{"id":4049,"date":"2017-11-15T01:22:32","date_gmt":"2017-11-14T23:22:32","guid":{"rendered":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=4049"},"modified":"2017-11-15T01:22:32","modified_gmt":"2017-11-14T23:22:32","slug":"2002-die-satschistka","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=4049&lang=de","title":{"rendered":"2002 Die Satschistka"},"content":{"rendered":"<div id=\"post-body-3288205578302757839\" class=\"post-body entry-content float-container\">\n<div><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-4050 size-full\" src=\"http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/1-Kopie-e1510701610297.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"622\" \/>Die Nach ist ruhig. Die Sterne flackerten heiter am Himmel. Der Mond g\u00e4hnte, kam durch die Wolken und glitt \u00fcber den Himmel. Heute haben sich Nacht und Stille gefunden. Seit langem waren sie nicht mehr so ruhig vereint. Es krachen keine Panzergeschosse, keine Leuchtraketen \u00e4rgern den Himmel. Das Dorf war eingeschlafen, im Frieden der n\u00e4chtlichen Stille.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Sie kamen fr\u00fchmorgens und zerfetzten die Stille. Die Fenster des Hauses klirrten vom Dr\u00f6hnen der schweren Fahrzeuge, als wollten sie die Bewohner vor der nahenden Gefahr warnen. Die Hunde begangen wild zu bellen. Die Menschen sprangen aus dem warmen Bett und f\u00fchrten noch im Halbschlaf die gewohnten Handgriffe aus. Zeit mit Anziehen wurde nicht verschwendet, denn Alte wie Junge legten sich in den Kleidern schlafen, wie Partisanen im Wald. Die Frauen steckten die goldenen Schmuckst\u00fccke und die mageren Ersparnisse unter ihre Kleider, um sie vor den unguten Blicken ungebetener G\u00e4ste zu verbergen. Die M\u00e4nner legten die P\u00e4sse bereit und versteckten alles, was entfernt an eine Waffe erinnert \u2013 zu lange K\u00fcchenmesser, Familienst\u00fccke wie Dolche der Gro\u00dfv\u00e4ter und weitere unsinnige Gegenst\u00e4nde, auf welche sich die Soldaten bei den\u00a0\u00abS\u00e4uberungen\u00bb jeweils st\u00fcrzten und ihnen h\u00f6chst kriegerische Bedeutung beima\u00dfen. Die Soldaten verteilen sich \u00fcber den Hof. W\u00e4hrend der S\u00e4uberung legten sie au\u00dferordentliche Effizienz und gro\u00dfen k\u00e4mpferischen Eifer an den Tag. Der Erfolg dieser Operation war ihnen sicher. Weil der Feind ohne Waffen und nicht imstande war, Widerstand zu leisten. Die M\u00e4nner des Hauses standen mit finsterem Blick in der Mitte des Hofes, schweigend beobachteten sie, wie die Soldaten ihr Haus verw\u00fcsteten.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>\u00abNun, ihr Herren, was l\u00e4sst ihr den Kopf so h\u00e4ngen?\u00bb Jener, der ihr Anf\u00fchrer zu sein schien, trat auf sie zu, in seinem Ton lag Spott. \u00abWo ist eure kaukasische Gastfreundschaft?\u00bb &#8211; \u00abSo kommt man nicht zu Gast\u00bb antwortete der Hausherr finster. \u00abSogar ein Feind beachtet die elementaren Anstandsregeln.\u00bb<\/div>\n<div>\u00abIm Krieg gibt es nur eine Regel, \u00dcberrumplung!\u00bb lachte der Anf\u00fchrer der \u00abS\u00e4uberer\u00bb voll Stolz auf sein Wissen. \u00abAber hier, unter Zivilisten, ist das unangebracht\u00bb entgegnete der Tschetschene. \u00abAuf dem Schlachtfeld, Aug im Auge mit dem Feind, ist es etwas anderes.\u00bb<\/div>\n<div><\/div>\n<div>\u00abAch So! Man ist ja schrecklich gebildet.\u00bb Ver\u00e4chtlich hob der Soldat die Schultern. \u00abWer seid ihr denn? Nun, von Beruf?\u00bb &#8211; \u00abIch bin Geschichtslehrer an der Schule.\u00bb &#8211; \u00abAha, Schulmeister der Kriegskunst\u00bb formulierte der Soldat auf seine Art die Aussage des Lehrers. \u00abSie bilden wohl die zuk\u00fcnftige Bojewiki aus?\u00bb<\/div>\n<div>\u00abProchorow!\u00bb laut rief er einen der Soldaten. \u00abHier!\u00bb Der Besitzer des gerufenen Namens kroch aus dem Keller. \u00abHast du etwas gefunden?\u00bb &#8211; \u00abNein, nichts, Genosse Sergeant.\u00bb &#8211; \u00abDie Antwort ist nicht korrekt.\u00bb Viel sagend stellte sich der Sergeant vor ihm auf. \u00abDu hast gefunden \u2026 Habe ich mich klar ausgedr\u00fcckt?\u00bb<\/div>\n<div>\u00abVerstanden, Genosse Sergeant\u00bb Der Soldat kroch erneut in den Keller und nach kam nach einer Minute wieder heraus. \u00abGenosse Sergeant, ich habe eine Granate gefunden, in einem Sack Mais.\u00bb Der Sergeant blickte triumphierend auf den bleich gewordenen Lehrer. \u00abNun, was sagen sie zu ihrer Rechtfertigung, Herr Lehrer?