{"id":3658,"date":"2017-10-24T23:42:07","date_gmt":"2017-10-24T21:42:07","guid":{"rendered":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=3658"},"modified":"2017-10-25T12:46:30","modified_gmt":"2017-10-25T10:46:30","slug":"eine-fast-heile-welt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=3658&lang=de","title":{"rendered":"Eine fast heile Welt"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_3699\" aria-describedby=\"caption-attachment-3699\" style=\"width: 624px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3699 size-full\" src=\"http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/19384364.jpeg\" alt=\"\" width=\"624\" height=\"312\" srcset=\"http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/19384364.jpeg 624w, http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/19384364-300x150.jpeg 300w, http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/19384364-480x240.jpeg 480w\" sizes=\"auto, (max-width: 624px) 100vw, 624px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-3699\" class=\"wp-caption-text\">Berlin, Deutschland, Familie Aliev aus Tschetschenien posiert in ihrem Wohnzimmer in Berlin f\u00fcr ein Portrait. Obwohl zwei der Kinder sind schwer behindert sind, wurde die Familie nach ihrer Flucht nach Deutschland im Jahr 2012 nach Polen abgeschoben, wo die Kinder nicht ausreichend medizinisch versorgt werden konnten.<\/figcaption><\/figure>\n<h4>Flucht mit Behinderung<\/h4>\n<p class=\"intro \">Die A.s wurden mit zwei schwerbehinderten T\u00f6chtern aus Berlin abgeschoben. Nun sind die Tschetschenen zur\u00fcck \u2013 und scheinbar in Sicherheit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"caption\">Aufgrund der Behinderung der j\u00fcngsten Tochter d\u00fcrfen A.s nun in Berlin bleiben<span class=\"credit\">Foto: Sebastian Wells<\/span><\/p>\n<p class=\"article first odd\">Die siebenj\u00e4hrigen Zwillinge Marha und Ramzan sitzen am Tisch und malen. Im Fernsehen l\u00e4uft der Kinderkanal. Vater Apti A. \u00f6lt den Rollstuhl von Tochter Marha. Die Mutter bereitet in der K\u00fcche das Essen vor. Die f\u00fcnfj\u00e4hrige Tochter Samira schl\u00e4ft im Kinderzimmer. Sie hat einen anstrengenden Tag in der Charit\u00e9 hinter sich.<\/p>\n<p class=\"article even\">Es ist dieses kleine St\u00fcck Normalit\u00e4t f\u00fcr seine Familie, um das der tschetschenische Fl\u00fcchtling Apti A. seit Jahren k\u00e4mpft. Nach f\u00fcnf Jahren hat der gelernte Lkw-Mechaniker den Kampf nun endlich gewonnen. Das steht in einem Schreiben des Bundesamtes f\u00fcr Migration und Fl\u00fcchtlinge (Bamf), das ihm seine Anw\u00e4ltin vor einigen Tagen zugeschickt hat: Das Amt hat ein Abschiebeverbot f\u00fcr die schwerstbehinderte Tochter Samira ausgesprochen. Auch die Eltern und Geschwister d\u00fcrfen damit in Deutschland bleiben.<\/p>\n<div id=\"ad_zone_artikel_medrec_1\" class=\"ad_zone ad_zone_contentad ad_zone_badged ad_zone_sold ad_zone_shown\" data-google-query-id=\"CPq--IucitcCFQof0wodkZYMCg\">\n<div id=\"google_ads_iframe_\/118803185\/artikel_medrec-1_0__container__\">Samiras Behindertenausweis belegt eine hundertprozentige Behinderung. Das Kind kam mit einem Wasserkopf zur Welt. Ihr \u00dcberleben stand mehrfach auf der Kippe. Sie wird nie sprechen k\u00f6nnen. Auch die siebenj\u00e4hrige Marha ist behindert. Das fr\u00f6hliche M\u00e4dchen mit dem Pferdeschwanz ist spastisch gel\u00e4hmt. Laufen kann sie nur an der Hand der Eltern, allein krabbelt sie durch die Wohnung. Sie spricht eine Fanta\u00adsie\u00adsprache, versteht aber ein wenig Russisch und Deutsch. Ihr gesunder Zwillingsbruder, der diesen Sommer eingeschult wurde, spricht beide Sprachen.