{"id":11129,"date":"2019-06-19T17:26:29","date_gmt":"2019-06-19T15:26:29","guid":{"rendered":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=11129"},"modified":"2019-06-19T17:26:29","modified_gmt":"2019-06-19T15:26:29","slug":"das-schicksal-der-enkelsoehne-des-propheten-noah-nochtschi","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=11129&lang=de","title":{"rendered":"Das Schicksal der Enkels\u00f6hne des Propheten Noah (Nochtschi)"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone  wp-image-10255\" src=\"http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Vadim-Kadzhajew-Blutrache-2-300x220.jpg\" alt=\"\" width=\"1057\" height=\"776\" srcset=\"http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Vadim-Kadzhajew-Blutrache-2-300x220.jpg 300w, http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Vadim-Kadzhajew-Blutrache-2-768x563.jpg 768w, http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Vadim-Kadzhajew-Blutrache-2-1024x751.jpg 1024w, http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Vadim-Kadzhajew-Blutrache-2-480x352.jpg 480w, http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Vadim-Kadzhajew-Blutrache-2-682x500.jpg 682w, http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Vadim-Kadzhajew-Blutrache-2.jpg 1139w\" sizes=\"auto, (max-width: 1057px) 100vw, 1057px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>1935\/37 Kollektivierung im Kaukasus<\/strong><\/p>\n<p>Wer viel Leid erfahren hat, strebt nicht nach irdischen G\u00fctern. Ich habe soviel erlitten, dass ich das Leben kenne, ohne mir Illusionen zu machen. Es gen\u00fcgt, an jenen Abend im letzten Sommermonat des Jahres 1937 zu denken. Ich kehrte vom M\u00e4hen heim, mit einem verwundeten Wachtelweibchen in der Hand. Es war mit unter die Sense geraten und am Fl\u00fcgel verletzt. Ich wollte es wieder gesund pflegen. Als ich am Brunnen vorbei ins Dorfzentrum schritt, ert\u00f6nt ein schriller Ruf: \u00bbStehenbleiben\u00ab Ein Gewehrschloss knackte, graue Soldaten brachten die Gewehre in Anschlag. Die Wachtel flatterte mir aus der Hand. Vor Schreck schoss mir der Offizier in die Schulter. Er meinte wohl, ich wollte Widerstand leisten, vielleicht tat er es auch zum Vergn\u00fcgen. Mit einem Strick banden sie mir die H\u00e4nde hinter dem R\u00fccken und f\u00fchrten mich ab. Mit Schl\u00e4gen ihrer Gewehrkolben ins Genick und Fu\u00dftritten trieben sie mich weg. Der Weg ins Gef\u00e4ngnis von Itum-Kale bleibt mir mein Leben lang in Erinnerung. Mit verwunderter Schulter, fast verdurstend, wurde ich zwei Wochen gefoltert, von einem Russen und einem Tschetschenen (verflucht sei er) Sie hie\u00dfen mich, zu gestehen, ich sei ein Abrek und habe ein Gewehr. Was ich danach im Gef\u00e4ngnis von Grosny erdulden musste, reichte aus, um ein Leben lang gen\u00fcgsam zu sein.<\/p>\n<p>In einem gro\u00dfen Klubhaus Namens Stalin (Die Gef\u00e4ngnisse waren \u00fcbervoll) lie\u00dfen sie uns in f\u00fcrchterlicher Hitze \u00bbschmorren\u00ab. Dreitausend waren wir, von L\u00e4usen zerfressen, in unseren groben Lederschuhen, Papachas und Schaffelljacken. Nach Mitternacht, um zwei, drei Uhr, holten sie je zehn bis f\u00fcnfzehn Mann heraus, schlugen sie und hie\u00dfen sie, einander zu denunzieren. Gegen Morgen schleppten sie uns zur\u00fcck und warfen uns wie Leichen \u00fcbereinander. Auch das reichte, um ein Leben lang gen\u00fcgsam zu sein.<\/p>\n<p>Tausende \u00fcberlebten nicht. Sie wurden umgebracht, den Verwandten wurde jedoch gesagt, sie seien verschollen. Die Sowjetmacht hat sie verschlungen, nicht einmal Gr\u00e4ber sind geblieben. Die Macht erregte Mitleid, wie eine bettelende Waise. Sie betrat ein fremdes Haus, bekam einen Ehrenplatz und nahm es dann in Besitz. Anf\u00fchrer waren stets Menschen anderer Nationalit\u00e4ten, zu welchen wir ein besseres Verh\u00e4ltnis als zu ihren hatten. Im Gef\u00e4ngnis in Grosny war es ebenso. Die Vorgesetzten waren Dagestaner, Georgier und Russen, haupts\u00e4chlich Russen. Ein Aware verh\u00f6rte mich in tschetschenischer Sprache. Seine Frau war Tschetschenin. \u00bbMutiger Tschetschene, sagst du?\u00ab wiederholte er bei jedem Verh\u00f6r und schlug aufs Ges\u00e4\u00df. Fiel ich hin, schlug er ins Gesicht, in den Bauch. Ich fiel immer hin, erst in die Knie, dann auf den R\u00fccken. Die H\u00e4nde waren gefesselt. \u00bbSteh auf, leiste Widerstand, oder bist du etwa kein Konach?\u00ab h\u00f6hnte er \u00fcber mir, die Arme in die H\u00fcften gestemmt. Ich habe nicht gest\u00f6hnt, ein Rest Tapferkeit war mir geblieben. Das ertrug der \u00bbAnf\u00fchrer\u00ab schwer. Er pr\u00fcgelte mich mit dem Stock, versetzte mir Fu\u00dftritte, bis er ersch\u00f6pft war. Als sie mich aus dem B\u00fcro schleppten, war er am Ende, weil ich ungebrochen war und ihm direkt in die Augen sah. W\u00e4hrend er mich befragte, standen an der T\u00fcre Offiziere in Bereitschaft. Einmal haben sie mich blau und gr\u00fcn gepr\u00fcgelt, mir Z\u00e4hne ausgeschlagen, die Hand und einige Rippen gebrochen.<\/p>\n<p>Beim ersten Verh\u00f6r hatte der Aware nach Teijp und Namen des Vaters gefragt. Mit einem Schlag ans Ohr schleuderte er mich in die Ecke. Ich war \u00fcberrumpelt, dann st\u00fcrzte ich mich auf ihn und packte ihn an der Gurgel. Ich kam nicht dazu, ihm ein Hieb zu versetzten. Am folgenden Abend kam ich im Klub wieder zur Besinnung, ich lag auf dem R\u00fccken, auf einer Felljacke. Danach wurde ich immer mit gefesselten H\u00e4nden zum Verh\u00f6r gef\u00fchrt. Uma Dujew aus Sumsoj kam mir in den Sinn. [Uma Dujew \u2013 Naib von Imam Schamil, 1877 einer der Anf\u00fchrer des Aufstandes in Tschetschenien, hingerichtet am 9. M\u00e4rz 1878.] Bei seiner Hinrichtung am Galgen war kein Tschetschene bereit gewesen, ihm den Schemel unter den F\u00fcssen wegzusto\u00dfen. Ein Aware hat es getan. In Erinnerung an diese und andere Episoden fiel es mir leichter, im Gef\u00e4ngnis den \u00bbHeroismus\u00ab des \u00bbAnf\u00fchrers\u00ab zu ertragen.<\/p>\n<p>Vier Monate sp\u00e4ter transportierten sie uns nachts durch verschneite Ein\u00f6den. Wir waren etwas tausend Mann. Die \u00fcbrigen waren im Gef\u00e4ngnis von Grosny umgekommen. Ein Sturm peitsche den Schnee an die wenigen kleinen Wagonfenster. Als der Zug hielt, waren wir in Kotlas im Oblast Archangelsk. Halbnackt und barfu\u00df mussten wir uns im Schnee aufstellen. Die Schuhe waren verschlissen. Rundum standen Soldaten. Ein gro\u00dfes Auto fuhr vor. Der \u00bbAnf\u00fchrer\u00ab bestieg es, in einer langen wei\u00dfen Pelzjacke und Handschuhen. In den H\u00e4nden hielt er einen Sto\u00df Papiere. Er reif Namen auf und verk\u00fcndete uns die Urteile, im Schnee. \u00bbHier!\u00ab hatte der mit dem entsprechenden Namen zu antworten. \u00a7 58 f\u00fcnfzehn Jahre, schrie der \u00bbAnf\u00fchrer\u00ab Zu Befehl, \u00a7 58 f\u00fcnfzehn Jahre, schrie der H\u00e4ftling zur\u00fcck. Der \u00bbAnf\u00fchrer\u00ab rief den n\u00e4chsten auf. \u00bbHier!\u00ab \u00a7 58 Zehn Jahre.<\/p>\n<p>In der \u00f6den Taiga, im Holz, begegnete ich Rokossowski, einem Armeeoffizier. [Konstantin Rokossowski 1896-19689 sowjetischer Offizier, Marschall der SU.] Er war ein gro\u00df gewachsener, hagerer, ernsthafter Mann, obschon er auch Scherze duldete. Nie wurde er zur Arbeit au\u00dferhalb des Lagers geschickt. \u00bbEs wird Krieg geben\u00ab sagte er oft \u00bbsie werden mich holen. Ich und Schukow sind die beiden einzigen Feldherren, die das Kriegshandwerk verstehen.\u00ab Die Gefangenen lachten, als er dies sagte. Sie glaubten es nicht. Zu Beginn des Krieges erhielt er eine Brigade und wurde ohne Wache ins Holz geschickt. \u00bbDas hat nicht die Lagerleitung, sondern Moskau bestimmt\u00ab sagte er \u00bbes ist eine List, Burschen, eine Finte. Sie wollen pr\u00fcfen, ob ich fliehe oder nicht.\u00ab<br \/>\nEr wusste viel \u00fcber diese Staatsmacht. Einiges hat er erz\u00e4hlt. Ich fragte ihn nach zweien meiner Br\u00fcder und dem Vater. Er meinte, sie seien nicht am Leben und in eine ferne, menschenleere Gegend verschickt worden, um die neue sowjetische Nation zu erbauen und die eigene Vergangenheit zu vergessen. Ich fragte, ob sie zu finden seien, wenn man sie suche. \u00bbSelbst im Innersten der Erde sind sie nicht zu finden. Du wirst auch nichts \u00fcber sie erfahren. Nur zwei, drei Leute in Moskau d\u00fcrften wissen, wo sie sind.\u00ab Ich habe ihm damals nicht geglaubt. Als der Krieg ausbrach, wurde Rokossowski geholt. Das ganze Lager weinte ihm nach. Viele nahm er mit, die meisten waren Urki. Zuvor hat er mich beauftragt, sein Kriegspferd zuzureiten. Dieser Hengst wurde ebenfalls geholt, er wurde in ein grosses Auto verladen. Wir hingegen wurden im Lager behalten. Wir wurden nicht eingezogen. Unser Paragraph erlaubte uns nicht einmal, Kriegsdienst zu leisten. Wir mussten als Seki in Abgeschiedenheit gehalten werden, an einem unbekannten, freien Menschen und selbst dem Feind unzug\u00e4nglichen Ort.<\/p>\n<p>1953 wurde ich frei, als Sisso der Herr von Erde, Sonne und Mond starb, der Herr der ganzen Welt, der F\u00fchrer aller Zeiten und V\u00f6lker. Meine Verwandten seien in Alma-Ata, im Exil, teilte mit der Lagerchef am Tag der Befreiung mit. Meine Frau und die beiden S\u00f6hne fand ich nicht. Die Mutter war auf dem Transport gestorben, ihre Leiche an irgendeiner Bahnstation ausgeladen worden. Sp\u00e4ter erz\u00e4hlten mir Leute, meine Frau und der j\u00fcngere Sohn seien vor Hunger gestorben. Der \u00e4ltere Sohn, Ismajl, sei 1945 in ein Kinderheim gebracht worden. \u00bbKeiner konnte sich seiner annehmen, Hunger herrschte, wir konnten uns selbst kaum durchbringen.\u00ab Alle suchten sich herauszuwinden. 1955 fan ich Ismajl, besser gesagt den Ort, wo er umgebracht worden ist, den Kohleschacht bei Dschambul in Kasachstan. Vierzehn war er als Urki ihn 1947 eine Suka nannten, unter einen Kohlewagen stie\u00dfen und ihm beide H\u00e4nde und F\u00fc\u00dfe abhackten. Keiner r\u00fchrte sich, als er auf tschetschenisch um Hilfe rief. Ich kam viel zu sp\u00e4t, bereits acht Winter und Fr\u00fchlinge waren vergangen, schon der neunte Winter \u00fcberzog die Erde mit Eis. Da ich nun Gewissheit \u00fcber Ismajls Schicksal hatte, wurde mir leichter zumute. Ich \u00bbgenoss\u00ab die Tage, an welchen ich mit den Frauen am Dreschplatz Korn s\u00e4uberte. Den Bart rasierte ich nicht, trug ihn blo\u00df kurz geschnitten. Ich sch\u00e4mte mich, meines Sohnes zu gedenken.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>1944<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Dieses Jahr ist zu bitter, um es zu vergessen,<br \/>\ndie Wunden zu brennend, um nicht in Erinnerung zu bleiben:<br \/>\n1944, Februar, die ersten M\u00e4rztage.