\u00bb<\/div>\n<div><\/div>\n<div>\u00abIhr selbst habt doch die Granate dorthin gelegt, ihr handelt gesetzwidrig.\u00bb r\u00fcgte dieser. Der Sergeant lachte. \u00abUnd sie werden es beweisen. Schreiben sie doch eine Beschwerde. Reichen sie Klage ein.\u00bb Er freute sich \u00fcber die missliche Lage des rechtlosen Tschetschenen. Dann befahl er: Ihn ergreifen und ins Auto!<\/div>\n<div>Sogleich banden sie ihm die H\u00e4nde und warfen ihn zu Boden. Seine Frau lief verzweifelt \u00fcber den Hof und reif um Hilfe, doch es gab kaum jemand, der ihm h\u00e4tte zu Hilfe kommen k\u00f6nnen. Rundherum, in allen H\u00f6fen, h\u00f6rte man Schreie und vereinzelte Sch\u00fcsse von Maschinengewehren, es geschah Unbeschreibliches.<\/div>\n<div>\u00abGenosse Kommandant\u00bb meldete jetzt per Funk der Sergeant. \u00abWir haben einen Bojewiki gefasst \u2026 einen Anf\u00fchrer \u2026 Wir haben Waffen gefunden. Wir f\u00fchren eine sorgf\u00e4ltige Kontrolle durch \u2026 Verstanden!\u00bb Er stellte das Funkger\u00e4t ab und beugte sich \u00fcber den zu Boden geworfenen Verhafteten. \u00abAlso Herr Historiker deine Geschichte ist zu Ende, jetzt beginnt eine neue \u2013 Dossier Nummer 1 \u2013 und glaub mir, solche Anklagedossiers anlegen, das k\u00f6nnen wir. Darauf kannst du dich verlassen.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Ein junges M\u00e4dchen von ungef\u00e4hr sechzehn Jahren, dass die Schreie und das Weinen seiner Mutter geh\u00f6rt hatte, st\u00fcrzte aus dem Haus. Dichte kastanienbraune Haare fielen ihr \u00fcber den R\u00fccken, in ihren gro\u00dfen Augen stand blankes Entsetzten. \u00abVater\u00bb &#8211; \u00abGeh weg, Tochter geh in Haus, schrie ihr der Vater zu.\u00bb Er versuchte, sich aufzurichten, wurde aber fest zu Boden gedr\u00fcckt.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>\u00abAch, schau mal, welch h\u00fcbsches Ding!\u00bb Der Sergeant packte das zum Vater dr\u00e4ngende M\u00e4dchen am Arm. \u00abWo hast du denn eine solche Sch\u00f6nheit versteckt?\u00bb In seinen Augen blitzen gef\u00e4hrliche Funken auf. Das M\u00e4dchen grub die Z\u00e4hne in seine Hand. \u00abAh, du Mistst\u00fcck!\u00bb Schrie er und fasste sie an der Gurgel. \u00abWas soll\u00b4s, wir unterhalten uns sp\u00e4ter, unter vier Augen.\u00bb<\/div>\n<div><\/div>\n<div>\u00abLass sie los\u00bb st\u00f6hnte der Vater des M\u00e4dchens. \u00abIch werde alles unterschreiben, was ihr verlangt. Aber r\u00fchrt meine Tochter nicht an.\u00bb &#8211; \u00abWas hei\u00dft da sie loslassen?\u00bb zischte der Sergeant zornig \u00abDie ist doch eine Heckensch\u00fctzin<a title=\"\" href=\"file:\/\/\/C:\/Users\/Koba\/Documents\/Die%20Satschistka.docx\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>\u00bb Die Mutter des jungen M\u00e4dchens brach vor Entsetzen fast zusammen. \u00abWas tut ihr, ihr Ungeheur?\u00bb Sie warf sich auf den Sergeanten. \u00abNimm deine schmutzigen Pfoten von meiner Tochter!\u00bb<\/div>\n<div><\/div>\n<div>\u00abVerschwinde, du Hexe\u00ab der Sergeant riss sich von ihr los, machte aber gar keine Anstalten, seine Beute loszulassen. Die Frau kratze wie eine Tigerin, die ihr Junges verteidigt. Au\u00dfer sich vor Zorn und Schmerz verlor der Sergeant die Beherrschung, er zog die Pistole und erschoss die arme Frau aus n\u00e4chster N\u00e4he.<\/div>\n<div>\u00abMama!\u00bb Eisiger Schauer durchfuhr die Tochter. Bewusstlos sank sie neben die Tote. \u00abSchweinehunde!\u00bb Machtlos schlug der zu Boden gedr\u00fcckte Tschetschene mit dem Kopf gegen den Boden. \u00abWenn ich am Leben bleibe, so werde ich euch sogar aus dem Grab herausholen!\u00bb Der Sergeant antwortete gelassen \u00abRichtig, richtig, wenn du am Leben bleibst\u2026 Aber ich, ich werde daf\u00fcr sorgen, dass dies nicht geschieht\u2026 Ins Auto mit ihm \u2026 Das M\u00e4dchen auch \u2026 Sie ist unsere Troph\u00e4e.\u00bb<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Pl\u00f6tzlich ert\u00f6nte eine durchdringende Knabenstimme. \u00abStehen bleiben!\u00bb Verbl\u00fcfft standen alle still. In diesem Durcheinander hatte niemand den etwa zw\u00f6lfj\u00e4hrigen Jungen aus dem Haus st\u00fcrmen sehen. Jetzt stand er mit einer Granate in der Hand da, bereit, sie zu entsichern. Der Sergeant war best\u00fcrzt. \u00abHe! Kleiner!\u00bb schmeichelte er \u00abgib die Granate her, damit scherzt man nicht.