Das Schweigen zum Schicksal der Schwestern

рубрика: Menschenrechte & Memorial

Die Geschichte der Entführungen, Folterungen und Ermordungen von Homosexuellen in Tschetschenien hat nicht nur Männer betroffen. Das Schicksal einer Frau mit «nicht traditioneller sexueller Orientierung» kann vollständig in den Händen ihrer Verwandten liegen und diese sind nicht weniger grausam als Strafverfolgungsbehörden. Der «Kaukasische Knoten» berichtet als eine der wenigen russischen Zeitschriften über das Schicksal von queeren Frauen in Tschetschenien.

Am 10. Dezember wurde in Moskau ein Bericht vorgelegt. Es enthielt die Ergebnisse einer Umfrage unter 16 Frauen aus der Tschetschenischen Republik im Alter von 20 bis 49 Jahren, die sich selbst als unterschiedliche sexuelle Minderheiten einstufen. Acht der Befragten gaben an, einige ihrer Freundinnen, Verwandten oder Nachbarn seien von ihren männlichen Angehörigen wegen ihres »schändlichen Verhaltens für die Familie« getötet worden. Die Mädchen erzählten auch, wie die Tötung von Personen, die der nicht-traditionellen sexuellen Orientierung verdächtigt werden, ausgeführt wird.

»Alle älteren Männer der Familie (Großväter, Onkel, Väter, ältere Brüder) kommen zusammen und diskutieren, welche Strafe zu wählen ist für das falsche Verhalte der Frau. Wenn sie herausfinden, dass sie lesbisch ist, gibt es meist zwei Möglichkeiten: Sie zu töten oder in die Ehe zu zwingen «.
Alle Frauen erzählten von systematischem und sich wiederholendem körperlichen und psychischen Missbrauch sowohl in der elterlichen Familie als auch in der Ehe. Im Falle von körperlicher Gewalt in der Familie ziehen es lesbische Frauen vor keine medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen, wegen eines Verbots von Verwandten oder aus Angst auf sich aufmerksam zu machen. Die psychologische Hilfe wird durch religiöse Praktiken der »Dschinn-Austreibung« ersetzt, während der Rechtsschutz aufgrund der Einstellung der Strafverfolgungsbehörden nicht gewährleistet werden kann.

Wegen ihrer Liebe getötet – das Schicksal von queeren Frauen in Tschetschenien

Nach den Informationen des russischen LGBT-Netzwerks hat in Tschetschenien seit Ende Dezember 2018 eine neue Verhaftungswelle von Männern und Frauen aufgrund ihrer wahrgenommenen oder tatsächlichen sexuellen Orientierung begonnen.

Im Augenzeugenbericht, welches das Portal «CurrentTime» veröffentlichte, berichtet eines der Opfer unter der Bedingung der Anonymität über die Säuberung und ihr Schicksal.

»Du hättest sie irgendwo im Wald erschießen sollen«

– Meine Familie verfolgte mich, weil ich lesbisch bin und mehrmals von zu Hause weglief. Ich bin eine ethnische Tschetschenin, wir haben in Russland gelebt, aber nicht in Tschetschenien selbst. Ich möchte nicht genau sagen, wo.

»In den letzten zwei Jahren wurden wir von 37 lesbischen und zwei transsexuellen Frauen aus den Republiken des Nordkaukasus kontaktiert. 2018 erhielten wir dann die ersten Berichte über Mädchen und Frauen, die von der Polizei wegen des bloßen Verdachts der Homosexualität festgenommen wurden. Berichten zufolge gab es unter denen, die von Dezember bis Januar verschleppt wurden, auch Mädchen und Frauen.« kommentiert Igor Kochetkow, Leiter des russischen LGBT-Netzes, die Worte des Gesprächspartners von CT.

– Meine Familie erfuhr durch meine ehemalige Freundin von meiner sexuellen Orientierung. Sie erzählte es meiner Familie – weshalb weiß Ich nicht. Sie selbst war keine Tschetschenin. Danach bekam ich Probleme und ich hörte auf, mit ihr zu kommunizieren.

Ich bin zweimal von zu Hause weggelaufen. Als ich das erste Mal weggelaufen bin, suchten Sie mich überall. Eine Freundin verriet meinen Verwandten den Ort meines Aufenthalts. Danach brachte mich einer meiner Brüder zurück in mein Elternhaus. Meine Mutter war damit nicht zufrieden. Zu meinem Bruder sagte sie: »Warum hast du sie wieder nach Hause gebracht? Du hättest sie irgendwo im Wald erschießen sollen, wie wir es vereinbart hatten«, sie erzählt weiter. »Mein Bruder tat es nur deshalb nicht, weil mein Vater es ihm verboten hatte.«

Meine Eltern wussten, dass ich lesbisch bin und eine Beziehung zu einem Mädchen habe. Sie wollten mich in eine Nervenklinik einschließen.

