Kampfsportler im Konzentrationslager

рубрика: Kadyrow, Kriminelle & Kampfsport

Das Schicksal des Mannes, der als Hertzko Haft in Oświęcim (dt. Ausschwitz) nur deswegen überlebte, weil er dort für die SS boxte, und der als Harry Haft in den späten Vierzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts gegen die besten Schwergewichtler seiner Zeit antrat, ist einzigartig. Und doch waren seine schrecklichen Erfahrungen unter dem Nationalsozialismus keineswegs ein Einzelfall: In den Konzentrationslagern des Regimes war eine ganze Reihe von Boxern interniert. Die meisten davon wurden ermordet.

In den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten wurde in der ersten Hälfte der 1940er-Jahre auch etliche Boxer aus ganz Europa gefangen gehalten und misshandelt. Viele von ihnen waren dort gezwungen, zum Amüsement der SS-Leute bei Schauboxkämpfen anzutreten. Sport, richtiger: diese pervertierte Form von Sport, gab es tatsächlich in beinahe jedem KZ, das die Deutschen unterhielten. Es wurde Fußball gespielt, zuweilen, wie etwa in Theresienstadt, mit einem Ligasystem. Handballpokale wurden ausgelobt, und in Ausschwitz stand gar ein Reck.

Das Wissen um die sportlichen Aktivitäten in den Lagern wurde lange Zeit verdrängt. Die Berliner Historikerin Veronika Springmann forscht seit Jahren zum Thema »Sport im KZ« und weist in diesem Zusammenhang auf eine Fülle an Berichten hin, die noch kein Geschichtswissenschaftler jemals ausgewertet hat. Die Motivation des Sportbetriebs in den Konzentrationslagern sieht Springmann in dem Bedarf der Rüstungsindustrie an Arbeitskräften – vor diesem Hintergrund sei der Gedanke der körperlichen Kräftigung einzelner Häftlingsgruppen zu erklären. »Ab 1942 verstand die NS-Führung die KZs auch als Wirtschaftsunternehmen.«

Das Boxen nahm jedoch eine besondere Stellung ein. Hier ging es in der Regel um Leben und Tod – ein einziges sadistisches Spektakel. Es waren Weltklasseprofis wie der frühere Fliegengewichtsweltmeister Young Perez oder der Ranglistenboxer Leone Efrati, die von grölenden SS-Leuten in den Ring steigen mussten. Exzellente Amateure wie die griechischen Freunde Salamo Arouch und Jacko Razan. Spitzenboxer wie Rukelie Trollmann und Kids Francis. Frühere Olympiateilnehmer wie Heinz Levy und Imre Mandi. Und Männer, die zuvor nie geboxt hatten, wie Noach Klinger oder Hertz Haft.
Jahrzehntelang waren sie vergessen, beinahe als hätte es sie nie gegeben.

Über einige der Boxer haben Journalisten und Historiker mittlerweile Informationen zusammengetragen, in anderen Fällen aber muss man sich bis zum heutigen Tage mit fragmentarischen Daten zu ihrer Biografie begnügen. Oftmals sind nicht einmal die rudimentärsten Fakten überliefert, wie auch der Freiburger Historiker Diethelm Blecking in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme bei Hamburger erfahren musste: »Es sollen Boxer mit olympischen Erfolgen und nationalen Meistertitel in Neuengamme gewesen sein, etwa ein farbiger Schwergewichtler aus Frankreich, dessen Namen allerdings nicht bekannt ist.«

Über HERTZKO HAFT, der sich in den USA später Harry Haft nannte und auch unter den Vornamen Herschel und Hertzka auftrat, wissen wir einiges. Im Alter von 78 Jahren, rund sechs Jahrzehnte also nach seinen Erlebnissen in den Lagern der Deutschen, offenbarte er sich 2003 seinem Sohn, der die Lebensgeschichte des Vaters für die Nachwelt festhielt. Wenngleich einige Details sich bei genauer Prüfung als historisch falsch oder zumindest zweifelhaft erwiesen haben, so gilt doch insgesamt, was der Sportpublizist Bernd M. Beyer schreibt: »An der Wahrhaftigkeit und an der Eindringlichkeit seines Erlebens ändert das nichts.« Die Geschichte von Hertzko bzw. Harry Haft hat sich in etwa so zugertagen, wie sie in Alan Scott Hafts Niederschrift ‚Eines Tages werde ich alles erzählen‚ und in der Graphic Novel von Reinhard Kleist geschildert wird. Es ist eine unglaubliche, aber doch glaubwürdige Biographie.

