{"id":12268,"date":"2019-04-12T09:55:42","date_gmt":"2019-04-12T07:55:42","guid":{"rendered":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=12268"},"modified":"2020-02-23T11:17:30","modified_gmt":"2020-02-23T09:17:30","slug":"samaschki","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=12268&lang=de","title":{"rendered":"Samaschki"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-12270\" src=\"http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/women-and-children-in-flight-on-the-road-from-samashki-after-a-massacre-grozny-chechnya-300x201.jpg\" alt=\"\" width=\"1052\" height=\"705\" srcset=\"http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/women-and-children-in-flight-on-the-road-from-samashki-after-a-massacre-grozny-chechnya-300x201.jpg 300w, http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/women-and-children-in-flight-on-the-road-from-samashki-after-a-massacre-grozny-chechnya.jpg 474w\" sizes=\"auto, (max-width: 1052px) 100vw, 1052px\" \/><\/p>\n<p>&#8222;Samaschki kann man in einem Atemzug mit Lidice und Kattyn nennen&#8220;, schrieb die Wochenzeitung Moskowskije Nowosti in ihrer Ausgabe. Die tschetschenische Ortschaft wurde von russischen Einheiten nach sechs Tagen erbitterter Belagerung am 12. April genommen. Weder Mitarbeiter des Roten Kreuzes noch Journalisten lie\u00df man zun\u00e4chst an den Ort des Grauens vor. Das f\u00f6rderte Vermutungen, russische Einheiten h\u00e4tten f\u00fcrchterlich gew\u00fctet und wollten nun Spuren verwischen. Mittlerweile liegen ausreichend Hinweise vor, wonach die anr\u00fcckenden Truppen in Samaschki tats\u00e4chlich ein selbst f\u00fcr diesen brutalen Krieg unbekanntes Exempel statuiert haben. Von \u00fcber zweihundert Toten berichten die Medien. &#8211; <a href=\"https:\/\/taz.de\/!1511806\/\">Klaus-Helge Donath<\/a><\/p>\n<p>Der <a href=\"http:\/\/hrlibrary.umn.edu\/commission\/country52\/1996_13.htm\">Bericht der UN-Menschenrechtskommission<\/a> (UNCHR) vom M\u00e4rz 1996 verlautet: Es wird berichtet, dass ein Massaker an mehr als 100 Menschen, vor allem Zivilisten, zwischen dem 7. und 8. April 1995 in dem Dorf Samaschki stattgefunden hat. Nach den Berichten von 128 Augenzeugen griffen f\u00f6derale Soldaten vors\u00e4tzlich und willk\u00fcrlich Zivilisten an. Die Mehrzahl der Zeugen berichtete, dass viele OMON &#8211; Truppen betrunken oder unter dem Einfluss von Drogen waren. Sie er\u00f6ffneten mutwillig das Feuer oder warfen Granaten in Keller, in welchem sich die Bewohner, vor allem Frauen, \u00e4ltere Menschen und Kinder, versteckten. H\u00e4user wurden mit ihren Einwohnern darin unter dem Einsatz von Flammenwerfer dem Erdboden gleichgemacht.<\/p>\n<p>Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) verk\u00fcndete, dass etwa 250 Zivilisten get\u00f6tet wurden. Laut Amnesty International und Human Rights Watch wurden mehr als 250 Menschen get\u00f6tet, w\u00e4hrend die \u00c4ltesten von Samaschki aussagten, dass bis zu 300 Bewohner w\u00e4hrend des Angriffs get\u00f6tet wurden.<\/p>\n<p>Der Film <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=3bHQujjarpc&amp;bpctr=1570607001\">The Betrayed<\/a> zeigt ab 23:30 die &#8222;Verhandlung&#8220; zwischen F\u00f6deralen Truppen und den Dorf\u00e4ltesten, wie teilweise den Angeh\u00f6rigen verboten wurde ihre Bekannten zu bestatten sowie den vergeblichen Versuch von Mitarbeitern des Roten Kreuzes Zugang zum Dorf zu erhalten.