Vownuschki

рубрика: Geschichte & Gegenwart

Vownuschki ist ein majestätischer Turmkomplex in der Gulohiya-Schlucht (Ozdi-Chouzh), welcher auf den spitzen Gipfeln steiler Felsklippen erbaut wurde und aus zwei separaten uneinnehmbaren Turmkomplexen besteht, die in der Antike durch eine Hängebrücke verbunden waren. In der inguschischen Übersetzung bedeutet Vownuschki »der Ort der Gefechtstürme«. Die Gefechtstürme waren vierstufig, mit engen Schießscharten, einer hohen Brüstung und einem flachen Dach. Sie verdeutlichen das Konzept der »Festung«: riesige Steinbauten, die fest auf einer felsigen Basis stehen. Die Zufahrten zu den Türmen und Wohnhäusern wurden durch mächtige Festungsmauern blockiert, welche auf den ersten Blick als natürlicher Teil des Berges wahrgenommen wurden. Nicht weit von den Türmen blieb ein seltenes kernförmiges Mausoleum erhalten.

Vownuschki ist ein anerkanntes Meisterwerk der mittelalterlichen Turmarchitektur und ein Objekt des besonderen Stolzes der Inguschen. Jetzt ist es schwer vorstellbar, wie viele Anstrengungen von den Baumeistern von Vownuschk vor fünf Jahrhunderten unternommen werden mussten, um einen vierstöckigen Komplex in solch einem schwierigen Aufstellungsort zu schaffen. Der Ort wurde nicht zufällig gewählt, in alter Zeit ist hier einer der Abschnitte der Großen Seidenstraße passiert. Eine der Legenden über Vownuschki erzählt von dem Mut und der Stärke der inguschischen Frauen. Als einmal der Feind den Komplex umzingelte und mit der Belagerung begann, zogen die Bewohner der Hängebrücke über die Schlucht zur gegenüberliegenden Burg. Während der Schlacht wurde die Seilbrücke beschädigt, aber die Frau, die sich im belagerten Turm befand, rettete trotz der drohenden Gefahr mehrere Babys, indem sie die Wiegen mit den Kindern zum nächsten Turm schleppte.

Heutzutage gilt Vownuschki als ein Symbol für ganz Inguschetien, aber insbesondere für die Schönheit und Größe der inguschischen Turmarchitektur. Im Jahr 2008 wurde Vownuschki Finalist des Wettbewerbs »Die Sieben Wunder von Russland« als eine der erstaunlichsten von Menschenhand geschaffenen Sehenswürdigkeiten des Landes. Im Jahr 2010 hat die Zentralbank von Russland eine Gedenkmünze für Vownuschki herausgegeben. Heute ist es einer der beliebtesten Orte für Erholung und Tourismus in der bergigen Region Inguschetien und zieht jeden Tag Dutzende von Touristen an.

Die ersten zuverlässigen Beschreibungen von Vownuschki stammen aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts. Zu dieser Zeit spielte das Familienschloss von Ozdoev eine wichtige strategische Rolle. Fakt ist, dass die benachbarte Assin-Schlucht damals die einzige direkte und relativ bequeme Passage durch den Jokkcha Kawkas (Gebirgsketten des Großen Kaukasus). Diese Route wurde oft von Karawanen genutzt, die der Gefahr ausgesetzt waren von Räubern überfallen zu werden. Vownuschki diente hierbei als Zuflucht und Schutz für Reisende (sowie eine Reihe anderer benachbarter Turmkomplexe). Von Zeit zu Zeit wurde das Schloss von Überfällen bedroht, ganz zu schweigen von lokalen Konflikten. Aber es wurde an so einem glücklichen Ort gebaut, dass es der längsten Belagerung standhalten konnte. Ungeladene Gäste wurden durch Berghänge zuverlässig geschützt.

Wenn einer unwissenden Person ein Foto des Turmkomplexes gezeigt wird und man sie fragt an welchem Ort sich diese Festung befindet, würden sicherlich viele ein europäisches Land nennen. »Eine typische Konstruktion für das Spätmittelalter«, sagen Historiker. Seltsamerweise kann aber keiner von ihnen die genaue Zeit der Entstehung des Komplexes datieren. Vermutlich ist dies das 17. bis 18. Jahrhundert, aber vielleicht sogar früher. Zur damaligen Zeit als die Festung gebaut wurde, lebten noch Christen auf dem Territorium Inguschetiens, denn der Islam begann sich im XVIII. Jahrhundert unter der lokalen Bevölkerung auszubreiten und hatte noch nicht die Zeit, das Aussehen und die Architektur der lokalen Gebäude zu prägen.

