Die Deportation der Wainachen

рубрика: Deportation 1944

Wie eine Fabel erzählt der Historiker Juri Seschil die Geschichte der Deportation: »Der Vater der Völker hat sein Berater gefragt: „Welche Temperatur herrscht in Tschetschenien?“ Der Zar der Bolschewiki beschloss, den Tschetschenen einen Ort zuzuweisen, wo die Temperatur 30 Grad unter ihrem gewohnten Klima liegt, um ihre heißen Köpfe zu kühlen.«

Am 20. Februar kam Berija nach Tschetschenien. Bogdan Kobulow, bekannt für seine brutalen Foltermethoden, und der Deportationsexperte des Geheimdienstes, Iwan Serow, begleiteten ihn. Außerdem füllten sich die Straßen mit 19.000 Tschekisten und 100.000 NKWD-Truppen.

Die Deportation im Februar 1944 entkamen nur wenige. 459.486 Menschen, die in Dagestan, Tschetschenien, Inguschetien und Wladikawkas wohnten, sollten deportiert werden. »Diese Operation soll in acht Tagen abgeschlossen werden« schrieb Laurenti Berija am 17. Februar 1944 in einem Telegramm. »Die ersten drei Tage haben wir für jene 300.000 Menschen vorgesehen, die im Flachland leben. In den folgenden vier Tagen holen wir die 150.000 Menschen aus den bergigen Gebieten. Vor dem 26. Oder 27. Februar sollte die Operation abgeschlossen sein.«

Einen Tag vor Beginn der Deportation, in manchen Dokumenten als Operation »Tschetschewiza« (Linsen) genannt wurde, telegrafierte Berija an Stalin:

Genosse Stalin

Um die Operation der Tschetschenisch-Inguschischen Deportation nach ihren Instruktionen auszuführen, wurde zusätzlich zu den NKWD-Militärmaßnahmen Folgendes getan: Ich habe den Vorsitzenden des lokalen SOWNARKOM Molaiew zu mir kommen lassen und ihn von der Regierungsentscheidung informiert, die Tschetschenen und Inguschen zu deportieren. Ich informierte ihn über die Motive und Gründe für diese Entscheidung. Molaiew brach in Tränen aus, nahm sich dann zusammen und versprach alle ihm zugewiesenen Aufgaben hinsichtlich der Deportation zu erfüllen.

Dann, in Grosny, ging er und ich zusammen zu einem Treffen mit neun tschetschenischen und inguschischen Beamten, die ihrerseits von der Deportation und den Gründen dafür informiert wurden. Ihnen wurde angeboten, eine aktive Rolle zu spielen und die Bevölkerung über die Entscheidung der Regierung, über die Deportation und wie sie ausgeführt werden wird und ferner über die Situation in den neuen Wohnorten informieren. Um Exzesse zu vermeiden, wird die Bevölkerung aufgerufen, den Instruktionen dieser Beamten zu folgen. Die Anwesenden drückten ihre Bereitschaft aus, die vorgeschlagenen Maßnahmen mit ganzer Kraft zu unterstützen und haben bereits mit der Arbeit begonnen. 40 lokale und sowjetische Beamte tschetschenischen und inguschischen Ursprungs wurden auf 24 Bezirke verteilt und aufgefordert, in jedem Bezirk zwei bis drei Leute zu finden, die dort aktiv sind und die am Tag der Deportation vor Beginn der Operation spezielle Treffen mit den Männern vereinbaren, um dort die Entscheidung der Regierung über die Deportation zu erklären.

Außerdem habe ich mit den einflussreichsten Geistlichen in der Tschetscheno-Inguschischen ASSR gesprochen – Barudin Arsanow, Abdul Hamdi Jandarow und Gaisumow – die auch über die Entscheidung der Regierung informiert worden sind. Ihnen wurde angeboten, die notwendige Arbeit mit der Bevölkerung zu erledigen und zwar durch die Mullahs und andere lokale Autoritäten, mit denen sie in Verbindung stehen.

