{"id":5944,"date":"2018-04-06T01:10:09","date_gmt":"2018-04-05T23:10:09","guid":{"rendered":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=5944"},"modified":"2018-04-06T01:10:09","modified_gmt":"2018-04-05T23:10:09","slug":"sind-muslimas-in-oesterreich-rueckstaendiger-als-im-iran","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=5944&lang=de","title":{"rendered":"&#8222;Sind Muslimas in \u00d6sterreich r\u00fcckst\u00e4ndiger als im Iran?&#8220;"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_5945\" aria-describedby=\"caption-attachment-5945\" style=\"width: 530px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-5945\" src=\"http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/klubenquete--e1522969723738.jpg\" alt=\"\" width=\"530\" height=\"327\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5945\" class=\"wp-caption-text\">Die Frauenbeauftragte der Islamischen Glaubensgemeinschaft in \u00d6sterreich, Carla Amina Baghajati.<br \/>\u00a9 APA\/GEORG HOCHMUTH<\/figcaption><\/figure>\n<p class=\"auszug\"><strong>Die Frauenbeauftragte der Islamischen Glaubensgemeinschaft, Carla Armina Baghajati, \u00fcber die Anti-Kopftuch-Proteste im Iran und die Gr\u00fcnde, warum sie und viele andere Muslimas sich weiterhin verh\u00fcllen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>profil:<\/strong>\u00a0Im Iran legen Frauen das Kopftuch demonstrativ ab, bei uns setzen es Muslimas demonstrativ auf. Wie passt das zusammen?<br \/>\n<strong>Baghajati:<\/strong>\u00a0Beiden geht es um das Selbstbestimmungsrecht der Frau. Es w\u00e4re au\u00dferdem verk\u00fcrzt, die Proteste im Iran auf das Kopftuch zu reduzieren. Das ist ein starkes Zeichen von Frauen, die sagen: Wir wollen uns nicht bevormunden lassen \u2013 auch nicht bei der Kleidung. Dort ist das Kopftuch eine Art \u201eStaatstracht\u201c geworden. Die Frauen haben meine volle Solidarit\u00e4t. Viele, die selbst Kopftuch tragen, nehmen an Protesten teil und schwenken ein weiteres Kopftuch zur Solidarit\u00e4t mit den anderen.<\/p>\n<aside id=\"Content_mobile\" class=\"ad_con ad_marker\"><\/aside>\n<p><strong>profil:<\/strong>\u00a0Mit Kopftuch gegen Kopftuchpflicht?<br \/>\n<strong>Baghajati:<\/strong>\u00a0Genau. Diesen Frauen geht es darum, sich nicht bevormunden zu lassen.<\/p>\n<p><strong>profil:<\/strong>\u00a0Auch in \u00d6sterreich gibt es in manchen Familien und Communities einen starken Druck auf Frauen, das Kopftuch zu tragen. Sie k\u00f6nnten f\u00fcr das Recht dieser Frauen auf die Stra\u00dfe gehen, es nicht zu tragen.<br \/>\n<strong>Baghajati:<\/strong>\u00a0Das leugne ich nicht. Aber ein Protest wie im Iran w\u00e4re nicht mein bevorzugtes Mittel. Ich halte mehr davon, die Botschaft in die Familien hineinzutragen, wie falsch und sch\u00e4dlich es ist, M\u00e4dchen und Frauen zum Kopftuch zu zwingen.<\/p>\n<p><strong>profil:<\/strong>\u00a0Wir wissen von weiblichen Fl\u00fcchtlingen, die sich in \u00d6sterreich vom Kopftuch befreien wollen. Ihre neu gewonnene Freiheit k\u00f6nnen sie aber nicht ausleben, weil die Community Druck macht. Wie kommen sie an tschetschenische, afghanische, somalische Familien heran?