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Deportation 1944

Andenken an Aardax

Die Deportation der Tschetschenen und Inguschen

рубрика: Deportation 1944/Kunst & Kultur

Das Schicksal der Krimtataren ist seit dem Sieg von Jamala beim Eurovision Song Contest auf der ganzen Welt bekannt, weit weniger beachtet wurde, dass 1944 auch Tschetschenen, Inguschen, Karatschaier, Balkaren, Mescheten und Kalmücken deportiert worden sind und dies obwohl Daria Kulesh zwei wundervolle Lieder über Aardax, den berühmt berüchtigten «Panther» Laisat Baisarowa und das Schicksal ihrer Großmutter Diba Posheva-Akhrieva komponiert hat.

Obwohl die literarischen Kontakte zwischen Europa und dem Kaukasus bis in die Zeit der Kreuzzüge und Minnesänger zurückreichen, hat der Kaukasus in den Augen der Europäer immer noch etwas Exotisches an sich. Wie beachtenswert und alt die bilateralen deutsch-kaukasischen Kontakte in der Literatur auch sein mögen so sind es doch die russischen Schriftsteller, die dem Thema Kaukasus Eingang in die Weltliteratur verschafft haben. Mehr noch als Italien die europäischen Dichter anzog, faszinierte der Kaukasus die russischen Poeten: Alexander Puschkin, Lew Tolstoi oder Maxim Gorki wurden von der Kultur und Natur des Kaukasus inspiriert, ihre Werke waren aber nicht frei vom kolonialen Klischee des «kriminellen Kaukasiers» oder «wilden Wainachen».

Niemand anders aber hat die Kultur des Kaukasus und den Reiz eines multinationalen kulturellen Lebens besser beschrieben als der abchasische Schriftsteller Fasil Iskander. Zur Vielzahl der vorhandenen Ethnien erfindet er noch ein fiktive (die Endurier) hinzu, um auf das Leid der durch Stalin deportierten Völker des Kaukasus aufmerksamen zu machen. Über diese Deportation und eines dieser Völker die Nochtschi, von den Russen auch «Tschetschenen» genannt, handelt dieser Text.

Zwischen November 1943 und Dezember 1944, als von der deutschen Wehrmacht schon keine Gefahr mehr ausging, ließen Stalin die Krimtataren, die Kalmücken und die Kaukasusvölker der Tschetschenen, Inguschen, Karatschaier, Balkaren und Mescheten nach Mittelasien deportieren. Zehntausende Lastwagen und Güterwaggons, 100.000 NKWD-Soldaten und drei Armeen der Landstreitkräfte wurden dafür, trotz des »Großen Vaterländischen Krieges«, in den Kaukasus geschickt.

Eine Untersuchungskommission des NKWD hatte im Oktober 1943 die Region bereist und war zum Schluss gekommen, dass Tschetschenen und Inguschen religiöse Fanatiker und Banditen und eine ständige Bedrohung für die sowjetische Ordnung seien. Als Begründung für die Deportation wurde ihnen eine Kollaboration mit dem faschistischem Feind unterstellt. Dies obwohl viele im 255. tschetschnisch-inguischen Kavallerie-Regiment der Roten Armee dienten und einige, wie Mawlid Aleroevich Visaitov, in der Schlacht von Stalingrad kämpften sowie mit dem Orden der Sowjetunion ausgezeichnet wurden. (Zur gleichen Zeit wurden in den Verleihungsdokumenten anderen Nationalitäten niedergeschrieben: Khavadzhi Magomed-Mirzaev wurde als Tartare, Irbayhan Beybulatov als Kumyke, Khansultan Dachiyev als Ossete, Khanpascha Nuradilow als Aserbaidschaner und Abukhaji Idrisows Nationalität gar nicht angegeben)

Um die örtliche Bevölkerung zu beruhigen, wurde offiziell angekündigt, dass in den Bergregionen der Republik groß angelegte Übungen zur Vorbereitung des Vormarsches der Roten Armee in den Karpaten stattfinden würden. Die Truppen befanden sich in Lagern in der Nähe von Dörfern und die lokale Bevölkerung behandelte die Soldaten herzlich. Die am 31. Januar 1944 getroffene Entscheidung über die Deportation wurde im Februar 1944 umgesetzt. Am 21. Februar erteilte Beria dem NKWD die Anordnung, die tschetschenisch-inguschische Bevölkerung abzuschieben. Die Deportation und der Transfer von Zügen zu Zielen begann am 23. Februar 1944 um 2:00 Uhr Ortszeit und endete am 9. März desselben Jahres. Die Operation begann mit dem Codewort «Panther», das im Radio übertragen wurde.

Die Deportation begann damit auch an einem Festtag. Der 23. Februar war seit 1919 traditionell der Tag, um die Rote Armee zu feiern. Im Jahr 1944 luden die NKWD-Offiziere Tschetschenen und Inguschen ein, an den Feierlichkeiten teilzunehmen. Als die Tschetschenen und Inguschen am Vorabend ankamen, trafen sie jedoch bewaffnete Soldaten an und man sagte ihnen, dass sie das Land verlassen müssten. Oft hatten Familien nur eine halbe Stunde Zeit, um ihre Sachen abzuholen, bevor sie aus ihrer Heimat vertrieben wurden.

Am 23. Februar 1944 um 2 Uhr morgens wurden alle Ortschaften umzingelt, Spähtrupps und Hinterhalte aufgestellt, Radiosender sowie Telefone abgeschaltet. Um 5 Uhr morgens wurden alle Männer zu Versammlungen vorgeladen, wo ihnen die Verordnung des Staatlichen Verteidigungskomitees vom 31. Januar 1944 über die Deportation mitgeteilt wurde. Die Männer wurden daraufhin entwaffnet. Wenige Minuten danach hämmerten die Offiziere des NKWD an die Türe der tschetschenischen und inguschischen Häuser. Alle verdächtigen Personen wurden auf der Stelle festgenommen, im Falle des Widerstandes oder eines Fluchtversuchs wurde ohne Zurufe oder Warnschüsse sofort scharf geschossen.

Selbst die Familien der «Helden der Sowjetunion» Irbayhan Beybulatov, Khavadzhi Magomed-Mirzaev, Abukhaji Idrisows, Khanpascha Nuradilow, wurden mit allen anderen zusammen deportiert, auch die Frau und drei Kinder des heroisch verstorbenen Matash Mazaev, sowie die Verwandten des «ersten Kommunisten» Tschetscheniens Aslanbek Sheripov. Nach Kriegsende wurde schlussendlich Khansultan Dachiyev welcher noch am 15 Januar 1944 als «Held der Sowjetunion» ausgezeichnet wurde, ebenfalls nach Dschalalabat verbannt.

Es gab eine Reihe von Fällen, in denen Tschetschenen, die aus Verdienstgründen von der Deportation verschont wurden, jedoch freiwillig in die Verbannung gingen. Dies geschah zum Beispiel im Fall von Machmud Esambajew, der später Volkskünstler der UdSSR und «Held der sozialistischen Arbeit» wurde, und Muslim Gairbekov, einem prominenten öffentlichen und politischen Führer.

Die Namen der jeweiligen Territorien wurden umbenannt und die Grenzen neu gezogen, während die einzelnen Ethnien in Zügen ins ferne Zentralasien, nach Kasachstan und Kirgistan, gebracht wurden. 1272 «Sonderumsiedler» starben während des Transportes in Viehwaggons, 50 Personen wurden «offiziell» auf der Flucht oder wegen Widerstandes erschossen.

Teile der tschetscheno-inguischen Republik wurde den Nachbarvölkern, den Osseten, Dagestanern sowie Georgier zugeschlagen und der Rest bildete die Oblast Grosny. Die ethnisch gesäuberten Territorien wurden mit Menschen aus den Nachbargebieten, aber auch aus dem inneren Russlands und der Ukraine besiedelt. Der sowjetische Staat veranlasste die Änderung von Straßen und Ortsnamen, er ließ Denkmäler und Archive zerstören, Bücher aus Bibliotheken wegschaffen und Einträge zu diesen Völkern aus der Großen Sowjetischen Enzyklopädie löschen. Die Gräber von Tschetschenen und Inguschen wurden systematisch zerstört und die Steine für den Bau von Häuser benutzt.

Alle Denkmäler zu Ehren von Bürgerkriegshelden wurden vernichtet. In Grosny beseitigten die Behörden das 1923 eingeweihte Monument zu Ehren des »ersten Kommunisten« Tschetscheniens Aslanbek Seripovs. Jede Erinnerung an diese Völker sollte getilgt, ihr Beitrag im Bürgerkrieg und beim Aufbau des Sozialismus negiert werden. Dagegen wurde nun das Denkmal an den zaristischen General Alexei Jermolow in Grosny wieder aufgestellt, das in der frühen Sowjetzeit entfernt worden war.

Die Deportation zielte nicht nur darauf ab «Ordnung im Kaukasus» zu schaffen, denn im Verständnis der sowjetischen Machthaber sollte die Entwurzelung ganzer Völker auch deren als rückständig erachtete Traditionen und Lebensweisen vernichten. Im Exil sollte aus den sogenannten Sondersiedlern Sowjetmenschen geschaffen werden und dafür sollten die sozialen Bindungen unter den Menschen zerschlagen werden. Die örtlichen Sicherheitsorgane errichteten eine Kontrollherrschaft, die auf Repression und Einschüchterung beruhte. Die Menschen sollten zur Anpassung gezwungen werde. Nur wenn sie ihrer Arbeit in den staatlichen Landwirtschafts- und Industriebetrieben nachkamen, erhielten sie auch ausreichende Nahrungsrationen zugesprochen. Das Leben im Exil bedeutete unsägliches Leid, Hunger und Krankheiten rafften Tausende dahin.

Von der halben Million Nordkaukasiern, die 1943/44 nach Kasachstan deportiert wurden, verstarben bis 1946 1/5 und von den nach Kirgisistan ausgeschafften Sondersiedlern über ein Viertel aller Menschen. Erst ab 1950 stabilisierte sich die Situation und die Statistik verzeichnet wieder mehr Geburten als Todesfälle. Die Menschen halfen sich nach Möglichkeit untereinander, was die Not linderte. Auch zu den ansässigen kasachischen und krigisischen Bevölkerungsteilen entwickelten die Deportierten aus dem Nordkaukasus ein gutes Verhältnis.

In den Jahren 1940-1950 kam es zu massiven Zusammenstößen zwischen Deportierten und kriminellen Elementen, die mit Zustimmung der Behörden operierten. Die Kriminellen versuchten, die Tschetschenen und die Inguschen den Befehlen der «Diebe im Gesetz» zu unterwerfen. Die Gorzy (Bewohner der Berge) jedoch lehnten solche Versuche strikt ab und übernahmen oft gleichzeitig den Schutz von Russen, Muslimen und «politischen» welche nach Paragraf 52 verurteilt worden waren. Im Konflikt zwischen Urki und Seki konnten letztere auf die Unterstützung der Nordkaukasier zählen, unter anderem auch wegen der Gesetze der Gorzy. In den stalinistischen Lagern und Gefängnissen fungierten die Wainachen oft als Verteidiger der Benachteiligten. Aufgrund ihrer Traditionen wurde auch der sexuelle Missbrauch zwischen Männern wie er zwischen den Dieben im Gesetz oft praktiziert wurde, streng gesühnt. Auch der Schuldspruch nach Paragraf 58 führte zu Verbindungen zu anderen Nationen der Sowjetunion, welche ebenfalls als «Vaterlandsverräter» verurteil worden waren.

