{"id":12202,"date":"2019-10-03T23:59:46","date_gmt":"2019-10-03T21:59:46","guid":{"rendered":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=12202"},"modified":"2019-10-03T23:59:46","modified_gmt":"2019-10-03T21:59:46","slug":"anne-nivat-mitten-den-krieg-ein-winter-in-tschetschenien","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=12202&lang=de","title":{"rendered":"Anne Nivat. Mitten den Krieg. Ein Winter in Tschetschenien."},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-12203 aligncenter\" src=\"http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Anne-Nevat-e1570139329382.jpg\" alt=\"\" width=\"387\" height=\"560\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Russlands Krieg gegen die Tschetschenen<\/strong><\/p>\n<p><strong>&#8222;Verh\u00e4lt sich so ein Terrorist?&#8220;<\/strong><\/p>\n<p><strong>Von russischer Granate verletzter Junge in Tschetschenien.<\/strong><\/p>\n<p>Das Buch Mitten durch den Krieg &#8211; ein Winter in Tschetschenien hat die franz\u00f6sische Journalistin Anne Nivat geschrieben. Nach dem ersten russisch-tschetschenischen Krieg ist sie zum ersten Mal in den Kaukasus, unter anderem nach Tschetschenien, gefahren. Die zweite Tschetschenien-Reise machte sie Ende Januar 1997 zu den ersten tschetschenischen Pr\u00e4sidentschaftswahlen, aus denen Aslan Maschadow als Sieger hervorging, dessen Legitimit\u00e4t als Pr\u00e4sident des unabh\u00e4ngigen Tschetschenien von Moskau nicht mehr anerkannt wird. Als der Konflikt im September 1999 ausbrach, beantragte sie ihre Akkreditierung als Journalistin, doch die russischen Beh\u00f6rden lehnten ab. Sie beschloss dann, den Krieg von der tschetschenischen Seite aus zu betrachten. Im September 1999 ist sie von Moskau nach Dagestan gefahren, zun\u00e4chst in die Hauptstadt Machatschkala, dann durch Inguschetien nach Tschetschenien, wo sie bis zum Februar 2000 blieb. Die ganze Zeit lebte sie mit Tschetschenen zusammen.<\/p>\n<p>Ich war bis Ende September 1999 in Tschetschenien. Dort lebte ich auch im ersten Tschetschenien-Krieg. Nach den ersten Bombardierungen 1999 wollte ich zur\u00fcck nach Grosny, wurde aber von der Miliz angehalten. Danach war ich in einem Fl\u00fcchtlingslager in Dagestan.<\/p>\n<p>&#8222;Was wird morgen geschehen?&#8220;<br \/>\nIn dem Buch beschreibt die Autorin schwere Menschenrechtsverletzungen an Tschetschenen sowohl auf dem tschetschenischen Territorium als auch in Russland. Schon am Anfang des Buches beschreibt die Autorin Kontrollposten des MVD (Russisches Innenministerium), am Grenz\u00fcbergang von Dagestan wurde von ihr Geld gefordert. Unterwegs in Inguschetien trifft sie eine Kolonne mit Fl\u00fcchtlingen aus Tschetschenien, die immer wieder sagen, dass ihr einziger Wusch ist, Frieden zu haben, ein Leben ohne Krieg: &#8222;Eigentlich hat man keine Angst mehr davor, get\u00f6tet zu werden. Es ist dieses st\u00e4ndige Warten, das einem das Leben zur H\u00f6lle macht. Was wird morgen geschehen? Wer wird an der Regierung sein? Wann beginnt der Einsatz von Bodentruppen: Niemand wei\u00df auf diese Fragen eine Antwort. Deshalb gehen die Leute weg.