Michael Häupl: „Moschee-Schulen auch zusperren“

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Rückflug von Peking: Bürgermeister Michael Häupl beim Interview mit „Heute“-Redakteur Peter Lattinger (Bild: heute.at)

Bürgermeister Häupl über den Kindersoldaten-Skandal in einer Wiener Moschee, Zuwanderung und seine 8.600 Tage dauernde Amtszeit als Stadtchef.

Auf dem Rückflug von Peking, wo er seinen Amtskollegen traf, gab Bürgermeister Michael Häupl „Heute“ ein Interview – ein Monat vor seinem Rückzug aus der Politik spricht der Stadtchef über seine größten Erfolge, seine bittersten Niederlagen und seine lockeren Sprüche.

„Heute“: Was denken Sie, wenn Sie Kindersoldaten in einer Wiener Moschee sehen?
Häupl: Katastrophal. Wenn diese Vorwürfe stimmen, müssen wir eine solche Moschee-Schule auch zusperren können. Auch wenn es die größte ATIB-Schule ist. Das geht so nicht, das ist nicht zu dulden und das ist undiskutierbar.

„Bei Integration nicht alles richtig gemacht“

„Heute“: Zuwanderung und Integration haben Sie in Ihrer gesamten Amtszeit begleitet. Haben Sie alles richtig gemacht?
Häupl: Ja und Nein. Was wir gut gemacht haben, war Integration im engeren Sinn. Da haben wir wahnsinnig viel übernommen, was der Bund versäumt hat. Der größte Fehler war, dass wir zu wenig geredet haben. Außer 2015, wo das im Wahlkampf total polarisiert hat. Wir haben zu wenig deutlich gemacht: Da geht es nicht um Gutmenschen oder Schlechtmenschen, sondern dass man Leuten, die da sind, hilft. Wir hätten das offensiver angehen müssen.

„Heute“: Empfinden Sie angesichts Ihres Abschiedes Wehmut?
Häupl: Ich habe mir die Entscheidung lange überlegt. Es hat mich niemand gezwungen, aus dem Amt zu scheiden. Es ist kaum Wehmut dabei, aber ein bisschen regt sich schon was, wenn man 30 Jahre in der Stadtregierung und 24 Jahre Bürgermeister war. Aber ich habe mich auf das Nachher gut vorbereitet. Es ist schon o.k.

„Heute“: Wie werden Historiker Ihre Ära sehen?
Häupl: Es gibt ein paar Eckpfeiler. Etwa: Das war der Bürgermeister, der Wien in die EU geführt hat. Wahrscheinlich werden sie auch sagen: Das ist der Bürgermeister, der 2015 fast eine Million Flüchtlinge durch Wien geschleust hat. Worauf ich am meisten stolz bin: Wien ist eine Stadt der Kultur, aber soll auch eine Weltstadt des Wissens werden. Hier haben wir viel weitergebracht. Da reden wir über die Arbeitsplätze unserer Kinder und Enkel.

Bittere private Momente

„Heute“: Ihre Amtszeit dauert 8.600 Tage. Was war der schönste, was der schwärzeste Tag?
Häupl: Ein sehr schöner Tag war zweifellos der Beitritt Österreichs zur EU. Politisch ein bitterer Moment war meine erste Wahl 1996, wo wir unter 40 Prozent gefallen sind. Danach haben wir noch zwei Mal die absolute Mehrheit gewonnen, das war der Ausgleich. Aber die wirklich bitteren Momente waren, das muss ich ehrlich sagen, im persönlichen, privaten Bereich angesiedelt, wie zum Beispiel der Tod meines Freundes Andi Honay. Das war entsetzlich, bis heute ist das furchtbar.

„Heute“: Sie sind bekannt für Ihre lockeren Sprüche, von den „mieselsüchtigen Koffern“ bis zu den „Lehrern, die nur bis Dienstag mittag arbeiten“. Haben Sie die flapsigen Sager manchesmal bereut?
Häupl: Die meisten waren schon lustig, aber nicht auf alle bin ich stolz, das muss man schon sagen. Auf die mieselsüchtigen Koffer bin ich nicht rasend stolz. Aber es hat mich Gott sei Dank eh nie jemand danach gefragt, wen ich damit gemeint habe.

