Der Hungerkrieg

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Viele ukrainische Bürger, die der kommunistischen Propagandamaschine erlagen, konnten noch immer nicht glauben, dass der „geliebte und vorausblickende Führer“ Stalin zulassen konnte, dass am Ende mehr als drei Millionen Ukrainer (ganze Familien mit ihren Kindern) verhungern mussten. Stalin hätte sicher energisch eingeschritten, wenn er davon erfahren würde – so war die Meinung nicht weniger verblendeter ukrainischer KP-Führer vor Ort.

Angezogene Daumenschrauben

Einer der Briefe direkt an den Generalsekretär der KPdSU lautete: „Werter Genosse Stalin, gibt es ein Gesetz der Regierung, das besagt, Dorfbewohner müssten hungern? Wie sollen wir eine sozialistische Volkswirtschaft aufbauen, wenn wir zum Hungertod verurteilt sind? Wofür sind wir an der Front gestorben? Damit wir hungern und unseren Kindern beim Hungern zusehen?“ – Ob der Verfasser dieser Zeilen damit nicht schon sein eigenes Todesurteil unterzeichnet hatte, lässt sich heute nicht mehr nachverfolgen.

Tatsache war, dass das sowjetische Politbüro im Herbst 1932 noch stärker die Daumenschrauben anzog und damit die Hungersnot in den ländlichen Regionen der Ukraine verschärfte. Die verzweifelte Bevölkerung wurde im Gegenteil durch die Schergen des Regimes in ihren ärmlichen Häusern heimgesucht, wobei man ihnen schließlich alles Essbare im Namen der siegreichen Revolution wegnahm: Auch das Vieh und die Haustiere wurden ihnen genommen.

Die renommierte Historikerin Anne Applebaum vereint in ihrem bahnbrechenden Werk die Perspektive der Täter mit jener der Opfer: Sie beleuchtet Stalins Terrorregime gegen die Ukraine sowie die Umstände der Vernichtungspolitik.

Parallel dazu ging der kommunistische Polizeiapparat massiv gegen die ukrainische „Intelligenzia“ vor – so wie später die chinesischen Kommunisten in der Ära der Kulturrevolution. Jeder, der für die ukrainische Sprache und Kultur eintrat, konnte leicht denunziert, in den Gulag gesteckt oder gleich exekutiert werden. In diesem Klima ideologisch-nationalistischer Hexenjagd beging der ukrainische KP-Führer Mykola Skrypnyk Selbstmord. Auch viele andere ertrugen die Repression nicht mehr und versuchten zu flüchten. Mit der offenbar vom Kreml selbst losgetretenen Strategie der „Sowjetisierung“ der für einige Monate im Jahr 1917 unabhängigen ukrainischen Volksrepublik sollte das ukrainische Nationalbewusstsein endgültig ausgelöscht werden, um damit die Einheit der UdSSR zu festigen. Bei seiner brutalen Politik wurde Stalin von Nikita Chruschtschow unterstützt, der sich nach diversen Säuberungen 1939 als KP-Chef in Kiew etablierte und später ins Zentrum der Macht aufsteigen sollte.

Stalins Albtraum

Alle Sowjetführer gingen mit aller Härte gegen den doch immer wieder nach dem Zweiten Weltkrieg aufkeimenden ukrainischen Nationalismus vor – sei es als Aufstand nach 1945 oder als Opposition in den 1980er Jahren. Bis zum Ende der UdSSR leugnete der Sowjetstaat die Existenz der Hungersnot in der „Kornkammer“ Ukraine in den 1930er Jahren.

1991 wurde jedoch Stalins schlimmster Albtraum wahr: Die Ukraine erklärte sich mit dem Zerfall des Sowjetimperiums zum unabhängigen Staat. Auch der aktuelle Konflikt um die Ostukraine und die Krim zwischen Kiew und Moskau müsse in diesen historischen Sinnzusammenhängen verstanden werden.

AUTOR Wolfgang Taus

https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/kultur/mehr-kultur/2011449-Der-Hungerkrieg.html?fbclid=IwAR0g2Ut4f6RX1sMegb4bV1g0d81rK2vqgYshv5Bg44ZO0QjQjGZ_fpR_gRY

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