{"id":1839,"date":"2017-08-17T11:45:42","date_gmt":"2017-08-17T09:45:42","guid":{"rendered":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=1839"},"modified":"2017-08-17T11:46:34","modified_gmt":"2017-08-17T09:46:34","slug":"leben-mit-der-mindestsicherung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=1839&lang=de","title":{"rendered":"Leben mit der Mindestsicherung"},"content":{"rendered":"<p><!--more-->In der Debatte um die Mindestsicherung geht es meist um Zahlen. Wir haben zwei Menschen getroffen, deren Geschichten typisch f\u00fcr Wiens knapp 200.000 Betroffene sind, und mit ihnen \u00fcber ihren Alltag und ihr Budget gesprochen.<\/p>\n<p>\u201eIch bin frei\u201c, sagt Anna und strahlt ein bisschen. Sechs Jahre lang hat die 55-j\u00e4hrige Alleinerzieherin Mindestsicherung als Aufstockung zu ihrem Gehalt bezogen. Jetzt bekommt sie f\u00fcr ihr j\u00fcngstes Kind wieder mehr Unterhalt und ist, auch wenn in Summe nicht viel mehr Geld bleibt, nicht mehr auf die Mindestsicherung angewiesen. Eine Erleichterung f\u00fcr die 55-J\u00e4hrige &#8211; denn mit der Mindestsicherung hat sie immer gehadert, nahm sie schlie\u00dflich doch, vor allem um Wohnbeihilfe zu bekommen.<\/p>\n<p>So genannte \u201eAufstocker\u201c sind in Wien die h\u00e4ufigste Form der Mindestsicherung: 77,9 Prozent der insgesamt 194.875 Bezieher im Jahr 2016 erhalten nicht den gesamten Betrag, sondern nur einen Teil.<\/p>\n<p>\u201eDie Mindestsicherung ist entw\u00fcrdigend\u201c<br \/>\n\u201eDie Mindestsicherung ist entw\u00fcrdigend\u201c, sagt Anna im \u201eWien heute\u201c-Interview. \u201eMan wird komplett blo\u00df gestellt und muss alles, was man jemals im Leben erspart und abgeschlossen hat, zuerst ausgeben. Man wird in ein Eck gedr\u00e4ngt, wo man eigentlich nicht hingeh\u00f6rt und eigentlich nie war und nicht sein wollte. Das finde ich nicht okay.\u201c 20 Stunden die Woche arbeitet die 55-J\u00e4hrige als Textilrestauratorin in einem Museum. Zum Leben reicht das nicht, mehr Stunden gibt es aber nicht. Mehr arbeiten w\u00e4re auch schwierig: Anna hat vier Kinder, zwei davon wohnen noch bei ihr.<\/p>\n<p>Sie versorgt au\u00dferdem ihre zwei schwer pflegebed\u00fcrftigen Eltern, managt den Alltag zwischen 24-Stunden-Betreuung und Arztbesuchen. Geld ist ein omnipr\u00e4sentes Thema. \u201eWie viel verdient man beim ORF?\u201c, ist eine der ersten Fragen ihres zehnj\u00e4hrigen Sohnes, der Anna beim Interview begleitet. Denn das Budget ist knapp: Mindestsicherung und Gehalt haben f\u00fcr Anna rund 1.300 Euro monatlich ausgemacht. Dazu kommt das Kindergeld.<\/p>\n<p>Wohnen ist \u201eunleistbar\u201c geworden<br \/>\nDer gr\u00f6\u00dfte Brocken ist Wohnen &#8211; drei Viertel des Familienbudgets flie\u00dfen derzeit in eine Wohnung in der Donaustadt, Anna wohnt hier mit ihrem Sohn und ihrer 17-j\u00e4hrigen Tochter in einem Wohnprojekt mit Gemeinschaftsraum und Garten. Wohnen ist der 55-J\u00e4hrigen immer wichtig gewesen: \u201eLeider hat das jetzt ein Ende, weil die Wohnung viel zu teuer ist, das ist unleistbar. Selbst bei bestem Willen muss ich weg von hier.\u201c Jetzt geht es vermutlich erst einmal ins Gartenhaus der Eltern: \u201eAber das ist halt keine Wohnung, das ist mit vielen Abstrichen.\u201c<\/p>\n<p>Arm? \u201eDas bin ich\u201c, sagt Anna. Die politische und gesellschaftliche Debatte rund um die Mindestsicherung \u00e4rgert sie. \u201eEs wird politisches Kleingeld mit den \u00c4rmsten der Armen gemacht, das finde ich traurig &#8211; vor allem in einem so reichen Land wie \u00d6sterreich.