappelnden Waffen verließen das Haus und trugen Haushaltsgeräte, Bettzeug und Teppiche auf dem Rücken, zwischen den Achseln und in den Händen.

Aufgeregte Soldaten luden geräuschvoll ihre Tankwägen und ließen Dieselrauch und eine von Raupen gepflügte Fliese im Hof ​​zurück. Wasser floss aus einem offenen Wasserhahn direkt am Tor in den Garten. Auf dem Boden lagen Fragmente einer zerbrochenen Gurkendose. Sie räumten die Vorbereitungen für den Winter aus den Vorratsgläsern – mit gedünsteter Ente, Eingelegtem, Eingemachtem, Nüssen und getrockneten Früchten auf langen Schnüren.

Ich sah zu den geschwungenen, liegenden Toren. Die Kugel lag mit voller Wucht in einer Blutlache an der Hauswand. Wegen meinem Schrei kamen meine Mutter, meine Schwester und mein Onkel, der gerade von meiner Schwester gerettet worden war, angerannt. Mama versteckte ihren Bruder, sobald sie das Panzerklirren auf der Straße in einem kleinen Keller unter demselben Tisch in der Küche hörte.

Scharik wurde unter einer großen Nuss begraben. Ich habe meine Mutter noch nie so bitterlich weinen sehen. Mein geliebter Hund, kam als Welpe im ersten Krieg aus dem Nichts in das Haus von meinen Großeltern. Sie bekam Milch aus meiner Flasche mit einem Schnuller, bevor er vor dem ersten Krieg davonlief.

Amina Umarova

Anne Nivat. Mitten den Krieg. Ein Winter in Tschetschenien.

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Russlands Krieg gegen die Tschetschenen

„Verhält sich so ein Terrorist?“

Von russischer Granate verletzter Junge in Tschetschenien.

Das Buch Mitten durch den Krieg – ein Winter in Tschetschenien hat die französische Journalistin Anne Nivat geschrieben. Nach dem ersten russisch-tschetschenischen Krieg ist sie zum ersten Mal in den Kaukasus, unter anderem nach Tschetschenien, gefahren. Die zweite Tschetschenien-Reise machte sie Ende Januar 1997 zu den ersten tschetschenischen Präsidentschaftswahlen, aus denen Aslan Maschadow als Sieger hervorging, dessen Legitimität als Präsident des unabhängigen Tschetschenien von Moskau nicht mehr anerkannt wird. Als der Konflikt im September 1999 ausbrach, beantragte sie ihre Akkreditierung als Journalistin, doch die russischen Behörden lehnten ab. Sie beschloss dann, den Krieg von der tschetschenischen Seite aus zu betrachten. Im September 1999 ist sie von Moskau nach Dagestan gefahren, zunächst in die Hauptstadt Machatschkala, dann durch Inguschetien nach Tschetschenien, wo sie bis zum Februar 2000 blieb. Die ganze Zeit lebte sie mit Tschetschenen zusammen.

Ich war bis Ende September 1999 in Tschetschenien. Dort lebte ich auch im ersten Tschetschenien-Krieg. Nach den ersten Bombardierungen 1999 wollte ich zurück nach Grosny, wurde aber von der Miliz angehalten. Danach war ich in einem Flüchtlingslager in Dagestan.

„Was wird morgen geschehen?“
In dem Buch beschreibt die Autorin schwere Menschenrechtsverletzungen an Tschetschenen sowohl auf dem tschetschenischen Territorium als auch in Russland. Schon am Anfang des Buches beschreibt die Autorin Kontrollposten des MVD (Russisches Innenministerium), am Grenzübergang von Dagestan wurde von ihr Geld gefordert. Unterwegs in Inguschetien trifft sie eine Kolonne mit Flüchtlingen aus Tschetschenien, die immer wieder sagen, dass ihr einziger Wusch ist, Frieden zu haben, ein Leben ohne Krieg: „Eigentlich hat man keine Angst mehr davor, getötet zu werden. Es ist dieses ständige Warten, das einem das Leben zur Hölle macht. Was wird morgen geschehen? Wer wird an der Regierung sein? Wann beginnt der Einsatz von Bodentruppen: Niemand weiß auf diese Fragen eine Antwort. Deshalb gehen die Leute weg.“