Hertzko Haft wurde am 28. Juli 1925 im polnischen Belchatow geboren, einer mittelgroßen Industriestadt nahe Lodz. Seine Eltern waren Moische und Hynda Haft, der Vater handelte mit Obst, das er von den Bauern in die Städte brachte. Als der Zweite Weltkrieg am 1. September 1939 mit dem Angriff Deutschlands auf Polen begann, gehörte Belchatow zu den ersten Kriegszielen: Die Stadt wurde von der deutschen Luftwaffe bombardiert; schon am 5. Oktober hatten die Deutschen Belchatow eingenommen. Die dort ansässige jüdische Bevölkerung wurde in ein Ghetto gesperrt, in dem sie Zwangsarbeit leisten musste. 1941 wurde Hertzko Haft verhaftet und in die Arbeitslager Poznan und Strzelin verbracht. Am 2. September 1943 deportierte man ihn über das Sammellager Bochnia nach Ausschwitz-Birkenau. Hertzko Haft wurde die Häftlingsnummer 144738 in den Unterarm eintätowiert. Allerdings sind weder sein Name noch die anderen etwa 3000 an diesem Tag aus Bochina eingetroffenen Häftlinge in den Listen des Konzentrationslagers verzeichnet worden. Es ist dies nachweislich nicht der einzige Fall, dass die Lagerbürokratie angesichts des enormen Mordsprogramms überfordert war. Später hat man Haft in das etwa 20 Kilometer vom schlesischen Kattowitz gelegene Ausschwitz-Nebenlager Jaworzno verlegt, wo die Häftlinge in Kohlegruben schuften mussten. Hier hat Hertzko Haft geboxt, protegiert von einem SS-Mann, dessen Namen nicht bekannt ist und der in Buch und Comic »Schneider« genannt wird.

Als im Verlauf des Zweiten Weltkrieges die Rote Armee immer näher rückte, wurden die Häftlinge, darunter auch Hertzko Haft und sein Bruder Peretz, den er in Jaworzno wiedergetroffen hatte, auf Todesmärsche Richtung Westen geschickt. Der erste Marsch führte sie, beginnend am 17. Januar 1945, nach Groß-Rosen in Niederschlesien, etwa 50 Kilometer von Breslau entfernt. Bald darauf wurde auch das KZ Groß-Rosen geräumt, und nach einem neuerlichen Todesmarsch fanden sich die Häftlinge im Lager Flossenbürg in Bayern wieder. Dort wurde am 13. Februar 1945 die Ankunft der Brüder Haft bürokratisch festgehalten. Aus Flossenbürg, aber auch aus anderen KZs, in denen zu Beginn des letzten Kriegsjahrs klaustrophobische Enge, katastrophale hygienische Verhältnisse und ein dramatischer Mangel an Lebensmitteln herrschten, sind Fälle von Kannibalismus bekannt geworden, wie sie sich in Hafts Erinnerungen finden. Am 16. März 1945, auch das ist durch die Lagerbürokratie verbürgt, wurden die Brüder Haft von Flossenbürg nach Leonberg bei Stuttgart verbracht. Als sie von Leonberg aus wieder auf einen Todesmarsch geschickt wurden, diesmal nach Bayern in die KZ-Außenlager Kaufering und Mühldorf, gelang Hertzko Haft die Flucht. Sein Bruder Peretz hingegen erreichte das Ziellager und wurde bald darauf von der US-Armee befreit.

Hertzko Haft blieb nach dem Ende des Kriegs zunächst in Bayern, wo er 1946 vor 10.000 Zuschauern ein Boxturnier für jüdische »Displaced Persons« gewinnen konnte. Kurz darauf wanderte Haft in die USA aus und schlug 1948 eine Karriere als Profiboxer ein. Seine sportliche Laufbahn nahm einen vielversprechenden Anfang mit zehn in Serie gewonnen Kämpfen, die Haft zumeist durch K.o. für sich entschied. Dann aber setzte eine Reihe von Niederlagen ein. Am 18. Juli 1949 verlor Haft im Rhode Island Auditorium in der Stadt Providence den letzten Boxkampf seines Lebens durch K.o. in der dritten Runde. Es war das Duell gegen den späteren Schwergewichtsboxer Rocky Marciano. Ob dieser Kampf tatsächlich vom organisierten Verbrechen geschoben war, wie Haft Zeit seines Lebens behauptet hat, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen: Einerseits wurde Marciano nachweislich von der Mafia protegiert, andererseits war er definitiv einer der besten Schwergewichtsboxer des vergangenen Jahrhunderts, in einer Reihe mit Joe Louis oder Muhammad Ali. Hafts Kampfbilanz nach 21 Profikämpfen lautete: 13 Siege, davon acht durch K.o, acht Niederlagen, davon fünf durch K.o.