Der Tod Stalins 1953 führte zu einer Lockerung des Kontrollregimes. Die Repressionen gingen zurück, aber am Status der Exilierten änderte sich zunächst jedoch nichts. Erst mehr als drei Jahre nach dem Tod des Diktators, am 16. Juli 1956, wurde per Dekret die Einschränkungen aufgehoben, die der besondere Status den Exilierten auferlegte. Das Recht, in die Heimat zurückzukehren, wurde ihnen jedoch zu diesem Zeitpunkt nicht gewährt. Als danach dennoch Tausende auf eigene Faust in die Heimat zurückströmten, beschloss das ZK der KP am 24. November 1956, den Völkern die Rückkehr zu erlauben und die nationalen Territorien wiederherzustellen. Tausende von Awaren, Draginern und Laken, die nach der Vertreibung der Tschetschenen in die entleerten Gegenden umgesiedelt worden waren, mussten nun wieder in ihre ursprünglichen Siedlungsgebiete in Dagestan zurückkehren. Es kam aber auch deshalb zu Konflikten, weil die Grenzen der wieder errichteten tschetscheno-inguschische autonomen sozialistischen Sowjetrepublik nicht in jedem Fall mit denjenigen der ursprünglichen bestehenden Territorien zusammenfielen. Insbesondere die Inguschen beharrten auf die Rückgabe ihres gesamten Gebietes von den Osseten. Es war diese ungelöste Grenzfrage, die auch danach wiederholt zu Spannungen unter den Völkern führen sollten, um schließlich in den frühen 1990ern in gewaltsame Konflikte auszuarten. (Im Nordkaukasus entlud sich der erste blutige Konflikt dieser Art 1992 zwischen Inguschen und Osseten um den Prigorodnyi Rajon, in dessen Folge fast alle Inguschen aus dem Gebiet vertrieben wurde.)

In den langen Jahren der Amtszeit von Leonid Breschnew stellte sich erstmals eine gewisse Normalität im Alltag der Menschen ein, dies darb aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Tschetschenen und Inguschen in der späten Sowjetzeit gegenüber der russischen Bevölkerung diskriminiert blieben. Nach wie vor waren es Russen, welche die Mehrheit der höheren Ämter in Regierungs- und Parteiapparat besetzten und die führenden Positionen in der Wirtschaft und den Industriebetrieben einnahmen. Erst 1989 wurde mit Doku Zavgaev erstmals ein Tschetschene auf den Posten des Ersten Parteisekretärs der Republik berufen.

Gerade in Städten wie Grosny hatten viele Tschetschenen das Gefühl, Menschen zweiter Klasse zu sein. Dabei wurde ihr Unmut insbesondere dadurch verstärkt, dass während der gesamten späten Sowjetzeit über die Ungerechtigkeit, die den Tschetschenen und Inguschen sowie anderen Nordkaukasusvölkern durch die staatliche angeordnete Deportation wiederfahren war, nicht offen gesprochen werden durfte. Nicht nur wurde dieses Ereignis mit keiner einzigen Gedenktafel erinnert, auch existierten in der späten Sowjetzeit nicht ein Denkmal, das tschetschenische oder inguschischen Helden der Revolution und des Bürgerkriegs gewidmet war. Dagegen blieb die Statue General Alexei Jermolow in Grosny auch nach der Rückkehr der Nordkaukasier aus dem Exil unangetastet.

Sowjethistoriker, die sich mit der Geschichte Tschetschno-Inguschetiens befassten, verschwiegen die Tragödie der Deportation weitgehend. Nur in einer kurzen Phase in den frühen 1960er war es Historikern gestattet, mindestens die Tatsache der Deportation und die Auflösung der tschetscheno-inguschischen Republik zu erwähnen. Über die tatsächlichen Hintergründe der Vertreibung und die große Not der Menschen ist jedoch auch in den Texten dieser Historiker nichts zu lesen, so schob etwa der Historiker Vladimir Filkin, einer der wenigen, der die Deportation in seiner Publikation von 1960 erwähnte, die Schuld pauschal Berija zu, dem »Feind der Partei und des Volks«, der in der Atmosphäre der Kriegssituation und eines übertriebenen Persönlichkeitskultes um die Figur von Stalin die Republik der Tschetschenen und Inguschen auflöste und die Völker deportieren ließ.

Bereits in der späten Sowjetzeit war es die Erinnerung an die Geschichte, an der sich der Unmut der Tschetschenen entzünden sollte. Als Anfang der 1980er in Grosny unter der Ägide des russisch stämmigen Ersten Parteisekretärs der Republik M. Suslov, Feierlichkeiten stattfanden, um des 200-jährigen »friedlichen Anschlusses« Tschetscheniens an Russland zu gedenken, reagierte eine Gruppe Intellektueller um den tschetschenischen Historiker und späteren Archivvorsteher der Republik Tschetschenien, Magomed Muzaev, mit einer Protestnote. Darin verurteilte die Gruppe die Auslegung der Geschichte, wie sie seit den frühen 1970ern in den Geschichtsbüchern propagiert wurde, als Geschichtsfälschung. Dafür wurden Muzaev und andere Teilnehmer der Aktion von der örtlichen Geheimpolizei verfolgt, mit einem Rede und Publikationsverbot belegt und ihrer Ämter enthoben.

Die Situation änderte sich erst in den späten 1980ern mit den sowjetischen Parteisekretär Michail Gorbatschow eingeleiteten Liberalisierungsmaßnahmen. Im Rahmen der neuen Offenheit (Glasnost) stellte die Abrechnung mit der stalinistischen Vergangenheit ein zentrales Anliegen der Reformen Gorbatschows dar. Am 14. November 1989 erklärte der Oberste Rat der UdSSR die gewaltsame Vertreibung von Völkern, darunter namentlich der »Balkaren, Inguschen, Kalmyken, Karatschajer, Krimtartaren, Deutschen, meschetinischen Türken und Tschetschenen« als illegalen und kriminellen Akt des barbarischen stalinistischen Regimes. Der Oberste Rat der RSFSR unter ihrem Vorsitzenden Boris Jelzin folgte den Unionsbeschlüssen und erklärte in Artikel 2 des Gesetzesbeschlusses vom 26. April 1991 die Vertreibung unter Stalin sogar explizit als »Politik der Verleumdung und des Genozids«.

Zeitungsartikel berichteten bereits in den späten 1980ern von den Verbrechen Stalins und Anfangs der 1990ern erschienen erste Beiträge in Fachzeitschriften, die sich auf Geheimdienstakten aus den sowjetischen Archiven stützen. Dabei war der Historiker Nikolaj Bugaj, der die Geschichte der Deportation der Tschetschenen und Inguschen als Erster auf Grundlage sowjetischer Archivdokumente untersuchte und die Resultate 1990 publizierte. In den betroffenen Republiken des Nordkaukasus fand die Politik der Offenheit kräftigen Widerhall. In Tschetschenien wurde die Deportation nun zu einem vieldiskutierten Thema, das in Erzählungen, aber auch musikalisch und in Gedichten verarbeitet wurde. Das wohl bekannteste stammt von dem tschetschenischen Dichter Apti Bisultanow und ist dem Chaibach Massaker gewidmet.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde, während der kurzen Periode der Regierung des Präsidenten Dschohar Dudajew über die tschetschenische Republik Itschkerien, der Gedenktag der Deportation nicht nur als Trauertag, sondern auch als Tag der Einigung und Wiederbelebung erinnert. In den frühen 1990er Jahren wurde im Zentrum von Grosnij ein Denkmal errichtet, welches von dem angesehenen Künstler Darchi Khasakhanov entworfen wurde, dass den Opfern stalinistischer Repressionen gewidmet war. Dieses Denkmal bestand ausschließlich aus alten Grabsteinen, die in sowjetischen Zeiten missbraucht wurden, um Häuser, Brücken oder Straßen zu bauen. Es stellt die Hand eines Mannes dar, der einen Kindschal hält und ihn Richtung Himmel streckt, mit der tschetschenischen Inschrift, Dölxur Dac, Duxur Dac, Dic a Diyr Dac (Wir werden nicht weinen! Wir werden nicht brechen! Wir werden nicht vergessen!!) Nach dem ersten Tschetschenienkrieg von 1994 bis 1996 wurde bei der Wiederherstellung des Komplexes die letzte Phrase durch »Wir werden nicht weichen« ersetzt.

Doch die beiden Kriege, die Russland zwischen 1994 und 1996 und erneut nach 1999 gegen Tschetschenien führte, forderte nicht nur Zehntausende von Menschenleben und trieben Hunderttausende in die Flucht, sondern gingen in Tschetschenien auch mit der Vernichtung einer eigenständigen nationalen Identität und Kultur einher. Insbesondere im ersten Tschetschenienkrieg zerstörte die Armee gezielt Archive, Bibliotheken, Museen und Denkmäler. Besonders verheerend war die Zerstörung des tschetschenischen Nationalarchivs: 80 Prozent der darin aufbewahrten Dokumente, darunter die Aufzeichnungen der Deportierten, wurden infolge eines Angriffes der Luftwaffe Russlands Opfer der Flammen. Aus Sicht der Betroffenen war das rücksichtslose Vorgehen Russlands denn auch einzig vergleichbar mit dem Terror der Stalinzeit.

Dank an die Künstler Rustem Eminov, Ayshet Daurbekova, Bagaudin Sagov, H. A. Imagoschew, Vaharsolt Balatkhanov, Vadim Kadzhajew sowie Seda Gubacheva für die Verwendung ihrer Werke und Jeronim Perović dessen Buch »Der Nordkaukasus unter russischer Herrschaft. Geschichte einer Vielvölkerregion zwischen Rebellion und Anpassung« eines der wenigen wissenschaftliche Werke zu diesem Thema ist und als Grundlage für diesen Text diente, sowie natürlich Daria Kulesh für ihre zwei wunderbaren Lieder, damit das Andenken an Aardax nicht gänzlich vergessen geht.

Sonderverband Bergmann & »Tschetschewiza«

рубрика: Deportation 1944

Sonderverband Bergmann, sein Gründer Theo Oberländer, der Fall Hasan Israilov sowie Operation Schamil [Der Deckname eines Einsatzes der Brandenburger im Zuge des Unternehmen Edelweiß] werden in der russischen Literatur gerne angeführt, als »Gründe« für die historische Notwendigkeit der Operation »Tschetschewiza« (Linse).

Wainachische Geschichtswissenschaftler wie Dzabrail Gakaev verweisen wiederum darauf, dass Tausende von Tschetschenen und Inguschen und Angehörige anderer Nordkaukasusvölker Seite an Seite mit anderen Sowjetbürgern in den Krieg gezogen seien und die Deportation durch Dschughaschwili am 23. Februar 1944 gerade deshalb als ungerechtfertigten Akt verurteilen sei und es sich um einen gezielten Genozid gegen eine einzelne Ethnie handelt.

Aus deutsche Perspektive besteht die Kausalität im Angriffskrieg gegen die UdSSR, denn als die deutsche Wehrmacht am 22. Juni 1941 das »Unternehmen Barbarossa« startete, entfesselte sie einen Vernichtungskrieg, der sich für die Sowjetunion zunächst vor allem als Kampf um ihre staatliche Existenz darstellte, bei dem sich aber auch das Schicksal einzelner Nordkaukasusvölker entscheiden sollte.

Jeromin Perovic beschreibt in seinem Werk ‚Der Nordkaukasus unter russischer Herrschaft‘ wie erst vor dem Hintergrund der wachsenden Kriegsgefahr in Europa, rückte der Kaukasus stärker in den Fokus der hohen Politik des Politbüros. Als wichtigster erdölproduzierender und erdölverarbeitender Region kam dem Kaukasus eine Schlüsselrolle bei der Mobilisierung für mechanisierte Militäroperationen zu, weil die Industrien bei Maikop, Grosnij und Baku zusammen mehr als 90 Prozent des sowjetischen Erdöls produzierte.

