Leichenschauhaus Tschetschenien

рубрика: Zeitreise

Tausende Menschen sind in Tschetschenen seit Wladimir Putins Machtübernahme 2000 verschwunden

  • Alltäglicher Terror gegen Zivilisten.
  • Rebellen-Angehörige als Druckmittel.
  • Wien. Am 20. März fielen über der kleinen Kauskausrepublik Tschetschenien ein paar Leichen vom Himmel. Russische Uniformierte warfen die in Säcke gestopfte Todesfracht über einem Waldstück ab, dann drehte der Militärhubschrauber wieder ab. Als Bewohner des nahe liegenden Dorfes Samaschki, die das makabre Schauspiel beobachtet hatten, zur Abwurfstelle eilten, bestätigte sich ihre Befürchtung: Es waren Männerleichen – oder was von ihnen übrig war. Die meisten Opfer waren durch Folter so zugerichtet, dass sie nur mithilfe von Zahnabdrücken oder Kleidungsstücken identifiziert werden konnten.

Unter den Weggeworfenen befanden sich auch die sterblichen Überreste von Ruslan Eliew. Der dreifache Familienvater und Menschenrechtsaktivist war aus Tschetschenien geflüchtet und hatte in Aserbaidschan um Asyl angesucht. Im November des Vorjahres wurde er offenbar auf Druck Moskaus in Baku von Sicherheitskräften festgenommen und den russischen Behörden überstellt. Seit damals fehlte von ihm jede Spur. Bis zu jenem Märztag, an dem er in seiner Heimat, die Putin so gerne für befriedet erklärt, leblos aus den Wolken fiel.

Verwest war Ruslan Eliews Leiche nicht – in einem der 22 Konzentrationslager in Tschetschenien war er offensichtlich vier lange Monate lang misshandelt worden. Es war ein barbarischer Staatsmord auf Raten, einer von tausenden in Tschetschenien. Ruslan Eliew waren bei lebendigem Leib beide Augen ausgestochen worden. Seine Finger- und Fußnägel hatte man ihm herausgezogen, seine Ohren abgeschnitten, die Zähne herausgeschlagen. Sein ganzer Körper war mit schweren Brandwunden übersät.

Bürgerjagd

Mit der Notwendigkeit der „Informationsbeschaffung zur Terrorbekämpfung“ rechtfertigt Präsident Wladimir Putin diese Methoden. Und lässt die Verantwortlichen unbehelligt gewähren: Die Armee, den Inlandsgeheimdienst FSB, den Militärgeheimdienst GRU, die Sondertruppen des Innenministeriums und auch die pro-russischen Milizen von Ramsan Kadyrow. Eine dieser Stützen Putinscher „Befriedungspolitik“ hat auch Ruslan Eliew auf dem Gewissen. Und nicht nur ihn. Tausende Tschetschenen – Männer, Frauen und Jugendliche – sind seit Putins Machtergreifung in den Kellerverliesen der Staatssicherheitsdienste spurlos verschwunden. Vorwiegend Zivilisten.

Eine genaue Zahl ist angesichts der Tatsache, dass Menschenrechtsgruppen und Journalisten kaum noch Zutritt zur Krisenregion erhalten, schwer zu eruieren. Die russische Menschenrechtsorganisation Memorial spricht von 3000 bis 5000 Verschwundenen seit dem Jahr 2000, die „Organisation der Gefangenen von Filtrations- und Konzentrationslagern“ in Tschetschenien, OUKFL, sogar von 13.800 dokumentierten Fällen.

Sippenhaftung

Ihre Opfer holen sich die föderalen Ordnungshüter zumeist bei den Säuberungsaktionen: Ein ganzes Dorf oder Stadtviertel wird hermetisch abgeriegelt, dann ziehen die Bewaffneten – fast immer maskiert und mit Autos ohne Nummerntafel unterwegs – von Haus zu Haus, führen Personen ab und bringen sie an einen unbekannten Ort – oder erschießen sie gleich vor den Augen der Familie. Die Durchführung dieser Terroraktionen erfolgt meist in Kooperative: Russische Einheiten und „Kadyrowtsi“, pro-russische Milizen unter dem Kommando Kadyrows, gehen gemeinsam auf Bürgerjagd.

Die Gründe für die (ungesetzlichen) willkürlichen Festnahmen in KGB-Manier sind vielfältig. Einer ist die neue Sippenhaftung. Im Mai 2005 tauchten schwarz Uniformierte im Haus der Eltern von Doku Umarow auf und nahmen alle Familienmitglieder mit – den 72-jährigen Vater Khamad, den Sohn, der damals gerade ein halbes Jahr alt war und die Ehefrau des Rebellenführers. Später wurden auch die Schwester und der Bruder von Maskierten abgeholt. Die beiden sind bis heute unauffindbar, den Rebellen zufolge werden sie von Kadyrow in Tsentoroi festgehalten.

Jede Spur fehlte bis vor kurzem auch von Khamad. Vor einem Monat fand man seine verscharrte Leiche. Auch sie schrecklich zugerichtet.

Doku Umarow, der Nachfolger des im März 2005 ermordeten letzten frei gewählten tschetschenischen Präsidenten Aslan Maschadow, und andere Rebellen, deren Angehörige als verschollen gelten, sollen mit dieser Taktik zermürbt werden. Bisher hat Putins Methode der „Anti-Terror-Bekämpfung“ kaum gefruchtet. Die Zahl der Kämpfer, die sich ergaben, ist marginal geblieben. Ebenso die Zahl derer, die sich Kadyrow anschlossen. Frieden funktioniert anders.

Von Ines Scholz

vom 22.05.2007

https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/archiv