»Unter den fünf Mädchen, die uns kontaktierten, waren auch welche, deren Angehörige sie einer psychiatrischen „Behandlung“ unterzogen hatten. Letzteres ist jedoch nicht ausschließlich ein kaukasisches Problem. Im vergangenen Jahr haben uns sieben Personen aus verschiedenen Regionen Russlands angesprochen, die sich über die Zwangsverbringung in psychiatrischen Krankenhäusern beschwert haben« berichtet Kochetkow.

– Sie haben versucht, mein Verhalten dadurch zu erklären, dass ich von einem Dämon besessen bin. Sie schickten mich in eine lokale Moschee, um mich einem Exorzismus zu unterziehen. Es war einfacher für sie damit mein Verhalten und meine Handlungen zu rechtfertigen.

Es gab ein eigenes Verfahren für den Exorzismus des Dschinns. »Wir alle wussten ja, dass es keinen Dämon in mir gab, aber trotzdem musste ich so tun, als ob er tatsächlich existierte. Ich spielte mit, meine Eltern glaubten mir, aber nach ein paar Monaten bin ich wieder weggelaufen. Danach wandte ich mich an das russische LGBT-Netzwerk, damit sie mir zu helfen, mich zu verstecken. Dies war 2017.«

»Der Exorzismus des Dschinns« sei eine typische Geschichte, die von Männern und Frauen aus Tschetschenien erzählt wurde, erklärt Kochetkow. »Viele von ihnen erwähnen die «Ehrenmorde» von Mädchen aufgrund ihrer Beziehung zu anderen Mädchen. Leider ist es unmöglich, alle diese Nachrichten zu überprüfen, aber das Vorhandensein einer solchen Praxis ist nicht zu bezweifeln.

– Danach war ich noch sechs Monate in Russland. Als alle bürokratischen Probleme mit den Dokumenten gelöst waren, verließ ich die Föderation. Ich bin eine gesellige Person und habe mich schnell in einem neuen Land eingelebt.

»Wenn eine Lesbe getötet wird, schreibt fast niemand darüber.«

Ich kenne die Getöteten nicht, aber ich kenne die, denen es gelungen ist zu fliehen, die jetzt ihr Leben in Frieden leben. Ich weiß, dass viele mit der Familie in Kontakt bleiben. Wenn ich »mit der Familie« sage, meine ich, dass sie nur mit ihrer Schwester oder nur mit ihrer Mutter oder nur mit ihrem Bruder kommunizieren. Soweit ich weiß, hat niemand frei mit der ganzen Familie kommunizieren.

Es ist für Angehörige schwer zu akzeptieren, dass ihr Kind schwul, lesbisch oder transgender ist. In unserer Kultur wird dies kaum akzeptiert und auch eine strenge Interpretation des Islam stimmt dem nicht zu. Sie tun schlichtweg, was die Gesellschaft oder die Religion ihnen vorschreiben und befolgen diese Gesetze. Dabei Sie ihr Kind nicht so, wie es ist, nur weil die Gesellschaft es verurteilt.

Unter meinen Bekannten »in der Betreffzeile« [LGBT] gibt es diejenigen, die sich noch immer in Tschetschenien befinden oder aus den verschiedensten Gründen nicht das Land verlassen können. Dies gilt insbesondere für Mädchen. Es ist viel schwieriger für sie, weil sie ständig kontrolliert werden. Sie können das Haus nicht verlassen, ohne dass sie jemand begleitet. Schon deshalb sei ihre Flucht schwer zu organisieren.

Wenn wir über Männer sprechen, gibt es diejenigen, von denen niemand weiß, dass sie schwul sind. Sie versuchen es zu verheimlichen, indem sie in keiner Weise »Werbung« machen, sie müssen nur das tun, was ihre Eltern ihnen sagen: heiraten, Familien haben, arbeiten, leben, wie es ihre Eltern wollen. Vielleicht haben sie einfach nicht den Mut.

Die meisten sind nicht dazu bereit, ihre Eltern, Geschwister, zu verlassen – das Leben, dass sie hatten, Menschen, die sie vielleicht nicht akzeptieren, die sie aber immer noch lieben. Sie sind nicht dazu bereit, dies alles zu verlassen und in ein anderes Land zu gehen, in dem alles völlig unbekannt ist. Daher bleiben sie in einer Umgebung, in der sie sich wohler fühlen und ihnen vertraut sind.

