Der Wahnsinn der Geschlechtertrennung

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In Tschetschenien ist die massive Ungleichbehandlung, ja Unterdrückung der Frauen Teil der Regierungspolitik. Auch wenn Ramsan Kadyrow behauptet, eine muslimisch geprägte Republik zu führen, die sich nach den Regel des traditionellen tschetschenischen Adat richte und an der russischen Verfassung orientiere, ist es doch seine eigene zutiefst chauvinistische und frauenfeindliche Politik, die den Alltag der Frauen in Tschetschenien bestimmt.

Die in der russischen Verfassung garantierte Gleichheit von Mann und Frau ist in Tschetschenien ausgehebelt. Die Unterdrückung der Frau ist elementarer Bestandteil der Regierungspolitik von Ramsan Kadyrow geworden. Für Diskriminierung und Unterdrückung von Frauen herrscht völlige Straflosigkeit – selbst wenn sie Opfer von Verbrechen werden.

Diese massive Einmischung Kadyrows in Familienangelegenheiten der Zivilbevölkerung widerspricht auch den Traditionen in Tschetschenien selbst. Erzwungene Eheschließungen sind ein weiterer Schritt – nach der Einführung einer Kleiderordnung für Frauen 2010/2011 (Kopftuch, lange Röcke), dem Verbot, Bärte, bzw. lange Bärte zu tragen für Männer etc. – hin zu einer massiven Kontrolle auch des Privatbereichs.

Tschetschenische Mädchen nach der Schule vor der Achmad Kadyrow Moschee – das „Herz Tschetscheniens“ ist angeblich die größte Mosche Europas, obwohl die „Die Große Moschee in Machatschkala“ in der Nachbarsrepublik Dagestan 6.000 Gläubigen mehr Platz bietet. Anfang 2012 würde durch die Regierung ein neues Gesetz eingeführt, das alle Mädchen, ungeachtet ihrer Religion, dazu auffordert, ein Kopftuch zu tragen, bevor sie öffentliche Schulen und Regierungsgebäude betreten.

Eine Gruppe von tschetschenischen Männern steht am anderen Ende des Raumes auf einer Party in Grosny den Frauen gegenüber. Die geschlechtsspezifische Segregation wird in Tschetschenien durch Erlass von Ramsan Kadyrow strikt durchgesetzt.

Eine Gruppe tschetschenischer Frauen steht am anderen Ende des Raumes, das Ergebnis der strengen Durchsetzung der Geschlechtertrennung durch von Ramsan Kadyrow.

Ein Pärchen muss für ein Date sich in der Öffentlichkeit treffen und im Abstand voneinander sitzen. Jeder körperliche Kontakt ist vor der Ehe verboten.

Das leere Schlafzimmer, das Elina Aleroyeva, 25, einst mit ihrem Mann geteilt hatte. Am 9. Mai 2011 wurde er an seinem Arbeitsplatz von Sicherheitskräften entführt und beschuldigt, ein Militanter zu sein. Das Verschwindenlassen von missliebigen Personen war ein Merkmal, der beiden tschetschenischen Kriegen und findet trotz Ende der Kämpfe im Land weiterhin statt.

Seda Makhagieva (15) umhüllt ihren Kopf mit einem pastellfarbenen Tuch. Sie kämpfte darum, den Hijab zu tragen – ein scharfer Bruch mit den Traditionen ihrer Familie.

Tschetschenische Mädchen machen sich auf den Weg zur Moschee. Bilder ©

„Achtung Frauen!“ Ich kann mich erinnern, wie dieser Satz vor ungefähr 13 Jahren auf einem Schild einer Leipziger Moschee zu lesen war. So lustig dieser Satz auch klingen mag, so spiegelt er in der Wirklichkeit ein ernstes Problem wider, unter welchem viele Muslime heute leiden. Die Isolation der Frau in einem Raum in der Moschee und zwar in einer Gesellschaft, wo die Männer und Frauen im Alltag miteinander interagieren, ist eine Haltung, die schizophrene Züge aufweist. Oft sind diese sogenannten Gebetsräume für Frauen kleinere Räume, schlecht ausgestattet und total von dem Hauptgebetsraum isoliert. Die abgesonderten Frauen kriegen was der Imam erzählt nur durch Lautsprecher mit, die oft nicht der Hi-End Technologie entsprechen, so dass man manchmal das Gefühl bekommt, der Imam würde aus einer Weltallmission predigen!

Schlimmer ist aber, wenn ich eine Generation von jungen Männern und Frauen sehe, die diese Isolation als ein Zeichen der Frömmigkeit verstehen und meinen, dass diese künstliche Trennung zu den Selbstverständlichkeiten „des Islams“ gehöre. Oft habe ich die Erfahrung gemacht, dass junge Männer mich allen ernstes fragen, ob im Unterricht in der Moschee die Frauen und Männer in einem gemeinsamen Raum sitzen würden. Und ich habe nicht selten mitgekriegt, dass einige Männer und Frauen nicht (mehr) zum Unterricht kommen wollten, weil eben Männer und Frauen in einem Raum saßen, was nach ihrer Meinung eine Art Sünde wäre.

