Lust und Gunst

рубрика: Menschenrechte & Memorial

Eine Meinung über den Islam haben viele rasch zur Hand. Selten stützt sich diese Meinung aber auf vertieftes Wissen. Als Waise weiss ich wenig, würde mich aber freuen wenn dieses Thema nicht nur von Glaubensbrüdern differenzierter dargestellt wird. Schliesslich verweist Herr Kochetkov selbst auf den Neotraditionalismus in Tschetschenien.

Die Ambiguität des Islam

Ob im Umgang mit Koranlesearten und Deutungen, mit gelehrten Meinungspluralität oder mit Sprachspielen, immer trifft man auf das auf das gleiche Muster: Die traditionellen Diskurse der islamischen Welt mit ihrer gezähmten, aber nicht bekämpften Ambiguität werden durch ambiguitätsintolerante westliche Diskurse herausgefordert, die mit dem Anspruch auf universelle Gültigkeit auftreten.

In Reaktion auf die westliche Herausforderung bilden sich in der islamischen Welt im Wesentlichen zwei Diskurse heraus, ein islamistischer und ein westliche-»liberaler«. Auf den ersten Blick scheinen sie einander entgegengesetzt zu sein, doch gründen sie auf ein und demselben Fundament.

Dieses gemeinsame Fundament ist die Ordnung, die der Westen den Dingen gab. Infolge der Übernahme dieser Struktur des Denkens, also der westlichen Episteme, wenden sie sich mit gleicher Radikalität von traditionellen Diskursen ab, die in den neuen Ordnungen des Wissens unverständlich geworden sind. Versuche des Westens, die »liberalen« Diskurse zu stärken, schwächen deshalb keineswegs die islamistischen Positionen.

Ganz im Gegenteil: Sie lassen nur die Grundlagen plausibler erscheinen, auf denen sowohl die islamistischen als auch die liberalen Denkweisen beruhen, und schwächen damit die traditionellen. So kann nunmehr der islamistische Diskurs als eigentliche, eigenständige Antwort der islamischen Welt auf die Herausforderungen der westlichen Diskurse erscheinen. Denn einerseits teilt er die Grundsätze der westlichen Denkweise – sonst könnte er nicht auf sie antworten – andererseits lassen sich auf seiner Grundlage Positionen vertreten, die antiwestlich erscheinen und vom Westen auf so verstanden werden. Dagegen bleiben ihm die traditionellen Diskurse unverständlich. Sie sind mit denen des Westens inkompatibel und stehen deren Hegemonialanspruch machtlos gegenüber.

Diese Verkettung zwischen dem Wahrheitsglaube des Westens, seiner Ambiguitätsintoleranz und seinem Universalisierungsehrgeiz, auf den zu reagieren nichtwestliche, ambiguitätstolerantere Kulturen gezwungen sind, ohne dass es ihnen je gelingen kann, die Widersprüche, die sie sich damit eingehandelt haben, aufzulösen – diese gesamte Verkettung wird nirgends so deutlich wie im Bereich der Sexualität.

Wenn man das arabische Schrifttum des Jahrtausend 850 und 1850 Revue passieren lässt, fällt zunächst auf, dass es zwar einerseits eine Vielzahl von Diskursen und eine Fülle von Texten über Erotik und Sex gibt, dass diesen aber durchweg die Aufgeregtheit und Zwanghaftigkeit abgeht, die die westlichen Diskurse über viele Jahrhunderte kennzeichneten. Wesentlich spektakulärer waren dagegen die Reaktionen des Westens auf den Sex des »Orients« oder auf das, was man sich im Westen darüber zusammenphantasierte.

Unnötig zu sagen, dass diesem westlichen Interesse kein entsprechendes Interesse der islamischen Welt an westlicher (oder anderer fremder) Sexualität entsprach. Doch in der Mitte des 19.Jahrhunderts war der Westen mächtig genug geworden, seine eigenen Sexualitätsdiskurse der übrigen Welt aufzuzwingen. Von nun an war der Orient für den Westen nicht mehr allein Ursache für Erregung, in jedem Sinne des Wortes, sondern Objekt erzieherischen Handelns.

Seit dieser Zeit gibt es in der arabischen Welt (und nicht nur dort) keinen Sexualitätsdiskurs mehr, der nicht eine direkte Reaktion auf den Westen darstellt oder doch von diesem mitgeformt wird. Gerade auf dem Gebiet des Sexes wird die hegemoniale Macht westlicher Diskurse besonders deutlich, reicht ihr Einfluss doch in die privatesten Bereiche der Menschen. Wenn sich nun die modernen arabischen Diskurse über Sex als Reaktion auf westliche erweisen, wie sollten dann nicht erst recht Diskurse über Koranvarianten und Politikkonzepte solche Reaktionen sein?

