Archipel Tschernokosowo

рубрика: Geschichte & Gegenwart

Die Nacht ist ruhig. Die Sterne flackerten heiter am Himmel. Der Mond gähnte, kam durch die Wolken und glitt über den Himmel. Heute haben sich Nacht und Stille gefunden. Seit langem waren sie nicht mehr so ruhig vereint. Es krachen keine Panzergeschosse, keine Leuchtraketen ärgern den Himmel. Das Dorf war eingeschlafen, im Frieden der nächtlichen Stille.

Sie kamen frühmorgens und zerfetzten die Stille. Die Fenster des Hauses klirrten vom Dröhnen der schweren Fahrzeuge, als wollten sie die Bewohner vor der nahenden Gefahr warnen. Die Hunde begangen wild zu bellen. Die Menschen sprangen aus dem warmen Bett und führten noch im Halbschlaf die gewohnten Handgriffe aus. Zeit mit Anziehen wurde nicht verschwendet, denn Alte wie Junge legten sich in den Kleidern schlafen, wie Partisanen im Wald. Die Frauen steckten die goldenen Schmuckstücke und die mageren Ersparnisse unter ihre Kleider, um sie vor den unguten Blicken ungebetener Gäste zu verbergen. Die Männer legten die Pässe bereit und versteckten alles, was entfernt an eine Waffe erinnert – zu lange Küchenmesser, Familienstücke wie Dolche der Großväter und weitere unsinnige Gegenstände, auf welche sich die Soldaten bei den «Säuberungen» jeweils stürzten und ihnen höchst kriegerische Bedeutung beimaßen. Die Soldaten verteilen sich über den Hof. Während der Säuberung legten sie außerordentliche Effizienz und großen kämpferischen Eifer an den Tag. Der Erfolg dieser Operation war ihnen sicher. Weil der Feind ohne Waffen und nicht imstande war, Widerstand zu leisten. Die Männer des Hauses standen mit finsterem Blick in der Mitte des Hofes, schweigend beobachteten sie, wie die Soldaten ihr Haus verwüsteten.

«Nun, ihr Herren, was lässt ihr den Kopf so hängen?» Jener, der ihr Anführer zu sein schien, trat auf sie zu, in seinem Ton lag Spott. «Wo ist eure kaukasische Gastfreundschaft?» – «So kommt man nicht zu Gast» antwortete der Hausherr finster. «Sogar ein Feind beachtet die elementaren Anstandsregeln.»

«Im Krieg gibt es nur eine Regel, Überrumplung!» lachte der Anführer der «Säuberer» voll Stolz auf sein Wissen. «Aber hier, unter Zivilisten, ist das unangebracht» entgegnete der Tschetschene. «Auf dem Schlachtfeld, Aug im Auge mit dem Feind, ist es etwas anderes.»

«Ach So! Man ist ja schrecklich gebildet.» Verächtlich hob der Soldat die Schultern. «Wer seid ihr denn? Nun, von Beruf?» – «Ich bin Geschichtslehrer an der Schule.» – «Aha, Schulmeister der Kriegskunst» formulierte der Soldat auf seine Art die Aussage des Lehrers. «Sie bilden wohl die zukünftige Bojewiki aus?»

«Prochorow!» laut rief er einen der Soldaten. «Hier!» Der Besitzer des gerufenen Namens kroch aus dem Keller. «Hast du etwas gefunden?» – «Nein, nichts, Genosse Sergeant.» – «Die Antwort ist nicht korrekt.» Viel sagend stellte sich der Sergeant vor ihm auf. «Du hast gefunden … Habe ich mich klar ausgedrückt?»

«Verstanden, Genosse Sergeant» Der Soldat kroch erneut in den Keller und nach kam nach einer Minute wieder heraus. «Genosse Sergeant, ich habe eine Granate gefunden, in einem Sack Mais.» Der Sergeant blickte triumphierend auf den bleich gewordenen Lehrer. «Nun, was sagen sie zu ihrer Rechtfertigung, Herr Lehrer?»

«Ihr selbst habt doch die Granate dorthin gelegt, ihr handelt gesetzwidrig.» rügte dieser. Der Sergeant lachte. «Und sie werden es beweisen. Schreiben sie doch eine Beschwerde. Reichen sie Klage ein.» Er freute sich über die missliche Lage des rechtlosen Tschetschenen. Dann befahl er: Ihn ergreifen und ins Auto!