\u00bb<\/div>\n<div><\/div>\n<div>In den Augen des Jungen schimmerten Tr\u00e4nen. Er wies mit dem Kopf in Richtung der toten Mutter und der bewusstlos daliegenden Schwester. \u00abIhr habt genug gescherzt \u2026 Jetzt bin ich dran.\u00bb Stille trat ein. Alle warteten gebannt. Dem Sergeanten und dem Soldaten stockte der Atem. Wenn sie explodiert, kommen sie nicht mit dem Leben davon. In den H\u00e4nden des Jungen war dieselbe Granate, die der Soldat dem Hausherrn erst unterschoben und dann auf den Tisch gelegt gatte, als Beweisst\u00fcck. Doch aus Versehen hatte er vergessen, sie wegzuschaffen.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>\u00abSag deinem Kleinen, er soll die Granate hergeben\u00bb zischte der Sergeant dem Tschetschenen zu, der den Blick ausdruckslos auf eine Stelle gerichtet hielt. Vater und Sohn sahen einander in die Augen. Keiner der Anwesenden konnte sich vorstellen, was in diesen beiden verwandten Seelen vorging. Beide schwiegen, aber redeten mit Augen und der Junge las in jenen des Vaters die ganze Ausweglosigkeit ihrer Lage. Auch wenn er die Granate hergibt, bekommt er den Vater nicht zur\u00fcck und rettet die Schwester nicht vor Schande. An sich selbst dachte er schon gar nicht. Der Vater schloss die Augen \u2026 Man h\u00f6rte eine ohrenbet\u00e4ubende Explosion.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Am n\u00e4chsten Tag wurde jedoch in den Nachrichten am Fernsehen gemeldet: In einem tschetschenischen Dorf, in den Bergen, stie\u00dfen Soldaten bei einer planm\u00e4\u00dfigen S\u00e4uberungsoperation auf eine Gruppe von K\u00e4mpfern, unter ihnen zwei Heckensch\u00fctzinnen. Ein Gefecht entbrannte, die K\u00e4mpfer sind vernichtet, die Soldaten in Erf\u00fcllung ihrer Pflicht heldenhaft gefallen. Ihre Namen werden zu Ordensverleihung vorgeschlagen. Posthum<\/div>\n<div>Dank an Maschar Aidamirowa<\/div>\n<div>Wortlos reicht das junge M\u00e4dchen den in Zellophan eingewickelten Stoffrest der Schwester. \u00abDaran haben wir ihn erkannt\u00bb, fl\u00fcstert die \u00c4ltere, \u00abein Hemdfetzen.\u00bb Am 25. April war Vater Schirwani nach einer Razzia russischer Milit\u00e4rs spurlos verschwunden. \u00abSie kontrollierten die P\u00e4sse und taten so, als w\u00e4re nichts. Pl\u00f6tzlich dr\u00e4ngten sie ihn auf die Stra\u00dfe zu einem Mannschaftstransporter.\u00bb Bis im Mai fehlte jede Spur von dem 51-J\u00e4hrigen, der in Alchan-Kala, einem 20 000-Seelen-Ort in der N\u00e4he von Grosny, dem \u00c4ltestenrat angeh\u00f6rte.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Weder Milit\u00e4rs noch Staatsanwaltschaft noch Tschetscheniens Pro-Moskau-Regierung und wen sie sonst noch alles um Aufkl\u00e4rung gebeten hatten, konnten oder wollten etwas \u00fcber den Verbleib des Vaters von elf Kindern wissen. Eine allt\u00e4gliche Geschichte im Kaukasusfeldzug, der das abtr\u00fcnnige Tschetschenien seit drei Jahren zur freiwilligen Heimkehr in den russischen Rechtsstaat motivieren will.\u00a0Erst ein fl\u00fcchtiger Bekannter, ein Milit\u00e4r, hatte Erbarmen und setzte die Familie Kitajew auf die richtige F\u00e4hrte. Eine blutige, bestialische Spur. Mit Schirwani verschwanden am selben Tag noch drei andere M\u00e4nner. Der Hinweis f\u00fchrte zu einem f\u00fcnfst\u00f6ckigen Geb\u00e4ude, das auf dem Terrain eines verlassenen Getreidesilos abseits des Ortes gelegen ist und das die Milit\u00e4rs vor\u00fcbergehend in eine Folterkammer verwandelt hatten. Ein Jugendlicher will einen bis zu den Oberarmen mit Blut besudelten Uniformierten gesehen haben, als der das Haus verlie\u00df. Minuten sp\u00e4ter sackte der Bau nach einer Sprengung zusammen.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Auf dem meterhohen Ziegelschutt graben die Dorfbewohner mit blo\u00dfen H\u00e4nden nach sterblichen \u00dcberresten. Schirwanis Vater findet den Oberarm seines Sohnes mit dem Hemdfetzen, am n\u00e4chsten Tag ein Bein ohne Fu\u00df und einen Teil der Schulter. \u00abAllah hat mir ein Zeichen gegeben, ich konnte meinen Sohn wenigstens begraben\u00bb, sagt der Alte gramgebeugt. Sein Sohn habe die Wahhabiten, die islamistischen Fundamentalisten in Tschetschenien, gehasst, meint er.\u00a0Auch von anderen Vermissten wurden Leichenteile gefunden, \u00ababer kein einziges inneres Organ\u00bb, erz\u00e4hlt der Alte mit tr\u00e4nenerstickter Stimme. Hinweise auf Verst\u00fcmmelungen bei lebendigem Leib und rituelle T\u00f6tungen h\u00e4ufen sich. Die sieben Br\u00fcder haben sich aus Angst vor den Todeskommandos bei fernen Verwandten versteckt.