<br \/>\n<strong>Baghajati:<\/strong>\u00a0Die tschetschenische Community ist insofern eine besondere Herausforderung, weil ihre Integration auch innermuslimisch noch nicht so gut gelungen ist. Das muss man wirklich sagen. Aber es gibt immer mehr Draht zu Multiplikatoren in der Community. Bei Afghanen und Somalis ist es \u00e4hnlich schwer.<\/p>\n<blockquote><p>\nEs ist falsch, wenn das Kopftuch so \u00fcberh\u00f6ht wird, als w\u00fcrde die gesamte Ehre der Familie davon abh\u00e4ngen.<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>profil:<\/strong>\u00a0Was spricht daher gegen eine laute und mehrsprachige Kampagne der Glaubensgemeinschaft: \u201eM\u00e4dels, das Kopftuch ist freiwillig, niemand kann euch dazu zwingen. Weder der Bruder, noch der Vater, die Mutter, die Nachbarn.\u201c<br \/>\n<strong>Baghajati:<\/strong>\u00a0Das sagen wir konsequent seit 15 Jahren und daf\u00fcr setzen sich immer mehr Frauen mit Kopftuch auch ein. Aber momentan w\u00e4ren gro\u00dfe, \u00f6ffentliche Debatten kontraproduktiv, weil das Klima so aufgeheizt ist. Das w\u00e4re wie eine Einladung an den Boulevard das Narrativ von der immer unters Kopftuch gezwungenen Muslimin fortzuspinnen.<\/p>\n<p><strong>profil:<\/strong>\u00a0Wenn Muslime aus Angst vor dem falschen Applaus interne Probleme nicht \u00f6ffentlich diskutieren, werden sie nie als Teil der \u00d6ffentlichkeit wahrgenommen.<br \/>\n<strong>Baghajati:<\/strong>\u00a0Die Frage des wirklich aufkl\u00e4rerischen Diskurses besch\u00e4ftigt mich schon sehr lange. Ich f\u00fcr meinen Teil habe mich unz\u00e4hlige Male deklariert: Es ist falsch, wenn das Kopftuch so \u00fcberh\u00f6ht wird, als w\u00fcrde die gesamte Ehre der Familie davon abh\u00e4ngen. Wie kann man stolz auf die Tochter sein, wenn sie es nur zum Schein aufsetzt? Wenn man sie in diesem Klima der Scheinheiligkeit von ihrer Religion entfremdet?<\/p>\n<p><strong>profil:<\/strong>\u00a0Vielleicht dringen Sie mit ihrer Botschaft deswegen nicht durch, weil die Glaubensgemeinschaft von M\u00e4nnern dominiert ist, die das anders sehen. Pr\u00e4sident Ibrahim Olgun h\u00f6chstpers\u00f6nlich sieht das Kopftuch (Stichwort Kopftuch-Fatwa) als Pflicht an.<br \/>\n<strong>Baghajati:<\/strong>\u00a0Gegen jede Art von Kopftuchzwang haben sich aber auch er und die m\u00e4nnlichen Kollegen ausgesprochen. Mehr Frauenstimmen braucht es jedoch ganz entschieden in den Entscheidungsgremien der IGG\u00d6.<\/p>\n<p><strong>profil:<\/strong>\u00a0Machen Sie nicht das Gesch\u00e4ft der Fundamentalisten dieser Welt, wenn Sie das Kopftuch nun als Zeichen weiblicher Selbstbestimmung umdeuten? Die freuen sich, wenn auch im Westen mehr Frauen im \u00f6ffentlichen Raum, in den Schulen, in der Werbung verh\u00fcllt sind \u2013 aus welchen Gr\u00fcnden auch immer.<br \/>\n<strong>Baghajati:<\/strong>\u00a0Diese Frage stelle ich mir sehr oft selbst. Niemand soll sich im Hintergrund die H\u00e4nde reiben, dass ich f\u00fcr ihn Propaganda mache. Gerade darum stelle ich immer wieder klar, ich trete nicht als Propagandistin des Kopftuchs auf. Niemand darf mein Kopftuch zur Fahne der Religion machen und mich als Litfa\u00dfs\u00e4ule missbrauchen. Wir m\u00fcssen die Ideologie rausbringen und die Debatte entkrampfen. Also positioniere ich mich gerne ganz allgemein in Menschenrechtsfragen.