<br \/>\nSeinen Namen, Achmad,<br \/>\nh\u00f6rt meine Gro\u00dfmutter im Gedr\u00e4nge,<br \/>\nals der Zug bereits in Fahrt ist.<br \/>\n\u00bbEr war im n\u00e4chsten Wagen\u2026\u00ab<br \/>\nErinnerte sie sich,<br \/>\naufgew\u00fchlt von den Geschehnissen jenes Transports.<br \/>\nSprach sie von ihm, stand immer tiefes Leid in ihren Augen.<br \/>\n\u00bb\u2026er wurde auf den R\u00fccken geschleudert,<br \/>\nversuchte sich wieder hochzustemmen.\u00ab<br \/>\nDer G\u00fcterzug, in dem Tschetschenen und Inguschen ins Exil verschickt wurden,<br \/>\nh\u00e4lt f\u00fcr zwanzig Minuten in einem dichten Wald.<br \/>\nWeit und breit nur wei\u00dfer Schnee, schwarze B\u00e4ume<br \/>\nund die Linien des Bahngleises, wie Schlittenspuren.<br \/>\nEilends werden Leichen ausgeladen,<br \/>\neinfach in den Schnee geworfen.<br \/>\nDie Deportierten werden zur Verrichtung der Notdurft herausgelassen.<br \/>\nAuf beiden Seiten des Zuges stehen bewaffnete Soldaten,<br \/>\nbereit zu schie\u00dfen, sobald einer sich entfernt<br \/>\noder ihnen missf\u00e4llt.<br \/>\nDrei, vier entfachen da und dort hastig ein Feuer,<br \/>\num sich wenigstens kurz zu w\u00e4rmen.<br \/>\nKnapp f\u00fcnfzehn Minuten sind vergangen.<br \/>\nEin Offizier flucht, grob,<br \/>\nin seiner Sprache, russisch,<br \/>\ngeht von Feuer zu Feuer,<br \/>\ntritt mit den Stiefeln die erst schwach brennenden Scheite in den Schnee.<br \/>\nDie Menschen sehen sich ver\u00e4ngstig um<br \/>\nUnd laufen von den Feuern weg.<br \/>\nEtwas weiter entfernt ist noch ein Feuer,<br \/>\nein Mann kauert daneben,<br \/>\nw\u00e4rmt sich, starrt ins Feuer.<br \/>\nStimmen rufen seinen Namen,<br \/>\ner h\u00f6rt es nicht,<br \/>\nin Gedanken vertieft, sucht er zu verstehen, was vor sich geht.<br \/>\nWieder Rufe. Er reagiert nicht.<br \/>\nEr h\u00e4lt seine H\u00e4nde \u00fcber das Feuer,<br \/>\ndas der w\u00fctende Offizier zertritt,<br \/>\nblickt auf, sieht ein bleiches Gesicht, blaue Augen,<br \/>\nStoppeln in unbestimmter Farbe \u00fcber der Lippe.<br \/>\nEr kennt das Gesicht nicht,<br \/>\nweis nicht, was der Mann von ihm will,<br \/>\nversteht nicht, woran er schuld sein sollte.<br \/>\nEr springt auf, holt schneller als jener zum Schlag aus.<br \/>\nEin dumpfer Ton,<br \/>\nder blau\u00e4ugige Offizier taumelt, f\u00e4llt vorn\u00fcber zu Boden.<br \/>\nDie Pistole sinkt in den Schnee.<br \/>\nAchmad setzt sich, richtet die Feuerstelle wieder her.<br \/>\nEr legt zwei brennende Scheite auf,<br \/>\ngreift nach dem dritten, das abseits liegt.<br \/>\nEin Schuss knallt.<br \/>\nAn seiner linken Schulter kratzt etwas,<br \/>\nnun h\u00e4ngt sie herab,<br \/>\nwie der verletzte Fl\u00fcgel eines Vogels.<br \/>\nEr taumelt, sucht sich hochzustemmen,<br \/>\nerstarrt.<br \/>\nDer Offizier liegt im Schnee,<br \/>\nBlutspuren im Gesicht, die Pistole im Anschlag.<br \/>\nAchmad bem\u00fcht sich, scharf zu sehen,<br \/>\nsieht den Lauf.<br \/>\nDieser zuckt drei, vier Mal,<br \/>\nKugel um Kugel<br \/>\nDringt in seinen Bauch.<br \/>\nEhe er hinf\u00e4llt, kommt er zu sich.<br \/>\nZu Bewusstsein bringt ihn ein Bild,<br \/>\nf\u00fcr das er gelebt hat, das ihm teuer ist,<br \/>\nnach dem er sich sehnt,<br \/>\ndas Bild Tschetscheniens.<br \/>\nDann schwinden die Sinne,<br \/>\nin der rechten Hand versp\u00fcrt er ein Kribbeln,<br \/>\nim Fall begreift er, weshalb.<br \/>\nEs ist die Hand, die dem Offizier<br \/>\neine krachende Ohrfeige versetzt hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>1943\/67 Kreuzbucht<\/strong><\/p>\n<p>Seltsam war, dass Denk- und Erinnerungsverm\u00f6gen ausgel\u00f6scht waren. Die Welt voller Leben, mit Menschen und St\u00e4dten, schien nicht mehr zu existieren. Alles war weg, als h\u00e4tte es nie existiert. Es gab nur noch die gro\u00dfen und kleinen Kuppen, den Schnee, der sie bedeckte, und immer wieder Schneest\u00fcrme. Legte sich der Sturm, trugen wir tagaus tagein Steine zusammen, unter st\u00e4ndiger Aufsicht eines Begleitsoldaten.<\/p>\n<p>Oft schlug er einen mit dem Gewehrkolben auf den R\u00fccken. Der Mann fiel hin. Genauer gesagt, er sank leicht wie Flaum zu Boden. Er wand sich, versuchte, vor dem n\u00e4chsten Schlag aufzustehen, rappelte sich auf alle Viere auf und fiel wieder hin. Kam er schlie\u00dflich wieder auf die Beine, strengte er sich an, weiterzugehen und unebene Stellen zu meiden. Stolperte einer abends auf dem Weg zur Baracke \u00fcber eine Unebenheit und fiel hin, hoben ihn die Gef\u00e4hrten auf und schleppten ihn weiter, bis die Wache es bemerkte. Sie schleppten, soweit sie konnten. Lange reichten die Kr\u00e4fte nicht. Jeder kleine Graben, jede unebene Stelle auf dem Weg waren uns wohlbekannt. Wir sahen sie schon von weitem und umschlurften sie vorsichtig. Wir hoben die F\u00fc\u00dfe kaum vom Boden, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren und zu st\u00fcrzen. Au\u00dfer Fl\u00fcche, Geschrei, Geschimpfe und endlosem Schnee war nichts zu sehen und zu h\u00f6ren. Keiner wusste, an wessen Adresse sich Geschimpfe und Fl\u00fcche richteten. Keiner machte sich dar\u00fcber Gedanken.<\/p>\n<p>Eines Morgens, als wir auf Kommando aufstanden, r\u00fchrte sich mein Nachbar nicht. Er lag da, tot, bereits aufgedunsen, erstarrt. Keiner wusste, wie und wann er gestorben war. Keiner achtete darauf. L\u00e4ngst wunderte sich keiner mehr \u00fcber irgendetwas. Menschliche Gef\u00fchle waren abgestorben, oder nie vorhanden gewesen. W\u00fcnsche, Tr\u00e4ume und Verlangen richteten sich nur auf eines: essen und sich w\u00e4rmen. Hunger- und K\u00e4ltegef\u00fchl vergingen nie. Nach der w\u00e4ssrigen Abendsuppe, ohne jegliche Zutaten oder Fett, wollten wir uns so schnell wie m\u00f6glich mit einem am K\u00f6rper versteckten, trockenen St\u00fcck Brot hinlegen. Vom Brot ging ein schwerer, bet\u00e4ubender Geruch aus. Von diesem wunderbaren Geruch konnten wir nicht genug bekommen. Wir wollten, dass er in den ganzen K\u00f6rper und in die Kleidung eindrang. Das Brot war aus Abf\u00e4llen von Sonnenblumenkernen hergestellt. Es war schwer und so feucht, dass man es auswringen konnte. Die Brotst\u00fccke wurden nicht gekaut. Sie wurden lange auf der Zunge gelutscht und als Breigeschluckt, um den Magen wenigstens f\u00fcr kurze Zeit zu t\u00e4uschen. Der Magen knurrte st\u00e4ndig, wie ein hungriges Tier. War das Brot gegessen, beleckten wir die Lippen, schluckten den Speichel und suchten mit der Zunge zwischen den Z\u00e4hnen nach stecken gebliebenen Krummen.<\/p>\n<p>Gesprochen wurde nicht. Die Worte f\u00fcr Gespr\u00e4che waren vergessen. Nachts tr\u00e4umte ich von einer fetten Suppe zum Fr\u00fchst\u00fcck, tags\u00fcber tr\u00e4umte ich von drei L\u00f6ffeln Gr\u00fctze zum Mittagessen, und schon war wieder Abend. Der Abend war die meistersehnte Tageszeit. Da konnte ich mich hinlegen, zusammenrollen und an einem St\u00fcck Brot auf der Zunge lutschen. Schlaf gab es kaum. Die L\u00e4use lie\u00dfen mich nicht einschlafen. Ich klinkte mich einfach vom Leben aus und versank in einen D\u00e4mmerzustand.<br \/>\nIm D\u00e4mmerzustand stand mir das Transitlager in Nachodka vor Augen. Sechzehntausend Mann waren wir dort, ehemalige Kriegsteilnehmer, vom Soldaten bis zum General, festgenommen erst nach Kriegsende. Vor uns waren deutsche Kriegsgefangene dort gewesen. Auf dem ganzen Lagergel\u00e4nde war kein einziger Grashalm zu finden. Die Deutschen hatten alles Gras samt den Wurzeln gegessen. Wasser wurde einmal pro Tag in einem Zisternenwagen gebracht. Das ganze Lager kam in Bewegung, alle suchten Wasser zu ergattern. Um Unruhen zu verhindern, stellten sich bewaffnete W\u00e4chter um den Zisternenwage auf. Leerte sich die Zisterne, er\u00f6ffnete die Wache das Feuer und schoss \u00fcber die Menge hinweg, um sie zu zerstreuen. Zeigte dies keine Wirkung, gaben sie aus Maschinenpistolen eine zweite Salve ab, den Gefangenen vor die F\u00fc\u00dfe. Erdklumpen flogen den Menschen ins Gesicht. Wenn die Menge sich aufl\u00f6ste, blieben um den Zisternenwagen bis zu zwei dutzende Leichen liegen. Keiner sah sich nach den Leichen um. Pro Tag bekam jeder dreihundert Gramm Brot zugeteilt. Es wurde in unz\u00e4hlige kleine St\u00fccke gebrochen, um den Prozess des Kauens m\u00f6glichst lange hinauszuziehen. Manchmal wurde Brot gegen Tabak getauscht. Einer der vor Hunger im Sterben lag, tauschte oft das letzte St\u00fcckchen Brot gegen Machorka. Viele starben, w\u00e4hrend sie zum letzten Mal Tabakrauch inhalierten.<\/p>\n<p>Drei Tage hatte ich nicht einen einzigen Tropfen Wasser bekommen. Auch am vierten Tag hatte ich Pech. Als ich niedergeschlagen zur Baracke ging, hielt mich ein ebenso Ungl\u00fccklicher an. \u00bbWoher?\u00ab fragte er mich. \u00bbAus dem Kaukasus.\u00ab \u00bbAch so, noch einer aus dem Kaukasus, wie der Wodsch.\u00ab sagte er \u00bblos, gehen wir, du wirst mir einen Schluck verschaffen.\u00ab Auf ausgebreiteten M\u00e4nteln und Matrosenjacken lag ein Mann. Er besetzte eine gro\u00dfe Ecke des Raumes. Gedankenversunken sah er an die Decke, die Arme hinter dem Kopf verschr\u00e4nkt, die Beine \u00fcbereinandergeschlagen. Um ihn scharten sich etliche M\u00e4nner, alles Urki aus dem Durchgangsgef\u00e4ngnis. Von weitem gr\u00fc\u00dfte ich laut in Tschetschenisch. Der Mann schoss auf, als h\u00e4tte er sich verbrannt. Hastig brachte er den Hemdkragen in Ordnung. Er erwiderte den Gruss und fragte, wer ich sei. \u00bbIch bin Parijew aus Hildehoroj, mein Vater hie\u00df Pchari. Mein Name ist Alchast.\u00ab \u00bbAch, du bist also Pcharis Sohn! Ist mir bekannt, klar\u2026 Komm n\u00e4her, setzt dich erst einmal.\u00ab Verlegen lief er hin und her. Bald err\u00f6tete, bald erbleichte er, wie ein Junge, der bei einem kleinen Diebstahl ertappt worden ist.<\/p>\n<p>Es stellte sich heraus, dass er der Sohn von Magomed Suldajew aus Hatscharoj war, dem ehemaligen Chef der Bezirkspolizei von Itum-Kale, der sp\u00e4ter NKWD-Offizier im Bezirk Schali geworden war. Sein Name war Achmed. Von seinem Vater hatte ich viel geh\u00f6rt, ihn sogar einige Male gesehen. Er war mit meinem Vater befreundet. Vom H\u00f6rensagen kannte ich auch ihn, Achmed. Ich wusste, dass ein Mann durch seine Hand umgekommen war und er deswegen zehn Jahre im Lager gesessen hat. Jetzt sa\u00df er zum zweiten Mal. Wir verbrachten etwa zwei Monate zusammen. W\u00e4hrend dieser Zeit fehlte es mir an nichts. Zu essen und zu trinken gab es bei Achmed im \u00dcberfluss, wie in einer Staatskantine. Wasser brachten ihm die Urki soviel er wollte. Mit Essen versorgten sie ihn ebenfalls. Er kontrollierte das Lager. Wenn er wollte, zettelte er eine Meuterei an. Auf ein einziges Wort von ihm hin endete sie auch wieder.