{"id":2857,"date":"2017-09-19T11:23:26","date_gmt":"2017-09-19T09:23:26","guid":{"rendered":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=2857"},"modified":"2017-09-19T11:23:26","modified_gmt":"2017-09-19T09:23:26","slug":"wird-es-krieg-geben-fragen-sich-die-litauer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=2857&lang=de","title":{"rendered":"\u00abWird es Krieg geben?\u00bb, fragen sich die Litauer"},"content":{"rendered":"<p><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-2858 alignleft\" src=\"http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/lithuania_02-300x201.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"201\" srcset=\"http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/lithuania_02-300x201.jpg 300w, http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/lithuania_02-480x321.jpg 480w, http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/lithuania_02.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>Russland m\u00f6chte sich noch immer am liebsten ehemalige Sowjetrepubliken zur\u00fcck einverleiben. Wenn Moskau seine Armee wie jetzt aufmarschieren l\u00e4sst, geht in Weissrussland und Litauen die Angst um. Ein Reiseessay.<\/strong><\/p>\n<p>Seit vier Jahren reise ich viel im Gebiet der einstigen UdSSR umher, jenem zerfallenen dystopischen Imperium, in dem ich geboren und aufgewachsen bin: von Moskau bis Wladiwostok und Wladikawkas in Russland, von Kiew bis Charkiw und Odessa in der Ukraine, von Batumi bis Tbilissi in Georgien, von Baku bis Erewan. Und jedes Mal, wenn ich nach der Heimkehr meinen Freunden und Bekannten in Vilnius davon erz\u00e4hle, schauen sie mich an, als w\u00fcrde ich von einem Weltraumflug berichten. \u00dcberdies\u00a0<a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/meinung\/kommentare\/russland-ruestet-auf-die-logik-der-abschreckung-ld.110609\">scheint ihnen dieses ganze Areal sehr gef\u00e4hrlich zu sein<\/a>. Und ausserdem noch gr\u00f6sstenteils feindlich. Und selbst das Litauen benachbarte Weissrussland, das uns historisch und geografisch sehr nahesteht, geh\u00f6rt f\u00fcr sie schon zu jener anderen Welt \u2013\u00a0<a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/feuilleton\/litauen-auf-dem-weg-nach-europa-in-der-erinnerungsschleife-ld.152275\">zum finsteren postsowjetischen Osten, aus dem wir uns vor einem Vierteljahrhundert befreien konnten<\/a>\u00a0und so zum postsowjetischen Westen wurden.<\/p>\n<figure class=\"figure figure--content\">\n<div class=\"figure__wrapper\">\n<div class=\"figure__placeholder\"><\/div>\n<h2 class=\"figure__caption\">Das Niemandsland an der litauisch-weissrussischen Grenze. Hier werde der Dritte Weltkrieg beginnen, meinen manche.<\/h2>\n<\/div>\n<\/figure>\n<figure style=\"width: 560px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"figure__image lazyloaded resrc lazyautosizes \" src=\"https:\/\/img.nzz.ch\/S=W180\/O=75\/http:\/\/nzz-img.s3.amazonaws.com\/2017\/9\/19\/ad88d63d-165f-41a1-b7a7-db575a7e498a.jpeg\" alt=\"Das Niemandsland an der litauisch-weissrussischen Grenze. Hier werde der Dritte Weltkrieg beginnen, meinen manche. Bild: Sergei Grits \/ AP)\" width=\"560\" height=\"356\" data-sizes=\"auto\" data-optimumx=\"1.9\" data-srcset=\"https:\/\/img.nzz.ch\/S=W560\/O=75\/http:\/\/nzz-img.s3.amazonaws.com\/2017\/9\/19\/ad88d63d-165f-41a1-b7a7-db575a7e498a.jpeg 560w, https:\/\/img.nzz.ch\/S=W1120\/O=75\/http:\/\/nzz-img.s3.amazonaws.com\/2017\/9\/19\/ad88d63d-165f-41a1-b7a7-db575a7e498a.jpeg 1120w, https:\/\/img.nzz.ch\/S=W345\/O=75\/http:\/\/nzz-img.s3.amazonaws.com\/2017\/9\/19\/ad88d63d-165f-41a1-b7a7-db575a7e498a.jpeg 345w, https:\/\/img.nzz.ch\/S=W690\/O=75\/http:\/\/nzz-img.s3.amazonaws.com\/2017\/9\/19\/ad88d63d-165f-41a1-b7a7-db575a7e498a.jpeg 