{"id":2350,"date":"2017-08-30T11:42:33","date_gmt":"2017-08-30T09:42:33","guid":{"rendered":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=2350"},"modified":"2017-08-30T11:42:33","modified_gmt":"2017-08-30T09:42:33","slug":"das-scheitern-des-kalifats","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=2350&lang=de","title":{"rendered":"Das Scheitern des Kalifats"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_2351\" aria-describedby=\"caption-attachment-2351\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2351 size-medium\" src=\"http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Konstantinopel.-300x180.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"180\" srcset=\"http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Konstantinopel.-300x180.jpg 300w, http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Konstantinopel.-480x288.jpg 480w, http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Konstantinopel..jpg 620w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2351\" class=\"wp-caption-text\">Archivbild: Konstantinopel. \u2013 (c) Bilderbox<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong class=\"article__author\">Von Johannes Preiser-Kapeller<\/strong><\/p>\n<h2><strong>Vor 1300 Jahren begann im August 717 die arabische Belagerung Konstantinopels.<\/strong><\/h2>\n<p>Der US-amerikanische Autor Harry Turtledove spielte 1989 in seiner Kurzgeschichte \u201eIslands in the Sea\u201c mit der Idee einer arabischen Eroberung Konstantinopels im Jahr 717, die zu einer Dominanz des Kalifats in Osteuropa und zur Islamisierung anstelle einer Christianisierung der slawischen Welt f\u00fchrt. Doch auch jenseits solcher Spekulationen war der Versuch des Kalifats, das konkurrierende Imperium der R\u00f6mer, als die sich die erst durch die neuzeitliche Forschung so bezeichneten Byzantiner verstanden, mit einem Schlag auszul\u00f6schen, eines der wichtigsten Ereignisse der Geschichte der Mittelmeerwelt.<\/p>\n<h2>Der Griff des Kalifats nach der Weltmacht<\/h2>\n<p>Noch 90 Jahre vor dem Jahr 717 schien die dauerhafter Vormacht des Byzantinischen Reiches nach dem siegreichen Abschluss eines fast 30j\u00e4hrigen Krieges gegen den traditionellen Erzfeind \u2013 das Perserreich der Sasaniden \u2013 gesichert. Doch schon bald nach dem Tod des Propheten Mohammed im Jahr 632 begannen die durch die islamische Religion geeinten arabischen St\u00e4mme mit Einf\u00e4llen in die byzantinischen Provinzen in Pal\u00e4stina und Syrien und in das von den Persern beherrschte Mesopotamien und profitierten von der Schw\u00e4chung der bisherigen Superm\u00e4chte nach dem langen Krieg. Innerhalb von 20 Jahren eroberten die Araber das Perserreich zur G\u00e4nze und nahmen den Byzantinern ihre reichsten Provinzen in Syrien, Pal\u00e4stina und \u00c4gypten ab. Es schien nur mehr eine Frage der Zeit, bis auch das Reich der R\u00f6mer vernichtet und dem Kalifat die Weltherrschaft geh\u00f6ren w\u00fcrde.<br \/>\nAuch zur See wurde der Druck der arabischen Streitkr\u00e4fte immer gr\u00f6\u00dfer; schon in den 660er und 670er Jahren stie\u00dfen die Schiffe des Kalifen Mu\u201b\u0101wiya bis in die Gew\u00e4sser um Konstantinopel vor. Eine immer noch in der Geschichtsschreibung tradierte, angeblich durchgehende arabische Belagerung der Hauptstadt in den Jahren 674 bis 678 hat allerdings die j\u00fcngere Forschung als ein Konstrukt sp\u00e4terer byzantinischer Chronisten entlarvt. Dennoch war die Lage des byzantinischen Reiches au\u00dferordentlich bedrohlich, sodass Kaiser