{"id":1183,"date":"2017-07-25T13:32:25","date_gmt":"2017-07-25T11:32:25","guid":{"rendered":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=1183"},"modified":"2017-07-25T13:32:25","modified_gmt":"2017-07-25T11:32:25","slug":"an-einem-tag-vor-20-jahren","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=1183&lang=de","title":{"rendered":"An einem Tag vor 20 Jahren"},"content":{"rendered":"<p><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-1186 alignleft\" src=\"http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/t7rAtSj-300x217.png\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"217\" \/>Die russischen Kriege in Tschetschenien, die vor 20 Jahren begannen, waren lang und blutig. Nach Sch\u00e4tzungen internationaler Menschenrechtsorganisationen kamen 180.000 Zivilisten um, davon 42.000 Kinder. Und mittendrin Wladimir Putin, damals Direktor des F\u00f6deralen Geheimdienstes FSB. Ein Gastbeitrag.<\/strong><\/p>\n<p>Vor 20 Jahren, am 11. Dezember 1994, drangen russische Panzereinheiten in Tschetschenien ein und standen wenige Tage sp\u00e4ter vor der Hauptstadt Grozny. Beschuss und Bombardierung der Stadt forderten Hunderte Todesopfer, 280.000 Menschen, vor allem Frauen und Kinder, flohen aus der brennenden Stadt. Die Tschetschenen, die nach den Regeln der sowjetischen Verfassung1990 aus der Sowjetunion ausgetreten waren und auf den Nationalkongressen 1990 und 1991 ihre Unabh\u00e4ngigkeit erkl\u00e4rt hatten, sahen darin einen Angriff gegen ihre staatliche Souver\u00e4nit\u00e4t und ihr Recht auf Selbstbestimmung.<\/p>\n<p>Tschetschenien war der Russischen F\u00f6deration nicht beigetreten und war rechtlich\u00a0<a style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\" href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/themen\/russland\/\">kein Subjekt Russlands<\/a>. Grund f\u00fcr diesen Krieg war aber wohl weniger die Zugeh\u00f6rigkeit Tschetscheniens zu Russland, als die perspektivlose Lage Tausender russischer Offiziere, die nach der R\u00fcckf\u00fchrung der sowjetischen Armeeverb\u00e4nde aus den Staaten des ehemaligen Warschauer Paktes ohne Sold, ohne Wohnung und Karrierechancen einen Krieg brauchten. W\u00e4hrend die schlecht ausgebildeten und ausger\u00fcsteten russischen Rekruten zu Hunderten starben, erhielten die Offiziere Frontzulagen, Orden und Bef\u00f6rderungen, waren in den Medien pr\u00e4sent und durften zus\u00e4tzlich die tschetschenische Bev\u00f6lkerung ausrauben, straffrei vergewaltigen, foltern, morden. Als die marodierende Armee 1996 kurz vor der totalen Niederlage stand, rettete General Lebed ihre Ehre und handelte einen Waffenstillstand aus.<\/p>\n<h3>Der zweite Tschetschenienkrieg lag in der Luft<\/h3>\n<p>Am 27. Januar 1997 wurde in Tschetschenien unter der \u00c4gide der OSZE und der Kontrolle von 72 Wahlbeobachtern und 200 Journalisten der gem\u00e4\u00dfigte Oberst der sowjetischen Streitkr\u00e4fte, Aslan Maschadow, zum Pr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt. Mit dem Abschluss eines Friedensvertrages am 12. Mai 1997, unterzeichnet von Jelzin und Maschadow als Repr\u00e4sentanten zweier souver\u00e4ner Staaten, wurde formell die Unabh\u00e4ngigkeit Tschetscheniens anerkannt.<\/p>\n<p>Leider wurde Maschadow aus politischen und wirtschaftlichen Eigeninteressen von keinem westlichen Staat bei der Stabilisierung des Landes und der Beseitigung der Kriegsfolgen unterst\u00fctzt. Konfrontiert mit russischen Diversionsakten und einer islamistischen Opposition, war er politisch gel\u00e4hmt und konnte das Ziel nicht verwirklichen, einen nach westlichen Kriterien demokratischen Staat zu errichten, wie er in der 1992 verabschiedeten Verfassung beschlossen worden war. Der zweite Tschetschenienkrieg lag in der Luft.