{"id":1565,"date":"2017-08-09T15:10:57","date_gmt":"2017-08-09T13:10:57","guid":{"rendered":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=1565"},"modified":"2017-08-09T15:17:25","modified_gmt":"2017-08-09T13:17:25","slug":"die-russen-kaempfen-feige","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=1565&lang=de","title":{"rendered":"\u201eDie Russen k\u00e4mpfen feige\u201c"},"content":{"rendered":"<div class=\"dig-artikel\" lang=\"de\">\n<div class=\"dig-vorspann\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-1566 alignleft\" src=\"http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/ruiny-300x202.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"202\" srcset=\"http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/ruiny-300x202.jpg 300w, http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/ruiny-768x516.jpg 768w, http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/ruiny-480x323.jpg 480w, http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/ruiny-744x500.jpg 744w, http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/ruiny.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>Ungeachtet weltweiter Proteste setzt Moskau seine gnadenlose Intervention in der abtr\u00fcnnigen Kaukasusrepublik fort. Sie trifft immer h\u00e4rter die Zivilbev\u00f6lkerung. Trotz milit\u00e4rischer R\u00fcckschl\u00e4ge hoffen die tschetschenischen K\u00e4mpfer auf eine baldige Wende.<\/div>\n<div class=\"dig-text\" data-field=\"text\">\n<div class=\"dig-absatz\" data-field=\"absatz\">Es ist eine schlimme Nacht, mit Eisregen und Sturmb\u00f6en. Der Bergfluss Argun brodelt seit Stunden schon. Er hat das Schrottauto am Ufer \u00fcber und \u00fcber mit Schlamm bespritzt.<\/div>\n<div class=\"dig-absatz\" data-field=\"absatz\">Der Wagen Marke &#8222;Wolga&#8220; steht mit der Schnauze Richtung Georgien und tr\u00e4gt statt des Kennzeichens ein handgemaltes Schild: Es verk\u00fcndet, dass dieses Auto zu &#8222;Itschkerija&#8220; geh\u00f6rt, zur abtr\u00fcnnigen Kaukasusrepublik der tschetschenischen Muslime. Neben einer notd\u00fcrftig getarnten Bretterh\u00fctte markiert das Vehikel den einzigen noch von Tschetschenen verwalteten Grenz\u00fcbergang.<\/div>\n<div class=\"dig-absatz\" data-field=\"absatz\">Nur wenige stolpern diese Nacht den Pfad hinunter in den Rebellenstaat. Die meisten nehmen den umgekehrten Weg, am k\u00fcmmerlichen Hoheitssymbol vorbei die Berge hinauf, Richtung S\u00fcden &#8211; ins rettende Georgien.<\/div>\n<div class=\"dig-absatz\" data-field=\"absatz\">Dabei ist auch der kleine Sa\u00efd aus Grosnys Vorstadt Prigorod. Dem Siebenj\u00e4hrigen kommt es vor wie ein b\u00f6ser Traum, dass er in stockfinsterer Dunkelheit frierend und zitternd an dieser Stelle steht. Statt sich in wenigen Stunden auf den morgendlichen Weg zur Schule zu machen, ist der Erstkl\u00e4ssler mit seiner Mutter auf der Flucht.