Konstans II. im Jahr 664 sogar seine Residenz nach Sizilien verlegte. Eine gewisse Entlastung brachte eine der \u00dcberlieferung nach von dem aus Syrien geflohenen Architekten Kallinikos erfundene \u201eWunderwaffe\u201c, das sogenannte \u201eSeefeuer\u201c (griech. pyr thalassion, sp\u00e4ter als \u201eGriechisches Feuer\u201c bezeichnet). Es handelte sich vermutlich um eine erd\u00f6lhaltiges Gemisch, das in einem Kessel erhitzt und unter Druck gesetzt wurde, sodass es durch Rohre hinausgepresst, in Brand gesetzt und auf den Gegner verschossen werden konnte; da es auf dem Meer weiterbrannte und mit Wasser nicht gel\u00f6scht werden konnte, was es eine furchtbare Waffe gegen feindliche Schiffe. Gleichzeitig wurde das gegen Ende des 7. Jh.s vom Atlantik bis nach Indien reichende gewaltige Kalifat immer wieder durch B\u00fcrgerkriege zwischen verschiedenen Gruppierungen ersch\u00fcttert, die den Byzantinern l\u00e4ngere Atempausen gew\u00e4hrten.<\/p>\n<div class=\"article-inline article-inline--factbox article-inline--framed article-inline--ti\">\n<h3 class=\"article-inline__headline\">Der Autor<\/h3>\n<div class=\"article-inline__content\">\n<p><strong>Johannes Preiser-Kapeller<\/strong>\u00a0(* 24. 8. 1977 in Zwettl\/N\u00d6) studierte Byzantinistik und Neogr\u00e4zistik sowie Alte Geschichte und Altertumswissenschaften in Wien. Seit 2007 an der Abteilung f\u00fcr Byzanzforschung des Instituts f\u00fcr Mittelalterforschung der \u00d6sterreichischen Akademie der Wissenschaften und an der Universit\u00e4t Wien t\u00e4tig. Zahlreiche Publikationen, auch f\u00fcr ein breiteres Publikum.<\/p>\n<p>Im Herbst 2017 erscheint sein neues Buch \u201eJenseits von Rom und Karl dem Gro\u00dfen. Aspekte der globalen Verflechtung in der langen Sp\u00e4tantike, 300-800 n. Chr.\u201c im Mandelbaum-Verlag.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.dasanderemittelalter.net\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.dasanderemittelalter.net\/<\/a><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>In dieser Zeit begann eine Reorganisation der byzantinischen Verteidigung; die Reste der Feldarmeen wurden im letzten verbliebenen Kernland Kleinasien zum Zweck der Verteidigung in der Tiefe verteilt. Daraus entwickelte sich die Milit\u00e4rorganisation der \u201eThemen\u201c, wobei deren Strategen (Oberkommandierenden) allm\u00e4hlich auch die Zivilverwaltung in den unterstellten Provinzen \u00fcbernahmen und dadurch zu den m\u00e4chtigsten M\u00e4nnern im Reich nach dem Kaiser aufstiegen. Milit\u00e4risch trug die neue Taktik, die an die gebirgige Landschaft Anatoliens angepasst wurde, dazu bei, dass es den Arabern nicht gelang, dauerhafte Eroberungen in Kleinasien zu machen. Allerdings erlagen manche der Strategen auch der Verlockung, auf ihre Truppen gest\u00fctzt selbst nach dem Thron zu greifen. Und so wechselte in den zwanzig Jahren zwischen 695 und 715 der Kaiser in Konstantinopel nicht weniger als sechsmal.<\/p>\n<p>Zwischenzeitlich aber konnte Kalif \u201bAbd al-Malik ibn Marw\u0101n (reg. 685-705) die Zentralmacht im arabischen Reich wiederherstellen; er f\u00fchrte verschiedene Reformen durch und sorgte daf\u00fcr, dass sich Arabisch als Verwaltungssprache durchsetzte und man an Stelle von Imitaten der byzantinischen M\u00fcnzen nun Goldm\u00fcnzen mit arabischer Aufschrift pr\u00e4gte. Bis zum Jahr 711 stie\u00dfen die Araber sowohl nach Spanien als auch nach Sind (im heutigen Pakistan) und Transoxanien (Zentralasien) vor und erreichten allm\u00e4hlich die gr\u00f6\u00dfte Ausdehnung ihres Weltreiches. Um aber tats\u00e4chlich die Herrschaft \u00fcber die gesamte bekannte Welt zu beanspruchen, musste das Konkurrenz-Imperium der R\u00f6mer ausgeschaltet werden; erneute r\u00fcckte Konstantinopel in den Fokus des Kalifats.