&#8220;<\/p>\n<p>Im September 1999 lebten offiziell 3500 Menschen aus Tschetschenien in Inguschetien, es gab noch weit mehr nicht registrierte Fl\u00fcchtlinge. Der stellvertretende Leiter der kommunalen Migrationsbeh\u00f6rde in Nasran erz\u00e4hlt: &#8222;Kein \u00f6ffentlicher Ort, kein Verwaltungsgeb\u00e4ude, kein Bahnhof, der von ihnen nicht in Beschlag genommen w\u00e4re. Sie schlafen auf der blo\u00dfen Erde oder auf Matratzen und Teppichen, die sie im Gep\u00e4ck mitf\u00fchren. Sie irren von Dorf zu Dorf, in der Hoffnung auf Arbeit und einen Schlafplatz f\u00fcr die Nacht.&#8220; Auch die &#8222;offiziellen&#8220; Fl\u00fcchtlinge im Zeltlager sagen: &#8222;In Wahrheit stecken wir ganz sch\u00f6n in der Sackgasse. Niemand k\u00fcmmert sich um uns. Und au\u00dferdem haben wir sowieso nichts zu sagen. Wie Zigeuner m\u00fcssen wir jetzt umherziehen.&#8220; Nur das kleine Inguschetien mit seinen rund 800.000 Einwohnern hat sich bereit erkl\u00e4rt, Fl\u00fcchtlinge aufzunehmen.<\/p>\n<p>Auf dem Weg nach Grosny h\u00f6rt die Autorin auch die Geschichte des Freundes eines Bekannten aus Moskau: &#8222;In Moskau kann er sich nicht mehr blicken lassen: Er wird gesucht. Vor einigen Monaten hat man in seinem Auto Granaten und andere verbotene Waffen gefunden. Er selbst behauptet, der russische Geheimdienst habe die verd\u00e4chtigen Accessoires in seinem Kofferraum platziert, um ihn verhaften zu k\u00f6nnen.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Mein Sohn lag in einer Blutlache&#8220;<br \/>\nIn Grosny sieht sie die totale Zerst\u00f6rung, rund um die Uhr arbeitet nur der Markt der Stra\u00dfenh\u00e4ndler, dort befindet sich auch der Waffenmarkt. Sie f\u00e4hrt alleine nach Inguschetien zur\u00fcck, dort besucht sie ein Krankenhaus, sie sieht viele Verletzte. Eine Frau erz\u00e4hlt: &#8222;Mein Sohn und sein Freund wollten spielen gehen. Kaum waren sie drau\u00dfen, h\u00f6rte ich in n\u00e4chster N\u00e4he russisches Artilleriefeuer. Ich fing an zu schreien, weil ich ahnte, was passiert war. Was wir auf der Stra\u00dfe sahen, war ein Bild des Grauens. \u00dcberall lagen Arme und Beine herum, in St\u00fccke gerissene K\u00f6rper. Mein Sohn lag in einer Blutlache, beide Beine zerfetzt.&#8220; Die Beine wurden ihrem Sohn abgenommen, weil die Menschen wegen der geschlossenen Grenze nicht sofort zum Krankenhaus konnten. Au\u00dferdem gibt es im Krankenhaus keine Medikamente, die meisten Patienten werden ohne Bet\u00e4ubung operiert.<\/p>\n<p>Als sie wieder nach Grosny kommt, trifft sie Madina Lobskaja, Journalistin beim tschetschenischen Staatsfernsehen. Als die russische Luftwaffe eine Fl\u00fcchtlingskolonne angriff, waren Madina und ihr Kameramann als einzige Journalisten eineinhalb Stunden sp\u00e4ter vor Ort. Sie haben alles auf Video aufgenommen. Die beiden \u00fcberf\u00fcllten Busse wurden voll getroffen, zu beiden Seiten nichts als Tote. Die Menschen glaubten an jenem Tag, die Russen h\u00e4tten einen Korridor nach Inguschetien ge\u00f6ffnet. &#8222;Die wenigen tschetschenischen Journalisten, die hier f\u00fcr russische Fernsehsender arbeiten, weil diese es nicht wagen, ihre eigenen Leute zu schicken, wollten die Aufnahmen nicht haben. Sie sagten, kein Sender w\u00fcrde sie ausstrahlen. Am selben Tag sagt die russische Regierung, ihre Streitkr\u00e4fte h\u00e4tten einen Terroristentross angegriffen.