Die Gewaltherrschaft des sowjetischen Systems kostete zwar tausenden Tschetschenen sowie Inguschen das Leben, aber die Gewalt war Teil des Terrors und somit der Politik der Bolschewiken. Allerdings bedeutete der Terror, insbesondere im Zuge der Jeschowschtschina, keine Abkehr von der Nationalitätenpolitik, denn er richtete sich nicht spezifisch gegen Nichtrussen, obwohl Vertreter der einheimischen Führungsschicht, die zum Ziel der Säuberungen wurden, diesen Verdacht manchmal äußerten und manche Darstellungen, die sich mit der sowjetischen Nationalitätenpolitik befassen, fälschlicherweise diesen Anschein erwecken.

Dschughaschwili deportierte gezielt einzelne Ethnien: Die Deutschen, Letten, Esten, Finnen, Kurden, Koreaner als fünfte Kolonne, doch bis zum Krieg kaum Kaukasier mit Ausnahme der Kumyken. Nach Kriegsausbruch gab es gezielte Kampagnen gegen die Adscharen, Chewsuren oder die Swaneten und die Kurden im Kaukasus wurden wie alle anderen Volksgruppen, die ethnische Verwandtschaften über die Landesgrenzen hinaus aufwiesen, wenn nicht deportiert, zumindest nicht mehr für die Rote Armee rekrutiert.

Vor diesem Hintergrund muss zunächst erstaunen, dass bei Kriegsausbruch die Angehörigen der meisten nordkaukasischen Völker zunächst weiterhin in der Armee geduldet waren. Der eigentliche Umschwung bei der Rekrutierung von Nordkaukasiern erfolgte erst, als Hitler in der Weisung Nr. 45 vom 23. Juli 1942 den gleichzeitigen Vormarsch der deutschen Truppen sowohl in Richtung Kaukasus [Operation Edelweiß] als auch in Richtung Stalingrad [Unternehmen Braunschweig] festlegte. Hitler griff mehrfach in die Planung der Operation ein und traf bestimmte Entscheidungen, insbesondere die Aufteilung der Heeresgruppe Süd gegen den Rat des OKH, während die Abwehr das Unternehmen Schamil zur Sicherung der Regionen Grosny, Malgobek und Maikop begann.

Während die Bolschewiki noch bis weit in die 1920er Jahre hinein damit beschäftigt waren, der nordkaukasischen männlichen Bevölkerung die Waffen abzunehmen, um so das Potenzial für Aufstände zu verringern, sah die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht durch die neue sowjetische Verfassung von 1936 es als Pflicht [nach den Artikeln 132 und 133] an, dass jeder Bürger der SSSR die »Ehre und Pflicht« habe das Vaterland zu verteidigen. Die Rekrutierung nordkaukasischer Völker wurde zwar Im Sinne der korenizacija gefördert aber dennoch behandelte die Sowjetführung die nichtrussischen Völker des Nordkaukasus nicht anders als die Zaren vor ihr: Als inorodcy, als Fremdstämmige und bedachten sie mit abschätzigen Namen wie Tschernotschopji.

Als aber durch den Ribbentrop-Molotow-Pakt Dschughaschwili dachte seine Westflanke vor einem deutschen Angriff längerfristig geschützt zu haben [was sich als schwerwiegende Fehleinschätzung erweisen sollte] mobilisierte und modernisierte er die sowjetischen Streitkräfte. Von 1939 bis 1941 wuchs der Bestand der Roten Armee von zwei auf fünf Millionen an. 1939 trat auch ein Gesetz in Kraft, das vorsah, alle wehrfähigen männlichen Bürger uneingeschränkt und unabhängig von ihrer nationalen oder religiösen Zugehörigkeit zum Dienst in die Streitkräfte einziehen. Damit konnten erstmals in der Sowjetgeschichte auch Angehörige der nichtrussischen Bevölkerung des Nordkaukasus, die zuvor nur vereinzelt und freiwillig in der Roten Armee gedient hatten, regulär rekrutiert werden. Gleiches galt für andere nichtrussische Völker, die bisher nur in gesonderten »nationalen Regimentern« dienen konnten.

Wie in den geheimen deutsch-sowjetischen Zusatzprotokollen vorgesehen, die eine weitgehende Aufteilung Osteuropas zwischen Deutschland und der Sowjetunion regelten, griff die Rote Armee am 17. September 1939 Polen an. Am 30. November desselben Jahres starteten die Sowjets ihren Angriff auf Finnland, das sich allerdings weit heftiger als von Moskau erwartet zur Wehr setzte. Weil Dschughaschwili nach den ihm von Deutschland zugestandenen Besetzungen im Baltikum und in Südosteuropa keine weitere Expansion anstrebte, sondern Konsolidierung und Verteidigung, hielt er seinen Pakt mit Hitler bis am 22. Juni 1941 pedantisch ein. Als die deutsche Wehrmacht das »Unternehmen Barbarossa« startete, dienten bereits Zehntausende von Männern aus dem Nordkaukasus, unter ihnen Tausende von Tschetschenen und Inguschen, in den Reihen der Roten Armee.

Mit der »Weisung Nr. 21«begann die größte und verheerendste militärische Auseinandersetzung, die das Land in seiner Geschichte je erlebt hatte. Der Krieg stellte sich für die Sowjetunion aber nicht nur als Abwehr eines äußeren Aggressors dar. Der »Wodsch« sah darin auch eine innenpolitische Zerreisprobe. Von Beginn an sorgte sich Moskau um den Zusammenhalt der Nation und schenkte der mutmaßlichen Bedrohung durch innere Feinde kaum weniger Aufmerksamkeit als der Bedrohung durch Deutschland. Bei seinem ersten öffentlicheren Auftritt nach Ausbruch des Krieges rief Dschughaschwili Volk und Armee nicht nur zur gemeinsamen Verteidigung des Vaterlandes auf, sondern forderte auch unumwunden zum unversöhnlichen Kampf gegen Deserteure, Panikmacher, Verbreiter falscher Gerüchte … Spione und Saboteure im Inneren auf.

Als der »GröFaZ« den Befehl zur Eröffnung der Südfront gab und den Angriff Richtung Kaukasus lancierte, erließ der Generalissimus zwei Tage später die Direktive, die Rekrutierung von Angehörigen nichtrussischer nordkaukasischer Völker zu stoppen. Am 24. August wurde eine solche Direktive speziell für die Angehörigen der dagestanischen Ethnien herausgegeben und im Falle der im Westen des Nordkaukasus siedelnden Völker, darunter die Karatschajer, Tscherkessen und Adygen, löste sich die Rekrutierungsfrage insofern von selbst, als der Wehrmacht noch im Sommer 1942 die Besetzung dieser Gebiete gelang.

Diese war aber nicht von Dauer. Trotz der sich abzeichnenden Katastrophe für die Heeresgruppe B, insbesondere die Einkesselung der 6. Armee, wurde die Heeresgruppe A bis Dezember 1942 zuerst in ihren Stellungen belassen. Erst Anfang 1943 wurde die 1. Panzerarmee an die Heeresgruppe B abgegeben. Nach der verlorenen Schlacht von Stalingrad zog sich die der Heeresgruppe A verbliebene 17. Armee Anfang 1943 in den Kuban-Brückenkopf zurück, im September 1943 wurde die 17. Armee auf die Krim zurückgezogen.

Warum wurden die Wainachen dann dennoch von Dschughaschwili deportiert?

Die Schwierigkeiten der Mobilisierung, die Desertionen, das Aufstands- und Banditenwesen, die Sympathien und die punktuelle Kollaboration von Aufständischen mit den Deutschen – all diese Faktoren spielten für den Entscheid der Sowjetführung, Tschetschenen sowie Inguschen und andere Nordkaukasusvölker zu deportieren, eine wichtige Rolle. Eine hinreichende Erklärung sind sie jedoch nicht. Denn zumindest aus sicherheitspolitischer Sicht stellten die übriggebliebenen Aufständischen nach dem Rückzug der Deutschen keine ernstzunehmende Gefahr für die Sowjetmacht mehr da. Zwar hielten sich noch Tausende Bewaffneter in den Bergen versteckt und kam es auch im Laufe des Jahres 1943 wiederholt zu Überfällen und kleineren Aufständen. Doch die großen Banden waren bis Anfang 1943 allesamt zerschlagen worden.

Weshalb es zur Vertreibung kam, lässt sich nur im Kontext der außerordentlichen Kriegssituation verstehen. Die negativen Beobachtungen waren zwar Vorwand für die Deportation. Doch erst der Ausnahmezustand des Kriegs ließ diese Option als solche in den Blickpunkt der Sowjetführung rücken. Jetzt oder nie bot sich ihr die Gelegenheit, sich mittels Deportation nicht nur Völker zur entledigen, mit denen der Staat in der Vergangenheit Probleme bekundet hatte, sondern es eröffnete sich auch die Möglichkeit, ein für alle Mal Ordnung ins kaum überblickbare und schwierig zu kontrollierende kaukasische Völkerdurcheinander zu bringen. Dabei war es für die Sowjetführung im Krieg leichter als in Friedenszeiten, die dafür notwendigen Truppen und die Infrastruktur, etwa in Form von Bahnwaggons, bereitzustellen, weil die Streitkräfte ohnehin mobilisiert waren.
Die Deportation war ein in der russischen sowie sowjetischen Geschichte vielfach erprobtes Mittel und musste nicht erst durch die Weisheit des »Wodsch« erfunden werden, aber die Tschetschewiza war in ihrer Totalität her anders als frühere Deportationen durch Dschughaschwili – sie trug auch unverkennbare Züge eines Genozids, denn obwohl das Ziel der Vertreibung nicht die physische Vernichtung einer Volksgruppe war, so wurde doch in Kauf genommen, dass die Aktion viele Opfer forderte.

Das den »Blutzeuge durch Batyuska den Bluthund« zugefügte Leid und die Tragödie der Deportation darf aber nicht den Blick davor verstellen, dass die nationalen Narrative [Der Russkji, Deutschen und Wainachen] kritisch hinterfragt werden müssen – oder wie es Kunta Haddschi Kischijew kommentierte »Du sollst immer kritischer zu deinem Freund als deinem Feind sein doch am kritischsten solltest du immer zu dir selbst sein.«

Das Narrativ der Russkji:

Der Bericht Pomerancevs von der Organisation Sojuz voinstvujuscich bezboznikov (Verband der militanten Gottlosen respektive die Redaktion von Bezboznik) diverse teils koloniale Klischees über »Kriminelle Kaukaiser«. In der Zeit, in der er seine Beobachtungen zu Blatt brachte, veränderte sich auch die Bedrohungswahrnehmung seitens der sowjetischen Regimes. Vor dem Hintergrund der Kriegsgefahr begann Moskau, die Berichte aus der Kaukasusregion sorgfältiger zu studieren – was sie wiederum nicht wahrer macht.

Hätte es sich im Fall der nordkaukasischen »Banditen« tatsächlich nur um eingefleischte antisowjetische Kämpfer für ein freies Tschetschenien gehandelt, so wäre es der Sowjetführung kaum gelungen, viele von ihnen im Zuge von Amnestiekampagnen, die während des Krieges wiederholt als Maßnahme im Kampf gegen das Banditenwesen durchgeführt wurden, zur freiwilligen Aufgabe des bewaffneten Widerstands zu bewegen.