<\/p>\n<p>Wenn drau\u00dfen L\u00e4rm und Schreie die Ankunft des Zisternenwagens signalisierten, nahm einer der Urki die Aluminiumpfanne, schlug mit dem L\u00f6ffel darauf und ging mit dem Schrei \u00abF\u00fcr den im Gesetz\u00bb voraus. Trotz Achmeds Protesten ging ich eines Tages selber. Ich wollte mit eigenen Augen sehen, wie man zu Wasser kommen konnte. \u00abF\u00fcr den im Gesetz\u00bb schrie, stoben die Leute vor mir auseinander, wie Schafe vor dem Wolf. Wer hinfiel, kroch hastig weg. Dann balgten sie sich, um sich hinter mir in die Schlange zu stellen. Als ich mit Wasser zur\u00fcckkam, traten sie beiseite und gaben mir einen breiten Durchgang frei. Es war tats\u00e4chlich erstaunlich, dass so viele einen einzigen Menschen derart f\u00fcrchteten. \u00abWas hast du mit diesen Menschen gemacht, Achmed?\u00bb fragte ich. \u00abSie f\u00fcrchten dich wie Schafe den Wolf.\u00bb Er winkte ab. \u00abDas sind noch Folgen der ersten, in diversen Lagern abgesessen Haft, Alchast, s\u00e4mtliche Ausdr\u00fccke stammen von dort.\u00bb<\/p>\n<p>Einmal kam es zu einer Schl\u00e4gerei. Die Schl\u00e4ger wurden getrennt und beruhigten sich. Nur einer wollte keine Ruhe geben. Er fuhr alle an, nannte sie Schweinehunde, Prostituierte, Denunzianten. Achmed stellte sich vor ihn und hiess ihn schweigen. Er z\u00e4hlte die Lager auf, in welchen er gesessen hatte, sowie etliche Namen, die in jenen Kreisen Achtung genossen. Jener antwortete, f\u00fchr ihn sei keiner eine Autorit\u00e4t, weder Achmed noch sonstwer. Augenblicklich schnellte Achmed auf, st\u00fcrzte sich mit einem Satz auf ihn und versetzte ihm einen harten Schlag auf den Kopf. Man h\u00f6rte ein dumpfes Knirschen. Mit blut\u00fcberstr\u00f6mten Gesicht fiel der Mann r\u00fccklings zu Boden, die Arme breit ausgestreckt. Die Urki packten ihn an den Beinen und schleiften ihn weg. Sein Kopf schepperte \u00fcber den Boden.<\/p>\n<p>\u00abMit ihm milde zu reden, ist sinnlos, Alchast\u00bb sagte mir Achmed. \u00abBarmherzigkeit ist ein ihnen unbekanntes Gef\u00fchl. Mit ihnen muss man hart umgehen, wie mit einem Blutfeind. Halte sie sich f\u00fcr Menschen wie du und ich, tue ihnen nie Gutes, sie verstehen unsere G\u00fcte nicht. Schl\u00e4gst du sie nicht, achten sie dich nicht.\u00bb Nach zwei Monaten wurde Achmed mit einem Str\u00e4flingstransport nach Magadan verschickt. Ich blieb. Er h\u00e4tte mich gerne mitgenommen aber mich lie\u00dfen sie nicht weg. Achmed war ein Krimineller, ich hingegen nach Paragraph 58 ein \u00abVaterlandsverr\u00e4ter\u00bb. Mein Paragraph war schlimmer. \u00abPass auf, Alchast. Sei hart und nochmals hart. Sei hart, aber gerecht. Vergiss die Barmherzigkeit, wir sind nicht bei uns zu Hause\u00bb riet er mir beim Abschied und umamrte mich fest. Ich habe Achmed nie mehr gesehen.<\/p>\n<p>In den Lagern machte man mit Toten nicht viele Umst\u00e4nde. In Tschukotka war es ebenso. Bis eine Leiche entdeckt wurde, wurde sie erst einige Tage in der Baracke herumgeschoben und versteckt, um die Brotration des Toten zu bekommen. Bevor er weggebracht wurde, wurde er nackt ausgezogen. Besitzer dieser Sachen wurden immer die Urki. Auch Brot und Zigaretten hatten sie immer, sogar Zucker, eine Kostbarkeit von unsch\u00e4tzbarem Wert.<\/p>\n<p>Oft brachten sie nachts jene um, die ihnen nicht passten. Sie erdrosselten sie mit einem Handtuch. Sie t\u00f6ten selbst f\u00fcr ein Kleidungsst\u00fcck, das ihnen gefiel, oder f\u00fcr den Versuch, bei dessen Raub Widerstand zu leisten. Sie \u00fcbertrafen an Grausamkeit und Gewalt die Lagerleitung, die Staatsmacht, die ganze Welt. Welt, Staatsmacht und sie waren eins. Sie hatten dieselben Ziele und Methoden. Durch die Urki rechnete die Staatsmacht mit den Gefangenen ab. Die Urki waren zu allem f\u00e4hig.<\/p>\n<p>Sie hatten auch ihre \u00abFrauen\u00bb im Lager, so genannte \u00abH\u00e4hne\u00bb die sie \u00abvergewaltigen\u00bb und sich zu Diensten machten. Sie gaben ihnen weibliche Namen. Michail wurde so zu Mascha, Wassili zu Vera. Die \u00abFrauen\u00bb massierten die F\u00fc\u00dfe der Urki, damit diese schneller einschliefen. Die \u00abM\u00e4nner\u00bb st\u00f6hnten leise, wie ein kleines Kind. \u00abWas hast du, Maksimtschik?\u00bb fragte die \u00abFrau\u00bb. Die \u00abVera\u00bb im Dienst besch\u00fctze den Schlaf ihres \u00abMannes\u00bb so beflissen, dass sie nicht einmal das Reden im Raum gestattete. Die Gefangenen f\u00fcrchteten die \u00abFrauen\u00bb. Falls einer nicht spurte, beklagte \u00absie\u00bb sich bei ihrem \u00abMann\u00bb dann wurde der Schuldige entweder verpr\u00fcgelt, bekam einige Tage kein Brot oder musste neben dem Latrinenk\u00fcbel schlafen. Je nachdem, wie schuldig er nach Meinung des \u00abMannes\u00bb vor seiner \u00abFrau\u00bb war.<br \/>\nDie Ergebenheit dieser \u00abFrauen\u00bb war wahrhaftig erstaunlich. Die \u00abFrau\u00bb \u00e4nderte ihr Verhalten, sie redete mit hoher, weiblicher Stimme, zwinkerte kokett mit den Augen und nahm einen rein weiblichen Gang an. Wollte der \u00abMann\u00bb die \u00abFrau\u00bb lieben, musste sich alle in der Baracke mit dem Gesicht nach unten hinlegen, damit die \u00abjunge Frau\u00bb sich nicht geniert f\u00fchlte. Dann h\u00f6rte man ihr St\u00f6hnen. In ihrer N\u00e4he war immer einer ihrer Schn\u00fcffler, der die Baracke bewachte. Ihr Treiben hatte der Baracke egal zu sein. Die Baracke verstummte, tr\u00e4umte von frischen Brot und w\u00fcrzigem Borschtsch.<\/p>\n<p>Einmal versuchten Urki, ihre Gesetze auch in meine Baracke einzubringen und meine dort mit M\u00fche durchgesetzte Ordnung zu st\u00f6ren. Ich verwehrte es. \u00abWir r\u00fchren dich nicht an, Tschetschene, und du r\u00fchrst uns nicht an\u00bb sagten sie mir \u00abhier gilt ein anderer Kodex\u00bb. Ich verwehrte es erneut. Unsere Diskussion endete im Streit. Schlie\u00dflich gab es eine Schl\u00e4gerei, in der ich einem von ihnen den Kopf einschlug. \u00abSchluss! Es reicht! Wir vertuschen es!\u00bb Er gab nach. \u00abWir reden noch dar\u00fcber.\u00bb Dann begannen sie hinter meinem R\u00fccken zu handlen. Mit ihren Kniffen suchten sie Hass gegen mich zu sch\u00fcren, um alle gegen mich aufzuwiegeln. Bei jeder \u00c4u\u00dferung von Missachtung mir gegen\u00fcber schlug ich nach Kr\u00e4ften zu als ginge es um den letzten Kampf im Leben. Sie versuchten, mich nachts zu t\u00f6ten, mit einem Kissen zu ersticken. Wie durch ein Wunder entging ich zwei Mal dem Tod. Beide Male r\u00e4chte ich mich derart, dass sie lange um Verzeihung baten.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter wurden wir in Gruppen von je tausend Mann \u00fcber den ganzen Hohen Norden verteilt. Verurteilt waren wir f\u00fcr f\u00fcnfzehn. Zwanzig, f\u00fcnfundzwanzig Jahren, faktisch auf immer und ewig. Mir hatten sie f\u00fcnfundzwanzig Jahre gegeben. Nach Paragraph \u00abVaterlandsverr\u00e4ter\u00bb. In die Armee eingezogen wurde ich vor dem Krieg. Den ganzen Krieg habe ich durchgemacht. Etliche Kugeln sind im K\u00f6rper stecken geblieben. Doch an der Brust baumelten einige Aluminiumdinger, die ich als Auszeichnung von der Sowjetunion bekommen habe. Zwei Mal wurde ich f\u00fcr den Heldentitel vorgeschlagen.<\/p>\n<p>Nachdem wir St\u00e4dte und L\u00e4nder befreit, \u00fcber Gr\u00e4bern von \u00abBr\u00fcdern\u00bb getrauert und zu Ehren gefallener Genossen salutiert hatten, kamen wir nach Jugoslawien. Dort wurden wir ebenfalls unter Tr\u00e4nen als Befreier empfangen. Die Menschen freuten sich \u00fcber uns, unabl\u00e4ssig brachten sie uns Esswaren und Wein. Mit einem Leutnant namens Wassili Koslowojwar ich bei einer Witwe zu Gast, betrunken. Was weiter geschah, habe ich nie begriffen. Soldaten unserer Einheit banden uns, trieben uns mit Gewehrkolben weg. Angeblich hatten wir drei Tage bei der Witwe verbracht. In wenigen Tagen wurden aus vielen St\u00e4dten und Einheiten zahlreicher Armeeangeh\u00f6riger verschiedener Nationalit\u00e4ten verhaftet, Tataren, Ukrainer \u2026 Den als Sieger aus einem beispiellos brutalen Krieg Zur\u00fcckgekehrten, die in verschiedenen L\u00e4ndern gefallene Waffenbr\u00fcder begraben hatten und unter dem Schmerz von Wunden und Erinnerungen litten, wurde die erhoffte Wiedervereinigung mit ihren Familien und Verwandten verwehrt. Stattdessen wurden sie geradewegs in Lager verschickt, dort wie Korn in der M\u00fchle zermalmt, in Folterkammern gepeinigt. Bei Verh\u00f6ren wurden Rippen gebrochen, Sch\u00e4del eingeschlagen, Z\u00e4hne ausgeschlagen. Der schwerste \u00dcberlebenskampf stand ihnen noch bevor.<\/p>\n<p>S\u00e4mtliche Paragraphen des Strafgesetzbuches wurden wie Esswaren im Futtersack eines Bettlers auf einem Haufen geworfen und gegen sie angewendet. Sie waren \u00abVaterlandsverr\u00e4ter\u00bb, \u00abVolksfeinde\u00bb, \u00abHandlanger Hitlers, die den Krieg verl\u00e4ngert hatten\u00bb. Die ganze Welt, die Staatsmacht, das Volk war gegen sie. Auf ihrer Seite war keiner.<\/p>\n<p>Von den dreitausend Mann, die in den Hohen Norden verschickt wurden, unter ihnen auch ich, \u00fcberlebten nur etwa dreihundert den ersten Winter und Fr\u00fchling. Mehr nicht. Zwei Wochen fuhren wir \u00fcber das noch nicht zugefrorene Meer. An Land marschierte wir sodann acht Tage durch den Wald. Der Schnee reichte bis zu den Knien, stellenweise bis zum G\u00fcrtel. Wir wurden in Einheiten zu je tausend Mann aufgeteilt, bekamen f\u00fcr f\u00fcnf Tage Verpflegung (Zwieback) und den Befehl, loszumarschieren. Unterwegs wurden wir nochmals aufgeteilt, in Gruppen zu je zehn Mann. Einer stapfte voraus und pfadete. Die anderen folgten seiner Spur. Nach drei Kilometern wurde jeweils der Vorderste vom n\u00e4chsten abgel\u00f6st. Der Pfad wurde mit den F\u00fcssen breitgetreten. Wir n\u00e4chtigten dort, wo die D\u00e4mmerung \u00fcber uns hereinbrach. Wir f\u00e4llten B\u00e4ume, z\u00fcndeten ein Feuer an und schliefen neben dem Feuer. So marschierten wir acht Tage, bis wir nachmittags zu einem Pfahl kamen, der in den verschneiten Boden gerammt war. Am Pfahl war ein kleines Schild angebracht, darauf stand Kreuzbucht. Sonst weit und breit nichts. Gegen Abend trafen allm\u00e4hlich auch die anderen ein.