{"id":7077,"date":"2018-07-04T08:52:13","date_gmt":"2018-07-04T06:52:13","guid":{"rendered":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=7077"},"modified":"2018-07-04T08:52:13","modified_gmt":"2018-07-04T06:52:13","slug":"todeslisten-die-namen-der-deportierten-juden-standen-im-nazi-amtsblatt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=7077&lang=de","title":{"rendered":"Todeslisten: Die Namen der deportierten Juden standen im Nazi-Amtsblatt"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_7078\" aria-describedby=\"caption-attachment-7078\" style=\"width: 530px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-7078\" src=\"http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/todes-liste-e1530686999906.jpg\" alt=\"\" width=\"530\" height=\"327\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7078\" class=\"wp-caption-text\">F\u00dcNF KREISKY-BR\u00dcDER (v. l. n. r.): MAX, DER VATER VON BRUNO KREISKY, OSKAR, LUDWIG, OTTO, RUDOLF. Die Deportationen von Otto Kreisky und seiner Frau Friederike, Ruth Kl\u00fcger und ihrer Mutter Alma wurden in der Zeitung verlautbart. \u00a9 Kreisky Archiv<\/figcaption><\/figure>\n<p class=\"auszug\"><strong>Ein Zeitgeschichte-Projekt offenbart, wie \u00f6ffentlich das Verbrechen vor sich ging: Die Namen der deportierten Juden aus Wien wurden im Amtsblatt der Nazis verlautbart. Das konnte niemand \u00fcbersehen.<\/strong><\/p>\n<p>Keiner soll mehr sagen, die Gro\u00dfeltern h\u00e4tten von nichts gewusst. Die Deportation der Wiener Juden geschah vor aller Augen, weitaus \u00f6ffentlicher, als man lange Zeit angenommen hat. Im Parteiblatt der NSDAP, dem \u201eWiener V\u00f6lkischen Beobachter\u201c, wurden die Namen ver\u00f6ffentlicht, an manchen Tagen waren es mehr als 100. Name, Geburtsdatum und Meldeadresse reihen sich aneinander, ohne R\u00fccksicht auf den Zeilenfall. M\u00e4nner sind mit dem Zusatznamen Israel gebrandmarkt, als Frau hei\u00dft man Sarah. Es sind durchwegs Adressen aus dem 2., dem 20. und dem 9. Wiener Gemeindebezirk. Sogenannte \u201eJudenh\u00e4user\u201c, in die die Menschen gepfercht worden waren, in der Leopoldstadt und entlang dem Donaukanal, des effektiven Transports wegen.<\/p>\n<p>Wer damals von seinem Nachbarn ein Klavier, eine Kredenz, Porzellangeschirr oder gleich die ganze Wohnung requiriert hatte, konnte sich entspannt der neuen Dinge erfreuen, sobald er im \u201eWiener V\u00f6lkischen Beobachter\u201c den Namen des Vorbesitzers entdeckte. Denn das bedeutete, der Jude war weg und w\u00fcrde es wohl auch bleiben.<\/p>\n<aside id=\"Content_mobile\" class=\"ad_con ad_marker\"><\/aside>\n<p>Wenn er doch zur\u00fcckkam, dann war es, wie der Holocaust-\u00dcberlebende und sp\u00e4tere Literaturnobelpreistr\u00e4ger Imre Kertesz sagte: \u201eEin Betriebsunfall.\u201c<\/p>\n<p>48.953 Menschen wurden in den Jahren 1939 bis 1945 aus Wien deportiert, 1734 \u00fcberlebten. So kann man die Namen im \u201eV\u00f6lkischen Beobachter\u201c durchaus Todeslisten nennen.