Ermordung von Zelimkhan K. in Berlin

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Kadyrow ließ viele seiner politischen Gegner ermorden. Bis heute muss dieser Personenkreis mit massiver Verfolgung bis hin zu Ermordung rechnen. Seit Beginn des zweiten Krieges in Tschetschenien 1999 sind allein in der Türkei mindestens neun ehemalige Kommandeure, Kämpfer oder Repräsentanten der Itschkerien-Bewegung ermordet worden: Am 4. November 2001 wurde Neidet Gun ermordet, der der Itschkerien-Bewegung angehört und die Interessen der Tschetschenen in der Türkei vertreten hatte. 2008 wurden die Feldkommandeure Gaji Edilsultanov und Islam Jaribekov getötet. Ali Osajew, damals Repräsentant von Doku Umarow und auch ehemaliger Feldkommandeur, wurde 2009 ermordet. Berg-Hazh Musaev, ein weiterer Kämpfer, wurde am 16. September 2011 gemeinsam mit den beiden Tschetschenen Rustam Altemirow und Zaurbek Amriev ermordet. Am 22. Mai 2013 folgte der Mord an Medet Ünlu, auch er Repräsentant, offiziell „Honorar Konsul“ der Itschkerien-Bewegung in der Türkei. Sein Mörder gestand die Tat und gab an, dass pro-russische Tschetschenen ihn mit der Tötung beauftragt hätten. Am 2. März 2015  wurde Kaim Saduev, auch ein Anhänger Itschkeriens und früherer Kämpfer, mutmaßlich vergiftet. Anfang Juni 2017 überlebten Okujewa und ihr Ehemann Adam Osmajew, Anführer des nach Dschochar Dudajew benannten tschetschenischen Bataillons einen spektakulären Anschlag. Das zweite Attentat am 30. Oktober 2017, das eigentlich gegen Osmajew gerichtet war, überlebte Okujewa nicht

Selbst in Österreich war Umar Israilov nicht sicher. Der junge Mann wurde am 13. Januar 2009 in Wien auf offener Straße erschossen. Er befand sich in offener Opposition zu Ramsan Kadyrow. Dass die Hintermänner der Tat in Tschetschenien und dort im engsten Kreis um Kadyrow herum zu suchen sind, stellten auch die österreichische Justiz und der österreichische Verfassungsschutz fest.

Der jüngste Mord in Moabit macht deutlich, dass diese Entwicklung scheinbar anhält. Zwar ermitteln die Behörden in verschiedene Richtungen, als wahrscheinlich gilt ein Auftragsmord eines ausländischen Geheimdienstes wie der Spiegel berichtet.

Grundsätzlich halten Ermittler und Sicherheitsexperten zwei Szenarien für denkbar. Das erste Szenario wäre ein Mord mit Bezügen zur organisierten Kriminalität. In den Sicherheitsbehörden mehrerer Nato-Mitgliedsstaaten wurde allerdings ein politisches Motiv, womöglich ausgeführt durch einen Geheimdienst wie Russlands Militärdienst GRU, als plausibler bezeichnet.

Dafür spricht vor allem die Biografie des Opfers. Zelimkhan K. galt nach Angaben des Menschenrechtszentrum EMC in seiner Heimat Georgien als enger Verbündeter der Sicherheitsbehörden. Er sei ein verlässlicher Partner im Kampf gegen russische Einflussnahme und ein stabilisierender Faktor in Auseinandersetzungen, etwa in seiner Heimatregion Pankisi, gewesen. Er musste in die Ukraine fliehen, nachdem er in Tiflis einen Mordversuch überlebt hatte. In der Ukraine sei er weiter gegen russische Einflussnahme aktiv gewesen und habe mit den örtlichen Sicherheitsbehörden kooperiert. Nach einem weiteren Angriff gegen ihn sei er dann nach Deutschland gereist.

In der Bundesrepublik, wo er zunächst als islamistischer Gefährder eingestuft wurde, war er zuletzt von Brandenburg nach Berlin umgezogen. In seinem Umfeld heißt es, der Georgier sei kein Islamist gewesen. Er habe sogar Menschen daran gehindert, als Kämpfer nach Syrien auszureisen und sich Terrormilizen wie dem „Islamischen Staat“ (IS) anzuschließen. Zudem habe er auf einer Todesliste des von Moskau unterstützten, tschetschenischen Diktators Ramsan Kadyrow gestanden. Ein weiterer wichtiger Baustein in der Argumentationskette jener, die an einen politischen, durch einen Geheimdienst ausgeführten Mord glauben ist die Vorgehensweise des Täters. Er soll erst kurz vor der Tat nach Deutschland eingereist sein und bereits Vorkehrungen für eine schnelle Wiederausreise getroffen haben. Kurz vor dem Mord soll er sich eigens verkleidet haben. Für die Tat soll er eine Neun-Millimeter-Waffe mit Schalldämpfer verwendet haben.

Insgesamt muss man eine hohe Dunkelziffer an Mordversuchen annehmen. Nach Drohungen und gescheiterten Attentaten ziehen potentielle Opfer es vor, in den Untergrund zu gehen. Insbesondere auch, weil sich Kommandeure aus dem engsten Kreis von Kadyrow wie bsp. Magomed Daudow oder Abusaid Wismuradow frei in Deutschland bewegen können. Auch der staatliche Sender Grosny TV kann mithilfe des Korrespondenten Belsan Dadaew in Deutschland aktiv Kritiker der Regierung von Ramsan Kadyrow öffentlich demütigen oder angreifen. Durch Personen wie Timur Dugasajew, Said-Magomed Ibragimov, Adam Tahaev oder Schamil Dadagov ist es Kadyrow möglich in Deutschland, wie in keinem anderen EU Land, Präsenz zu zeigen durch Drohungen gegen Dissidenten.

Die wenigsten Tschetschenen vertrauen den deutschen Strafverfolgungsbehörden. Aufgrund der Zweifel, dass diese in der Lage sind, Sie vor der Verfolgung durch die russischen Sicherheitskräfte zu schützen, sind die Flüchtlinge selbst gezwungen, Maßnahmen zu ihrer Sicherheit zu ergreifen.

Die Gemeinde distanziert sich von der Darstellung des Tagesspiegels: Die Diaspora ist so vielfältig wie der Berg der Sprachen selbst, dennoch sind die Tschetschenen mehrheitlich Sufis, zusammengeschlossen in mehreren Sufi Wirden.