Eine unendliche Geschichte

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Gewalt und Krieg, Unterdrückung und Widerstand prägen die russisch-tschetschenische Geschichte. Zu keiner Zeit akzeptierte das kaukasische Volk die Herrschaft Moskaus.

Der Kaukasus, eine Region vieler Völker, Kulturen und Religionen zwischen dem Schwarzen und Kaspischen Meer, gilt als die Achillesferse Russlands. Als Hauptursache gilt die Kolonialisierungspolitik Moskaus, gegen die sich vor allem die Tschetschenen seit jeher massiv zur Wehr setzen.

Erste Versuche, den Kaukasus unter russische Kontrolle zu bringen, unternahm Zar Iwan IV. der „Schreckliche“. 1559 ließ er in Tarki am Kaspischen Meer eine Festung bauen und stationierte hier später ein Kosakenheer. Bis zur Eroberung des Kaukasus dauerte es aber noch 300 Jahre. Erst die Truppen von Zar Nikolaus I. konnten 1859 den Widerstand der Bergvölker brechen und die ölreiche Region im Kaukasus erobern.

 Selbstständigkeit nur von kurzer Dauer

Anführer dieses Kampfes, an dem sich die Tschetschenen maßgeblich beteiligten, war der Dagestaner Imam Schamil. Auf zeitweilige Erfolge der Kaukasus-Rebellen antworteten die Russen mit einer Strategie der verbrannten Erde und massenhaften Umsiedlungen. Die in den Wirren der russischen Revolution von 1917 gewonnene Selbstständigkeit der Bergvölker war nur von kurzer Dauer.

Die Tschetschenen akzeptierten nie die russische Herrschaft, und im Zweiten Weltkrieg ordnete Josef Stalin (1922-1953) wegen angeblicher Kollaboration mit Deutschland die Deportation von rund einer halben Million Tschetschenen nach Kasachstan an. Viele kamen um, erst nach Stalins Tod wurde ihnen in den 50er Jahren die Rückkehr in die Heimat gestattet.

Schmachvolle Niederlage der russischen Streitkräfte

In den folgenden Jahren entstand wieder die Autonome Sowjetrepublik (ASSR) Tschetschenien-Inguschetien, aus der nach dem Zerfall der Sowjetunion die zu Russland gehörenden Republiken Tschetschenien und Inguschetien hervorgingen. Unter dem nationalistischen Präsidenten Dschochar Dudajew, der 1991 die Unabhängigkeit ausrief und sich zwei Jahre später zum Alleinherrscher ausrief, verschärften sich die Spannungen mit Moskau. Sie entluden sich im Dezember 1994 im ersten Tschetschenienkrieg, der für die russischen Streitkräfte mit einer schmachvollen Niederlage und nach 13 Monaten mit dem Rückzug aus der Kaukasusrepublik endete.

Nach Anschlägen in Moskau und anderen Städten, bei denen mehr als 300 Menschen getötet wurden, sowie Zusammenstößen in Dagestan marschierten russische Truppen 1999 erneut in Tschetschenien ein. Die Kämpfe wurden mit unerbittlicher Härte geführt; das Flüchtlingselend war und ist groß. Diesmal gelang es den 100.000 Mann zählenden russischen Truppen, die Rebellen aus den Städten zu vertreiben; besiegt und ausgeschaltet haben sie sie allerdings nicht.

Spektakuläre Geiselnahmen

Im Frühjahr 2001 brachten zwei spektakuläre Geiselnahmen im Ausland den von der Weltöffentlichkeit immer wieder schnell verdrängten Tschetschenien-Konflikt wieder in den Brennpunkt: Im März wurde in der Türkei ein russisches Flugzeug entführt, im April brachten tschetschenische Rebellen in einem Istanbuler Hotel 120 Gäste in ihre Gewalt. Schon damals mutmaßte der Russlandexperte Christoph Neuberg von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin, dass dies nicht die letzte derartige Aktion gewesen sei. Man könne nur hoffen, dass künftige Geiselnahmen ähnlich glimpflich ablaufen. Sie taten es nicht, wie das Geiseldrama in einem Moskauer Theater 2002 gezeigt hat.