Beide, die Geistlichen und die sowjetischen Parteimitglieder, die uns helfen, haben während der Deportation gewisse Privilegien versprochen bekommen. Sie dürfen mehr Gepäck mitnehmen. Der Stab des Operationskommandos ist dementsprechend instruiert worden und ist bereit für die Operation.
Wir werden die Deportation bei Tagesanbruch am 23. Februar starten. Um zwei Uhr früh werden wir die bewohnten Gebiete abriegeln. Spezielle Straßensperren werden eingerichtet, damit die Bevölkerung nicht fliehen kann. Im Morgengrauen werden alle Männer von unseren Beamten zu Treffen eingeladen, wo sie in ihrer Muttersprache über die Deportation informiert werde. In den Berggebieten wird es keine Treffen geben, weil die Dörfer zu sehr verteilt liegen. Danach werden 10 bis 15 Leute ausgewählt, die alle Familien darüber informieren sollen, dass sie ihre Sachen packen. Der Rest der Anwesenden wird entwaffnet und zu den Sammelplätzen für die Züge gebracht. Die Festnahme von antisowjetischen Elementen, die gefangengenommen werden sollten, ist nahezu beendet. Ich glaube, dass die Operation »Tschetschenisch-Inguschische Deportation« erfolgreich durchgeführt werden wird.

21. Februar 1944, l. Berija

Am 23. Februar, dem Tag der Roten Armee, dem »Tag der Verteidiger des Vaterslandes« wurde den tschetschenischen Bauern ihr Schicksal mitgeteilt. Soldaten kamen in die Auls, die tschetschenischen Dörfer, und verlasen dort die Benachrichtigung des Obersten Sowjet: »Erlass über die Deportation des tschetschenischen und inguschischen Volkes wegen Verrats und Kollaboration mit dem Feind.«

Zwischen dem 23. Februar und 27. Februar 1944 wurden nach offiziellen Angaben 387.229 Tschetschenen und 91.250 Inguschen zusammengetrieben. »In dem wilden Durcheinander der Deportation 1944 hatte man mich schlafend zu Hause vergessen.« erzählte Said-Magomed Chasijew, der 1942 im tschetschenischen Dorf Kurchaloj geboren wurde. »Alle, die zurückblieben oder die Deportation umgehen wollten, wurden auf der Stelle erschossen. Mein Bruder realisierte, dass ich vergessen worden war, kam zurück, schnappte mich so wie ich im Bett lag und trug mich dementsprechend nackt zu den Lastwagen. Es heißt, es habe an diesem Tag starken Schneeregen gegeben. Meine Lungen haben damals wohl Schaden genommen.«

Said-Magomed Chasijew hat nie ein Dokument mit seinem Familiennamen erhalten, weil die Behörden am Verbannungsort einfach feststellten: »Was braucht der Bandit einen Familiennamen? Er wird sowieso ein Gefägnisbruder.« Chasijew wurde später, bis zum Ausbruch des zweiten Tschetschenienkrieges 1999, Direktor des »Zentrums für Ethnische und Kulturelle Entwicklung der Tschetschenischen Republik«.

Die Tschetschenen wurden in Viehwaggons nach Zentralasien deportiert. Zwei Wochen dauerte die Reise in den versiegelten Zügen »In der Kälte und dem Dreck breiten sich Krankheit aus. Die Leute wurden von Typhus niedergemäht, die Toten konnten nicht begraben werden. Wenn der Zug in der Steppe stehen blieb, entluden Soldaten die Leichen.

In Alma Ata, der Hauptstadt von Kasachstan, wurden die Deportierten aufgeteilt und weitergeschickt; 239.768 Tschetschenen kamen in Lager nach Kasachstan, 70.997 landeten in Kirgisien und der Rest wurde auf Usbekistan, Tadschikistan und die ASSR Jakutien in Sibirien verteilt. Tausende Tschetschenen endeten in Arbeitslagern in Sibirien. 30.000 Tschetschenen aus der Nachbarsrepublik Dagestan schickte Berija hinterher.