<\/p>\n<blockquote><p>\nIch erlebe in vielen muslimischen L\u00e4ndern gemischte Familien. Die eine tr\u00e4gt Kopftuch, die andere nicht.<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>profil:<\/strong>\u00a0Es ist angesichts der Entwicklungen in muslimischen L\u00e4ndern \u2013 von der T\u00fcrkei \u00fcber den Nahen Osten bis hin zu Indonesien \u2013 denkbar schwer, das Kopftuch entspannt zu sehen. In diesen L\u00e4ndern verschmelzen Religion und Politik wieder st\u00e4rker. Kein Wunder, dass Nicht-Muslime im weitgehend s\u00e4kularisierten Westen mit dem Kopftuch R\u00fcckschritt verbinden.<br \/>\n<strong>Baghajati:<\/strong>\u00a0Die Gesellschaft ist auch in diesen L\u00e4ndern pluralistischer als Sie denken. Ich erlebe in vielen muslimischen L\u00e4ndern gemischte Familien. Die eine tr\u00e4gt Kopftuch, die andere nicht. Und beim Familienfest versucht die eine nicht, die andere zu missionieren und auf ihre Seite zu ziehen. Meine syrische Schwiegermutter und meine Schw\u00e4gerinnen tragen kein Kopftuch. Entscheidend ist das Selbstbestimmungsrecht der Frauen. Daf\u00fcr m\u00fcssen Frauen in diesen L\u00e4ndern gemeinsam k\u00e4mpfen. In \u00d6sterreich ist dieser Zugang denke ich mittlerweile Mainstream.<\/p>\n<p><strong>profil:<\/strong>\u00a0Die meisten Frauen tragen das Kopftuch hierzulande freiwillig?<br \/>\n<strong>Baghajati:<\/strong>\u00a0Davon bin ich \u00fcberzeugt. Das zeigen auch empirische Studien, zum Beispiel von Ulram 2012. Die Mehrheit spricht sich f\u00fcr die freie Wahl aus und nur 16 Prozent der befragten M\u00e4nner meinten, ihre Frau m\u00fcsse es tragen.<\/p>\n<p><strong>profil:<\/strong>\u00a0Es gibt auch indirekten Druck. Kann man von echter Freiwilligkeit nicht erst sprechen, wenn sich M\u00e4dchen und junge Frauen in der \u00d6ffentlichkeit unverschleiert erleben, bevor sie zum Kopftuch greifen? Die optisch nicht getrennt sind von anderen Frauen bis zur eigenen M\u00fcndigkeit? Sie durften diese Erfahrung als Konvertitin machen.<br \/>\n<strong>Baghajati:<\/strong>\u00a0Und ich habe es mir f\u00fcnf Jahre lang sehr genau \u00fcberlegt. Wenn ich allerdings an junge M\u00e4dchen denke, die fr\u00fch Kopftuch tragen: Die w\u00fcrden bei dieser Frage schmunzeln und sagen: &#8222;Ich f\u00fchl\u2019 mich pudelwohl damit. Gibt es keine anderen Probleme?&#8220;<\/p>\n<p><strong>profil:<\/strong>\u00a0Weil Sie eher Kontakt zur Bildungselite der Musliminnen haben.<br \/>\n<strong>Baghajati:<\/strong>\u00a0In den Schulen kommen wir an alle ran. Und dort geben wir M\u00e4dchen R\u00fcckendeckung, f\u00fcr eine eigene m\u00fcndige Entscheidung. Auch wenn sie das Kopftuch nicht tragen wollen, manchmal gegen den Willen der Eltern.<\/p>\n<p><strong>profil:<\/strong>\u00a0Ein Verbot bis zum Ende der Pflichtschule w\u00fcrde noch besser garantieren, dass sich M\u00e4dchen nicht zu fr\u00fch aus einem Gruppendruck heraus verschleiern und sich davor anders erleben.<br \/>\n<strong>Baghajati:<\/strong>\u00a0Ich setze auf Einsicht und Vertrauen. Und nicht auf eine Anordnung von oben. Das macht das Kopftuch in der Pubert\u00e4t nur erst recht wieder attraktiv. Ich bin aber auch dagegen, M\u00e4dchen, die es sehr fr\u00fch tragen, zu Heldinnen zu erkl\u00e4ren. Die Eltern m\u00fcssen wir best\u00e4rken in der Haltung: &#8222;Von uns aus musst Du es nicht tragen und wenn Du es ablegst, ist es auch ok.