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>\u00abSatschistka\u00bb, S\u00e4uberung, nennt das Milit\u00e4r solche Ma\u00dfnahmen. Es war die zweite innert eines Monats. Eine Vergeltung, glauben die Einheimischen, weil sie es gewagt hatten, sich \u00fcber die Verbrechen der Milit\u00e4rs zu beschweren. Sie suchen auch f\u00fcr ein Gemetzel nach einer rationalen Begr\u00fcndung.\u00a0Malkan Asujewa hat in diesen Tagen zwei ihrer drei S\u00f6hne verloren, der \u00c4lteste fiel im ersten Tschetschenienkrieg. Sie ist gefasst, bewegt sich wie in Trance, ein Enkel versteckt sich hinter ihrer Sch\u00fcrze. Am 28. April drangen 20 Bewaffnete auf ihren Hof. Der Kommandant ermunterte seine Soldaten, Malkan zu vergewaltigen. Die bis auf die Unterw\u00e4sche entbl\u00f6\u00dfte \u00e4ltere Frau wehrte sich wie von Sinnen. Die Milit\u00e4rs lie\u00dfen erst von ihr ab, als die Kinder zu schreien anfingen. Das abziehende Milit\u00e4r verw\u00fcstete die Einrichtung und nahm die S\u00f6hne Ruslan und Schamilchan mit. Am n\u00e4chsten Tag lagen ihre Leichen vor der Moschee.\u00a0An Ruslans H\u00e4nden fehlten die Finger, sie waren offensichtlich durch Pistolensch\u00fcsse abgetrennt worden, neben Schnittwunden und sichtbaren Knochenbr\u00fcchen waren Fleischfetzen aus den K\u00f6rpern herausgerissen worden. \u00abWir haben der Mutter die Leichen nicht gezeigt\u00bb, sagt ein Nachbar.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Der 25-j\u00e4hrige Ruslan war beim Erziehungsministerium Tschetscheniens als Fahrer angestellt. Den Dienstwagen steckten die Soldaten in Brand und walzten ihn dann mit einem Panzer platt. Nie h\u00e4tten die beiden Asujews etwas mit Wahhabiten oder Rebellen zu tun gehabt, meint der Nachbar. Wer auf Seiten der Fundamentalisten gek\u00e4mpft hat, kann bei den meisten Tschetschenen schon lange nicht mehr mit Nachsicht rechnen. Ein Zehntel vielleicht h\u00e4lt noch zu ihnen. \u00abWarum konnten sie mir den Kleinen nicht lassen\u00bb, seufzt die 71-j\u00e4hrige Magomadowa. Ihre S\u00f6hne Schirwani und Adlan, die sich den Rebellen angeschlossen hatten, fielen am 26. April bei einem Schusswechsel mit russischen Truppen. Die beiden Br\u00fcder Scharani und Roman waren am Vortag auf der Stra\u00dfe festgenommen worden, Sippenhaft. Seither sind sie verschollen. Roman, der kleinere, litt seit der Kindheit an einer leichten Behinderung, erz\u00e4hlt die Mutter, nie habe er einer Fliege etwas zuleide tun k\u00f6nnen. Schafe hat er geh\u00fctet. Ein fernes zartes L\u00e4cheln huscht \u00fcber ihr Gesicht. \u00abWie Hunde st\u00fcrzten sie sich auf meine S\u00f6hne.\u00bb Die alte Frau ist verwirrt, zwischendurch erz\u00e4hlt sie von Ziegen und Hausrat, alles wurde gestohlen. \u00abNicht einmal die alten Latschen haben sie stehen lassen.\u00bb<\/div>\n<div>Tochter Assja sitzt wortlos daneben, sie ist \u00c4rztin, arbeitet aber schon lange nicht mehr in ihrem Beruf. Sie hat Angst, Angst vor den Milit\u00e4rs, die ihr unterstellen k\u00f6nnten, Rebellen versorgt zu haben. Oft w\u00fcrden Beweise f\u00fcr einen Schuldspruch vor Gericht nicht reichen, hatte ein Geheimdienstler freim\u00fctig einger\u00e4umt. Daher greife man gelegentlich zur Selbstjustiz. Verfassungsm\u00e4\u00dfige Ordnung nennt Moskau das. Inzwischen wird auch Jagd auf M\u00e4nner gemacht, die vom Kreml amnestiert worden waren.\u00a0Im Stellwerkh\u00e4uschen auf dem Bahnhof hat sich die Dorfverwaltung notd\u00fcrftig einquartiert. Fr\u00fcher war Alchan-Kala eine ziemlich wohlhabende Industriesiedlung. Seit die einzige Br\u00fccke gesprengt ist, kann man den Ort von S\u00fcden nur \u00fcber eine H\u00e4ngebr\u00fccke und von Norden auf einem verschlammten Weg erreichen. Die Siedlung ist ein K\u00e4fig. Milit\u00e4rs wissen das zu sch\u00e4tzen.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Es sind nicht die ber\u00fcchtigten Todesschwadronen, die auf eigene Faust agieren, n\u00e4chtens ausschw\u00e4rmen und Gefangene machen, um L\u00f6segeld zu erpressen. Nach Alchan-Kala kommen regul\u00e4re Truppen mit einem regul\u00e4ren Marschbefehl. Dennoch wei\u00df niemand, wer die H\u00e4scher wirklich sind.\u00a0Der Befehl Nummer 80, den der russische Kommandant Moltenskoi im M\u00e4rz erlie\u00df, schreibt vor, dass Lokalverwaltung und Staatsanwaltschaft bei S\u00e4uberungen einzuschalten sind und \u00abKontrolleure\u00bb sich auszuweisen haben. Eine Liste der inhaftierten Personen ist an die \u00f6rtliche Administration zu \u00fcbergeben. \u00abSie lachen uns aus, wenn wir nach ihrer Identit\u00e4t fragen\u00bb, sagt eine Frau in der Verwaltung. \u00abDer Befehl ist f\u00fcr die Uno, er ist ein Feigenblatt, alles andere regeln Gewalt und Willk\u00fcr.