Sogleich banden sie ihm die Hände und warfen ihn zu Boden. Seine Frau lief verzweifelt über den Hof und reif um Hilfe, doch es gab kaum jemand, der ihm hätte zu Hilfe kommen können. Rundherum, in allen Höfen, hörte man Schreie und vereinzelte Schüsse von Maschinengewehren, es geschah Unbeschreibliches.

«Genosse Kommandant» meldete jetzt per Funk der Sergeant. «Wir haben einen Bojewiki gefasst … einen Anführer … Wir haben Waffen gefunden. Wir führen eine sorgfältige Kontrolle durch … Verstanden!» Er stellte das Funkgerät ab und beugte sich über den zu Boden geworfenen Verhafteten. «Also Herr Historiker deine Geschichte ist zu Ende, jetzt beginnt eine neue – Dossier Nummer 1 – und glaub mir, solche Anklagedossiers anlegen, das können wir. Darauf kannst du dich verlassen.

Ein junges Mädchen von ungefähr sechzehn Jahren, dass die Schreie und das Weinen seiner Mutter gehört hatte, stürzte aus dem Haus. Dichte kastanienbraune Haare fielen ihr über den Rücken, in ihren großen Augen stand blankes Entsetzten. «Vater» – «Geh weg, Tochter geh in Haus, schrie ihr der Vater zu.» Er versuchte, sich aufzurichten, wurde aber fest zu Boden gedrückt.

«Ach, schau mal, welch hübsches Ding!» Der Sergeant packte das zum Vater drängende Mädchen am Arm. «Wo hast du denn eine solche Schönheit versteckt?» In seinen Augen blitzen gefährliche Funken auf. Das Mädchen grub die Zähne in seine Hand. «Ah, du Miststück!» Schrie er und fasste sie an der Gurgel. «Was soll´s, wir unterhalten uns später, unter vier Augen.»

«Lass sie los» stöhnte der Vater des Mädchens. «Ich werde alles unterschreiben, was ihr verlangt. Aber rührt meine Tochter nicht an.» – «Was heißt da sie loslassen?» zischte der Sergeant zornig «Die ist doch eine Heckenschützin» Die Mutter des jungen Mädchens brach vor Entsetzen fast zusammen. «Was tut ihr, ihr Ungeheur?» Sie warf sich auf den Sergeanten. «Nimm deine schmutzigen Pfoten von meiner Tochter!»

«Verschwinde, du Hexe« der Sergeant riss sich von ihr los, machte aber gar keine Anstalten, seine Beute loszulassen. Die Frau kratze wie eine Tigerin, die ihr Junges verteidigt. Außer sich vor Zorn und Schmerz verlor der Sergeant die Beherrschung, er zog die Pistole und erschoss die arme Frau aus nächster Nähe.

«Mama!» Eisiger Schauer durchfuhr die Tochter. Bewusstlos sank sie neben die Tote. «Schweinehunde!» Machtlos schlug der zu Boden gedrückte Tschetschene mit dem Kopf gegen den Boden. «Wenn ich am Leben bleibe, so werde ich euch sogar aus dem Grab herausholen!» Der Sergeant antwortete gelassen «Richtig, richtig, wenn du am Leben bleibst… Aber ich, ich werde dafür sorgen, dass dies nicht geschieht… Ins Auto mit ihm … Das Mädchen auch … Sie ist unsere Trophäe.»

Plötzlich ertönte eine durchdringende Knabenstimme. «Stehen bleiben!» Verblüfft standen alle still. In diesem Durcheinander hatte niemand den etwa zwölfjährigen Jungen aus dem Haus stürmen sehen. Jetzt stand er mit einer Granate in der Hand da, bereit, sie zu entsichern. Der Sergeant war bestürzt. «He! Kleiner!» schmeichelte er «gib die Granate her, damit scherzt man nicht.»

In den Augen des Jungen schimmerten Tränen. Er wies mit dem Kopf in Richtung der toten Mutter und der bewusstlos daliegenden Schwester. «Ihr habt genug gescherzt … Jetzt bin ich dran.» Stille trat ein. Alle warteten gebannt. Dem Sergeanten und dem Soldaten stockte der Atem. Wenn sie explodiert, kommen sie nicht mit dem Leben davon. In den Händen des Jungen war dieselbe Granate, die der Soldat dem Hausherrn erst unterschoben und dann auf den Tisch gelegt gatte, als Beweisstück. Doch aus Versehen hatte er vergessen, sie wegzuschaffen.

