{"id":10379,"date":"2019-05-13T13:53:08","date_gmt":"2019-05-13T11:53:08","guid":{"rendered":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=10379"},"modified":"2020-01-24T07:55:10","modified_gmt":"2020-01-24T05:55:10","slug":"ich-fuehle-mich-deutschland-verpflichtet","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=10379&lang=de","title":{"rendered":"\u00bbIch f\u00fchle mich Deutschland verpflichtet\u00ab"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-10381\" src=\"http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/apti-300x169.jpg\" alt=\"\" width=\"902\" height=\"508\" srcset=\"http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/apti-300x169.jpg 300w, http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/apti-480x270.jpg 480w, http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/apti.jpg 635w\" sizes=\"auto, (max-width: 902px) 100vw, 902px\" \/><\/p>\n<p>Weil er f\u00fcrchtete, erneut verhaftet und gefoltert zu werden, floh Apti Bisultanow aus Tschetschenien. \u00dcber Deutschland sagt der Schriftsteller: &#8222;F\u00fcr mich ist es das beste Land, das man gegenw\u00e4rtig finden kann.&#8220;<\/p>\n<p>Apti Bisultanow ist einer der wichtigsten Autoren aus Tschetschenien. Der 55-J\u00e4hrige unterst\u00fctzte den Unabh\u00e4ngigkeitskampf der russischen Teilrepublik gegen Moskau, der zu einem Krieg von 1994 bis 1996 und noch einmal von 1999 bis 2005 eskalierte. Kurz vor Kriegsende verlie\u00df er die Heimat, voller Sorge, wegen seiner schweren Verletzungen den Besatzern nicht mehr genug entgegensetzen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&#8222;Ich hatte Angst, in diesem Zustand geschnappt und nochmal gefoltert zu werden. Ich habe schon einmal Folter erlebt. Im ersten Tschetschenienkrieg hat man mir alle Z\u00e4hne ausgeschlagen. In solch einer Situation wird der Mensch zu etwas getrieben, was er bereut, und das wollte ich nicht. Ich wollte nicht zum Verr\u00e4ter werden.&#8220;<\/p>\n<p>Der Dichter lebt seit 2003 in Berlin, wo er die ersten Verse in der Fremde schrieb. Wenn der tschetschenische Poet lesen m\u00f6chte, braucht er eine gro\u00dfe Lupe. W\u00e4hrend der Bombardements im ersten Tschetschenienkrieg wurde er fast blind. Er vermutet, dass Giftgas im Einsatz war. Die K\u00e4mpfe und Verwundungen lassen den 55-J\u00e4hrigen gut zehn Jahre \u00e4lter aussehen. Vor allem, wenn ihn die Vergangenheit aus dem Gleichgewicht wirft, er nur noch Schwarz sieht. Apti Bisultanow, der die deutsche Sprache eigentlich gut gelernt hat, vergisst in diesen dunklen Momente dann fast alles.<\/p>\n<p>&#8222;Ich schreibe Gedichte und ich schreibe Essays. Ich m\u00f6chte in einer reichen Sprache sprechen, wie ein Poet, ein intelligenter Mensch, die Deutschen sollen mich nicht in einer schrecklichen, reduzierten Sprache h\u00f6ren. Ich spreche kein Hochdeutsch.&#8220;<\/p>\n<p>Die aktuellen Bilder der vielen Fl\u00fcchtlinge vermengen sich in seinem Kopf mit den Kolonnen, die durch Tschetschenien zogen. Eine Freundin von ihm hatte damals seine Gedichtsammlung in ihrem Fluchtgep\u00e4ck. Den kleinen Band hat eine Kugel zerfetzt, vorsichtig streicht er \u00fcber die besch\u00e4digte Ecke.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-10380\" src=\"http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/16f825276058a5d48034ca6464d36ea2v1_abs_635x357_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2-300x169.jpg\" alt=\"\" width=\"835\" height=\"470\" srcset=\"http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/16f825276058a5d48034ca6464d36ea2v1_abs_635x357_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2-300x169.jpg 300w, http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/16f825276058a5d48034ca6464d36ea2v1_abs_635x357_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2-480x270.jpg 480w, http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/16f825276058a5d48034ca6464d36ea2v1_abs_635x357_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.jpg 635w\" sizes=\"auto, (max-width: 835px) 100vw, 835px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Eine Katastrophe f\u00fcr beide Seiten<\/p>\n<p>\u00bbDiese Katastrophe jetzt ist unvorstellbar. Eine Katastrophe f\u00fcr beide Seiten. F\u00fcr die Fl\u00fcchtlinge und f\u00fcr die europ\u00e4ischen L\u00e4nder. Ich muss bei den Bildern sehr vorsichtig sein. Mein Arzt sagte mir, dass ich sie m\u00f6glichst nicht ansehen sollte, weil ich davon krank werde, sehr auf sie reagiere.