{"id":6607,"date":"2018-05-27T01:37:43","date_gmt":"2018-05-26T23:37:43","guid":{"rendered":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=6607"},"modified":"2018-05-27T01:37:43","modified_gmt":"2018-05-26T23:37:43","slug":"mh17-generation-der-skrupellosen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=6607&lang=de","title":{"rendered":"MH17: GENERATION DER SKRUPELLOSEN"},"content":{"rendered":"<header class=\"topinfo animated bounceIn\" data-anim=\"bounceIn\">\n<figure id=\"attachment_6609\" aria-describedby=\"caption-attachment-6609\" style=\"width: 559px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-6609\" src=\"http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/boing1-e1527377433693.png\" alt=\"\" width=\"559\" height=\"364\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6609\" class=\"wp-caption-text\">Mit Milit\u00e4rmaschinen wurden im Juli 2014 Opfer des abgeschossenen Flugs MH17 nach Eindhoven gebracht. Hille Hillenga \/ defensie.nl Defensiekrant 02-2015 \/ CC1.0<\/figcaption><\/figure>\n<h4>Mitten in Europa hinterlassen Russlands Hybridkrieger Tote und Verzweiflung und zerst\u00f6ren gezielt legitime Staatlichkeit. Der Langmut, mit dem der Westen auf die postsowjetischen Kriege reagiert, ist fatal. Zeit, aufzuwachen.<\/h4>\n<\/header>\n<article id=\"post-12625\" class=\"post-12625 post type-post status-publish format-standard has-post-thumbnail hentry category-aufmacher category-standard tag-bellingcat tag-georgien tag-holland tag-hybrider-krieg tag-mh17 tag-putin tag-russland tag-sowjetunion tag-syrien tag-ukraine\">\n<div class=\"textcontent clearfix entry-content\">\n<p>Die europ\u00e4ische \u00d6ffentlichkeit hat kaum Interesse an den Konflikten, die \u00f6stlich der EU-Grenzen in der Ukraine oder im Kaukasus stattfinden. Fast t\u00e4glich sterben Kombattanten und Zivilisten an den Fronten dieser unerkl\u00e4rten Kriege und<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0\u00a0<\/span>Tausende leiden unter den Gewaltregimen, die in sogenannten \u201eVolksrepubliken\u201c und anderen halb-staatlichen Gebilden herrschen. Doch offensichtlich sieht eine Bundesregierung, die f\u00fcr die Pipeline \u201eNordStream2\u201c gr\u00fcnes Licht gibt, in Russland immer noch einen Partner, mit dem Berlin im (Gas-)Gesch\u00e4ft bleiben m\u00f6chte. Da f\u00e4llt es leicht, die Lage in der Ukraine oder Georgien weiter zu ignorieren.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0\u00a0<\/span>Schlie\u00dflich gilt von Maas bis Merkel immer noch die Devise: Frieden in Europa nur mit Russland.<\/p>\n<p>Die vergangenen Tage sind dazu geeignet, solche Sinnspr\u00fcche zu vergessen und sich den Tatsachen zu stellen. Das Joint Investigation Team (JIT) hat offiziell best\u00e4tigt, was man bereits seit l\u00e4ngerer Zeit wissen konnte: Der Flug MH17 wurde am 17. Juli 2014 von einer russischen Einheit mit einer BUK-Rakete \u00fcber dem Osten der Ukraine\u00a0<a href=\"https:\/\/www.om.nl\/onderwerpen\/mh17-crash\/@103196\/update-criminal-0\/\">abgeschossen<\/a>. Damit wird die M\u00e4r, dass im Donbas \u201eSeparatisten\u201c k\u00e4mpfen, ein weiteres Mal widerlegt. Es zeigt sich vielmehr, dass von Beginn an \u2013 wie auf der Krim \u2013 regul\u00e4re russische Einheiten zusammen mit Geheimdienstoffizieren diese Operationen in der Ukraine befehligt haben.