<\/p>\n<h2>TODESKANDIDATEN MUSSTEN NAMENTLICH VERLAUTBART WERDEN<\/h2>\n<p>Schon im ersten Jahr des \u201eAnschlusses\u201c, im M\u00e4rz 1938, waren die \u00f6sterreichischen Juden ihrer b\u00fcrgerlichen Rechte beraubt, das j\u00fcdische Leben erstickt worden. Es war ihnen verboten, auf Parkb\u00e4nken zu sitzen und in Parkanlagen spazieren zu gehen. Sie durften nicht in Schwimmb\u00e4der und Kinos, nicht ins Burgtheater, in die Oper oder ins Konzerthaus. Sie verloren ihre Arbeit im \u00f6ffentlichen Dienst und ihre Betriebe. Es war ihnen nicht erlaubt, mit sogenannten \u201eAriern\u201c zu verkehren, sie gar zu heiraten. Nur wenige Stunden am Tag konnten sie in ausgew\u00e4hlten Gesch\u00e4ften einkaufen. Die Kinder mussten die Schulen verlassen und durften nur noch in eigenen Judenschulen von j\u00fcdischen Lehrern unterrichtet werden. Sie wurden aus ihren Wohnungen geworfen, und am Ende ging ihr gesamtes Verm\u00f6gen in die H\u00e4nde des Staates \u00fcber. Per Verordnung. Der b\u00fcrokratische Vorgang dieser schrittweisen Entrechtung gipfelte im sogenannten \u201eEinziehungserkenntnis\u201c, ein juristischer Begriff, der heute noch \u00fcblich ist. Unter diesem Titel sind auch die Todeslisten im \u201eV\u00f6lkischen Beobachter\u201c zu finden, denn das NS-Regime empfand sich als Rechtsstaat, und so mussten auch die Todeskandidaten namentlich verlautbart werden. Der Nationalsozialismus war ein m\u00f6rderisches Regime und ein b\u00fcrokratisches Monstrum.<\/p>\n<aside id=\"Content2_mobile\" class=\"ad_con ad_marker\"><\/aside>\n<p>Seit einigen Jahren arbeiten der Leiter des Wiener Instituts f\u00fcr Zeitgeschichte, Oliver Rathkolb, und der Leiter der Fachbereichsbibliothek, Markus Stumpf, nun schon an der\u00a0<a class=\"link-external\" href=\"https:\/\/www.ns-pressearchiv.at\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Digitalisierung des ehemaligen \u201eGaupressearchivs\u201c<\/a>, ein aufwendiges Projekt, das verl\u00e4sslich vom \u201eZukunftsfonds\u201c unterst\u00fctzt wurde. Demn\u00e4chst soll es online gehen und f\u00fcr Forschungszwecke offenstehen.<\/p>\n<p>Das \u201eGaupressearchiv\u201c wurde von 1938 bis zum Herbst 1944 gef\u00fchrt und war im \u201eGauhaus\u201c der NSDAP, im Parlamentsgeb\u00e4ude an der Ringstra\u00dfe angesiedelt. Es beinhaltet Zeitungsartikel, Reden der Gauleiter Josef B\u00fcrckel und Baldur von Schirach, Interna und auch einen Teil der Todeslisten aus dem \u201eV\u00f6lkischen Beobachter\u201c \u2013 eben das, was die Mitarbeiter des Archivs f\u00fcr w\u00fcrdig befanden, gesammelt zu werden. Insgesamt umfasst das jetzt digitalisierte Archiv mehr 200.000 Scans.<\/p>\n<p>Es wirft ein neues Licht auf Alltag und Propaganda im Nationalsozialismus. \u201eDie Hetze gegen Juden und ihre \u201aAusrottung\u2018 wurden ganz \u00f6ffentlich besprochen\u201c, sagt Rathkolb.<\/p>\n<h2>\u201eNUR WENIGE VON UNS SIND \u00dcBRIG GEBLIEBEN&#8220;<\/h2>\n<p>Die Todeslisten wurden eher zuf\u00e4llig entdeckt. Als Rathkolb nach Informationen \u00fcber einen Philharmoniker namens Armin Tyroler suchte, den er in der NS-Opferdatenbank des \u201eDokumentationsarchivs des \u00d6sterreichischen Widerstandes\u201c nicht fand (weil der Name anders geschrieben war), poppte unter dem Namen des Mannes die Liste der \u201eEinziehungserkenntnisse\u201c auf. Der Musiker, der im Orchester die Oboe spielte, war im Oktober 1942 gemeinsam mit seiner Frau Rudolfine in das Konzentrationslager Theresienstadt und von dort in einem der letzten Transporte im Oktober 1944 nach Auschwitz verbracht worden. Das letzte Jahr in Wien war der 70-J\u00e4hrige mit seiner Frau von einer Sammelwohnung in die n\u00e4chste gejagt worden.