<\/p>\n<h2>Kriegsvorbereitungen und Spionage<\/h2>\n<p>Im Jahr 713 kam es wieder zu einem Staatsstreich in Konstantinopel; unter dem Namen Anastasios II. bestieg der hohe Beamte Artemios den Thron. Ihm war die Gefahr eines arabischen Angriffs auf Konstantinopel bewusst; um den Umfang der Bedrohung abzusch\u00e4tzen, griff er zur Spionage. Der byzantinische Chronist Theophanes berichtet: \u201eUnd als die Araber zu Land und zur See gegen das R\u00f6mische Reich r\u00fcsteten, sandte der Kaiser eine Anzahl von W\u00fcrdentr\u00e4gern zu [Kalif] Al-Wal\u012bd [I., reg. 705-715] in Syrien unter dem Vorwand von Friedensverhandlungen, (darunter auch) Daniel Sinopites, Patrikios und Eparch der Stadt (Konstantinopel), den er anwies, sich selbst im Hinblick auf den Feldzug gegen das R\u00f6mische Reich und die St\u00e4rke des Feindes umfassend in Kenntnis zu setzen. Als dieser Mann (\u2026) zur\u00fcckgekommen war, berichtete er dem Kaiser von den gro\u00dfen R\u00fcstungen der Land- und Seestreitkr\u00e4fte. (Daraufhin befahl der Kaiser) dass jeder Mann Vorr\u00e4te f\u00fcr sich selbst f\u00fcr die Dauer von drei Jahren anlegen sollte, und dass jeder, der nicht \u00fcber die Mittel dazu verf\u00fcgte, die Stadt (Konstantinopel) verlassen sollte. Er ernannte Aufseher und begann mit dem Seefeuer ausger\u00fcstete Schiffe zu bauen. (\u2026) Nachdem er die Stadt so stark wie m\u00f6glich befestigt hatte, stapelte er eine gro\u00dfe Menge an landwirtschaftlichen Erzeugnissen in den kaiserlichen Depots und sicherte sich auf diese Weise ab.\u201c<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich m\u00fcssen die R\u00fcstungsanstrengungen der Araber gewaltig gewesen sein, denn der Bedarf an Holz f\u00fcr Flotte und Kriegsmaschinen konnte offenbar nicht mehr nur aus den Ressourcen des Kalifats gedeckt werden; im Fr\u00fchjahr 715 wurde Anastasios II. davon informiert, dass eine arabische Flotte von Alexandria in \u00c4gypten aus an die kleinasiatische K\u00fcste nahe Rhodos gesegelt war, um dort Zypressenholz zu schlagen. Gegen sie entsandte der Kaiser eine Flotte, die auch mit Truppen des Themas Opsikion (im nordwestlichen Kleinasien) bemannt war. Doch wieder einmal kam es zu einer Rebellion; anstatt die arabische Flotte zu stellen, segelten die Truppen nach Hause zur\u00fcck, stachelten das gesamte Thema Opsikion zum Aufstand an und marschierten mit dem Steuereinnehmer Theodosios als Kaiserkandidat an der Spitze gegen Konstantinopel. Anastasios II. wurde gest\u00fcrzt und in ein Kloster in Thessalonike exiliert, Theodosios III. bestieg den Thron. Zur gleichen Zeit aber begannen die Streitkr\u00e4fte des Kalifen Sulaym\u0101n ibn \u02bfAbd a-Malik (reg. 715-717) ihren Vormarsch gegen Konstantinopel, zu Lande und zu Wasser.