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Eine unversch\u00e4mte L\u00fcge&#8220;<br \/>\nIm &#8222;Hauptquartier&#8220; in Grosny trifft Anne Nivat auch den tschetschenischen Pr\u00e4sidenten Aslan Maschadow. Das ist ein bisschen schwierig zu organisieren, weil er seit Anfang des Krieges t\u00e4glich sein B\u00fcro wechselt. Zun\u00e4chst trifft sie seinen Vizepr\u00e4sidenten Kasbek Makaschow: &#8222;Wir haben keine Krankenh\u00e4user und keine Entbindungsheime mehr. Die Russen haben sie bombardiert: Das sind die terroristischen Stellungen, von denen sie immer sprechen. Die Russen sind an Zynismus nicht mehr zu \u00fcberbieten: Tschetschenen und Terroristen sind f\u00fcr sie ein und dasselbe. Putin hat auf dem Helsinki-Gipfel (10. Dezember 1999) behauptet, es handle sich nur um einen \u00bbSondereinsatz\u00ab, aber das ist eine ganz unversch\u00e4mte L\u00fcge. Wer Terroristen bek\u00e4mpfen will, greift zu gezielten Mitteln. Nirgends auf der Welt bek\u00e4mpft man den Terrorismus, indem man ein ganzes Land, ein ganzes Volk bombardiert.&#8220;<\/p>\n<p>Danach trifft sie Maschadow: &#8222;Hier herrscht Krieg, auch wenn die russischen Medien das Gegenteil behaupten und die Verluste an Menschenleben herunterspielen. Fakt ist, dass die Russen versuchen, unsere ganze Bev\u00f6lkerung zu vernichten. Wie ist es nur m\u00f6glich, dass die russischen Milit\u00e4rs nicht begreifen, dass dieser Krieg beendet werden muss.&#8220; &#8211; &#8222;Ich bin weiterhin der \u00dcberzeugung, dass wir uns mit einem so gro\u00dfen Land wie Russland durchaus h\u00e4tten einigen k\u00f6nnen, vor allem was die Wirtschaftsbeziehungen anbelangt. Ich habe das auch Jelzin gesagt. Ich bin bereit, die russischen Interessen im Kaukasus zu verteidigen. Au\u00dferdem habe ich ihn gefragt, warum er dauernd einen Krieg in Tschetschenien brauchte. Er wusste darauf keine Antwort. Jedenfalls werden sie diese Festung hier niemals einnehmen.&#8220;<\/p>\n<p>Auf einer weiteren Reise kommt die Autorin in das Dorf Atschckoij Martan, 45 Kilometer s\u00fcdwestlich von Grosny. Sie wird in ein Haus eingeladen, und der Besitzer des Hauses erz\u00e4hlt: &#8222;Ich bin kein Intellektueller, aber ich verstehe diesen Krieg nicht. Was will dieser Putin eigentlich von uns? Ich weigere mich, dass man mich vor meinen Kindern als Terrorist beschimpft. Hier im Dorf teile ich alles mit meinen Mitmenschen. Heute morgen brachte meine Tochter Asa unserer Nachbarin die H\u00e4lfte der Milch, die unsere beiden K\u00fche geben. Verh\u00e4lt sich so etwa ein Terrorist? F\u00fcnf meiner sechs Kinder sind im Krankenhaus, sie wurden von Bombensplittern getroffen. Meine Frau liegt im Krankenhaus, aber schon viel l\u00e4nger: Sie leidet an Krebs. Trotzdem erlaubt man mir nicht, \u00fcber die Grenze zu gehen, um sie zu besuchen. Die Russen lassen uns praktisch keine andere Wahl, als zu den Waffen zu greifen. Was w\u00fcrden Sie denn an meiner Stelle tun?