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen begannen wir mit dem Bau von Baracken. Den festgestampften Schnee bedeckten wir mit \u00c4sten. Darauf legten wir geschlagene St\u00e4mme als Boden. \u00dcber mehrst\u00f6ckige Pritschen wurde eine Zeltplane gespannt und an Pfl\u00f6cken befestigt, die in den Boden gerammt waren. Wenn nachts die Eisen\u00f6fen geheizt wurden, begann der Schnee unter dem Boden zu schmelzen und in der Baracke verbreitete sich dr\u00fcckender, feuchter Gestank. Dampf steig auf, wie Nebel. Wir konnten kaum mehr atmen. Viele starben, vor K\u00e4lte und an Krankheit. Etliche wurden von Urki umgebracht. Andere setzten ihrem Leben selbst ein Ende, sie schnitten sich die Venen auf. Aber die Zahl von dreitausend blieb stets konstant. Neue Gefangene ersetzten die Verluste. Die neu angekommen starben schneller.<br \/>\n\u00dcberleben war f\u00fcr klein gewachsene, schm\u00e4chtige Menschen anscheinend leichter. F\u00fcr gro\u00dfe, mit festem K\u00f6rperbau war es schwerer \u2013 es gab nicht genug essen. Die Zeltplane sch\u00fctzte kaum vor der eisigen K\u00e4lte. Der runde Eisenofen gab wenig W\u00e4rme ab. Das Feuer brannte nicht lange. Die Ausgabe von Brennholz war normiert, die Norm schnell verheizt. Dann fegte bis zum Morgen kalter Wind durch das Zelt. Unter dem Holzboden bildete sich eine Eiskruste. Am Morgen fanden wir jeweils etliche Tote, zu Eis erstarrt. Sie wurden ins Freie geschleift, auf einen Schlitten geladen und weggebracht. Keiner wusste, wohin. Die Zur\u00fcckgebliebenen trugen den ganzen Tag Steine zusammen und schichteten sie zu kleinen und gro\u00dfen Haufen auf. Nach den Schneest\u00fcrmen gruben wir diese Haufen wieder aus dem Schnee und schichteten sie an einem anderen Ort auf.<\/p>\n<p>Fr\u00fchling und Sommer kamen in Tschuktokta gleichzeitig, ohne \u00dcbergang. Die warme Jahreszeit dauerte nur vierzig Tage. Der Schnee konnte nicht einmal tauen. Im Fr\u00fchling wuchs zwischen den Steinen etwas Gras. Wir konnten Pilze finden. Diese halfen zu \u00fcberleben. Im ersten Fr\u00fchling starben viele an Pilzvergiftung. Genauer gesagt, an Motoren\u00f6l-Vergiftung. Unser Lager war nicht weit vom Meer entfernt. An der K\u00fcste standen zahlreiche Metallf\u00e4sser mit Motoren\u00f6l. Die Amerikaner sollen sie zu irgendwelchem Zweck hergebracht und nach dem Krieg zur\u00fcckgelassen haben. Nachts gingen wir zum Ufer und stahlen dieses \u00d6l. Darin brieten wir in Konservendosen Pilze. Zwei Tage geschah nichts. Dann starben die ersten an blutigem Durchfall, der fast vollst\u00e4ndig aus Motoren\u00f6l bestand. Die Hosen nahmen hinten eine kohlrabenschwarze Farbe an, was die W\u00e4chter sehr belustige. Sie lie\u00dfen sich keine Gelegenheit zur Verh\u00f6hnung der ungl\u00fccklichen Gefangenen entgehen. Sie fielen pl\u00f6tzlich im Gehen hin und waren tot. Sie starben mit offenen Augen, mit wirren, ausdruckslosem Blick. K\u00f6rperlicher Verfall erfasst offenbar auch die Augen. Einer, der sich hinsetzte, um Atem zu sch\u00f6pfen, stand oft nicht mehr auf. In einiger Entfernung drohte der Begleitsoldat mit dem Gewehrkolben und beschimpfte ihn. Der Mann r\u00fchrte sich nicht. Trat ihn der Soldat in die Rippen, kippte die Leiche lautlos um, wie ein morscher Baum.<br \/>\nSelten war unter dem tauenden Schnee ein kleiner, gebleichter Knochen eines Tieres oder Vogels zu finden. Bevor einer es sah, versteckten wir ihn gleich am K\u00f6rper. Im Lager gab es viele Denunzianten. Abends zermalmtem wir den Knochen zwischen Steinen und kochten daraus in Schmelzwasser eine Suppe. Diese Br\u00fche tranken wir, um wenigstens etwas Fett zu bekommen. Doch von Fett keine Spur. Einmal im Jahr, mit Gl\u00fcck einmal in einem halben, konnten wir uns ein bisschen w\u00e4rmen. War ein bewaffneter Begleitsoldat in der N\u00e4he, war vor Angst von W\u00e4rme nicht einmal zu tr\u00e4umen. Sich zu w\u00e4rmen gelang, wenn wir zu zweit zu etwas leichterer Arbeit geschickt wurden. Dazu wurden gew\u00f6hnlich die Schw\u00e4chsten ausersehen. Sie setzten eine Tagesnorm fest und lie\u00dfen uns in Ruhe. Selbst die \u00fcbliche Wache zeigte sich nicht in der N\u00e4he. Fliehen konnte man nirgendshin, die Kr\u00e4fte h\u00e4tten auch nicht gereicht.<br \/>\nIn einer Grube z\u00fcndeten wir heimlich ein Feuer an und passten auf, dass kein Rauch aufstieg. Abwechslungsweise w\u00e4rmte sich einer am Feuer, w\u00e4hrend der andere arbeitete. Die Norm zu erf\u00fcllen war ohnehin unm\u00f6glich. Jetzt blo\u00df keine Wache, dachte ich, wenn ich zwei, drei Tage auf einem Baumstrunk am Feuer sa\u00df, die H\u00e4nde w\u00e4rmte und am Feuer Laub f\u00fcr selbstgedrehte trocknete. Wurden die Finger warm, begannen sie qualvoll zu schmerzen. Um Kleider und K\u00f6rper zu durchw\u00e4rmen, lie\u00dfen wir den Rauch bis auf die nackte Haut kommen. Es gab keinen angenehmeren Geruch als den des Rauchs.<\/p>\n<p>Momente wie diese, wenn ich ohne Wache am Feuer sa\u00df und allm\u00e4hlich aufw\u00e4rmte, t\u00e4uschten \u00fcber die Wirklichkeit hinweg. Dann wollte ich leben, an Gl\u00fcck und Gott glauben, dessen Existenz ich nie in Zweifel gezogen hatte. Ich wusste, Er ist st\u00e4ndig bei mir. Ging es mir gut, glaubte ich aufrichtig an ihn. Gott war mein einziger, mein n\u00e4chster und liebster Freund. Gott offenbarte sich im Feuer, in der Nahrung, im Schlaf. Schrie mein Gef\u00e4hrte pl\u00f6tzlich \u00abWache kommt!\u00bb h\u00e4tte ich am liebsten geweint, geschluchzt, am Boden gewinselt wie ein verletzter Welpe. Ich trauerte bereits den Momenten am Feuer nach, den Minuten der Ruhe, den tr\u00fcgerischen Bildern von einem anderen Leben. Solch ein Tag konnte erst in einem halben, in einem Jahr wiederkommen. Dann lie\u00df ich mich wieder ebenso t\u00e4uschen, wollte wieder ebenso schluchzen und um dieses \u00abGl\u00fcck\u00bb trauern. Trotz allem sehnte ich mich schon wieder nach diesen Momenten, nach Ruhe, Erbarmen und dem Verlangen, weinen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wer auch nur einen Tag oder Augenblick zu k\u00e4mpfen aufh\u00f6rte, erfror sogleich. Dann wurde er auf einen Schlitten geladen und irgendwohin verbracht, auf immer. Das Wichtigste war, nicht einmal eine Sekunde schwach zu werden. Um durchzuhalten musste man gegen sich selbst, gegen die ganze Welt k\u00e4mpfen. Einzig dieses Verlangen brachte mich morgens auf die Beine und abends in die Baracke zur\u00fcck. Andere wurden des K\u00e4mpfens m\u00fcde. Ich durfte mich nicht nach ihnen umsehen. Sonst w\u00e4ren auch meine Kr\u00e4fte geschwunden, und ich w\u00e4re verloren gewesen.<\/p>\n<p>Um zu \u00fcberleben, dachte ich nicht mehr an die Menschen meiner Umgebung, als gebe es auf der ganzen Welt nur mich allein. Stattdessen dachte ich oft an die Steine und die B\u00e4ume. Ohne sie zu fragen hatten die Winde des Schicksals auch sie in diese kalte, karge Gegend verschlagen, wie mich. Auch in ihnen schlug ein Herz, in den Zellen rann ihr Blut, in den Wurzeln ruhten ihre Seelen. Der Stein, des K\u00e4mpfens m\u00fcde, brach auseinander und wurde zu Sand. Den Baum riss der Sturm samt Wurzel aus. Jeden Tag, jede Stunde, jeden Augenblick widerstanden sie K\u00e4lte, Schneest\u00fcrmen und Entbehrungen. Gemeinsam mit ihnen habe ich Tag f\u00fcr Tag dasselbe getan. Ich habe mich im Morgengrauen erhoben, bin in der Abendd\u00e4mmerung in die Baracke zur\u00fcckgekehrt, habe die feuchten Brotst\u00fcckchen gelutscht und st\u00e4ndig gegen den Tod gek\u00e4mpft.<\/p>\n<p>Ich habe lange gek\u00e4mpft, lange widerstanden, meinen Gef\u00e4hrten nachgesehen, die Tag f\u00fcr Tag auf Schlitten weggebracht wurden. Bereits der zehnten Schicht habe ich so nachgesehen. Ich habe mich gut gehalten, bis zu einem frostigen Dezembermorgen im Jahr 1950. An jenem Morgen konnte ich nicht aufstehen, alles war mir zuwider. An jenem Morgen verlor ich die Hoffnung, verga\u00df die Sehnsucht nach einem anderen Leben. \u00abSie t\u00f6ten dich, steh auf!\u00bb baten mich die Gef\u00e4hrten. \u00abIch will auch sterben. Ich bin ersch\u00f6pft!\u00bb antwortete ich. \u00abSelben kann ich meinem Leben nicht ein Ende setzen. Ich hasse die Peiniger zu sehr, als dass ich ihnen diese Freude g\u00f6nnte.\u00bb Die Gef\u00e4hrten warnten mich \u00abEine Kugel f\u00fcr dich ist ihnen zu schade. Sie werden dich zertrampeln.\u00bb Ich erhob mich nicht. Statt f\u00fcr das Leben zu k\u00e4mpfen, w\u00e4hlte ich den Tod. F\u00fcr das Leben zu k\u00e4mpfen ohne mit dem eignen Gewissen in Konflikt zu geraten, war unertr\u00e4glich schwer. Um wenigstens etwas satt oder warm zu werden, musste man einem anderen wehtun, ihm den letzten Bissen wegnehmen. Doch das war gemein. Das h\u00e4tte ich nie tun k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Meine Gef\u00e4hrten begriffen, dass ich nicht aufstehen wollte. Sie legten mich auf einen Schlitten und nahmen mich mit zur Meerenge, damit die Peiniger mich nicht umbrachten. Sie nahmen mich aus Hass gegen jene mit, um ihnen keine Gelegenheit zu sadistischer Freude an einem Mord zu geben. Der Winter war kalt, wie immer. Dichter Nebel lag \u00fcber der Meerenge. Wie Fetzen an verschneiten B\u00e4umen hin er auch \u00fcber dem vereisten, mit Raureif bedeckten Boden. Die Sonne war nie sichtbar. Ich sah weder ihren Aufgang noch Untergang. Sah ich die hell schimmernden Wolken, wusste ich jedoch, irgendwo ist die Sonne. Ich lag mit meinem Gesicht nach oben auf dem Schlitten und beobachtete meine Gef\u00e4hrten. Ich wollte sterben.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>1953 als Stalin der Schl\u00e4chter starb<\/strong><\/p>\n<p>Von den Dorfbewohnern fehlten nur die Deutschen. Wie die Tschetschenen, waren auch sie in gro\u00dfer Zahl hierher deportiert worden. Aber sie versammelten sich nie und nirgends. Sie arbeiten alle im S\u00e4gerei-Kombinat am Rand des Dorfes und verarbeiten das Holz des dortigen Kiefernwaldes. Sie leben rund um dieses Kombinat in ordentlichen kleinen H\u00e4uschen, die sie sich selbst gebaut hatten. Wenn sie von der Arbeit f\u00fcr den Staat nach Hause kommen, arbeiten sie immer irgendetwas zu Hause. Dieses Volk ruht nie aus, denken alle. Vom Fr\u00fchling bis zum Winter graben sie in ihren Gem\u00fcseg\u00e4rten, die ebenfalls nicht weit vom Kombinat liegen. Niemand kennt Vorf\u00e4lle, bei welchen diese Deutschen je mit jemandem oder untereinander einen Skandal oder eine Schl\u00e4gerei angezettelt h\u00e4tten, oder bei welchem ihre Kinder in der Schule etwas angestellt h\u00e4tten. Die Tschetschenen dachten anfangs, sie seien Russen, da sie diesen \u00e4u\u00dferlich glichen, dann begriffen sie, dass dem nicht so war, und sie ebenfalls Deportierte waren. Alle Deutschen verstehen sich auf etwas, besser gesagt, jeder versteht sich auf vieles, der Tschetschene hingegen versteht sich auf eines \u2013 einfach Tschetschene zu sein. Obwohl kein Deutscher jemanden etwas zuleide tut und sie niemanden st\u00f6ren, mag sie im Dorf niemand, weder die Russen noch die Kasachen, nicht einmal die Tschetschenen. Und zwar deshalb, weil der Krieg gegen die Deutschen gef\u00fchrt worden war, von welchen auch diese einst abstammten. Die Tschetschenen mochten sie zudem auch deshalb nicht, weil man sie selbst unter dem Vorwand angeblicher Kollaboration mit den Deutschen deportiert hatte, dabei hatten sie die Deutschen gar nie mit eigenen Augen gesehen.