\u00bb Die 202. Brigade des Innenministeriums stecke dahinter, vermutet ein Mann, der indes anonym bleiben will.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>In Alchan-Kala haben l\u00e4ngst Frauen das Regiment \u00fcbernommen. Eigentlich seien sie des Erz\u00e4hlens m\u00fcde. Wozu das alles noch, sagen sie, die Welt habe Tschetschenien nach dem 11. September ohnehin \u00ababgeschrieben\u00bb. Malika Umaschewa, die B\u00fcrgermeisterin, hat aber nicht aufgegeben. Sie bietet den Milit\u00e4rs die Stirn. Auch ihr Neffe Uzu- jew wurde ermordet, nachdem er tagelang mit dem \u00abL\u00fcgendetektor\u00bb gefoltert worden sei. Am Morgen nach der Freilassung st\u00fcrmen Einheiten ins Haus und erschie\u00dfen den Neffen im Bett. Danach beginnt die Beweisaufnahme: Waffen werden angeschleppt, der Hof umgegraben und der \u00abFund\u00bb auf Video aufgezeichnet.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Nach der ersten S\u00e4uberung hatte die in Moskau ausgebildete P\u00e4dagogin einen Fehler begangen. Sie war auf das Dr\u00e4ngen des Milit\u00e4rstaatsanwalts eingegangen und best\u00e4tigte, dass es w\u00e4hrend der S\u00e4uberung keine Rechtsverletzungen gegeben h\u00e4tte. \u00abMalika, setz den Stempel drunter, dann ziehen sie ab\u00bb, soll er sie beschworen haben. Auch der \u00c4ltestenrat stimmte zu. Zwanzig Minuten sp\u00e4ter verw\u00fcsten Milit\u00e4rs das Krankenhaus und fallen noch einmal \u00fcber den Ort her. Der Staatsanwalt soll sich sp\u00e4ter entschuldigt haben, auch er sei von seinem Vorgesetzten belogen worden. Keine Waffengattung kennt einen General Namens Bronizkij.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Die n\u00e4chste S\u00e4uberung beginnt am 25. April. Neunmal durchk\u00e4mmen sie das Haus, weil Umaschewa den Stempel verweigert. Ganz nebenbei rollt sie den Teppich beiseite und zeigt auf die Einschussstellen der MP-Salven. Danach h\u00e4tten sie die Gasleitung aufgedreht und Sprengstoff danebengelegt. Umaschewa bleibt eisern. Mittags melden Moskaus gleichgeschaltete Medien, 600 000 US-Dollar und ein halber Eimer mit Brillanten sei bei ihr entdeckt worden. In den Abendnachrichten werden die Dollars zu Bl\u00fcten.\u00a015 Tote bleiben zur\u00fcck. Mehr als 150 Tschetschenen sind seit Ausbruch des Krieges 1999 get\u00f6tet worden, weit \u00fcber hundert werden vermisst. Wo sich die Terroristen verstecken, verschweigt Umaschewa nicht: \u00abin Chankala\u00bb, dem Stabsquartier der russischen Truppen. Unterdessen ziehen die Marodeure weiter. In Mesker-Jurt, das zweieinhalb Wochen von der Au\u00dfenwelt abgeschlossen war, starben bis zum 11. Juni acht Menschen, \u00fcber zwanzig werden vermisst. Nicht einmal die tschetschenische Polizei der prorussischen Regierung erh\u00e4lt Zutritt. In Duba-Jurt sind S\u00e4uberungen noch im Gang. Hinweise auf Verst\u00fcmmelungen bei lebendigem Leib und rituelle T\u00f6tungen h\u00e4ufen sich.<\/div>\n<div align=\"center\">\u2026<\/div>\n<div>Am Ortseingang von Awtury ist f\u00fcr den Krankenwagen, den Ruslan steuert, Schluss. Kolonnen von Milit\u00e4rfahrzeugen s\u00e4umen die Hauptstra\u00dfe. Soldaten schirmen das Dorf hermetisch ab. Schon den dritten Tag durchk\u00e4mmen russische Milit\u00e4rs den Ort. \u00abSatschistka\u00bb, S\u00e4uberung, nennen sie diese ber\u00fcchtigten Blutorgien. Nicht nur Ruslan wurde zur\u00fcckgewiesen, auch der Kreisverwaltungschef, ein Tschetschene, und seine Polizisten kamen nicht weiter. Dies, obwohl der \u00abBefehl 80\u00bb aus der Feder des Oberkommandierenden der russischen Truppen in Tschetschenien die Beteiligung einheimischer Beamter ausdr\u00fccklich vorschreibt. Doch was ist ein kleiner Regelversto\u00df gegen das, was sich hinter dem Ortsschild zutr\u00e4gt? Bei der Suche nach vermeintlichen Rebellen lassen sich Milit\u00e4rs nicht auf die Finger schauen. Denn diese Finger rauben und qu\u00e4len, morden und stehlen, erniedrigen und vergewaltigen.