»Mein Vater war Analphabet, er konnte lediglich die Comics und die Ergebnisspalten im Sportteil der Zeitung lesen.« berichtet Alan Scott Haft von der schwierigen Arbeit an der Lebensgeschichteseines Vaters. Daher sei es Harry Haft auch verwehrt geblieben, zur Überprüfung seines Gedächtnisses historische Werke oder Dokumentationen heranzuziehen. Fast sechzig Jahre lang hatte er die dramatischen Erlebnisse zu verdrängen versucht. Sein Sohn schildert den Vater als »grausamen und gewalttätigen Mensch« es habe sehr lange gedauert, bis er begriff »wie viel Schlimmes er in seinem Leben mitgemacht hatte« Das Erscheinen der amerikanischen Ausgabe seiner Biographie hat Harry Haft noch erleben dürfen. Am 3. November 2007 ist er in Florida gestorben.

Hertzko bzw. Harry Hafts Lebensgeschichte ist einzigartig und steht doch in Teilen exemplarisch für vergleichbare Biographien. Einige Schicksale sollen in Folge vorgestellt werden.

VICTOR »YOUNG« PEREZ Wurde 1911 im französischen Tunesien als Victor Younki geboren und wuchs in einer sephardischen Familie im jüdischen Viertel von Tunis auf. Mit 14 Jahren wurde Perez Boxer; 1927 ging er als Profi nach Frankreich, wo er eine Weile lang eine Beziehung mit der späteren Schauspielerin Mireille Balin führte. 1931 schlug er den Amerikaner Frankie Genaro und wurde Weltmeister im Fliegengewicht. »Die Rückkehr nach Tunis wurde zu einem wahren Triumphzug« schreibt der Historiker Diethelm Blecking. »100.000 begeisterte Zuschauer säumten die Avenue Jules-Ferry und huldigten dem Champion.« Noch im November 1938, exakt am 9. November, dem Tag der »Reichskristallnacht« reiste Perez nach Berlin, um dort zu boxen. Aus Angst vor dem, was er dort zu sehen bekam, verlies er das Hotelzimmer nur zu seinem Kampf. In der Deutschlandhalle verlor er gegen den Österreicher Ernst Weiss – und wurde vom Publikum mit Hass überschüttet. Als die Wehrmacht Paris besetzte, versuchte Perez zu fliehen, fiel aber einer Denunziation zum Opfer. Am 21. September 1943 wurde er inhaftiert und schon bald darauf nach Ausschwitz deportiert, wo er als Zwangsarbeiter der IG Farben im Lager Ausschwitz-Monowitz (auch bekannt als Ausschwitz III) endete. Zum Vergnügen der SS-Leute musste er hier boxen. Von einem Kampf berichtet Diethelm Blecking: »Das Publikum bestand aus 200 SS-Männern, die aus allen Ecken, auch benachbarten Lagern, gekommen waren. Dazu kamen 100 bis 150 Blockälteste und Kapos aus der Lager-Nomenklatura sowie Hunderte von Häftlingen, die aus 100 Meter Entfernung zuschauten.« Angesichts der näher rückenden alliierten Truppen schickte die SS die Häftlinge aus Monowitz gegen Kriegsende auf einen Todesmarsch nach Gleiwitz. Young Perez überlebte ihn nicht, er wurde am 22. Januar 1945 ermordet, vermutlich durch den Schuss eines Bewachers.