Gegenwärtig größte Verbreitung erfreuen sich Publikationen innerhalb der Föderation, die im antisowjetischen Aufstand Hasan Israilovs den Beleg dafür sehen wollen, dass es sich bei Völkern wie den Tschetschenen, damals wie heute, um wenige loyale, abtrünnige Gesellschaften handle, die dem sowjetischen beziehungsweise dem russländischen Staat in einer Zeit äußerster Not jeweils in den Rücken fallen würden.

Nawalny veröffentlichte beispielsweise in seinem Blog die Schrift »Wie die Tschetschenen für Hitler gekämpft haben« was dem Leser den Genozid an den Wainachen schmackhaft machen und diesen rechtfertigen soll. Entsprechend verhehlen diese Autoren auch kaum ihre Sympathien für Dschughaschwilis Entscheid, diese Völker zu deportieren und zeigen ebensolches Verständnis für die massiven Militärinterventionen Russlands in den 1990er und 2000er Jahren. Dabei suchen diese Autoren ihre Argumente im Fall der antisowjetischen Aufstände im Zweiten Weltkrieg mit genau jenen Dokumenten aus sowjetischen Archiven zu belegen, die Wainachische Geschichtswissenschaftler aber auch andere Historiker mit dem Hinweis ablehnen, dass die sowjetischen Sicherheitsorgane hier absichtlich Unwahrheiten über die tatsächliche Lage verbreitet hätten, um die Tschetschenen und Inguschen zu diffamieren.

Das Narrativ der Tschetschenen & Inguschen:

Die Stilisierung von Stereotypen wie dem »furchtlosen Kaukasier« im Gegensatz zum »hässlichen Deutschen« durch die Propagandaabteilung der Roten Armee und der Versuch die Bevölkerung gezielt über traditionelle Themen wie die Blutrache oder den »Gazawat« gegen Deutsche im gemeinsamen Abwehrkampf zu mobilisieren, würde teilweise im nationalen Narrativ der nordkaukasischen Völker übernommenen.

Gerne wird beispielsweise darauf verwiesen wie viele Tschetschenen und Inguschen Seite an Seite mit anderen Sowjetbürgern in den Krieg gezogen seien, aber angeführt wurde die Liste der nicht-slawischen Nationalitäten von Juden, Tataren, Kasachen, Mordwinern und Tschuwaschen. Von den nichtrussischen Völkern des Nordkaukasus erhielten Osseten und Kabardiner am meisten Auszeichnungen als Angehörige der Roten Armee für den Kampf gegen die deutschen Aggressoren.

Es handelt sich nicht, wie Gakaev bereits die Säuberungen von 1937/38 bezeichnet, um einen gezielten Genozid an einer einzelnen Ethnie. Im Zuge der Jeschowschtschina wurden die Wainachen Opfer des Terrors durch die Kollektivierung aber als Kulaken und nicht Kaukasier. Aber auch Aardax war keine Gewalt gegen eine einzelne Ethnie [Hemşinli, Lazen, Karapapaken werden gerne vergessen wurden aber ebenso wie die Balkaren und Karatschaier deportiert] sondern eher gegen eine Glaubensgruppe, denn die Gemeinsamkeit die ihr Schicksal besiegelte war, dass Dschughaschwili die Deportierten nicht nur als inorodcy oder chernozhopye sah, sondern als »тунеядцы« als sozialen Parasiten – eine weitere Gemeinsamkeiten zwischen »Generalissimus« und »Gröfaz«.

Das Narrativ der Deutschen:

Theodor Oberländer welcher den Sonderverband Bergmann leitete, war nach dem Krieg von 1953–1960 Bundesminister für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte und 1953–1961 sowie 1963–1965 Mitglied des Deutschen Bundestages. Bis zum heutigen Tag wird weder von Deutschland noch Österreich vollständig anerkannt, dass im Zuge des Unternehmen Barbarossa/Edelweiß diverse Verbrechen gegen die Menschlichkeit an der Nordkaukasischen Bevölkerung begannen wurden und die Täter dafür in Deutschland und Österreich selber nicht verurteilt worden sind, sondern politische Karriere machen konnten.

Die Bundesrepublik hat zwar den deutschen Kriegsgefangenen in Tschetschenien, welche in den Häuser der Deportierten untergebracht waren, während die alten Besitzer unter der Erde in Kasachstan/Kirgistan leben mussten, finanzielle Unterstützung durch Zahlungen des Roten Kreuzes und »Subventionshilfen« an die Sowjetunion zukommen lassen aber gleichzeitig nicht anerkannt, welche Verbrechen von den Brandenburgern und Sonderverband Bergmann begannen worden sind.

Dieser moralische Dualismus setzt sich bis zum heutigen Tag fort. Zwar finanziert die EU einer Soziologin die Forschung, welche den Fall von Ruslan Kutajew benützt um darauf hinzuweisen wie bis heute kein aufrichtiges Andenken an Aardax in Tschetschenien möglich sei aber die eigene Vergangenheit wird kaum kritisch hinterfragt. Die Kausalität zwischen Operation Barbarossa und Lentil anzusprechen wagt man in Zeiten, in der Suworows Thesen scheinbar wieder als seriös gelten, kaum mehr. Gerne sollen andere ihre Geschichte aufarbeiten aber die eigene? Es erstaunt, dass die SS-Veteranen vom Ulrichsberg aus dem Lager Nr. 237, sich daran erinnern können, wie sie die Häuser der Deportierten bezogen, ihre Nachkommen aber nicht.

Der Schmerz der Seele – 23.02.1944

рубрика: Deportation 1944

Der tschetschenische Historiker Mairbek Vatchagaev beschreibt, wie die Geschichte der Deportation von 1944 immer noch die Seelen der Tschetschenen und Inguschen berührt. »Wir werden nicht weinen! Wir werden nicht brechen! Wir werden nicht vergessen!« Diese Worte, die in den Jahren der Deportation und ihrer Nachkommen zum Motto für alle Überlebenden von Wainachen wurden, sind in das Denkmal zur Erinnerung an die Opfer der stalinistischen Deportation im Zentrum von Grosnji eingeschnitzt. Und obwohl das Denkmal mittlerweile zerstört ist, wird dieser Anruf (digital) weitergeleitet.

Die Vorbereitungen für die schreckliche Aktion begannen im Sommer 1943, als sich Einheiten des NKWD der UdSSR in und um Grosnji konzentrierten. Sie nahmen nicht am Krieg teil, aber die Behörden erklärten ihre Ankunft durch die Notwendigkeit einer »Erholungspause für die von der Front entfernten Einheiten«. Bis Ende des Jahres waren diese Truppen in allen tschetschenisch-Inguschetischen Siedlungen omnipräsent.

Sie wurden in ländlichen Vereinen sowie Dorfräten untergebracht und am Ende des Monats (Feb.1944) wurde das Militär auf jede Familie verteilt. Trotz der Geheimhaltung der Operation verbreiteten sich Gerüchte über die bevorstehende Vertreibung unter Tschetschenen und Inguschen.

Informationen erhielten Sie von einzelnen Soldaten – als Antwort auf die Gastfreundschaft und die herzliche Begrüßung durch die örtliche Bevölkerung, die Brot und Salz mit ihnen teilte, waren die Soldaten mit Mitleid erfüllt und sagten den Einheimischen im Geheimen, dass sie nur das Nötigste mitnehmen könnten (warme Kleidung und Essen) für ein paar Tage.

Die Leute begannen schnell, Wertsachen zu verkaufen und Bullen und Büffel zu kaufen (Pferde wurden für die Bedürfnisse der Front enteignet). Die Bewohner glaubten, dass sie sich wie früher (in die Berge) zurückziehen könnten – mit ihren bescheidenen Sachen auf Karren. Tiere durften jedoch nicht mitgenommen werden, so dass am Tag der Deportation Pferde in jedem Hof verblieben.

Der Weg ins Exil erstreckte sich über zwei bis drei Wochen: Wie die Karatschaier im November 1943 wurden die Wainachen mit circa sechstausend Armeefahrzeugen von Dörfern zu Eisenbahnschienen geschickt. Von dort fuhren Züge nach Kasachstan und Kirgisistan.

Das Dekret über die Abschaffung der autonomen sowjetischen sozialistischen autonomen Republik Tschetschenien-Inguschetiens vom 7. März 1944 stellte fest, dass der Grund für die erzwungene Deportation (Operationen »Tschetschewiza«) die Tatsache sei »dass während des Vaterländischen Krieges, insbesondere während der Aktionen der deutschen faschistischen Truppen im Kaukasus, viele Tschetschenen und Inguschen ihre Heimat gewechselt haben, auf die Seite der faschistischen Invasoren übergetreten sind und sich den Mannschaften der Saboteure und Aufklärern anschlossen, welche die Deutschen im Hinterland der Roten Armee abgesetzt haben auf Befehl der Deutschen um als bewaffnete Banden, gegen die Sowjetmacht zu kämpfen.«

Und die Bevölkerung der Sowjetunion glaubte daran. Denn außerhalb der Region wussten die Menschen dieses riesigen Landes nicht einmal, dass die Deutschen das Territorium der Autonomen sozialistischen Sowjetischen Republik Tschetschenisch-Inguschetien nicht besetzten.

Man könnte sich verwundert fragen, von welcher Zeit des Krieges gesprochen wird und um was für eine Kollaboration es sich handelt, wenn die einheimische Bevölkerung diese Deutschen nicht einmal sah? Um auf deutsche Seite zu gelangen, war es zumindest notwendig, die Front selbst zu überqueren, weil die Wehrmacht selbst nur bis Maikop respektive Malgobek kam. Aber Stalin und seine Schergen kümmerten sich nicht um diese Diskrepanz mit der Realität.

Es bleibt auch unklar, warum der Volkskommissar Berija Lawrenti Truppen unter seiner Kontrolle nicht für die Front, sondern für die Vertreibung seiner Mitbürger einsetzte. Es waren ungefähr 164.057 Offiziere und Kämpfer der NKWD-Truppen, 34.075 operative Staatssicherheits- und Polizeibeamte in der Region. Mit solchen Kräften konnte er, wenn gewünscht, die Lage in jedem Abschnitt des Krieges an der kaukasischen Front drastisch ändern, tat dies aber nicht. Damit ihm niemand Scheitern vorzuwerfen konnte, entschied er sich außerdem, nach oben über die massive Bildung von Bandenwesen in der Region zu berichten, für dessen Gefangennahme und Neutralisierung er angeblich so beeindruckende Kräfte brauchte. Dort stellte er die Tat selbst als ein Verbrechen gegen das eigene Volk und den Staat dar!

Wenn die sogenannten tschetschenischen »Banditen« laut NKWD zwischen 150 und 200 Banden waren und 2-3.000 Menschen waren (Dh. Es gab nicht einmal genaue Daten, aber es gibt erhebliche Unterschiede zwischen 150 und 200 Banden!), dazu Deserteure von 7 bis 14 tausend, warum fiel in den Tagen der Deportation, als sich alle Menschen in den Autos befanden, diese Zahl zeitweise?

Der Bericht von Berija sagte, dass etwa 780 Menschen getötet und 2016 »antisowjetischen Elemente« verhaftet worden seien. Hier fielen weitere 12-1400 aus. Wohin gehen sie? In der Tat gelang es ihnen zum ersten Mal in der Geschichte, ausnahmslos alle Einwohner in einem begrenzten Raum unter ihre Kontrolle zu bringen, ohne Zig oder Hunderte von Menschen zu zählen, die versehentlich oder vorsätzlich aus einer Kolonne geflohen waren.

