Frauen als Freiwild?

рубрика: Diaspora

Sind muslimische Frauen im generellen und tschetschenische im spezifischen Freiwild? Eine Meinung über den Islam haben viele rasch zur Hand. Selten stützt sich diese Meinung aber auf vertieftes Wissen. Als Waise weiß ich wenig weshalb ich eine Schwester die nach ihrer Flucht aus Tschetschenien nun in Deutschland lebt, gefragt habe wie Sie die Sache sieht.

Für jemanden der in der EU aufgewachsen sowie sozialisiert wurde und in den (verpflichtenden) Integrationskursen die Wertevermittlung aus staatlicher Sicht kennengelernt hat, ist es selbstverständlich eine unvorstellbare Sache geworden, Gewalt gegen Frauen stillschweigend zu respektieren. Aber beispielsweise für Frauen und Männer, die in Tschetschenien aufgewachsen sind, unterscheiden sich die Wertvorstellung wieder gewaltig. Für ein Volk, dass sich dem Islam so sehr »genähert und anvertraut« hat, sollten die Regeln im Islam auch entsprechend ausgelebt werden.

Oftmals erlebe ich das sowohl Religion als auch Kultur nur zu seinem eigenen Zwecke angewendet werden. Dies bedeutet, jemand nimmt einzelne Aspekte aus dem Adat, welche im Widerspruch zum Islam stehen und stellt die Behauptung auf, dass dies so definiert sei in der Kultur. Insgesamt gibt es aber auch muslimische Männer welche »für sich herausnehmen« stets zu wissen, was das Beste für uns Frauen sei und dadurch ein schlechtes Bild, nicht nur auf uns Frauen aber den Glauben als ganzen, werfen.

Weil vor Gott alle gleich sind, sollte man meine Meinung nach keinen Unterscheid zwischen Frau und Mann in ihrem Handeln machen, es wurden ja auch Eva und Adam verführt. So mahnt der Prophet ﷺ selbst die Männer: «Der Beste unter euch ist derjenige, der am besten zu seiner Frau ist.»

Frauen gerecht und würdig zu behandeln, ist klar aus dem Koran zu entnehmen. Wenn der Prophet ﷺ seinen Ehefrauen im Haushalt half wie seine Gattin A’isha berichtet »War er am meisten nachsichtig und großzügig…. Er war bereit seinen Ehefrauen eine helfende Hand zu geben bei der gewöhnlichen Hausarbeit, (Er) nähte seine eigene Kleidung und besserte seine eigenen Schuhe aus.« sollte dies auch für moderne muslimische Männer möglich sein.

Als unverbindliches Beispiel sollte es für einen Mann genauso wenig erlaubt sein fremd zu gehen, wie für eine Frau. Aber unser Volk scheint mir mehr darauf aufgebaut zu sein, Männern die gesamte Macht über alle Entscheidungen zugeben und Frauen nur als eine Art Begleitung für gut sowie schlechte Zeiten im Leben zu sehen. Dies sind meine persönlichen Eindrücke, welche ich während meines Lebens gesammelt habe.

Allerdings habe ich das große Glück in einer Familie groß geworden zu sein, in der wir von klein auf gelernt haben, dass sehr wohl jeder Mensch gleich zu behandeln ist. Es ist nicht in Ordnung dem Sohn alle Rechte zu geben und der Tochter keine. Für beide gelten dieselben Regeln, ob jung oder alt.

Eine Ehe sollte auf Augenhöhe geführt werden, wobei beide gleich viel zu sagen haben und Entscheidungen gemeinsam getroffen werden. Der Mann hat kein »natürliches« Recht, allein über andere zu bestimmen. Gewalt selbst spielt im Leben eines halbwegs geistig vernünftigen Wesens absolut keine Rolle und sollte nach der Lehre von Kunta Hadschi Kischijew als Sünde angesehen werden.