«Sag deinem Kleinen, er soll die Granate hergeben» zischte der Sergeant dem Tschetschenen zu, der den Blick ausdruckslos auf eine Stelle gerichtet hielt. Vater und Sohn sahen einander in die Augen. Keiner der Anwesenden konnte sich vorstellen, was in diesen beiden verwandten Seelen vorging. Beide schwiegen, aber redeten mit Augen und der Junge las in jenen des Vaters die ganze Ausweglosigkeit ihrer Lage. Auch wenn er die Granate hergibt, bekommt er den Vater nicht zurück und rettet die Schwester nicht vor Schande. An sich selbst dachte er schon gar nicht. Der Vater schloss die Augen … Man hörte eine ohrenbetäubende Explosion.

Am nächsten Tag wurde jedoch in den Nachrichten am Fernsehen gemeldet: In einem tschetschenischen Dorf stießen Soldaten bei einer planmäßigen Säuberungsoperation auf eine Gruppe von Kämpfern, unter ihnen zwei Heckenschützinnen. Ein Gefecht entbrannte, die Kämpfer sind vernichtet, die Soldaten in Erfüllung ihrer Pflicht heldenhaft gefallen. Ihre Namen werden zu Ordensverleihung vorgeschlagen. Posthum

Die ersten Wochen des neuen Jahrtausends wird Ruslan Babijew sein Leben lang nicht vergessen. Drei Wochen lang ist Ruslan [die Namen der Gefangenen wurden in diesem Text verändert] in Tschernokosowo, 60 Kilometer nordwestlich der tschetschenischen Hauptstadt Grosny, geschlagen und gefoltert worden. Drei Wochen lang hat er miterlebt, dass russische Gefängniswärter Hunderte von Mitgefangenen gequält und Männer wie Frauen vergewaltigt haben. Jetzt erholt sich Ruslan bei seiner Familie, die mit ihm nach Inguschetien geflohen ist. Der FR schilderte Ruslan ausführlich seine Haft. Sein Bericht stimmt mit denen anderer Ex-Häftlinge überein, die die FR bei getrennten Interviews in den Dörfern Inguschetiens getroffen hat. Die Berichte belegen, dass Russland in Tschetschenien ein Schreckensregime aufbaut, in dem willkürliche Festnahmen und Folter an der Tagesordnung sind. Nach Moskaus offizieller Darstellung sollen in so genannten «Filtrationslagern» wie Tschernokosowo Rebellen, die gegen die russische Armee gekämpft haben, aus der Masse friedlicher Zivilisten «herausgefiltert» werden.

Doch von einer aufwändigen Überprüfung mit rechtsstaatlichen Mitteln war keine Rede, nachdem russische Polizisten Ruslan am 16. Januar bei einer Routinekontrolle im Dorf Snamenkoje verhaftet hatten. «Du hast Dich im Trainingslager von Chattab [einem bekannten Rebellenführer] ausbilden lassen und gehörst zur tschetschenischen Aufklärung» warf ihm der Untersuchungsrichter vor. «Dafür haben wir Zeugen.» An der Entführung westlicher Geiseln sei Ruslan ebenso beteiligt gewesen wie an der Serie von Bombenanschlägen, die Russland im September 1999 erschütterten. Ruslan weigerte sich, das vorbereitete Geständnis zu unterschreiben.

