AfghanInnen als Belastung für unser Gewissen?

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In Kabul – und anderen Orten Afghanistans – geht beinahe jeden Tag eine Bombe hoch und  Dutzende Menschen fallen diesem Wahnsinn jeweils zum Opfer. Terroranschläge zeitigen regelmäßig Verletzte und Tote zuhauf. Die Taliban – fundamentalistische Islamisten – in Intoleranz seit Jahrzehnten geübt, setzen die Bevölkerung des Landes in stetigen Schrecken. Mit Berufung auf den Propheten wetzen sie ihre Messer und töten MuslimInnen die nicht den islamistischen Nihilisten zuzuordnen sind. Trotzdem werden auch aus Österreich AfghanInnen abgeschoben und damit einem möglicherweise grausamen Schicksal ausgeliefert. Möglich ist das auch dadurch geworden, dass sich ein ehemaliger Innenminister Österreichs die Afghanen als Feinde erdacht hat. Die hetzerischen Ausritte im Wahlkampf sollten zwar auch vom mutmaßlich bis in die Knochen korrupten ehemaligen Chef seiner Partei ablenken, wohl aber auch die Gewissenslast der ÖsterreicherInnen erleichtern. 

Die wenigsten von uns werden sich – angesichts der Bilder aus Afghanistan – einer Verpflichtung hilfreich zur Seite zu stehen wissentlich widersetzen. Das Leid der Bevölkerung wird – ferngesehen – sogar bei den meisten von uns mit Mitleid quittiert – insofern wir nicht mit der Fernbedienung hilfesuchend einen Sender mit Spaßgarantie aufsuchen. Kommen die verfolgten und bedrohten AfghanInnen dann aber nach Österreich versuchen wir uns unserer Hilfsverpflichtung zu entledigen. Insbesondere Rechtspolitiker leisten dabei Hilfestellung, indem sie den Afghanen jede Menge vermeintliche und tatsächliche Verbrechen vorwerfen und den ÖsterreicherInnen – im Falle einer Abschiebung der AfghanInnen – suggerieren, dass wir uns nun vor Kriminalakten nicht mehr zu fürchten brauchen. Nun werden die wenigsten Menschen (insbesondere jene mit afghanischen Wurzeln) einer Bestrafung oder Abschiebung tatsächlich kriminell gewordener Asylwerber aus Afghanistan im Wege stehen. Tatsächlich trifft und traf es aber eben auch Lehrlinge in Ausbildung und gut integrierte Familien, sowie junge Personen die mit viel Einsatz eine Ausbildung als Pflegehelfer absolvieren usw. 

Die Afghanen sind also nunmehr der Sündenbock für viele ungelöste innere Konflikte und lösen damit die Gruppe der Tschetschenen ab, welche jahrelang (weil vormals größte Gruppe von Hilfesuchenden in Österreich) diese Rolle innehatten. Die Menschen vom Hindukusch gefährden also unser Urvertrauen in eine wenigstens halbwegs sichere Welt, weil sie uns mit Nachrichten von Krieg und Grauen konfrontieren, welche in ihrem Land seit mehr als vier Jahrzehnten beinahe ohne Unterbrechung herrschen. Wenn wir also Menschen nach Afghanistan abschieben (nachdem sich PolitikerInnen zuvor die Sicherheit im Herkunftsland herbei fantasiert haben) können wir also weiterhin Vertrauen in eine funktionierende Welt haben. Vielleicht sollten wir aber den Rechtsextremisten Verstehern doch nicht alles glauben, insbesondere dann nicht wenn sie sich willkürlich ihre Feinde erfinden? Haider und Strache haben uns nachweislich nichts Gutes gebracht. Mit Ausnahme der 45.000 Vorzugsstimmenwähler hat auch die Partei der „Fleißigen und Anständigen“ erkannt, das H.C. als Saubermann nicht mehr brauchbar ist. 

Ich bin seit beinahe zwei Jahrzehnten in der Flüchtlingsarbeit tätig und eben solange mit Familien aus Afghanistan am Weg. Mehrmals in der Woche spiele ich gemeinsam mit Afghanen Fußball. Ich lasse mir von moralisch Verwahrlosten rechten Politikern keine Feinde erfinden und halte Abschiebungen nach Afghanistan für einen schweren Verstoß gegen die Menschenrechte. 

Sigi Stupnig, Psychologe 

Klagenfurt.

7 янв. 2020 г.