Insgesamt wurden nach der Vertreibung 300 Menschen getötet.
Von den «antisowjetischen Elementen» von 2016 sowie von der Zahl der 780 Getöteten (die in Haibach lebendig verbrannten Personen nicht mitgezählt) sind die meistens diejenigen, welche während des Ladens iauf die Fahrzeuge in den Dörfern erschossen wurden. Wo sind also diese Zehntausende von Verrätern, aus denen ganze ethnische Gruppen deportiert wurden?

Ganz zu schweigen davon, dass Tschetschenien-Inguschetien in Bezug auf die Anzahl der sogenannten »Banden« nicht einmal unter den ersten drei der Regionen des Nordkaukasus war. Nur einige der mythischen Tausende, die in den von Berija Lawrenti unterzeichneten Berichten von Grosnji nach Moskau berichtet wurden, wurden verurteilt und in Lager in Sibirien geschickt.
Tausende von Tschetschenen und Inguschen wurden jedoch von der Front entfernt, um sie zu ihren Familien in Kasachstan und Kirgisistan zu schicken. Die wenigen, die nach Berlin kamen, wurden gezwungen, sich unter anderen Namen in der Spalte »Nationalität« zu registrieren und wussten teils nicht einmal, dass sie ihre Heimat beraubt waren.

In der Sowjetunion und in Russland schwiegen man 70 Jahre lang darüber, dass die Festung Brest von zweihundert Eingeborenen der Tschetschenisch-Inguschischen-ASSR verteidigt wurde, während der derzeitige Präsident der Russischen Föderation, Wladimir Putin, dies nicht tut.

Seit Jahrzehnten dichtet man Tschetschenen einige Legionen unter der Flagge der Wehrmacht an, von denen tatsächlich bisher nur drei Dutzend Tschetschenen identifiziert wurden. Die Behörden haben die Öffentlichkeit absichtlich in die Irre geführt und verwiesen auf die massive Desertion von Tschetschenen und Inguschen, die faktisch nie an die Front geschickt wurden, sondern ausschließlich zum Graben von Grosny usw. verwendet wurden.
Der tschetschenische Politikwissenschaftler Abdurakhman Avtorkhanov erwähnte in seinem 1952 in München veröffentlichten Buch »Der Volksmord in der UdSSR. Der Mord an den Tschetschenen« unter anderem die Gründe für die »Auslöschung der Bergbewohner«, da die Gorcy »dauerhaft für die nationale Unabhängigkeit kämpfen« und in der Tat »das abscheuliche System des Sowjets als Kolonialregime nicht anerkennen…«

Die Gräber der Großeltern

рубрика: Deportation 1944/Religion

Stellen Sie sich die Menschen vor, die aus dem dreizehnjährigen Exil zurückgekehrt sind und ihre einheimischen Siedlungen nicht wiedererkennen. Alles ist überwachsen. Die Häuser sind verfallen und zerstört, selbst die Grabsteine ​​der Friedhöfe verschwunden. Wo sind sie? Wer könnte unter normalen Leuten denken, dass Platten aus den Gräbern Baumaterial sind und dass Sie in einem Haus mit Fundament dieser Platten leben könnten?

Ruslan Tulikov erinnert sich wie er nach dem Abitur mehrere Jahre in Grosny arbeitete und dann zum Direktor des Kulturhauses in Urus-Martan ernannt wurde. Es gab eine Reparatur weil die Fußböden renoviert wurden und ein Arbeiter kam zu ihm: »Das innere Fundament ist aus Grabsteinen gelegt, er ist voll von Churts!«. Ruslan konnte es nicht glauben und nahm eine Laterne und kletterte unter dem Boden eines Gebäudes, welches in den Jahren gebaut wurde, als die Tschetschenen in Kasachstan waren.

»Zum ersten Mal sah ich die langen Reihen von Grabsteinen, die aufeinandergestapelt waren. Es gab viele von ihnen. Später fand sich an den Stellen, an denen der Schweinestall stand, ein viel längeres ‚Band‘ aus Grabsteine. Selbst an Brückenpfeilern und in Straßen…«

Was hätte oder hätte ich im ersten Fall tun sollen? Ich stürzte zum Dorfrat. Es gab dort ein Treffen. Abgeordnete, Älteste, verschiedene Personen, und ich erklärte als energischer junger Mann, wie kann dies sein, dass hier eine Kirche steht und dann dies? Sofort wurde ich zum Schweigen gebracht »Was, du wusste es nicht noch nicht? … Diejenigen, die größer sind als wir, wissen es alle und können nichts tun. Also lasse einmal die Kirche im Dorf«

Wäre es im Grund nicht gerecht zu sagen: »Wenn alle Moscheen geschlossen sind, weshalb dann die Kirche nicht?« Aber niemand hat das gesagt. Warum auch? Die Behörden würden lieber alle Kirchen im Land schließen, als eine Moschee in Grosny zu eröffnen. Wäre es für uns einfacher, wenn auch den Christen das Recht verweigert würde, Kirchen zu haben und zu besuchen?

In Urus-Martan gibt es einen Friedhof, mit einem Denkmal für die Opfern der Deportation des 23. Februar 1944 und der christliche Friedhof grenzt direkt daran an. Es wurde schon lange niemand mehr dort begraben aber in den frühen 1960er Jahren schützten Tschetschenen, die aus dem Exil zurückkehrten, beide Friedhöfe.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion begann auch allmählich der Zaun der beide Friedhöfe umgab zu zerfallen. Dennoch wurden in den frühen 2000er Jahren – in einer für sie selbst sehr schwierigen Zeit – von Einheimischen mit der Errichtung eines neuen Zauns begonnen, welcher die beiden Friedhöfe beschützte. Zwar sind die diversen Holzkreuze nicht mehr erhalten, aber eines aus Eisen steht noch. Niemand berührt und wird sich nie berühren.

Weder die Kreuze noch die Zäune geschweige denn die Grabsteine von christlichen Friedhöfen in Grosny wurde berührt. Darüber hinaus kümmert sich die Bevölkerung um diese Friedhöfe und das zu Recht. Selbst in den schwierigen Zeiten der beiden Kriegen, in denen viele die einzige Einnahmequelle fehlte und man sich mit der Sammlung und Lieferung von Metallschrott über Wasser hielt, fiel niemandem ein, dass ein Kreuz oder ein Zaun niedergerissen werden könnte.

Es gibt eine Linie, über die niemand hinausgehen darf. Die Entweihung von Gräbern ist das Schlimmste, was sich eine Person oder eine Gesellschaft leisten kann.

Nach der Vertreibung der Tschetschenen und Inguschen wurden die Grabsteine zum Straßenbau missbraucht, aber nicht, weil kein anderes Material für den Bau gab stand, sondern weil die Churts Denkmäler der wainachischen Kultur waren. Der gleiche Zweck – die Zerstörung von Spuren des Verbleibs der Bevölkerung auf diesem Land – bestand in der Umbenennung von Siedlungen unmittelbar nach der Deportation…

Obwohl sie jahrzehntelang auf demselben Fundament oder im Boden lagen und Zement oder anderes Bindematerial verwendet wurden, um sie aneinander zu befestigen, wurden die Farbe der Grabsteine nicht zerstört, sie verloren nicht ihre Frische und ihren Glanz.

Die Grabsteine existieren in, verschiedener Größe sowie Form und sind erstaunliche Denkmäler der Kultur der Menschen im Nordkaukasus. Sie können wie ein Buch «gelesen» werden. Alte Churts sind in der Regel etwas Besonderes und erzählen ihre eigene Geschichte.

Wenn zum Beispiel eine Frauenfigur in einer Nationaltracht ohne Gürtel am Rand eingeschnitzt ist, dann war sie verheiratet, hatte eine Familie und Kinder. Wenn Sie am Kleid einen Gürtel trägt, bedeutet dies, dass die verstorbene unverheiratet war. Es gibt auch ein Zeichen auf den «männlichen» Kirchen – ein Hinweisen auf das Handwerk, mit dem die Person im Leben beschäftigt war.

Meist sind die Grabsteine mit sehr hellen und unterschiedlichen Farben verziert inklusive kalligraphischer arabischer Schrift.

Chaibach

рубрика: Deportation 1944

Wer nicht gehen konnte, wurde vor Ort umgebracht. In einem Erlass vom 27. Februar 1944 schrieb des Staatssicherheits-Kommissars 3. Ranges Gwischiani vermeintlich unter dem Vermerk »Nur für vier Augen« An Berija: »Damit wir die Operation Gori durchführen konnten, war ich gezwungen, mehr als 700 Leute zu erschießen.«

»Der Bevölkerung wurde gesagt, die Alten, Bettlägerigen oder Kranken würden mit Flugzeugen ausgeflogen.« erklärt Salamat Gajew, Autor des Buches Chaibach, das eines der schlimmsten Massaker dieser Periode beschreibt, in einem ausführlichen Interview 2004 in Nasran.

»600 bis 700 Menschen aus Chaibach schloss man in Ställen ein und zündete sie an. Die, die weglaufen wollten, wurden niedergeschossen.« Erzählte E.G. Malsagow über den 27. Februar 1944. Chaibach, aber auch die Dörfer Melchasta, Sumsoj, Urus Martan, Tschisnameri und Gilich wurden Orte des Massenmordes. »Niemand hatte etwas gegen die Sowjets getan. Irgend jemand wollte wohl, dass die Völker nicht in Frieden miteinander leben« meinte Machdan Tuschajew aus Urus Martan.

»Alle, die dort lebten wurden deportiert oder getötet. Die Überlebenden flüchteten in die Berge, beschreibt Tuschajew. Nach Abzug der sowjetischen Truppen hätte es im Dorf keine Lebeneden mehr gegeben.«

»Die Leute flüsterten sich das schreckliche Geheimnis von Chaibach nur hinter vorgehaltener Hand zu, aus tierischer Angst vor dem NKWD« schrieb der russische Politiker Wassili Rusin. Erst im August 19090 wurde eine Untersuchung über die Ereignisse in Chaibach eingeleitet.

Salamat Gajew erzählte Tessa Syszkowitz, unter welchen Umständen sein Werk «Chaibach» entstand: »1964 saß ich mit dem Dichter und Ethnograf Suleiman Achmat zusammen. Er war damals 45, ich 25. Wir waren Freunde. Er hat angefangen zu weinen. Es war für mich sehr seltsam, einen Mann weinen zu sehen. Suleiman sagte: Du bist in Chaibach geboren, du lebst unter den Zeitzeugen. 14 Verwandte deines Vaters wurden dort verbrannt. Nur du kannst das Buch zum Gedenken an Chaibach schreiben.«

Gajew sammelte mündliche Erinnerungen der Überlebenden. Er selbst überlebte das Massaker als Fünfjähriger, weil seine Mutter mit den Kindern gerade auf der Alm war. Von dort aus sahen sie, wie man die Leute zusammentrieb, auch aus den umliegenden Dörfern, sie einsperrte und verbrannte. »Niemand hat später gewusst, dass ich das Material für ein Buch zusammentrage, Auch meine Familie nicht, Ich habe auch erst später alles aufgeschrieben. Lange bewahrte ich die Erzählung der Überlebenden nur in meinem Gedächtnis.«

2004 durfte er im Europäischen Parlament seine Forschungsergebnisse präsentieren, darunter historische Photos sowie Photokopien der Dekrete von Stalin und Beria. Zurück in Grosnji wurde Gajew von der russischen Armee verhaftet und sollte unterschreiben, dass er die Dokumente gefälscht habe, sonst werde man ihn umbringen.