<\/p>\n<p>Khassan Baiev ein tschetschenischer Arzt, welcher Verwundete verpflegte, <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/Oath-Surgeon-Under-Fire\/dp\/0802714048\">berichtet in seinem Buch<\/a>: &#8222;Dutzende verkohlte Leichen von Frauen und Kindern lagen im Hof der Moschee, welche zerst\u00f6rt worden war. Das erste, was meine Augen sahen war die verbrannte Leiche eines Babys, in f\u00f6taler Position liegend&#8230;<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich versuchte die Verwundeten zu behandeln, habe ich Geschichten von jungen M\u00e4nnern geh\u00f6rt, welche gefesselt am MTW (Transporter) durch das Dorf geschleppt wurden und hart geschlagen.<\/p>\n<p>Man berichtete mir von Vergewaltigungen, aber es war schwer zu wissen, wie viele es wirklich waren, weil die Frauen sich zu sehr sch\u00e4mten dies zu berichten. Ein M\u00e4dchen wurde vor ihrem Vater vergewaltigt. Ich habe von einem Fall geh\u00f6rt, in dem die Soldaten ein neugeborenes Baby packten, sich gegenseitig zuwarfen wie ein Ball, bis es jemand mit einem Schuss t\u00f6tete.<\/p>\n<p>Beim Verlassen des Dorfes kam mir ein russischer Sch\u00fctzenpanzer mit der Aufschrift Samaschki entgegen. Ich sah in meinem R\u00fcckspiegel und zu meinem Entsetzen, dass ein menschlicher Sch\u00e4del auf der Vorderseite des Fahrzeugs angebracht war. Die Knochen waren wei\u00df; jemand muss den Sch\u00e4del, um das Fleisch zu entfernen gekocht haben.&#8220;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.srf.ch\/news\/schweiz\/berner-geheimarchiv-dokumentiert-tschetschenien-graeuel\">Der Tag im Fr\u00fchling 1995 ver\u00e4nderte [auch] das Leben der Tschetschenin Zainap Gaschajewa f\u00fcr immer<\/a>. Russland war wenige Monate zuvor in der kleinen Kaukasusrepublik einmarschiert, um sie daran zu hindern, unabh\u00e4ngig zu werden.<\/p>\n<p>Am 7. April st\u00fcrmten russische Truppen das Dorf Samaschki im Westen Tschetscheniens, um es, so hiess es, von Rebellen zu s\u00e4ubern. Doch die S\u00e4uberung wurde zur Strafaktion, die Leidtragenden waren die Dorfbewohner.<\/p>\n<p>&#8222;Ich befand mich ausserhalb des Dorfes, als jemand sagte: Samaschki brennt, die Menschen fl\u00fcchten&#8220;, erinnert sich Gaschajewa. &#8222;Ich machte mich zusammen mit einer russischen Journalistin auf den Weg dorthin und traf auf die \u00dcberlebenden. Es war ein schrecklicher Anblick.&#8220; Sie erinnert sich an Menschen in Panik. &#8222;Sie sagten: Sie haben meine Mutter, mein Kind, meinen Vater get\u00f6tet. Ich habe alles verloren und nur mein Leben retten k\u00f6nnen.&#8220;<\/p>\n<p>In diesem Moment, so Gaschajewa, sei ihr die Idee gekommen, den Schrecken zu dokumentieren. &#8222;Die Welt wusste nichts davon, was hier geschah. Wir mussten es aufzeichnen.&#8220; Sie machte sich erste Notizen, lieh sich am Abend einen Fotoapparat, kehrte am n\u00e4chsten Tag ins Dorf zur\u00fcck und nahm alles auf: die Zerst\u00f6rungen, die verst\u00fcmmelten und verbrannten Leichen. &#8222;Von da an legten ich und meine Kolleginnen die Kamera nicht mehr zur Seite.&#8220;<\/p>\n<p>Aus der spontanen Idee wurde eine systematische Arbeit. Dorfbewohner halfen, das heikle Material zu verstecken, in Erdl\u00f6chern oder in Mauern. Nur mit Gl\u00fcck entging es den Zerst\u00f6rungen der beiden Tschetschenienkriege. Schliesslich schafften Vertrauensleute die Dokumente des Schreckens aus der Kriegszone und dann St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck aus dem Land \u2013 in die Schweiz.<\/p>\n<p>Hier fand Gaschajewa Unterst\u00fctzung, und hier erhielt sie vor sechs Jahren Asyl. Denn das Ende der Kriegshandlungen bedeutete kein Ende der Gefahr f\u00fcr die Menschenrechtlerin.<\/p>\n<p>Nun lagern die heiklen Bild- und Tondokumente an einem geheimen Ort in Bern. Die Aufnahmen wurden mit Hilfe der Gesellschaft f\u00fcr bedrohte V\u00f6lker m\u00fchsam ges\u00e4ubert, systematisiert und digitalisiert. Neues Material kam dazu.