Kult aus Stein – so lässt sich das Wesen dieser Struktur kurz charakterisieren. Eine der architektonische »Wunderleistungen« ist, dass die beiden massiven Gefechtstürme ohne Fundament errichtet wurden. Tatsächlich stehen sie auf Schieferfelsen. Dabei war dies eine ziemlich allgemeine Bautechnologie der damaligen Zeit: auf der vorgeschlagenen Baustelle wurde auf dem Boden Milch ausgeleert. Der ganze Boden, durch den er sickerte, wurde entfernt und erneut gegossen – bis die Milch nicht mehr absorbiert wurde. Danach wurden die ersten Steine ​​von enormer Größe platziert, in der Regel grösser als ein ausgewachsener Mensch, was die Stabilität der Struktur lieferte. »Mit erstaunlicher Schlankheit, Proportionalität und einer ziemlich großen Höhe sind sie sehr stabil und stark“, schrieb der Maler Schtscheljkin Iwanowitsch, welcher viel über diesen Ort und Skizzen von lokalen Strukturen nachforschte, über die militärischen Türme der Inguschen. Beim Transport der Steinen wurde ein spezielles Technik zum Heben verwendet und in den kaukasischen Legenden gibt es eine Erwähnung, dass die Steine ​​für die Basis des Turms von neun Paaren von Stieren gezogen wurden, denn selbst und zwölf Pferde konnten sich nicht bewegen.

Bevor der Bau des Wohn- oder Wehrturms begann, wurde notwendigerweise ein Opfer gebracht. Der Platz des zukünftigen Gebäudes wurde mit dem Blut des Opferlamms bestreut, und erst danach durfte man mit der Arbeit beginnen. Neben der Bauweise ist auch die Technik der Mörtelherstellung, um auf den oberen Etagen des Turms befindlichen Steine aneinander zu befestigen, speziell. Nach den Ergebnissen von Laboruntersuchungen ist eine der Hauptkomponenten Casein (ein Protein, das sich bildet, wenn Milch sauer ist). In der Tat ist die Lösung eine Mischung aus Kalk, Sand und Milch. Er hält immer noch die Kupplung »fest«.

Es überrascht nicht, dass die Fähigkeit, mit Stein in diesen Zeiten umzugehen, sehr geachtet wurde. Von Generation zu Generation wurde die Praxis des Baus von Steinburgen weitergegeben, und alle prominenten Meister in dieser Angelegenheit waren unter ihren Namen bekannt. Für die Nachfolger der Traditionen war nicht nur die Qualität des Bauens Ehrensache, sondern auch die Einhaltung der Baukonditionen. Dem Meister wurde genau ein Jahr gegeben, und wenn er aus irgendeinem Grund die Fristen nicht einhalten konnte, fiel Schande auf seine Familie, und der Turm wurde demontiert. In der Regel waren die Meister in der Zeit. Auf jeden Fall ist die Festung Vownuschki ein klarer Beweis für die Fähigkeit und Pünktlichkeit seiner Schöpfer. Aber auch der Kunde hatte sich an Konditionen zu halten. Es war seine Pflicht alle Bauarbeiter mit genügend Nahrung zu versorgen. Wenn der Meister vor Hunger schwindlig war und er deshalb vom Turm fiel, wurde der Eigentümer der Gier angeklagt und vom Dorf vertrieben.

Das Leben und die Bräuche der Bewohner des Turmkomplexes

Beide Türme waren durch eine Hängebrücke verbunden, und im Falle einer Belagerung zogen die alten Leute, Frauen und Kinder in den sichereren Turm. Wenn wir von der Höhe sprechen, können wir eine Parallele mit dem siebenstöckigen Haus zeichnen (die Architekten jener Zeit errichteten in der Regel keine Kampftürme über 30 Meter). Hinein kamen die Leute nur durch den zweiten Stock, dort war die Eingangstür: das beraubte den Feinden die Möglichkeit, während der Belagerung einen Rammbock zu benutzen. Der erste Stock war ohne Fenster und Türen diente als Lagerraum für Lebensmittel inklusive eines Kellers für Gefangene. Im zweiten Stock war gewöhnlich das Wertvollste, was die Bewohner der Wehrtürme besaßen: der Topf der Toten – ein große Kessel an einer dicken Kette. Dem Behälter wurde magischen Eigenschaften zugeschrieben und er wurde als Schrein verehrt (man glaubte, dass die Seelen der Verstorbenen darüber schwebten). Wenn jemand aufgrund der Blutrache verfolgt wurde, es ihm aber gelang den Turm zu betreten und den heiligen Kessel zu anzufassen, durfte er nicht berührt und kein Blut vergossen werden, bis er sich genügend weit von dem Heiligtum zurückgezogen hatte.

Bewohnbar waren nur die oberen Stockwerke der Wohntürme, Wachtürme dienten in erste Linie des Schutzes und waren nicht ständig bewohnt. Zwischen den Stockwerken bewegten sich die Bewohner der Türme entlang der Leitern. Und der oberste wurde als Dachboden genutzt, wo Waffen, Baumaterialien und notwendige Haushaltsgegenstände aufbewahrt wurden.

Merkmale der Begräbnisse inguschischer Krieger

Nicht weit von dem Turmkomplex entfernt wurden meist Krypten erbaut und errichtet. Vownuschki ist keine Ausnahme: Wenn Sie ein wenig die Schlucht hinaufklettern, finden Sie eine alte Krypta und Mausoleum, das eine sehr seltsame Form einer Kanonenkugel hat. Im Mittelalter wurden in Inguschetien oft oberirdische Krypten errichtet, in denen die Toten auf mehrere Regale gestellt wurden und deren Körper der sogenannten »natürlichen Mumifizierung« unterzogen wurden.

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