Im September 1999 lebten offiziell 3500 Menschen aus Tschetschenien in Inguschetien, es gab noch weit mehr nicht registrierte Flüchtlinge. Der stellvertretende Leiter der kommunalen Migrationsbehörde in Nasran erzählt: „Kein öffentlicher Ort, kein Verwaltungsgebäude, kein Bahnhof, der von ihnen nicht in Beschlag genommen wäre. Sie schlafen auf der bloßen Erde oder auf Matratzen und Teppichen, die sie im Gepäck mitführen. Sie irren von Dorf zu Dorf, in der Hoffnung auf Arbeit und einen Schlafplatz für die Nacht.“ Auch die „offiziellen“ Flüchtlinge im Zeltlager sagen: „In Wahrheit stecken wir ganz schön in der Sackgasse. Niemand kümmert sich um uns. Und außerdem haben wir sowieso nichts zu sagen. Wie Zigeuner müssen wir jetzt umherziehen.“ Nur das kleine Inguschetien mit seinen rund 800.000 Einwohnern hat sich bereit erklärt, Flüchtlinge aufzunehmen.

Auf dem Weg nach Grosny hört die Autorin auch die Geschichte des Freundes eines Bekannten aus Moskau: „In Moskau kann er sich nicht mehr blicken lassen: Er wird gesucht. Vor einigen Monaten hat man in seinem Auto Granaten und andere verbotene Waffen gefunden. Er selbst behauptet, der russische Geheimdienst habe die verdächtigen Accessoires in seinem Kofferraum platziert, um ihn verhaften zu können.“

„Mein Sohn lag in einer Blutlache“
In Grosny sieht sie die totale Zerstörung, rund um die Uhr arbeitet nur der Markt der Straßenhändler, dort befindet sich auch der Waffenmarkt. Sie fährt alleine nach Inguschetien zurück, dort besucht sie ein Krankenhaus, sie sieht viele Verletzte. Eine Frau erzählt: „Mein Sohn und sein Freund wollten spielen gehen. Kaum waren sie draußen, hörte ich in nächster Nähe russisches Artilleriefeuer. Ich fing an zu schreien, weil ich ahnte, was passiert war. Was wir auf der Straße sahen, war ein Bild des Grauens. Überall lagen Arme und Beine herum, in Stücke gerissene Körper. Mein Sohn lag in einer Blutlache, beide Beine zerfetzt.“ Die Beine wurden ihrem Sohn abgenommen, weil die Menschen wegen der geschlossenen Grenze nicht sofort zum Krankenhaus konnten. Außerdem gibt es im Krankenhaus keine Medikamente, die meisten Patienten werden ohne Betäubung operiert.

Als sie wieder nach Grosny kommt, trifft sie Madina Lobskaja, Journalistin beim tschetschenischen Staatsfernsehen. Als die russische Luftwaffe eine Flüchtlingskolonne angriff, waren Madina und ihr Kameramann als einzige Journalisten eineinhalb Stunden später vor Ort. Sie haben alles auf Video aufgenommen. Die beiden überfüllten Busse wurden voll getroffen, zu beiden Seiten nichts als Tote. Die Menschen glaubten an jenem Tag, die Russen hätten einen Korridor nach Inguschetien geöffnet. „Die wenigen tschetschenischen Journalisten, die hier für russische Fernsehsender arbeiten, weil diese es nicht wagen, ihre eigenen Leute zu schicken, wollten die Aufnahmen nicht haben. Sie sagten, kein Sender würde sie ausstrahlen. Am selben Tag sagt die russische Regierung, ihre Streitkräfte hätten einen Terroristentross angegriffen.“

