{"id":6069,"date":"2018-04-12T18:09:59","date_gmt":"2018-04-12T16:09:59","guid":{"rendered":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=6069"},"modified":"2018-04-12T18:09:59","modified_gmt":"2018-04-12T16:09:59","slug":"russland-ist-in-wahrheit-stark-verwestlicht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=6069&lang=de","title":{"rendered":"&#8222;Russland ist in Wahrheit stark verwestlicht&#8220;"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_6070\" aria-describedby=\"caption-attachment-6070\" style=\"width: 530px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-6070\" src=\"http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/kirill-e1523549322147.jpg\" alt=\"\" width=\"530\" height=\"287\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6070\" class=\"wp-caption-text\">Sputnik International<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Der russisch-orthodoxe Publizist Sergej Tschapnin \u00fcber die konservative Agenda des Kremls und die Verzahnung der orthodoxen Kirche mit dem Staat<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Wiener Zeitung&#8220;:Das Verh\u00e4ltnis zwischen Russland und dem Westen ist schlechter kaum vorstellbar. Das Wort vom Neuen Kalten Krieg ist fast schon ein gefl\u00fcgeltes &#8211; dieses Mal aber nicht mit einem kapitalistischen Westen und einem kommunistischen Osten, sondern mit einem sich liberal und fortschrittlich gebenden Westen und einem konservativen Russland. Das erinnert an die Situation im 19. Jahrhundert, als die europ\u00e4ische Kritik am konservativen Zaren stark war. Sind wir wieder zur\u00fcck im 19. Jahrhundert?<br \/>\nSergej Tschapnin: Ich sehe das anders. Ich w\u00fcrde sagen, dass wir in Russland gar keine konservative Agenda haben, jedenfalls keine gelebte. Das konservative Programm der russischen Regierung ist in Wahrheit nur Rhetorik.<\/p>\n<p><strong>Warum?<\/strong><\/p>\n<p>Weil wir immer noch nach einer Identit\u00e4t suchen. In den 1990er Jahren, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, versuchte man, auf liberalem und demokratischem Weg der d\u00fcsteren kommunistischen Vergangenheit zu entkommen. W\u00e4hrend die liberalen Eliten versuchten, Russland zu reformieren, kam es zu einem Wiederaufleben der russisch-orthodoxen Kirche. Die Kirche war die einzige Institution des alten, pr\u00e4-sowjetischen Russland, die die Sowjetperiode \u00fcberlebt hat &#8211; unter Verfolgung und Martyrium zwar, aber dennoch. Sie war die einzige Br\u00fccke zur russischen Vergangenheit und stand f\u00fcr einen entschlossenen Bruch mit dem sowjetischen Erbe.<br \/>\nWar die Kirche der sp\u00e4ten Sowjetzeit &#8211; trotz aller M\u00e4rtyrer zur Zeit Lenins und Stalins &#8211; nicht auch vom KGB durchsetzt und vom Staat kontrolliert?<br \/>\nDoch, definitiv. Die Kirchenstruktur, die Mitte der 1940er Jahre wiederhergestellt wurde, war stark vom sowjetischen Geheimdienst infiltriert. Dennoch symbolisierte die Kirche nach 1991 den Aufbruch Russlands. Ihr Versuch, die Nation wieder zu bekehren, scheiterte in den 1990er Jahren allerdings ebenso wie der Versuch, in Russland eine demokratische Gesellschaft aufzubauen. Am Beginn des 21. Jahrhunderts, nach den gescheiterten Experimenten, bot sich erneut eine Zukunftsvision Russlands als Imperium an. Die Kirche hat damals diese politische Wende von der Demokratie zur Autokratie unterst\u00fctzt &#8211; etwa mit dem Programm &#8222;Russki Mir&#8220;, der &#8222;russischen Welt&#8220;.<\/p>\n<p><strong>K\u00f6nnen Sie uns dieses Programm erl\u00e4utern?