10. Jahrestag des Mordes an Natalja Estemirowa

рубрика: Menschenrechte & Memorial

Natalja Estemirowa fand sogar in der bitteren Realität Tschetscheniens die Gelegenheit, nicht nur über Rechtsverletzungen zu berichten, sondern auch den Opfern zu helfen. Menschenrechtsaktivistinnen erinnern am 10. Jahrestag ihres Mordes an ihr Schicksal und fordern die Behörden auf, die Untersuchung dieses Verbrechens abzuschließen.

Laut Zeugen wurde die Menschenrechtlerin Natalja Estemirowa am 15. Juli 2009 in der Nähe ihres Hauses in Grosny entführt. Ihre Leiche wurde am Nachmittag desselben Tages mit Schusswunden am Kopf im Dorf Gazi-Yurt in Inguschetien gefunden. Ihr Tod fügte ihren Kollegen und allen anderen, denen sie sehr oft die einzige Hoffnung auf Wahrheit war, unsäglichen Schmerz zu.

Natalja arbeitete als Geschichtslehrerin und kam aus einer tschetschenisch-russischen Familie in Grosny, aber schon während des ersten tschetschenischen Krieges fing sie an, als Journalistin in Tschetschenien zu arbeiten. Sie berichtete über den Kriegsverlauf und machte Hunderte von Fotos von den Opfer, vor allem von Kindern. Nach dem Beginn des zweiten tschetschenischen Kriegs arbeitete sie mit der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial zusammen und deckte Entführungen und Morde an tschetschenischen Zivilisten auf.

Durch ihre Tätigkeit wurde Estemirowa den Behörden unbequem und so bekam sie wiederholt Drohungen von Ramsan Kadyrow. Ein unangenehmes Gefühl nach einem dieser Gespräche mit ihm brachte sie im Jahr 2008 dazu, sich für einige Monate im Ausland zu verstecken. Im Herbst desselben Jahres kam sie nach Tschetschenien zurück und setzte ihre Arbeit fort.

Keiner ihrer Kollegen oder ihr nahestehenden Personen zweifelt daran, dass es sich bei dem Tod Estemirowas um einen Auftragsmord handelt. Und wie bei den meisten ähnlichen Fällen wurden weder ihr Mörder noch der Auftraggeber bestraft.

Der Kriegsfotograf Dmitry Belyakov sagt über Natalja Estemirowa, dass sie eine unschätzbare Informationsquelle war. „Sie log nie, suchte unermüdlich nach der Wahrheit Außerdem war sie sehr menschlich. … Ihr Tod ist eine Tragödie für uns alle. Es ist schwer damit zu leben, dass die Person, die für ihren Tod verantwortlich ist, noch nicht bestraft wurde.“

Natalja Estemirowa traf sich am 31. März 2008 mit Kadyrow. Er war sehr grob zu ihr. „Er hat sie beschimpft. Er sagte, sie benehme sich ungebührlich und sagte ihr auch: „Du machst solche Sachen und dabei hast du eine Tochter. Hast du denn keine Angst um sie?‘”, sagte Tatjana Lokschina von der russischen Stelle von Human Rights Watch über die Beziehung zwischen Natalia und Kadyrov vor Gericht aus. Nach diesem Gespräch nutzte Natalja zum zweiten Mal in ihrem Leben das Angebot, sich für einige Zeit im Ausland zu verstecken.

Estemirowa wurde am frühen Morgen in der Nähe ihres Hauses entführt. Die Kollegen waren beunruhigt, als sie nicht zum vereinbarten Treffen kam und gingen zu ihrer Wohnung, um sie zu suchen. Dort trafen sie zwei Personen, die vom Balkon aus Zeugen der Entführung geworden waren. Estemirowa schaffte es nur noch ihnen zuzurufen, dass sie gerade entführt wird.

„Ich bin absolute Pazifistin, ich bin bedingungslos gegen Krieg in jeglicher Form. Pazifismus ist bei uns nicht in Mode. Und der Schutz der Menschenrechte auch nicht, dies bedeutet aber nicht, dass die Situation ausweglos ist. Ich wiederhole, dass während meiner Arbeit als Journalistin, und das passierte nicht nur ein- oder zweimal, gerade Worte Wirkung zeigten; umso mehr Wirkung zeigten die Stimmen mehrerer Journalisten von verschiedenen Zeitungen aus verschiedenen Ländern, die sich zu einer Stimme vereinigten.“ Natalja Estemirowa.