{"id":6030,"date":"2018-04-10T08:57:54","date_gmt":"2018-04-10T06:57:54","guid":{"rendered":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=6030"},"modified":"2018-04-10T08:57:54","modified_gmt":"2018-04-10T06:57:54","slug":"russische-nebelkerzen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=6030&lang=de","title":{"rendered":"Russische Nebelkerzen"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_6031\" aria-describedby=\"caption-attachment-6031\" style=\"width: 529px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-6031\" src=\"http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/\u044f\u043a\u043e\u0432\u0435\u043d\u043a\u043e.jpg\" alt=\"\" width=\"529\" height=\"354\" srcset=\"http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/\u044f\u043a\u043e\u0432\u0435\u043d\u043a\u043e.jpg 640w, http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/\u044f\u043a\u043e\u0432\u0435\u043d\u043a\u043e-300x201.jpg 300w, http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/\u044f\u043a\u043e\u0432\u0435\u043d\u043a\u043e-480x321.jpg 480w\" sizes=\"auto, (max-width: 529px) 100vw, 529px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6031\" class=\"wp-caption-text\">\u00abDas ist nun einmal mein Stil\u00bb: Der russische Botschafter Alexander Jakowenko vor Pressevertretern in seiner Londoner Residenz (Donnerstag).<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Der Propagandakrieg zwischen Grossbritannien und Russland eskaliert. Im Fall des vergifteten Ex-Agenten Sergej Skripal versucht Moskau, durch das Verbreiten von Spekulationen und offensichtlichen Unwahrheiten Zweifel an der britischen Version zu wecken.<\/strong><\/p>\n<p>Der Propagandakrieg um die Vergiftung des fr\u00fcheren russischen Doppelagenten Sergej Skripal fand am Donnerstagnachmittag (Ortszeit) in New York seine Fortsetzung. Im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen warf Russlands UNO-Botschafter Wassili Nebensja Grossbritannien \u00abGoebbels-Methoden\u00bb und die Inszenierung eines \u00ababsurden Theaters\u00bb vor. Seine britische Amtskollegin Karen Pierce konterte, Grossbritannien lasse sich nicht \u00abvon einem Land belehren, das so viel getan hat, um die angemessene Aufkl\u00e4rung von Chemiewaffen-Eins\u00e4tzen in Syrien zu verhindern\u00bb.<br \/>\nLondon beschuldigt Moskau, f\u00fcr die Vergiftung des 66-j\u00e4hrigen Skripal und seiner Tochter Julia, 33, am 4. M\u00e4rz im s\u00fcdenglischen Salisbury verantwortlich zu sein. Julia Skripal befindet sich bereits seit einigen Tagen auf dem Weg der Besserung; mittlerweile entwickelt sich offenbar auch der Gesundheitszustand ihres Vaters positiv.<\/p>\n<p>Wenige Stunden vor dem verbalen Schlagabtausch in New York hatte in London Alexander Jakowenko, der russische Botschafter in Grossbritannien, eine Pressekonferenz abgehalten. \u00abIch mag das Wort \u2039wahrscheinlich\u203a\u00bb, erkl\u00e4rte er dabei mit s\u00fcffisantem Unterton. Dies war als Anspielung darauf zu verstehen, dass die Briten bisher keine Beweise f\u00fcr eine russische T\u00e4terschaft pr\u00e4sentiert haben.<\/p>\n<p><strong>Jakowenkos provokanter Auftritt<\/strong><\/p>\n<p>Die demonstrative Gelassenheit und das fortw\u00e4hrende Grinsen des Diplomaten stellten offensichtlich vor allem f\u00fcr die anwesenden britischen Journalisten eine Provokation dar. Auf den Vorwurf, er behandle die Angelegenheit nicht mit dem gebotenen Ernst, erkl\u00e4rte Jakowenko: \u00abDas ist nun einmal mein Stil. Lesen Sie da nicht zu viel hinein. Russland nimmt das sehr ernst.\u00bb<\/p>\n<p>Die Argumentation des Botschafters entsprach der Taktik, die Moskau seit Wochen anwendet: Mithilfe von Fragen zum Tathergang und Spekulationen versuchte er, Zweifel an der britischen Version zu wecken. Dabei schreckte er auch vor offensichtlichen Unwahrheiten nicht zur\u00fcck: So behauptete Jakowenko, Russland habe nie Giftstoffe der Nowitschok-Gruppe besessen. In den vergangenen Tagen hatte Moskau auch die These ins Spiel gebracht, bereits kleinste Dosen derartiger Stoffe wirkten t\u00f6dlich, weswegen die Skripals einen Kontakt mit Nowitschok gar nicht \u00fcberlebt haben k\u00f6nnten. Demgegen\u00fcber verweisen britische Medien auf den Fall eines sowjetischen Wissenschaftlers, der dem Gift 1987 in einem Moskauer Labor ausgesetzt gewesen sei. Nach zehn Tagen habe er das Bewusstsein wiedererlangt, sei aber aufgrund von Nervensch\u00e4den nie wieder gesund geworden.<\/p>\n<p>Denjenigen, die eine T\u00e4terschaft Russlands f\u00fcr wahrscheinlich halten, musste vor allem Jakowenkos treuherzige Beteuerung, sich um das Wohl der Skripals zu sorgen, als blanker Zynismus erscheinen. \u00abSie sind unsere Leute, russische B\u00fcrger\u00bb, erkl\u00e4rte er. Aus dem Londoner Aussenministerium hiess es, Julia Skripal habe konsularische Hilfe durch russische Diplomaten abgelehnt.