<\/p>\n<p>Als sie erfuhren, dass jene Leute Deutsche waren, haben die Tschetschenen ihnen sogleich vorgeworfen, dass sie ihretwegen litten. Einige Deutsche, die ihnen in die H\u00e4nde fielen, haben sie verpr\u00fcgelt. Um diesen Zwischenfall beizulegen und k\u00fcnftigen Streit zu vermeiden, haben die Deutschen den Hunger leidenden Tschetschenen eine Wiedergutmachung in Form einer bestimmten Menge Kartoffeln und Sauerkraut bezahlt. Bei den Deutschen wachsen gro\u00dfe und doppelt so viele Kartoffeln wie bei den anderen Dorfbewohnern, obwohl die Erde ein und dieselbe ist. Wenn man dieser Tage einen Deutschen trifft, so err\u00e4t man nicht, ob er etwas von der Krankheit des Voshd wei\u00df und wie er dazu steht. Nichts davon wissen k\u00f6nnen sie nat\u00fcrlich nicht, doch auf ihren Gesichtern widerspiegelt es sich in keiner Weise. Im Dorf wissen ohnehin schon alle, dass man vom Gesicht eines Deutschen nichts ablesen und nie wissen kann, was er denkt. Darin sind sie den Tschetschenen gar nicht \u00e4hnlich, was in deren Kopf vorgeht, dr\u00fcckt sich auch in Sprache, Gesicht und Bewegung aus- Und in diesen Tagen stand alles in sehr gro\u00dfen Buchstaben auf ihren Gesichtern geschrieben. Die Tschetschenen denken, der Tod des kranken russischen Padischah, wie sie den verhassten Stalin nennen, werde f\u00fcr sie R\u00fcckkehr in ihre Heimat bedeuten. Deshalb beten sie zu Gott, dass er ihn hole und zwar so bald wie m\u00f6glich. Die anderen sind jedoch \u00fcberzeugt, v\u00f6llig zugrunde zu gehen, falls dem Kranken etwas zust\u00f6\u00dft. Das Wort Tod wagen sie nicht einmal zu denken, da ja der Woschd kein Mensch ist, der einfach sterben kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>1988 Ererbtes Haus<\/strong><\/p>\n<p>Jedes Mal feilschte ich mit der alten Frau. Sie wollte und wollte nicht nachgeben. \u00bbDas Haus ist noch gut im Stand\u00ab sagte sie \u00bbund zehn Aren Land. Du siehst wie gro\u00df der Garten ist!\u00ab Es war wirklich viel Land. Im Hof wuchsen zwei Nussb\u00e4ume. Als ich sie zum ersten Mal sah, schien mir, sie neigten sich mir zu. Es sollten drei sein, aber es waren nur zwei. In Gedanken warf ich ihnen vor, ihren Gef\u00e4hrten nicht besch\u00fctzt zu haben. Sie schweigen. Stumm sah ich sie von weiten an und gab ihnen zu verstehen, mir sei alles klar.<br \/>\n\u00bbNussb\u00e4ume geben gutes Geld\u00ab meinte die alte Frau, als sie bemerkte, wohin ich blickte. \u00bbMein Mann hat sie selbst gezogen. Ich kann mein Haus nicht einfach so weggeben, junger Mann! Du kannst das nicht verstehen: Es ist das Haus, in dem wir lebten, mit ihm sind Erinnerungen verbunden\u2026 Ich w\u00fcrde auch nicht wegziehen, wenn ich hier Verwandte h\u00e4tte. Aber keiner ist da. Deshalb will ich nach Pskow (S\u00fcdwestlich von St. Petersburg) um mein Leben im Dorf zu beschlie\u00dfen, wo meine Mutter und zwei Schwestern begraben sind. Die dritte Schwester lebt auch dort, in der N\u00e4he von Pskow.\u00ab<\/p>\n<p>Die alte Frau tischte jedes Mal, wenn ich kam, Tee und Maulbeerenbaum-Konfit\u00fcre auf. \u00bbSie ist heilsam\u00ab sagte sie \u00bbdoch ihr achtet ja nicht auf solche Kleinigkeiten.\u00ab Ich l\u00e4chelte traurig und blickte auf die vielen Fotoraphien, die rundum an den W\u00e4nden hingen. \u00bbDas ist mein Mann\u00ab sie zeigte auf das Bild \u00bbund das bin ich. Ich war damals sehr h\u00fcbsch. Mein Mann hat mich wahnsinnig geliebt. Doch er starb fr\u00fch, und lie\u00df mich mit zwei Kindern allein. Ich habe nicht wieder geheiratet. Mein Sohn lebt in Moskau, die Tochter in Pskow. Aber mit ihr, in der Stadt, will ich nicht leben. Was braucht sie mich, alte Frau! Ich gehe ins Dorf, wo meine Eltern gelebt haben. Alle rufen mich, kehr heim, in die Heimat. Warst du schon einmal in Russland?\u00ab &#8211; \u00bbJa, ich war in Russland. Sibirien kenne ich, auch Kasachstan ist mir bekannt. Ich habe bemerkt, dass jede Gegend die Menschen pr\u00e4gt. Hier, in Tschetschenien, ist es ebenso. Davon bin ich \u00fcberzeugt, seit ich Tschetschenien zum ersten Mal gesehen habe.\u00ab<\/p>\n<p>Mein Gro\u00dfvater hatte starkes Heimweh nach den Bergen. Sah er an einem klaren Tag die Wolken am Himmel, rief er: \u00bbAch, arme Wolken! Traurig zieht ihr dahin, wie Waisen, ohne Berge, auf die ihr euch st\u00fctzen k\u00f6nnt!\u00ab Die Berge, von welchen er erz\u00e4hlte, hatte ich damals noch nicht mit eigenen Augen gesehen. Ich kam am zweiten M\u00e4rz 1944 auf dem Transport zur Welt. Als ein Kriegskommissar mich nach Geburtsort fragte, sagte ich, ich sei im Zug geboren worden. Er schlug mit der Faust auf den Tisch und schrie: \u00bbAufh\u00f6ren!\u00ab Ich habe nichts begriffen. Ich begriff immer noch immer nichts, als ich zum Dorfkommandanten ging, mit der Bitte, mich einen Fahrer-Kurs besuchen zu lassen. Er fragt nach meinem Namen. Ich nannte ihn. \u00bbSoo, Daoud! Du hei\u00dft Daud, hast du gesagt? Du willst Fahrer werden und mit einem Fahrzeug herumkurven. Wer wird dann statt dir die Pferde weiden?\u00ab Mit dem stumpfen Ende des Bleistifts, den er zwischen den Fingern hielt, h\u00e4mmerte er auf den Tisch.<\/p>\n<p>\u00bbBekbajew Muchtar wird es statt mir tun, er \u00fcbernimmt die Herde\u00ab erwiderte ich. Ich bem\u00fchte mich, meine Worte so \u00fcberzeugend wie m\u00f6glich klingen zu lassen. Die linke Gesichtsh\u00e4lfte des Kommandanten verzog sich. \u00bbVerschwinde augenblicklich von hier!\u00ab Mit hochgezogenen Brauen sah er mir direkt in die Augen. \u00bbBevor ich dich einloche, weil du die Herde unbeaufsichtigt gelassen hast\u00ab Der Gro\u00dfvater erkl\u00e4rte mir sp\u00e4ter, der Kommandant habe Recht gehabt. \u00bbIn unsere H\u00e4nde geh\u00f6rt eine Peitsche\u00ab sagte er \u00bbzum Auto aber schnelle R\u00e4der.\u00ab Da wurde mir alles klar. Ja, ich war in Russland, in Sibirien, und Kasachstan kannte ich gut. Der Herbst in jenen Gegenden war pr\u00e4chtig, er lie\u00df die wei\u00dfen Espen goldene Tr\u00e4nen weinen. Die Gegenden waren sch\u00f6n.<\/p>\n<p>\u00bbIch erinnere mich an den Tag, als sie euch deportierten. Wie k\u00f6nnte ich es vergessen! Ich weinte, dort an jenem Fenster.\u00ab Die alte Frau zeigte auf das Fenster. \u00bbSie lie\u00dfen niemanden auf die Stra\u00dfe. Ich sah hinter dem Vorhang durchs Fenster und weinte. Nikolai weinte mit mir. Aber Gott hat ihn bestraft, er wurde ja aus dem Mausoleum rausgeschmissen, der Judas! Eine einzige H\u00f6lle reicht nicht, er allein f\u00fcllt ja schon eine\u00ab (Gemeint ist Stalin, auf seinen Befehl wurden die Tschetschenen im Februar 1944 wegen angeblicher Kollaboration mit den Deutschen deportiert)<\/p>\n<p>Ich zweifelte nicht, dass seine S\u00fcnden eine H\u00f6lle f\u00fcllten. Doch f\u00fcr wen sind die anderen H\u00f6llen? Es soll ja mehrere geben. Ich verhandelte lange mit der Frau, wobei ich oft anbrachte, sie solle mit dem Preis runtergehen. Sie l\u00e4chelte und sch\u00fcttelte den Kopf. Sie wusste nicht, weshalb ich gerade dieses Haus wollte. Ich sagte es ihr auch nicht \u2013 ich f\u00fcrchtete, dann wolle sie es mir \u00fcberhaupt nicht verkaufen. \u00bbIn der N\u00e4he steht ein anderes Haus zum Verkauf, nicht teuer. Weshalb kaufst du nicht jenes? Meines gebe ich nicht f\u00fcr weniger als drei\u00dfigtausend, ich habe ja viel Land. In der Stadt ist der Boden teuer. Nicht dass mein Haus schlecht w\u00e4re. Mein Mann hatte eine gute Stellung und verdiente gut. Deshalb baute er dieses Haus in ausgezeichneter Qualit\u00e4t. Du siehst wie gro\u00df die Fenster sind!\u00ab<\/p>\n<p>Die Fenster waren tats\u00e4chlich gro\u00df. Die Zimmer ger\u00e4umig, das Dach hoch. \u00bbEr baute es sehr gro\u00df\u00ab sagte ich \u00bbgew\u00f6hnlich bauen doch die Russen kleine H\u00e4user.\u00ab &#8211; \u00bbNein, er liebte es nicht, knausrig zu sein\u00ab sagte die alte Frau. \u00bbUnd wie er euch Tschetschenen liebte! Oft klagte er: Das ist doch abscheulich, Marina \u2013 ein Volk zu deportieren! Ein ganzes Volk deportieren! Er hatte einen Freund, einen Tschetschenen. Er hie\u00df Mahmud. Wie Nikolai ihn liebte! Bis an sein Lebensende erinnerte er sich an ihn. Fast jeden Morgen sagte er zu mir: Heute habe ich von Mahmud getr\u00e4umt, Marina. Und l\u00e4chelte wie ein Kind\u00ab<\/p>\n<p>Die alte Frau verstummte, gleichsam in alte Zeiten versunken. Auch ich schwieg und sah mich um. Dieses Haus war mir vertraut. Bis zum letzten Nagel. Ich wusste, woher die Balken stammten, aus welchem Wald die Dachsparren. Ich h\u00e4tte ja gerne geglaubt, was die alte Frau erz\u00e4hlte. Manchmal w\u00fcnschte ich, es w\u00e4re genau so gewesen, wie sie erz\u00e4hlte. Manchmal verlangte es mich zu sagen: \u00bbEs war v\u00f6llig anders, meine Liebe. Willst du, dass ich dir die Wahrheit erz\u00e4hle?\u00ab Ich vermochte es nicht.<br \/>\n\u00bbWeshalb willst du gerade dieses Haus, es werden ja noch viele andere verkauft?\u00ab fragte sie pl\u00f6tzlich eines Abends, als ahne sie etwas. Ich sagte ihr, mir gefalle die Lage im Stadtzentrum, das viele Land, zudem sei es ein gutes Haus. Darauf lachte sie: \u00bbStimmt, die Lage ist gut. Trotzdem werde ich nicht zum Preis, den du bietest, verkaufen. Nimm es mir nicht \u00fcbel.\u00ab Ich war ratlos, l\u00e4chelte traurig. In den f\u00fcnf Jahren, in welchen ich in der Stadt studierte, war ich in den Hof zu sp\u00e4hen. Ich sah die beiden Nussb\u00e4ume, wusste aber, es sollten drei sein. \u00bbEinmal wird es mein sein\u00ab gelobte ich jedes Mal. Letztes Jahr sah ich endlich am Zaun: \u00bbHaus zu verkaufen. Anfrage jederzeit\u00ab Da betrat ich zum ersten Mal den Hof, mit dem rechten Fu\u00df voran. Dann blieb ich wie versteinert stehen, unf\u00e4hig mich zu r\u00fchren. Ich erinnerte mich an alles.<br \/>\n\u00bbZu wem wollen sie, junger Mann?\u00ab h\u00f6rte ich fragen. \u00bbhierhin\u00ab &#8211; \u00bbWen wollen sie sprechen?\u00ab &#8211; \u00bbNiemanden\u00ab &#8211; \u00bbWie \u2013 niemanden?