{"id":16160,"date":"2021-02-23T00:20:57","date_gmt":"2021-02-22T23:20:57","guid":{"rendered":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=16160"},"modified":"2021-02-23T00:27:18","modified_gmt":"2021-02-22T23:27:18","slug":"die-deportation-und-ermordung-von-tschetscheninnen-und-inguschinnen-1944","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=16160&lang=de","title":{"rendered":"Die Deportation und Ermordung von TschetschenInnen und InguschInnen 1944"},"content":{"rendered":"<p>Was nicht nur in Chaibach geschah: Die Deportation und Ermordung von TschetschenInnen und InguschInnen 1944 und was das mit der \u00f6sterreichischen Geschichte und Gegenwart zu tun hat Am 23. Februar 1944 begann die Deportation der gesamten tschetschenischen und inguschischen Bev\u00f6lkerung aus dem Nordkaukasus nach Zentralasien, die Stalin am 31. J\u00e4nner 1944 angeordnet hatte. Die Aktion wurde vom NKDW generalstabsm\u00e4\u00dfig geplant. Am 17.<br \/>\nFebruar meldete der ber\u00fcchtigte NKDW-Chef Lawrenti Berija an Stalin: \u201eDie operative Vorbereitung der Deportation von Tschetschenen und Inguschen wird demnach abgeschlossen. Nach den Vorbereitungsma\u00dfnahmen wurden 459 486 zu deportierende Personen erfasst, einschlie\u00dflich der in den mit der TschetschenoInguschetischen Republik benachbarten Regionen Dagestans sowie der in der Stadt Wladikawkas Ans\u00e4ssigen. In Anbetracht des Ma\u00dfstabes der Operation und der Besonderheiten der Bergregion wurde beschlossen, die Deportation einschlie\u00dflich der Verladung der Personen in Eisenbahnwaggons zum Abtransport innerhalb von acht Tagen zu vollziehen. Im Hinblick auf den Ernst der Operation bitte ich um Erlaubnis, bis zum Abschluss der Operation mindestens im Gro\u00dfen und Ganzen, also bis zum 26.\/27. Februar 1944, vor Ort zu bleiben.\u201d<\/p>\n<p>Am 23. Februar wurden um 2.00 morgens s\u00e4mtliche D\u00f6rfer und St\u00e4dte, die von Tschetschenen und Inguschen bewohnt waren, umzingelt. Um 5.00 morgens wurde den M\u00e4nnern der Deportationsbefehl auf Versammlungen mitgeteilt und diese zugleich entwaffnet. Wer einen Fluchtversuch unternahm wurde sofort ohne Warnung erschossen. Im Ort Chajbach, wo es den sowjetischen Beh\u00f6rden nicht gelungen war den Transport der Bev\u00f6lkerung zu organisieren, wurde die Bev\u00f6lkerung in eine Scheune getrieben und bei lebendigem Leib verbrannt. Insgesamt wurden zwischen dem 23. und 29. Februar \u00fcber 470.000 Tschetschenen und Inguschen in Viehwagonen in die zentralasiatische Steppe transportiert. 1.272 dieser \u201eSonderumsiedler\u201c starben bereits w\u00e4hrend des Transportes, 50 wurden auf der Flucht erschossen. Am Deportationsziel in Kasachstan, wo die \u201eSonderumsiedler\u201c keine ausreichende Infrastruktur vorfanden und unter h\u00e4rtesten Bedingungen in der Landwirtschaft und in Bergwerken arbeiten mussten, kamen wesentlich mehr Menschen ums Leben.<br \/>\nZwischen 1944 und 1953 starben durch Krankheiten und Hunger \u00fcber 73.000 Tschetschenen und Inguschen, die meisten davon noch in den ersten Monaten. Damit kam fast ein F\u00fcnftel\u00a0 der tschetschenischen und inguschischen Bev\u00f6lkerung der Sowjetunion durch die Folgen der stalinistischen Deportation ums Leben. Nicht nur das Ausma\u00df des Sterbens, sondern auch seine Systematik sprechen daf\u00fcr, dieses Verbrechen als Genozid zu bezeichnen, zumal als einziges Kriterium f\u00fcr die Deportation die ethnische Zugeh\u00f6rigkeit zum Tschetschenischen und Inguschischen Volk angenommen wurde. Auch tschetschenische und inguschische Funktion\u00e4re und Mitglieder der Kommunistischen Partei, treue Anh\u00e4nger Stalins oder Soldaten der Roten Armee wurden deportiert. Am 29. Februar meldete der sowjetische Volkskommissar des Inneren, Lawrenti Berija, den Vollzug der Aktion an Stalin. Au\u00dfer einigen wenigen Gruppen, die sich rechtzeitig in die im Februar bitterkalten und verschneiten kaukasischen Berge gefl\u00fcchtet hatten, war damit die gesamte