{"id":6010,"date":"2018-04-09T00:30:55","date_gmt":"2018-04-08T22:30:55","guid":{"rendered":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=6010"},"modified":"2018-04-09T00:30:55","modified_gmt":"2018-04-08T22:30:55","slug":"6010","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=6010&lang=de","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_6011\" aria-describedby=\"caption-attachment-6011\" style=\"width: 620px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-6011\" src=\"http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/kopftuch-islam-e1523226603113.jpeg\" alt=\"\" width=\"620\" height=\"349\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6011\" class=\"wp-caption-text\">Eine Kopftuchtr\u00e4gerin \u00a9 Qasim Sadiq\/Unsplash.com<\/figcaption><\/figure>\n<p class=\"paragraph article__item\"><strong>W\u00e4hrend in\u00a0<a class=\"\" href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2018\/07\/kopftuchpflicht-iran-frauen-protest-deutschland-feminismus\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Iran Frauen ihr Kopftuch<\/a>\u00a0als Zeichen ihrer feministischen Befreiung ablegen, setzten es manche muslimische M\u00e4dchen und Frauen in Deutschland auf \u2013 als Zeichen ihrer Selbstbestimmung. Doch oft sendet das Tuch noch sehr widerspr\u00fcchliche Botschaften.<\/strong><\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Zu meiner Schulzeit waren M\u00e4dchen mit Tuch in der Minderheit, selbst an Schulen mit hohem Anteil von Migrantinnen und Migranten. Wenn eine eines trug, hielt ich es f\u00fcr ein Zeichen einer religi\u00f6s-devoten Pers\u00f6nlichkeit. Wer sich damals daf\u00fcr entschied, tat dies \u00e4hnlich einer Nonne, die sich aus dem Weltlichen zur\u00fcckzieht. Heute als Lehrer erlebe ich viele Sch\u00fclerinnen\u00a0<a class=\"\" href=\"http:\/\/www.zeit.de\/zeit-magazin\/mode-design\/2017-11\/modest-fashion-festival-verhuellende-mode-musliminnen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">mit Kopftuch, die sich modisch anziehen<\/a>\u00a0und sogar einen festen Freund haben. Sie verheimlichen das nicht, weder zu Hause noch in der Schule. Das Tuch passt zum Lippenstift und zur Handtasche. Sie kombinieren es mit Jogginganzug, Partyoutfit oder langen, weiten Gew\u00e4ndern. Heute ist es immer seltener eine Nachricht an die M\u00e4nner: Ich bin sexuell nicht verf\u00fcgbar. Es ist nicht einmal unbedingt ein Zeichen f\u00fcr religi\u00f6se Fr\u00f6mmigkeit. Das irritiert \u2013 und soll es wohl auch.<\/p>\n<div class=\"ad-container\">\u00a0Die Entwicklung des Kopftuchs zu einem weltlichen Kleidungsst\u00fcck ist aber nicht abgeschlossen. Es bleibt auch in Deutschland ein widerspr\u00fcchliches Zeichen und hat seine patriarchale Bedeutung nicht verloren.<\/div>\n<h2 class=\"article__subheading article__item\">Schutz und Zielscheibe<\/h2>\n<p class=\"paragraph article__item\">So beginnt die Kopftuchgeschichte einer meiner Sch\u00fclerinnen mit einem MeToo-Moment. Ein Mitsch\u00fcler bedr\u00e4ngte sie als sie zw\u00f6lf war. Er sah in ihrem Nein eine Herausforderung. Sie wollte in Ruhe gelassen werden, hatte aber daheim gelernt, dass gute M\u00e4dchen zur\u00fcckhaltend und angepasst sind. Also setzte sie ein Kopftuch auf. Sie nutzte das Symbol einer 1.500 Jahre alten Religion als Ausrufezeichen, damit er sie ernst nahm \u2013 und es funktionierte. Die Nachstellungen h\u00f6rten schlagartig auf. Aber nur, weil auch der Junge verinnerlicht hatte, dass Frauen mit Kopftuch unantastbar sind. Dass nicht jeder diesen Code akzeptiert, lernte sie sp\u00e4ter.