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Die Grenze ist geschlossen&#8220;<br \/>\nEnde November kommt Anne Nivat wieder nach Inguschetien in ein Fl\u00fcchtlingslager. Die Fl\u00fcchtlinge wohnen dort in alten Waggons, die Menschen haben nichts zu essen, oft kriegen sie nur eine Tasse Tee am Tag: &#8222;Wir haben nichts zu essen, weil wir kein Geld mehr haben. Alles ging f\u00fcr den Bus drauf. An der Grenze mussten wir stundenlang warten, weil wir nicht bezahlen konnten.&#8220; Eine Frau kommt zum Gespr\u00e4ch, sie tr\u00e4gt nur ein \u00e4rmelloses Sommerkleid, alles was sie mitnehmen konnte. Andere Frau hat eine schwere Kopfverletzung, sie hat Schmerzen, war aber bei keinem Arzt. Sie wei\u00df nicht, an wen sie sich wenden soll, denn medizinische Hilfe ist f\u00fcr die Waggons nicht vorgesehen. Die Menschen f\u00fchlen sich wie im Zweiten Weltkrieg.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter kommt die Autorin wieder nach Tschetschenien. In einem Dorf, das bereits von der russischen Armee besetzt ist, verkaufen die Frauen auf dem Markt, was sie k\u00f6nnen: Zahnpasta, Kekse, Tee. Eine Frau erz\u00e4hlt \u00fcber die russischen Soldaten: &#8222;Sie kommen nicht oft hierher, aber gestern gegen 17 Uhr tauchten sie in ihrem BTR auf. Sie wollten ihre Raketenwerfer gegen vier Flaschen Wodka tauschen. Aber wir haben hier keinen Wodka. Sie waren v\u00f6llig betrunken, und wir hatten keine andere Wahl, als sie gew\u00e4hren zu lassen.&#8220;<\/p>\n<p>Auf dem Weg zur\u00fcck nach Inguschetien gelangt sie an die Grenze. Zusammen mit anderen Fl\u00fcchtlingen kommt sie an die Grenzkontrolle. &#8222;Die Grenze ist geschlossen.&#8220; Als sie nach dem Grund fragen, sagen die Soldaten: &#8222;Es gibt keinen Grund, wir folgen nur den Befehlen.&#8220; Alle Fl\u00fcchtlinge m\u00fcssen bis zum n\u00e4chsten Tag warten, in der Hoffnung, dass am n\u00e4chsten Tag die Grenze ge\u00f6ffnet wird. &#8222;Die schlie\u00dfen die Grenze nur, um Geld abzuzocken. Vormittags zahlt man 1000 Rubel &#8211; f\u00fcr tschetschenische Verh\u00e4ltnisse eine exorbitante Summe &#8211; und darf daf\u00fcr die ganze Schlange \u00fcberholen. Aber nach dem Mittagsessen wollen sie nur noch Dollar sehen, hundert f\u00fcr jede Person. Also kommt niemand mehr durch. trotzdem bleibt uns nichts anderes \u00fcbrig, als zu warten &#8211; man wei\u00df ja nie.&#8220;<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter kommen russische Soldaten und fragen nach Wodka. Als die Fl\u00fcchtlinge antworten, dass sie keinen Wodka haben, bieten die Soldaten billiges Benzin. &#8222;Wir geben Ihnen, so viel Sie haben wollen, wenn Sie Alkohol und Kekse dagegen tauschen.&#8220;<\/p>\n<p>Die Autorin beschreibt, wie im Dezember 1999 die russische Armee den Einwohnern den Befehl gibt, Grosny in 48 Stunden zu verlassen. Viele Einwohner, Frauen und Kinder, erfahren nichts \u00fcber das Ultimatum &#8211; trotzdem wird Grosny 48 Stunden sp\u00e4ter bombardiert. Die meisten Opfer sind alte Leute und Kinder.