<\/div>\n<\/div>\n<h4>Keine ausreichende medizinische Versorgung<\/h4>\n<p class=\"article even\">Bevor Familie A. Anfang 2012 Tschetschenien verlie\u00df, wurden beide Eltern schwer gefoltert, der Bruder von Apti A. get\u00f6tet. Erste Fluchtstation war Polen, wo die kleine Samira zur Welt kam. Apti A. erkl\u00e4rt die Behinderungen der Kinder mit der Folter in Tschetschenien. Eine angemessene medizinische Versorgung f\u00fcr die Kinder gab es in Polen nicht. So fuhr Familie A. weiter nach Deutschland.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Als die taz die Familie 2013 kennenlernte, lebte die A.s in einer Notunterkunft in einer ehemaligen Schule in Moabit. Sie bewohnten gemeinsam mit weiteren M\u00e4nnern einen Klassenraum. Nur mit Stoffdecken waren die Schlafbereiche der Familie von denen der fremden M\u00e4nner getrennt.<\/p>\n<h4>Kein Deutschunterricht<\/h4>\n<div class=\"article rack no7\">\n<div id=\"\" class=\"first last odd sect sect_quote \" role=\"region\">\n<div class=\"sectbody quote obj\">\n<p>Beim ersten Termin weigerten sich Polizisten, die schwer kranken Kinder abzuschieben<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p class=\"article even\">Die Kinder wurden zwar in der Charit\u00e9 erstklassig medizinisch versorgt. Doch die Eltern hatten in der fr\u00fcheren Schule keine M\u00f6glichkeit, die schwerstbehinderten T\u00f6chter zu baden oder ihre Motorik zu f\u00f6rdern. Dem gesunden Jungen fehlte der Platz zum Toben. Familie A. konnte wenig sp\u00e4ter in eine Unterkunft f\u00fcr besonders schutzbed\u00fcrftige Fl\u00fcchtlinge und danach in eine eigene Wohnung umziehen. An eine Integration der Eltern war aber nicht zu denken. 2013 hatten Fl\u00fcchtlinge ohne abgeschlossenes Asylverfahren noch keine Chance, Deutschkurse zu besuchen.<\/p>\n<p class=\"article odd\">15 Monate nach ihrer Einreise nach Deutschland, im Februar 2014, wurde Familie A. nach Polen zur\u00fcckgeschoben. So wollte es die Dublin-Verordnung. Polen war der Schengen-Staat, den Familie A. auf der Flucht als ersten betreten hatte. Die Polizei hatte zweimal zur Abschiebung kommen m\u00fcssen. Beim ersten Mal hatten sich die Polizeibeamten angesichts der kranken Kinder geweigert, sie mitzunehmen.<\/p>\n<h4>Gericht: R\u00fcckf\u00fchrung zul\u00e4ssig<\/h4>\n<p class=\"article even\">Ein Verwaltungsgericht hatte aber in einem Eilverfahren die R\u00fcckf\u00fchrung f\u00fcr zul\u00e4ssig befunden. In Polen w\u00fcrden keine systematischen M\u00e4ngel im Asylverfahren bestehen und die medizinische Behandlung der Kinder sei gesichert, hie\u00df es damals.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Als die taz die Familie kurz darauf in der N\u00e4he von Warschau\u00a0<a href=\"http:\/\/www.taz.de\/!5048121\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\" shape=\"rect\">besuchte<\/a>, stellte sich das allerdings anders dar. Es gab lediglich eine medizinische Notversorgung. Aber die in Deutschland begonnene medikament\u00f6se Behandlung und die Physiotherapie der behinderten Kinder wurden in Polen nicht fortgesetzt. Tochter Samira erhielt auch nicht das Titan-Ventil, das das \u00fcbersch\u00fcssige Hirnwasser aus dem Kopf des Kindes ableitet und das ihr in Berlin das Leben gerettet hatte. Die Eltern waren in st\u00e4ndiger Sorge um das Leben ihrer J\u00fcngsten. Marha war in der Charit\u00e9 auf eine Operation vorbereitet worden, um einmal laufen zu k\u00f6nnen. In Polen gab es keine solche Operation.<\/p>\n<p class=\"article even\">Im Sommer 2014 besuchte der damalige Berliner Piraten-Abgeordnete Fabio Reinhardt gemeinsam mit polnischen Piraten die Familie. \u201eDie medizinische Versorgung war v\u00f6llig unzureichend\u201c, erinnert sich Reinhardt heute. Als die j\u00fcngste Tochter ins Krankenhaus musste, habe der Vater dort selbst f\u00fcr Brei und Windeln sorgen m\u00fcssen: \u201eEr musste darum st\u00e4ndig bei ihr sein.