\u201c Kinder, Eltern und der Haushalt &#8211; Annas Alltag besteht aus viel unbezahlter Arbeit &#8211; f\u00fcr sie bedeutet Geld auch Wertsch\u00e4tzung. \u201eEntweder der Staat sagt: Ich sch\u00e4tze deine Arbeit und ich will, dass du vier gut gef\u00f6rderte Kinder erziehst, daher gebe ich dir das Geld. Aber als Bittstellerin zu kommen, das ist furchtbar.\u201c<\/p>\n<p>Maximal 30 Euro pro Tag<\/p>\n<p>Mit maximal 30 Euro pro Tag kalkuliert Anna f\u00fcr sich und zwei Kinder &#8211; f\u00fcr Lebensmittel, Gesundheit oder Kleidung. \u201eWenn man da in den Supermarkt einkaufen geht, hat man nicht viel im Wagerl. Meistens auch kein naturnahes Essen, sondern oft Industrieessen\u201c, erz\u00e4hlt sie. Auf einen Kaffee geht sie trotzdem ab und zu \u201esonst isoliere ich mich selbst &#8211; Essen gehen, das ist schon eine andere Geschichte.\u201c Gro\u00dfe Ausgaben wie ein Laptop, den die Kinder f\u00fcr die Schule brauchen, oder eine Zahnspange sind eine Herausforderung oder schlicht unm\u00f6glich. 200 Euro Kindergeld f\u00fcr einen Jugendlichen &#8211; das findet Anna viel zu wenig. Statt Almosen w\u00fcnscht sie sich eine Kindergrundsicherung.<\/p>\n<p>Bis dahin bedeutet Alltag f\u00fcr Anna auch weiterhin immer \u00fcberlegen, nachrechnen und Priorit\u00e4ten setzen: An erster Stelle kommen die Kinder: \u201eWenn ich die Wahl habe: Sicher lieber eine Zahnspange f\u00fcr meinen Sohn als neue Z\u00e4hne f\u00fcr mich \u2013 weil er hat die Zukunft vor sich und ich lache halt zahnlos, ist ja auch wurscht.\u201c<\/p>\n<p>Der lange Weg von Aleppo nach Wien<br \/>\nWie viele Menschen mit ihnen sind Ahmed und seine Familie aus Syrien geflogen. Vor zwei Jahren machte sich der 26-j\u00e4hrige auf den langen Weg aus Aleppo nach Europa: Zu Fu\u00df marschiert er in die T\u00fcrkei, nimmt dort einen Bus nach Izmir. Ein Schlepper arrangiert den Weg nach Griechenland und dann weiter in den Norden &#8211; vermeintlich nach Deutschland und weiter nach Schweden. \u201eIch habe mich in einem Lkw versteckt, zwei oder drei Tage sp\u00e4ter war ich in \u00d6sterreich &#8211; am Anfang wusste ich gar nicht, wo ich war\u201c, erz\u00e4hlt er im \u201eWien heute\u201c-Interview.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst wohnt Ahmed in Ober\u00f6sterreich, mithilfe eines pensionierten Polizisten &#8211; \u201eein echter \u00f6sterreichischer Held\u201c, schmunzelt er in Anspielung auf dessen Nachnamen &#8211; findet er eine eigene Wohnung und kann seine Verlobte Sedra aus Syrien nachholen. Sechs Monate arbeitet Ahmed als Sch\u00fclerlotse, so ganz wohl f\u00fchlt er sich in Ober\u00f6sterreich allerdings nicht. \u201eIch habe meinen positiven Asylbescheid bekommen und bin nach Wien umgezogen &#8211; weil viele Freunde gesagt haben: Wien ist ganz anders. Und das kann ich nur best\u00e4tigen.\u201c<\/p>\n<p>Zuhause auf 37 Quadratmetern.<\/p>\n<p>In den vergangenen zwei Jahren hat es einen starken Anstieg bei Asylberechtigten gegeben, die in Wien Mindestsicherung beziehen. Im Monatsdurchschnitt 2016 waren es 34.703 Menschen, 2017 bereits 41.731 Bezieher, eine Steigerung von mehr als 20 Prozent. Auch Ahmad und seine Familie beziehen Mindestsicherung &#8211; rund 1.500 Euro monatlich sind es, dazu kommt das Kindergeld f\u00fcr den elf Monate alten Sohn. Zu dritt wohnen sie in einer 37 Quadratmeter gro\u00dfen Wohnung in Simmering.<\/p>\n<p>510 Euro Miete kostet die Wohnung monatlich, zu viel findet Ahmed. Eine Wahl hat er aber nicht: \u201eViele \u00d6sterreicher haben uns noch nicht kennengelernt und sie vergeben ihre Wohnung nicht gerne an Menschen, die sie nicht kennen. Deshalb habe ich die Wohnung durch eine Firma gemietet.\u201c Zu oft hat er bei der Wohnungssuche die Frage nach seiner Herkunft geh\u00f6rt und irgendwann resigniert.