Noch im Juli 2000 hatten die russischen Streitkräfte die Zahl der noch aktiven tschetschenischen Kämpfer auf 1.500 geschätzt. Dennoch fügten sie den russischen Truppen an einem einzigen Sonntag mit mehreren Bombenanschlägen schwere Verluste zu: 54 Menschen, darunter 37 Soldaten, wurden getötet, mehr als hundert verletzt.

Es war ein koordinierter Schlag in den tschetschenischen Städten Argun, Gudermes, Urus-Martan und Nowogrosnenski. „Dies zeigt, dass der tschetschenische Widerstand lebt“, erklärte damals der unabhängige Militärexperte Pawel Felgenhauser.

Menschenrechtsverletzungen und Willkür

Präsident Wladimir Putin schloss von Anfang an kategorisch Verhandlungen mit den Rebellen aus. Eine politische Lösung sei erst möglich, wenn alle Rebellen vernichtet seien, gab er als Devise aus. Bei der Besetzung Tschetscheniens gibt es immer wieder Berichte über Menschenrechtsverletzungen und Willkür; Massengräber werden entdeckt, junge Männer werden von russischen Truppen abgeführt und verschwinden.

In seiner harten Haltung sah er sich nach den Anschlägen vom 11. September bestätigt; US-Präsident George W. Bush erklärte beim Werben für seine Allianz gegen den Terrorismus unverblümt: „Entweder du bist für uns oder für die Terroristen.“

Putin nutzte Weltlage

Putin nutzte die neue Weltlage, um mehr Spielraum für seine Tschetschenienpolitik einzufordern. Bei Auslandsreisen Putins hieß es fortan, der Kampf gegen den Terrorismus habe die Frage nach der Wahrung der Menschenrechte in Tschetschenien in den Hintergrund gedrängt. So hieß es bei einem Besuch Putins im September 2001 in Berlin, es gehe in erster Linie darum, die „Front gegen den Terror möglichst effektiv zu schmieden“.

Bereits im 19. Jahrhundert verließen viele Tschetschenen wegen der Kriegswirren ihr Land. Heute gibt es im Ausland größere Gruppen u.a. in Dagestan, Inguschetien, der Türkei und Kasachstan. Bis heute hat das unbeugsame Bergvolk von jetzt schätzungsweise etwa einer Million Menschen an seiner kulturellen Eigenständigkeit und seinen kriegerischen Traditionen festgehalten. Das seit Jahrhunderten wichtigste Bindeglied im Zusammenleben sind nicht staatliche Institutionen, sondern die Familienclans. Von den „ungläubigen“ Besatzern unterscheidet die Tschetschenen auch ihr strikter moslemischer Glaube, den sie im 16. Jahrhundert unter der Herrschaft der Türken angenommen haben.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sind an der Südflanke Russlands eine Vielzahl von bedrohlichen Konflikten ausgebrochen. Tschetschenien ist nur einer von mehreren Krisenherden im Kaukasus:

Georgien

wird von Russland beschuldigt, dass es auf seinem Gebiet Stützpunkte für tschetschenische und andere Terroristen dulde. Die Stabilität der früheren Sowjetrepublik selbst wird von Abspaltungsversuchen der Provinzen Abchasien und Südossetien bedroht.

Im Süden Russlands verlangen die

Inguschen

von den

Nordosseten

die Rückgabe eines Gebietes, auf dem sie vor der Zwangsdeportierung durch Stalin gegen Ende des Zweiten Weltkriegs gesiedelt hatten.

Armenien und Aserbaidschan

streiten seit langem um das Gebiet von Berg-Karabach, eine christlich-armenische Enklave im moslemischen Aserbaidschan. Bei bewaffneten Auseinandersetzungen bis Mitte der 90er Jahre wurden zehntausende Menschen getötet.

Uwe Käding/DPA