{"id":4057,"date":"2017-11-15T11:05:48","date_gmt":"2017-11-15T09:05:48","guid":{"rendered":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=4057"},"modified":"2017-11-17T02:23:50","modified_gmt":"2017-11-17T00:23:50","slug":"1999-russische-regie-im-tschetschenischen-theater","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=4057&lang=de","title":{"rendered":"1999 Russische Regie im tschetschenischen Theater"},"content":{"rendered":"<div>\n<figure id=\"attachment_4058\" aria-describedby=\"caption-attachment-4058\" style=\"width: 600px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-4058 size-full\" src=\"http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/yushaev-zamir-geloeschtes-feuer-.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"537\" srcset=\"http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/yushaev-zamir-geloeschtes-feuer-.jpg 600w, http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/yushaev-zamir-geloeschtes-feuer--300x269.jpg 300w, http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/yushaev-zamir-geloeschtes-feuer--480x430.jpg 480w, http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/yushaev-zamir-geloeschtes-feuer--559x500.jpg 559w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4058\" class=\"wp-caption-text\">yushaev-zamir-geloeschtes-feuer-<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>In Tschetschenien wurden Menschen in die Luft gesprengt und starben. Wurde ein Soldat beim Legen einer Sprengmine gefasst, wurde sein Name gew\u00f6hnlich verschwiegen. <\/strong><\/p>\n<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Ein Tschetschene hingegen wurde unter Angaben des vollen Namens am Fernsehen gezeigt. An der Bushaltestelle beim Museum kamen bei einer Explosion f\u00fcnfzehn oder sechzehn Menschen um, einschlie\u00dflich kleiner Kinder. Das Regierungsgeb\u00e4ude wurde gesprengt. Dabei starben zahlreiche Menschen.\u00a0\u00bbWir wissen wer dies getan hat! Das Volk hat nichts zu bef\u00fcrchten! Es hat die Freiheit gew\u00e4hlt!\u00ab\u00a0lie\u00df die Regierung verlauten. Aber das Volk hatte Angst, vor der ehemaligen wie der jetzigen. Die jetzige bestand aus der ehemaligen und teilte mit ihr die Beute. Das Volk als solches gab es nicht mehr. Geblieben sind nur herumhastende, bleiche, erb\u00e4rmliche Wesen mit irgendwelchen Namen, Phantome, mit gesenktem, starren Blick.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Das Volk wurde blo\u00df zum Kampf um die Macht gebraucht. Viele wechselten im Gerangel mehrmals die Seiten \u2013 Herren der Lage waren die Russen. Sie schrieben das Drehbuch und f\u00fchrten Regie. Auch der Schl\u00fcssel des Theaters war in ihrer Hand. Die anderen waren lediglich Akteure und wurden gezwungen, die ihnen zugeteilte Rolle zu spielen. Wer versuchte, eigenm\u00e4chtig den Text zu \u00e4ndern, wurde ein f\u00fcr alle Mal von der Szene gefegt. Irgendwo gab es allerdings auch jene, die aufrichtig an die Freiheit, an Tschetschenien glaubten. Sie haben sich nie weder auf die eine, noch auf die andere Seite geschlagen. Viele von ihnen sind gestorben. Die restlichen wurden denunziert, ohne je herauszufinden zu k\u00f6nnen, wer sie denunziert hatte. Es gab noch einige wenige, die nie irgendwem vertraut haben. Wer vertraute, ging einen Pakt mit dem Tod ein. Der Tod hatte jedoch nicht mehr die Bedeutung von einst. Mit Ehre, W\u00fcrde und Achtung hatte er nichts mehr zu tun.