Das Unglück der Tschetschenen

рубрика: Politik
Siegfrid Stupnik

Der Zerfall der Sowjetunion schwemmte in Tschetschenien 1991 den ultranationalistischen ehemaligen Generalmajor der Luftstreitkräfte des Riesenreiches UdSSR, Dschochar Dudajew, in der nordkaukasischen Republik bis zum Posten des Präsidenten. Trotz vieler kritischer Gegenstimmen (Ruslan Chasbulatow, aber auch Schriftsteller wie Musa Achmadow, Musa Beksultanow) gelang es Dudajew seine Anhänger von der Notwendigkeit der Unabhängigkeit zu überzeugen. Dazu bediente er sich einer – wie bei Rechtspopulisten üblich – gefakten Geschichtsschreibung und einer Opferinszenierung. Die intensive tschetschenische Propaganda ist vielen Nordkaukasiern auch heute noch verinnerlicht. In Moskau beobachtete man die einseitig ausgerufene Unabhängigkeit der Tschetschenen wenn überhaupt dann nur beiläufig. Zu groß waren die internen Schwierigkeiten und Probleme mit denen sich der Präsident Russlands, Boris Jelzin, abzugeben hatte. Bis schließlich im Kreml die glorreiche Idee geboren wurde das alte Feindbild Kaukasier wieder aufzuwärmen und mit einem kleinen siegreichen Krieg im Süden Russlands die Popularität Jelzins wieder in die Höhe schwingen zu lassen. Am 11. Dezember 1994 erfolgte der Angriff einer (unvorbereiteten) russischen Armee, der es aber dennoch gelang die durchaus moderne Nordkaukasusrepublik in die Steinzeit zurück zu bomben. In den folgenden Jahren war die Zivilbevölkerung Tschetscheniens unvorstellbaren Leiden ausgesetzt. Das Vorgehen der russländischen Armee und der späterhin islamisierten Unabhängigkeitskämpfer forderte Opfer in steigender Zahl. Die Kriegsverbrechen der russischen Armee werden noch heute am Internationalen Gerichtshof in Straßburg verhandelt. Nachdem Russland 1996 aus Tschetschenien abgezogen war, tobten sich dort die fundamentalistischen Warlords des Krieges aus und boten alsbald Wladimir Putin Anlass erneut in Tschetschenien einzugreifen. Wieder wurde die tschetschenische Zivilbevölkerung zwischen völlig brutalisierten russischen Söldnern und islamistischen Gotteskriegern aufgerieben.

Nun, ein Vierteljahrhundert später, herrscht in Tschetschenien mit Ramsan Kadyrow ein Kind dieser furchtbaren Kriege, die so mancher als Völkermord zu bezeichnen geneigt war. Kadyrow verfolgt eine pro russische Agenda und ist der Garant für Frieden im Nordkaukasus. Auf der anderen Seite wird er für zahlreiche und schwere Menschenrechtsverletzungen verantwortlich gemacht. Der österreichische Verfassungsschutz meint in ihm den Auftraggeber für den Mord an einem Regimekritiker in Wien gefunden zu haben. Tatsächlich herrscht in Tschetschenien ein permanentes Klima der Angst vor Kadyrow und seinen Leuten. Eine Opposition zu ihm gibt es nicht, Kritik wird schon in Ansätzen unterbunden. Die Unabhängigkeitsbestrebungen der Dudajew Bewegung haben dem Volk letztlich ein hohes Maß an Unfreiheit gezeitigt.

Sigi Stupnig, Psychologe