Das schizophrene an dieser Geschichte ist, dass es in der Schule, auf der Arbeit, an der Uni, in der Ausbildung, in einem Wartezimmer, im Zug oder Bus keine Trennung gibt und man kommt damit klar und es finden auch keine Orgien auf der Straße oder auf der Arbeit statt nur weil Mann und Frau in einem Raum arbeiten. Wenn man sich in einem Bus oder in anderen öffentlichen Räumen „beherrschen“ kann, dann warum dann nicht in der Moschee?

Die Absonderung der Frauen, ich würde es Verdammung der Frauen in separate Räume nennen, ist an sich eine sehr moderne Entwicklung. Schaut man sich die alten Moscheen an, dann stellt man überraschenderweise fest, dass es keine Räume für Frauen gab. Es gab auch keine Wände, die einen Bereich der Frauen von einem der Männer trennte. Die Frauen haben normalerweise entweder hinten oder an den Seiten gebetet und während der Unterrichte im gleichen Raum gesessen. So eine Art Frauenclub innerhalb der Moschee gab es nicht. Das beste Beispiel sind hier z.B. die Moscheen von Mekka und Jerusalem.

Ich bin mir fast sicher, dass viele Muslime heute, wenn sie erfahren würden, wie die Muslime und Musliminnen in der Zeit des Propheten ﷺ miteinander umgingen, geschockt wären. Das wäre für manche zu viel und es würde mich nicht wundern, wenn sie den damaligen Umgang miteinander als nicht fromm genug abstempeln würden. Wir lesen z.B. in Sahih al-Bukhari, dass Abdallah b. Umar – der Prophetengefährte – folgendes überlieferte: „Die Männer und Frauen haben in der Zeit des Gesandten Gottesﷺ zusammen die rituelle Waschung (Wudu’) vollzogen.“ In einer Version dieser Überlieferung fügte ein Überlieferer hinzu „aus dem gleichen Gefäß“ und in einer anderen Version steht: „In der Zeit des Gesandten Gottes ﷺ vollzogen wir die rituelle Waschung mit den Frauen aus dem gleichen Gefäß und wir tauchten (beide) unsere Hände darin ein.“ Klar entsprechen diese Überlieferungen nicht den verkehrten Vorstellungen, die viele heute von der prophetischen Zeit haben. Man darf jedoch nie vergessen, dass die Handlung, die der Prophet ﷺ selbst bestätigte der Maßstab ist und nicht die Bräuche und Traditionen, die diesen Handlungen widersprechen.

In Sunan an-Nasa’i lesen wir, dass Asmaa, die Tochter Abu Bakrs, einmal in der Moschee saß und sie den Propheten ﷺ akustisch nicht richtig gehört hat; so fragte sie einen Mann, der neben ihr saß. Ja, man lese und staune: Neben ihr saß!

Es ist allgemein bekannt, dass es in der Zeit des Propheten ﷺ keine Trennung zwischen Männern und Frauen gab. Ja, die Frauen saßen hinten und die Männer vorne, aber auch diese Regel war nicht bindend.

Heutzutage hören wir ein Scheinargument, welches besagt, dass damals die Prophetengefährten nicht wie wir waren. Heute sind die Menschen „verdorben“ geworden und es ist deswegen besser, wenn die Geschlechter getrennt werden. Dieses Argument zeigt die Unkenntnis über die Zeiten früher. Es zeigt, wie romantisch das Bild von der Vergangenheit gezeichnet wird. Denn in der Zeit des Propheten ﷺ waren nicht alle Menschen Engel und sündenfrei. Ja es gab genauso wie heute Männer, die Frauen voyeuristisch angeguckt haben und das sogar in der Prophetenmoschee und während des Gebetes, wie wir es in einer Überlieferung, die u.a. in Sunan at-Tirmidhi steht, nachlesen können. In der gleichen Überlieferung steht, dass eine sehr schöne Frau in den ersten Reihen hinter dem Propheten ﷺ gebetet hat. Und weder hat der Prophet ﷺ seine Moschee mit einer Wand getrennt noch hat er die Frauen in einen Extraraum „verdammt“, wie es heute der Fall ist.

Wir lesen auch in den Biographien von hunderten weiblichen Gelehrten, dass sie in der Moschee ihre Sitzungen veranstaltet haben. In den meisten Fällen waren die Zuhörer Männer. Es gab auch den Brauch, dass man diese weiblichen Gelehrten zuhause besuchte und bei ihnen Unterricht nahm.
Dass Männer und Frauen in einem Raum zusammensitzen und voneinander lernen können, heißt nicht, dass die Etikette des Umgangs zwischen den Geschlechtern außer Acht gelassen wird. Aber weder das exzessive Verklemmtsein noch der Libertarismus entsprechen der Sunna.

Es ist einfach nicht in Ordnung, dass die Frauen die Unterrichte und Predigten des Imams in einem anderen Raum hören. So nimmt man ihnen die Möglichkeit weg, Fragen zu stellen und sich an der Diskussion zu beteiligen, eine Möglichkeit, die z.B. die Gefährtinnen und die Frauen in der Vergangenheit hatten. Des weiteren sitzen in den Frauenräumen in den Moscheen Mütter mit ihren Babies und Kindern, die die Konzentration stören können. Es entspricht der Sunna nicht, Frauen, die Interesse haben, die Worte des Imams direkt zu hören, in einen Raum zu schicken, wo sie nur die Hälfte des Gesagten mitkriegen. Aber das Problem liegt auch manchmal bei diesen Imamen und in den Köpfen vieler Männern…und Frauen.

Ali Ghandour