<\/p>\n<p>Mindestsicherung reicht \u201egerade so\u201c<\/p>\n<p>In Wien ist der Lebensstandard der Familie deutlich niedriger als in Aleppo &#8211; der 26-J\u00e4hrige ist nicht wegen des Geldes, sondern vor den Bomben gefl\u00fcchtet: \u201eIn Syrien bin ich mit 18 Jahren in meine eigene Wohnung gezogen, habe ein eigenes Auto gehabt und eigentlich alles gehabt. Manche Leute denken, dass wir wegen der Mindestsicherung nach \u00d6sterreich gekommen sind, aber eigentlich habe gar nicht gewusst, dass es in \u00d6sterreich Mindestsicherung gibt.\u201c<\/p>\n<p>Ein weiteres Missverst\u00e4ndnis \u00e4rgert den geb\u00fcrtigen Syrer: \u201eManche Leute glauben auch, dass wir die Mindestsicherung einfach so bekommen und behalten. Aber wir zahlen davon genauso Miete, Strom und Gas, Internet und Handys, Fahrkarten und die Haushaltsversicherung, Lebensmittel und Kindermilch und Windeln \u2013 alles was das Kind und wir brauchen, so wie alle anderen \u00d6sterreicher auch\u201c, betont er.<\/p>\n<p>Die 1.500 Euro reichen gerade so, mit circa 1.300 Euro Fixkosten rechnet die Familie. Neues Kinderspielzeug gibt es daher nur selten, ein paar Mal im Monat kauft die Familie im Sozialmarkt ein &#8211; gerade wenn extra Anschaffungen wie eine Waschmaschine notwendig sind. \u201eIch kann nichts sparen, dabei bin ich ein sehr sparsamer Mensch. Ich habe BWL studiert und alle, die das studiert haben, sind sehr sparsam. Ich versuche immer ein bisschen Geld zu sparen, f\u00fcr den Fall, das etwas passiert\u201c, schildert Ahmed.<\/p>\n<p>So schnell wie m\u00f6glich in den Job<br \/>\nDeshalb will der 26-J\u00e4hrige auch so schnell wie m\u00f6glich wieder arbeiten: \u201eMomentan bin ich um meine Zukunft besorgt: Ich habe in Syrien als Buchhalter gearbeitet und ich wei\u00df, wenn man hier als Buchhalter arbeiten will, dann muss man die Sprache gut beherrschen. Deshalb versuche ich jetzt sehr, die Sprache zu beherrschen.\u201c Derzeit besucht Ahmed einen Sprachkurs, auch seine &#8211; inzwischen Ehefrau &#8211; Sedra nutzt die Initiative \u201eMama lernt Deutsch\u201c. \u201eDas AMS unterst\u00fctzt uns sehr\u201c, sagt Ahmed.<\/p>\n<p>Am liebsten w\u00fcrde er nebenbei bereits Teilzeit arbeiten. Oder nur ein paar Stunden pro Monat &#8211; um die Mindestsicherung aufzubessern, das ist sein Wunsch an das \u00f6sterreichische System. \u201eSo k\u00f6nnte man die Leute auch ein bisschen motivieren, damit sie schneller wieder arbeiten\u201c, meint er. Ihm selbst fehlt es wohl nicht an Motivation: \u201eIch will\u201c, sagt Ahmed oft. Und zwar zur\u00fcck in die Arbeit als Buchhalter und nebenbei weiter studieren: Der 26-J\u00e4hrige hat sich bereits f\u00fcr ein Masterstudium an der Wirtschaftsuniversit\u00e4t beworben. Was er noch will: \u201emich integrieren\u201c und \u201e\u00d6sterreich auch etwas zur\u00fcckgeben\u201c.<\/p>\n<p>Egal, was die Zukunft bringt, eines ist schon klar: \u201eMeine Familie hat entschieden, wir leben hier in Wien und wir sterben auch in Wien, wir wollen nicht wieder umziehen\u201c, sagt Ahmed.<\/p>\n<p>Barbara Wakolbinger, wien.ORF.at<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[19],"tags":[],"class_list":["post-1839","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-religion"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1839","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1839"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1839\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1841,"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1839\/revisions\/1841"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1839"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1839"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1839"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}