„Eine unverschämte Lüge“
Im „Hauptquartier“ in Grosny trifft Anne Nivat auch den tschetschenischen Präsidenten Aslan Maschadow. Das ist ein bisschen schwierig zu organisieren, weil er seit Anfang des Krieges täglich sein Büro wechselt. Zunächst trifft sie seinen Vizepräsidenten Kasbek Makaschow: „Wir haben keine Krankenhäuser und keine Entbindungsheime mehr. Die Russen haben sie bombardiert: Das sind die terroristischen Stellungen, von denen sie immer sprechen. Die Russen sind an Zynismus nicht mehr zu überbieten: Tschetschenen und Terroristen sind für sie ein und dasselbe. Putin hat auf dem Helsinki-Gipfel (10. Dezember 1999) behauptet, es handle sich nur um einen »Sondereinsatz«, aber das ist eine ganz unverschämte Lüge. Wer Terroristen bekämpfen will, greift zu gezielten Mitteln. Nirgends auf der Welt bekämpft man den Terrorismus, indem man ein ganzes Land, ein ganzes Volk bombardiert.“

Danach trifft sie Maschadow: „Hier herrscht Krieg, auch wenn die russischen Medien das Gegenteil behaupten und die Verluste an Menschenleben herunterspielen. Fakt ist, dass die Russen versuchen, unsere ganze Bevölkerung zu vernichten. Wie ist es nur möglich, dass die russischen Militärs nicht begreifen, dass dieser Krieg beendet werden muss.“ – „Ich bin weiterhin der Überzeugung, dass wir uns mit einem so großen Land wie Russland durchaus hätten einigen können, vor allem was die Wirtschaftsbeziehungen anbelangt. Ich habe das auch Jelzin gesagt. Ich bin bereit, die russischen Interessen im Kaukasus zu verteidigen. Außerdem habe ich ihn gefragt, warum er dauernd einen Krieg in Tschetschenien brauchte. Er wusste darauf keine Antwort. Jedenfalls werden sie diese Festung hier niemals einnehmen.“

Auf einer weiteren Reise kommt die Autorin in das Dorf Atschckoij Martan, 45 Kilometer südwestlich von Grosny. Sie wird in ein Haus eingeladen, und der Besitzer des Hauses erzählt: „Ich bin kein Intellektueller, aber ich verstehe diesen Krieg nicht. Was will dieser Putin eigentlich von uns? Ich weigere mich, dass man mich vor meinen Kindern als Terrorist beschimpft. Hier im Dorf teile ich alles mit meinen Mitmenschen. Heute morgen brachte meine Tochter Asa unserer Nachbarin die Hälfte der Milch, die unsere beiden Kühe geben. Verhält sich so etwa ein Terrorist? Fünf meiner sechs Kinder sind im Krankenhaus, sie wurden von Bombensplittern getroffen. Meine Frau liegt im Krankenhaus, aber schon viel länger: Sie leidet an Krebs. Trotzdem erlaubt man mir nicht, über die Grenze zu gehen, um sie zu besuchen. Die Russen lassen uns praktisch keine andere Wahl, als zu den Waffen zu greifen. Was würden Sie denn an meiner Stelle tun?“

„Die Grenze ist geschlossen“
Ende November kommt Anne Nivat wieder nach Inguschetien in ein Flüchtlingslager. Die Flüchtlinge wohnen dort in alten Waggons, die Menschen haben nichts zu essen, oft kriegen sie nur eine Tasse Tee am Tag: „Wir haben nichts zu essen, weil wir kein Geld mehr haben. Alles ging für den Bus drauf. An der Grenze mussten wir stundenlang warten, weil wir nicht bezahlen konnten.“ Eine Frau kommt zum Gespräch, sie trägt nur ein ärmelloses Sommerkleid, alles was sie mitnehmen konnte. Andere Frau hat eine schwere Kopfverletzung, sie hat Schmerzen, war aber bei keinem Arzt. Sie weiß nicht, an wen sie sich wenden soll, denn medizinische Hilfe ist für die Waggons nicht vorgesehen. Die Menschen fühlen sich wie im Zweiten Weltkrieg.