<\/p>\n<p>Auf einer der Listen, die ins Gaupressearchiv Eingang gefunden haben, sind Otto und Friederike Kreisky zu finden. Otto war ein Onkel des sp\u00e4teren Bundeskanzlers Bruno Kreisky, einer von f\u00fcnf Br\u00fcdern. Der angesehene Wiener Anwalt und seine Frau Friederike, geborene Spira, waren 1942 nach Theresienstadt deportiert worden. 1944 wurden sie in Auschwitz in die Gaskammer geschickt.<\/p>\n<p>Kreiskys Eltern \u00fcberlebten den Holocaust, weil sie ihrem Sohn in letzter Sekunde ins Exil nach Schweden gefolgt waren. Der Vater hatte sich lange gestr\u00e4ubt. Er dachte, ihm werde \u201eschon nichts passieren\u201c, erz\u00e4hlt Bruno Kreisky in seinen \u201eErinnerungen\u201c. Die Kreiskys waren assimilierte Juden, zwei Br\u00fcder des Vaters, Otto und Oskar, bezeichneten sich als \u201edeutsch- freiheitlich\u201c und waren Mitglieder einer Budweiser Verbindung. Das n\u00fctzte alles nichts. \u201eNur wenige von uns sind \u00fcbrig geblieben. Diese Ausl\u00f6schung hat so viele Zeugen gefunden\u201c, schreibt Kreisky.<\/p>\n<h2>VERW\u00d6HNTER JUNGE AUS ADELIGEM HAUS<\/h2>\n<p>Auf derselben Liste stehen die Namen Ruth Kl\u00fcger und ihre Mutter Alma Kl\u00fcger. Die heute gefeierte Schriftstellerin Ruth Kl\u00fcger war damals elf Jahre alt. Die Kl\u00fcgers \u00fcberlebten Theresienstadt. Die Urgro\u00dfmutter der Schriftstellerin Eva Menasse, Bertha Menasse, ein weiterer Name auf der Liste, starb dort. Die betagte Frau war im August 1942 aus dem j\u00fcdischen Altersheim in der Seegasse nach Theresienstadt deportiert worden und hatte dort vermutlich auf einem der hei\u00dfen und stickigen Dachb\u00f6den liegen m\u00fcssen. Auch vier Schwestern von Sigmund Freud, der nach England entkommen war, wurden im April 1942 vom Altersheim zum Aspernbahnhof gebracht und in den Zug nach Theresienstadt gesto\u00dfen. Die J\u00fcngte war 78. Eine starb noch in Theresienstadt, die anderen in Treblinka.<\/p>\n<p>Verantwortlich f\u00fcr die Deportation der Juden war Reichsstatthalter Baldur von Schirach, ein verw\u00f6hnter Junge aus adeligem Haus, schon im Alter von 17 Jahren dem F\u00fchrer gl\u00fchend ergeben. Seine Heirat mit Henriette, der Tochter des Hitler-Fotografen Hoffmann, hatte die Bande nur noch mehr gefestigt. Die Schirachs geh\u00f6rten zum inneren Kreis der NS-Elite, hatten Zugang zum \u201eF\u00fchrer\u201c pers\u00f6nlich.<\/p>\n<p>Schirach war ein fanatischer Judenhasser. 1928 hatte er den NS-Studentenbund angef\u00fchrt, 1931 wurde er Reichsjugendf\u00fchrer, befehligte die gesamte Hitlerjugend. Im August 1940 wurde Schirach zum Gauleiter in Wien ernannt. Er amtierte in der Hofburg und gab gl\u00e4nzende Empf\u00e4nge. Eine seiner ersten Amtshandlungen war, die Juden in Sammelwohnungen zu pferchen und in Berlin anzufragen, ob man die Menschen nach Polen deportieren d\u00fcrfe. Bei einem pers\u00f6nlichen Treffen mit Adolf Hitler vier Wochen sp\u00e4ter hakte er nach. Am 3. Dezember 1940 wurden die Deportationen genehmigt. Die ersten 1000 Wiener Juden wurden im Fr\u00fchjahr 1941 in bereits \u00fcberf\u00fcllte Ghettos in das besetzte Polen gebracht. Im November 1941 rollte der erste Zug nach Minsk, 1942 wurden mehr als 10.000 \u00f6sterreichische Juden nach Maly Trostinez deportiert. An Transporttagen fuhr ein ganzer Todeskonvoi \u00fcber den Schwedenplatz und die Ungargasse den 3. Bezirk hinauf zum Aspernbahnhof, die Menschen auf offenen Lastw\u00e4gen, f\u00fcr alle sichtbar.