tschetschenische und inguschische Bev\u00f6lkerung innerhalb weniger Tage aus ihrer Heimat deportiert worden. Innerhalb der Sowjetunion wurde die Deportation zun\u00e4chst geheim gehalten. Zur\u00fcckkehrende Soldaten der Roten Armee fanden 1945 oft erst vor Ort ihre D\u00f6rfer geleert vor und mussten<br \/>\nerst m\u00fchsam herausfinden was mit ihren Familien geschehen war. Schlie\u00dflich hatten tausende Tschetschenen und Inguschen in den Reihen der Roten Armee f\u00fcr Stalin gegen das Deutsche Reich gek\u00e4mpft und damit einen wesentlichen Beitrag zur Befreiung Europas vom Nationalsozialismus geleistet.<\/p>\n<p>F\u00fcr Stalin z\u00e4hlte dieser Beitrag der nordkaukasischen Bev\u00f6lkerung zum Kampf gegen den Faschismus jedoch nicht. Als Begr\u00fcndung f\u00fcr die Deportation wurde angegeben, dass sich die Tschetschenen und Inguschen \u201eim Laufe der deutsch-faschistischen Offensive auf den Nordkaukasus [\u2026] im Hinterland der Roten Armee antisowjetisch\u201c verhalten h\u00e4tten. Der Vorwurf der Kollaboration mit den Deutschen \u2013 und damit auch mit den \u00d6sterreichern, die unter deutscher Flagge f\u00fcr das nationalsozialistische Deutsche Reich gek\u00e4mpft hatten, verbindet das Schicksal der Tschetschenen und Inguschen mit der \u00f6sterreichischen Geschichte. Auch wenn es nur kleine Gruppen waren, die tats\u00e4chlich mit der Deutschen Wehrmacht kollaboriert hatten, so lieferte der nationalsozialistische Angriffskrieg auf die Sowjetunion doch Stalin den Vorwand mit den l\u00e4stigen aufst\u00e4ndischen Nordkaukasiern so zu verfahren.<\/p>\n<p>Dass Berija f\u00fcr die Organisation der Deportation auch Angeh\u00f6rige benachbarter Volksgruppen einsetzte \u2013 so wurden etwa 3.000 Osseten und \u00fcber 6.000 Dagestani daf\u00fcr herangezogen \u2013 und Teile der Tschetscheno-inguschetischen Sowjetrepublik an Nordossetien angegliedert\u00a0 wurde, sollte sich f\u00fcr die Zukunft als schwere Hypothek erweisen, die sich auch noch auf die ossetisch-inguschischen Konflikte nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion auswirkte.<\/p>\n<p>Die Tschetschenen und Inguschen waren nicht die einzigen, die Stalin mit \u00e4hnlichen Begr\u00fcndungen deportieren lie\u00df. Im November 1943 waren die Karatschaier deportiert worden. Im April 1944 folgten die Balkaren aus dem westlichen Nordkaukasus, im Mai 1944 die Krimtataren und im Juni 1944 schlie\u00dflich die Mescheten aus Georgien. All diese Deporationen fanden zu einem Zeitpunkt statt, als die Schlacht von Stalingrad geschlagen und sich die Deutsche Wehrmacht bereits im Westen der Ukraine und Wei\u00dfrusslands auf dem R\u00fcckzug befand, von den vermeintlichen und wirklichen Kollaborateuren also keine reale Gefahr mehr ausging. Historiker gehen heute davon aus, dass Stalin damit weniger tats\u00e4chliche Kollaboration bestrafen wollte, als vielmehr Unruhegebiete, die f\u00fcr die Sowjetunion im Kaukasus schwer zu kontrollieren waren, unter die Zentralregierung zwingen wollte. Zumindest bez\u00fcglich der Tschetschenen und Inguschen, die sich schon in den 1920erJahren der Zwangskollektivierung wiedersetzt hatten, und immer wieder kleinere Aufst\u00e4nde<br \/>\ngewagt hatten, d\u00fcrfte dies die Hauptmotivation gewesen sein.<\/p>\n<p>Obwohl wesentlich mehr Tschetschenen in den Reihen der Roten Armee gegen Deutschland k\u00e4mpften, l\u00e4sst sich nicht leugnen, dass es um die bewaffnete Gruppe von Hasan Israilov tats\u00e4chlich Kontakte mit der Deutschen Wehrmacht gab und einige antisowjetische Gruppen ihre Hoffnung auf einen Sieg der Deutschen gesetzt hatten. Die von Stalin verwendete Begr\u00fcndung f\u00fcr die Deportation hatte also mit der deutschen und \u00f6sterreichischen Geschichte zu tun und ist auch einer Folge des deutschen Angriffskriegs auf die Sowjetunion oder anders<br \/>\nformuliert: Erst der Angriffskrieg, den die Generation unserer Gro\u00dfv\u00e4ter gegen die Sowjetunion gef\u00fchrt hatte, machte den bewaffneten Widerstand einiger