1943 wurde der damals 17-jährige Straßburger Jude NOACH KLIEGER nach Ausschwitz deportiert. Lagerkommandant war Heinrich Schwarz, dem nachgesagt wurde, sich zu einem privaten Amüsement eine Boxstaffel zusammengestellt zu haben. Klieger hatte nie zuvor geboxt, aber als Freiwillige für Schwarz‘ Staffel gesucht wurden, meldete er sich. »Ich weiß nicht, was mich damals geritten hat, an der Rampe die Hand zu heben« sagte Klieger später dem Journalisten Helmut Kuhn. Als einer der Häftlinge, die jeden Sonntag für die SS-Schergen zum Schauboxen antraten, erhielt Klieger einen zusätzlichen Teller Suppe pro Tag. Insgesamt absolvierte er 22 Kämpfe – »gewonnen habe ich keinen« Mit ihm hätten, so berichtet er, zwei Boxeuropameister und ein früher Profifußballer in Ausschwitz geboxt. Ihre Namen sind nicht bekannt. Später wurde er ins KZ Dora-Mittelbau nach Thüringen verlegt und, als die Rote Armee näherkam, auf die Todesmärsche geschickt. Klieger gelang es zu überleben. Nach 1945 wurde er einer der Kommandanten des legendären Schiffes »Exodus« das Juden nach Palästina brachte. In Israel hat er später als Journalist gearbeitet und stand als Präsident Makkabi Tel Aviv vor, bis heute einer der besten Basketballklubs der Welt. Geboxt hat er nie wieder.

Der Niederländer LEENDERT »LEEN« JOSUA SANDERS gab sein Profidebüt als Mittelgewichtler bereits mit 18 Jahren. 1929 konnte er den Deutschen Gustav Eder schlagen, doch trotz solcher Siege über starke Gegner konnte er keinen wichtigen Titel für sich verbuchen: Die Gewinne der niederländischen Leicht- und Mittelgewichtsmeisterschaften bleiben seine größten Erfolg; 1936 unterlag er im EM-Kampf gegen den Belgier Felix Wouters. Noch im Dezember 1940 absolvierte Leen Sanders einen Profikampf in Amsterdam. 1941 wurde die jüdische Familie Sanders nach Ausschwitz deportiert. Sanders‘ Frau, seine Söhne, seine Eltern und sieben Geschwister wurden dort umgebracht. Leen Sanders überlebte allein deshalb, weil er im Lager boxte. Nach seiner Befreiung ging Sanders in die Niederlande zurück und bestritt dort noch zwei Profikämpfe. Im Jahr 1992 starb Leen Sanders 83-jährig in Rotterdam.

Der Italiener LEONE »LELLETTO« EFRATI begann seine Profikarriere 1935 als 20-jähriger. Drei Jahre später ging die USA, und bereits Ende 1938 erhielt der Federgewichtler einen großen Kampf: Gegen den amerikanischen Weltmeister Leo Radak ging er über zehn Runden und verlor. Vermutlich war der Kampf allerdings nicht als Titelkampf lizensiert gewesen. Es gibt Stimmen, die vermuten, dass Efrati, der damals als Nummer zehn der Weltrangliste geführt wurde, durch einen Sieg über Rodak in den USA hätte bleiben können. So aber wurde der Jude nach Italien abgeschoben. Um 1940 herum erfolgte Efratis Deportation nach Ausschwitz. Die italienischen Journalisten Alessandro Ferrarini und Paolo Consiglio haben Efratis Geschichte recherchiert: »In Ausschwitz wurde er gezwungen, an grausamen Boxkämpfen teilzunehmen, in denen er gegen wesentlich schwere Gegner antrat – zur Belustigung der Wachmannschaften.« Ferrarinis und Consiglios Nachforschungen zufolge hat Efrati all das überlebt. »Doch als sein Bruder von den Wachleuten schwer misshandelt wurde, suchte er Vergeltung. Niemand hat ihn besiegt – nur die bewaffneten deutschen Soldaten: Leo Efrati wurde in Ausschwitz ermordet, er starb am 19 April 1944.«