690w, https:\/\/img.nzz.ch\/S=W1960\/O=75\/http:\/\/nzz-img.s3.amazonaws.com\/2017\/9\/19\/ad88d63d-165f-41a1-b7a7-db575a7e498a.jpeg 1960w\" data-ratio=\"63.56\" data-width=\"3504\" data-height=\"2227\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Bild: Sergei Grits \/ AP)<\/figcaption><\/figure>\n<p class=\"text\">Und im August dieses Jahres erhalte ich nun auch eine Einladung nach Weissrussland. Zu einem literarischen Forum in einem weissrussischen Dorf im unmittelbaren Grenzgebiet zu Litauen. Ich entscheide mich f\u00fcr eine Anreise mit dem Auto, die optimale Variante von Vilnius aus. Dies sorgt in meinem litauischen Bekanntenkreis f\u00fcr zus\u00e4tzliche Beunruhigung: \u00abDu f\u00e4hrst mit dem Auto nach Weissrussland? Allein?\u00bb Das ist die Angst vor der anderen Welt, denn mein Auto hat litauische Nummernschilder, die dort keine einheimischen Nummernschilder sein werden. Mit anderen Worten, ich werde dort deutlich \u00absichtbar\u00bb sein und mich nicht einmal zeitweilig unerkannt unter die Einheimischen mischen k\u00f6nnen. Doch dann erfahre ich, dass Andrei, ein weissrussischer Dichter, mit dem ich befreundet bin, gerade in Litauen ist und gern mit mir zusammen reisen m\u00f6chte. Dieser Umstand beruhigt mein litauisches Umfeld ein bisschen.<\/p>\n<h2 id=\"subtitle-krieg-zwischen-zwei-litauen\" class=\"subtitle\">Krieg zwischen zwei Litauen<\/h2>\n<p class=\"text\">Wir machen uns also zu zweit in Vilnius auf den Weg. Bis zur weissrussischen Grenze sind es nur dreissig Kilometer. Wir haben uns lang nicht gesehen, deshalb gibt es viel zu erz\u00e4hlen: von unseren Familien, von den Kindern und gemeinsamen Bekannten. Pl\u00f6tzlich f\u00e4llt Andrei unser gemeinsamer Freund Oleksandr ein \u2013 ein ukrainischer Schriftsteller. Andrei fragt, ob ich wisse, dass er uns in seinem neuen Roman beschrieben hat. Ich h\u00f6re davon zum ersten Mal, Oleksandr und ich haben schon l\u00e4nger nicht mehr korrespondiert. Wo? In welchem Roman? \u00abIn seinem neuen Roman\u00bb, Andrei lacht. \u00abEr ist vor einigen Monaten erschienen.\u00bb Ich frage, was daran so lustig sei. \u00abEs ist eine Dystopie. Eine ferne Zukunft, in der die Ukraine ein friedliches und reiches Land ist, w\u00e4hrend im Norden von ihr schon viele Jahre ein blutiger Krieg im Gange ist, zwischen Litauen und Grosslitauen, dem ehemaligen Weissrussland. Und in diesem Roman bist du der litauische Pr\u00e4sident und ich der Pr\u00e4sident von Grosslitauen. Er hat unsere Vor- und Familiennamen verwendet.\u00bb<\/p>\n<p class=\"text\">Wir lachen beide schallend. Wir albern herum und reden uns gegenseitig mit \u00abExzellenz\u00bb an. Doch Oleksandrs Antiutopie ist in Wirklichkeit kein reines Hirngespinst. In Weissrussland stehen sich schon seit vielen Jahren zwei historische Identit\u00e4ten unvers\u00f6hnlich gegen\u00fcber. Ein Teil der Weissrussen f\u00fchlt sich der russischen Welt im weiteren Sinne verbunden und der andere dem Grossf\u00fcrstentum Litauen, zu dem f\u00fcnfhundert Jahre lang das heutige Weissrussland geh\u00f6rt hat. Diese letzteren Weissrussen bezeichnen sich nicht ohne Grund als \u00abLitvinen\u00bb \u2013 die Erben jenes der Geschichte anheimgefallenen F\u00fcrstentums. Und die litauischen und weissrussischen Historiker liefern sich hitzige Debatten dar\u00fcber, welches der beiden V\u00f6lker das wahrhaft litauische sei.