{"id":7395,"date":"2018-07-30T01:12:16","date_gmt":"2018-07-29T23:12:16","guid":{"rendered":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=7395"},"modified":"2018-07-30T01:12:16","modified_gmt":"2018-07-29T23:12:16","slug":"sowjetischer-diktator-stalin-liess-millionen-von-menschen-verhungern","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=7395&lang=de","title":{"rendered":"Sowjetischer Diktator Stalin lie\u00df Millionen von Menschen verhungern"},"content":{"rendered":"<header class=\"c-content-container\" data-qa=\"Article.Header\">\n<div class=\"c-container c-container--has-full-width c-container--additional-padding\">\n<div class=\"o-element c-image-element \" data-qa=\"ImageElement\" data-content-slider-component=\"image\">\n<div data-qa=\"PictureElement.placeholder\">\n<figure id=\"attachment_7396\" aria-describedby=\"caption-attachment-7396\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-7396\" src=\"http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/stalin-e1532905843385.jpg\" alt=\"\" width=\"540\" height=\"258\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7396\" class=\"wp-caption-text\">Durch die Kollektivierung unter dem Diktator Josef Stalin starben Millionen von Menschen in der UdSSR<br \/>Quelle: dpa<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Nahrungsknappheit als wirksames Diktatur-Modell: Stalin kollektivierte die Landwirtschaft und bezeichnete Hungern als reinen Sabotageakt.<\/strong><\/div>\n<div data-qa=\"PictureElement.placeholder\"><\/div>\n<div class=\"c-image-element--has-hint-icon\" data-qa=\"PictureElement.placeholder\"><span class=\"c-article-text__drop-cap\">N<\/span>EW HAVEN \u2013 Vor achtzig Jahren, im Herbst 1930, setzte Josef Stalin eine Politik um, die den Lauf der Geschichte ver\u00e4nderte und \u00fcber Jahrzehnte Millionen Menschenleben auf der ganzen Welt ausl\u00f6schte. Im Zuge einer brutalen und rigorosen Kampagne zur \u201eKollektivierung\u201c brachte er die sowjetische Landwirtschaft unter staatliche Kontrolle.<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/header>\n<div class=\"c-article-text c-content-container __margin-bottom--is-0 \" data-content=\"VideoPlayer.JumpMarks\" data-qa=\"Article.Text\">\n<p>Stalin verfolgte diese Kollektivierung trotz des massiven Widerstandes gegen den ersten Versuch einer Kollektivierung durch die sowjetischen Beh\u00f6rden im Fr\u00fchling davor. Auf diesen Widerstand hatte die sowjetische F\u00fchrung mit Erschie\u00dfungen und Deportationen in den Gulag reagiert, um die Opposition im Vorfeld zu zerschlagen. Doch die sowjetische Bev\u00f6lkerung leistete auf breiter Front Widerstand. Kasachische Nomaden flohen nach China, ukrainische Bauern nach Polen.<\/p>\n<p>Im darauf folgenden Herbst wurden Erschie\u00dfungen und Deportationen wieder aufgenommen und durch \u00f6konomische Zwangsma\u00dfnahmen erg\u00e4nzt. Selbstst\u00e4ndige Bauern wurden besteuert, bis sie sich dem Kollektiv anschlossen und dem Kollektiv bereits angeh\u00f6rende H\u00f6fe durften sich das f\u00fcr die n\u00e4chste Ernte bestimmte Saatgut der selbstst\u00e4ndigen Bauern aneignen.<\/p>\n<h3 class=\"o-headline\">Hungersn\u00f6te und Missernte<\/h3>\n<p>Nachdem der landwirtschaftliche Sektor der UdSSR kollektiviert war, setzte der Hunger ein. Indem man den Kleinbauern das Land wegnahm und sie de facto zu Staatsangestellten machte, konnte Moskau die landwirtschaftlichen Produkte ebenso kontrollieren wie die Menschen.