Mit 14 Jahren hat der Grieche SALAMO AROUCH seinen ersten Boxkampf absolviert, und schon mit 17 Jahren wurde Arouch 1941 Balkanmeister im Weltgewicht. Nachdem die Wehrmacht Griechenland besetzt hatte, wurde Arouchs gesamte Familie nach Ausschwitz deportiert. Auch sein Box- und Jugendfreund Jacko Razon, wie Arouch Jude, wurde mit seiner Familie verschleppt. Bald musste Arouch mehrmals die Woche vor SS-Leuten boxen. Insgesamt absolvierte er nach eigenen Angaben 208 Kämpfe – keinen einzigen verlor er, auch wenn er häufig gegen schwerere Gegner antreten musste. »Es war eine Art Hahnenkämpfe« berichtete Arouch später der New York Times. Die Unterlegenen Kämpfer seien zumeist ermordet worden. »Salamo Arouch überlebte« schreibt Diethelm Blecking »Dank seiner boxerischen Fähigkeiten und dank der Wettprämien, die seine Boxkünste demjenigen garantierten, der auf ihn setzte.« Noch kurz vor Ende des Krieges wurde Arouch nach Bergen-Belsen deportiert. Dort erlebte er die Befreiung. Arouch ging nach Palästina, hatte Anteil am Aufbau des Staates Israel und versuchte sich 1955 als Profiboxer. Den einzigen Kampf seiner kurzen Laufbahn verlor er allerdings durch K.o. Danach gründete er ein kleines Transportunternehmen. 1989 wurde Arouchs Leben von dem US-Regisseur Robert M. Young. Mit Willem Dafoe in der Hauptrolle unter dem Titel ‚Triumph des Geistes‘ verfilmt. Im Abspann sieht man Dafoe und Arouch in einer anrührenden Szene gemeinsam in einer griechischen Taverne tanzen.

Der Mittelgewichtler JACKO RAZON wurde 1939 18-jährig griechischer Meister der Amateure. Boxen hatte er gemeinsam mit seinem Jugendfreund Salamo Arouch gelernt. Für Olympiakos Saloniki, den Fußballklub seiner Heimatstadt, stand Razon zudem in der ersten griechischen Liga im Tor. Als die Deutschen Griechenland 1943 eingenommen hatten, wurde der Jude Razon nach Ausschwitz deportiert. In Ausschwitz-Monowitz stellte er vermutlich im Auftrag des Lagerkommandanten Heinrich Schwarz eine Boxstaffel zusammen: zwölf Boxer, Juden und Nichtjuden, Profis und Amateure. Der frühere Weltmeister Victor »Young« Perez war darunter, vermutlich auch der Franzose Noach Klieger. Jacko Razona selbst musste jede Woche mindestens einmal boxen, oftmals gegen schwere Gegner. Die meisten seiner Kämpfe hat er gewonnen; über 120 sollen es gewesen sein. Ihm wird nachgesagt, dass er durch seine guten Kontakte zur Lagerküche, aus der seine Extrarationen bekam, vielen anderen Häftlingen helfen konnte. Später wurde er nach Gleiwitz, dann nach Mittelbau Dora verlegt. Auch in Dora boxte er. In Bergen-Belsen, der letzten Station seines Leidenswegs, sollte er auch gegen seinen Jugendfreund Salamo Arouch boxen. Die Befreiung des Lagers im Mai 1945 durch die britische Armee verhinderte den Kampf. Nach 1945 organisierte er eine von den britischen Mandatsbehörden als illegal bezeichnete Einwanderung von Holocaust-Überlebenden nach Palästina. Als 1989 das Schicksal seines Freundes Salamo Arouch als Triumph des Geistes verfilmt wurde, reichte Razon Klage ein: Es sei sein Leben gewesen, das da in Szene gesetzt worden war. Sein Protest war erfolglos.

Ende der 1920er-Jahre zählte der Sinto JOHANN »RUKELIE« TROLLMANN aus Hannover zu den besten norddeutschen Amateurboxern. Als er nicht zu den Olympischen Spielen 1928 entsandt wurde – vermutlich da er als »Zigeuner« galt – wurde er Profi. Am 9. Juni 1933 kämpfte er gegen den Kieler Adolf Witt um die deutsche Meisterschaft im Halbschwergewicht. Der Titel war vakant, weil der Inhaber, der jüdische Boxer Erich Selig, emigrieren musste. Trollmann boxte überlegen, doch der nazifizierte Boxverband verweigerte ihm den Gürtel. Publikum und Trollmann protestierten unter Tränen, und er wurde doch Meister. Vier Tage später erkannte der Verband ihm den Titel wieder ab: Ein deutscher Boxer dürfe »nicht in aller Öffentlichkeit heulen«. Trollmann boxte auf Rummelplätzen weiter, immer wieder von Repressalien bedroht. 1938 wurde er verhaftet. Zunächst steckte man ihn ins Arbeitslager, dann in die Wehrmacht zum Einsatz an der Ostfront, und 1942 kam er schließlich ins KZ Neuengamme. Dort musste Trollmann boxen um die SS-Männer zu unterhalten. Am 9. Februar 1943 wurde er für tot erklärt. Der Hamburger Sportjournalist Roger Repplinger fand Aussagen eines anderen KZ-Häftlings, wonach Trollmann unter dem Namen eines verstorbenen oder ermordeten KZ-Insassen in das KZ-Außenlager Wittenberge gekommen ist. Immer wieder wurde er dort von SS-Leuten und Kapos zum Boxen gezwungen; im Jahr 1944 trat ein Kapo namens Emil Cornelius gegen Trollmann an. Als Trollmann ein Niederschlag gelang, nahm sich Cornelius einen Knüppel und erschlug ihn. Erst im Jahr 2003 hat der Bund Deutscher Berufsboxer Rukelie den Deutschen Meistertitel 1933 nachträglich zuerkannt. Diese symbolische Rehabilitierung erfolgte erst auf massiven öffentlichen Druck.