<\/div>\n<div>Chalimats Haus haben die M\u00e4nner an diesem Morgen schnell abgehakt. Nach der x-ten Durchsuchung in wenigen Monaten g\u00e4be es nichts mehr zu holen, meint die 45-j\u00e4hrige Witwe. Ihre S\u00f6hne habe sie woanders, wo es hoffentlich sicherer sei, untergebracht. Chalimat packt noch schnell ein Passfoto ihres Mannes ein, sie will nun doch ihre Geschichte erz\u00e4hlen. Draussen taucht die Wintersonne die Umgebung in ein fr\u00f6hlich glei\u00dfendes Wei\u00df, der Himmel besticht mit einem verf\u00fchrerischen Blau. Sobald sich die Soldaten ein St\u00fcck entfernt haben, kehren Kinder mit selbst gebastelten Eishockeyschl\u00e4gern auf die Stra\u00dfe zur\u00fcck. Kriegsalltag auch das.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Chalimat hat ihren Mann verloren. Sultan war Lastwagenfahrer und geh\u00f6rte zu jenen Tschetschenen, die sich freuten, als die Russen einmarschierten, um dem Chaos des unabh\u00e4ngigen \u00abItschkeria\u00bb ein Ende zu bereiten. Jahre hatte die Familie im S\u00fcden Russlands gelebt, bis sie aus Heimweh 1994 kurz vor Ausbruch des ersten Krieges zur\u00fcckkehrte. Im Sommer nahmen Sondereinheiten einen Sohn fest, Sultan machte sich auf die Suche, die Festnahme konnte doch nur ein Versehen sein. Er fand den Sohn, Milit\u00e4rs warfen ihn ihm, von Folter und Schl\u00e4gen entstellt, vor die F\u00fc\u00dfe. Sultan war au\u00dfer sich und ging mit blo\u00dfen H\u00e4nden auf die Folterknechte los. Daf\u00fcr sollte er b\u00fc\u00dfen; es m\u00fcssen unbeschreibliche Qualen gewesen sein. Tagelang pf\u00e4hlten ihn seine H\u00e4scher. \u00abZum Schluss f\u00fchrten sie\u00bb, erz\u00e4hlt Chalimat aus Scham auf Tschetschenisch weiter, \u00abein elektrisches Ger\u00e4t in den After ein und r\u00fchrten die Eingeweide durcheinander.\u00bb Der K\u00f6rper war \u00fcber und \u00fcber mit Brandwunden ausgedr\u00fcckter Zigarettenkippen \u00fcbers\u00e4t. Chalimat fand Sultan nach elf Tagen, drei Tage sollte er noch leben. Sie fand sogar \u00c4rzte, die bereit waren, die wahre Todesursache anzugeben. Inzwischen ist das undenkbar, meint ein Arzt in einem benachbarten Kreisspital. Er schaut zur T\u00fcr, durch die gerade eine Krankenschwester hinausgegangen ist, und wird nachdenklich. Der tschetschenische Begleiter versteht das Zeichen sofort und verl\u00e4sst den Raum. Nur ein Bruchteil aller Misshandelten suche noch Hilfe im Spital. Die \u00c4rzte sind verpflichtet, alle Patienten dem Geheimdienst zu melden. Dieser kommt dann vorbei und verhaftet die Opfer aus dem Krankenbett heraus. Der junge Arzt leidet, er will helfen und macht sich doch zum Komplizen. Pl\u00f6tzlich sagt er: \u00abWenn jeder nur Angst hat, \u00e4ndert sich nie etwas\u00bb, steht auf, besorgt einen Schl\u00fcssel, schlie\u00dft einen der vielen Stahlschr\u00e4nke auf und holt ein Kriegsjournal heraus. Das liest sich so: \u00ab1. November, Adlan Aslanchanow, 11. und 12. Rippe gebrochen, Brustkorbh\u00e4matome, schwere Gehirnersch\u00fctterung, rechte Niere l\u00e4diert. Zusatzvermerk: Angeblich auf der Kommandantur zusammengeschlagen.\u00bb Ein typisches Opfer einer S\u00e4uberung.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Chalimat hat das \u00e4rztliche Gutachten und Sultans Totenschein vor den S\u00f6hnen versteckt. Aus einem Grund, der sie innerlich zur Verzweiflung treibt. Wenn die Kinder der bestialischen Brutalit\u00e4t gewahr werden, mit der der Vater get\u00f6tet wurde, werden sie Rache verlangen. Allein die tschetschenische Tradition gebietet das. Wie will die Witwe das verhindern? Den j\u00fcngeren Sohn hat sie zum Dienst in die russische Armee in Tschetschenien gesteckt, den \u00e4lteren schickte sie mit 500 US-Dollar nach Kasachstan. Dorthin, wohin Stalin das ganze Volk 1944 deportieren lie\u00df. Dennoch ahnt die Frau, dass es nur ein Aufschub ist. Wenn die Armeef\u00fchrung den famili\u00e4ren Hintergrund kennen w\u00fcrde, h\u00e4tte sie den J\u00fcngsten nicht aufgenommen, erz\u00e4hlt der Milizion\u00e4r Rustam. Das Misstrauen sitzt tief, selbst die moskautreue Polizei erh\u00e4lt keinen Zugang zu schweren Waffen.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Awtury liegt am Fu\u00df der kaukasischen Gebirgskette. Einheimische nennen die Gegend \u00abTodeszone\u00bb. Wegen der nahen Berge, die den Aufst\u00e4ndischen als R\u00fcckzugsort dienen, finden dort st\u00e4ndig S\u00e4uberungen statt. Ausserdem, so fl\u00fcstern Einwohner hinter vorgehaltener Hand, operiere in der Gegend eine Todesschwadron, die SSG 1, die sich in einem fr\u00fcheren Landwirtschaftsbetrieb eingenistet habe und die dem Geheimdienst unterstehen solle. Sie r\u00fccke nachts aus und verschleppe, wen sie in die Finger bekomme. Auch in Samaschki schlugen Moskaus Marodeure letzte Woche wieder zu. Dutzende Male m\u00fcssen es gewesen sein. Die Leute haben aufgeh\u00f6rt, mitzuz\u00e4hlen, meint der Mufti, dessen Sohn sich vor langem den fundamentalistischen Wahhabiten angeschlossen hat. Eigentlich w\u00e4re das Grund genug f\u00fcr Sippenhaft, doch blieb der Geistliche bisher verschont. Er wohnt in einem stattlichen Anwesen gegen\u00fcber der russischen Kommandantur, einer umfunktionierten Konservenfabrik. Schon im Kaukasus-Feldzug machte Samaschki von sich reden als Ort des ersten systematischen Massakers.