Ein vergitterter Polizeiwagen brachte Ruslan und zehn andere Männer ins nahe Tschernokosowo. Der Wagen fuhr auf den Hof der «Strafkolonie verschärften Regimes» die Einheiten des russischen Innen- und Justizministeriums Anfang Dezember in Betrieb genommen haben. Als sich die Wagentür öffnete, bildeten zwanzig Uniformierte mit Schlagstöcken einen «lebenden Korridor» für die Ankömmlinge. «Während wir gebückt und mit den Händen über dem Kopf durch den Korridor liefen, prügelten sie auf uns ein» erzählt Ruslan. Im Gefängnis nahmen die Wärter den Gefangenen Geld und Wertsachen ab und sperrten sie unter weiteren Schlägen in eine Zelle. «Sie befahlen uns, uns mit dem Gesicht an die Wand zu stellen, die Handflächen nach außen. So standen wir bis zum späten Abend» berichtet Ruslan. Dann begann die Routine des nächtlichen Horrors: «Die Wärter holten uns einzeln aus den Zellen und brachten uns zum Verhör oder schlugen uns auf dem Korridor zusammen. Wenn sie das Prügeln leid waren, holten sie manchmal einen Mann oder eine der Frauen aus der Zelle und vergewaltigten sie. Wir konnten in unseren Zellen natürlich nichts sehen. Aber wir hörten die Schreie.» Der 24 Jahre alte Eli Saslanbekow, der die zweite Januarhälfte in Tschernokosowo verbrachte, erlebte mit, wie die Wärter einen Mann aus dem Dorf Goragorskij zum Verhör holten. «Er flehte: ‚Schlagt mich nicht mehr!‘ Sie ließen ihn über den Korridor zum Zimmer der beiden Untersuchungsrichter kriechen, die alle verhörten. Dort musste er rufen: ‚Bürger Chef, danke dafür, dass ich zu Ihnen kriechen durfte. Danke, dass Sie mich empfangen.‘ Nach dem Verhör schlugen sie ihn zusammen und vergewaltigten ihn. Dann öffneten sie die Zellentür. ‚Sag Deinen Kameraden, wie Du heißt!‘ Er antwortete: ‚Fatima.‘ Er war ein gebrochener Mann.»

Ein vergitterter Polizeiwagen brachte Ruslan und zehn andere Männer ins nahe Tschernokosowo. Der Wagen fuhr auf den Hof der «Strafkolonie verschärften Regimes» die Einheiten des russischen Innen- und Justizministeriums Anfang Dezember in Betrieb genommen haben. Als sich die Wagentür öffnete, bildeten zwanzig Uniformierte mit Schlagstöcken einen «lebenden Korridor» für die Ankömmlinge. «Während wir gebückt und mit den Händen über dem Kopf durch den Korridor liefen, prügelten sie auf uns ein» erzählt Ruslan. Im Gefängnis nahmen die Wärter den Gefangenen Geld und Wertsachen ab und sperrten sie unter weiteren Schlägen in eine Zelle. «Sie befahlen uns, uns mit dem Gesicht an die Wand zu stellen, die Handflächen nach außen. So standen wir bis zum späten Abend» berichtet Ruslan. Dann begann die Routine des nächtlichen Horrors: «Die Wärter holten uns einzeln aus den Zellen und brachten uns zum Verhör oder schlugen uns auf dem Korridor zusammen. Wenn sie das Prügeln leid waren, holten sie manchmal einen Mann oder eine der Frauen aus der Zelle und vergewaltigten sie. Wir konnten in unseren Zellen natürlich nichts sehen. Aber wir hörten die Schreie.» Der 24 Jahre alte Eli Saslanbekow, der die zweite Januarhälfte in Tschernokosowo verbrachte, erlebte mit, wie die Wärter einen Mann aus dem Dorf Goragorskij zum Verhör holten. «Er flehte: ‚Schlagt mich nicht mehr!‘ Sie ließen ihn über den Korridor zum Zimmer der beiden Untersuchungsrichter kriechen, die alle verhörten. Dort musste er rufen: ‚Bürger Chef, danke dafür, dass ich zu Ihnen kriechen durfte. Danke, dass Sie mich empfangen.‘ Nach dem Verhör schlugen sie ihn zusammen und vergewaltigten ihn. Dann öffneten sie die Zellentür. ‚Sag Deinen Kameraden, wie Du heißt!‘ Er antwortete: ‚Fatima.‘ Er war ein gebrochener Mann.»