&#8220;<\/p>\n<p><strong>profil:<\/strong>\u00a0Das Argument, wonach das Kopftuch freiwillig ist, wirkt theoretisch, wenn alle sichtbaren Vertreterinnen des Islam Kopftuch tragen.<br \/>\n<strong>Baghajati:<\/strong>\u00a0Das k\u00f6nnen Sie mir jetzt schlecht zum Vorwurf machen.<\/p>\n<blockquote><p>\nEs ist nur ein St\u00fcck Stoff.<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>profil:<\/strong>\u00a0Nichts l\u00e4ge mir ferner. Aber warum gibt es keine Religionslehrerinnen ohne Kopftuch?<br \/>\n<strong>Baghajati:<\/strong>\u00a0F\u00fcr Frauen, die es tragen, ist es schwer am Arbeitsmarkt. Deswegen zieht es Gl\u00e4ubige besonders in diesen attraktiven Beruf. Darf ich, bevor wir fortfahren, eine Zwischenfrage stellen?<\/p>\n<p><strong>profil:<\/strong>\u00a0Klar.<br \/>\n<strong>Baghajati:<\/strong>\u00a0Kann es sein, dass Sie sich gar nicht vorstellen k\u00f6nnen, dass Frauen gerne Kopftuch tragen?<\/p>\n<p><strong>profil:<\/strong>\u00a0Warum? Sie f\u00fchlen sich sichtbar wohl darin. Sie sind ja auch eine offizielle Vertreterin des Islam. Ich kann mir aber schwer vorstellen, dass so viele M\u00e4dchen und Frauen Kopftuch tragen, weil sie tief gl\u00e4ubig sind. Das w\u00e4re ja so, als w\u00fcrden \u00fcberall in den St\u00e4dten katholische Nonnen mit Kreuzen um den Hals unterwegs sein. Bevor Sie meinen, der Vergleich hinkt: Nonnen werden wegen ihrer Kopfbedeckung von Muslimen gerne als Beleg f\u00fcr die Heuchelei hinter der Kopftuch-Kritik ins Treffen gef\u00fchrt.<br \/>\n<strong>Baghajati:<\/strong>\u00a0Ich lebe nicht wie eine Nonne. Au\u00dferdem ist das Kopftuch kein geweihtes Symbol wie das Kreuz. Das geht f\u00fcr viele nicht in den Kopf. Wenn ich es am Abend hundsm\u00fcde ausziehe, es auf den Boden f\u00e4llt und jemand aus Versehen darauf steigt, ist das so was von egal. Es ist nur ein St\u00fcck Stoff.<\/p>\n<p><strong>profil:<\/strong>\u00a0Sie sagen auch, es sei keine S\u00e4ule des Islam.<br \/>\n<strong>Baghajati:<\/strong>\u00a0Ja, es kam erst zehn Jahre nach den ersten Offenbarungen auf und steht auf der Priorit\u00e4tenleiste nicht unbedingt vorne. Das wichtigste Kleid im Islam ist jenes des Gottesbewusstseins.<\/p>\n<p><strong>profil:<\/strong>\u00a0Dann m\u00fcsste das Kopftuch aus feministischer Sicht das erste sein, das f\u00e4llt. Denn es diente urspr\u00fcnglich ja dazu, die Reize der Frau nur dem Ehemann vorzubehalten und das ist ziemlich retro.<br \/>\n<strong>Baghajati:<\/strong>\u00a0Ich trage es sicher nicht deswegen. Ich durfte als junge Frau ohne Kopftuch die Erfahrung machen, wie ich Signale setze, um nicht bel\u00e4stigt zu werden. Ich habe auch in Zeiten von #metoo kein Weltbild von M\u00e4nnern als l\u00fcsternde Horde. Man muss bei der Auslegung der Quellen vorsichtig sein, da wurde die m\u00e4nnliche Sicht voll hinein projiziert.<\/p>\n<p><strong>profil:<\/strong>\u00a0Warum also Kopftuch?