Dann sei er eben das siebenhunderteinste Opfer von Chaibach, habe er geantwortet. Die entscheidenden Dokumente seien ohnehin bekannt gewesen; es hätte den Russen überhaupt nichts gebracht, wenn er sein Buch wiederrufen hätte. Das haben die Ermittler wohl auch eingesehen und ihn anderntags aus der Haft entlassen.

Heute hat Gajew keine Angst mehr, über die Deportation zu sprechen. Nicht nur ist sein Buch in zweiter Auflage erscheinen, er durfte es sogar im «Kadyrow-Museum» vorstellen. Im Nationalmuseum wird allerdings immer noch nicht an das Massaker erinnert, obwohl der Direktor zugesagt hat, einen Schaukasten einzurichten.

Die Kontroverse um die Quellenkritik:

Die Hauptinformationsquelle über die Tragödie in Chaibach war Dziaudin Malsagow (der erste stellvertretende Justizkommissar von Tschetscheno-Inguschetien). Ihm zufolge war er während der Vertreibung Zeuge der Tragödie im Bezirk Galantschosh. Am 23. Februar, zu Beginn der Deportationen, hatte starker Schneefall den Bergbezirk Galantschosh von der Ebene und dem Bahnhof, auf dem die Züge warteten, abgeschnitten. Mitarbeiter des NKWD unter dem Kommando des Staatssicherheits-Kommissars 3. Ranges Gwischiani sonderten von den rund 6.000 Einwohnern des Bezirks die Kranken und Alten aus, also diejenigen, die wegen ihrer geschwächten Gesundheit oder ihres fortgeschrittenen Alters nicht im Stande waren, zu Fuß die Gebirgspfade und Schneewehen zu bewältigen. Es waren ungefähr 700 Menschen, die in den Pferdestall der Berija-Kolchose – der Name zeugt von bitterer Ironie – getrieben wurden. Der Pferdestall wurde beschossen, mit Heu umgeben und angezündet.

Die Zahl der Zivilisten, die nach Malsagow im Stall gefangen gehalten wurden, bezifferte sich auf 600-700 Personen. Dann wurden die Stalltüren geschlossen, und Gwischiani, befahl, den Stall in Brand zu setzen und auf Menschen zu schießen, welche vor dem Feuer fliehen wollten. Malsagow und ein weiterer Offizier, Gromov, versuchten erfolglos zu protestieren und wurden in das Dorf Malkhasty gebracht.

Seine Worte werden von den Anwohnern selbst bestätigt, in deren Erinnerung diese Ereignisse gut erhalten sind. Das Verschwinden mehrerer hundert Menschen konnte von ihren Landsleuten und Verwandten nicht unbemerkt bleiben. Bis 2012 war auch Mumadi Elgakajew noch am Leben, welchem es als einzigen gelungen ist aus dem brennenden Stall zu fliehen.

Die Untersuchung dieser Ereignisse wurde von einer Sonderkommission unter der Leitung eines pensionierten Offiziers durchgeführt, dem Leiter des Podvig-Suchzentrums, Stephan Koshurko, der zu dem Schluss kam, dass dies der Fall war.

Die allgemeine Kritik an den Schlussfolgerungen der Koshurko-Kommission ist, dass angebliche Telegramm von Michail Gveshiani an Lawrence Beria: »Streng geheim: An den Volkskommissar des Inneren der UdSSR, den Genossen L. P. Berija nur für ihre Augen. Angesichts mangelnder Transportfähigkeit und zur Sicherstellung der termingerechten Durchführung der Operation Gori war ich gezwungen, ungefähr 700 Einwohner in der Ortschaft Chaibach zu liquidieren. Oberst Gwischiani«

Kritiker weisen zu Recht darauf hin, dass Gwischiani nicht der Oberst war, sondern Staatssicherheits-Kommissars 3. Ranges. Die Operation hieß nicht Gori (Gebirge), sondern „Tschetschewiza“ (Linsen) und schließlich wurde die Formulierung »Nur für Ihre Augen« niemals im Innenministerium verwendet. Auch die Formulierung »Streng Geheim« ist eine Kopie des englischen Ausdrucks »Top secret«. Anscheinend handelt es sich bei dieser Version des Telegramms, welches in der Fachliteratur regelmäßig zitiert wird um eine Fälschung, die in den USA eilig gemacht wurde. Dies ändert jedoch nichts an dem historischen Ereignis des 27. Februars selbst.

Die Geschichte von Chaibach ist nur außerhalb Tschetscheniens nicht bekannt, aber in der Erinnerungskultur der einheimischen Bevölkerung, ob daheim oder in der Diaspora, omnipräsent.

Die Kunst in der Katastrohe: Apti Bisultanows Gedicht zu Chaibach.

Schon seit seiner Kindheit hatte sich Apti Bisultanow der Dichtkunst hingegeben. Auch die tschetschenische Tragödie war seit seiner Kindheit präsent. Die Geschichte seiner Familie ist vom Trauma der Deportation geprägt, wie Apti Bisultanow erzählt: «Mein Vater ist sehr früh gestorben, da war ich erst 6 Jahre alt. Er ist an einer Verwundung gestorben, die er im zweiten Weltkrieg bei Leningrad bekommen hat. Trotz seiner Verwundung kämpfte er weiter, doch 1944 wurde er direkt von der Front nach Kasachstan deportiert, als Volksfeind. Meine Mutter hatte 10 Kinder, und fünf von ihnen sind in Kasachstan verhungert. Und von den letzten fünf bin ich der einzige, der in der Heimat geboren ist.» Diese Deportation ist auch das Thema eines seiner bekanntesten Gedichte. Es trägt den Titel «Chaibach» und ist vor zwanzig Jahren entstanden.

In Apti Bisultanovs Gedicht begegnen dem lyrischen ich die Schatten der in Chaibach Verbrannten, halten es fest und zwingen es, sie anzuhören. In freien Assoziationen und Abstraktionen beschreibt der Dichter den Bewusstseinswandel, den die Deportation bei den Tschetschenen auslöste, die Rückbesinnung auf sich als Volk und auf die Religion. Chaibach ist Teil einer Apokalypse, die die gesamte Menschheit bedroht. Die dichte Sprache mit ihrer Fülle von Bildern, Wortwiederholungen, Reimen und Querreimen kann im Deutschen nur angedeutet werden. Ebenso wie der daktylische Rhythmus, der der tschetschenischen Dichtung spracheigen ist.

In Chaibach verfasst (Zyklus oder Gedicht)
Nirgendwo ist Heimat, nirgendwo ein Zeuge
Mir will Zeit nicht bleiben, was geschah, zu zeigen
Keinen Bruder hab ich, keinen Sippenrat
Doch ist kein Geheimnis, was mit mir geschah

Mit dem Hause hadernd kreischt der Haustür Angel
Mit der Welt im Hader schlingt des Weges Schlange
Wirbel meines Herzschlags, Wirbel der Geschichte
Wirbelsturm des Teufels, Hader mit dem Schicksal

Meinen Beinen wachsen plötzlich neue Beine
Meinen Augen wachsen plötzlich neue Augen
Himmel strahlend hebt sich himmelweit die Pforte
Irdische Belebung alter Gottesworte

Zauderndes Erschauern, zarter Knospen Zittern
Zuckungen der Brauen, Sonnenlichtgewitter
Ruft die Ewigkeit mich – ruft mich Eiseskälte
Ruft der Grabeshügel – stillste aller Welten

In der Welt der Fülle gibt es keine Schranken.
Will das Bübchen fliegen? Erster Schritte Wanken
Schwer ist mir, des Volkes Leiden zu ertragen
Meine Seele schaudert vor dem Unsagbaren

Tausend Lasten drücken wie ein Sack von Salz
Dir auf Brust und Rücken, pressen dir den Hals
Nie mehr dich erheben wirst du nach dem Schock
Deines Volkes Schmerzen – Herz im Folterstock

Söhne zu verstaatlichen säen sie die Saat
Bis der letzte Bürger dient dem Oberstaat
Setzen heimlich Zeichen – Schmeißfliegengeschmeiß
Freie Welt verboten und das Paradies!

Deiner Seele Schatten schwindet mit dem Tag
Auf der Grabsteinplatte fest steht Jahr und Tag
Sie sind unaufhaltsam, sie sind unabwendbar
Meines Volkes Leiden kommen an kein Ende!

Dieser Welt genügend sei mit dir zufrieden
Ihr geheimes Siegel kannst du dir erschließen
Doch dein süßes Leben kann den Schmerz nicht lindern
Blickst du ihm ins Auge, er im Grab nicht schwindet

Festgewand der Mutter ist ihr weißes Grabtuch
Festsaal meines Bruders – ist die hohle Grabwand
Bestes Wort des Schmerzes, brennt es dir im Herzen
Hast du ewigen Frieden, bleibt Fragment dein Vers

Herd und Heimstatt lassen musst du dieser Sache
Von ihr musst du künden selbst im Grab erwachend
Nationaler Frage gibt es kein Entweichen
Eine Kobra-Schlange ist das Fragezeichen

Keine Antwort kenn ich außer Wolfsgeheul
Keine Zeichen kenn ich außer, die das Herz zeugt
Wie der toten Mutter blindes wildes Wolfskind
Wirbel ich im Kreis. Ein Geist wird plötzlich sichtbar:

Bluträcher dir bin ich, tot liegt schon dein Vater!
Um dein Volk zu töten, komme ich, der Dadshal
Deine Fehler bin ich, die du einst verlachtest
Seine Köpfe reckend steht vor mir der Drache

Wem willst du dich beugen, Gott oder dem Dadshal?
Gott allein! Bezeugen kanns Tschetscheniens Erde
Bin des Vaters Sohn, der stets in Waffen betet
Einer Mutter Sohn, Almosen für mich gebend

Für dein Gott Bekennen wirst du hingerichtet!
Leichen meiner Nächsten er zum Galgen schichtet
Zieht aus meinem Brustlatz eine schwarze Schlange
Reißt ein Haar vom Kopf sich, knotet es zur Schlinge

Blutbefleckte Hände mir das Licht verbauen
Flackernd blickt sein wildes fünfgezacktes Auge
Weist mit wildem Blick auf meine Schädelstätte
Mich, am Hals die Schlinge, zu der Richtstatt hetzend

Zauderndes Erschauern, meine Knie zittern
Zuckungen der Brauen, finstrer Nacht Gewitter
Ruft die Ewigkeit mich – ruft mich Eiseskälte
Ruft der Grabeshügel – stillste aller Welten.