\u201c<\/p>\n<p class=\"article odd\">Und es tauchte ein neues Problem auf: Der Familie drohte die Abschiebung nach Russland. Fabio Reinhardt: \u201eHerr A. sah, wie seine Mitbewohner dorthin gebracht wurden, dass sich russische Spitzel bereits im Lager aufhielten. Die polnischen Piraten best\u00e4tigten das Problem und schrieben an die polnischen Beh\u00f6rden.\u201c<\/p>\n<h4>Gericht: R\u00fcckf\u00fchrung unzul\u00e4ssig<\/h4>\n<p class=\"article even\">Anfang 2015 h\u00f6rte Fabio Reinhardt wieder von der Familie. Herr A. rief ihn aus Berlin an, wohin er zur\u00fcckgekehrt war. Auf eigene Faust und aus purer Verzweiflung. Zugute kam ihm, dass das Verwaltungsgericht inzwischen nicht nur im Eilverfahren, sondern im regul\u00e4ren Klageverfahren \u00fcber die R\u00fcckf\u00fchrung nach Polen entschieden hatte, und das diesmal zu ihrem Gunsten: Die R\u00fcckf\u00fchrung vor einem Jahr wurde im Nachhinein f\u00fcr rechtswidrig erkl\u00e4rt. Sonja Benning, die Anw\u00e4ltin der Familie, hatte nun allerdings Probleme, das eigentliche Asylverfahren in Deutschland zu betreiben. \u201eDie Familie hatte ja bereits in Polen Asyl beantragt.\u201c Und dort war das Verfahren wegen Abwesenheit der Familie eingestellt worden. Familie A. war in einen Strudel geraten zwischen sich widersprechenden Gerichtsbeschl\u00fcssen und unterschiedlichen Zust\u00e4ndigkeiten.<\/p>\n<p class=\"article odd\">Auch ihre Lebenssituation in Berlin war schwierig. 2015 war das Jahr, in dem besonders viele Fl\u00fcchtlinge nach Berlin kamen und Unterk\u00fcnfte fehlten. Mehrfach musste die Familie von einem Ende der Stadt ans andere ziehen. Apti A. erz\u00e4hlt von einem Hostel in Wilmersdorf, wo sie einige Zeit in einem einzigen Zimmer ohne Kochm\u00f6glichkeit und ohne Verpflegung hausen mussten. \u201eEssen mussten wir am Imbiss kaufen.\u201c<\/p>\n<p class=\"article even\">Danach ging es nach Neuk\u00f6lln, von dort nach Reinickendorf und schlie\u00dflich vor einem Jahr in eine eigene Wohnung in Spandau. Erst seit er hier wohnt, vier Jahre nach seiner Flucht aus Tschetschenien, kann so etwas wie Integration beginnen. Der Familienvater lernt Deutsch und kann sich inzwischen ganz gut verst\u00e4ndigen. Wenn er den Kurs beendet hat, will seine Frau die Sprache lernen. Ein Elternteil muss st\u00e4ndig bei der schwer kranken Samira bleiben.<\/p>\n<h4>Fauler, aber guter Deal<\/h4>\n<p class=\"article odd\">\u201eMit dem Bundesamt haben wir einen Vergleich abschlie\u00dfen k\u00f6nnen\u201c, sagt Anw\u00e4ltin Benning. Der lautet: \u201eEs gab den Abschiebeschutz f\u00fcr die j\u00fcngste Tochter unter der Bedingung, dass wir das Asylverfahren nicht weiter betreiben.\u201c Aus Sicht der Anw\u00e4ltin ist das zwar ein \u201efauler Deal\u201c, aber dennoch einer, den sie nicht ablehnen wollte. Denn: \u201eMeinen Mandanten bringt das endlich Sicherheit.\u201c<\/p>\n<p class=\"article even\">Die siebenj\u00e4hrige Marha h\u00e4tte mit der Aufenthaltserlaubnis Anspruch auf eine bessere F\u00f6rderung in der Schule. Doch bis es so weit ist, wird wohl noch etwas mehr Zeit vergehen. Denn die Berliner Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde braucht viele Monate, bis sie anspruchsberechtigten Fl\u00fcchtlingen eine Aufenthaltserlaubnis ausstellt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>http:\/\/www.taz.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Flucht mit Behinderung Die A.s wurden mit zwei schwerbehinderten T\u00f6chtern aus Berlin abgeschoben. Nun sind die Tschetschenen zur\u00fcck \u2013 und scheinbar in Sicherheit. &nbsp; Aufgrund der Behinderung der j\u00fcngsten Tochter d\u00fcrfen A.s nun in Berlin bleibenFoto: Sebastian Wells Die siebenj\u00e4hrigen Zwillinge Marha und Ramzan sitzen am Tisch und malen. Im Fernsehen l\u00e4uft der Kinderkanal. 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