<\/p>\n<h2 id=\"subtitle-russischer-anschluss-befurwortet\" class=\"subtitle\">Russischer Anschluss bef\u00fcrwortet<\/h2>\n<p class=\"text\">In Litauen werden sogar schon beunruhigte Stimmen laut, gem\u00e4ss denen es in Zukunft anstelle von Weissrussland ein Grosslitauen geben k\u00f6nnte, das uns nicht unbedingt freundlich gesinnt sein und Anspruch auf unsere Symbole, unsere gemeinsamen Regenten und m\u00f6glicherweise sogar auf Vilnius \u2013 unsere einstige gemeinsame Hauptstadt \u2013 erheben k\u00f6nnte. Aber k\u00fcrzlich durchgef\u00fchrte Umfragen in Weissrussland haben ergeben, dass siebzig Prozent der Weissrussen f\u00fcr einen Anschluss ihres Landes an Russland w\u00e4ren oder zu dieser Frage gar keine Meinung haben. Also wird es ein Grosslitauen wohl nur in Oleksandrs Dystopie geben. Dessen dystopische Pr\u00e4sidenten n\u00e4hern sich nun unter grossem Gel\u00e4chter der litauisch-weissrussischen Grenze.<\/p>\n<div class=\"teaser teaser--content teaser--einklinker teaser--embed\" data-source-element=\"einklinker\"><\/div>\n<p class=\"text\">Hier gibt es zwei Schlangen. Eine f\u00fcr Autos mit weissrussischen Nummernschildern (sie kommt deutlich langsamer voran), die andere f\u00fcr solche mit litauischen Kennzeichen. Ich stelle mich in der zweiten an und erkenne bald, dass ich einen Fehler gemacht habe. \u00abDiesmal lasse ich Sie durch\u00bb, sagt der litauische Grenzer. \u00abAber wenn Sie in Zukunft einen Weissrussen mitnehmen, dann m\u00fcssen Sie sich in der anderen Schlange anstellen.\u00bb Ich m\u00f6chte einen Witz machen und sagen, dass ich keinen Weissrussen mitnehme, sondern einen Grosslitauer, aber das strenge Gesicht des Grenzers d\u00e4mpft meinen \u00fcberbordenden Humor. \u00abIch bitte um Verzeihung\u00bb, sage ich. \u00abBeim n\u00e4chsten Mal weiss ich Bescheid. Mit einem Weissrussen \u2013 die andere Schlange.\u00bb<\/p>\n<p class=\"text\">Auf der weissrussischen Seite ist die Lage genau umgekehrt. Die Autos mit litauischen Nummernschildern stehen in der l\u00e4ngeren Schlange. W\u00e4hrend ich eine Unmenge von Formularen und Deklarationen ausf\u00fclle, bittet eine Z\u00f6llnerin Andrei, auszusteigen. \u00abZweiter Fahrer\u00bb, sagt sie zu ihm, obwohl Andrei noch nie im Leben irgendein Transportmittel gelenkt hat, \u00ab\u00f6ffnen Sie den Kofferraum.\u00bb Bald kommt die Grenzerin mit unseren P\u00e4ssen zur\u00fcck. \u00abAcht sieben acht?\u00bb, wendet sie sich an mich. \u00abDas bin ich\u00bb, sage ich diszipliniert, denn das sind die Ziffern des staatlichen Kennzeichens meines Pkw. Jetzt ist Schluss mit den \u00abExzellenzen\u00bb \u2013 die Grenze verweist uns an unsere Pl\u00e4tze und versetzt uns in die Wirklichkeit zur\u00fcck. Ich gebe Andrei die Landkarte: \u00abZweiter Fahrer, schau dir mal unsere weitere Fahrtroute an.\u00bb \u00abZu Befehl, acht sieben acht\u00bb, erwidert Andrei.<\/p>\n<h2 id=\"subtitle-d-rfer-grenzen-an-d-rfer\" class=\"subtitle\">D\u00f6rfer grenzen an D\u00f6rfer<\/h2>\n<p class=\"text\">So fahren wir \u00fcber die Grenze. Verstummt und niedergeschlagen. Das ist die neue Grosse Postsowjetische Mauer, die sich von Narva bis Mariupol erstreckt, vom Finnischen Meerbusen bis zum Asowschen Meer,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/feuilleton\/tomas-venclovas-grosse-lebensbilanz-der-litauische-kosmopolit-ld.1309307\">entlang deren nach dem Untergang des Imperiums die einen sich der westlichen Demokratie zugewandt haben<\/a>, w\u00e4hrend die anderen, denen dies nicht gelungen ist, in sowjetischer Nostalgie versacken, die von neuen korrupten Diktatoren angeregt und gef\u00f6rdert wird.<\/p>\n<p class=\"text\">Stellenweise hat sich diese Mauer aufgeheizt und zeigt bereits ein blutiges Aussehen. Damit meine ich die Ukraine. Auch anderenorts ist sie aufgeheizt, aber noch stabil. Ich erinnere mich daran,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/article9NXT0-1.304323\">wie ich vor einigen Jahren an dieser Mauer in Narva war<\/a>\u00a0und man mir die westlichen Touristen zeigte, die sie in der \u00dcberzeugung besichtigten, dass genau an dieser Stelle der Dritte Weltkrieg beginnen werde. Dort trennt Estland von Russland nur ein kleiner Fluss, die Narva, an deren beiden Ufern zwei mittelalterliche Festungen stehen. Einander direkt gegen\u00fcber, an gegen\u00fcberliegenden Ufern. Es ist, als habe die Geschichte sie absichtlich hingestellt an diesen Ort, Auge in Auge, als eine Metapher, die so pr\u00e4zise wie nur irgend denkbar den Gegensatz unserer Zeit verk\u00f6rpern soll \u2013 den postsowjetischen tektonischen Bruch zwischen den Menschen.