<\/p>\n<h2>Das doppelte Spiel des Generals Leon<\/h2>\n<p>Die Araber entsandten eine gro\u00dfe Armee nach Kleinasien, die die Vormarschroute nach Konstantinopel sichern sollte; das Kommando f\u00fchrte Maslama ibn \u02bfAbd al-Malik, der Bruder des Kalifen. Die Lage schien g\u00fcnstig f\u00fcr ein solches Unternehmen, denn die Herrschaft des neuen Kaisers Theodosios III. fand keineswegs allgemeine Anerkennung unter den Truppen Kleinasiens. Leon, der Stratege des Themas Anatolikon (im zentralen und s\u00fcdwestlichen Kleinasien), hielt Anastasios II. die Treue und fand bei den Truppen des Themas Armeniakon (in Nordostkleinasien) Unterst\u00fctzung. Mit Leon trat aber auch Sulaym\u0101n, ein Unterfeldherr des Maslama, in Verbindung, und versuchte ihn, mit dem Versprechen der Kaiserkrone auf die arabische Seite zu ziehen. Theophanes schildert, wie Leon zum Schein auf dieses Angebot einging, tats\u00e4chlich aber die Zeit nutzte, um die wichtige Festung Amorion in Phrygien mit Truppen zu verst\u00e4rken, damit sie nicht den Arabern in die H\u00e4nde fiele. Dann setzte sich Leon mit seinen Getreuen in Richtung Konstantinopel ab; in der Stadt Nikomedia (heute Izmit) in Bithynien fiel ihm ein Sohn des Kaisers Theodosios III. und ein Teil des kaiserlichen Haushalts in die H\u00e4nde. Dann marschierte er nach Chrysopolis auf der asiatischen Seite des Bosporus gegen\u00fcber Konstantinopel (heute der Stadtteil \u00dcsk\u00fcdar) und trat im Fr\u00fchjahr 717 in Verhandlungen mit dem Kaiser; Theodosios III. sah seine Macht dahinschmelzen, und auf Vermittlung des Patriarchen Germanos verzichtete er auf den Thron und zog sich in den geistlichen Stand zur\u00fcck. Leon (III., reg. 717-741) bestieg den Kaiserthron.<\/p>\n<p>Maslama sah sich in seinen Hoffnungen, Leon als Instrument arabischer Interessen nutzen zu k\u00f6nnen, get\u00e4uscht; erz\u00fcrnt marschierte er mit seinem gewaltigen Heer weiter gegen Konstantinopel. Im Fr\u00fchjahr 717 eroberte er Pergamon. Von dort zog er nach Abydos und setzte \u00fcber die Dardanellen nach Europa; am 15. August traf die arabische Armee nach der Verw\u00fcstung verschiedener St\u00e4dte Thrakiens vor Konstantinopel ein. Entlang der gesamten mehr als sieben Kilometer langen Theodosianischen Landmauern lie\u00df Maslama einen Graben und dahinter eine Befestigung errichten, um die Stadt zu blockieren. Gleichzeitig wartete er auf die Hauptflotte, die sein Bruder, der Kalif, inzwischen auf die Reise geschickt hatte; sie traf, nach Angabe des Theophanes mit 1800 Schiffen, am 1. September 717 nahe Konstantinopel ein und ging zwischen Kap Magnaura im S\u00fcdwesten der Hauptstadt und Kyklobion (heute der Istanbuler Stadtteil Zeytinburnu) vor Anker. Zwei Tage sp\u00e4ter \u00fcbernahmen verschiedene Einheiten der Flotte einen Vorsto\u00df auf die Vorst\u00e4dte von Konstantinopel und besetzten die H\u00e4fen von Eutropios und Anthemios auf der asiatischen sowie von Galata und Kleidion n\u00f6rdlich von Konstantinopel auf der europ\u00e4ischen Seite des Bosporus. Einige der schwerbeladenen Schiffe kamen allerdings gegen die S\u00fcdstr\u00f6mung im Bosporus nicht an und wurden zur\u00fcck gegen Konstantinopel getrieben; diese Gelegenheit nutzte der Kaiser f\u00fcr den Einsatz der mit dem Fl\u00fcssigen Feuer bewaffneten Schiffe, die die feindliche Flottenabteilung g\u00e4nzlich vernichtete. Theophanes schreibt: \u201eAls Ergebnis davon fassten die Einwohner der Stadt Mut, w\u00e4hrend die Feinde sich furchtsam duckten, nachdem sie den wirksamen Einsatz des fl\u00fcssigen Feuers erlebt hatten.\u201c Die \u201eWunderwaffe\u201c hatte den Byzantinern erneut wertvolle Dienste geleistet; die Araber nahmen von weiteren Angriffen zur See gegen Konstantinopel vorerst Abstand und zogen ihre Flotte nach Sosthenion (heute \u0130stinye) auf der europ\u00e4ischen Bosporus-Seite weiter n\u00f6rdlich von Konstantinopel zur\u00fcck.