Wenn Sie meinen Freunden vertrauen, welche die aktuelle Situation in Tschetschenien von innen kennen, dann gibt es mehr als 40 Gefangene, wie von den Medien gemeldet wurden, auch mehr als zwei Tote.

Um eine Frau [im Kaukasus] zu töten, ist nicht sehr viel notwendig. Und die Tatsache, dass sie lesbisch ist, ist eine gute Ausrede, um sie irgendwo im Wald zu begraben und sich nicht mehr an sie zu erinnern.

Unter meinen Bekannten gibt es sowohl Jungen als auch Mädchen, die nach ihrer Verhaftung in den sogenannten Geheimgefängnissen vergewaltigt wurden.

»Wir haben die Bestätigung, dass diesmal bei der neuen Verhaftungswelle Männer vergewaltigt wurden. Ua. Mit Schlagstöcken und Elektroschocker. Wir haben einen Mann, der das durchgemacht hat. Aber über die Mädchen wissen wir nichts, insbesondere was mit ihnen passiert. Wir wissen, dass sie inhaftiert und gefoltert werden, aber es gibt keine genauen Informationen über Vergewaltigung. Aber ich bin über nichts überrascht. Man darf nicht denken, dass manche Traditionen sie aufhalten würden. Sie [Die tschetschenische Regierung unter Ramsan Kadyrow] konstruieren diese sogenannten Traditionen selbst. Ich würde dies Die Vergewaltigung von Mädchen] nicht ausschließen, aber wir können dies nicht bestätigen.« erklärt Kochetkow.

– Männer werden häufiger inhaftiert, weil Mädchen fast immer in Begleitung auf die Straße gehen. Vater und Bruder erlauben keinem Fremden, ihre Schwester oder ihr Kind abzuholen. Ein Mann kann andere Männer einfach angreifen, verprügeln, in ein Auto stecken und wegbringen. Oft sind Männer auch in ihrer Korrespondenz oder bei Telefonkontakten weniger vorsichtig und behalten die Nummern ihrer Partner, was ein Sicherheitsrisiko sein kann.
Menschen, die fliehen und versuchen, ein neues Leben zu beginnen, sind immer noch beängstigend. Sie haben Angst, sogar anonyme Interviews zu geben. Aber je weniger wir darüber reden, desto weniger wird sich etwas ändern. Das ist traurig. Ich möchte, dass die Leute über die bestehenden Probleme sprechen und auch über die Probleme der [tschetschenischen Lesben], weil niemand die Frauen bemerkt.

Wenn sie einen Schwulen töten, reden alle darüber. Aber wenn eine Lesbe getötet wird, schreibt fast niemand darüber. Eine Frau kann in den Wald gebracht und, getötet werden – ihre Verwandten können nach Hause kommen und so tun als existiere sie nicht. Und nicht ein einzelner Nachbar, kein einziger Verwandter der Frage wird fragen. Jeder weiß alles ist gut.

Dank an Aida Mirmaksumowa

Anmerkung: Jekaterina Sokirjanskaja hat in einem Interview einen wichtigen Aspekt angesprochen. Ihr zufolge halfen auch konservative tschetschenische Männer bei der Untersuchung. Diese teilen weder die liberalen Werte in Bezug auf die LGBTI-Gemeinschaft, wollen aber auch nicht, dass in Tschetschenien Homosexuelle getötet und gefoltert werden. »Russland ist eine homophobe Gesellschaft, aber seit dem Zusammenbruch der UdSSR gab es keine Fälle von organisierter Gewalt gegen Homosexuelle in Tschetschenien – auch keine Kampagnen, um sie aufzudecken. Davor habe ich noch nie von Ehrenmorden gegen Männer gehört. Vielleicht existierten Ausnahmefälle, aber diese Dimension ist völlig neu. Das Regime bezieht sich zwar auf die Tradition, aber es erfindet oder kreiert eine Tradition. Sie verdrehen und verändern die Tradition für ihre eigenen Bedürfnisse« Sokirianskaia fügte hinzu. »Diese Neugestaltung der tschetschenischen Kultur geht über die Verfolgung von Homosexuellen im Namen der Tradition hinaus. Ein Großteil des Kadyrow-Regimes stellt einen deutlichen Bruch mit der Tradition dar, um eine Mythologie zu schaffen, die der gegenwärtigen Machtstruktur förderlich ist. «