Die drei interviewten ehemaligen Häftlinge sind sich einig, dass die Tschernokosowo-Wärter Kontraktniki sind: für einige Wochen oder Monate angeheuerte Schläger, die für das Justizministerium die Drecksarbeit in den Gefängnissen erledigen. «Die meisten Wärter trugen Masken, wenn sie uns aus der Zelle holten» berichtet Wacha Israpilow. Übereinstimmend mit Ruslan schätzt er die Zahl der Gefangenen «in den 19 Zellen unseres Blocks auf etwa 300». Tschernokosowo ist kein Einzelfall, «sondern Teil eines großen Systems» sagt Alexander Tscherkassow von der Moskauer Menschenrechtsorganisation Memorial. Wie im ersten Tschetschenien-Krieg 1994-96 nutzt Russland ein umfassendes Netz von Gefängnissen und Lagern zur «Filtration». «Zu diesem Netz gehören alle Kontrollposten und die provisorischen Gefängnisse, die es praktisch in jedem größeren Dorf Tschetscheniens gibt» sagt Tscherkassow. «Wir wissen heute von Gefängnissen in Tolstoj-Jurt, Gudermes, Urus Martan und Naurskaja.» Nach Tscherkassows Recherchen werden festgenommene Tschetschenen außerdem «in die russischen Städte Mosdok, Stawropol und Pjatigorsk» gebracht. Da die Kapizität der bestehenden Gefängnisse erschöpft ist, haben russische Bausoldaten am Rand von Tolstoi-Jurt, zehn Kilometer nördlich von Grosny, und in Tscherwlennaja am Terek-Fluss «mit dem Bau zweier großer Filtrationslager begonnen» sagte Oberst Jurij Gladkewitsch von der Moskauer Agentur für Militärnachrichten der FR bereits Anfang Februar. Das Justizministerium hat zudem fünf Millionen Rubel für den Wiederaufbau des Untersuchungsgefängnisses von Grosny bereitgestellt, sagte Wladimir Jelunin, Chef der Hauptabteilung für die Vollziehung von Strafmaßnahmen im russischen Justizministerium, auf einer Pressekonferenz am 15. Februar. Jelunin machte deutlich, dass in Tschetschenien die «Filtration» im großen Maßstab begonnen hat: 1400 Beamte und Sondertruppen des Justizministeriums befänden sich heute in Tschetschenien.

Alexander Tscherkassow von Memorial zweifelt nicht daran, dass Jelunins Einheit, früher dem Innenministerium unterstellt und schon zu Zeiten Stalins für den Strafvollzug im Archipel Gulag zuständig, tschetschenische Gefangene systematisch misshandelt, wie es die ehemaligen Häftlinge der FR berichteten. «Auch im vorigen Tschetschenien-Krieg wurden angebliche Geständnisse in den Lagern oft durch Folter erreicht.» Der liberale Parlamentarier Jurij Rybakow stimmt mit ihm überein: «Ich habe keinen Grund zu der Annahme, dass die russischen Einheiten ihre Sitten gegenüber dem ersten Krieg geändert haben. Die ‚antiterroristische Operation‘ hat sich in einen Krieg zur totalen Vernichtung der tschetschenischen Bevölkerung verwandelt.» Bis heute gelten 1500 Tschetschenen aus dem ersten Tschetschenien-Krieg als spurlos verschwunden. Eine Einwohnerin von Schami-Jurt berichtete der Menschenrechtsorganisation Memorial Anfang Februar, in ihrem Dorf seien Dutzende junger Männer auf Lastwagen verladen worden. Seitdem fehle von ihnen jede Spur. Der Frankfurter Rundschau erzählten Flüchtlinge aus dem Dorf Katyr-Jurt, russische Einheiten hätten am 5. Februar etwa 200 tschetschenische Männer von ihnen Familien getrennt und mit Lastwagen und Hubschraubern in ein Lager bringen wollen. Nur weil moskaufreundliche tschetschenische Polizeieinheiten Bislan Gantemirows einschritten, seien die Männer wieder freigekommen.

Ruslan Babijew, Wacha Israpilow und Eli Saslanbekow sind überzeugt, dass sie noch Glück im Unglück gehabt haben: Ihre Familien haben schnell herausgefunden, dass sie in Tschernokosowo saßen. Und sie konnten genug Geld auftreiben, um den Untersuchungsrichter zu bestechen und die Freilassung ihrer Söhne oder Männer zu erreichen: zwischen 1200 und 4000 Rubel, umgerechnet 85 bis 285 Mark. Ruslans und Wachas Entlassungsscheine umfassen drei knappe Standardsätze. «Vorstehender Person sind die Fingerabdrücke abgenommen worden. Sie wurde fotografiert und mit der Datenbank des Provisorischen Polizeireviers und der Stadt Mosdok (Tschernokosowo) überprüft. Eine Teilnahme an ungesetzmäßigen bewaffneten Formationen festzustellen, erwies sich als unmöglich.» Dass der Schein, den längst nicht alle Entlassenen bekommen, vor einer erneuten Festnahme schützt, glaubt keiner der ehemaligen Häftlinge. Eli Saslanbekow kam am 31. Januar frei, zusammen mit sechs anderen Männern. Zwei Tage später wurden zwei von ihnen an einem russischen Kontrollposten festgenommen und wieder nach Tschernokosowo gebracht.

