„Kleines Feuer“ bestellt – große Explosion bekommen

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Bild: heute.at

Von Daniel BischofBeim Prozess um angeblichen Brandanschlag auf eine Pizzeria zeigen sich die Angeklagten teilgeständig.

Wien. So hatte Herr K. sich das nicht vorgestellt. Unproblematisch hätte alles verlaufen, Geld hätte er bekommen sollen. Stattdessen saß der 43-Jährige am Donnerstag als Angeklagter vor dem Strafrichter. „Ich fühle mich, als wäre ich von den zwei Türken verarscht worden“, sagte er.

Gemeinsam mit anderen mutmaßlichen Mitgliedern einer tschetschenischen Bande muss sich K. vor einem Schöffensenat (Vorsitz: Claudia Bandion-Ortner) des Wiener Straflandesgerichts verantworten. Die angebliche Bande soll am 13. März 2017 einen Brandanschlag auf eine Pizzeria in Hollabrunn verübt haben – im Auftrag des türkischstämmigen Lokalbetreibers und seines Neffen, so die Anklage. Das Ziel der beiden Männer sei gewesen, durch den vorgetäuschten Brandunfall 190.000 Euro von der „Wiener Städtischen Versicherung“ zu kassieren. Aus formalen Gründen wird der Fall in Wien verhandelt.

K. zeigte sich am Donnerstag teilgeständig. „Das alles bereue ich auch“, sagte er gleich zu Beginn, noch sehr nervös. „Ich habe noch keine Vorstrafen, das ist das erste Mal bei mir. Ich bin etwas aufgeregt“, erzählte er. Wenige Tage vor dem Brand habe er die beiden Männer über Vermittlung eines Friseurs in deren Lokal getroffen. Die Geschäfte würden nicht gut laufen, die Anrainer und Polizei sie nicht besonders mögen, hätten sie ihm erzählt. Er selbst sei verschuldet gewesen. Daher habe er das Angebot angenommen, für 1500 Euro „einen kleinen Brand“ in dem Lokal zu legen, so K.

„Wollten schauen, was passiert“
Mit einem 28-jährigen Tschetschenen ließ er sich von einem weiteren Landsmann zum Lokal chauffieren. Dort seien Benzin und Papiertücher bereit gelegen, sagte K. Es habe aber bereits „komisch“ nach Gas und Benzin gerochen, als er mit seinem Kollegen eingetreten sei. Der Fußboden sei zudem rutschig gewesen. Nach dem Verschütten des Benzins habe man das Lokal verlassen, draußen eine Fensterscheibe eingeschlagen und durch das Loch brennende Papiertücher ins Innere geworfen. „Wir sind nicht gleich weggegangen. Wir wollten schauen, was passiert.“

Es passierte viel. Kein kleiner Brand, eine wuchtige Explosion war die Folge. Die beiden Männer wurden weggeschleudert, der jüngere schwer verletzt. Pkw und Fensterscheiben in der Nähe wurden beschädigt. Das Portal des Gebäudes wurde aus der Verankerung gerissen. Die über der Pizzeria wohnenden Menschen blieben unverletzt. „Es freut mich wirklich, dass außer uns niemand verletzt worden ist“, so K. „Wenn ich gewusst hätte, was da passiert, hätte ich das nicht gemacht.“

Teilgeständig zeigte sich auch der 28-jährige mutmaßliche Komplize. 1000 Euro seien ihm für Aufpasserdienste versprochen worden, gab er an. „Die Türken“ hätten ihm gesagt, man solle nur ein bisschen die Wände schwärzen und Rauch erzeugen. Auch er war über die Wucht der Explosion überrascht: „Ich weiß nicht, welche Bomben die Türken dort gelagert haben.“ „Ist Ihnen bewusst, dass in einem Lokal möglicherweise Gaskartuschen herumliegen?“, fragte Richterin Bandion-Ortner. Mit dem Benzin habe er nichts zu tun gehabt, antwortete der junge Mann.

Schwer verletzt – er hatte zahlreiche Knochenbrüche, offene Wunden und ein Schädel-Hirn-Trauma – schleppte er sich wieder zum Auto. Die drei Männer fuhren nach Wien. Dort ging es aber nicht gleich in ein Spital. Zunächst traf sich die Gruppe auf einer Tankstelle noch mit weiteren Tschetschenen. Erst danach machten sie sich ins AKH auf.

Dort soll der 28-Jährige gesagt haben, dass die Verletzungen entstanden seien, weil er aus einem fahrenden Auto gefallen sei. Das bestritt er vor Gericht nun allerdings. Dass er drei Tage nach dem Vorfall an einem tschetschenischen Grillfest in Wien im Spitalsgewand teilnahm, gab der junge Mann hingegen zu. „Das war eine Geburtstagsfeier“, erklärte er. Der Krankenschwester habe er ja Bescheid gegeben.