Deine tote Schwester bin ich, ruft die Stimme
Bin dein totgeborenes Brüderchen im Himmel
Tapfer geht sie mit mir, weint an meiner Seite
Lehnt sich zärtlich an mich, schweigend mit mir schreitend

Die in hundert Jahren angestauten Gifte
Speit Die Zeit aus, reckt sich neben meiner Hüfte
Vaters guter Name geht vor mir Das Leben
Almosen der Mutter, die für mich gegebenen

Fest das Innere pressend, das die Seele füllte
Wandelt sich zum Luftbild, was das Blut mir stillte
Vor des Globus Anblick meine Augen rettend
Gehe ich entgegen meiner Schädelstätte

Jüngsten Tags Propheten ihren Leib erbitten
Tränen für die Umma den Propheten schütteln
Aras-Majda zeigt sich, dass ich nicht vergesse
Teil der Schöpfung ist auch meine Schädelstätte

Dann, wenn der Gesandte Gott bezeugt die Umma
Israphils Posaune zweimal hebt die Stimme
Ihre Kraft der Hölle Kuppelbau zertrümmert
So ist die mein Urteil vortragende Stimme

Leute ohne Beine laufen, sagt die Stimme
Leute ohne Arme raufen, sagt die Stimme
Willst du das nicht hören, musst du taub sein immer
Willst du das nicht sehn, erblinde!, sagt die Stimme

Das, was deiner Zunge Knoten dir entzerret
Was zerschlägt, zertrümmert die versteinten Herzen
Lass es fahren, sagt sie, mach dich leicht und glücklich
Lass Moral und Ehre Dummen und Verrückten

Mitleid habe, sagt sie, mit dem flinken Fänger
Weine für die Seele deines blutigen Henkers
An der Mutter, sagt sie, üb Verrat, sei glücklich
Ernte Ruhm, verrate deinen Vater tückisch

Handle mit Gebeinen deiner Anverwandten
Wühle in den Gräbern, meide nicht den Handel!
Lad zu Tisch den Mörder deines Vaters, sagt sie
Nähr dich an den Brüsten seiner Mutter, sagt sie

Das Gericht verkündet, flüstert mir die Stimme
Groß sind deine Sünden! flüstert mir die Stimme
Überleben musst du, deine Zeit genießen
Dass du Sklave sein wirst, soll dich nicht verdrießen

Bluträcher dir bin ich, tot liegt schon dein Vater!
Um dein Volk zu töten, komme ich, der Dadshal
Deine Fehler bin ich, die du einst verlachtest
Ein Gespenst – mein Richter, das Gericht – ein Drache!

Keine Antwort weiß ich außer einem Fluche
Keine Kraft mehr hab ich, außer Fluchtweg suchen
Tief in meinem Innern die Gedanken störend
Ist des alten Drachen kalter Schwur zu hören:

Du bist nicht der erste, den ich hierherführe
Du bist nicht der letzte, dem ich Schmerz zufüge
Klanglos geht jetzt unter deines Volkes Sonne
Du bleibst hier als Denkmal, zum Khollam geronnen!

Fliege weit mit Flügeln, du kannst nicht entweichen
Grab dich in die Erde, Kraft wird dir nicht reichen
Was geschah in Chaibach von dir abzulenken
Chaibach zu vergessen, soll dir Gott nicht schenken

Kinder sah ich brennen, hör ihr Wehgekreisch
Mütter sah ich brennen, Brandgeruch des Fleischs
Hab erduldet alles, Wahrheit oder Wahnwitz
Sah den Fluch Gott Allahs, aschefahl mein Antlitz

Tausendfaches Sinnen kann den Sinn nicht finden
Tausendfaches Schwören nicht den Sinn erhören
Tausend mal bereuen nur den Gram erneuert
Flieht der schwarze Schatten, Schmerz – er bleibt im Herzen

Alle Himmel hör ich auf mich niederfallen
Hör die Horizonte sich zu Schluchten ballen
Höre spitze Gipfel abstumpfen zu Hügeln
Höre Welt und Zeit sich dem Schweigen fügen
***
Nichts weiß ich, ein nicht noch aus
Pickt mir ein Schnabel das Herz raus
Pressen den Schrei scharfe Krallen
Über Ruinen mein Lied schallt
Bricht aus den Wirbeln das Weichfleisch
Bleibt mir kein Schmerz, keine Furcht bleibt
Fächern Schwingen die Asche
Bricht aus den Wirbeln das Weichfleisch
Bleibt mir kein Schmerz, keine Furcht bleibt
Fächern Schwingen die Asche
Echos die Rufe erhaschen:
»Chaibach, ach, Chaibach, ach, Chaibach!
Brennend die, Mensch und Tier, Leiber!
Brennende Totengebete!
Brennende Gräber der Väter!«
Auf will ich – bin nichts als Knochen
Weg – und die Knie gebrochen
Felsen sich türmen zum Zwinger
Schatten mich flackernd umzingeln:
»Wer ist dein Vater? Wie heißt er?«
»Lasst ab von mir, Totengeister!
Wollt ihr den Schädel mir spalten?«
Geist um Geist nimmt Gestalt an.

Erster Kreis der Schatten:
Nasam (Chorlied) der in Chaibach Verbrannten
Saht ihr die Tellermützen, die Litzen
Das uns umzingelnde Mördergesicht
Den seit der Ewigkeit festgesetzten
Saht ihr den grässlichen Tag des Gerichts?

Lässig gestützt auf die Bajonette
Zählten sie Kugeln, die um uns pfiffen
Zitternd vor Schwäche den Rosenkranz betend
Saht ihr, wie sie die Alten ergriffen

Kinder im Schnee erste Schritte probieren
Flüche nur hören, statt Muttermilch süffeln
Die mit Gewehrläufen sich amüsieren
Saht ihr, wie sie die Kinder ergriffen?

Ohne aus Stücken genähtes Grabtuch
Ohne Bereitung und Almosengeben
Ohne ein Grab, nicht geschmückt, nicht gegraben
Saht ihr sie brennen die Seelen, das Leben?

Welch eine Sünde – die Liebe zur Freiheit!
Rache – allein für die Liebe zu Gott!
Chaibach – geliebt von allen Tschetschenen ,
Saht ihr es brennen zu Asche und Tod?

Zweiter Kreis der Schatten:
Nasam (Chorlied) derer, die die Verbannung überlebten
Morgende, nun Bleibet frei!
Abende, nun Bleibet frei!
Heimkehr in den Kaukasus
Land Sibirien – Bleibe frei!

Wo die Sonn’ aufging – Sibirien
Wo sie unterging – Sibirien
Unterm Eis vom Grabstein träumend
Viele liegen in Sibirien!

Wo die Sonn’ aufgeht – Tschetschenien
Wo sie untergeht – Tschetschenien
Wo die Berge täglich weinen
Über uns – dort ist Tschetschenien

Grenzenloses Land – Sibirien
Fremdland ohne Halt – Sibirien
Tränen untröstlicher Mütter
Mütter, die du nahmst – Sibirien

Grenzsteine versetzt – Tschetschenien
Aller Halt zersetzt– Tschetschenien
Wo die Friedhöfe geschändet
Nach uns rufen – ist Tschetschenien

Was geschehen musste – sahn wir
Was wir sehen mussten – sahn wir
Dass bis jetzt wir überlebten
Mit dem Beistand Gottes – sahn wir

Freude – noch sehn wir sie vor uns
Unsre Berge – sehn wir vor uns
Kaukasus – in deinen Wäldern
Unsre Freiheit sehn wir vor uns

Morgende – wir lassen euch
Abende – wir lassen euch
Nichts mehr zwingt uns hier zu darben
Land Sibir – wir lassen dich

Monolog des ersten Schattens:
Usam (männlicher Einzelgesang)
Brechend die schlechten Gesetze der Mächtigen
Nicht in den Abgrund den Vater stürzend
Ihn in der Kiepe versteckt, den gebrechlichen
Wandernd als Fremdling im eigenen Lande
Wie dieses Sohnes so einsame Herz
Scheuend die Welt und die eignen Verwandten
Trag ich dich bei mir, schwerer, mein steinalter Schmerz

Vater und Mutter das Kind überlisten
In der Verstellung den Zeitgeist verordnen
Von dieser Pflicht ist mein Herz aufgerissen
Viel zu früh bin ich zum Veras geworden
Wie eines toten Kinds Seele die Wiege
Kindheit ersehnend, der Schwestern Scherze
Trag ich dich bei mir, schwerer, mein steinalter Schmerz

Stehlend dem Bruder den Bissen vom Munde
Dienend dem Zeitmaß in maßloser Gier
Wenn die Konachi abgürten vorm Gelde
Sich unterwerfen der Kinder Begier
Schwindet die Lust mir auf jede Begegnung
Trag ich dich bei mir, schwerer, mein steinalter Schmerz

Setz ich dich sanft, um dich nicht zu verletzen
Hier vor mir ab auf die Steine
Bin wie ein Tschurt ich am Grabend gesessen
Auge in Aug dir alleine
Wissen will ich, was es ist: von dir Trennen:
Das, was wir Vaterland, Heimat nennen
Schwerer, mein steinalter Schmerz

Wort des zweiten Schattens:
Usam (männlicher Einzelgesang) aus dem Kreis
Freiheitsflügel zur Zierde
Werwölfe Welten regieren
Leben, das du wunderbar nennst!
Deine gepriesene Wahrheit

Schwer sinkt die linke Schulter
Herz wie ein Holzfass verspundet
Kein Tropfen Spucke im Munde
Brunnen mit Gift angefüllt sind

Uralter Engel Augen
Sehen vergessene Zeiten
Sag, welcher Weg kann mir taugen
Durch alle Grenzen des Neides
Eltern, sie solln sich nicht freuen
Frieden der Nachbar nicht finden
Sag, welchen Weg soll ich scheuen
Sag mir, wovon soll ich künden?

Grenzen, den Augen zuwider
Worte, dem Herzen zuwider
Sag mir, wohin mit dem Schmerz
Dem nicht von Gott schweren Schmerz
Felder, von Gräbern gereinigt
Hymnen für Henker verfasst
Morgenrot, das mich nur peinigt
Wende der Zeit, die mich hasst

Freiheitsflügel zur Zierde
Werwölfe Welten regieren
Leben, das du wunderbar nennst!
Deine gepriesene Wahrheit

Monolog des letzten Schattens:
Zaun ohne Toreinfahrt
Wand ohne Dachgesparr
Fernab am Weltenrand
Mein eigen Haus entstand
Feuer im Herde schwitzt
Ein Amulett mich schützt
Grübelnd ich Grillen fing
Traurig der Kopf mir hing

Offen war stets mein Tor
Nie war ein Riegel vor
Halt fand ich in mir selbst
Hielt selbst das Dachgestell
Einsamkeit hieß die Braut
Die mir das Bett gebaut
Stille das Abendbrot
Für meines Herzens Not

Einst kam ein Feind vorbei
Neid schaut zum Fenster rein
Einst kam ein Freund vorbei
Lobte mein Haus mit Freud
Der, der verbittert kam
Zärtlichen Trost mitnahm
Ich blieb allein zurück
Herz schnürt ein Knotenstrick

Ungehört, windverweht
Blieb es, mein Bittgebet
Geißelnder Fastenzeit
Gott keine Gnade zeit
Was mich mit Angst erfüllt
Nicht meinen Kummer stillt
Mein lang geträumter Traum
Blasen aus Seifenschaum

Wie soll Gott Herden mehrn
Wenn es an Futter fehlt?
Wie soll Gott Feldfrucht mehrn
Wenn es an Samen fehlt?
Um Leute gut zu stelln
Frieden im Hause fehlt
Für der Familie Freud
Fehlt die Gemeinsamkeit
Mein irrend Schwesterlein
Wird wohl verloren sein
Mein irrend Brüderlein

Wird wohl verloren sein
Vieles der Schwätzer schwatzt
Böser Verleumdung Hatz
Doch was die Bosheit schürt
Hat kaum mein Herz berührt

Fernab und nahebei
Rost der kastrierten Zeit
Durchs Herz kroch, Schlangen gleich
Langweil und Traurigkeit
Grelles Licht, Dunkelgraus
Hausen im leeren Haus
Traumbilder wild geschürt
Seelen, vom Wind berührt

Wahrheit der Welt verwirrt
Zu mir herüber stiert
Zieht schläfrig ihres Wegs
Endlos im Selbstgespräch
Stimmen der Weltennacht
Setzten sich auf mein Dach
Knickten die Beine ein
Schliefen wie Vögelein

Gast in mein Haus einging
Jedweder Sonderling
Der, der gesegnet ist
Der, der verurteilt ist
Der mit gebundenem Arm
Aus seiner Mutter kam
Der mit gefesselten Füß’
Von seinem Weg nicht ließ