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Als immer mehr gefl\u00fcchtete junge M\u00e4nner aus islamisch gepr\u00e4gten L\u00e4ndern nach Deutschland kamen, wirkte das Tuch n\u00e4mlich gar nicht mehr abschreckend \u2013 ganz im Gegenteil. Einige dieser jungen M\u00e4nner erinnert das Tuch an ihre Heimat, in der man Frauen oft ungestraft anmachen darf. Verbale und k\u00f6rperliche Bel\u00e4stigungen geh\u00f6ren dort oft zum Alltag der Frauen. Das Tuch vermittelte in diesem Fall nicht Unnahbarkeit, sondern machte Besitzanspr\u00fcche erst m\u00f6glich. Dass &#8222;gute Kleidung&#8220; Frauen sch\u00fctzen kann, stellte sich nun als Mythos heraus. Denn nicht die Kleidung sch\u00fctzt eine Frau, sondern der Respekt, den die Gesellschaft ihr entgegen bringt.<\/p>\n<aside class=\"portraitbox article__item article__item--marginalia\">\n<h3 class=\"portraitbox__heading\">MANSUR SEDDIQZAI<\/h3>\n<div class=\"portraitbox__body\">\n<p>arbeitet als Gymnasiallehrer im Dortmunder Norden. Er unterrichtet die F\u00e4cher Sozialwissenschaften, Geschichte, Philosophie, Deutsch als Fremd- und Zweitsprache und gibt islamischen Religionsunterricht.<\/p>\n<\/div>\n<\/aside>\n<p class=\"paragraph article__item\">Kurz vor dem Abitur setzte meine Sch\u00fclerin das Kopftuch wieder ab. Die Mehrheit der muslimischen Mitsch\u00fcler akzeptierte ihre Ver\u00e4nderung zwar fast kommentarlos, aber einige nannten sie eine Verr\u00e4terin am Islam. Lob kam hingegen von den Lehrern. Sie gratulierten ihr f\u00fcr ihren Mut zur Befreiung und Selbstbestimmung. Dabei hatte sie sich nie unfrei gef\u00fchlt und realisierte erst jetzt, wie sie zuvor wahrgenommen worden war. Sie hatte geglaubt, dass eine Entscheidung f\u00fcr oder gegen das Tuch sehr pers\u00f6nlich sei, musste nun lernen, dass sie von beiden Seiten vereinnahmt worden war. Setzte sie das Tuch ab, verriet sie die muslimische Sache, setzte sie es auf, die westlichen Werte.<\/p>\n<div class=\"ad-container\">\n<div id=\"iqadtile4\" class=\"ad ad-desktop ad-desktop--4 ad-desktop--4-on-article akzE\" data-banner-type=\"desktop\" data-google-query-id=\"CIyCxIfcq9oCFQWIdwodE-cAQw\" data-creative-asset=\"iqadtile4\">\n<div id=\"google_ads_iframe_\/183\/zeitonline\/gesellschaft\/zeitgeschehen\/artikel_5__container__\">\u00a0Heute vermisst sie das Tuch. Sie w\u00fcrde es gerne wieder aufsetzen,\u00a0<a class=\"\" href=\"http:\/\/www.zeit.de\/campus\/2017-04\/kopftuch-indien-frauen-emanzipation-pune-fs\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">weil sie sich darunter wohl gef\u00fchlt hatte<\/a>. Das Kopftuch ist ein Zeichen ihrer Religionszugeh\u00f6rigkeit, ein Teil ihrer Identit\u00e4t und eine selbstgesetzte Grenze ihrer Intimit\u00e4t \u2013 und kein Signal an \u00fcbergriffige M\u00e4nner mehr.<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>Von\u00a0<strong><a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/autoren\/S\/Mansur_Seddiqzai\/index\" rel=\"author\" data-ct-column=\"1_of_1\" data-ct-subcolumn=\"false\">Mansur Seddiqzai<\/a><\/strong><\/p>\n<p>http:\/\/www.zeit.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend in\u00a0Iran Frauen ihr Kopftuch\u00a0als Zeichen ihrer feministischen Befreiung ablegen, setzten es manche muslimische M\u00e4dchen und Frauen in Deutschland auf \u2013 als Zeichen ihrer Selbstbestimmung. Doch oft sendet das Tuch noch sehr widerspr\u00fcchliche Botschaften. Zu meiner Schulzeit waren M\u00e4dchen mit Tuch in der Minderheit, selbst an Schulen mit hohem Anteil von Migrantinnen und Migranten. 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