<\/p>\n<h2>Die K\u00e4lte des Winters und byzantinische Geheimdiplomatie<\/h2>\n<p>Auch dem Landheer des Maslama erging es in den folgenden Monaten schlecht; Theophanes schreibt: \u201eDieser Winter erwies sich als sehr streng in Thrakien, so sehr, dass man f\u00fcr hundert Tage den Erdboden nicht unter dem gefrorenen Schnee sehen konnte. Daher verlor der Feind eine Menge an Pferden, Kamelen und anderen Tieren.\u201c Diese Kaltperiode suchte offenbar ganz Europa heim und konnte sogar in Baumringen in den Alpen nachgewiesen werden; Eisbohrkerne aus Gr\u00f6nland deuten auf einen Beitrag von vulkanischen Eruptionen zu diesen Extremwintern hin.<br \/>\nErst im Fr\u00fchjahr 718 sollten zwei Flotten, eine aus \u00c4gypten, die andere aus dem heutigen Tunesien, den ausgehungerten arabischen Truppen Nachschub bringen; gewarnt vor der Wirkung des Fl\u00fcssigen Feuers, versuchten sie unbemerkt von den Byzantinern in H\u00e4fen in gr\u00f6\u00dferer Entfernung der Hauptstadt nahe dem Golf von Nikomedia in Kleinasien zu landen. Bei ihren Unternehmungen zur See konnten aber die Araber nicht auf erfahrene einheimische christliche Kr\u00e4fte aus ihren Provinzen verzichten; und so befanden sich unter den Besatzungen beider Flotten auch christliche \u00c4gypter. Einige von ihnen konnten nach Konstantinopel gelangen, wo sie den Kaiser \u00fcber die beiden Nachschubflotten informierten. Leon III. entsandte seine Feuerschiffe, die in einem \u00dcberraschungsangriff beide arabischen Flotten vernichten konnten; Maslama wartete vergeblich auf Nachschub.<\/p>\n<p>Die Araber versuchten deshalb, sich aus dem Land zu ern\u00e4hren; nachdem das europ\u00e4ische Umland Konstantinopels aber schon weitgehend verw\u00fcstet war, landete eine arabische Abteilung in Pylai an der K\u00fcste Bithyniens und unternahm einen Pl\u00fcnderungszug bis hin nach Nikaia (heute Iznik) und Nikomedia. Doch dort gerieten die Araber in einen Hinterhalt der byzantinischen Truppen und mussten sich zur\u00fcckziehen. Im arabischen Lager herrschte nun umso gr\u00f6\u00dfere Not; Theophanes schreibt: \u201eDie Araber litten unter schlimmem Hunger, sodass sie alle ihre toten Tiere verspeisten, n\u00e4mlich Pferde, Esel und Kamele. Man sagt, dass sie sogar tote Menschen im Ofen kochten und a\u00dfen und ihre eigenen Exkremente, die sie (wie Brot) ans\u00e4uerten. Auch eine Seuche suchte sie heim und t\u00f6tete eine gro\u00dfe Anzahl von ihnen.\u201c Im Gegensatz dazu herrschte in Konstantinopel, das nach der Vertreibung der arabischen Flotte zur See versorgt werden konnte, kein Mangel.<br \/>\nDie Lage f\u00fcr Maslama und seine Truppen war also verzweifelt. Den letzten Schlag f\u00fchrte die byzantinische Diplomatie. Durch geschickte Verhandlungen gelang es den Gesandten des Kaisers, die Bulgaren, mit denen man sonst oft im Streit lag, auf ihre Seite zu ziehen. Die Bulgaren fielen dem arabischen Herr \u00fcberraschend in den R\u00fccken und t\u00f6teten 22.000 Mann, wie Theophanes schreibt. Damit war Maslama de facto besiegt. Dies erkannte auch der neue Kalif \u02bfUmar ibn \u02bfAbd al-\u02bfAz\u012bz, der im Herbst 717 in Damaskus auf Sulaym\u0101n, den Bruder des Maslama, gefolgt war; er befahl dem Feldherrn den R\u00fcckzug von Konstantinopel. Am 15. August 718, genau ein Jahr nach ihrer Ankunft, brachen die Araber ihre Lager ab und segelten nach S\u00fcden. Der abziehenden Flotte f\u00fcgte ein Sturm weitere gro\u00dfe Verluste zu; die Byzantiner schrieben auch diese Naturerscheinungen wie die gesamte Rettung ihrer Hauptstadt der F\u00fcrsprache der Muttergottes und dem Wirken Gottes zu.