<\/p>\n<p>Eine undurchsichtige Rolle spielt Julia Skripals in Russland lebende Cousine Viktoria, die am Donnerstag vom russischen Staatsfernsehen als Protagonistin eingef\u00fchrt wurde. In einer Sendung wurde ein angebliches Telefonat zwischen ihr und Julia eingespielt. F\u00fcr die Authentizit\u00e4t des Gespr\u00e4chs mochte sich das russische Fernsehen nicht verb\u00fcrgen; sp\u00e4ter erkl\u00e4rte Viktoria Skripal allerdings der BBC, sie sei sicher, dass es sich bei der Frau, mit der sie gesprochen habe, um ihre Cousine gehandelt habe.<\/p>\n<p><strong>Kein Visum f\u00fcr Viktoria Skripal<\/strong><\/p>\n<p>In britischen Medien wird nun der Verdacht ge\u00e4ussert, Viktoria Skripal werde von der russischen Seite instrumentalisiert. Daf\u00fcr spricht unter anderem ihre Behauptung, ihre Cousine und ihr Onkel seien in Wahrheit Opfer einer Fischvergiftung geworden. Offenbar will Viktoria Skripal nun nach Grossbritannien reisen. Die russische Botschaft habe ihr dort eine Unterkunft angeboten, sagte Jakowenko am Donnerstag auf Nachfrage. Am Freitagabend wurde bekannt, dass Grossbritannien Viktoria Skripal vorerst kein Visum ausstellt. \u00d6ffentlich begr\u00fcndet wurde die Entscheidung nicht; ein Sprecher des russischen Aussenministeriums verlangte umgehend eine Erkl\u00e4rung. Dass Moskau in den kommenden Tagen noch ausgiebig auf der Angelegenheit herumreiten wird, ist zu erwarten.<\/p>\n<p>Die Times will unterdessen wissen, die britischen Ermittler verf\u00fcgten \u00fcber Erkenntnisse hinsichtlich der Herkunft des beim Attentat verwendeten Giftstoffs. Dieser stamme aus einem Labor im s\u00fcdrussischen Schichany, wo das sowjetische beziehungsweise russische Milit\u00e4r seit den Zwanzigerjahren chemische Kampfstoffe testet. Dabei beruft sich das Blatt auf Geheimdienstquellen: Britische Agenten h\u00e4tten den Geheimdienstlern verb\u00fcndeter Staaten erkl\u00e4rt, das Gift komme aus einer Milit\u00e4reinrichtung im S\u00fcdwesten Russlands. Dort seien auch Tests mit kleinen Dosen Nowitschok vorgenommen worden, um zu pr\u00fcfen, ob der Giftstoff f\u00fcr Angriffe auf Einzelpersonen tauge.<br \/>\n\u00abDie Informationen, die Grossbritannien hat, deuten klar auf Schichany hin\u00bb, zitiert die Times Hamish de Bretton-Gordon, einen fr\u00fcheren Offizier und Experten f\u00fcr chemische Waffen. De Bretton-Gordon nimmt offenbar an, die Russen seien nun dabei, Spuren zu verwischen: \u00abIch habe keinen Zweifel daran, dass sie das Gift wegschrubben w\u00e4hrend wir reden\u00bb, sagte er.<\/p>\n<p><strong>Fragen d\u00fcrften bleiben \u2013 bis zuletzt<\/strong><\/p>\n<p>Derzeit untersucht die Organisation f\u00fcr das Verbot chemischer Waffen (OPCW) den Vorfall; das Resultat wird Anfang n\u00e4chster Woche erwartet. Es d\u00fcrfte sich mit dem Befund des britischen Forschungszentrums Porton Down decken, das nach OPCW-Standards arbeitet. Konkret heisst das, dass sich der Befund, wonach das Gift der Nowitschok-Gruppe entstammt, wohl best\u00e4tigen wird. Ob allerdings auch die Herkunft des Stoffs zweifelsfrei festgestellt werden kann, erscheint weniger sicher: Dass das Gift nur von einem staatlichen Labor hergestellt worden sein kann, gilt aufgrund seiner Komplexit\u00e4t zwar als unbestritten, doch erlaubt die Chemiewaffenkonvention von 1997 die Produktion solcher Giftstoffe, um zu testen, ob Gegenmittel wirksam sind.<br \/>\nDiese Tatsache d\u00fcrfte Thesen wie jene n\u00e4hren, wonach auch die Briten \u00fcber das Gift verf\u00fcgt und dieses angewandt haben k\u00f6nnten, etwa um von Schwierigkeiten beim Brexit abzulenken. Wie so oft bei Verschw\u00f6rungstheorien d\u00fcrfte es sich als schwierig erweisen, einen eindeutigen Gegenbeweis zu erbringen. Wer derartige Behauptungen glauben will, wird sich auch von deren Unwahrscheinlichkeit und Absurdit\u00e4t nicht davon abbringen lassen.<\/p>\n<p><strong>Hansj\u00f6rg M\u00fcller<\/strong><br \/>\nLondon<br \/>\n07.04.2018<\/p>\n<p>(Basler Zeitung)<\/p>\n<p>https:\/\/bazonline.ch<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Propagandakrieg zwischen Grossbritannien und Russland eskaliert. Im Fall des vergifteten Ex-Agenten Sergej Skripal versucht Moskau, durch das Verbreiten von Spekulationen und offensichtlichen Unwahrheiten Zweifel an der britischen Version zu wecken. Der Propagandakrieg um die Vergiftung des fr\u00fcheren russischen Doppelagenten Sergej Skripal fand am Donnerstagnachmittag (Ortszeit) in New York seine Fortsetzung. 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