Später kommt die Autorin wieder nach Tschetschenien. In einem Dorf, das bereits von der russischen Armee besetzt ist, verkaufen die Frauen auf dem Markt, was sie können: Zahnpasta, Kekse, Tee. Eine Frau erzählt über die russischen Soldaten: „Sie kommen nicht oft hierher, aber gestern gegen 17 Uhr tauchten sie in ihrem BTR auf. Sie wollten ihre Raketenwerfer gegen vier Flaschen Wodka tauschen. Aber wir haben hier keinen Wodka. Sie waren völlig betrunken, und wir hatten keine andere Wahl, als sie gewähren zu lassen.“

Auf dem Weg zurück nach Inguschetien gelangt sie an die Grenze. Zusammen mit anderen Flüchtlingen kommt sie an die Grenzkontrolle. „Die Grenze ist geschlossen.“ Als sie nach dem Grund fragen, sagen die Soldaten: „Es gibt keinen Grund, wir folgen nur den Befehlen.“ Alle Flüchtlinge müssen bis zum nächsten Tag warten, in der Hoffnung, dass am nächsten Tag die Grenze geöffnet wird. „Die schließen die Grenze nur, um Geld abzuzocken. Vormittags zahlt man 1000 Rubel – für tschetschenische Verhältnisse eine exorbitante Summe – und darf dafür die ganze Schlange überholen. Aber nach dem Mittagsessen wollen sie nur noch Dollar sehen, hundert für jede Person. Also kommt niemand mehr durch. trotzdem bleibt uns nichts anderes übrig, als zu warten – man weiß ja nie.“

Später kommen russische Soldaten und fragen nach Wodka. Als die Flüchtlinge antworten, dass sie keinen Wodka haben, bieten die Soldaten billiges Benzin. „Wir geben Ihnen, so viel Sie haben wollen, wenn Sie Alkohol und Kekse dagegen tauschen.“

Die Autorin beschreibt, wie im Dezember 1999 die russische Armee den Einwohnern den Befehl gibt, Grosny in 48 Stunden zu verlassen. Viele Einwohner, Frauen und Kinder, erfahren nichts über das Ultimatum – trotzdem wird Grosny 48 Stunden später bombardiert. Die meisten Opfer sind alte Leute und Kinder.

Sie beschreibt, wie in einem Dorf, das schon von russischen Soldaten eingenommen wurde, russische Soldaten volltrunken mit einem BTR ein Auto mit Menschen plattgewalzt haben. Ein Journalist wollte das fotografieren, die Soldaten haben ihn weggebracht, der Offizier hat seine Soldaten beschimpft: Wieso sie es zugelassen hätten, dass ein Journalist fotografiert hat.

Dass die russischen Soldaten Geld wollten, beschreibt die Autorin auch an einem anderen Beispiel: Aus umstellten Orten ließen sie manchmal nur Frauen raus oder nur Leute mit Papieren, aus Grosny durften aber die tschetschenischen Kämpfer – gegen Geldzahlung – abziehen. Sie beschreibt auch Selbstverstümmelungen russischer Rekruten, die damit ihren Kriegseinsatz vermeiden wollen.

„Ohne ersichtlichen Grund erschossen“
Am Ende des Buches schildert Anne Nivat, wie sie Anfang Februar ein Dorf bei Grosny besucht. Sie wollte von dort aus weiter, aber dann kamen die Boiwiki, die tschetschenischen Kämpfer aus Grosny, dort an. Sie hatten nach viertägiger Bombardierung Grosny durch einen Korridor verlassen können, das war aber eine Falle: Der Korridor war vermint. Nachdem sie im Dorf waren, lieferten sie von der russischen Armee beobachtet ihre Verletzten im Krankenhaus ein, zwei Tage lang machte die russische Armee nichts. Erst als alle Boiwiki versammelt waren und das Krankenhaus voll belegt, begannen Bombenangriffe und Artilleriebeschuss. Das dauerte 24 Stunden lang.

Die Autorin blieb in einem Haus, konnte es nicht verlassen. Das Haus wurde als einziges in der Straße nicht getroffen. Danach durchsuchten russische Soldaten die übrigen Häuser, an diesem Haus gingen die Soldaten vorbei, die Autorin hatte Glück. „Am Nachmittag erfahren wir, dass die Soldaten zwei Straßen weiter sieben Menschen, darunter mehrere Frauen, erschossen haben, ohne ersichtlichen Grund. Die Russen seien sturzbetrunken gewesen, heißt es.“ An anderer Stelle sagt eine Bekannte der Autorin über die russischen Soldaten: „Für Wodka würden die ihre Mutter verkaufen.“ Kurz danach fuhr die Autorin nach Moskau zurück.