\u00ab Ich sagte ihr irgendetwas. Ich wei\u00df nicht mehr, was. Nach meinem letzten Besuch war ich lange nicht mehr bei der alten Frau. Ich \u00fcberlegte st\u00e4ndig, was ich tun sollte. Ich hatte nur dreizehntausend. M\u00fchsam hatte ich soviel erspart, mir vom Mund abgespart, mich nicht wie normale Menschen gekleidet. Niemand w\u00fcrde mir, der von einem einzigen Gehalt lebte, so viel leihen. Aber ich wollte dieses Haus kaufen, darin ein- und ausgehen, es betrachten, darin schlafen, ein breites, langes Bett aufstellen\u2026<\/p>\n<p>\u00bbIch werde sie \u00fcberreden, auf zwanzigtausend herunterzugehen. Irgendwo kriege ich schon noch sieben zusammen\u00ab sagte ich mir. Entschlossen ging ich eines Abends zur alten Frau. Die kleine Pforte war mit einem Schloss verriegelt. Am n\u00e4chsten Tag kam ich wieder. Niemand war da. Ich fragte die Nachbarn, Sie sagten, die alte Frau sei nach Pskow gefahren, zum Begr\u00e4bnis der Schwester, die weder Kinder noch andere Verwandte gehabt habe. Die Nachbarn wussten nicht genau, wann sie zur\u00fcckkommen w\u00fcrde, in zwei Wochen oder einem Monat. Ich brauchte die alte Frau. Ich wusste, dass sie es nun mit dem Verkauf eilig haben werde, und hoffte, sie werde nicht mehr so z\u00e4h sein. Am siebzehnten Abend traf ich sie. Ich sprach mein Beileid aus und ging \u2013 es war unangebracht, an jenem Tag \u00fcber Gesch\u00e4fte zu reden. Als ich zwei Tage sp\u00e4ter wiederkam, war sie in schwarzem Kopftuch am Packen. \u00bbIch fahre weg, junger Mann\u00ab sagte sie \u00bbich fahre weg. Es hat sich ein K\u00e4ufer gefunden, er gibt zweiundzwanzigeinhalb. Dort habe ich ein Haus, von der Schwester, sie hat es mir vererbt\u2026\u00ab<\/p>\n<p>Ich sagte, ich gebe ihr dreiundzwanzig, wenn sie wolle f\u00fcnfundzwanzig, sogar drei\u00dfigtausend. Sie schien erstaunt. \u00bbWann kann ich das Geld bringen?\u00ab Fragte ich, ehe sie dazukam, ein Wort zu sagen. \u00bbDu hast ja kein Geld. Ich verkaufe nicht f\u00fcr dreizehn. Du hast nicht richtig verstanden.\u00ab Ich gab ihr mein Wort, dass ich ihr morgen um acht Uhr dreiundzwanzigtausend bringen w\u00fcrde. Sie starrte mich an. In jener Nacht gab es f\u00fcr mich keine ruhige Minute. Im Taxi suchte ich alle Verwandten auf. Ich brachte die Summe zusammen und fuhr gegen neun Uhr morgens zur alten Frau.<\/p>\n<p>\u00bbDu hast gelogen, als du sagtest, du h\u00e4ttest kein Geld\u00ab scherzte sie \u00bbIch habe es ja geahnt. Es ist nicht gut, alte Leute zu betr\u00fcgen!\u00ab Aus Anstand l\u00e4chelte ich. Sie hatte viel Hausrat, der in einem Container transportiert werden musste: Schr\u00e4nke, Sofas, ein Klavier, einige hundert B\u00fccher. Sie bat mich, ihr zu helfen, sie erlasse mir daf\u00fcr f\u00fcnfhundert Rubel des Kaufpreises. Ich nahm sie nicht. Wir spedierten alles weg, bis auf einen Koffer und eine Tasche, die sie selbst mitnehmen wollte. Sie schien schlecht zu sehen. Jedes Papierchen, jede Quittung musste ich ihr vorlesen. Sie hatte zahlreiche Briefe von ihren Schwestern. Darunter waren auch ihre Briefe an die Schwestern, die ihr Kinder der verstorbenen Schwester zur\u00fcckgegeben hatten. Diese lie\u00df sie hier. Sie nahm nur die an sie adressierten mit. Als die Vorbereitungen getroffen waren, kaufte sie ein Billet f\u00fcr den Nachtzug am Sonntag. Sie blieb noch eine Nacht, um sich von den Nachbarn zu verabschieden.<\/p>\n<p>Ich ging \u00fcber den Hof des von mir gekauften Hauses, r\u00e4umte den Abfall weg, verbrannte Papiere und machte Ordnung. Die ganze Zeit \u00fcberlegte ich: ihr sagen oder nicht. Ich wollte es sagen. Dann dachte ich: Was \u00e4ndert sich, wenn ich es sage? Trotzdem dr\u00e4ngte es mich, alles offen zu legen. Beim Verbrennen der Papiere bemerkte ich auf einem Brief, den die Flamen nicht erreichten, das Wort \u00bbTschetschenen\u00ab. Ich nahm den Brief. Ich kauerte nieder und begann zu lesen. Lange verweilte ich so, ergriffen, in Gedanken versunken. Dann fasste ich mich wieder einigerma\u00dfen. Ich setzte mich auf einen Baumstamm, rauchte eine Zigarette nach der anderen und blieb sitzen, bis es Nacht wurde.<br \/>\nAm Sonntag ging die alte Frau auf den Friedhof, um von ihrem Mann Abschied zu nehmen. \u00bbBegleitest du Marina?\u00ab fragten mich die Nachbarn. \u00bbDer Zug f\u00e4hrt um zehn Uhr.\u00ab Abends stieg leichter Nebel auf. Es begann zu nieseln. Am Bahnhof war es feucht. Die alte Frau weinte, als sie die ehemaligen Nachbarn umarmte. \u00bbBessere Nachbarn findest du nicht\u00ab sagte sie mir und trocknete sich die Augen mit dem Kopftuch. Ich nickte. Aus der Ferne wand sich tosend und laut pfeifend der Zug heran. Die Menschen dr\u00e4ngten auf den Bahnsteig. Ohne jeglichen Respekt schoben und stie\u00dfen sie einander. Sie schleppten Taschen, schrien herum. Die alte Frau hastete ebenfalls vorw\u00e4rts, fragte jeden nach dem vierten Wagen. Auch die Nachbarn beeilten sich. Mit dem Koffer in der Hand schritt ich in gro\u00dfem Abstand hinterher. Schon zum x-ten Mal fragte ich mich: ihr sagen oder nicht?<br \/>\nDie alte Frau umarmte uns alle nochmals, winkte uns von der Plattform zu und verschwand im Zug. \u00bbSie war eine g\u00fctige Frau\u00ab sagte einer. \u00bbWie gut wir es hatten\u00ab ein anderer. \u00bbJa, schade\u2026\u00ab ein dritter. Ich schwieg. Ich konnte nicht glauben, dass alles zu Ende war, dass ich ihr nichts gesagt hatte, es nicht einmal versucht hatte. Mit einem heftigen Ruck setzte sich ein Wagen nach dem anderen \u00e4chzend in Bewegung. Zwei Fenster blitzten vorbei. Das dritte, vierte, f\u00fcnfte, sechste. Dann alle. Schneller, immer schneller. Wie Funken stoben sie vorbei und verschwanden. Der Zug entschwand, mit ihm die alte Frau. Ich hatte nichts gesagt.<\/p>\n<p>Im Get\u00f6se des Zugs kam mir mein Gro\u00dfvater in den Sinn. Ich erinnerte mich, wie traurig er zum Himmel blickte, schwer seufzte, manchmal die Lider halb geschlossen. Dann hatte er Tschetschenien vor Augen. Dessen Berge, die Wolken, die sie umh\u00fcllten, wei\u00df von der reinen Luft, die sie atmeten. Vielleicht erinnerte er sich auch an sein Haus, f\u00fcr dessen Errichtung er auf Stieren Baumst\u00e4mme aus Sorota geholt hatte \u2013 an das Haus, das nun f\u00fcr dreinundzwanzigtausend in mein Eigentum \u00fcbergegangen ist. Es ist mir nicht vererbt worden \u2013 wie der alten Frau das Haus der Schwester.<\/p>\n<p>\u00bbIm Hof habe ich drei Nussb\u00e4ume gepflanzt\u00ab sagte mein Gro\u00dfvater oft. Nun waren es nur noch zwei. Meinem Gro\u00dfvater fehlten an der linken Hand drei Finger, und er hinkte mit einem Bein. Diese Verletzung waren ihm nach den K\u00e4mpfen gegen Denikins Truppen in Alchan-Jurt als dauerndes Andenken geblieben. Er hatte f\u00fcr die Sowjetmacht gek\u00e4mpft. \u00bbDu bist am zweiten M\u00e4rz im Zug zur Welt gekommen\u00ab erz\u00e4hlte er mir \u00bbals wir auf jenem entsetzlichen Transport waren.\u00ab Gezeugt wurde ich aber in diesem Haus. Von hier haben sie uns damals vertrieben. Meine Mutter starb im Fr\u00fchling desselben Jahres, als wir in Kasachstan ankamen, aufgedunsen vor Hunger, von L\u00e4usen zerfressen. Der Gro\u00dfvater suchte Essen f\u00fcr sie aufzutreiben. Er wurde mit einem Pud Weizen erwischt, den er in der Kolchose gestohlen hatte. Er bekam zehn Jahre.<br \/>\nNein, die alte Frau hat nicht aus dem mir gezeigten Fenster gesehen und aus Mitleid mit den Menschen geweint, die 1944 an einem Februarmorgen vertrieben wurden. Es war das Haus meines Gro\u00dfvaters. Sie war an jenem Tag nicht dort. Im Brief, den ich fand, hatte die alte Frau der Schwester in Pskow geschrieben: \u00bbLiebe Schwester, wir haben eine schlechte Nachricht erhalten. Die Tschetschenen und Inguschen sollen nach Hause gelassen werden. Nun wissen wir nicht, was tun. Gott verh\u00fcte, dass sich dies als wahr erweist\u2026\u00ab<\/p>\n<p>F\u00fcr sie war es eine schlechte Nachricht, dass sie mich nach Hause zur\u00fcckkehren lie\u00dfen, nach Tschetschenien, in mein Land \u2013 in das Haus meines Gro\u00dfvaters. Dennoch habe ich ihr nichts gesagt. Lange sah ich dem Zug nach, in dem sie wegfuhr. Das Ger\u00e4usch des Zuges widerhallte in meinem Kopf, l\u00f6ste sich in tausend Schreie auf. Eisige K\u00e4lte durchfuhr meine Adern. Das Ger\u00e4usch des Zuges, der einst von hier wegdonnerte und auf seiner langen Fahrt Leichen, Leichen, Leichen in den wei\u00dfen Schnee ausspie\u2026<br \/>\nDa wurde mir klar, weshalb ich der alten Frau nichts hatte sagen k\u00f6nnen. Wozu auch, sie h\u00e4tte meinem Schmerz nicht verstanden. Damals haben ja viele nicht verstanden. Nur wenige, einige wenige Menschen haben verstanden. Die alte Frau geh\u00f6rte nicht dazu. Nichts zu machen, wirklich nichts\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Bittere Erinnerungen<\/strong><\/p>\n<p>Der erste Krieg (1994-1996) hat mein Dorf und das Nachbardorf zerst\u00f6rt. Vom Haus f\u00fcr den Bruder ist kein Stein auf dem anderen geblieben. Das Haus, das ich f\u00fcr ihn, der mir so lieb war, gebaut habe. Auch mein kleines Haus ist niedergewalzt, Kettenpanzer bahnten sich einen Weg hindurch. Die noch aufragenden Mauerreste und Torpfosten erinnern an ein abgebranntes Maisfeld.<\/p>\n<p>Es sind schwere Zeiten. Das N\u00f6tigste zum Leben fehlt. Jeden Tag betteln mehr Arme um Almosen. Immer mehr Bewaffnete spielen mit Waffen, schie\u00dfen auf Menschen, wo auch F\u00e4uste gen\u00fcgten. Wer hat sich nicht alles hierher verirrt, Koreaner, Araber, Schwarze, Leute aus Indien, dem Irak. Obdachlose Hunde. Zum Am\u00fcsement werden ihnen tschetschenische M\u00e4dchen geliefert, verheiratete und ledige. Eine ist selber \u00fcbergelaufen oder gegen ihren Willen entf\u00fchrt worden, ohne Gottes Segen. Die Eltern sagen danach, sie sei zum Jihad aufgebrochen. Wie Esel, die sich von der Leine losgerissen haben, verletzten von \u00fcberall Hergelaufene, gemeine Diebe und M\u00f6rder das Verbot des Ehebruchs und genie\u00dfen die S\u00fcnde. \u00dcber alle vier Grenzen der Republik, nach Dagestan, Inguschetien, Georgien, Stawropol, transportieren sie ab, was auch nur den geringsten Wert hat. Vom Eisendraht bis zum Hirsebesen lassen \u00bbGener\u00e4le\u00ab jegliche \u00bbBeute\u00ab mitlaufen. Da werden Waffen verkauft, dort entf\u00fchrte Menschen. Sie ergreifen Besitz von fremden Wohnungen, H\u00e4usern, Grundst\u00fccken. Die ganze Republik stinkt nach Benzin, ist von Russ brennenden \u00d6ls \u00fcberzogen. Menschen, die seit dem Tag ihrer Geburt die Stadt nicht ein Mal gesehen haben, werden mit achtzehn, zwanzig, f\u00fcnfundzwanzig Jahren Eigent\u00fcmer von f\u00fcnf, ja zwanzig Wohnungen. Und bleiben es, als Diener jeder neuen Staatsmacht. Ihr selbst produziertes \u00d6l, die \u00d6lgruben sind vergessen.