\u00a0<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Die Enth\u00fcllungen des Recherchenetzwerks Bellingcat, die jetzt in Den Haag vorgestellt wurden, reichen noch weiter. Bellingcat gibt dem Krieg gegen die Ukraine und dem Tod der Passagiere von MH17 ein\u00a0<a href=\"https:\/\/www.bellingcat.com\/news\/uk-and-europe\/2018\/05\/25\/mh17-russian-gru-commander-orion-identified-oleg-ivannikov\/\">Gesicht<\/a>: Dem Recherchenetzwerk zu Folge ist der russische Offizier Oleg Ivannikov (\u201eOrion\u201c) tatverd\u00e4chtig. Interessant ist insbesondere der Lebenslauf dieses Offiziers, weil er einen Einblick in das Personal der Kriege Russlands gibt.<\/p>\n<h2>OFFIZIER DES HYBRIDEN KRIEGES<\/h2>\n<p>Dem von Bellingcat rekonstruierten Lebenslauf zufolge ist OIeg Ivannikov geradezu der Prototyp eines Offiziers im hybriden Kriegseinsatz. Er stammt aus einer Milit\u00e4rfamilie und ist nicht nur an modernen Waffen ausgebildet, sondern hat selbst \u00fcber Informationskrieg im Kaukausus promoviert. Ivannikov hat w\u00e4hrend seiner milit\u00e4rischen Karriere f\u00fcr Think Tanks gearbeitet, strategische Papiere verfasst und an der Front gek\u00e4mpft. Er beherrscht den politischen Diskurs und \u2013 wie die Aufnahmen von Bellingcat belegen \u2013 derbe Gefechtssprache.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0\u00a0<\/span>Von Dezember 2006 bis Februar 2008 hat er in cognito (\u201eLaptev\u201c)<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0\u00a0<\/span>als Verteidigungsminister der \u201eRepublik S\u00fcdossetien\u201c gedient, einem russischen Satellitenstaat auf georgischem Territorium. Dieser Werdegang veranschaulicht das F\u00fchrungspersonal, das die Konflikte im post-sowjetischen Raum f\u00fcr Moskau antreibt: milit\u00e4risch und ideologisch geschult, konspirativ versiert und sowohl am Schreibtisch als auch im B\u00fcrgerkrieg einsetzbar. Kein alter Sowjetgeneral, sondern ein Offizier des hybriden Krieges.<\/p>\n<p>Seit dem Afghanistankrieg (1979-1989) ist in der fr\u00fcheren Sowjetunion ein milit\u00e4risch-geheimdienstliches Milieu entstanden (\u201esiloviki\u201c), das sich seine Meriten auch in den Konflikten in Zentralasien, dem Kaukasus oder in Moldawien verdient hat. Diese M\u00e4nner kennen die Gewalt. Bereits w\u00e4hrend des Tschetschenienkrieges bildeten die\u00a0<i>afghancy\u00a0<\/i>das R\u00fcckgrat des russischen Milit\u00e4rs. Sie waren politische Soldaten, deren Einfluss \u00fcber die Streitkr\u00e4fte hinausging. W\u00e4hrend Russland wirtschaftlich und sozial stagniert oder an Boden verliert, hat es eine Generation der Skrupellosen hervorgebracht, deren Ausbildung und Radikalisierung in den Kriegen des post-sowjetischen Raumes geschah.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0\u00a0<\/span>Sie sind eine wichtige Ressource Russlands. Ihre St\u00e4rke ist die Zerst\u00f6rung legitimer Staatlichkeit und das Handeln im Gewaltraum \u2013 von der Ukraine bis Syrien. Sie st\u00fctzten sich nicht auf das Recht, sondern auf die Macht. Dabei existiert ein breites Spektrum von Akteuren: von Spezialisten wie Ivannikov, die zwischen dem B\u00fcro und den Gewaltr\u00e4umen pendeln, \u00fcber die Fu\u00dftruppen des hybriden Krieges, die sich aus Zeitsoldaten, (pseudo-)Kosaken, Kriminellen oder Motorradrockern rekrutieren bis hin zu den Ideologen, die versuchen, der Gewalt einen Sinn zu geben. Sie alle eint, dass der russische Staat ihr Patron ist. Ohne seine R\u00fcckendeckung k\u00f6nnten sie nicht handeln. Sie haben das Ohr des Kreml und aus ihnen rekrutiert sich die politische Klasse eines Landes, dessen Pr\u00e4sident der oberste Informationskrieger ist.