<\/p>\n<p>Sie beschreibt, wie in einem Dorf, das schon von russischen Soldaten eingenommen wurde, russische Soldaten volltrunken mit einem BTR ein Auto mit Menschen plattgewalzt haben. Ein Journalist wollte das fotografieren, die Soldaten haben ihn weggebracht, der Offizier hat seine Soldaten beschimpft: Wieso sie es zugelassen h\u00e4tten, dass ein Journalist fotografiert hat.<\/p>\n<p>Dass die russischen Soldaten Geld wollten, beschreibt die Autorin auch an einem anderen Beispiel: Aus umstellten Orten lie\u00dfen sie manchmal nur Frauen raus oder nur Leute mit Papieren, aus Grosny durften aber die tschetschenischen K\u00e4mpfer &#8211; gegen Geldzahlung &#8211; abziehen. Sie beschreibt auch Selbstverst\u00fcmmelungen russischer Rekruten, die damit ihren Kriegseinsatz vermeiden wollen.<\/p>\n<p>&#8222;Ohne ersichtlichen Grund erschossen&#8220;<br \/>\nAm Ende des Buches schildert Anne Nivat, wie sie Anfang Februar ein Dorf bei Grosny besucht. Sie wollte von dort aus weiter, aber dann kamen die Boiwiki, die tschetschenischen K\u00e4mpfer aus Grosny, dort an. Sie hatten nach viert\u00e4giger Bombardierung Grosny durch einen Korridor verlassen k\u00f6nnen, das war aber eine Falle: Der Korridor war vermint. Nachdem sie im Dorf waren, lieferten sie von der russischen Armee beobachtet ihre Verletzten im Krankenhaus ein, zwei Tage lang machte die russische Armee nichts. Erst als alle Boiwiki versammelt waren und das Krankenhaus voll belegt, begannen Bombenangriffe und Artilleriebeschuss. Das dauerte 24 Stunden lang.<\/p>\n<p>Die Autorin blieb in einem Haus, konnte es nicht verlassen. Das Haus wurde als einziges in der Stra\u00dfe nicht getroffen. Danach durchsuchten russische Soldaten die \u00fcbrigen H\u00e4user, an diesem Haus gingen die Soldaten vorbei, die Autorin hatte Gl\u00fcck. &#8222;Am Nachmittag erfahren wir, dass die Soldaten zwei Stra\u00dfen weiter sieben Menschen, darunter mehrere Frauen, erschossen haben, ohne ersichtlichen Grund. Die Russen seien sturzbetrunken gewesen, hei\u00dft es.&#8220; An anderer Stelle sagt eine Bekannte der Autorin \u00fcber die russischen Soldaten: &#8222;F\u00fcr Wodka w\u00fcrden die ihre Mutter verkaufen.&#8220; Kurz danach fuhr die Autorin nach Moskau zur\u00fcck.<\/p>\n<p>In der Zeit, in der sie in Tschetschenien war, traf die Autorin auch Basajew und einige der Wahabiten. Sie k\u00e4mpfen f\u00fcr einen islamischen Staat wie Afghanistan. Ganz Russland behauptet, dass Tschetschenen und Wahabiten dasselbe seien, und dass alle Terroristen seien. Sie traf auch Chattab, die rechte Hand von Basajew, Veteran des Afghanistan-Krieges, er stammt aus Jordanien oder Saudi-Arabien. Die Autorin beschreibt aber an mehreren Stellen, dass viele Tschetschenen von den Wahabiten nichts halten, es gibt auch K\u00e4mpfe zwischen Tschetschenen und Wahabiten.<\/p>\n<p>Im ersten Tschetschenien-Krieg, als ich noch dort war, gab es keine Wahabiten. Es gab welche, die in ihren D\u00f6rfern wohnten, aber sie haben nicht gek\u00e4mpft und niemanden gest\u00f6rt. Das ging so bis zum Anfang des zweiten Krieges.