Drohungen und Öffentliche Demütigungen in Deutschland

рубрика: Kadyrow & Kriminelle

Anmerkung: 2017 kam es bei einem Angriff von Kadyrow Anhänger auf einen Kampfsportler inguschischer Herkunft zu einer Messerstecherei, bei welcher dessen Freund tödlich verletzt wurde. Auf Wunsch der Familie des Opfers, werden zu diesem Fall keine weiteren Angaben gemacht. 

Um seine Macht zu erhalten und auszubauen sowie die Gesellschaft in Angst und Schrecken zu halten, bedient sich Kadyrow drakonischer Methoden: Er setzte neben Säuberungen auf Sippenhaftungen von Angehörigen mutmaßlicher Terroristen, Diskreditierung von Dissidenten als Drogenkonsumenten und der Inhaftierung von Menschenrechtsverteidigern, seit Beginn des Jahres 2017 auch auf öffentliche Demütigung in Deutschland selbst.

Drohungen und öffentliche Demütigung sind eine weitere Methode von Kadyrow, seine Kritiker zum Schweigen zu bringen. Zwar werden er und seine Politik in Tschetschenien praktisch nicht offen, sondern höchstens leise im engsten und vertrautesten Kreis kritisiert, dennoch gab es auch öffentliche Kritik, für die bitter bezahlt werden musste. Diese öffentlichen Demütigungen werden durch Sendung des Staatssenders Grosny
(TschGTRK Grosny) sowie andere soziale Plattformen verbreitet.

Öffentliche Demütigungen haben in Tschetschenien schon eine längere Geschichte. Im Februar 2014 war der Historiker und Bürgerrechtler Ruslan Kutajew festgenommen worden. Er hatte in Grosny eine Konferenz über die Deportation der Tschetschenen und Inguschen 1944 durch Stalin veranstaltet. Angeklagt wurde er, weil er angeblich in Besitz von Drogen gewesen sei. Doch er selbst sowie seine Anwälte und Menschenrechtsorganisationen bezeugen, dass er sofort nach seiner Festnahme massiv durch Magomed Daudow gefoltert und zu einer Falschaussage gezwungen wurde. Aufgrund dessen wurde er zu vier Jahren Haft verurteilt.

Aus einem allgemein geachteten Bürger wurde während eines Verfahrens vor Gericht ein Drogensüchtiger gemacht, der unter Folter selbst zugegeben hat, süchtig zu sein und Verbrechen begangen zu haben.

Dennoch konnte Magomed Daudow welcher nach Aussage von Ruslan Kutajew aktiv an seiner Folter partizipierte und bereits zuvor als Polizeidienststellenleiter von Schali auch im Fall der Familie Askhabov in Menschenrechtsverletzungen verwickelt war, ungehindert am 30 August 2014, in Begleitung mit dem Kommandeur der SOBR Abusaid Wismuradow, nach Deutschland zu einem Turnier kommen und Drohungen gegen Dissidenten aussprechen.

Abusaid Wismuradow ein enger Kindheitsfreund von Ramsan Kadyrow konnte sich bereits 2012 einer Operation in Deutschland unterziehen und sich von seiner Verletzung eines Autounfalls erholen.

Ramsan Kadyrow selbst weiß genau, wie er die Bevölkerung in Tschetschenien erniedrigen kann. »Das Schlimmste ist nicht, dass sie dich ermorden, sondern dass sie dich öffentlich erniedrigen, dass sie aus dir einen Drogensüchtigen machen oder eine Prostituierte«, gibt ein Opfer einer solchen öffentlichen Demütigung in einem Gespräch an.

Die öffentliche Demütigung eines Familienmitglieds zerstört die Reputation der gesamten Familie, ja des ganzen Clans (Teip) und verlangt auch nach einer Reaktion, das heißt dass sich die Familie lossagt, den Beschuldigten ausschließt, zur Flucht zwingt. Solch eine Demütigung kommt einer Zerstörung der Moral einer Person gleich. Frauen, Verwandte mutmaßlicher Kämpfer und Regierungskritiker werden Opfer solcher Demütigungen wie die Fälle von Adam Dikajew oder Aishat Inaeva zeigen.

