Gerasdorf: „Zu einhundert Prozent Auftragsmord“

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Khuseyn Ishkanov ist Obmann des Kulturvereins Ichkeria

In der tschetschenischen Gemeinschaft ist man nach der Bluttat in Gerasdorf bei Wien (Bezirk Korneuburg) sicher, dass es sich „zu einhundert

Prozent um einen Auftragsmord gehandelt hat.“ Das sagt der Obmann des Kulturvereins Ichkeria, Khuseyn Ishkanov, im Gespräch mit noe.ORF.at.

Khuseyn Ishkanov ist 64 Jahre alt und lebt mit seiner Familie in Wien. Er ist 2004 geflüchtet und hat politisches Asyl in Österreich bekommen. 1997 bis 2004 war er Politiker in Tschetschenien.

noe.ORF.at: Herr Ishkanov, warum gehen Sie von einem Auftragsmord aus?

Khuseyn Ishkanov: Es ist nicht der erste Fall in Wien und nicht der erste Fall in Europa. Seit den 1990er-Jahren sind in Europa 19 Tschetschenen ermordet worden und ich bekomme immer wieder mit, dass Leute, die gegen Russland sind, Drohungen bekommen.

noe.ORF.at: Warum hat das Opfer, das zuletzt unter dem Namen Martin B. in Wien gelebt hat, erst im April begonnen, kritische Videos zu veröffentlichen?

Ishkanov: Ich denke, das hat mit seinem Auftritt im ukrainischen Fernsehen zu tun. Er hatte geholfen, einen ukrainischen Politiker zu retten. Möglicherweise ist er danach unter Druck gesetzt worden und hat deshalb mit den Videos begonnen. Der Druck muss nicht vom tschetschenischen Machthaber Ramsan Kadyrow selbst ausgegangen sein. Was viele nicht wissen: Kadyrow ist ein „Angestellter“ von Putin.

noe.ORF.at: Wie könnte die Bluttat in Gerasdorf abgelaufen sein?

Ishkanov: Irgendjemand muss dem Täter aus Oberösterreich gesagt haben, wo sich Anzor – wir nennen das Opfer so – aufhält. Welche Rolle der angebliche Bodyguard gespielt hat, weiß ich nicht. Ich denke aber, dass es mehrere Menschen für ein derartiges Verbrechen braucht. Es kann auch sein, dass der Täter nicht alleine war.

noe.ORF.at: Haben Sie Angst um Ihre Sicherheit, um Ihre Familie oder andere Mitglieder der tschetschenischen Community?

Ishkanov: Was ist Angst? Ich habe zuerst als Offizier im Generalstab und dann als Abgeordneter zwei Kriege in Tschetschenien miterlebt, war zwei Mal im Gefängnis und bin 2004 über Weißrussland und Polen nach Österreich geflüchtet. Ich habe Sorge um andere Menschen. Ich bin nicht alleine in Österreich.

noe.ORF.at: Sie haben für morgen, Dienstag, eine Demonstration vor der russischen Botschaft organisiert. Aus welchem Grund?

Ishkanov: Wir wollen gegen diese politischen Morde auftreten. Es ist definitiv so, dass andere Menschen, die auch politisch aktiv sind, in Gefahr sind.