<\/div>\n<div class=\"dig-absatz\" data-field=\"absatz\">Der Krieg war ihnen jede Minute auf den Fersen. Bei Schatoi hatten die Russen die einzige Stra\u00dfenbr\u00fccke zerbombt. So blieb nur das Durchqueren des rei\u00dfenden Flusses. Zweimal beschossen Flugzeuge den Treck, kurz vor der Grenze l\u00f6schten Raketen das Leben einer ganzen Fl\u00fcchtlingsfamilie aus. Und noch immer k\u00f6nnen sich Sa\u00efd und seine Mutter nicht sicher w\u00e4hnen.<\/div>\n<div class=\"dig-absatz\" data-field=\"absatz\">Georgiens Grenzer, die am malerischen Bergdorf Schatili auf Wacht stehen, lassen zwar Frauen und Kinder durch &#8211; aber keine M\u00e4nner zwischen 16 und 60. Doch um nach Tiflis zu gelangen, muss noch das 3000 Meter hohe B\u00e4renkreuz bezwungen werden &#8211; ein verschneiter und vereister Pass, \u00fcber den lediglich ein schmaler Ger\u00f6llweg f\u00fchrt. Wer 200 Dollar er\u00fcbrigen kann, f\u00fcr den stehen Taxifahrer mit Gel\u00e4ndewagen bereit. Die Fahrt freilich ist ein Horrortrip: Der kleinste Ausrutscher, und sie endet im Abgrund.<\/div>\n<div class=\"dig-absatz\" data-field=\"absatz\">Die Georgier sp\u00fcren den russischen Druck. Moskau h\u00e4lt den Weg entlang des Argun f\u00fcr jene Trasse, \u00fcber die der Waffen- und Munitionsnachschub f\u00fcr die Freisch\u00e4rler der Rebellenrepublik l\u00e4uft. Eine absurde Beschuldigung: Kein Lastwagen w\u00fcrde die Passage schaffen. Trotzdem haben die Russen vor Schatili jetzt Plastikminen abgeworfen &#8211; direkt auf georgisches Gebiet. Sie drohen, den Nachbarstaat mit in den Krieg zu rei\u00dfen.<\/div>\n<div class=\"dig-absatz\" data-field=\"absatz\">Selbst die tschetschenischen K\u00e4mpfer in ihrer Bretterbude f\u00fchlen sich ungem\u00fctlich. Wegen der Bombenangriffe haben sie ihr Quartier 200 Meter h\u00f6her in die Berge verlegt. Die b\u00e4rtigen M\u00e4nner, die bunte Pullover mit Aufschriften wie &#8222;Chicago Bulls&#8220; und &#8222;High Performance&#8220; tragen und aus Emaillesch\u00fcsseln Nudeln mit d\u00fcnnen Fleischst\u00fcckchen l\u00f6ffeln, k\u00fcmmern sich kaum um die Grenzg\u00e4nger. Sie haben nur einen Auftrag: zu verhindern, dass die Russen an dieser Stelle Luftlandetrupps absetzen.<\/div>\n<div class=\"dig-absatz\" data-field=\"absatz\">In der H\u00fctte h\u00e4ngt ein Plakat mit dem Bildnis des im ersten Krieg vor dreieinhalb Jahren gefallenen Tschetschenen-F\u00fchrers Dschochar Dudajew. Das Poster ist eingerissen und verblasst, es wirkt wie ein Symbol daf\u00fcr, dass den Kaukasiern im Kampf gegen die Russen das hehre Ziel abhanden gekommen ist. L\u00e4ngst geht es nicht mehr um den Traum von der eigenen Unabh\u00e4ngigkeit. Nur noch Hass treibt die M\u00e4nner an &#8211; gegen die Eindringlinge aus dem Norden, die diesen zweiten Krieg mit bislang unbekannter Grausamkeit betreiben. &#8222;Jetzt k\u00e4mpfen wir Auge um Auge und Zahn um Zahn&#8220;, sagt Grenzer Naid.<\/div>\n<div class=\"dig-absatz\" data-field=\"absatz\">Wenn es nur so w\u00e4re. Doch die Tschetschenen bekommen den Gegner kaum zu Gesicht. Der ist in seinen Bombern unerreichbar. &#8222;Die Russen k\u00e4mpfen feige nach der Methode Kosovo&#8220;, sagt Rasan Magamadow, 70, der Lehrer von Itum-Kale, dem ersten gr\u00f6\u00dferen Dorf auf tschetschenischer Seite. &#8222;Sie haben keine Terroristen im Visier, sie selbst terrorisieren die Bev\u00f6lkerung, um uns zur Aufgabe zu zwingen.