<\/strong><\/p>\n<p>Die urspr\u00fcngliche Idee war, eine Art Schirm zu entwickeln f\u00fcr die russischen Gemeinschaften im Ausland. Es leben ja viele Russen in der Ukraine, im Baltikum oder Zentralasien, und Wei\u00dfrussland ist ohnehin gr\u00f6\u00dftenteils ein russischsprachiges Land. Es ging um die F\u00f6rderung und den Erhalt der russischen Sprache f\u00fcr kommende Generationen und um gemeinsame Kulturprojekte &#8211; um klassische Soft Power. Die Kirche spielte dabei von Anfang an eine wichtige Rolle. Die Entwicklung von &#8222;Russki Mir&#8220; geht auf eine Initiative der russisch-orthodoxen Kirche zur\u00fcck.<\/p>\n<p><strong>Was war der Grund daf\u00fcr?<\/strong><\/p>\n<p>Es ist in erster Linie die Kirche, die die russischsprachigen Gemeinschaften im Ausland vereint. Sie ist eine wichtige administrative und spirituelle Autorit\u00e4t und bewarb als solche das &#8222;Russki Mir&#8220;-Programm intensiv, vor allem als 2009 Metropolit Kirill Patriarch wurde. Das weckte Begehrlichkeiten des Staates, der mehr ideologischen Einfluss auf die Russen jenseits der Grenzen nehmen wollte. Tats\u00e4chlich \u00e4nderte sich das Konzept binnen k\u00fcrzester Zeit fundamental: Aus kultureller Kooperation wurde binnen zweier Jahre ein Konzept ideologischen Drucks auf die russischsprachigen Gemeinschaften jenseits der Grenzen Russlands. Sie sollten das &#8222;Russki Mir&#8220;-Konzept und damit die Vorherrschaft Russlands akzeptieren. Das hat zu Verstimmungen gef\u00fchrt. Der Krieg in der Ukraine hat dem Konzept dann den Todessto\u00df gegeben, weil speziell im ersten Kriegsjahr viele der Russen, die auf der Seite der Separatisten im Donbass k\u00e4mpften, angaben, sie k\u00e4mpften f\u00fcr &#8222;Russki Mir&#8220; gegen die ukrainischen &#8222;Faschisten&#8220;. Das war das Ende dieses Projekts. Die Kirche verwendet dieses vor zehn Jahren sehr popul\u00e4re Konzept heute selbst nicht mehr.<\/p>\n<p>War &#8222;Russki Mir&#8220; nicht auch von Anfang an politisch? Schlie\u00dflich versteht sich Russland als Nachfolgestaat der alten Kiewer Rus, die die mittelalterlichen Vorfahren der Ukrainer, Russen und Wei\u00dfrussen vereint hat &#8211; w\u00e4hrend nationalistische Ukrainer die These vertreten, sie seien die alleinigen Nachfahren der Rus, und die Russen st\u00fcnden in tatarischer Tradition. Spielt dieser Gegensatz, der Streit um die Rus, nicht auch eine Rolle bei dem &#8222;Russki Mir&#8220;-Konzept?<br \/>\nJa. &#8222;Russki Mir&#8220; hat viele Dimensionen. Eine dieser Dimensionen war, Russland, Wei\u00dfrussland und die Ukraine einander n\u00e4herzubringen als L\u00e4nder, die gemeinsame Wurzeln in der Taufe von F\u00fcrst Wladimir haben. Der Erfolg stellte sich aber nicht ein, und zwar deshalb, weil wir Russen oft nicht verstehen, was in den Nachbarl\u00e4ndern vorgeht. Das betrifft \u00fcbrigens nicht nur die Ukraine, sondern auch Wei\u00dfrussland. Auch Belarus ist von Russland sehr verschieden, auch dort findet heute ein &#8211; in dem Fall stiller &#8211; Prozess der Nationsbildung statt. Russland nimmt das nicht ernst und denkt nach wie vor, ach, ihr seid doch immer noch ein Teil unserer Welt, ein Teil dieses fr\u00fcheren Russischen Reiches. Doch das stimmt nicht. Diese L\u00e4nder unterscheiden sich von Russland. Den Wei\u00dfrussen zum Beispiel ist klar, dass ihre geopolitische Situation ihre nationale Identit\u00e4t sehr stark beeinflusst. Sie leben zwischen dem katholischen Westen und dem orthodoxen Osten.<\/p>\n<p><strong>Wie die Ukraine.