<\/p>\n<h2>ES MUSS DEN WESTEN INTERESSIEREN<\/h2>\n<p>Der ukrainische Schriftsteller Serhi Zhadan hat in seinem Roman \u201e<a href=\"https:\/\/www.suhrkamp.de\/buecher\/internat-serhij_zhadan_42805.html\">Internat<\/a>\u201c eindr\u00fccklich beschrieben was geschieht, wenn Gewaltexperten wie \u201eOrion\u201c in eine Stadt eindringen und die zivile Ordnung zerst\u00f6ren. In wenigen Tagen bringen sie Tod, Verunsicherung und die Zerst\u00f6rung des<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0\u00a0<\/span>Restvertrauens, das in der post-sowjetischen Welt noch existierte. Sie hinterlassen eine Schneise der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Millionen Menschen in den Staaten der fr\u00fcheren Sowjetunion haben diese Erfahrung gemacht. Der Westen f\u00fchlt sich nur deshalb betroffen, weil jener russische Offizier im \u00dcberschwang der ersten Kriegswochen im Sommer 2014 das falsche Flugzeug abschoss. Es sollte uns interessieren, wer hier warum geschossen hat und was diese Tat \u00fcber Russland und seine Herrschenden aussagt. Denn auch wenn wir es lieber verdr\u00e4ngen: \u201eOrion\u201c und die anderen\u00a0<i>siloviki<\/i>\u00a0sind unsere Nachbarn und Zeitgenossen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Besorgniserregend sind der Langmut und das Desinteresse, mit dem die europ\u00e4ische Politik auf die post-sowjetischen Kriege reagiert. Bereits in den 1990er Jahren hat der Westen Moskau in Tschetschenien gew\u00e4hren lassen. Nach dem Krieg in Georgien setzte der Westen auf \u201ereset\u201c und \u201eModernisierungspartnerschaft\u201c. Selbst nach vier Jahren Krieg gegen die Ukraine sieht sich die Bundeskanzlerin nicht in der Lage, \u201eNordStream2\u201c zu stoppen und das Ausw\u00e4rtige Amt mahnt in ge\u00fcbter \u00c4quidistanz stets Russland und die Ukraine zur Zur\u00fcckhaltung. So handelt, wer Verbrechen wie MH17 und das t\u00e4gliche Sterben im Donbas und in Syrien verdr\u00e4ngt.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Es ist Zeit zu verstehen: Die\u00a0<i>siloviki<\/i>\u00a0werden weiter dort handeln, wo wir sie gew\u00e4hren lassen. Ihre Interessen sind nicht unsere Interessen. Sie erweitern ihre Macht, in dem sie Chaos stiften und Gewalt anwenden; sie sind keine Partner im Friedensprozess. Die Ermittlungen von JIT und Bellingcat zeigen, dass es keine\u00a0<i>frozen conflicts\u00a0<\/i>gibt. Eingefroren ist nur das westliche Interesse an den Kriegen, die Moskau an seinen Grenzen f\u00fchrt. Dabei lohnt es sich hinzusehen, denn<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0\u00a0<\/span>die Geschichte dieser Kriege f\u00fchrt uns zum Kern russischer Staatlichkeit.<\/p>\n<p><strong><span class=\"fn\"><a title=\"Beitr\u00e4ge von Jan C. Behrends\" href=\"https:\/\/www.salonkolumnisten.com\/autor\/jancbehrends\/\" rel=\"author\">JAN C. BEHRENDS<\/a><\/span><\/strong><\/p>\n<p>https:\/\/www.salonkolumnisten.com<\/p>\n<ul class=\"textinfo list-inline text-center\"><\/ul>\n<\/div>\n<\/article>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mitten in Europa hinterlassen Russlands Hybridkrieger Tote und Verzweiflung und zerst\u00f6ren gezielt legitime Staatlichkeit. Der Langmut, mit dem der Westen auf die postsowjetischen Kriege reagiert, ist fatal. Zeit, aufzuwachen. Die europ\u00e4ische \u00d6ffentlichkeit hat kaum Interesse an den Konflikten, die \u00f6stlich der EU-Grenzen in der Ukraine oder im Kaukasus stattfinden. 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