&#8220;<\/div>\n<div class=\"dig-absatz\" data-field=\"absatz\">Um die Brotversorgung der Region zu st\u00f6ren, haben die Russen in Staryje Atagi ganz bewusst die nach dem letzten Krieg von Schweizern erbaute M\u00fchle gesprengt. Wegen der zerst\u00f6rten Br\u00fccken kommen indes ohnehin keine Lebensmittel mehr nach Itum-Kale durch. Der Ort ist abgeschnitten.<\/div>\n<div class=\"dig-absatz\" data-field=\"absatz\">Madina Machaschewo, 35, bietet in ihrem Dorfladen nur noch eingelegte Gurken und Tomaten feil, Zigaretten der Sorte &#8222;Prima&#8220;; dazu Senfpflaster, Streichh\u00f6lzer, ein paar Knoblauchzehen und einen 99er Kalender mit dem Bild der Backstreet Boys. Von 5000 Einwohnern sind noch 3000 im Dorf, auch Frauen und Kinder. Den meisten fehlt f\u00fcr die Flucht das Auto oder einfach nur Geld. Wer noch Mehl hat, backt Brot f\u00fcr die anderen mit.<\/div>\n<div class=\"dig-absatz\" data-field=\"absatz\">Freisch\u00e4rler gibt es nicht im Ort. Trotzdem schlugen jetzt zwei Bomben ein. Eine traf den Friedhof, auf dem gerade eine Beerdigung stattfand, zwei Frauen wurden durch Splitter schwer verletzt.<\/div>\n<div class=\"dig-absatz\" data-field=\"absatz\">Der eigentliche Krieg findet 50 Kilometer n\u00f6rdlich statt. Gudermes, Tschetscheniens zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt, haben die Russen genommen. Nun schie\u00dfen sie die D\u00f6rfer rund um Urus-Martan sturmreif, eine stark besiedelte Gegend s\u00fcdwestlich der Hauptstadt Grosny. In den vergangenen Stunden haben sie mit einem Hubschrauberkommando eine Anh\u00f6he bei Goiskoje besetzt.<\/div>\n<div class=\"dig-absatz\" data-field=\"absatz\">In der Nacht sieht Tschetscheniens Himmel aus, als nehme jemand das Millennium-Feuerwerk vorweg. &#8222;Christb\u00e4ume&#8220; weisen den Bomben das Ziel, Salven von Raketenwerfern orgeln durch die Luft, mit rotem Feuerschweif schl\u00e4gt eine der aus Russland abgeschossenen Boden-Boden-Raketen ein. In Goiskoje klirren die Scheiben, hilflos bellt ab und an ein tschetschenisches Maschinengewehr gegen die Flugzeuge an. Eine Gro\u00dfmacht hat ihr gesamtes Waffenarsenal mobilisiert, gegen ein V\u00f6lkchen von vielleicht noch 400 000 Unbequemen.<\/div>\n<div class=\"dig-absatz\" data-field=\"absatz\">General Leitscha Islamow, genannt &#8222;Boroda&#8220; (der Bart), ist am Abend von Georgien her nach Hause zur\u00fcckgekehrt. Der Vize-Befehlshaber der tschetschenischen S\u00fcdwestfront und Chef der Sonderpolizei &#8222;Scheich Mansur&#8220; hatte sich im Ausland um islamische Hilfe bem\u00fcht.<\/div>\n<div class=\"dig-absatz\" data-field=\"absatz\">Aber was hei\u00dft nach Hause? Sein zweist\u00f6ckiges Heim in Goiskoje ist nicht mehr vorhanden &#8211; die Bomber haben es in einen Schutthaufen verwandelt. Bruder Ruslan, 32, der gerade in der K\u00fcche stand, ist tot, die Mutter schwer verletzt.