\u00ab<\/p>\n<p>Vor zwei Jahren beschloss der tschetschenische Schriftsteller, in Deutschland zu bleiben. Die meisten Menschen, die ihm nahestanden, seien inzwischen tot. Seine Kinder bef\u00e4nden sich in Berlin, seine Zukunft sei hier. Apti Bisultanow empfindet f\u00fcr sein Gastland, das er sich nicht ausgesucht hat, Dankbarkeit. Er habe mit Deutschland einen Vertrag geschlossen, nicht schriftlich, ohne Zeugen, aber nicht weniger g\u00fcltig.<\/p>\n<p>&#8222;Ich f\u00fchle mich Deutschland verpflichtet. F\u00fcr mich ist es das beste Land, das man gegenw\u00e4rtig finden kann. Ich als Moslem habe mir geschworen, diesem Land nie etwas B\u00f6ses anzutun, mich an etwas zu beteiligen, das diesem Land schaden k\u00f6nnte.&#8220;<\/p>\n<p>Tod und Alter sind die Themen, die ihn nicht loslassen. F\u00fcr den tschetschenischen Schriftsteller haben sie viel mit seiner Heimat zu tun, ein Begriff, den er f\u00fcr sich ganz neu definiert. &#8222;Ich verstehe Heimat eher als eine Art Pflicht&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;F\u00fcr mich sind das nicht Steine, Fl\u00fcsse, B\u00fcsche oder W\u00e4lder, Landschaften. Unter Heimat verstehe ich vielmehr eine Idee. Das Schicksal des Volkes, in das ich hineingeboren wurde. Die Geschichte, der Kampf meines Volkes, das ist meine Heimat. Ich verstehe Heimat eher als eine Art Pflicht. Alles andere ist Gewohnheit wie bei einem Tier, das zu der immer gleichen Wasserstelle geht. Weil es sie kennt und gewohnt ist, selbst wenn es ein St\u00fcck weiter andere Wasserstellen finden k\u00f6nnte.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">F\u00fchlen Sie sich inzwischen in Deutschland zuhause?<\/p>\n<p>&#8222;Nat\u00fcrlich. Deutschland ist meine Heimat, jetzt. Mein Land, meine Leute, mein Leben. Dieses Land gab mir, was mir kein anderes Land gab. Es hat mir ein Dach \u00fcber den Kopf gegeben, es hat mich gesch\u00fctzt, hier habe ich die Menschen, die ich liebe. Was f\u00fcr mich in Berlin am sch\u00f6nsten ist, ist der Himmel in der Nacht, weil das der sch\u00f6nste Himmel der Welt ist.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Wie lange hat es gedauert anzukommen?<\/p>\n<p>&#8222;Ich lebte lange hier, als w\u00e4re ich nur auf Zeit hier. Aber eines Tages verstand ich: Das wird f\u00fcr immer sein. Das war vor ein, zwei Jahren. Ich fand eine neue Wohnung, ich wusste, hier bleibe ich.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Hat die neue Heimat Sie ver\u00e4ndert?<\/p>\n<p>&#8222;Ich habe mich ver\u00e4ndert. Ich bin gut geworden. Alle meine Aggression ist weg. Das ist, weil ich frei bin. Im Gef\u00e4ngnis sind alle aggressiv, unsere Heimat war ein Gef\u00e4ngnis. Jetzt kann ich sogar den Nachbarn anl\u00e4cheln.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Was ist Ihr Lieblingsort? Wo ist er?<\/p>\n<p>&#8222;Das ist S-Bahnhof Bornholmer Stra\u00dfe. Ein Memorial, wo 1989 zum ersten Mal die Mauer ge\u00f6ffnet wurde. Dieser Moment, dass die Mauer durchbrochen wurde, gibt mir das Gef\u00fchl, dass ich wieder frei bin. Gro\u00dfe Hoffnung.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Wollen Sie hier alt werden?<\/p>\n<p>&#8222;Ja. In letzter Zeit denke ich oft an den spanischen Poeten Juan Ramon Jimenez. Er wollte nicht in sein Land zur\u00fcck, weil sein Heimatland ihn erniedrigt hat. Mir gef\u00e4llt er als alter Dichter besonders gut, das, was er \u00fcber das Sterben sagt: Ich m\u00f6chte sterben, wie ein Blatt im Herbst, das leise zur Erde schwebt.&#8220;<\/p>\n<p>Mehr zum Thema: Neues Zuhause. Geschichten vom Ankommen \u2013 <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/neues-zuhause-geschichten-vom-ankommen.2551.de.html\">Alle Beitr\u00e4ge<\/a> zum Nachh\u00f6ren und Nachlesen. <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/neues-zuhause-geschichten-vom-ankommen-ich-fuehle-mich.2165.de.html?dram:article_id=333005\">Dank an Sabine Adler<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weil er f\u00fcrchtete, erneut verhaftet und gefoltert zu werden, floh Apti Bisultanow aus Tschetschenien. \u00dcber Deutschland sagt der Schriftsteller: &#8222;F\u00fcr mich ist es das beste Land, das man gegenw\u00e4rtig finden kann.&#8220; Apti Bisultanow ist einer der wichtigsten Autoren aus Tschetschenien. 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