{"id":6617,"date":"2018-05-27T23:16:46","date_gmt":"2018-05-27T21:16:46","guid":{"rendered":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=6617"},"modified":"2018-05-27T23:16:46","modified_gmt":"2018-05-27T21:16:46","slug":"moskau-mh17-und-die-drueckende-last-der-verantwortung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=6617&lang=de","title":{"rendered":"Moskau, MH17 und die dr\u00fcckende Last der Verantwortung"},"content":{"rendered":"<header id=\"content_start\" class=\"article__header\">\n<figure id=\"attachment_6618\" aria-describedby=\"caption-attachment-6618\" style=\"width: 620px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-6618\" src=\"http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/boing2.jpg\" alt=\"\" width=\"620\" height=\"372\" srcset=\"http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/boing2.jpg 620w, http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/boing2-300x180.jpg 300w, http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/boing2-480x288.jpg 480w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6618\" class=\"wp-caption-text\">in einem neuen Bericht wird ein \u201esehr wahrscheinlicher\u201c Verantwortlicher f\u00fcr den Tod von 298 Menschen identifiziert. \u2013 (c) APA\/AFP\/ALEXANDER KHUDOTEPLY<\/figcaption><\/figure>\n<p class=\"article__lead\"><strong>Der Kreml beschw\u00f6rt gern eine multipolare Welt, in der er f\u00fchrend sein will. Das unr\u00fchmliche Verhalten in der Causa MH17 weist in eine andere Richtung.<\/strong><\/p>\n<\/header>\n<section class=\"article__main\">\n<div id=\"content-body\" class=\"article__body\">\n<p>Beim diesj\u00e4hrigen St. Petersburger Wirtschaftsforum bekam man einen Eindruck von der russischen \u201eVersion\u201c der MH17-Katastrophe vor knapp vier Jahren. Es war Donnerstag, der Tag, an dem die niederl\u00e4ndischen Ermittler neue Details zum Abschuss der Boeing der Malaysia Airlines pr\u00e4sentiert hatten. Die Rakete stammt ihren Erkenntnissen zufolge aus russischen Milit\u00e4rbest\u00e4nden. Wladimir Putin und Emmanuel Macron traten vor die Presse. Auf die Frage eines Reporters, was der russische Pr\u00e4sident zu dem Bericht zu sagen habe, antwortete der mit einer R\u00fcckfrage: \u201eWelches Flugzeug?\u201c<\/p>\n<p>Es hei\u00dft des \u00d6fteren, Putin sei schlecht informiert. Aber so schlecht kann es um seinen Nachrichtenstand nicht stehen. Nat\u00fcrlich wei\u00df der Staatschef um die internationale Untersuchung. Und er wei\u00df um Recherchen, wie sie etwa die Internetplattform Bellingcat seit der Trag\u00f6die vom 17. Juli 2014 durchf\u00fchrt. In einem neuen Bericht wird ein \u201esehr wahrscheinlicher\u201c Verantwortlicher f\u00fcr den Tod von 298 Menschen identifiziert: ein Offizier des russischen Auslandsgeheimdienstes GRU, der zu Beginn des Krieges zwischen Kiew und den von Moskau unterst\u00fctzten Separatisten auf Seiten der Letzteren t\u00e4tig war. Bellingcat st\u00fctzt sich auf mehrere geleakte Telefongespr\u00e4che, in denen der Transport der Buk diskutiert wird. Die Bewaffneten wollten ukrainische Milit\u00e4rflugzeuge abschie\u00dfen. Sie trafen ein internationales Passagierflugzeug. Zugegeben, das war nicht der Plan der Russen.<\/p>\n<p>Wie die Ermittler diese neuen Details einsch\u00e4tzen werden, bleibt abzuwarten. Sie arbeiten langsam, aber gewissenhaft. F\u00fcr Moskau wird es eng. Die bisherigen Indizien sprechen daf\u00fcr, dass der Staat in die Angelegenheit verwickelt ist. Wer die Verantwortung tr\u00e4gt, ist noch zu kl\u00e4ren. Putin ist Oberbefehlshaber des Milit\u00e4rs.