<\/div>\n<div class=\"dig-absatz\" data-field=\"absatz\">Der General mit dem krausen schwarzen Bart, der eine kunstvoll verzierte Pistole und einen filigran ziselierten Dolch am Koppel tr\u00e4gt, gilt eigentlich als hartgesottener Kerl. Jetzt aber dr\u00fcckt ihm hilfloses Schluchzen den Kopf auf die Tischplatte &#8211; mit Ruslan ist der dritte von insgesamt sieben Islamow-Br\u00fcdern tot.<\/div>\n<div class=\"dig-absatz\" data-field=\"absatz\">Im Haus des Onkels findet das Trauerzeremoniell statt. Die Frauen weinen, dann ziehen sie sich an den Herd zur\u00fcck. Frontchef Hamsat Gelajew, einst in Grosny Vizepremier, ist mit mehreren Kommandeuren der &#8222;tschetschenischen Streitkr\u00e4fte&#8220; zum Kondolieren erschienen. Die M\u00e4nner sitzen am K\u00fcchentisch, nagen an Hammelknochen, trinken Tee.<\/div>\n<div class=\"dig-absatz\" data-field=\"absatz\">&#8222;Nur Allah, der Allerh\u00f6chste, wei\u00df, wie es weitergeht&#8220;, tr\u00f6stet Gelajew. Die Kerzen flackern, \u00fcber die qu\u00e4kenden &#8222;Motorola&#8220;-Sprechfunkger\u00e4te der Kommandeure sind die neuesten Kriegsnachrichten zu vernehmen.<\/div>\n<div class=\"dig-absatz\" data-field=\"absatz\">&#8222;Dschihad an Engel&#8220;, bittet jemand, mit Engel ist Gelajew gemeint. Die russischen Posten auf der Fernstra\u00dfe bei Atschchoi-Martan seien \u00fcberrannt, sechs Fahrzeuge erbeutet, sagt die Stimme. Es gebe &#8222;G\u00e4ste&#8220; &#8211; das Codewort f\u00fcr Gefangene.<\/div>\n<div class=\"dig-absatz\" data-field=\"absatz\">Solche Nachrichten sind Balsam f\u00fcr die Kommandeursseele, die M\u00e4nner wurden in letzter Zeit von Erfolgsmeldungen nicht gerade verw\u00f6hnt. Bei Atschchoi-Martan hatten die russischen Truppen tiefe Einbr\u00fcche erzielt &#8211; im Schutz der kilometerlangen Kolonne tschetschenischer Fl\u00fcchtlinge, die sich an der geschlossenen Grenze zu Inguschien stauten. &#8222;Wir waren ohnm\u00e4chtig, sollten wir unsere eigenen Leute dem Feuer aussetzen?&#8220;, erkl\u00e4rt Islamow die Niederlage.<\/div>\n<div class=\"dig-absatz\" data-field=\"absatz\">Un\u00fcbersehbar, dass viele Kommandeure auf die ge\u00e4nderte Taktik der Russen nicht vorbereitet sind, es gibt nicht die von ihnen erhofften K\u00e4mpfe von Mann zu Mann. &#8222;Aber die Russen sind nicht wirklich stark, die haben keinen Glauben, die k\u00f6nnen nur Bomben werfen&#8220;, tr\u00f6stet Gelajew. &#8222;Wir warten auf den Moment, der uns gelegen kommt.&#8220;<\/div>\n<div class=\"dig-absatz\" data-field=\"absatz\">Die Tschetschenen wissen freilich auch, dass Moskau diesmal gen\u00fcgend &#8222;Enten&#8220; unter ihnen hat, Verr\u00e4ter. K\u00e4ufliche Leute, die Hand in Hand mit Russlands Geheimdienst FSB arbeiten. Und die des Nachts f\u00fcr die Flieger Zielobjekte markieren. &#8222;Ohne deren Hilfe h\u00e4tten sie mein Haus nicht so punktgenau bombardiert&#8220;, glaubt Boroda.