<\/p>\n<p>Vertreter s\u00e4mtlicher Geheimdienste str\u00f6men hierher und vergessen ihre Kriege, ihren Jihad. Sie kommen, um Tschetschenien zu befreien, statt ihr Pal\u00e4stina, ihren Irak, ihr Afghanistan. Neue Staatsorgane treten in Erscheinung \u00bbSchura-Rat\u00ab, \u00bbScharia-Gericht\u00ab, \u00bb\u00c4ltesten-Rat\u00ab. Unter den Jungen kommt eine neue Mode auf, sie rasieren den Schnurrbar und lassen sich B\u00e4rte wachsen. Sie verk\u00fcnden, es gebe weder einen Propheten \ufdfa noch Heilige, es gebe nur Gott und sie. Sie s\u00e4en Zwietracht und spalten das Land. Weil niemand sie in Schach h\u00e4lt und sie nur auf die Befehle ihrer nicht hiesigen Herren h\u00f6ren, entbrennt der zweite Krieg (1999-2009). Das entzweite Land verliert ihn.<\/p>\n<p>Nach dem Verlust unseres gesamten Besitzes fehlen meiner Familie die Mittel, um aus der Republik auszureisen. An einem regnerischen Herbsttag nutzen wir die Gelegenheit zur Flucht. Die russischen Truppen, die Grosny eingeschlossen haben, gestatten den Bewohnern, die Stadt Richtung Nadteretschny-Rayon zu verlassen. Meine alte Mutter, die heranwachsende Tochter, der vierj\u00e4hrige Junge, meine Frau und ich fliehen zu Beginn des zweiten Krieges, im Oktober 1999, in dichtem Schneeregen. Die Kolonne von Autos, Bussen und Lastwagen w\u00e4lzt sich wie eine vertriebene Herde \u00fcber die Anh\u00f6he in Richtung des Dorfes Dojkur. Als sich die Menschen- und Autoschlange abw\u00e4rts windet, beginnen in der Ferne sich dunkel abzeichnende Panzer, Minenwerfer und andere Gesch\u00fctze Feuer auf uns zu speien.<\/p>\n<p>In diesem Chaos, dieser Apokalypse, setzten Explosionen Gesch\u00fctze in Brand, t\u00f6ten, verbrennen und verst\u00fcmmeln lebende Menschen. Verwundete suchen ihre H\u00e4nde und F\u00fc\u00dfe. Abgerissene K\u00f6pfe fliegen durch die Luft. Wir kommen kaum mehr aus dem Bus heraus. Meine Tochter wird das linke Bein oberhalb des Knies weggerissen, wie mit einem Messerschnitt. Splitter explodierender Granaten verletzten Menschen, auch meine Mutter. Von Sinnen vor Entsetzten, vor dieser H\u00f6lle, schreien, heulen die Menschen, rennen \u00fcber den Hang statt irgendwo Deckung zu suchen. Sie st\u00fcrzen zu Kindern und Eltern, versuchen sie zu retten, ihre Taschen zu ergreifen. In ihrer Panik wissen sie nicht, was tun. Die Explosionen blenden und bet\u00e4uben uns, aufrichten k\u00f6nnen wir uns nicht. Durch den Dreck kann ich etwas weiter kriechen, die Mutter auf dem R\u00fccken, den Sohn an der Hand. Die Tochter kriecht mit meiner Frau. Wir sto\u00dfen auf ein Rohr, von halber K\u00f6rperl\u00e4nge Durchmesser. Es ist voll von Menschen, schreienden, st\u00f6hnenden, um Hilfe rufenden, von Entsetzten gepackten Menschen. Der L\u00e4rm ist furchtbar. Ich lasse Mutter, Sohn und Frau im Rohr, mehr Platz gab es ohnehin nicht. Mit der verwundeten Tochter krieche ich unter Feuerschl\u00e4gen weiter. Mehr tot als lebendig erreiche ich das n\u00e4chste Dorf, \u00fcbergebe sie dem ersten Bewohner, den ich treffe, und bitte ihn, sie ins Krankenhaus zu bringen. Bei meiner R\u00fcckkehr zum Rohr ist die Mutter nicht mehr am Leben.<\/p>\n<p>Noch in derselben Nacht begrabe ich sie, in einem fremden Hof. Im selben Kleid, den Kiefer mit ihrem Kopftuch hochgebunden. Drei Tage sp\u00e4ter stirbt die Tochter, nachdem sie sich zwei Tage im Delirium hin und her geworfen hat. Ich weine um die Mutter, trauere um die Tochter. Zu ihrem Begr\u00e4bnis versammeln sich zahlrieche Menschen. Gem\u00e4\u00df unserer Sitte bringen sie eine Opfergabe dar, sie schlachten einen auf Borg gekauften Stier. Am \u00fcbern\u00e4chsten Tag kehre ich zur Anh\u00f6he zur\u00fcck. Ich sehe eine Menge Leichen und \u00dcberreste zertr\u00fcmmerter, verkohlter Autos. Heckensch\u00fctzen schie\u00dfen, um die Menschen von den Toten fernzuhalten. Ich finde den blutbefleckten Pass einer jungen Frau, der Name Makka und der Wohnort Dischni-Wedeno sind noch erkennbar. \u00dcberall liegen K\u00f6rperteile, K\u00f6pfe, F\u00fc\u00dfe, H\u00e4nde. Ich m\u00f6chte das Bein meiner Tochter finden, um es zu begraben. Gefunden habe ich nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>1999 Krieg im Kaukasus<\/strong><\/p>\n<p>In Tschetschenien wurden Menschen in die Luft gesprengt und starben. Wurde ein Soldat beim Legen einer Sprengmine gefasst, wurde sein Name gew\u00f6hnlich verschwiegen. Ein Tschetschene hingegen wurde unter Angaben des vollen Namens am Fernsehen gezeigt. An der Bushaltestelle beim Museum kamen bei einer Explosion f\u00fcnfzehn oder sechzehn Menschen um, einschlie\u00dflich kleiner Kinder. Das Regierungsgeb\u00e4ude wurde gesprengt. Dabei starben zahlreiche Menschen. \u00bbWir wissen wer dies getan hat! Das Volk hat nichts zu bef\u00fcrchten! Es hat die Freiheit gew\u00e4hlt!\u00ab lie\u00df die Regierung verlauten. Aber das Volk hatte Angst, vor der ehemaligen wie der jetzigen. Die jetzige bestand aus der ehemaligen und teilte mit ihr die Beute. Das Volk als solches gab es nicht mehr. Geblieben sind nur herumhastende, bleiche, erb\u00e4rmliche Wesen mit irgendwelchen Namen, Phantome, mit gesenktem, starren Blick.<\/p>\n<p>Das Volk wurde blo\u00df zum Kampf um die Macht gebraucht. Viele wechselten im Gerangel mehrmals die Seiten \u2013 Herren der Lage waren die Russen. Sie schrieben das Drehbuch und f\u00fchrten Regie. Auch der Schl\u00fcssel des Theaters war in ihrer Hand. Die anderen waren lediglich Akteure und wurden gezwungen, die ihnen zugeteilte Rolle zu spielen. Wer versuchte, eigenm\u00e4chtig den Text zu \u00e4ndern, wurde ein f\u00fcr alle Mal von der Szene gefegt. Irgendwo gab es allerdings auch jene, die aufrichtig an die Freiheit, an Tschetschenien glaubten. Sie haben sich nie weder auf die eine, noch auf die andere Seite geschlagen. Viele von ihnen sind gestorben. Die restlichen wurden denunziert, ohne je herauszufinden zu k\u00f6nnen, wer sie denunziert hatte. Es gab noch einige wenige, die nie irgendwem vertraut haben. Wer vertraute, ging einen Pakt mit dem Tod ein. Der Tod hatte jedoch nicht mehr die Bedeutung von einst. Mit Ehre, W\u00fcrde und Achtung hatte er nichts mehr zu tun.<\/p>\n<p>Jeden Tag, jede Nacht wurden Menschen get\u00f6tet. Wie eine hirtenlose Herde wurden sie von Dorf zu Dorf gejagt. Wer ihnen in die H\u00e4nde fiel, t\u00f6teten die Soldaten, wer ihnen entkam \u2013 gewisse Tschetschenen, die mit dem russischen Geheimdienst gemeinsame Sache machten und eigene Landsleute verrieten. Festgenommene verschwanden spurlos. Wer ihre Leichen fand, konnte froh sein. Sie geziemend bestatten zu k\u00f6nnen, war ein Trost.<\/p>\n<p>Am Leben blieb nur, wer beizeiten fliehen und sich verborgen halten konnte. Viele hielten das Land f\u00fcr eine von Gott verfluchten Ort und verlie\u00dfen es. Mittellose wurden Fl\u00fcchtlinge, Wohlhabende fanden in Moskau Zuflucht. In Moskau gab es keinen Krieg. Dort gab es breite, die ganze Nacht beleuchtete Strassen, Z\u00fcge, Metro, Flugzeuge. Dort gab es Konzerte, Feste, Hochzeiten. Nach Belieben auch Bars, Bordelle und hellhaarige russische M\u00e4dchen. Reiche Tschetschenen vergossen von dort \u00bbTr\u00e4nen\u00ab \u2013 Unser Volk leidet, das russische Volk. Sie wiederholten, was die \u00bbHerren ihnen auftrugen, erwiesen ihnen jegliche Gefallen, wenn sie nur dortbleiben durften. Auf eigene Kosten bauten sie den Russen H\u00e4user, Tennispl\u00e4tze. Gaben Millionen f\u00fcr sie, deren Frauen und Kinder aus, flogen sie zur Erholung auf die Kanarischen Inseln, in die Schweiz, nach Nizza.<\/p>\n<p>Die Landsleute in Tschetschenien speisten sie mit leeren Versprechungen ab. Damit errichteten sie Pal\u00e4ste, bauten D\u00f6rfer und Stra\u00dfen wieder auf. Bat man sie um die kleinste, konkrete Hilfeleistung, verschwanden sie und blieben unauffindbar. Brauchten hingegen sie hier Hilfe, beispielsweise in der Vorwahlkampagne, tauchten sie von wei\u00df woher auf. Sie setzten sich, fassten sich an den \u00bbsorgenschweren\u00ab Kopf, redeten \u00fcber die hiesige Lage, \u00fcber ihre Schlaflosigkeit vor Kummer um das Schicksal des Volkes und dessen Zukunft. Sie beredeten, berieten, fragten, seufzten, r\u00e4tselten, wie sie helfen k\u00f6nnten: \u00bbUnser Volk, das arme Volk\u2026 wir sind doch eine echte Nation, in unseren Sitten edler, kein Volk, das unserem gleich k\u00e4me\u2026 Wie k\u00f6nnte man denn helfen, vielleicht einen Fonds gr\u00fcnden, f\u00fcr unsere Kultur, um wenigstens etwas zu retten. Ob eine Million gen\u00fcgt, eine Million Dollar?\u00ab Nach Erw\u00e4gung und Berechnungen warfen sie ihre Scherflein hin, wie einem Kind, und verschwanden wieder, auf lange Zeit.<\/p>\n<p>Fl\u00fcchtlinge gaben via Internet aus der Schweiz, Frankreich, Amerika und Polen Erkl\u00e4rungen ab: \u00bbMein Volk leistet dem Aggressor Widerstand. Es l\u00e4sst sich von ihm nicht besiegen!\u00ab Das Volk war bereits am Rand des Abgrunds, entkr\u00e4ftet, ersch\u00f6pft, allein, sich selbst \u00fcberlassen. Es ging ihm so schlecht wie einem verwaisten Welpen. Einer warf ihm Almosen zu, der andere versetzte ihm einen Fu\u00dftritt. Das ganze Volk wurde gleichsam nach dem Sprichwort \u00bbHerr der Frau und des Pferdes ist, wer auf ihnen sitzt\u00ab behandelt. Kommt er nicht selber zurecht, sucht er anderweitig Abhilfe.<\/p>\n<p>Russland verk\u00fcndete allenthalben, tschetschenische Terroristen seien in Bolivien, Irak, Bosnien, Afghanistan gefasst worden. Angebliche \u00bbTerroristen\u00ab waren M\u00e4nner, die Soldaten nachts aus ihren H\u00e4usern geholt hatten, die Verwandte jahrelang nicht finden konnten und f\u00fcr spurlos verschwunden hielten. Ohne Namen und Pass wurden sie unter Nummern gefangen gehalten, beinahe zu Tode gefoltert, mit f\u00fcnfzehn-zwanzigj\u00e4hrigen Haftstrafen eingesch\u00fcchtert, vertraglich zur Sabotage, Teilnahme am Krieg, Mord verpflichtetet und dann in jene L\u00e4nder geschickt. Gef\u00e4ngnisse gab es viele, das gr\u00f6\u00dfte samt Trainingslager war in Baschkirien. Ger\u00fcchten \u00fcber Verbindungen der Tschetschenen zu al-Kaida wurden verbreitet. Die Tschetschenen waren ein gro\u00dfes \u00dcbel, weltweit. Niemand mochte sie, niemand wollte sie sehen und h\u00f6ren. Auch im eigenen Land mochte sie niemand. Sie waren anders, und deshalb suspekt. Selbst ein arglos ausgesprochenes Wort wurde gleich der \u00bbrechten\u00ab Stelle hinterbracht. Keiner traute dem anderen, jeder f\u00fcrchtete jeden. Es gab keinen Tag, keine Nacht, ohne dass zwanzig, drei\u00dfig umgebracht wurden, vor allem junge M\u00e4nner, die neue Generation. M\u00e4nner sah man kaum mehr. Wohin der Blick fiel, \u00fcberall waren Frauen. Sie beschafften das t\u00e4gliche Brot, erduldeten Beschimpfung und Erpressung der Soldaten. Tag und Nacht schleppten sie schwere Taschen aus Dagestan oder der Kabarda nach Tschetschenien.