<\/p>\n<p class=\"text\">Doch dort, wo Andrei und ich diese Mauer, diese Grenze durchfahren, gibt es keine derartigen Symbole.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/feuilleton\/das-polnisch-russisch-litauische-dreilaendereck-unteilbar-war-in-ostpreussen-nur-der-himmel-ld.1312519\">Auf der litauischen Seite haben wir nur D\u00f6rfer gesehen, und auf der weissrussischen sind es nun fast genau dieselben D\u00f6rfer.<\/a>\u00a0Am Strassenrand weiden in aller Stille die K\u00fche und die Pferde, Menschen sind kaum zu sehen. Es f\u00e4llt schwer zu glauben, dass hier schon bald, Mitte September,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/international\/die-nato-und-die-militaeruebung-sapad-nervenkrieg-um-russisches-grossmanoever-ld.1313758\">ein gewaltiges Milit\u00e4rman\u00f6ver\u00a0<\/a>stattfinden wird. Tausende von russischen und weissrussischen Soldaten werden hier Krieg gegen den Westen spielen \u2013 gegen uns. Und auf unserer, der litauischen Seite geht die sehr ernsthafte Angst um, dass man sich nicht mit dem Spiel begn\u00fcgen wird und reale Kriegshandlungen beginnen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p class=\"text\"><a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/feuilleton\/vilnius-strassen-der-freundschaft-ld.147179\">In Vilnius<\/a>\u00a0h\u00f6re ich schon immerzu Diskussionen dar\u00fcber, ob es im September Krieg geben wird. Und ein solches Leben in st\u00e4ndiger Angst, in Erwartung eines Krieges, ist unglaublich anstrengend. Es zerm\u00fcrbt die Menschen, und es destabilisiert die Gesellschaft. Ein Mann, der dar\u00fcber nachdenkt, wie er in einer Woche, wenn der Krieg anf\u00e4ngt, seine Familie weiter weg, in den Westen, schicken, sich selbst ein MG besorgen und in den Kampf ziehen k\u00f6nnte, ist nicht mehr derselbe Mann. Er hat immer weniger Humor und ist immer weniger empf\u00e4nglich f\u00fcr Nuancen und Zwischent\u00f6ne \u2013 das gesamte Areal und alle Menschen jenseits der Grossen Mauer werden f\u00fcr ihn allm\u00e4hlich zu einem eindeutigen, gesichtslosen Feind. Und wenn du ihm zu erkl\u00e4ren versuchst, dass die Menschen hinter der Mauer und sogar ihre autorit\u00e4ren F\u00fchrer gleichfalls Angst vor diesem Krieg haben, weil sie seine katastrophalen Folgen verstehen, dann wird er erwidern, dass du rational denkst und logisch und\u00a0<a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/meinung\/kommentare\/eine-praeventive-konterrevolution-1.18275438\">dass dort, hinter der Mauer, eine andere Logik herrscht, wenn es \u00fcberhaupt eine gibt<\/a>.<\/p>\n<h2 id=\"subtitle-die-wahre-bedrohung\" class=\"subtitle\">Die wahre Bedrohung<\/h2>\n<p class=\"text\">Wir fahren auf der Landstrasse dahin, und ich frage Andrei vorsichtig: \u00abWas meinst du \u2013 wird es Krieg geben?\u00bb \u00abWas f\u00fcr einen Krieg?!\u00bb Er lacht. \u00abDu glaubst doch nicht an Oleksandrs Antiutopie?\u00bb<\/p>\n<p class=\"text\">Ich glaube nicht an sie. Ich bin wahrscheinlich der Letzte, der an so etwas glaubt. Ich weiss, dass aus mir mein angeborener Optimismus spricht, der mich nicht selten in die Irre f\u00fchrt, aber einen anderen Sensor habe ich einfach nicht, um in die Zukunft zu blicken. Deshalb behaupte ich unaufh\u00f6rlich, dass es diesen Krieg nicht geben werde. Weder in einer Woche noch \u00fcberhaupt irgendwann. Mein einziger Wunsch ist, dass auch seine Pr\u00e4missen, die Gedanken an diesen Krieg, verschwinden,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/international\/europa\/russland-versteht-nur-klartext-1.18624905\">die uns schon so viele Jahre das Leben vergiften<\/a>. Und nicht nur uns \u2013 auch den anderen, jenseits der Grossen Mauer.