Dabei kann die Mächtigkeit westlicher Diskurse nicht in einer inhaltlichen Überlegenheit begründet sein – dies allein schon deshalb nicht, weil sich ihre Inhalte ständig veränderten. Die viktorianische Sexualmoral, die man den Völkern der Welt im 19.Jahrhundert predigte, ist in vielerlei Hinsicht schlichtweg das Gegenteil der sexuellen Befreiung, mit der westlichen Nichtregierungsorganisationen heute die Welt zu beglücken versuchen. Trotz dieser offensichtlichen Widersprüchlichkeit haben die Vertreter dieser Diskurse nie daran gezweifelt, dass das in diesen Diskursen organisierte Wissen wahr und universell gültig ist und dass es von großer Wichtigkeit ist, den Rest der Menschheit zur Annahme dieses Wissens zu bewegen.

Die gegenwärtige Auseinandersetzung des Westens mit der Einstellung zum mann-männlichen Sex im »Islam« ist Gegenstand zweier gründlicher Arbeiten geworden. In einer ausführlichen Studie hat Joseph Massad die Reaktion in der arabischen Welt auf die hegemonialen Sexualitätsdiskurse des Westens im 20. Jahrhundert dargestellt und die Auswirkungen der Kampagnen westlicher Schwulenorganisationen im Nahen Osten untersucht. Georg Klauda ist ebenfalls der Entstehung »islamischer« Homophobie nachgegangen und hat die These, homophobe Gewalt finde sich in Deutschland besonders stark in Migrationskreisen, hinterfragt. Dabei stellten beide Autoren fest, dass das westliche Engagement für Schwulenrechte die Übertragung der Hetero-Homo-Binarität auf die Verhältnisse das Nahen Osten voraussetzt und sich deshalb oft als eher destruktiv denn nützlich erweist:

Die Transformation der erotischen Beziehungen unter Männer vom System der Freundschaft zu dem der Homosexualität verändert die eigene Lebenswelt auf bedrohliche Weise. Sie markiert den panischen Beginn einer Sortierung von Menschen nach ihrer geschlechtlichen Orientierung. Damit ist der Zwang verbunden, über sich und seine sexuellen Handlungen eine »Hermeneutik des Begehrens« auszuüben und notfalls zu bekennen: »Ich bin anders«. Schuld und Abwehr, Abspaltung und Projektion sind die Begriffe, aus denen sich das terroristische Klima von Verdächtigungen und drakonischen Strafen erklären lässt.

Beide Autoren sind denn auch skeptisch, ob der Einsatz für Schwulenrechte im Nahen Osten tatsächlich den erwünschten Effekt erzielt oder nicht doch das genaue Gegenteil bewirkt, nämlich eine »Heteronormalisierung der islamischen Welt« : »Indem die schwule Internationale einen Diskurs über Homosexuelle in Gang bringt, wo es vorher keinen gegeben hat, heterosexualisiert sie in einer Welt, die gezwungen wird, sich auf eine westliche Binarität festzulegen. Das Ergebnis dieser missionarischen Bestrebungen wird nicht die Schaffung eines Planeten sein, der queer ist, sondern eines, der straight ist.

Was ist natürlich?

In den Diskursen der islamischen Welt spielt Natur allenfalls in den sexualhygienischen Ratgebern eine Rolle, doch ist es nur die Natur des Körpers, die Ausgeglichenheit seiner Säfte, auf die zu achten ist. Moralische Grundsätze werden aus der Natur aber nicht abgeleitet. Nun ist zwar leicht einsichtig, dass sich aus der Natur überhaupt keine moralischen Argumente ableiten lassen, weil es keine apriorische Gewissheit geben kann, ob etwas, wenn es natürlich ist, nun gut oder schlecht und umgekehrt: ob etwas, weil es nicht natürlich ist, zwangsläufig gut oder schlecht sein muss. Trotzdem hat man seit dem Mittelalter die Natur als »Hure der Moral« missbraucht, und man tut dies in den Sexualitätsdiskursen der christlichen Kirchen bis heute.

Im Westen ging man stets davon aus, (I) das Sexualität erklärt werden muss, (II) dass sie durch Natur erklärt werden muss, wobei sich das Natürliche und das moralische Erstrebenswerte idealerweise decken, und (III) das die westliche Vorstellung von »normaler« Sexualität stets sowohl mit der Natur als auch mit der moralischen Weltordnung übereinstimmen und daher universelle Geltung beanspruchen dürfen. Dabei ließ man sich nicht durch die Tatsache beirren, dass sich die Vorstellung über »natürliche« Sexualität im Laufe Zeit gerade in der westlichen Kultur stärker veränderten als anderswo. Sie können folglich nicht immer mit einer als essentiell gedachter Natur konform gegangen sein.