Auch die Scharia selbst ist kein Handbuch zur Legitimation von Gewalt. Der Begriff »Scharia« bezeichnet vielmehr einen Weg, den Pfad zur unerschöpflichen Quelle, wobei wir als Menschen nicht darüber verfügen, sondern nur versuchen könne zu verstehen. Die reine Reduktion des »Wissens des Allwissenden« auf einige einzelne Regeln in Bezug auf Frauen, entspricht nicht dem fiqh (Verständnis).

Als Frau bin ich eher mit Fragen beschäftigt wie, ob mein Glaube etwa Verhütungsmittel erlaubt, welche religiöse Praxis während der Menstruation möglich ist und was Frauen tun können, die Kopftuch tragen möchten, aber denen daraus im Beruf Probleme erwachsen. Denn diese Fragen werden von den Experten selten beantwortet.

Dr. Nimet Şeker: „Die Verletzlichkeit der muslimischen Frau und die symbolische Geschlechterordnung“

Als Kopftuch tragende Frau kann ich zu diesem Vortrag leider nicht im Namen aller Frauen sprechen. Meine Meinung ist auch nicht übertragbar auf andere Frauen oder gar binden. Eine vorbildliche muslimische Frau definiert sich nicht durch ein Stück Stoff an, oder dadurch, dass sie dezent lockere Kleidung trägt, ein aufrechtes, elegantes sowie sanftes Benehmen hat und ihre Blicke in der Öffentlichkeit senkt. All dies ist in meinen Augen nicht die Auslegung einer »vorbildlichen« muslimischen Frau.

Muslima zu sein muss nicht bedeuten, dass durch das Kopftuch tragen Sie zur besten ihrer Sorte wird. Es geht viel mehr um die innere Einstellung. Wenn diese Denkweise nicht stimmt, dann ist die äußere Erscheinung auch nicht von großem Wert. Meiner Meinung nach, sollte man erst seinen Glauben und die Grundlagen des Islam in sich verinnerlichen, bevor man »äußerliche« Entscheidungen wie das Kopftuch tragen, trifft.

Manche Muslime sind heute genauso besessen vom »Kopftuch« wie dessen Gegner es sind. Eine Muslima definiert sich doch nicht dadurch, ob Sie eins trägt oder nicht, sondern wie Sie ihren Glauben im Alltag praktiziert. Die Ambiguität des Islam ist groß und sollte für Frauen nicht auf ein Stück Stoff begrenzt sein, denn für mich ist eine Muslima, die sich täglich für die Umma einsetzt, aber kein Kopftuch trägt genauso gläubig (wenn nicht mehr), als eine welche ihren Glauben nur auf das Kopftuch begrenzt.

Insgesamt wird durch solche Diskussionen der Glaube in als seinen Facetten sehr stark reduziert und simplifiziert. Denke ich an die Generationen der Großeltern, an unsere Ahnen, könnte man anmerken, dass dies Problem für sie nicht exzitierte. Sie praktizierten einfach ihren Gauben und teilten die Welt nicht in Kategorien wie Kopftuchträgerin und Nicht-Kopftuchträgerin. Dieses dualistische Denken, welches die Welt schwarzweiß sieht, verschließt unsere Augen vor dem wahren Wundern des Glaubens.

Jeder ist ja seines eigenen Glückes Schmied in dieser »freien Marktwirtschaft« in welcher wir leben. Soll heißen, dass jeder Mensch das Recht hat aus eigenen Zwecken zu entscheiden ob er oder sie eine Religion überhaupt ausleben will und insbesondere wie.

Nach einigen Jahren als »Kopftuch tragende« habe ich soweit noch keine negativen Kommentare von meinem Mitmenschen erlebt. Ob es daran liegt, dass ich in einer großen Stadt und nicht in einem kleinen Dorf lebe oder am meinem modernen Kleidungsstil, weil ich mich eher »attraktiv« anziehen, kann ich selbst schwer einschätzen. In meiner beruflichen Laufbahn habe ich bisher keine negativen Erfahrungen gemacht, was aber eher an der Arbeit selbst liegt. Als Richterin, Polizistin oder Lehrerin würde die Situation schon anders aussehen.

Zum vieldiskutierten Burka Verbot in Europa kann ich selbst nur wenig sagen, weil im Kaukasus die Burka das Haus des Mannes ist.