<\/strong><\/p>\n<p>Ja, aber Wei\u00dfrussland ist insgesamt homogener als die Ukraine, die stark gespalten ist. Die Westukraine ist nat\u00fcrlich westlich orientiert mit starkem polnischen Einfluss, die Ostukrainer \u00e4hneln kulturell sehr stark den Russen. Es ist sehr schwierig f\u00fcr viele Russen, die Ukraine als einen unabh\u00e4ngigen Staat zu akzeptieren. Sie verstehen nicht, wie die Unabh\u00e4ngigkeit der Ukraine oder auch Wei\u00dfrusslands passieren konnte. Diese Blindheit verursacht viele Probleme.<\/p>\n<p>Im Westen hat die Trennung von Kirche und Staat tiefe historische Wurzeln, die bis ins Mittelalter zur\u00fcckreichen. Im Bereich der Orthodoxie ist das anders. Lange hat in der Nachfolge des Byzantinischen Reiches eine Art &#8222;C\u00e4saropapismus&#8220; vorgeherrscht, eine starke Anbindung der Kirche an den Staat.<br \/>\nDas ist tats\u00e4chlich ein Problem. Die byzantinische Tradition, in der Russland steht, kennt nur die enge Beziehung zwischen der Kirche und dem Staat. Allerdings gab es einen kurzen Moment, eine kleine historische Chance auf einen anderen, moderneren Weg nach dem Kollaps der Sowjetunion. Damals h\u00e4tte man die Erfahrungen der Emigranten, die nach der Oktoberrevolution ausgewandert sind, nutzen k\u00f6nnen. Deren religi\u00f6se Gemeinschaften waren tats\u00e4chlich unabh\u00e4ngig vom Staat, denn es gab in der Emigration keinen orthodoxen Staat. Das hat den Menschen geholfen, die spirituelle Dimension der \u00f6stlichen Christenheit wiederzuentdecken. Das, was diese Gruppen im Ausland hervorgebracht haben, steht bei vielen orthodoxen Christen heute noch in hohem Ansehen.<\/p>\n<p><strong>Durchgesetzt hat sich dieser Ansatz aber nicht.<\/strong><\/p>\n<p>Nein. Die traditionelle enge Bindung an den Staat war st\u00e4rker. Au\u00dferdem brauchte die Politik die Kirche als Unterst\u00fctzerin f\u00fcr ihr Konzept eines neuen Imperiums. Der fr\u00fchere Patriarch Alexij war dazu nicht bereit, aber Kirill, Patriarch seit 2009, sehr wohl. Er ist ein starker Anh\u00e4nger der Idee einer Zusammenarbeit mit dem Staat. Das Konzept Russlands als Vertreter konservativer Werte im Gegensatz zum liberalen Westen stammt wesentlich von ihm. Er entwickelte es Ende der 1990er Jahre und &#8222;verkaufte&#8220; es 2012 an Pr\u00e4sident Wladimir Putin &#8211; zu Beginn dessen dritter Amtszeit, als im Kreml neue Ideen n\u00f6tig waren.<\/p>\n<p><strong>Was ist daraus geworden? Ist Russland heute so konservativ, wie es sich gibt?<\/strong><\/p>\n<p>Nein. Das ist gr\u00f6\u00dftenteils Rhetorik f\u00fcr die Auslage. In Russland selbst sind heute Programme und Konzepte nicht so wichtig. Die Menschen sind damit besch\u00e4ftigt, zu \u00fcberleben. Die wirtschaftliche Situation wird immer schlechter, und es gibt keinen Wettbewerb im politischen Leben. Nat\u00fcrlich spricht man viel von konservativen Werten wie Familie, aber die Statistiken sprechen eine andere Sprache. Auf zwei Hochzeiten kommt eine Scheidung. Die Abtreibungsraten gehen zwar zur\u00fcck, aber nicht wegen traditioneller Werte oder religi\u00f6ser Motivationen, sondern aufgrund von vermehrtem Gebrauch von Verh\u00fctungsmitteln. Russland ist in Wirklichkeit ein sehr s\u00e4kulares und stark verwestlichtes Land.<\/p>\n<p><strong>Gerhard Lechner<\/strong><\/p>\n<p>https:\/\/www.wienerzeitung.at<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der russisch-orthodoxe Publizist Sergej Tschapnin \u00fcber die konservative Agenda des Kremls und die Verzahnung der orthodoxen Kirche mit dem Staat &#8222;Wiener Zeitung&#8220;:Das Verh\u00e4ltnis zwischen Russland und dem Westen ist schlechter kaum vorstellbar. 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