Isa Achjadow, ein Tschetschene im französischen Exil, kritisierte die Behandlung Inaevas. Die Reaktion der Kadyrow-Behörden ließ nicht lange auf sich warten. Nur wenige Tage später erschienen sein Bruder und einige andere seiner Verwandten im tschetschenischen Fernsehen. Sie sagten sich von Isa Achjadow los und enteigneten ihn öffentlich.

Bereits Ende 2015 hatte Kadyrow deutlich gemacht, dass Sippenhaftung nicht nur für Angehörige mutmaßlicher Terroristen gilt, sondern auch für Tschetschenen, deren Angehörige im Ausland gegen seine Politik protestieren. Damals hatten Tschetschenen in Wien und Oslo am 24. Dezember 2015 bzw. am 2. Januar 2016 gegen Kadyrow demonstriert.

Nach der ersten Demonstration trat der tschetschenische Regierungschef am 30.12.2015 im regionalen Fernsehen auf und schwor, die Familien der Wiener Demonstranten in Tschetschenien ausfindig zu machen und dafür zu sorgen, dass diese wiederum ihre Angehörigen in der Diaspora zum Schweigen bringen. »Unser Brauch ist es, dass der Bruder für seinen Bruder verantwortlich ist. Ich habe den Befehl gegeben herauszufinden, ob sie (die Protestierenden) Brüder und Väter haben, zu welcher Familie sie gehören, wo sie geboren wurden und wer sie sind«, sagte Kadyrow.

2015 wurde auch Rubati Midsajewa, die vor dem Tschetschenienkrieg 1996 geflohen ist, in Berlin bedroht, wie Ekkehard Maaß dem «Deutschlandfunk» berichtete. Der Menschenrechtsaktivistin wurde vor ihrer Tür aufgelauert und unmissverständlich mitgeteilt »Wenn du so weitermachst, wirst du nicht mehr lange leben!«

Asan Chadschijew bestätigt diese Aktivitäten: »Die Kadyrow-Leute hier beunruhigen uns«, sagt er. »Sie kennen unsere Adressen, aber, noch schlimmer, die unserer Verwandten in Tschetschenien. Ich habe meine Neffen gewarnt, dass man sie verhaften wird. Aber dass man ihnen gleich die Schädel einschlägt. In Tschetschenen herrscht absolute Gesetzlosigkeit.«

Dennoch erfolgten im selben Jahr zwei weitere Reisen des Leiters der Spezialeinheit nach Deutschland. Auch dieser Besuch war verknüpft mit Drohungen gegen diejenigen, welche zuvor an Demonstrationen gegen Kadyrow in der EU teilgenommen haben.

Abusaid Wismuradow übernahm 2015 auch die Rolle als Präsident von Ramsan Kadyrows persönlichen Kampfsportverein. Timur Dugasajew welcher ein Jahr zuvor seinen Kampfsportverein in Deutschland gegründet hat, unterstütze ihn dabei bei der Promotion der Kämpfe. Ein Beispiel dafür ist der Kampfsportler Ruslan Tschagajew, welcher am 11.07.2015 seinen WBA-Titel in Magdeburg verteidigte.

Auch 2017 nutzte Abusaid Wismuradow das MMA-Turnier in Rotterdam (UFC Fight Night 115 mit Mairbek Taisumov) bei dem auch Timur Dugasajew und Adam Tahaev anwesend waren, sowie den anschließenden Ausflug nach Berlin, um Drohungen gegen in Europa lebende Tschetschenen auszusprechen.

Die GfbV dokumentierte bereits in den letzten Jahren diese Praxis der öffentlichen Entschuldigung und Demütigung in Tschetschenien, ua auch anhand der Fälle von Aishat Inaeva und Adam Dikajew.

Mittlerweile sind selbst Tschetschenen, die in Deutschland leben, nicht mehr vor dieser Praxis sicher. Das zeigt zum Beispiel der Fall des homosexuellen Mowsar Eskarchanows. Im Deutschlandfunk berichtet Eskarchanow von der Diskriminierung und Verfolgung Homosexueller in Tschetschenien. Er selbst war deswegen gezwungen, nach Deutschland zu fliehen. Aber auch hier wird er weiterhin von Bekannten aus seinem Heimatort Atschoj Martan bedroht. Es gab bereits zwei Angriffe auf ihn, einer davon mit einem Messer.