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Der Mufti kennt die Familien der letzten Opfer. Auf dem Weg st\u00f6\u00dft ein Polizist dazu. \u00abWenn sie uns noch mal \u00fcberfallen\u00bb, meint er ungefragt, \u00abwechseln wir die Seiten.\u00bb Der 40-J\u00e4hrige ist aufgebracht und stottert vor Aufregung. \u00abWas wir auch tun, die Russen machen mit ihren Mordkommandos alles zunichte.\u00bb Einer, der Gl\u00fcck hatte und mit dem Leben davonkam, ist Suleiman. Bei minus zehn Grad verbrachte er die Nacht in einer absch\u00fcssigen Kasematte, wo er nicht stehen konnte. Gegen Morgen jagten die Wachen einen scharfen Hund in das Loch. Suleiman h\u00e4lt sich den Bauch vor Schmerzen. Zwei Mitgefangene sind schon wieder im Spital in Inguschetien. Sie waren gegen ihren Willen zur R\u00fcckkehr aus dem Fl\u00fcchtlingslager in das \u00abbefriedete\u00bb Tschetschenien gezwungen worden.<\/div>\n<div>Nach der Geiselnahme im Moskauer Musical-Theater Nord-Ost auferlegen sich die Milit\u00e4rs keine Beschr\u00e4nkungen mehr. Nun wird eiskalt umgelegt. Davor schreckte man sonst noch zur\u00fcck. In Alchan-Kala drangen drei Soldaten Ende November in das Haus Malika Umaschewas ein und exekutierten die B\u00fcrgermeisterin durch Sch\u00fcsse in den R\u00fccken und einen Fangschuss in den Kopf. Malika war eine Stimme der M\u00e4\u00dfigung. Ihr Grab liegt auf dem Friedhof Alchan-Kalas neben dem des ber\u00fcchtigten Entf\u00fchrers und Guerillakommandanten Arabi Barajew, eines Onkels des Geiselnehmers von Moskau, Mowsar Barajew. Eigentlich war die Gemeinde gegen eine Bestattung Arabis auf ihrem Friedhof. Inzwischen macht der russische Terror jeden Unterschied zunichte.<\/div>\n<div>Es war gegen zwei Uhr nachts, als eine Explosion in der Uliza Suworowa 25 in Atschkoi-Martan die Anwohner j\u00e4h aus dem Schlaf riss. Im Haus war zu diesem Zeitpunkt niemand mehr. Der russische Geheimdienst hatte gegen Mitternacht alle Bewohner abgeholt: die Mutter der in Moskau im Oktober get\u00f6teten Geiselnehmerin Asja Gischlurkajewa, die Schwiegertochter, Asjas sechs Monate alten Sohn und das Kind ihres Bruders. Im Nachthemd und barfu\u00df wurden sie auf ein Feld am Rande des Dorfes getrieben. Dort w\u00e4ren sie wohl erschossen worden, das wird in Atschkoi zumindest vermutet, h\u00e4tte nicht ein Offizier mit den weinenden Kindern Mitleid gehabt. Er lie\u00df sie ziehen, wohin, will niemand so genau wissen. Danach kehrten die Geheimdienstler zum Haus zur\u00fcck, luden auf Lastwagen, was sich noch verwerten lie\u00df, und z\u00fcndeten die Lunte an.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Ob Asja Gischlurkajewa an der Geiselnahme im Moskauer Musical-Theater Nord-Ost im Oktober auch teilgenommen h\u00e4tte, w\u00e4re ihr klar gewesen, was f\u00fcr ein Schicksal der Familie drohte? Wahrscheinlich ja. Seit sich die Frau f\u00fcr den fundamentalistischen Islam entschieden hatte, stand Allah \u00fcber den Interessen der Familie. Asja wird von allen, die sie besser kannten, als eine kluge, nachdenkliche und entschlossene Frau dargestellt. Seit der Bruder von russischen Soldaten verschleppt worden und verschollen war, \u00fcbernahm die Drei\u00dfigj\u00e4hrige den Vorsitz der Familie. Sie packte an und baute das eigene Haus mit aus. M\u00e4nner gab es in der Familie nicht mehr. Asjas zweiter Ehemann ging bald nach der Hochzeit zu den Aufst\u00e4ndischen in die Berge. Auch er war ein Anh\u00e4nger des fundamentalistischen Wahhabismus. Die studierte Philologin arbeitete unterdessen weiter in der Berufsschule in Atschkoi-Martan. Seit 1998 besuchte sie in der \u00f6rtlichen Koranschule einen Arabischkurs. Elsa Mudugowa, Arabisch- und Koranlehrerin, hat f\u00fcr die ehemalige Sch\u00fclerin nur Lob \u00fcbrig. Sie sei nicht nur eine hochintelligente Sch\u00fclerin, sondern auch als Mensch ein Vorbild gewesen.