<\/p>\n<p>Doch Kontrolle ist noch keine Produktion. Es erwies sich als unm\u00f6glich, aus zentralasiatischen Nomaden innerhalb einer Anbausaison produktive Bauern zu machen. Anfang 1930 verhungerten in Kasachstan 1,3 Millionen Menschen, weil ihre mageren Ernten aufgrund zentraler Direktiven beschlagnahmt wurden.<\/p>\n<p>In der Ukraine gab es 1931 eine Missernte. Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr waren vielf\u00e4ltig: schlechtes Wetter; wenige Arbeitstiere, nachdem die Kleinbauern das Vieh lieber schlachteten als es an das Kollektiv zu verlieren; fehlende Traktoren; Erschie\u00dfung und Deportation der besten Bauern sowie die Unterbrechung des Erntezyklus durch die Kollektivierung selbst.<\/p>\n<h3 class=\"o-headline\">Kampagne f\u00fcr politisch motiviertes Hungern<\/h3>\n<p>\u201eWie sollen wir die sozialistische Wirtschaft aufbauen\u201c, fragte ein ukrainischer Kleinbauer, \u201ewenn alle zum Hungern verurteilt sind?\u201c Nach 20 Jahren der Diskussion \u00fcber sowjetische Dokumente wissen wir heute, dass Stalin im Jahr 1932 aus der Hungersnot aufgrund der Kollektivierung in der Ukraine bewusst eine Kampagne f\u00fcr politisch motiviertes Aushungern machte. Stalin pr\u00e4sentierte die Missernte als Zeichen des nationalen ukrainischen Widerstandes und forderte Entschlossenheit und keine Zugest\u00e4ndnisse.<\/p>\n<p>Als sich der Hunger dieses Sommers weiter ausbreitete, pr\u00e4zisierte Stalin seine Erkl\u00e4rung: Der Hunger war ein Sabotageakt und lokale kommunistische Aktivisten waren die Saboteure, die unter dem Schutz der Beh\u00f6rden standen. Und alle zusammen wurden von ausl\u00e4ndischen Spionen bezahlt. Im Herbst 1932 erlie\u00df der Kreml eine Reihe von Dekreten, die ein Massensterben garantierten. Eines dieser Dekrete sah vor, die gesamte Versorgung jener Gemeinden zu streichen, die das Getreide-Plansoll nicht erreichten.<\/p>\n<p>Unterdessen rissen die Kommunisten alles an Nahrung an sich, was sie finden konnten. \u201eBis zum letzten kleinen K\u00f6rnchen\u201c, wie sich ein Kleinbauer erinnerte. Anfang 1933 wurden dann die Grenzen der Sowjetunion dicht gemacht, so dass die Hungernden auch anderswo keine Hilfe mehr fanden. Sterbende Bauern brachten unter Wacht\u00fcrmen die Fr\u00fchlingsernte ein.<\/p>\n<p>In den fr\u00fchen 1930er Jahren verhungerten in der UdSSR \u00fcber f\u00fcnf Millionen Menschen oder verstarben an Krankheiten im Zusammenhang mit dem Hunger. Von den 3,3 Millionen Toten in der Ukraine h\u00e4tten drei Millionen \u00fcberleben k\u00f6nnen, wenn Stalin einfach die Beschlagnahmungen und den Export f\u00fcr ein paar Monate eingestellt und den Menschen Zugang zu den Getreidelagern gew\u00e4hrt h\u00e4tte.<\/p>\n<h3 class=\"o-headline\">Hungersnot in der Ukraine \u2013 V\u00f6lkermord?<\/h3>\n<p>Diese Ereignisse sind bis heute ein zentraler Aspekt der osteurop\u00e4ischen Politik. Jeden November gedenken die Ukrainer der Opfer des Jahres 1933. Aber Viktor Janukowitsch, der aktuelle ukrainische Pr\u00e4sident, stellt das besondere Leiden der ukrainischen Bev\u00f6lkerung in Abrede \u2013 eine Verbeugung vor der offiziellen russischen Geschichtsschreibung, die versucht, die ungeheuren Katastrophen der Kollektivierung in eine vage Trag\u00f6die umzudeuten, bei der es keine eindeutigen T\u00e4ter und Opfer gibt.