<\/p>\n<h2>Islamische M\u00e4rtyrer und osmanische Sultane<\/h2>\n<p>Dieser Sieg steigerte das Prestige des byzantinischen Kaisers; in verschiedenen Texten insbesondere des christlichen Ostens wurde Leon III. zum gro\u00dfen Verteidiger des Christentums hochstilisiert. Weit weniger freundlich behandelte ihn aber die byzantinische \u00dcberlieferung, wurde er doch einige Jahre sp\u00e4ter zum \u201eUrheber\u201c des gegen die Verehrung der heiligen Bilder gerichteten Ikonoklasmus, den die orthodoxe Kirche im 9. Jh. als Irrlehre verurteilte. Die Belagerung von 717\/718 blieb aber der letzte Vorsto\u00df der Araber, der Konstantinopel direkt gef\u00e4hrdete; zwar zeigten sie sich auch in den folgenden hundert Jahren immer wieder als \u00fcberlegene Gegner, den Bestand des Reiches und seiner Hauptstadt als solchen konnten sie nicht mehr gef\u00e4hrden. Die Eroberung Konstantinopels wurde zur Hoffnung von Endzeiterwartungen, die sie als Zeichen des vollst\u00e4ndigen Sieges des Islam deuteten. Ab der Mitte des 9. Jh.s zerfiel die Zentralmacht des Kalifats dauerhaft, und das Byzantinische Reich konnte f\u00fcr einige Zeit sogar zur Gegenoffensive \u00fcbergehen, ehe im 11. Jh. mit den t\u00fcrkischen Seldschuken eine neue expansive islamische Macht auf dem Plan erschien.<\/p>\n<p>Erst die t\u00fcrkischst\u00e4mmigen Osmanen-Sultane sollten als Nachfolger der gro\u00dfen Kalifen-Dynastien Konstantinopel nach mehreren missgl\u00fcckten Versuchen am 29. Mai 1453 einnehmen. Unter den Toten, die bei den ersten Angriffen auf Konstantinopel im 7. Jh. zur\u00fcckgeblieben waren, soll der islamischen \u00dcberlieferung nach auch Ab\u016b Aiy\u016bb al-An\u1e63\u0101r\u012b, der \u00fcber 90j\u00e4hrige Bannertr\u00e4ger des Propheten Mohammed gewesen sein. Ihn verehrten die Muslime Istanbuls als M\u00e4rtyrer, und \u00fcber seinem Grab lie\u00df Sultan Mehmed II. 1458 die Ey\u00fcp-Sultan-Moschee errichten. Sie erinnert bis heute an dieses gewaltige Ringen zwischen den Imperien des fr\u00fchmittelalterlichen Mittelmeerraums um die Weltherrschaft.<\/p>\n<figure class=\"article-inline article-inline--image article__media\">\n<div class=\"article__media-media zoomable js-zoomable-image\" data-initialized=\"1\">\n<figure style=\"width: 620px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"zoomable__image\" title=\"Die Eyup-Sultan-Moschee.\" src=\"http:\/\/media.diepresse.com\/images\/uploads_620\/9\/1\/d\/5273885\/Turkey-Istanbul-View-of-Eyup-Sultan-Mosque-PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY-LH000219_1503566609598600.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 39.98em) calc(100vw - 64px), (min-width: 40em) and (max-width: 63.98em) calc(100vw - 162px), (min-width: 64em) 620px, 320px\" srcset=\"http:\/\/media.diepresse.com\/images\/uploads_220\/9\/1\/d\/5273885\/Turkey-Istanbul-View-of-Eyup-Sultan-Mosque-PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY-LH000219_1503566609598600.jpg 220w,http:\/\/media.diepresse.com\/images\/uploads_310\/9\/1\/d\/5273885\/Turkey-Istanbul-View-of-Eyup-Sultan-Mosque-PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY-LH000219_1503566609598600.jpg 310w,http:\/\/media.diepresse.com\/images\/uploads_380\/9\/1\/d\/5273885\/Turkey-Istanbul-View-of-Eyup-Sultan-Mosque-PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY-LH000219_1503566609598600.jpg 380w,http:\/\/media.diepresse.com\/images\/uploads_400\/9\/1\/d\/5273885\/Turkey-Istanbul-View-of-Eyup-Sultan-Mosque-PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY-LH000219_1503566609598600.jpg 