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Bevor sie im Oktober nach Moskau aufbrach, nahm sich Asja viel Zeit, um sich von Freunden und Bekannten zu verabschieden. In der Schule entschuldigte sie sich, sie m\u00fcsse zu einer \u00e4rztlichen Behandlung nach Rostow am Don. Einige wollen etwas geahnt haben. \u00abZur\u00fcckhalten h\u00e4tten wir sie ohnehin nicht k\u00f6nnen\u00bb, meint einer. \u00abAsja setzte um, was sie sich vorgenommen hatte.\u00bb Kaum ein Tschetschene wird die Handlung der Geiselnehmerin verurteilen. F\u00fcr ein Volk, das vom Genozid bedroht wird, erschlie\u00dft sich die differenzierte Logik der Anti- Terror-Koalition nicht auf den ersten Blick. \u00abMit zweierlei Ma\u00df messen\u00bb nennt man es hier. H\u00e4tten die Geiselnehmer etwas Verbotenes getan, wenn sie das Ende des Krieges in Tschetschenien forderten? Das verheerende Ende ihrer Aktion wird der russischen Seite angelastet.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Asja Gischlurkajewa gilt wie die anderen 32 Geiselnehmer als M\u00e4rtyrerin. Die \u00e4ltere Generation wird dies nie aussprechen. Die J\u00fcngeren verehren die Terroristen indes als Helden und warten nur auf eine Chance, sich wie sie zu opfern. Die Generation der 10- bis 15-J\u00e4hrigen lebt schon jetzt streng nach den Gesetzen des Korans und h\u00e4lt Vater und Mutter zu einem Leben nach der g\u00f6ttlichen Lehre an. Die Jungen verdammen Laster wie Rauchen und Alkohol und verstehen nicht, warum sich ihre Eltern den ungl\u00e4ubigen Russen unterwerfen.<\/div>\n<div>Dank an Klaus-Helge Donath<\/div>\n<div><\/div>\n<div><a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/article8856M-1.401890\">https:\/\/www.nzz.ch\/article8856M-1.401890<\/a><\/div>\n<div><\/div>\n<div><a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/article8L9Q0-1.448406\">https:\/\/www.nzz.ch\/article8L9Q0-1.448406<\/a><\/div>\n<div>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<div id=\"ftn1\">\n<div><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/C:\/Users\/Koba\/Documents\/Die%20Satschistka.docx\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a>\u00a0Satschistka, w\u00f6rtlich S\u00e4uberung, werden die brutalen Operationen der russischen Truppen w\u00e4hrend der beiden Kriege genannt: Unter dem Vorwand, nach versteckten K\u00e4mpfer zu suchen, umzingeln sie ganze D\u00f6rfer, dringen gewaltsam in die H\u00e4user ein, pl\u00fcndern und verh\u00f6ren die Bewohner. \u00abBeweis\u00bb kann jeder beliebige Gegenstand werden. Es folgen Folterungen, Hinrichtungen und Verschleppungen.<\/div>\n<\/div>\n<div id=\"ftn2\">\n<div><a title=\"\" href=\"file:\/\/\/C:\/Users\/Koba\/Documents\/Die%20Satschistka.docx\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a>\u00a0Das Bild der tschetschnischen Heckensch\u00fctzin ist in russischen Milit\u00e4rkreisen verbreitet und bildet integralen Bestandteil der Propaganda in den beiden Tschetschenien-Kriegen. Der traurigste bekannt gewordene Fall ist jener von Oberst Budanow, der im Juli 2003 nach dreij\u00e4hrigem Verfahren wegen Entf\u00fchrung, mutma\u00dflicher Vergewaltigung und Ermordung einer jungen tschetschenischen Frau verurteilt wurde. Er hat die Vergewaltigung stets abgestritten und behauptet, er habe die Frau f\u00fcr eine Heckensch\u00fctzin gehalten.<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<div>http:\/\/kobankunta.blogspot.co.at<\/div>\n<div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Nach ist ruhig. Die Sterne flackerten heiter am Himmel. Der Mond g\u00e4hnte, kam durch die Wolken und glitt \u00fcber den Himmel. Heute haben sich Nacht und Stille gefunden. Seit langem waren sie nicht mehr so ruhig vereint. Es krachen keine Panzergeschosse, keine Leuchtraketen \u00e4rgern den Himmel. Das Dorf war eingeschlafen, im Frieden der n\u00e4chtlichen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[],"class_list":["post-4049","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-politik"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4049","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4049"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4049\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4051,"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4049\/revisions\/4051"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4049"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4049"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/ichkeria.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4049"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}