<\/p>\n<p>Rafal Lemkin, polnisch-j\u00fcdischer Rechtsanwalt und Urheber des Konzepts und des Ausdrucks \u201eV\u00f6lkermord\u201c, h\u00e4tte widersprochen: Er bezeichnete die Hungersnot in der Ukraine als klassischen Fall sowjetischen V\u00f6lkermordes. Lemkin wusste, dass dem Hunger der Terror folgte. Bauern, die Hunger und Gulag \u00fcberlebten, wurden Stalins n\u00e4chste Opfer. Der Gro\u00dfe Terror der Jahre 1937-1938 begann mit einer \u2013 haupts\u00e4chlich gegen Bauern gerichteten \u2013 Erschie\u00dfungswelle, der in der gesamten Sowjetunion 386.798 Menschen zum Opfer fielen, wobei ein unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig hoher Anteil auf die Ukraine entfiel.<\/p>\n<h3 class=\"o-headline\">Diktatur Vorbild: Kollektivierung und zielgerichtetes Verhungern<\/h3>\n<p>Die Kollektivierung warf lange Schatten. Als Nazi-Deutschland in die westliche Sowjetunion eindrang, belie\u00dfen die Deutschen die kollektivierten H\u00f6fe intakt, weil sie diese zurecht als Instrument sahen, das ihnen die Umleitung der Nahrungsmittel in ihrem Sinne und das zielgerichtete Verhungern lassen von Menschen erm\u00f6glichte.<\/p>\n<p>Als Mao im Jahr 1948 seine Revolution in Gang brachte, folgten die chinesischen Kommunisten dem stalinistischen Entwicklungsmodell. Das bedeutete, dass in den Jahren 1958-1961 etwa 30 Millionen Chinesen w\u00e4hrend einer Hungersnot ihr Leben verloren, die jener in der Sowjetunion sehr \u00e4hnlich war. Auch der maoistischen Kollektivierung folgten Massenerschie\u00dfungen.<\/p>\n<p>In Nordkorea, wo in den 1990er Jahren hunderttausende Menschen verhungerten, bildet die kollektive Landwirtschaft sogar heute noch die Basis f\u00fcr tyrannische Machtaus\u00fcbung. Und in der letzten europ\u00e4ischen Diktatur, in Wei\u00dfrussland, wurde die kollektive Landwirtschaft \u00fcberhaupt nicht abgeschafft und mit Alexander Lukaschenko ist ein ehemaliger Direktor eines landwirtschaftlichen Kollektivs heute Pr\u00e4sident des Landes.<\/p>\n<p>Lukaschenko m\u00f6chte im Dezember zum vierten Mal hintereinander in dieses Amt gew\u00e4hlt werden. Durch die Kontrolle \u00fcber den Boden, kontrolliert er auch die Wahl. Achtzig Jahre nach der Kollektivierung bleibt uns Stalins Welt noch immer erhalten.<\/p>\n<div class=\"c-inline-element c-inline-element--has-commercials aobj4\"><\/div>\n<p><em><strong>Timothy Snyder<\/strong> ist Professor f\u00fcr Geschichte an der Universit\u00e4t Yale. Sein j\u00fcngstes Buch tr\u00e4gt den Titel Bloodlands: Europe Between Hitler and Stalin.<\/em><\/p>\n<p>Copyright: Project Syndicate 2010<\/p>\n<p><a class=\"o-link\" href=\"http:\/\/www.project-syndicate.org\/\" name=\"inlineLink_\">www.project-syndicate.org<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nahrungsknappheit als wirksames Diktatur-Modell: Stalin kollektivierte die Landwirtschaft und bezeichnete Hungern als reinen Sabotageakt. NEW HAVEN \u2013 Vor achtzig Jahren, im Herbst 1930, setzte Josef Stalin eine Politik um, die den Lauf der Geschichte ver\u00e4nderte und \u00fcber Jahrzehnte Millionen Menschenleben auf der ganzen Welt ausl\u00f6schte. 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