<\/p>\n<p>&#8222;Verlass unsere Stadt&#8220;<br \/>\nIch habe selbst in Tschetschenien einige Monate nach dem Tod meines Vaters im Sommer 1995 eine Durchsuchung unseres Hauses durch die Spezialeinheit OMON erlebt. Sie haben meine Mutter geschlagen, alles, was sie gefunden haben, weggenommen, Gold und Geld weggenommen und mich auch geschlagen. Eine Jagdwaffe in unserer Wohnung haben sie als Kriegswaffe ins Protokoll geschrieben. Als meine Mutter aus Tschetschenien weg wollte, nach Orol, wo sie geboren war, gab ihr die russische Miliz keine Erlaubnis, sie konnte sich dort nicht anmelden. Ich war im Dezember 1998 und Januar 1999 in Moskau, ich hatte erst eine gekaufte provisorische Anmeldung f\u00fcr einen Monat, nach einem Monat wollte ich eine offizielle Anmeldung f\u00fcr einen Monat, die russische Miliz hat mir gesagt, dass ich in 24 Stunden Moskau verlassen muss, sonst nehmen sie mich fest.<\/p>\n<p>Im Herbst 1999, nach dem Beginn des Krieges, war ich in Dagestan im Fl\u00fcchtlingslager. Die Soldaten und Offiziere dort waren auch immer ziemlich betrunken, sie haben mit uns gemacht, was sie wollten. Wir konnten nichts dagegen tun. Deshalb wei\u00df ich, dass die Autorin die Wahrheit schreibt. Ich glaube auch, dass die russische Regierung mit diesem Krieg Geld verdient.<\/p>\n<p>Wer soll dieses Buch lesen? Die, die \u00fcber Asylantr\u00e4ge entscheiden: Bundesamt und Bundesbeauftragter und Richter in Schleswig und an anderen Verwaltungsgerichten, die entscheiden, was mit Menschen geschieht, die aus Tschetschenien kommen. Das Bundesamt hat mir das &#8222;kleine Asyl&#8220; (\u00a7 51 Ausl\u00e4ndergesetz) zuerkannt. Der Bundesbeauftragte hat dagegen geklagt, er meint, ich k\u00f6nne in Russland wohnen &#8211; obwohl sich niemand aus Tschetschenien in einer anderen Stadt in Russland anmelden kann, ohne Geld zu bezahlen. Wer kein Geld bezahlt, bekommt keinen Status, keine Unterkunft, keine Arbeit, keine Schule und kann vor der Stadt verhungern.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem gibt es in Zeitungen, im Fernsehen, von der Regierung Propaganda gegen Tschetschenen: Sie seien alle Terroristen, alle zwischen 12 und 60 Jahren. Von der russischen Bev\u00f6lkerung werden Tschetschenen gehasst: &#8222;Verlass unsere Stadt. Verlass unser Dorf.&#8220; Viele werden von der Miliz festgehalten, mit falschen Zeugen beschuldigt, etwas in ihre Tasche gesteckt und dann &#8222;gefunden&#8220;. Deshalb bleiben viele Menschen in Tschetschenien, obwohl der Krieg weitergeht.<\/p>\n<p>Anne Nivat: Mitten durch den Krieg. Ein Winter in Tschetschenien. Rotpunktverlag, Z\u00fcrich 2001, 264 Seiten, 19,43 Euro (38 DM). Weitere Rezensionen im Gegenwind 160, Januar 2002: Literatur \u00fcber den Kaukasus und zum Thema Kindersoldaten.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/permalink.php?story_fbid=2479100998986617&amp;id=100006602236842\">https:\/\/www.facebook.com\/permalink.php?story_fbid=2479100998986617&amp;id=100006602236842<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Russlands Krieg gegen die Tschetschenen &#8222;Verh\u00e4lt sich so ein Terrorist?&#8220; Von russischer Granate verletzter Junge in Tschetschenien. 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