«Wenn es eine Hölle gibt, kann man sie hier sehen»

MOSKAU, 10. Februar. In den vergangenen Monaten wurden hunderte tschetschenische Männer von Russen festgenommen und vor allem in zwei «Filtrationslager» gebracht: nach Urus-Martan südwestlich von Grosny sowie ins Tschernokosowo-Lager am Terek-Fluss, 50 Kilometer nordwestlich von Grosny. Da diese Lager voll sind, haben russische Bausoldaten bei Tolstoi-Jurt, zehn Kilometer nördlich Grosnys, und in Tscherwlennaja am Terek-Fluss «mit dem Bau zweier großer Filtrationslager begonnen» sagte Oberst Jurij Gladkewitsch von der Moskauer Agentur für Militärnachrichten: «Die Zahl der in Tschetschenien Festgenommenen ist steil angestiegen und betrug nach einigen Angaben bereits Ende vergangener Woche rund 1000 Mann.» Generaloberst Wiktor Kasanzew, Oberkommandeur der Tschetschenientruppen, kontrolliere persönlich die Arbeiten zur Schaffung der Filtrationslager, sagte Gladkewitsch, der sich auf Quellen im russischen Stab in Chankala beruft. Die Lager werden offiziell «Filtrationslager» genannt, weil dort aus den inhaftierten Tschetschenen die Rebellen «herausgefiltert» werden sollen. Das angeblich dem Justizministerium unterstehende Lager Tschernokosowo wurde vor einigen Tagen in der Berichterstattung genannt, als sich herausstellte, dass der Radio-Liberty-Korrespondent Andrej Babitzkij dort eingeliefert wurde, bevor sich seine Spur verlor. Nach FR-Informationen hat das Justizministerium Soldaten seiner Guin-Einheiten – ausgebildet für die Niederschlagung von Gefängnisaufständen – in die Gefangenenlager nach Tschetschenien geschickt. Die englische Zeitung Independent veröffentlichte am Donnerstag Auszüge eines Briefes, der nach Aussage des Blattes am 3. Februar von einem im Tschernokosowo-Lager dienenden russischen Wehrpflichtigen geschrieben wurde. Demnach werden dort rund 700 Tschetschenen festgehalten, von denen nur sieben verdächtigt würden, Rebellen zu sein. Die Tschetschenen «werden hier buchstäblich umgebracht» schreibt der Soldat. «Man muss die Schreie robuster, gesunder Burschen hören, denen die Knochen gebrochen werden. Sie zwingen einige von ihnen, sich gegenseitig zu vergewaltigen. Wenn es eine Hölle gibt, kann man sie hier sehen.» Andrej Babitzkij sei nicht vergewaltigt worden, «aber sie haben ihn so böse zusammengeschlagen, dass seine Brille in die Luft flog» zitiert der Independent den Soldatenbrief. Die meisten Männer, die vergewaltigt oder geschlagen würden, seien Jugendliche und wegen geringer Vergehen wie unregistrierter Pässe oder eines bei ihnen gefundenen Militärparkas festgenommen worden. «Ich kann die exotischen Methoden nicht beschreiben, die sie [die russischen Wächter, d. Red.] anwenden, um den menschlichen Willen zu brechen, um ein menschliches Wesen in ein Tier zu verwandeln.» Allerdings seien auch echte Rebellen gefangen genommen worden «für die ich kein Mitleid empfinde» schreibe der Soldat. Zwei Rebellen seien erschossen worden. Sergej Jasterschembskij, Tschetschenien-Sprecher des Kreml, sagte der FR, das Tschernokosowo-Filtrationslager sei das einzige seiner Art. 280 Tschetschenen befänden sich dort, 316 Gefangene seien freigelassen worden. Der Independent-Bericht sei «eine Desinformation und Lüge». Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch veröffentlichte einen detaillierten Bericht über die Ermordung von mindestens 38 Zivilisten durch russische Soldaten und Einheiten des Innenministeriums Dieser Bericht bestehe ebenfalls aus «Fälschungen und Desinformationen» sagte Jasterschembskij.