Auch die tschetschenischen und inguschischen Soldaten, die in der Roten Armee gegen Hitler-Deutschland kämpften, entgingen ihrem Schicksal nicht. Ein Erlass wurde an die Fronten geschickt, dass alle Soldaten tschetschenischer und inguschischer Abstammung an bestimmten Orten zusammenkommen sollten. Erklärung gab es keine. Offiziere wie Gefreite wurden in Straflager nach Sibirien geschickt. Ihre Dokumente wurden eingezogen. Später wurden sie zu ihren Familien nach Kasachstan gebracht.

Es gab allerdings Ausnahmen, wie Magomed Musajew, der Leiter des nationalen tschetschenischen Archivs berichtete: »Viele Kommandeure schätzen die Tschetschenen ihrer Tapferkeit wegen und versuchten alles, um sie zu behalten. Einige von denen, die der Deportation auf diese Weise entkamen, stießen mit der Roten Armee nach Berlin vor. So war der erste sowjetische Soldat, der an der Elbe einem US-Soldaten die Hand reichte, ein Tschetschene namens Mowlit Wisaitow.«

In den Jahren 1944 bis 1948 starben rund ein Viertel der deportierten Völker in Kasachstan. »Manche Historiker geben aber auch ein Drittel oder gar die Hälfte an« sagte Archivdirektor Musajew. Das Leben im Exil bedeutete unsägliches Leid. Hunger und Krankheit rafften Tausende dahin. Von den 506.656 Nordkaukasiern, die 1943/44 in die kasachische ASSR deportiert wurden, starben bis zum 1. Juli 1946 73.681 Personen. Demgegenüber verzeichnetet die Statistik im gleichen Zeitraum weniger als 8000 Geburten. Nicht besser stand es um die nordkaukasischen Sondersiedler, die in die krigisische ASSR ausgeschafft wurden. Von 135.932 Exilierten verstarb bis zum 1. Juli 1946 über ein Viertel aller Menschen. Erst ab 1949/50 stabilisierte sich die Situation und die Statistik verzeichnete wieder mehr Geburten als Todesfälle.

Für jene, welche die Deportation durchgeführt hatten, verlangte Berija in seinem Bericht vor dem ZK am 14.3.1944 Orden des 1. Und 2. Grades. Sie wurden genehmigt. 549 Orden der verschiedenen Klassen wurden verliehen.

Anmerkung zur Quelle

Nicht alle trafen dieselbe Entscheidung wie die in der Quelle angeführte Namen, eines der bekanntesten Beispiele ist Laisat Baisarowa (Tangiewa). Nachdem sie gebeten wurde, bei der Deportation ihres eigenes Volkes mitzuwirken und dieses ins Exil zu schicken, entschied Sie sich für ihr Gewissen und schloss sich dem Wald an. Als ehemalige KGB Mitarbeiterin, wandelte Sie sich zu einer Ikone für andere Abreken. Sie leistete bis zu ihrem Tod Widerstand gegen die Sowjetmacht, die inguschische Sängerin Daria Kulesh widmete ihr 2016 ein Lied.

In der Quelle wird von der Entwaffnung der Männer gesprochen. In Isa Askhabov Werk über tschetschenische Waffen wird folgende Anekdote erzählt: »Am zweiten Tag nach der Deportation der Tschetschenen und Inguschen am 24. Februar 1944, holte der Rabbiner von Grosny seine Leute zusammen und warnte sie davor, fremden Besitz an sich zu nehmen. Er rief dazu auf, die Sachen der Deportierten bis zu ihrer Rückkehr aufzubewahren. Die Juden hielten daraufhin die Sachen und Wohnungen 13 Jahre lang in guten Zustand und gaben sie intakt zurück. Die Tschetschenen haben dies in dankbarer Erinnerung behalten.«