<\/p>\n<h2>DIE ALLIIERTEN VERB\u00c4NDE WAREN SCHNELLER<\/h2>\n<p>Das System war so niedertr\u00e4chtig organisiert, dass die Israelitische Kultusgemeinde daf\u00fcr verantwortlich gemacht wurde, dass die Z\u00fcge auch voll waren. Die \u201eFahrkarten\u201c waren von der Kultusgemeinde zu bezahlen.Die ersten \u201eProbevergasungen\u201c fanden im September 1941 in einer Gaskammer bei Auschwitz und in Gasw\u00e4gen statt. Bei \u00f6ffentlichen Auftritten in Wien sagte Schirach recht unverhohlen, was er mit den Juden vorhabe. Bei einem Gro\u00dfappell im Juni 1942 im Vorhof des Palais Schwarzenberg versprach Schirach vor mehreren 1000 Amtswaltern der \u201eDeutschen Arbeitsfront\u201c, er werde Wien \u201ejudenfrei\u201c machen, und wenn das erledigt sei, dann werde Wien \u201etschechenfrei\u201c werden. Im September 1942: \u201eJeder Jude ist eine Gefahr f\u00fcr die europ\u00e4ische Kultur\u201c, im Oktober verk\u00fcndete Schirach, von ehemals 220.000 Juden werde er \u201eauch den letzten Rest von 8000 aus Wien entfernen.\u201c Bei einer Veranstaltung im Februar 1943 in den Stephanies\u00e4len hie\u00df es: \u201eIm Laufe des Krieges wird das Judentum ausgerottet\u201c und \u201eder letzte gelbe Stern aus der Stadt verschwinden\u201c.<\/p>\n<p>Dank des Gaupressearchivs wissen wir heute, dass Schirach jedes Mal vor Tausenden \u2013 einmal 18.000 Zuh\u00f6rern \u2013 sprach, dass Teile seiner Reden im Radio \u00fcbertragen und in der Presse zitiert wurden.<\/p>\n<p>Etwa 5500 Juden haben die Jahre des Grauens in Wien \u00fcberlebt. Die meisten von ihnen fielen nach dem kranken Geist der \u201eN\u00fcrnberger Rassengesetze\u201c in die Kategorie der \u201eHalbjuden\u201c oder \u201eMischlinge ersten Grades\u201c oder \u201ezweiten Grades\u201c oder lebten in \u201eprivilegierten Mischehen\u201c oder in einem Versteck.<\/p>\n<p>Schirachs Ank\u00fcndigung, Wien nicht nur \u201ejudenfrei\u201c, sondern auch \u201etschechenfrei\u201c zu machen \u2013 52.000 Tschechen lebten damals in Wien \u2013, ist nicht gegl\u00fcckt. Die Alliierten Verb\u00e4nde waren schneller. Schirach wurde in N\u00fcrnberg wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 20 Jahren Haft verurteilt. Im Prozess verneinte er die Frage, ob \u201edie Zeitungen in Wien \u00fcber die Judenverschickungen und deren Umfang berichtet\u201c h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Von<strong>\u00a0<a title=\"Zur Autorenseite von Christa Z\u00f6chling\" href=\"https:\/\/www.profil.at\/autoren\/christa-zoechling\" rel=\"author\">Christa Z\u00f6chling<\/a>\u00a0<\/strong>(<time datetime=\"2018-06-26\">\u00a0<a title=\"Alle Artikel vom 26. 6. 2018\" href=\"https:\/\/www.profil.at\/archiv\/2018\/6\/26\">26. 6. 2018\u00a0<\/a><\/time><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>https:\/\/www.profil.at<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Zeitgeschichte-Projekt offenbart, wie \u00f6ffentlich das Verbrechen vor sich ging: Die Namen der deportierten Juden aus Wien wurden im Amtsblatt der Nazis verlautbart. Das konnte niemand \u00fcbersehen. Keiner soll mehr sagen, die Gro\u00dfeltern h\u00e4tten von nichts gewusst. 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