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>2002 Die S\u00e4uberung<\/strong><\/p>\n<p>Die Nacht ist ruhig. Die Sterne flackerten heiter am Himmel. Der Mond g\u00e4hnte, kam durch die Wolken und glitt \u00fcber den Himmel. Heute haben sich Nacht und Stille gefunden. Seit langem waren sie nicht mehr so ruhig vereint. Es krachen keine Panzergeschosse, keine Leuchtraketen \u00e4rgern den Himmel. Das Dorf war eingeschlafen, im Frieden der n\u00e4chtlichen Stille.<\/p>\n<p>Sie kamen fr\u00fchmorgens und zerfetzten die Stille. Die Fenster des Hauses klirrten vom Dr\u00f6hnen der schweren Fahrzeuge, als wollten sie die Bewohner vor der nahenden Gefahr warnen. Die Hunde begangen wild zu bellen. Die Menschen sprangen aus dem warmen Bett und f\u00fchrten noch im Halbschlaf die gewohnten Handgriffe aus. Zeit mit Anziehen wurde nicht verschwendet, denn Alte wie Junge legten sich in den Kleidern schlafen, wie Partisanen im Wald. Die Frauen steckten die goldenen Schmuckst\u00fccke und die mageren Ersparnisse unter ihre Kleider, um sie vor den unguten Blicken ungebetener G\u00e4ste zu verbergen. Die M\u00e4nner legten die P\u00e4sse bereit und versteckten alles, was entfernt an eine Waffe erinnert \u2013 zu lange K\u00fcchenmesser, Familienst\u00fccke wie Dolche der Gro\u00dfv\u00e4ter und weitere unsinnige Gegenst\u00e4nde, auf welche sich die Soldaten bei den \u00abS\u00e4uberungen\u00bb jeweils st\u00fcrzten und ihnen h\u00f6chst kriegerische Bedeutung beima\u00dfen.<\/p>\n<p>Die Soldaten verteilen sich \u00fcber den Hof. W\u00e4hrend der S\u00e4uberung legten sie au\u00dferordentliche Effizienz und gro\u00dfen k\u00e4mpferischen Eifer an den Tag. Der Erfolg dieser Operation war ihnen sicher. Weil der Feind ohne Waffen und nicht imstande war, Widerstand zu leisten. Die M\u00e4nner des Hauses standen mit finsterem Blick in der Mitte des Hofes, schweigend beobachteten sie, wie die Soldaten ihr Haus verw\u00fcsteten.<\/p>\n<p>\u00abNun, ihr Herren, was l\u00e4sst ihr den Kopf so h\u00e4ngen?\u00bb Jener, der ihr Anf\u00fchrer zu sein schien, trat auf sie zu, in seinem Ton lag Spott. \u00abWo ist eure kaukasische Gastfreundschaft?\u00bb &#8211; \u00abSo kommt man nicht zu Gast\u00bb antwortete der Hausherr finster. \u00abSogar ein Feind beachtet die elementaren Anstandsregeln.\u00bb<\/p>\n<p>\u00abIm Krieg gibt es nur eine Regel, \u00dcberrumplung!\u00bb lachte der Anf\u00fchrer der \u00abS\u00e4uberer\u00bb voll Stolz auf sein Wissen. \u00abAber hier, unter Zivilisten, ist das unangebracht\u00bb entgegnete der Tschetschene. \u00abAuf dem Schlachtfeld, Aug im Auge mit dem Feind, ist es etwas anderes.\u00bb<\/p>\n<p>\u00abAch So! Man ist ja schrecklich gebildet.\u00bb Ver\u00e4chtlich hob der Soldat die Schultern. \u00abWer seid ihr denn? Nun, von Beruf?\u00bb &#8211; \u00abIch bin Geschichtslehrer an der Schule.\u00bb &#8211; \u00abAha, Schulmeister der Kriegskunst\u00bb formulierte der Soldat auf seine Art die Aussage des Lehrers. \u00abSie bilden wohl die zuk\u00fcnftige Bojewiki aus?\u00bb<\/p>\n<p>\u00abProchorow!\u00bb laut rief er einen der Soldaten. \u00abHier!\u00bb Der Besitzer des gerufenen Namens kroch aus dem Keller. \u00abHast du etwas gefunden?\u00bb &#8211; \u00abNein, nichts, Genosse Sergeant.\u00bb &#8211; \u00abDie Antwort ist nicht korrekt.\u00bb Viel sagend stellte sich der Sergeant vor ihm auf. \u00abDu hast gefunden \u2026 Habe ich mich klar ausgedr\u00fcckt?\u00bb<\/p>\n<p>\u00abVerstanden, Genosse Sergeant\u00bb Der Soldat kroch erneut in den Keller und nach kam nach einer Minute wieder heraus. \u00abGenosse Sergeant, ich habe eine Granate gefunden, in einem Sack Mais.\u00bb Der Sergeant blickte triumphierend auf den bleich gewordenen Lehrer. \u00abNun, was sagen sie zu ihrer Rechtfertigung, Herr Lehrer?\u00bb<\/p>\n<p>\u00abIhr selbst habt doch die Granate dorthin gelegt, ihr handelt gesetzwidrig.\u00bb r\u00fcgte dieser. Der Sergeant lachte. \u00abUnd sie werden es beweisen. Schreiben sie doch eine Beschwerde. Reichen sie Klage ein.\u00bb Er freute sich \u00fcber die missliche Lage des rechtlosen Tschetschenen. Dann befahl er: Ihn ergreifen und ins Auto!<\/p>\n<p>Sogleich banden sie ihm die H\u00e4nde und warfen ihn zu Boden. Seine Frau lief verzweifelt \u00fcber den Hof und reif um Hilfe, doch es gab kaum jemand, der ihm h\u00e4tte zu Hilfe kommen k\u00f6nnen. Rundherum, in allen H\u00f6fen, h\u00f6rte man Schreie und vereinzelte Sch\u00fcsse von Maschinengewehren, es geschah Unbeschreibliches.<\/p>\n<p>\u00abGenosse Kommandant\u00bb meldete jetzt per Funk der Sergeant. \u00abWir haben einen Bojewiki gefasst \u2026 einen Anf\u00fchrer \u2026 Wir haben Waffen gefunden. Wir f\u00fchren eine sorgf\u00e4ltige Kontrolle durch \u2026 Verstanden!\u00bb Er stellte das Funkger\u00e4t ab und beugte sich \u00fcber den zu Boden geworfenen Verhafteten. \u00abAlso Herr Historiker deine Geschichte ist zu Ende, jetzt beginnt eine neue \u2013 Dossier Nummer 1 \u2013 und glaub mir, solche Anklagedossiers anlegen, das k\u00f6nnen wir. Darauf kannst du dich verlassen.<\/p>\n<p>Ein junges M\u00e4dchen von ungef\u00e4hr sechzehn Jahren, dass die Schreie und das Weinen seiner Mutter geh\u00f6rt hatte, st\u00fcrzte aus dem Haus. Dichte kastanienbraune Haare fielen ihr \u00fcber den R\u00fccken, in ihren gro\u00dfen Augen stand blankes Entsetzten. \u00abVater\u00bb &#8211; \u00abGeh weg, Tochter geh in Haus, schrie ihr der Vater zu.\u00bb Er versuchte, sich aufzurichten, wurde aber fest zu Boden gedr\u00fcckt.<\/p>\n<p>\u00abAch, schau mal, welch h\u00fcbsches Ding!\u00bb Der Sergeant packte das zum Vater dr\u00e4ngende M\u00e4dchen am Arm. \u00abWo hast du denn eine solche Sch\u00f6nheit versteckt?\u00bb In seinen Augen blitzen gef\u00e4hrliche Funken auf. Das M\u00e4dchen grub die Z\u00e4hne in seine Hand. \u00abAh, du Mistst\u00fcck!\u00bb Schrie er und fasste sie an der Gurgel. \u00abWas soll\u00b4s, wir unterhalten uns sp\u00e4ter, unter vier Augen.\u00bb<\/p>\n<p>\u00abLass sie los\u00bb st\u00f6hnte der Vater des M\u00e4dchens. \u00abIch werde alles unterschreiben, was ihr verlangt. Aber r\u00fchrt meine Tochter nicht an.\u00bb &#8211; \u00abWas hei\u00dft da sie loslassen?\u00bb zischte der Sergeant zornig \u00abDie ist doch eine Heckensch\u00fctzin \u00bb Die Mutter des jungen M\u00e4dchens brach vor Entsetzen fast zusammen. \u00abWas tut ihr, ihr Ungeheur?\u00bb Sie warf sich auf den Sergeanten. \u00abNimm deine schmutzigen Pfoten von meiner Tochter!\u00bb<\/p>\n<p>\u00abVerschwinde, du Hexe\u00ab der Sergeant riss sich von ihr los, machte aber gar keine Anstalten, seine Beute loszulassen. Die Frau kratze wie eine Tigerin, die ihr Junges verteidigt. Au\u00dfer sich vor Zorn und Schmerz verlor der Sergeant die Beherrschung, er zog die Pistole und erschoss die arme Frau aus n\u00e4chster N\u00e4he.<\/p>\n<p>\u00abMama!\u00bb Eisiger Schauer durchfuhr die Tochter. Bewusstlos sank sie neben die Tote. \u00abSchweinehunde!\u00bb Machtlos schlug der zu Boden gedr\u00fcckte Tschetschene mit dem Kopf gegen den Boden. \u00abWenn ich am Leben bleibe, so werde ich euch sogar aus dem Grab herausholen!\u00bb Der Sergeant antwortete gelassen \u00abRichtig, richtig, wenn du am Leben bleibst\u2026 Aber ich, ich werde daf\u00fcr sorgen, dass dies nicht geschieht\u2026 Ins Auto mit ihm \u2026 Das M\u00e4dchen auch \u2026 Sie ist unsere Troph\u00e4e.\u00bb<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich ert\u00f6nte eine durchdringende Knabenstimme. \u00abStehen bleiben!\u00bb Verbl\u00fcfft standen alle still. In diesem Durcheinander hatte niemand den etwa zw\u00f6lfj\u00e4hrigen Jungen aus dem Haus st\u00fcrmen sehen. Jetzt stand er mit einer Granate in der Hand da, bereit, sie zu entsichern. Der Sergeant war best\u00fcrzt. \u00abHe! Kleiner!\u00bb schmeichelte er \u00abgib die Granate her, damit scherzt man nicht.\u00bb<\/p>\n<p>In den Augen des Jungen schimmerten Tr\u00e4nen. Er wies mit dem Kopf in Richtung der toten Mutter und der bewusstlos daliegenden Schwester. \u00abIhr habt genug gescherzt \u2026 Jetzt bin ich dran.\u00bb Stille trat ein. Alle warteten gebannt. Dem Sergeanten und dem Soldaten stockte der Atem. Wenn sie explodiert, kommen sie nicht mit dem Leben davon. In den H\u00e4nden des Jungen war dieselbe Granate, die der Soldat dem Hausherrn erst unterschoben und dann auf den Tisch gelegt gatte, als Beweisst\u00fcck. Doch aus Versehen hatte er vergessen, sie wegzuschaffen.<\/p>\n<p>\u00abSag deinem Kleinen, er soll die Granate hergeben\u00bb zischte der Sergeant dem Tschetschenen zu, der den Blick ausdruckslos auf eine Stelle gerichtet hielt. Vater und Sohn sahen einander in die Augen. Keiner der Anwesenden konnte sich vorstellen, was in diesen beiden verwandten Seelen vorging. Beide schwiegen, aber redeten mit Augen und der Junge las in jenen des Vaters die ganze Ausweglosigkeit ihrer Lage. Auch wenn er die Granate hergibt, bekommt er den Vater nicht zur\u00fcck und rettet die Schwester nicht vor Schande. An sich selbst dachte er schon gar nicht. Der Vater schloss die Augen \u2026 Man h\u00f6rte eine ohrenbet\u00e4ubende Explosion.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag wurde jedoch in den Nachrichten am Fernsehen gemeldet: In einem tschetschenischen Dorf, in den Bergen, stie\u00dfen Soldaten bei einer planm\u00e4\u00dfigen S\u00e4uberungsoperation auf eine Gruppe von K\u00e4mpfern, unter ihnen zwei Heckensch\u00fctzinnen. Ein Gefecht entbrannte, die K\u00e4mpfer sind vernichtet, die Soldaten in Erf\u00fcllung ihrer Pflicht heldenhaft gefallen. Ihre Namen werden zu Ordensverleihung vorgeschlagen. Posthum.<\/p>\n<p>TEXT: Musa Beksultanow erz\u00e4hlt von der Unm\u00f6glichkeit, entwurzelt heimzukommen und so zu tun, als k\u00f6nnte man weiterleben. Er spiegelt in seinen Erz\u00e4hlungen tschetschenische Geschichte und Gegenwart. Inspirationsquelle sind eigene Erlebnisse sowie Erinnerungen aus dem Mund \u00e4lterer Tschetschenen. Kunstvoll verflochtene Handlungsstr\u00e4nge, pr\u00e4gnant geschilderte Figuren und kritische Dialoge vergegenw\u00e4rtigen bewegte Jahrzehnte des Widerstands und des Ringens um Freiheit. Beksultanow bleibt er der Wahrheit verpflichtet \u2013 und schreibt weiter. (Stela\u2019ad)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1935\/37 Kollektivierung im Kaukasus Wer viel Leid erfahren hat, strebt nicht nach irdischen G\u00fctern. Ich habe soviel erlitten, dass ich das Leben kenne, ohne mir Illusionen zu machen. Es gen\u00fcgt, an jenen Abend im letzten Sommermonat des Jahres 1937 zu denken. Ich kehrte vom M\u00e4hen heim, mit einem verwundeten Wachtelweibchen in der Hand. 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