<\/p>\n<p>Ein Teil davon ist nun online verf\u00fcgbar. Das Material sei systematisiert worden, erkl\u00e4rt Christoph Wiedmer von der Gesellschaft f\u00fcr bedrohte V\u00f6lker. Suche jemand zum Beispiel nach Opfern oder nach einem Ereignis wie der Bombardierung des Marktes in Grosny, sei es m\u00f6glich zu sehen, ob es beispielsweise Videomaterial dazu gibt.<\/p>\n<p>Online ist nur eine reduzierte Datenbank mit den wichtigsten Angaben. Die Videoaufnahmen selber werden nicht publik gemacht. Und: Was nicht gezeigt wird, sind die Namen der Zeugen. Leute also, die heute noch gef\u00e4hrdet w\u00e4ren, wenn bekannt w\u00fcrde, dass sie ausgesagt haben. Letztendlich geht es bis zur Verantwortung von Gener\u00e4len, eventuell sogar bis zu Putin.<\/p>\n<p>Doch eine systematische Aufarbeitung der Kriegsverbrechen ist zurzeit weder in Russland noch in Tschetschenien denkbar. Der tschetschenische Machthaber Ramsan Kadyrow h\u00e4lt loyal zum Kreml, die Spuren des Krieges werden getilgt. Und auch im Westen fehlt der politische Wille, das heikle Thema juristisch anzugehen und sich mit Russland anzulegen. Falls sich dies einmal \u00e4ndern sollte, w\u00e4re das Tschetschenien-Archiv von zentraler Bedeutung.<\/p>\n<p>&#8222;All die vielen Aufnahmen warten darauf, dass sich die Gerechtigkeit durchsetzt und dass die Ereignisse von damals richtig bewertet werden&#8220;, sagt die Menschenrechtlerin Zainap Gaschajewa. &#8222;Der Krieg war nicht einfach ein Fehler, wie es heute in Russland heisst, sondern ein Krieg gegen die Bev\u00f6lkerung Tschetscheniens.&#8220;<\/p>\n<p>Aber, so Gaschajewa, es gehe nicht nur um die Verbrechen von damals. Es gehe auch um die Gewalt, die heute noch Menschen in Russland und in Tschetschenien angetan werde. &#8222;Wenn wir die Gewalt nicht stoppen, dann breitet sie sich aus wie das Netz einer Spinne. Wir d\u00fcrfen das nicht einfach als innere Angelegenheiten eines fernen Landes betrachten. Wir m\u00fcssen Gewalt erkennen, sie verurteilen und ihr entgegentreten.&#8220; Zu schweigen und zu vergessen: F\u00fcr die Menschenrechtlerin ist das keine Option. Sie wird weitermachen \u2013 in ihrem Exil in Bern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Samaschki kann man in einem Atemzug mit Lidice und Kattyn nennen&#8220;, schrieb die Wochenzeitung Moskowskije Nowosti in ihrer Ausgabe. Die tschetschenische Ortschaft wurde von russischen Einheiten nach sechs Tagen erbitterter Belagerung am 12. April genommen. Weder Mitarbeiter des Roten Kreuzes noch Journalisten lie\u00df man zun\u00e4chst an den Ort des Grauens vor. Das f\u00f6rderte Vermutungen, russische [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":12270,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[155],"tags":[],"class_list":["post-12268","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-diaspora"],"jetpack_featured_media_url":"http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/women-and-children-in-flight-on-the-road-from-samashki-after-a-massacre-grozny-chechnya.jpg","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12268","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=12268"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12268\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13542,"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12268\/revisions\/13542"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/12270"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=12268"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=12268"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=12268"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}