Obwohl der Pole TADEUSZ »TEDDY« PIETRZYKOWSKI das Boxen erst mit 20 Jahren erlernt hatte, wurde er bald Warschauer und polnischer Vizemeister im Bantamgewicht. Angesichts des Überfalls der Wehrmacht auf Polen 1939 meldete sich Piertrzykowski zur Verteidigung von Warschaus. Mit Polens Kapitulation im Frühjahr 1940 versuchte er sich nach Frankreich durchzuschlagen, wurde jedoch verhaftet und nach Ausschwitz verbracht. Vermutlich hat er in Ausschwitz-Monowitz 40 bis 60 Boxkämpfe bestritten. Es gibt Berichte, wonach er auch gegen den niederländischen Mittelgewichtler Leen Sanders geboxt habe. Später wurde Pietryzkowski nach Neuengamme verlagert, wo er noch einmal etwa 20 Kämpfe absolviert haben soll. Nach einer neuerlichen Verlegung nach Bergen-Belsen wurde Pietryzkowski im April 1945 von britischen Soldaten befreit. Nach dem Krieg organisierte Pietryzkowski die Sportausbildung in der polnischen Armee. Vor dem Hintergrund von Pietryzkowski Leben schrieb der polnische Schriftsteller Jozef Hen die Erzählung Der Boxer und der Tod, die 1964 auch in deutscher Sprache erschien. Bereits zwei Jahre zuvor hatte der tschechoslowakische Regisseur Peter Solan die Geschichte unter Mitwirkung des DDR-Schauspielers Manfred Krug erfolgreich verfilmt.

Unter dem Namen »KID FRANCIS« wurde der in Frankreich lebende Italiener FRANCESCO BUONAGURIO bekannt. 1925 wurde er französischer Bantamgewichtsmeister, und 1926 verlor er gegen Henri Scillie den Kampf um die Europameisterschaft nur knapp nach Punkten. Einmal, 1931 im legendären Madison Squarre Garden von New York, lieferte sich Kid Francis einen Schaukampf gegen Fidel LaBarba: vor fast 8.000 Zuschauern begeisterte mit einer »entfesselten Boxvorstellung« wie die New York Times damals schrieb. Als die Wehrmacht Paris besetzte, wurde der Jude Kid Francis festgenommen und bald darauf nach Ausschwitz deportiert, wo er vor SS-Leuten Schaukämpfe absolvieren musste. 1943 wurde Francesco Buonagurio im KZ ermordet.

Die Mehrzahl der Männer, die im KZ um ihr Leben boxten, fanden dort den Tod. Die wenigen, denen es gelang sich durchzuschlagen, vermochten später kaum über ihr Leiden zu berichten. Sie waren schwer traumatisiert, und ihr Schicksal stieß weitgehend auf taube Ohren. Erst allmählich öffnen sich Geschichtswissenschaft und Sportjournalismus diesem schwierigen und wichtigen Thema, wie beispielsweise Martin Krauss.

Diethelm Blecking/Lorenz Pfeiffer (Hgg.): Sportler im Jahrhundert der Lager. Profiteure, Widerständler und Opfer. Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2012

Alan Scott Haft: Eines Tages werde ich alles erzählen. Die Überlebensgeschichte des jüdischen Boxers Hertzko Haft. Göttingen 2009

Reinhard Kleist: Der Boxer. Hamburg 2012