<\/div>\n<div class=\"dig-absatz\" data-field=\"absatz\">Da erfreut das Video, das die M\u00e4nner vom Geheimdienst mitgebracht haben: Es zeigt das Verh\u00f6r eines Oberstleutnants der russischen Armeeabwehr GRU, der ihnen vor Tagen samt einer in Freisch\u00e4rler-Uniformen steckenden Diversantengruppe ins Netz ging. Laut Aussage des Offiziers sollte der Trupp tschetschenische Fl\u00fcchtlingstrecks durch \u00dcberf\u00e4lle verunsichern und Attentate auf Kommandeure ver\u00fcben. Die M\u00e4nner hatten Waffen mit Schalld\u00e4mpfern sowie Minen dabei. &#8222;Der Russe ist nat\u00fcrlich erschossen worden&#8220;, sagt Islamow lakonisch.<\/div>\n<div class=\"dig-absatz\" data-field=\"absatz\">Die M\u00e4nner nicken zustimmend. Sie trinken den n\u00e4chsten Tee und zitieren den Propheten, au\u00dferdem Lermontow und Dudajew: &#8222;Wer nicht mit allen Mitteln danach strebt, der Sklaverei zu entfliehen, der hat sie doppelt oder dreifach verdient.&#8220;<\/div>\n<div class=\"dig-absatz\" data-field=\"absatz\">In der Fr\u00fch geht es wieder in die vorderen Gr\u00e4ben. Erstmals ist auch die mit Boroda eingetroffene Verst\u00e4rkung dabei: der Jordanier Chalid, der sein vorz\u00fcgliches Russisch im ukrainischen Kiew gelernt hat, und der Tschetschene Ramadan, eben wegen des Krieges aus Syrien zur\u00fcckgekehrt. Ramadan hat in Pakistan studiert und zuletzt mit weiteren Landsleuten an der Scharia-Fakult\u00e4t der Uni von Damaskus. Nat\u00fcrlich geh\u00f6rte auch Milit\u00e4rausbildung dazu. Keiner habe ihn nach Hause gerufen, sagt Ramadan, &#8222;mein Herz hat es mir befohlen&#8220;. Zwei seiner Br\u00fcder sind bereits tot.<\/div>\n<div class=\"dig-absatz\" data-field=\"absatz\">Der Morgenhimmel ist erschreckend wolkenlos und blau: Flugwetter. Entsetzt stehen die Einwohner von Goiskoje vor ihren H\u00e4usern und beobachten, wie zwei Kilometer vor ihnen die Welt ins Wanken ger\u00e4t. Zuerst geht der Mitschurin-Kolchos am Ortsrand von Urus-Martan in Flammen auf; dann explodiert im Bombenhagel der Russen die nahe gelegene Tankstelle, schlie\u00dflich pfl\u00fcgen Raketen die Stra\u00dfe hinter Goiskoje um.<\/div>\n<div class=\"dig-absatz\" data-field=\"absatz\">&#8222;Sie zielen auf jedes Auto, das dort noch f\u00e4hrt&#8220;, schreit Nachbar Ismail wutentbrannt. Da lobe er sich die Deutschen, &#8222;die 1942 hier absprangen: Die waren korrekt und hilfsbereit, die haben meiner Mutter aus ihrer roten Fallschirmseide sogar noch Decken gemacht&#8220;.<\/div>\n<div class=\"dig-absatz\" data-field=\"absatz\">Dass in Urus-Martan viele Wahhabiten sitzen, Tschetscheniens religi\u00f6se Eiferer saudiarabischer Provenienz, wei\u00df Ismail sehr wohl. Er sieht in ihnen Agenten, &#8222;die von den Juden gesteuert sind&#8220;, so wie er Extremistenf\u00fchrer Schamil Bassajew f\u00fcr einen &#8222;russischen Judas&#8220; h\u00e4lt &#8211; &#8222;alles Leute, die in Russlands Auftrag hier den Krieg sch\u00fcren&#8220;.<\/div>\n<div class=\"dig-absatz\" data-field=\"absatz\">Das Ergebnis des russischen Bombardements ist eine Stunde sp\u00e4ter im Krankenhaus von Goity zu besichtigen. Hilflos steht Chefarzt Junadi Datschajew neben der Leiche der 32-j\u00e4hrigen Jesita: Ein Splitter hat die Frau direkt ins Herz getroffen, als sie sich mit ihren vier Kindern und der Kuh \u00fcber die Landstra\u00dfe retten wollte.