Ebenso wenig ließ man sich dadurch irritieren, dass ein großer Teil der Menschheit – in der Tat der größte Teil – einen anderen Sex als selbstverständlich empfand beziehungsweise noch immer empfindet, und noch weniger dadurch, dass sich die (durchaus fraglichen) Axiome (I) und (II) wesentlich besser aufrechterhalten lassen, wenn man Axiom (III) aufgibt, wie folgendes Gedankenspiel zeigt. Gesetzt den Fall nämlich, Sexualität müsse in der Tat erklärt werden, und sie müsse dadurch, dass sie mit den natürlichen Grundlagen des menschlichen Seins übereinstimmt oder nicht übereinstimmt, erklärt werden, ergibt sich gerade für die im Westen als natürlich wahrgenommene Vorstellung von Sexualität ein unauflöslicher Widerspruch zum wichtigsten Naturdiskurs der Moderne, der Evolutionstheorie.

Denn wenn homosexuelles Begehren als erblich bedingte Anomalie verstanden wird, ist schlichtweg nicht erklärbar, warum es nicht längst ausgestorben ist, weil doch homosexuelle Männer deutlich weniger Nachkommen hinterlassen als heterosexuelle. Nähme man dagegen die antik-islamische Variante als »natürliche« Form menschlicher Sexualität an, ergäbe sich das Problem nicht. Die Fähigkeit, homoerotische Anziehungen zu empfinden, würde als für den sozialen Zusammenhalt wichtige Voraussetzung akzeptiert und wäre damit in ihrer evolutiven Funktion erklärbar.

Sex und Erotik bei den muslimischen Gelehrten

Das Erotische ist so allgegenwärtig im menschlichem Dasein und genauso vielfältig wie die Vielfalt des Menschen selbst, sodass man dies nicht in einer Kategorie [Sexualität] zusammenführen kann. Man begegnet ihm im Koran und in verschieden Kapiteln des Fiqh. Erotik und Sex tauchen im Hadith auf, im Tasawwuf, in der Dichtung, in der Medizin, im Humor, im Alltag und natürlicherweise in der Nacht. Die Wahrnehmung der Allgegenwärtigkeit und der Fluidität dieses Themas ließ, wie Foucault feststellte, in den muslimisch geprägten Gesellschaften der Vormoderne eine ‚ars erotica‘ entstehen und keine ’scientia sexualis‘ wie es im Westen der Fall gewesen ist. Das sollte für den Islam selbstverständlich sein, wenn er als Din, als eine Lebensweise, Lebenseinstellung und Lebensphilosophie verstanden wird. Wenn der Islam ganzheitlich gedacht wird, dann machen Kategorien wie sakral und profan kaum einen Sinn, da die Welt sowohl sakral in Bezug auf ihren Schöpfer als auch profan in ihrer Wirklichkeit ist. Auch der antike Antagonismus zwischen dem Geistigen und Körperlichen möge seine Begründung in antiken Philosophien oder in manchen Religionen haben, aber nicht im Islam. Denn gut ist das, woran man den Wahren erkennt und das, was uns dem Einen im Rahmen der Scharia näherbringt, sei es geistig oder körperlich. Diesen Punkt zu verstehen ist essenziell, um das Selbstverständnis der Theologie(n) des Islam bezüglich bestimmter Punkte, wie Bsp. Der Frage nach dem Eigentum, der Ehe oder dem körperlichen Vergnügen im Diesseits und im Jenseits zu begreifen.

Sex wurde im Islam, im Gegensatz zum Christentum, gerade nicht als etwas Sündhaftes und Niedriges betrachtet, welches es zu vermeiden gilt. Diese Grundeinstellung, die »ja« zum Leben sagt, um es in die Worte von Nietzsche zu fassen, führte in den beiden Religionen zu völlig unterschiedlichen, ja gegensätzlichen Umgangsweisen mit dem Sexuellen. Dass heute Sex und Erotik unter den Gläubigen tabuisiert und skandalisiert sind, ist auf keinen Fall eine Tatsache, die ihre Wurzel in der Tradition hat. Vielmehr ist dies eine moderne Erscheinung, die zum größten Teil eher das Ergebnis der Übernahme bestimmter Wertevorstellungen und Denkmuster der Moderne ist, welche, genauer betrachtet, dem Geiste des Islams fremd sind. Denn wer die Menschen und somit die Gesellschaft zu fehlerlosen Wesen formen will, möchte Gott korrigieren.

Schaut man bei früheren Gelehrten, dann konstatiert man bsp, dass Imam Ibn Qudāma, der prominente hanbalitische Rechtsgelehrte, in seinem rechtsenzyklopädischen Werk al-Mugnī (Das Genügende) folgendes schrieb: »(Das Erlaubtsein) des Analverkehrs wurde von Ibn Umar, Zayd b. Aslam und Nāfi überliefert. Von Imam Mālik wird tradiert, dass er gesagt habe: ‚Ich traf keinen, den ich in meiner Religion als Vorbild nahm, der an dem Erlaubtsein (des Analverkehrs) zweifelte.’« Warum musste Imam Ibn Qudāma sich dafür nicht rechtfertigen und warum wird so ein Satz heute als eine häretische Aussage empfunden? Diese zwei Fragen könnten den gesamten Diskurs um Sex, Intimität und Erotik in den meisten muslimischen Gesellschaften unserer Zeit resümieren.