In der Zeit, in der sie in Tschetschenien war, traf die Autorin auch Basajew und einige der Wahabiten. Sie kämpfen für einen islamischen Staat wie Afghanistan. Ganz Russland behauptet, dass Tschetschenen und Wahabiten dasselbe seien, und dass alle Terroristen seien. Sie traf auch Chattab, die rechte Hand von Basajew, Veteran des Afghanistan-Krieges, er stammt aus Jordanien oder Saudi-Arabien. Die Autorin beschreibt aber an mehreren Stellen, dass viele Tschetschenen von den Wahabiten nichts halten, es gibt auch Kämpfe zwischen Tschetschenen und Wahabiten.

Im ersten Tschetschenien-Krieg, als ich noch dort war, gab es keine Wahabiten. Es gab welche, die in ihren Dörfern wohnten, aber sie haben nicht gekämpft und niemanden gestört. Das ging so bis zum Anfang des zweiten Krieges.

„Verlass unsere Stadt“
Ich habe selbst in Tschetschenien einige Monate nach dem Tod meines Vaters im Sommer 1995 eine Durchsuchung unseres Hauses durch die Spezialeinheit OMON erlebt. Sie haben meine Mutter geschlagen, alles, was sie gefunden haben, weggenommen, Gold und Geld weggenommen und mich auch geschlagen. Eine Jagdwaffe in unserer Wohnung haben sie als Kriegswaffe ins Protokoll geschrieben. Als meine Mutter aus Tschetschenien weg wollte, nach Orol, wo sie geboren war, gab ihr die russische Miliz keine Erlaubnis, sie konnte sich dort nicht anmelden. Ich war im Dezember 1998 und Januar 1999 in Moskau, ich hatte erst eine gekaufte provisorische Anmeldung für einen Monat, nach einem Monat wollte ich eine offizielle Anmeldung für einen Monat, die russische Miliz hat mir gesagt, dass ich in 24 Stunden Moskau verlassen muss, sonst nehmen sie mich fest.

Im Herbst 1999, nach dem Beginn des Krieges, war ich in Dagestan im Flüchtlingslager. Die Soldaten und Offiziere dort waren auch immer ziemlich betrunken, sie haben mit uns gemacht, was sie wollten. Wir konnten nichts dagegen tun. Deshalb weiß ich, dass die Autorin die Wahrheit schreibt. Ich glaube auch, dass die russische Regierung mit diesem Krieg Geld verdient.

Wer soll dieses Buch lesen? Die, die über Asylanträge entscheiden: Bundesamt und Bundesbeauftragter und Richter in Schleswig und an anderen Verwaltungsgerichten, die entscheiden, was mit Menschen geschieht, die aus Tschetschenien kommen. Das Bundesamt hat mir das „kleine Asyl“ (§ 51 Ausländergesetz) zuerkannt. Der Bundesbeauftragte hat dagegen geklagt, er meint, ich könne in Russland wohnen – obwohl sich niemand aus Tschetschenien in einer anderen Stadt in Russland anmelden kann, ohne Geld zu bezahlen. Wer kein Geld bezahlt, bekommt keinen Status, keine Unterkunft, keine Arbeit, keine Schule und kann vor der Stadt verhungern.

Außerdem gibt es in Zeitungen, im Fernsehen, von der Regierung Propaganda gegen Tschetschenen: Sie seien alle Terroristen, alle zwischen 12 und 60 Jahren. Von der russischen Bevölkerung werden Tschetschenen gehasst: „Verlass unsere Stadt. Verlass unser Dorf.“ Viele werden von der Miliz festgehalten, mit falschen Zeugen beschuldigt, etwas in ihre Tasche gesteckt und dann „gefunden“. Deshalb bleiben viele Menschen in Tschetschenien, obwohl der Krieg weitergeht.

Anne Nivat: Mitten durch den Krieg. Ein Winter in Tschetschenien. Rotpunktverlag, Zürich 2001, 264 Seiten, 19,43 Euro (38 DM). Weitere Rezensionen im Gegenwind 160, Januar 2002: Literatur über den Kaukasus und zum Thema Kindersoldaten.

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