tschetschenischer und inguschischer Gruppen zur Kollaboration mit dem Faschismus und lieferte damit Stalin den Vorwand f\u00fcr die Deportation der gesamten Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Die Geschichte der Deportation, der wir heute gedenken, hat also auch mit der \u00f6sterreichischen und deutschen Geschichte zu tun. In einem Museum, das ich letztes Jahr in der tschetschenischen Kleinstadt Itum-Kale besuchen konnte, war eine Mundharmonika mit einem Hakenkreuz ausgestellt, die ein Soldat der Wehrmacht im Kaukasus hinterlassen hatte. Wenn wir heute der stalinistischen Deportation gedenken, m\u00fcssen wir auch an die Verstrickung der \u00f6sterreichischen und deutschen Geschichte mit diesen Ereignissen denken.<\/p>\n<p>Unsere Gesellschaft hat mit Tschetschenien nicht erst seit der Flucht tschetschenischer Kriegsfl\u00fcchtlinge der beiden letzten Tschetschenienkriege zu tun, sondern hatte bereits vor bald 80 Jahren mit jenen Ereignissen zu tun, die die tschetschenische und inguschische Gesellschaft bis heute nachhaltig traumatisiert haben.<\/p>\n<p>Heute gibt es nur in Inguschetien eine Gedenkst\u00e4tte f\u00fcr die Opfer der Deportation. Ein in der tschetschenischen Hauptstadt Grozny errichteter Gedenkort, der mit gesch\u00e4ndeten Grabsteinen gestaltet worden war, wurde vom prorussischen tschetschenischen Regime vernichtet.<br \/>\nVielleicht kann Wien ein Ort werden in dem die Nachkommen der Opfer von damals gemeinsam mit anderen Wienerinnen und Wienern dieser Geschichte gedenken.<\/p>\n<p>Rede gehalten am 22. Februar 2018 von<strong> Thomas Schmidinger<\/strong> bei der tschetschenischen Gedenkfeier f\u00fcr die Deportierten von 1944 im Festsaal des Amtshauses f\u00fcr den 5. Bezirk, Sch\u00f6nbrunnerstr. 54, 1050 Wien<\/p>\n<p>Foto: Khuseyn Iskhanov, Kulturverein ICHKERIA<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-16161\" src=\"http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/received_245565697118548-300x225.jpeg\" alt=\"\" width=\"413\" height=\"310\" srcset=\"http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/received_245565697118548-300x225.jpeg 300w, http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/received_245565697118548.jpeg 640w\" sizes=\"auto, (max-width: 413px) 100vw, 413px\" \/>\u00a0 \u00a0 <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-16162\" src=\"http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/received_2768016703513110-300x225.jpeg\" alt=\"\" width=\"412\" height=\"309\" srcset=\"http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/received_2768016703513110-300x225.jpeg 300w, http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/received_2768016703513110.jpeg 640w\" sizes=\"auto, (max-width: 412px) 100vw, 412px\" \/><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-16163\" src=\"http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/received_760880871212412-300x225.jpeg\" alt=\"\" width=\"411\" height=\"308\" srcset=\"http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/received_760880871212412-300x225.jpeg 300w, http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/received_760880871212412.jpeg 640w\" sizes=\"auto, (max-width: 411px) 100vw, 411px\" \/>\u00a0 <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-16164\" src=\"http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/received_182238309998584-225x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"230\" height=\"307\" srcset=\"http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/received_182238309998584-225x300.jpeg 225w, http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/received_182238309998584.jpeg 640w\" sizes=\"auto, (max-width: 230px) 100vw, 230px\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was nicht nur in Chaibach geschah: Die Deportation und Ermordung von TschetschenInnen und InguschInnen 1944 und was das mit der \u00f6sterreichischen Geschichte und Gegenwart zu tun hat Am 23. 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