400w,http:\/\/media.diepresse.com\/images\/uploads_450\/9\/1\/d\/5273885\/Turkey-Istanbul-View-of-Eyup-Sultan-Mosque-PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY-LH000219_1503566609598600.jpg 450w,http:\/\/media.diepresse.com\/images\/uploads_475\/9\/1\/d\/5273885\/Turkey-Istanbul-View-of-Eyup-Sultan-Mosque-PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY-LH000219_1503566609598600.jpg 475w,http:\/\/media.diepresse.com\/images\/uploads_485\/9\/1\/d\/5273885\/Turkey-Istanbul-View-of-Eyup-Sultan-Mosque-PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY-LH000219_1503566609598600.jpg 485w,http:\/\/media.diepresse.com\/images\/uploads_500\/9\/1\/d\/5273885\/Turkey-Istanbul-View-of-Eyup-Sultan-Mosque-PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY-LH000219_1503566609598600.jpg 500w,http:\/\/media.diepresse.com\/images\/uploads_620\/9\/1\/d\/5273885\/Turkey-Istanbul-View-of-Eyup-Sultan-Mosque-PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY-LH000219_1503566609598600.jpg 620w,http:\/\/media.diepresse.com\/images\/uploads_640\/9\/1\/d\/5273885\/Turkey-Istanbul-View-of-Eyup-Sultan-Mosque-PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY-LH000219_1503566609598600.jpg 640w,http:\/\/media.diepresse.com\/images\/uploads_800\/9\/1\/d\/5273885\/Turkey-Istanbul-View-of-Eyup-Sultan-Mosque-PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY-LH000219_1503566609598600.jpg 800w,http:\/\/media.diepresse.com\/images\/uploads_920\/9\/1\/d\/5273885\/Turkey-Istanbul-View-of-Eyup-Sultan-Mosque-PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY-LH000219_1503566609598600.jpg 920w,http:\/\/media.diepresse.com\/images\/uploads_1024\/9\/1\/d\/5273885\/Turkey-Istanbul-View-of-Eyup-Sultan-Mosque-PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY-LH000219_1503566609598600.jpg 1024w,http:\/\/media.diepresse.com\/images\/uploads_1152\/9\/1\/d\/5273885\/Turkey-Istanbul-View-of-Eyup-Sultan-Mosque-PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY-LH000219_1503566609598600.jpg 1152w\" alt=\"Die Eyup-Sultan-Moschee.\" width=\"620\" height=\"708\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Die Eyup-Sultan-Moschee. \u2013\u00a0(c) Imago<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<\/figure>\n<div data-initialized=\"1\"><\/div>\n<div data-initialized=\"1\">\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 http:\/\/diepresse.com<\/div>\n<div data-initialized=\"1\"><\/div>\n<div data-initialized=\"1\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Johannes Preiser-Kapeller Vor 1300 Jahren begann im August 717 die arabische Belagerung Konstantinopels. Der US-amerikanische Autor Harry Turtledove spielte 1989 in seiner Kurzgeschichte \u201eIslands in the Sea\u201c mit der Idee einer arabischen Eroberung Konstantinopels im Jahr 717, die zu einer Dominanz des Kalifats in Osteuropa und zur Islamisierung anstelle einer Christianisierung der slawischen Welt [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[19],"tags":[],"class_list":["post-2350","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-religion"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2350","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2350"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2350\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2352,"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2350\/revisions\/2352"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2350"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2350"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2350"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}