Harrend im Bittgebet,
Gleich ich nicht würdig bin
Handelnd nach rechtem Sinn
Gleich ich gerecht nicht bin
Nirgends ich Nähe fand
Niemand reicht mir die Hand
Kaum er die Schwelle streift
Schelle mein Wunschtraum bleibt

Wo des Propheten Ver-
Mittlung den Weg ersann
Wo das Ergötzen der
Lehrer die Regeln fand
Dorther ins leere Haus
Kamen Gespräche kraus
Gingen nach ihrer Zeit
Ich blieb in Dunkelheit

Aufstieg vom Erdenkloß
Blendwerk des Bösen bloß
Fallend vom Himmelslicht
Taubstumm vor Kummergicht
Blinzelnd im Morgenrot
Taubstumm im Abendrot
Lebt ich versteckt nur noch
In einem Erdenloch

Eines Tags unerhört
Licht meine Stille stört
Sichtbar das Licht sich ballt
Zu einer Lichtgestalt
Klammert an mich sich an
Flammend am Herzensrand
Spricht zu mir inniglich
Zitternd vor Finsternis

Geh, sprach sie, bleib hier nicht
Folg deiner Väter Pflicht
Nur wer ein Bastard ist
Wissen der Ahnen misst
Wahre als wahrer Sohn
Uralte Tradition
Suche Berg auf, Berg ab
Nach deiner Ahnen Grab

Ich bin ein Schrei, sagt sie,
Komme aus Schem zu dir
Ich bin ein Wind, sagt sie,
Stand vor der Himmelstür
Wollte ein Edelstein
In einem Herzen sein
Träumte, ich lebte fort

In einem Ehrenwort
Ich bin die Spur, sagt sie,
Uralter Völker Raub
Ich bin der Rauch, sagt sie
Uralter Städte Staub
Spurlos verschwundener Ort
Uralter Schriften Wort
Farbe, die Welt und Zeit
Eint in der Ewigkeit

Ich sah den neunten Schlund
Unseres Erdengrunds
Ich sah den neunten, den
Gipfel des Himmelsrunds
Knochengebein ich im
Innern der Berge fand
Einsame Meereswelln
Suchten den Ufersand

Seit Gottes Schöpfungszeit
Aufflammt die Grausamkeit
Brennende Menschen wie
Asche und Staub verstreut
Sie sagt, du musstest im
Irrtum, im Leiden sein
Richter der Welt ist
Jüngsten Tags Gott allein

Höre, sagt sie, wie die
Grenzen zerfalln zu Nichts
Sitten der Völker sich
Wandeln zur Spur aus Licht
Herzen der Menschen mit
Göttlichem Licht besprengt
Herrschenden grausames
Strafurteil streng verhängt

Siehe, sagt sie, wie die
Freiheit Gestalt gewinnt
Leben Verfluchter zum
Mahnmal aus Stein gerinnt
Edele Feuer in
Edelsten Herzen glühn
Tausende Glaubende
In die Moscheen ziehn

Unfrei die Welt, die von
Tödlichen Sünden trieft
Bis jeder schuldlos Ent-
Schlafene Schuld vergibt
Bis jedes Grab ohne
Namen benannt sein wird
Frei ist die Welt erst
Wenn sie ohne Schande ist

Lange Zeit trage ich
In mir der Wahrheit Licht
Menschen erkennen nur
Pünktchen der Funkenspur
Doch kommen Zeichen an
Keiner entweichen kann:
Wer seinen Bruder schlägt
Schuld an dem Morde trägt

Jeden das Recht entzückt
Schlechtes Gewissen drückt
Doch sie verachtet sind
Völker entmachtet sind
Staaten versunken sind
Herrscher ertrunken sind
Von Wahrheit abgedrängt
Im eignen Blut ertränkt

Sie sprach, zu aller Zeit
Strebten nach Wahrheit Leut
Segensreich und verflucht,
Unwissend oder klug
Unvernunft oder Wahn
Strebten die Wahrheit an
Doch sie blieb alle Zeit
Im Eis der Grausamkeit

Grausamkeit, sie verdammt
Was Gottes Hand entstammt
Grausamkeit kürzt die Zeit
Gottes Unendlichkeit
Seit Gott die Welt erschuf
Hört sie nicht seinen Ruf
Gutes, was sie erwirbt
Unschuldig Blut verdirbt

Sie sagte, oft genug
Irrtum die Ahnen schlug
Wenn ihr Rat falsch beschloss
Blut gleich in Strömen floss
Seit Gott die Welt erschuf
Findet kein Fuß, kein Huf
Erde, die nicht versengt
Oder von Blut getränkt

Krieger und Heldentum
Zähl nicht der Kämpfer Ruhm
Jeder von ihnen war
Edel und sonderbar
Jeder hat mehr als sich
Göttliches Licht geliebt
Jeder von ihnen stritt
Gegen die Finsternis

Kennend der Freiheit Preis
Kämpften sie stolz und heiß
Und der Welt Unverstand
Staunt über dieses Land
Für ihre Sittsamkeit
Pflügten sie Erdgestein
Legten im Wahrheitswahn
Bahnen zum Himmel an

Sie sagt, der Ahnen Tun
Schmähte nicht Heldentum
Schmach war ein Sieg, ein Wort
Fußend auf Brudermord
Fielen sie Held um Held
Für ihre freie Welt
Göttliches Recht und Licht
Sie noch im Grab anficht

Jeder, der Weges kam
Sich wie ein Feind benahm
Jeder, der Bruder schien
Irrte in Finsternis
Sie sagt, vom Zweistromland
Wo sie als Sterne fiel’n
Bis nach Tschetschenien
Niemals ihr Licht verfiel

Jeder Gefallene
Märtyrer ist, Schahid
Der edlen Herzens ist
Der alle Qualen litt
Der diese Welt auf der
Waage des Herzens wog
Göttliche Wahrheit tief
In seiner Seele trug

Edle Vernunft zu mehr’n
Ist, wozu Gott dich schuf
Güte und Recht zu mehr’n
Ist, wozu Gott dich schuf
Gott deinen Vätern ein
Großes Vermächtnis gab
Die es entreißen woll’n,
Bleiben nicht ungestraft

Dass nicht dein Glaube bricht
Zu dir dein Ahne spricht
Immer die Furcht ihn würgt
Dass sein Gedächtnis stirbt
Einstmals wird Grabgestein
Mahnmal von Chaibach sein
Grabmale Weggeleit
In die Unendlichkeit

Sie sagt, kein Himmelsdach
Ist für dies Land gemacht
Chaibach kein Wundenschnitt
Den nur ein Volk erlitt
Chaibach hat in die Welt
Schande und Schuld gestellt
Chaibaches Wunde schreit
In die Welt allezeit

Allachu Aalam – Gott weiß!
Bringt zum Schluss sie vor
Berge begleiten die
Stimme im Orgelchor
Kreisend als Adlerschrei
An taubem Fels vorbei
Schlummert sie Windgegrein
An meinem Herzen ein

So hat mich Chaibachs Last
Mitten im Herz erfasst
Ich – erster Pilger matt
An dieser Pilgerstatt
Mich sieht, wer sehen kann
Mich hört, wer hören kann
So mach ich, wie ich kann
Chaibach der Welt bekannt

Abschließende Verse:
Worte nicht achtend liegt tief in mir schlafend die Wahrheit
Niemals war ich ihr im Herzen verbunden so inniglich
Sie hat ins Leben verliebt mich gemacht so minniglich
Dass ich vergesse, was würdig ist, es zu bewahren
Irgendwann gehen zu müssen
Das als Heldentat wissen

Außer »ich bin« ist alles nur künftig und möglich
Keine Verluste im Heute bemerken die Augen
Gierig mein Herz, jeden Stein auf der Welt abzusaugen
Dort in der Höhe die Sonne, so frei und so reglos
Nicht nur, weil Wärme uns rar ist
Geheimnis des Lichts offenbarend

Ich – wie ein Vogel im Flug, dessen Flügel nicht denken
Wunder des Wegs, werde ich von der Zeit weggetragen
Dort, wo die Zeichen verblassen, Vollkommenheit finden
Dort, wo die Augen dem Körper das Dienen versagen
Hören versagt, eh der Ton noch geboren
Dort, wo der Tod stirbt, eh Leben geboren

Ich – wie ein Fels, den ich sah wohl bei starkem Gewitter
Schwankend im Sang des Nasam , der sich aufschaukelnd steigert
Ich – wie im Erdreich des Samenkorns heilsames Schweigen
Wie eine Wolke im Blau, die vorm Sonnenstrahl zittert
Wie das Gebet des Gerechten, kündend
Eigenen Tod frei von irdischen Sünden

In meinem Herz der Unendlichkeit Schöpfungen lodern
In meinem Geist schwimmt die Kälte des ewigen Todes
Keine Kraft gibt mir zurück meinen früheren Zustand
Kein Glück der Welt gibt zurück mir mein früheres Lächeln
Keine Verluste mir Kränkung bereiten
Kein finstrer Hinterhalt raubt mir die Freiheit

Trotz allen Unrechts der Menschen in ihrer Geschichte
Sammle ich in meine Hand alle steinigen Straßen
Räume von ihnen die Waffen, die auf mich gerichtet
Sammle die Weisheit der Zeiten im Schlusspunkt der Sprache
Löse die mir bereiteten Fesseln, Vergebung
Erbittend bei allen für mich gegrabenen Gräbern

Als ich von Sumer zum Kaukasus aufbrach
Bat ich die Freiheit mir Zunge und Herz auszureißen
Als ich von Dadi-Jurt aufbrach nach Chaibach
Flehte ich, Hand und Erinnerung mir zu verschleißen
Dorthin, wo Funken der Freiheit noch glühn
Will ich mit zuckenden Blitzen entfliehn

»Vergessen auf Befehl« (russisch: Приказано забыть) ist ein tschetschenischer Film aus dem Jahr 2014, der das Chaibach-Massaker durch die Linse der Hauptprotagonisten Daud und Seda zeigt, zwei fiktive Charaktere, welche Zeugen des Massakers waren nach der Flucht aus ihrem Dorf. Der Produzent von »Vergessen auf Befehl« ist Ruslan Kokanaev und Hussein Erkenov, welcher bereits ein Film über die Vertreibung der Karatschaier gemacht hat, führte Regie.

Am 10. Mai 2014 sollte die Prämiere sein, der Film wurde jedoch verboten, weil das russische Kulturministerium unter Leitung von Vladimir Medinsky die Ereignisse des Chaibach-Massakers offiziell bestreitet und behauptet, der Film würde ethnischen Hass erzeugen. Die Macher des Films erklärten, »Vergessen auf Befehl« handele nicht von Russen und Tschetschenen, nicht von Feindschaft und schon gar nicht von ethnischem Hass. Dies sei vielmehr die Geschichte der menschlichen Tragödie und derer Lebens, die 1944 in Haibach unterbrochen wurde. Die Geschichte von tapferen Menschen, die trotz aller Not sich selbst bleiben, ihre Traditionen bewahren wollten, vor einem Regime, das keine Gnade kannte, sondern nur blind die unmenschlichsten Befehle gab und ausführte. Der Film zeigt viele ethnische Russen, die sich gegen die Ermordung tschetschenischer und ziviler Zivilisten widersetzten und dafür selbst mit dem Leben bezahlten. Unter anderem auch die Hinrichtung eines Arztes, der sich weigert, kranke Tschetschenen und Inguschen aus dem Krankenhaus zu vertreiben. Trotz des Verbots der Regierung, den Film zu zeigen, wurde er dank des Engagements und Einsatz von Hussein Erkenov dennoch auf dem Moskauer Filmfestival gezeigt.

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