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Jeden Tag, jede Nacht wurden Menschen get\u00f6tet. Wie eine hirtenlose Herde wurden sie von Dorf zu Dorf gejagt. Wer ihnen in die H\u00e4nde fiel, t\u00f6teten die Soldaten, wer ihnen entkam \u2013 gewisse Tschetschenen, die mit dem russischen Geheimdienst gemeinsame Sache machten und eigene Landsleute verrieten. Festgenommene verschwanden spurlos. Wer ihre Leichen fand, konnte froh sein. Sie geziemend bestatten zu k\u00f6nnen, war ein Trost.<\/div>\n<div>Am Leben blieb nur, wer beizeiten fliehen und sich verborgen halten konnte. Viele hielten das Land f\u00fcr eine von Gott verfluchten Ort und verlie\u00dfen es. Mittellose wurden Fl\u00fcchtlinge, Wohlhabende fanden in Moskau Zuflucht. In Moskau gab es keinen Krieg. Dort gab es breite, die ganze Nacht beleuchtete Strassen, Z\u00fcge, Metro, Flugzeuge. Dort gab es Konzerte, Feste, Hochzeiten. Nach Belieben auch Bars, Bordelle und hellhaarige russische M\u00e4dchen. Reiche Tschetschenen vergossen von dort\u00a0\u00bbTr\u00e4nen\u00ab\u00a0\u2013 Unser Volk leidet, das russische Volk. Sie wiederholten, was die\u00a0\u00bbHerren ihnen auftrugen, erwiesen ihnen jegliche Gefallen, wenn sie nur dortbleiben durften. Auf eigene Kosten bauten sie den Russen H\u00e4user, Tennispl\u00e4tze. Gaben Millionen f\u00fcr sie, deren Frauen und Kinder aus, flogen sie zur Erholung auf die Kanarischen Inseln, in die Schweiz, nach Nizza.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Die Landsleute in Tschetschenien speisten sie mit leeren Versprechungen ab. Damit errichteten sie Pal\u00e4ste, bauten D\u00f6rfer und Stra\u00dfen wieder auf. Bat man sie um die kleinste, konkrete Hilfeleistung, verschwanden sie und blieben unauffindbar. Brauchten hingegen sie hier Hilfe, beispielsweise in der Vorwahlkampagne, tauchten sie von wei\u00df woher auf. Sie setzten sich, fassten sich an den\u00a0\u00bbsorgenschweren\u00ab\u00a0Kopf, redeten \u00fcber die hiesige Lage, \u00fcber ihre Schlaflosigkeit vor Kummer um das Schicksal des Volkes und dessen Zukunft. Sie beredeten, berieten, fragten, seufzten, r\u00e4tselten, wie sie helfen k\u00f6nnten:\u00a0\u00bbUnser Volk, das arme Volk\u2026 wir sind doch eine echte Nation, in unseren Sitten edler, kein Volk, das unserem gleich k\u00e4me\u2026 Wie k\u00f6nnte man denn helfen, vielleicht einen Fonds gr\u00fcnden, f\u00fcr unsere Kultur, um wenigstens etwas zu retten. Ob eine Million gen\u00fcgt, eine Million Dollar?\u00ab\u00a0Nach Erw\u00e4gung und Berechnungen warfen sie ihre Scherflein hin, wie einem Kind, und verschwanden wieder, auf lange Zeit.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Fl\u00fcchtlinge gaben via Internet aus der Schweiz, Frankreich, Amerika und Polen Erkl\u00e4rungen ab:\u00a0\u00bbMein Volk leistet dem Aggressor Widerstand. Es l\u00e4sst sich von ihm nicht besiegen!\u00ab\u00a0Das Volk war bereits am Rand des Abgrunds, entkr\u00e4ftet, ersch\u00f6pft, allein, sich selbst \u00fcberlassen. Es ging ihm so schlecht wie einem verwaisten Welpen. Einer warf ihm Almosen zu, der andere versetzte ihm einen Fu\u00dftritt. Das ganze Volk wurde gleichsam nach dem Sprichwort\u00a0\u00bbHerr der Frau und des Pferdes ist, wer auf ihnen sitzt\u00ab\u00a0behandelt. Kommt er nicht selber zurecht, sucht er anderweitig Abhilfe.