<\/p>\n<p>Offizieller Anlass war der Einmarsch des Warlords Schamil Bassaevs in Dagestan am\u00a08. August 1999. Einen Tag sp\u00e4ter setzte Jelzin den bis dahin kaum bekannten\u00a0<a style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\" href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/themen\/wladimir-putin\/\">Direktor des F\u00f6deralen Geheimdienstes FSB, Wladimir Putin,<\/a>als Ministerpr\u00e4sidenten ein. Nach den Sprengstoffanschl\u00e4gen auf Wohnh\u00e4user in Moskau und Wolgadonsk, die m\u00f6glicher Weise der FSB selbst ver\u00fcbte, brach in ganz Russland eine Verfolgungswelle gegen Tschetschenen und Kaukasier aus.<br \/>\nUnter der Losung \u201eDieser Krieg ist die Wiedergeburt der russischen Armee und der russischen Nation!\u201c begann\u00a0 der zweite Krieg. Er wurde grausamer gef\u00fchrt als der erste. Die Boden-Bodenrakete, die am 24. Oktober 1999 den belebten Markt von Grozny traf, zerriss mehr als 300 Menschen. Ganze Ortschaften wurden durch Bombenangriffe und Artilleriebeschuss ausradiert, die Stadt Grozny in ein Tr\u00fcmmerfeld verwandelt.<\/p>\n<p>Die russischen Kriege in Tschetschenien waren lang und blutig. Nach Sch\u00e4tzungen internationaler Menschenrechtsorganisationen kamen 180.000 Zivilisten um, unter ihnen 42.000 Kinder. Mindestens ebenso viele wurden verwundet, verkr\u00fcppelt, verloren ihre Eltern, Kinder, Br\u00fcder und Schwestern. 80 Prozent aller St\u00e4dte und D\u00f6rfer wurden zerst\u00f6rt &#8211; einschlie\u00dflich aller historischen Geb\u00e4ude, Theater, Museen, Sammlungen und Archive.<\/p>\n<h3>Der von Putin eingesetzte Diktator Ramzan Kadyrov kann illegal t\u00f6ten und foltern<\/h3>\n<p>Mit dem Beschuss bewohnter Ortschaften und Fl\u00fcchtlingstrecks, der Anwendung international ge\u00e4chteter Waffen wie Aerosol-, Vakuum- und Splitterbomben, Drehgeschossen und chemischen Waffen, mit der Einrichtung von Filtrationslagern, an denen systematisch gefoltert und illegal get\u00f6tet wurde, hat sich Russland aus der europ\u00e4ischen Wertegemeinschaft herauskatapultiert. Eine ad\u00e4quate politische Reaktion seitens der Weltgemeinschaft blieb aus, die russische W\u00e4hlerschaft wandte sich von Europa ab. Das von Putin mehr und mehr autorit\u00e4r regierte Russland wurde immer unberechenbarer. Unter Putin marschierte Russland 2008 in Georgien ein und machte Abchasien und S\u00fcdossetien faktisch zu russischen Protektoraten, unter ihm wurde die\u00a0<a style=\"font-style: inherit; font-weight: inherit;\" href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/themen\/ukraine\/\">Krim annektiert und gibt es einen offenen Krieg in der Ostukraine.<\/a><\/p>\n<p>Das tschetschenische Volk wurde mit den Kriegen aus seinen sozialen Ankern gerissen. Die Verdr\u00e4ngung der seit Jahrhunderten bestehenden Traditionsgesetze und der gem\u00e4\u00dfigt islamischen Sufitradition durch radikalerer Formen des Islam ist beunruhigend. Tschetschenien ist seit den Kriegen ein rechtsfreier Raum. Der von Putin eingesetzte Diktator Ramzan Kadyrov kann illegal t\u00f6ten, foltern, den Familien von vermeintlichen K\u00e4mpfern die H\u00e4user abbrennen und das Land in Angst und Schrecken versetzen. Die Fl\u00fcchtlingsstr\u00f6me aus Tschetschenien rei\u00dfen nicht ab. Allerdings lebt er wie alle Diktatoren auf einem Pulverfass, wie der Anschlag vor wenigen Tagen zeigt.<\/p>\n<p>Vielleicht ist auch die Putinsche Politik innenpolitisch zu erkl\u00e4ren mit der Angst vor einer orangenen oder wie auch immer farbigen Revolution. Sp\u00e4testens wenn den Eliten die Gelder ausgehen, werden sie vielleicht begreifen, dass die Putinsche Politik Russland ins Aus f\u00fchrt. Denn eine Alternative zu Europa gibt es auch f\u00fcr Russland nicht.<\/p>\n<p><i><em style=\"font-weight: inherit;\">&#8211; Ekkehard Maa\u00df ist Vorsitzender der Deutsch-Kaukasischen Gesellschaft, DDR-B\u00fcrgerrechtler, Publizist.<\/em><\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die russischen Kriege in Tschetschenien, die vor 20 Jahren begannen, waren lang und blutig. 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