<\/p>\n<p>Der Fall MH17 ist vertrackt. Denn f\u00fcr Moskau geht es um mehr als um das Schuldeingest\u00e4ndnis eines schlimmen Verbrechens an Zivilisten. \u00dcbernimmt man die Verantwortung, m\u00fcsste der Kreml seine verdeckte Milit\u00e4roperation in der Ostukraine eingestehen. Das will er nicht.<\/p>\n<p>Seit Beginn der Aff\u00e4re verfolgt der Kreml daher eine Strategie. Sie hei\u00dft Leugnung. Putin sprach in Petersburg auch davon, dass es in der Causa MH17 \u201eviele Versionen\u201c gebe. Man versucht, von den Fakten abzulenken und alternative Tatherg\u00e4nge in befreundeten Medien zu verbreiten \u2013 mit Erfolg, zumindest beim heimischen Publikum. Viele Russen glauben heute, dass die Ukrainer das Flugzeug selbst abgeschossen haben.<\/p>\n<p>Der n\u00e4chste Schritt ist das Anzweifeln von Untersuchungsergebnissen, die man zwar (wie jedermann) einsehen kann, aber pauschal in Frage stellt. Der \u00fcbern\u00e4chste Schritt ist die Delegitimierung eines Gerichtsverfahrens, das man als politisiert brandmarkt. Der letzte Schritt ist das Ignorieren eines Urteils.<\/p>\n<p>Das alles ist unr\u00fchmlich und nicht sonderlich einfallsreich. Und doch verweist es auf Moskaus generelles Verhalten in der internationalen Arena. Denn auch in anderen unangenehmen Aff\u00e4ren \u2013 beim vergifteten Ex-Agenten Skripal oder bei Inspektionen der Anti-Chemiewaffen-Organisation OPCW \u2013 geht man so vor. Immer wenn ein Ergebnis zu Russlands Ungunsten droht, wittert der Kreml eine Verschw\u00f6rung.<\/p>\n<p>Das alles erscheint umso absurder, als sich der Kreml gern als Verteidiger einer multilateralen, gleichberechtigten Ordnung darstellt. Doch sobald man selbst betroffen ist, h\u00f6rt man den Ruf nach Kooperation nicht gern. Das Land, das die Weltpolitik zentral mitgestalten will, hat einen wichtigen Grundsatz noch nicht akzeptiert: Je mehr Macht, desto mehr Verantwortung. Mit Schuldzuweisungen an die \u201ealten M\u00e4chte\u201c tut sich Moskau sehr leicht. Zu eigenen Fehlern zu stehen, w\u00e4re hingegen die Voraussetzung daf\u00fcr, dass Russland als internationaler Player ernst genommen wird \u2013 und andere in ihm nicht, wie so oft, einen \u201eMafiastaat\u201c sehen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Zuerst kommt die Politik, dann die Moral. Der Kreml ist nicht gewillt, die Frage nach der politischen Verantwortung f\u00fcr MH17 zu beantworten. Darf man auf eine Entschuldigung bei den Angeh\u00f6rigen der Opfer hoffen? Auch das erscheint heute illusorisch. Um welches Flugzeug handelt es sich \u00fcberhaupt?<\/p>\n<p><a class=\"article__author\" href=\"https:\/\/diepresse.com\/user\/search.do?detailForm=true&amp;switch=true&amp;resultsPage=0&amp;resetForm=0&amp;action=search&amp;autor=1&amp;ress=1&amp;ress=2&amp;ress=3&amp;ress=4&amp;ress=5&amp;ress=6&amp;ress=7&amp;ress=8&amp;ress=9&amp;ress=10&amp;ress=11&amp;ress=12&amp;ress=13&amp;ress=14&amp;searchText=&amp;autorname=Jutta+Sommerbauer\">Jutta Sommerbauer<\/a><br \/>\n<span class=\"article__timestamp\">27.05.2018<\/span><\/p>\n<p>E-Mails an:<strong>\u00a0<a href=\"mailto:jutta.sommerbauer@diepresse.com\">jutta.sommerbauer@diepresse.com<\/a><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>https:\/\/diepresse.com<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Kreml beschw\u00f6rt gern eine multipolare Welt, in der er f\u00fchrend sein will. Das unr\u00fchmliche Verhalten in der Causa MH17 weist in eine andere Richtung. 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