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Russland verk\u00fcndete allenthalben, tschetschenische Terroristen seien in Bolivien, Irak, Bosnien, Afghanistan gefasst worden. Angebliche\u00a0\u00bbTerroristen\u00ab\u00a0waren M\u00e4nner, die Soldaten nachts aus ihren H\u00e4usern geholt hatten, die Verwandte jahrelang nicht finden konnten und f\u00fcr spurlos verschwunden hielten. Ohne Namen und Pass wurden sie unter Nummern gefangen gehalten, beinahe zu Tode gefoltert, mit f\u00fcnfzehn-zwanzigj\u00e4hrigen Haftstrafen eingesch\u00fcchtert, vertraglich zur Sabotage, Teilnahme am Krieg, Mord verpflichtetet und dann in jene L\u00e4nder geschickt. Gef\u00e4ngnisse gab es viele, das gr\u00f6\u00dfte samt Trainingslager war in Baschkirien. Ger\u00fcchten \u00fcber Verbindungen der Tschetschenen zu al-Kaida wurden verbreitet. Die Tschetschenen waren ein gro\u00dfes \u00dcbel, weltweit. Niemand mochte sie, niemand wollte sie sehen und h\u00f6ren. Auch im eigenen Land mochte sie niemand. Sie waren anders, und deshalb suspekt. Selbst ein arglos ausgesprochenes Wort wurde gleich der\u00a0\u00bbrechten\u00ab\u00a0Stelle hinterbracht. Keiner traute dem anderen, jeder f\u00fcrchtete jeden. Es gab keinen Tag, keine Nacht, ohne dass zwanzig, drei\u00dfig umgebracht wurden, vor allem junge M\u00e4nner, die neue Generation. M\u00e4nner sah man kaum mehr. Wohin der Blick fiel, \u00fcberall waren Frauen. Sie beschafften das t\u00e4gliche Brot, erduldeten Beschimpfung und Erpressung der Soldaten. Tag und Nacht schleppten sie schwere Taschen aus Dagestan oder der Kabarda nach Tschetschenien.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>BILD: Seine Wurzeln liegen in Tschetschenien sein Atelier in Leipzig, bekannt ist er auf der ganzen Welt &#8211; Zamir Yushaev baut mit seinen Bildern Br\u00fccken zwischen den Mentalit\u00e4ten des kaukasischen Orients und des Okzidents.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>TEXT: Musa Beksultanow erz\u00e4hlt von der Unm\u00f6glichkeit, entwurzelt heimzukommen und so zu tun, als k\u00f6nnte man weiterleben. Er spiegelt in seinen Erz\u00e4hlungen tschetschenische Geschichte und Gegenwart. Inspirationsquelle sind eigene Erlebnisse sowie Erinnerungen aus dem Mund \u00e4lterer Tschetschenen. Kunstvoll verflochtene Handlungsstr\u00e4nge, pr\u00e4gnant geschilderte Figuren und kritische Dialoge vergegenw\u00e4rtigen bewegte Jahrzehnte des Widerstands und des Ringens um Freiheit. Beksultanow bleibt er der Wahrheit verpflichtet \u2013 und schreibt weiter. (Stela\u2019ad)<\/div>\n<div><\/div>\n<div>http:\/\/kobankunta.blogspot.co.at<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Tschetschenien wurden Menschen in die Luft gesprengt und starben. Wurde ein Soldat beim Legen einer Sprengmine gefasst, wurde sein Name gew\u00f6hnlich verschwiegen. Ein Tschetschene hingegen wurde unter Angaben des vollen Namens am Fernsehen gezeigt. An der Bushaltestelle beim Museum kamen bei einer Explosion f\u00fcnfzehn oder sechzehn Menschen um, einschlie\u00dflich kleiner Kinder. 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