<br \/>\n<strong>Baghajati:<\/strong>\u00a0Das Kopftuch ist ein Teil der g\u00f6ttlichen Offenbarung und der religi\u00f6sen Praxis \u2013 und nicht mit einem Glaubensartikel zu verwechseln. Es zu tragen, geht f\u00fcr mich viel tiefer, in eine Dimension des Gottvertrauens, die f\u00fcr unreligi\u00f6se Menschen schwer nachvollziehbar ist. Es geht um den Punkt, an dem es sich einfach gut anf\u00fchlt, diese Kleidung zu tragen.<\/p>\n<p><strong>profil:<\/strong>\u00a0Womit wir wieder bei der Frage sind, wie viele Muslimas \u00e4hnlich beseelt sind und wie viele das Kopftuch tragen, weil sich das so geh\u00f6rt. Oder aus pubert\u00e4rem Protest.<br \/>\n<strong>Baghajati:<\/strong>\u00a0Auch eine spannende Gruppe. Tats\u00e4chlich gibt es so etwas wie eine \u201eJetzt erst recht\u201c-Stimmung gegen die wachsende \u00f6ffentliche Anfeindung. Das hat auch mit der Identit\u00e4tsfrage zu tun, selbstbewusst zum eigenen Hintergrund zu stehen.<\/p>\n<p><strong>profil:<\/strong>\u00a0Religion als Auflehnung? In einem weitgehend s\u00e4kularisierten Land kein gutes Rezept f\u00fcr ein besseres Miteinander.<br \/>\n<strong>Baghajati:<\/strong>\u00a0Es geht nicht darum die eigene Religion anderen zu demonstrieren, sondern \u2013 noch einmal \u2013 um das Selbstbestimmungsrecht. Wir m\u00fcssen davon wegkommen, das Kopftuch so ideologisch aufzuladen. Erlauben Sie einen wenn auch hinkenden Vergleich: Das Dirndl ist historisch belastet, weil es unter den Nazis das idealisierte Kleidungsst\u00fcck war. Ich trage es sehr gerne und f\u00e4nde es falsch, es deswegen nicht zu tragen.<\/p>\n<blockquote><p>\nIch habe kein Problem damit, wenn wir uns gegenseitig den Spiegel vorhalten und dar\u00fcber reflektieren, ob es wirklich Freiheit ist, m\u00f6glichst viel nackte Haut zu zeigen.<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>profil:<\/strong>\u00a0Es wurde auch davor getragen und es gab nie ein Dirndl-Gebot.<br \/>\n<strong>Baghajati:<\/strong>\u00a0Eh, aber es geht um die Erkenntnis, der Mehrheitsgesellschaft, dass Muslimas das Kopftuch nicht tragen, um anderen ihren Lebensstil aufzuzwingen, sondern weil sie es m\u00f6chten. Und die mit der Haltung, wie sie es tragen, sich auch jeder Instrumentalisierung des Kopftuchs verweigern.<\/p>\n<p><strong>profil:<\/strong>\u00a0Reden wir \u00fcber Frauen, die sich bei starker Pr\u00e4senz des Kopftuchs unwohl f\u00fchlen, weil sie sich im Spiegel der Verh\u00fcllung pl\u00f6tzlich als ,nackt\u2019 empfinden.<br \/>\n<strong>Baghajati:<\/strong>\u00a0Viele ihrer Fragen waren umgekehrt, nach dem Schema: Frauen der Mehrheitsgesellschaft als Spiegel f\u00fcr Muslimas, die zu verh\u00fcllt sind.<\/p>\n<p><strong>profil:<\/strong>\u00a0Stimmt und dazu stehe ich. Weil es eher dem Frauenbild entspricht, das in westlichen L\u00e4ndern \u00fcber Jahrzehnte erk\u00e4mpft wurde. Raus aus der Pr\u00fcderie und weg von dem Vorwurf, ein leichtes M\u00e4dchen zu sein, wenn man im Hochsommer zur Abwechslung auch mal Spaghetti-Leibchen tr\u00e4gt.<br \/>\n<strong>Baghajati:<\/strong>\u00a0Ich habe kein Problem damit, wenn wir uns gegenseitig den Spiegel vorhalten und dar\u00fcber reflektieren, ob es wirklich Freiheit ist, m\u00f6glichst viel nackte Haut zu zeigen. Entscheidend ist doch, dass man zu sich stehen kann und respektiert, wenn sich jemand anders kleidet. Und gerade als Frauen draufkommen, dass wir so oder so gekleidet gegen m\u00e4nnliche Zuschreibungen und f\u00fcr Frauenrechte gemeinsam einstehen k\u00f6nnen. So gesehen finde ich, sind Kopftuch-Tr\u00e4gerinnen in der Werbung ein guter Spiegel einer bunten Gesellschaft.