Der Demütigungen nicht genug suchte Beslan Dadaew, Korrespondent des TschGTRK Grosny, ihn in Begleitung auf. Sie nötigten ihn zu einer Entschuldigung vor laufender Kamera: Es seien westliche Journalisten gewesen, welche ihm Drogen gegeben und zu kritischen Aussagen gegen Kadyrow verleitet hätten. Seine eigene Geisteskrankheit wäre der Grund, dass er schlecht über Kadyrow spreche.

Ein ganz anderer Fall aber mit demselben Täter ist das Schicksal eines jungen Familienvaters, welcher es wagte, sich in Deutschland aktiv gegen Kadyrow auszusprechen. Minkail Malizaew hatte wiederholt die Diaspora in Deutschland dazu ermutigt, Ramsan Kadyrow öffentlich zu kritisieren und innerhalb der EU Demonstrationen gegen die Menschenrechtsverstöße in Tschetschenien zu organisieren.

Nachdem am 26. April 2018 seine Frau sowie seine drei Kinder von Deutschland  nach Tschetschenien abgeschoben wurden, erhielt Minkail Malizaew Besuch von dem Korrespondenten von TschGTRK Grosny Beslan Dadaew und einem Begleiter. Beslan drohte ihm, dass seine Verwandten in der Heimat für seine Worte die Verantwortung tragen würden, wenn er sich nicht entschuldigte. Aus Sorge um seine Familie willigte Malizaew ein.

Doch Beslan genügte eine einfache Entschuldigung nicht. Er forderte eine Aufzeichnung auf Video. Malizaew weigerte sich und wurde daraufhin so schwer geschlagen, dass er für mehrere Tage im Krankenhaus behandelt werden musste.

Im Gespräch mit Khuseyn Iskhanov sagte Malizaew später, dass man ihn deutlich verstehen ließ, dass er sich in Deutschland nicht zu sicher fühlen solle. Wenn nötig, werde man ihn hier umbringen. Dazu hätte man den Auftrag. »Hier in Deutschland, in Europa, seien die Gefängnisse gut. Man werde ihn töten, die Haftstrafe absitzen und als freie Männer nach Hause gehen. Kein Problem. Man habe nichts zu verlieren. Für sie gelte nur, ihn zu entfernen.«

Am 27. März 2019 erhielt Minkail Malizaew nach eigenen Angaben erneut Besuch. Im Gespräch mit dem tschetschenischen Anwalt Aslan Artuew berichtet er, wie gegen 23 Uhr er von vier maskierten Männern angegriffen und mit einer Schusswaffe bedroht wurde. Sie sollen versucht haben ihn zu entführen, um zu einer Entschuldigung zu zwingen.

Auch der tschetschenische Blogger Tumso Abdurachmanow wurde wiederholt von Magomed Daudow bedroht. Selbst sein Bruder, welcher in Deutschland lebt, steht deshalb unter Druck aufgrund der Sippenhaftung. Ein Kadyrow Anhänger aus Bremen Namens Beslan, welcher selbst Asyl in Deutschland beantragt hat, offerierte Magomed Daudow sogar Hilfe für die Vollstreckung der Blutrache.

Insbesondere die junge Generation von Tschetschenen, welche in Deutschland Asyl sucht, verfolgt aufmerksam das Geschehen in ihrer Heimat. Über YouTube und soziale Netzwerke wie Instagram erfahren sie, wie Kadyrow in seiner Republik jegliche Kritik unterdrückt, wie er für Friedhofsruhe sorgt – und fühlen ihre eigene Machtlosigkeit. Aus der Ablehnung Kadyrows entsteht ein immenses Radikalisierungspotenzial. Die Jugendlichen erleben es als Alltag, dass Anhänger der Politik von Ramsan Kadyrow nicht nur Demonstration zur Unterstützung des Regimes in Deutschland organisieren können, sondern auch Drohungen aussprechen, ohne dafür strafrechtlich belangt zu werden.

Aufgrund des Ausbleibens an Reaktionen durch Institutionen und Medien, insbesondere in Bezug auf die Reisen von Abusaid Wismuradow, des Präsidenten von Ramsan Kadyrows Kampfsportverein und der Spezialeinheit SORB, kam es nun wiederholt zu Konflikten zwischen kaukasischen Kampfsportlern und Kadyrow Anhänger. Nach den antisemitischen Äußerungen eines Kampfsportlers am al-Quds Tag, welcher im Kontakt zu Abusaid Wismuradow steht, verlagert sich nun der Konflikt auf die Straße.