<\/p>\n<p class=\"text\">Die wahre Bedrohung, angesichts deren selbst mein angeborener Optimismus verstummt, erblicken Andrei und ich zwanzig Kilometer von der Grenze entfernt.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/international\/europa\/litauen-und-weissrussland-nachbarschaftsstreit-um-ein-akw-ld.112156\">Es sind zwei riesige T\u00fcrme \u2013 die Reaktoren des zuk\u00fcnftigen Atomkraftwerks Astrawez.<\/a>\u00a0Ein Atomkraftwerk, das kaum f\u00fcnfzig Kilometer entfernt von der litauischen Hauptstadt Vilnius gebaut wird mit einer ganzen Kette von Baufehlern und Havarien, w\u00e4hrend unabh\u00e4ngigen Inspektoren der Zutritt verwehrt wird\u00a0<a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/meinung\/kommentare\/weissrussland-und-die-wut-auf-lukaschenko-der-herbst-des-charismatikers-ld.155080\">und das weissrussische Regime die Proteste von \u00d6kologen, Ingenieuren und Aktivisten brutal zum Schweigen bringt<\/a>. Ein atomares Monster, das im sehr wahrscheinlichen Fall einer Havarie Vilnius hinwegfegen und wohl auch ganz Litauen mit seinen zweieinhalb Millionen Einwohnern ausl\u00f6schen, seine Existenz beenden w\u00fcrde.<\/p>\n<p class=\"text\">Und w\u00e4hrend Litauen in milit\u00e4rischer und politischer Hinsicht die Unterst\u00fctzung und Solidarit\u00e4t von Europa sp\u00fcrt,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/international\/europa\/ungenuegende-perspektiven-zu-hause-litauen-laeuft-die-jugend-davon-ld.120972\">f\u00fchlen wir uns angesichts dieser Bedrohung v\u00f6llig alleingelassen<\/a>. Die EU, die von uns als Bedingung f\u00fcr den Beitritt eine Schliessung unseres AKW forderte, was wir gehorsam erf\u00fcllt haben, ist heute nicht einmal gewillt, unsere Hilferufe auch nur zu h\u00f6ren. Doch das ist ein anderes, grosses Thema: diese, unsere eigentliche Angst \u2013 die gr\u00f6sser ist als die Angst vor dem Krieg. Und unser deshalb st\u00e4ndig wachsendes Gef\u00fchl, einsam zu sein in Europa.<\/p>\n<div id=\"divVideoStepAdBottom\" class=\"divVideoStep\"><\/div>\n<p class=\"footnote\"><strong>Marius Iva\u0161kevi\u010dius<\/strong>, Jahrgang 1973, ist einer der bedeutendsten Schriftsteller Litauens. Er arbeitet als Journalist, Prosa- und Drehbuchautor, Dramatiker und Regisseur. \u2013 Aus dem Litauischen von Claudia Sinnig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>https:\/\/www.nzz.ch<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Russland m\u00f6chte sich noch immer am liebsten ehemalige Sowjetrepubliken zur\u00fcck einverleiben. Wenn Moskau seine Armee wie jetzt aufmarschieren l\u00e4sst, geht in Weissrussland und Litauen die Angst um. Ein Reiseessay. Seit vier Jahren reise ich viel im Gebiet der einstigen UdSSR umher, jenem zerfallenen dystopischen Imperium, in dem ich geboren und aufgewachsen bin: von Moskau bis [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[],"class_list":["post-2857","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-politik"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2857","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2857"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2857\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2859,"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2857\/revisions\/2859"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2857"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2857"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2857"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}