„Heute“: Sie könnten dieses Geheimnis jetzt lüften.
Häupl: Nein, nein, jetzt schon gar nicht. Und der Lehrersager war primär bezogen auf den Vergleich meiner Arbeitszeit mit der Argumentation der konservativen Lehrergewerkschaft. Dass man bei 20 Stunden, die die älteren Lehrer noch haben, sagt, das darf nicht mehr werden und sogar die Formulierung wählt, wenn das passiert, dann gibt es Krieg: Dann frage ich mich schon, wer da eigentlich kritisiert werden muss. Mein flapsiger Sager oder Leute, die sagen, es gibt Krieg, wenn man über mehr Arbeitszeit diskutiert. Zu dem stehe ich absolut.

„Heute“: Wie wird Ihr erster Tag in Pension aussehen?
Häupl: Das weiß ich noch nicht, das wird ein merkwürdiges Gefühl sein. Am ersten Tag findet eine Landtagssitzung statt, und ich bin nicht dabei.

„Heute“: Sie könnten sich auf den Balkon im Sitzungssaal setzen und zuschauen.
Häupl: Sicher nicht. Was ich da mache, weiß ich noch nicht, aber ein komisches Gefühl ist das sicher.

„Heute: Was wird Ihnen am meisten fehlen?
Häupl: Naja, der volle Terminkalender nicht. Bürgermeister von Wien zu sein ist schon etwas, wo man etwas machen kann. Nicht nur wegen der sehr bürgermeister-zentrierten Verfassung, sondern man kann wirklich etwas machen. Mit Macht kann ich schon umgehen, aber sinnvoll: Wenn eine Frau mit zwei Kindern kommt, die Alleinerzieherin und Regaleinschlichterin ist und mit ihrem Geld nicht auskommt, und sagt: Bitte helfen Sie mir, natürlich kann man da helfen. Etwa über die bedarfsorientierte Mindestsicherung, wo ja 85 Prozent so genannte Bezuschusste sind, die entweder eine Pension oder ein Einkommen haben, von dem sie nicht leben können. Da kann man helfen, bescheiden, aber immerhin, viele andere politische Funktionsträger können das nicht. Das wird mir ein bisschen abgehen, aber solche Fälle werden auch in Zukunft gelöst werden.

„Werde sicher nicht Balkon-Muppet schließen“

„Heute“: Gibt es etwas, das Sie Ihrem Nachfolger auf den Weg mitgeben?
Häupl: Nein, er kriegt von mir jede Hilfe, die er braucht, aber nur die Hilfe, die er wünscht. Was ich sicher nicht machen werde, ist den Balkon-Muppet zu spielen.

„Heute“: Die Nachfolgefrage hat Ihre Partei gespalten. In welchem Zustand übergeben Sie sie?
Häupl: Sie war vor dem Parteitag gespaltener, weil relativ viel Emotionen drin waren. Es hat ein eindeutiges Ergebnis gegeben. Wenn man nicht Selbstmord begehen will wie die Grüne, dann ist Michael Ludwig jetzt der Chef – und aus. So sehen das 90 Prozent.

„Man weiß schon, wo der Gegner sitzt“

„Heute“: Sind Sie zuversichtlich, dass sie bis 2020 geeint ist?
Häupl: Das ist sie weitestgehend jetzt schon, bis dahin sicher. Wir haben eine schwarzblaue Regierung: Man weiß schon, wo der Gegner sitzt. Nicht bei den eigenen Leuten.

„Heute“: Ist die SPÖ im Bund gut aufgestellt?
Häupl: Es wird immer besser. Christian Kern, der eigentlich ein geborener Bundeskanzler ist, muss in die Rolle des Oppositionsführers hineinwachsen.

„Heute“: Kern kann das?
Häupl: Ja, ich hätte aber nicht jeden seiner Vergleiche gewählt.

„Heute“: Sie meinen den Dollfuß-Vergleich in der AUVA-Diskussion.
Häupl: Es war immerhin eine Diktatur, die ein KZ errichtet hat. Soweit sind wir ja wirklich nicht.

 

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