<\/div>\n<div class=\"dig-absatz\" data-field=\"absatz\">Zwei Autos mit vier Schwerverletzten rasen auf den Hof; bevor die Getroffenen den OP erreicht haben, sind zwei von ihnen tot. &#8222;Ich habe keine Verb\u00e4nde mehr, kein Narkosemittel, keine Spritzen &#8211; nur noch meine H\u00e4nde&#8220;, Datschajew sagt es resigniert. Er operiert im Keller bei Kerzenschein und hat weder ein rotes Kreuz aufs Dach gemalt noch eine wei\u00dfe Fahne herausgeh\u00e4ngt: &#8222;Das w\u00fcrde die Bomber doch nur anziehen.&#8220;<\/div>\n<div class=\"dig-absatz\" data-field=\"absatz\">Auch im Krankenhaus von Staryje Atagi herrscht das Elend. Dicht an dicht liegen die Opfer der russischen Terroristenjagd: der leblose zehnj\u00e4hrige Sulidan, der an der Bushaltestelle verwundet wurde, als eine Rakete ein vorbeifahrendes Auto traf: Sch\u00e4deltrauma; Tarana, die Fl\u00fcchtlingsfrau aus Baku, der die Druckwelle einer Bombe die Brust zerquetschte; Kwais, 47, der auf eine Mine trat: das linke Bein ist amputiert; der 14-j\u00e4hrige Alik aus Perwomaiskoje, der auf dem Hof Holz hackte, als zwei Granaten einschlugen: das linke Auge ist weg, auch die linke Hand und das linke Bein scheinen unrettbar verloren.<\/div>\n<div class=\"dig-absatz\" data-field=\"absatz\">In den Betten nebenan liegen noch immer die Verbrannten und Verst\u00fcmmelten vom russischen Raketenangriff auf den Markt von Grosny &#8211; mittendrin h\u00e4ngt ein bereits Gestorbener am Tropf. &#8222;Ein Stein, der oben liegt, muss nicht immer oben bleiben, lehrt uns der Prophet&#8220;, fl\u00fcstert die 69-j\u00e4hrige Lena Riwilog kraftlos, aber voller Verachtung aus ihrem Bett heraus. Sie meint Putin, Russlands Kriegspremier, den sie nur &#8222;Rasputin&#8220; nennt.<\/div>\n<div class=\"dig-absatz\" data-field=\"absatz\">In der Hauptstadt Grosny arbeitet l\u00e4ngst kein Krankenhaus mehr. Wozu auch? Vor der Br\u00fccke am Minutka-Platz klafft ein riesiger Trichter. Daneben liegen ein Schrank, Betten, ein paar Koffer. &#8222;Die Bombe ist direkt auf einen Fl\u00fcchtlings-Lkw gefallen&#8220;, sagt ein Anwohner, &#8222;wir haben nicht mal Leichenteile gefunden.&#8220;<\/div>\n<div class=\"dig-absatz\" data-field=\"absatz\">Alle paar Minuten ersch\u00fcttern schwere Einschl\u00e4ge die Stadt. Am Sieges-Prospekt brennt ein getroffenes Wohnhaus, drei Menschen wurden im Keller versch\u00fcttet. Vor der bombardierten Staatsbank flattern Beh\u00f6rdenbriefe und Kontoabrechnungen \u00fcber die Stra\u00dfe. Das einzig Bunte in der kaltgrauen Ruinenstadt ist ein gro\u00dfes Dudajew-Portr\u00e4t, das die Ein\u00f6de an der Stelle des fr\u00fcheren Pr\u00e4sidentenpalastes ziert.<\/div>\n<div class=\"dig-absatz\" data-field=\"absatz\">Nur schemenhaft bewegen sich die Zur\u00fcckgebliebenen durch die Geisterkulisse. Schukran Armokajewa, 43, macht in den wackligen Holzst\u00e4nden am Markt letzte Vorr\u00e4te zu Geld. Sie verkauft eingelegte Tomaten, das Glas f\u00fcr 35 Rubel, und gebratene Koteletts zu 7 Rubel das St\u00fcck. Ihre Kundschaft sind Freisch\u00e4rler und die Bewohner der Keller von Grosny. Vier Frauen sind sie noch auf dem Hof in der Rosa-Luxemburg-Stra\u00dfe Nr. 15, allen fehlt das n\u00f6tige Geld zur Flucht.