„Wir sind verarscht worden“
Befragt wurde am Donnerstag auch der Mann, welcher K. und den 28-Jährigen zur Pizzeria gefahren hatte. Er ist ebenfalls angeklagt. „Ich bin nicht schuldig“, erklärte er. Er sei lediglich ein Taxifahrer für die zwei Männer gewesen, von einem geplanten Brandanschlag habe er nichts gewusst. 500 Euro hätte er für die Fahrt bekommen sollen.

Nachdem die zwei anderen Männer in Hollabrunn ausgestiegen, habe er Musik gehört und in seinem Auto gewartet, schildert er. „20, 30 Minuten nachdem die weggegangen sind, habe ich einen Lärm gehört. Eine Explosion“, sagte er. Blutüberströmt seien die beiden zurückgekommen. „Ich fragte: Was ist passiert?“ „Wir sind verarscht worden. So sollte es nicht passieren“, habe man ihm gesagt. „Warum haben Sie nicht die Rettung angerufen?“, fragte Bandion-Ortner. „Keine Ahnung. Ich kenne die Nummer nicht.“ – „Na geh. Die kennt doch jeder“, entgegnete die Richterin.

Jedenfalls sei die Gruppe weiter nach Wien gefahren, schilderte der Angeklagte. Bei bei einer Tankstelle im 20. Bezirk habe man einige Tschetschenen getroffen. „Warum sind Sie nicht gleich ins AKH gefahren?“, erkundigte sich Bandion-Ortner. „Naja, das ist so ein Versammlungsort für Tschetschenen.“ – „Um drei Uhr in der Nacht bei einer Tankstelle?“ – „Ja. Jeder verbringt seine Zeit, so wie er will.“ – „Was sagt Ihre Frau dazu?“ – „Der gebe ich Bescheid, dass ich zu tun habe.“ – „Na, das ist fein.“

Vor der Polizei hatte der Fahrer noch angegeben, von der geplanten Brandstiftung gewusst zu haben. An diese Aussage könne er sich nicht erinnern, es sei ihm damals nicht gut gegangen, sagte der Angeklagte nun: „Ich hatte Rückenschmerzen.“ Belastet wurde er am Donnerstag allerdings von dem 43-Jährigen und 28-Jährigen, die angeben, dass er sehr wohl in die Pläne eingeweiht gewesen sei.

„Ich konnte ihn nicht stoppen“
Der Betreiber der Pizzeria – im Unterschied zu den Tschetschenen sitzt der 40-Jährige nicht in U-Haft – räumte ein, vom Brandanschlag auf sein Lokal gewusst zu haben. Der Plan dazu sei aber von seinem Neffen gekommen: „Ich konnte ihn nicht stoppen“. Der Gastwirt behauptete, sein 33 Jahre alter Verwandter wäre sein Geschäftspartner und daher mitspracheberechtigt gewesen: „Die Hälfte der Investitionen hat er getätigt.“

Weil die Pizzeria sehr schlecht ging, sei der Neffe auf die Idee gekommen, ein „kleines Feuer“ legen zu lassen, um anschließend die Versicherungssumme kassieren zu können: „Wie er mir im Vorfeld darüber berichtet hat, war ich dagegen. Aber ich habe es nicht verhindern können.“ Er habe sich am Ende gesagt, „er soll tun, was er für richtig hält“.

Der Neffe hätte über einen Friseur einen Tschetschenen gefunden, der alles in die Hand nahm: „Wir haben keine Vorbereitungshandlungen machen müssen. Wir haben uns nicht eingemischt.“ Der Tschetschene und seine Helfer hätten versichert, „dass sie professionell tätig werden. Wir sind davon ausgegangen, dass es ein kleiner Brand wird. An eine große Explosion hat niemand gedacht“.

„Uns geht es gut“
„Der Onkel lügt“, meinte im Anschluss der 33-Jährige. Dieser hätte ihn am 8. März nach Hollabrunn bestellt und ihm erklärt, er habe „ein kleines Feuer“ in Auftrag gegeben. „Warum ausgerechnet bei Tschetschenen?“, fragte die Richterin. „Weil man hört, dass die alles machen“, lautete die Antwort. Er hätte gar kein Motiv gehabt, sich auf einen Versicherungsbetrug einzulassen: „Ich hab‘ einen Bausparer gehabt.“ Zudem betreibt er gemeinsam mit seiner Frau einen Handy-Shop: „Uns geht es gut.“

Auf die Frage, warum er mit seinem Wissen um den bevorstehenden Brandanschlag nicht zur Polizei gegangen sei, antwortete der Angeklagte, er habe seinen Onkel „nicht reinreiten“ wollen. Dass das Lokal in die Luft flog, „war ein Schock für mich. Das war nicht mehr lustig.“

Die Verhandlung wird am Freitag fortgesetzt. Das Verfahren ist vorerst bis zum 19. April anberaumt.

 

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