<\/p>\n<p><strong>profil:<\/strong>\u00a0Wenn alle sichtbaren muslimischen Role Models Kopftuch tragen, sehe ich diese Buntheit nicht.<br \/>\n<strong>Baghajati:<\/strong>\u00a0Wir haben den Pluralismus auf allen Ebenen, besonders in den Familien: Eine Tochter tr\u00e4gt das Kopftuch, die andere nicht. Nur wird diese Realit\u00e4t etwa in Fernseh-Soaps nicht gezeigt.<\/p>\n<p><strong>profil:<\/strong>\u00a0Wie schaffen wir ein entspannteres Miteinander? M\u00fcssen wir lernen, das Kopftuch zu \u00fcbersehen? Oder w\u00e4re es langfristig nicht doch konstruktiver, die sichtbare Trennung zwischen Mann und Frau, Muslimen und Nicht-Muslimen abzulegen, so wie das aktuell die Feministinnen im Iran tun?<br \/>\n<strong>Baghajati:<\/strong>\u00a0Die Trennung zwischen Mann und Frau bleibt auch so sichtbar. Au\u00dferdem gibt es viel gravierendere Probleme bei der Gleichstellung zwischen Mann und Frau als das Kopftuch. Ich habe manchmal das Gef\u00fchl, man konzentriert sich in der politischen Debatte lieber auf das Kopftuch, um vom Rest abzulenken.<\/p>\n<p><strong>profil:<\/strong>\u00a0Lassen Sie mich unser Gespr\u00e4ch mit dem Bundespr\u00e4sidenten schlie\u00dfen: \u201eWenn das so weitergeht (&#8230;) bei dieser tats\u00e4chlich um sich greifenden Islamophobie, wird noch der Tag kommen, wo wir alle Frauen bitten m\u00fcssen, ein Kopftuch zu tragen, alle, als Solidarit\u00e4t gegen\u00fcber jenen, die es aus religi\u00f6sen Gr\u00fcnden tun.\u201c Mit diesem Satz wurde Alexander Van der Bellen Pr\u00e4sident der Herzen vieler Muslime. Weniger Schlagzeilen machte sein Nachsatz: \u201eIch bin kein Freund des Kopftuchs.\u201c<br \/>\n<strong>Baghajati:<\/strong>\u00a0Ich habe Bundespr\u00e4sident Van der Bellen als jemanden erlebt, der ein Verhalten zu 100 Prozent toleriert, auch wenn er es f\u00fcr sich ausschlie\u00dft. Er hat die menschenrechtliche Dimension von Religionsfreiheit und Selbstbestimmung wie kaum ein anderer verinnerlicht. Dann besteht auch weniger die Gefahr, dass das Kopftuch zur Projektionsfl\u00e4che wird.<\/p>\n<p><strong>profil:<\/strong>\u00a0Mit dem Nachsatz hat er aber auch einer Skepsis gegen\u00fcber der Verh\u00fcllung von Frauen Ausdruck verliehen, die in alle Bev\u00f6lkerungsschichten hineinreicht.<br \/>\n<strong>Baghajati:<\/strong>\u00a0Er muss kein Freund des Kopftuchs sein und kann eine Kopftuchtr\u00e4gerin doch respektieren, und das ist genau der Punkt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>INTERVIEW: <strong>CLEMENS NEUHOLD<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>https:\/\/www.profil.at<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Frauenbeauftragte der Islamischen Glaubensgemeinschaft, Carla Armina Baghajati, \u00fcber die Anti-Kopftuch-Proteste im Iran und die Gr\u00fcnde, warum sie und viele andere Muslimas sich weiterhin verh\u00fcllen. profil:\u00a0Im Iran legen Frauen das Kopftuch demonstrativ ab, bei uns setzen es Muslimas demonstrativ auf. Wie passt das zusammen? 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