<\/div>\n<div class=\"dig-absatz\" data-field=\"absatz\">Wacha Arsanow will bleiben. Der Mann mit der Papacha, der tschetschenischen Pelzm\u00fctze auf dem Kopf, steht mit nur zwei Leibw\u00e4chtern auf dem leeren Platz vor dem gest\u00fcrzten Lenin-Denkmal: Es ist Tschetscheniens Vizepr\u00e4sident.<\/div>\n<div class=\"dig-absatz\" data-field=\"absatz\">Dass die F\u00fchrung angeblich das Land Richtung Georgien verlassen will, ist &#8222;eine b\u00f6se Propaganda-Ente der Russen&#8220;, sagt Arsanow, der einst f\u00fcr den Geheimdienst zust\u00e4ndig und im letzten Krieg Befehlshaber der Nordwestfront war.<\/div>\n<div class=\"dig-absatz\" data-field=\"absatz\">Die Einnahme von Gudermes scheint den Vizepr\u00e4sidenten nicht zu bedr\u00fccken: &#8222;Wir bereiten den Russen dort in den n\u00e4chsten Tagen eine gro\u00dfe \u00dcberraschung vor&#8220;, sagt er schmunzelnd. Auch an Waffen mangele es nicht &#8211; sie k\u00e4men aus Russland. Schlie\u00dflich s\u00e4\u00dfen gen\u00fcgend Gener\u00e4le in Moskau, die dem Jelzin-G\u00fcnstling Putin einen Erfolg in Tschetschenien missg\u00f6nnten. Es gebe aber auch nicht wenige, die den Krieg weiter nach Georgien tragen wollten, damit Russland der Zugang zu den \u00d6lquellen des Kaukasus erhalten bleibt.<\/div>\n<div class=\"dig-absatz\" data-field=\"absatz\">Dass der Sieg \u00fcber die Russen an mangelnder Einigkeit der Tschetschenen scheitern wird &#8211; Arsanow glaubt das nicht. &#8222;Wir haben alles Trennende beiseite geschoben&#8220;, behauptet er &#8211; &#8222;vorerst.&#8220; Er meint den extremistischen Feldkommandeur Bassajew, der mit seinem Dagestan-Einmarsch im August den Krieg erst richtig losgetreten hat.<\/div>\n<div class=\"dig-absatz\" data-field=\"absatz\">&#8222;Wenn wir mit Russland fertig sind, werden wir aufkl\u00e4ren, was in Dagestan wirklich geschah &#8211; vor einem Scharia-Gericht. Allah wird uns sagen, was dann zu tun ist.&#8220; Arsanow st\u00fclpt die Papacha auf und verschwindet in den Ruinen von Grosny. CHRISTIAN NEEF<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"dig-autoren\">Von Christian Neef<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"article-copyright\"><\/div>\n<div><\/div>\n<div>http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-15118832.html<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ungeachtet weltweiter Proteste setzt Moskau seine gnadenlose Intervention in der abtr\u00fcnnigen Kaukasusrepublik fort. Sie trifft immer h\u00e4rter die Zivilbev\u00f6lkerung. Trotz milit\u00e4rischer R\u00fcckschl\u00e4ge hoffen die tschetschenischen K\u00e4mpfer auf eine baldige Wende. Es ist eine schlimme Nacht, mit Eisregen und Sturmb\u00f6en. Der Bergfluss Argun brodelt seit Stunden schon. 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