{"id":7958,"date":"2018-09-15T20:50:23","date_gmt":"2018-09-15T18:50:23","guid":{"rendered":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=7958"},"modified":"2018-09-15T20:51:36","modified_gmt":"2018-09-15T18:51:36","slug":"putins-russland-das-imperium-der-luegen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=7958&lang=de","title":{"rendered":"Putins Russland &#8211; Das Imperium der L\u00fcgen"},"content":{"rendered":"<div class=\"col-md-12\">\n<div class=\"col-sm-10 col-sm-offset-1\">\n<div class=\"teaser-small__metadata\">\n<figure id=\"attachment_7959\" aria-describedby=\"caption-attachment-7959\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-7959\" src=\"http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/putin_imperium_der_luegen-e1537037218148.jpg\" alt=\"\" width=\"540\" height=\"303\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7959\" class=\"wp-caption-text\">Wenn Putin seinem eigenen Land ins Gesicht schwindelt, wissen alle, dass er l\u00fcgt, und er selbst wei\u00df, dass es alle wissen.<br \/>picture alliance<\/figcaption><\/figure>\n<p class=\"byline__author\"><strong>Die Wahrheit abzustreiten, das hat in Russland nicht nur Tradition, sondern ist vielmehr Teil des Gesellschaftsvertrags. Auch deshalb wirkt der Westen im Ukrainekonflikt so hilflos<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"col-md-12\">\n<div class=\"field field--name-field-cc-image field--type-image field--label-hidden field--item\"><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"col-md-12\">\n<div class=\"col-sm-10 col-sm-offset-1 xs-order\">\n<div class=\"field field-name-field-cc-body\">\n<p>Als Kinder lasen wir alle das Buch \u201eGelsomino im Lande der L\u00fcgner\u201c des Italieners Gianni Rodari. Darin kommt ein Junge in ein Land, das von einer Piratenbande eingenommen worden ist, die nun alle zum L\u00fcgen zwingt. Den Katzen wird befohlen zu bellen, den Hunden zu miauen. \u201eBrot\u201c muss \u201eTinte\u201c genannt werden. Es ist nur Falschgeld im Umlauf, und die Einwohner werden \u00fcber die Zeitung \u201eDer musterhafte L\u00fcgner\u201c \u00fcber die wichtigsten Nachrichten informiert.Uns Kindern gefiel die Absurdit\u00e4t dieser Situation nat\u00fcrlich. F\u00fcr die Erwachsenen lag das Geheimnis des unglaublichen Erfolgs dieses Buches allerdings darin, dass sie genau verstanden, \u00fcber welches Land hier in Wirklichkeit geschrieben wurde. Orwell f\u00fcr Anf\u00e4nger. Als die Kinder \u00e4lter wurden, begriffen sie ebenfalls sehr schnell, dass sie in genau diesem Land lebten.<\/p>\n<p>Die L\u00fcge war allgegenw\u00e4rtig. Die Zeitungen logen, das Fernsehen, die Lehrer. Der Staat betrog seine B\u00fcrger, die B\u00fcrger betrogen den Staat. So waren die allen verst\u00e4ndlichen Spielregeln. Vom Kindergarten an gew\u00f6hnten wir uns daran.<\/p>\n<p>Mit Plakaten \u00fcberzeugte man die Bev\u00f6lkerung, dass die \u201eUdSSR\u00a0\u2013 das Bollwerk des Friedens\u201c sei, und schickte gleichzeitig seine Panzer \u00fcberallhin auf der Welt. Im Fernsehen berichtete man freudig \u00fcber die Erf\u00fcllung der F\u00fcnfjahrespl\u00e4ne, doch die Regale in den Gesch\u00e4ften wurden fortw\u00e4hrend leerer und die Schlangen davor gr\u00f6\u00dfer. Wir lebten in dem Land, \u201ein dem der Sozialismus gesiegt\u201c hatte, in dem laut Gesetz alles dem Volk geh\u00f6rte, doch in Wirklichkeit besa\u00df das Volk nichts. \u00dcberhaupt geh\u00f6rte niemandem etwas.<\/p>\n<h3>Katastrophen kamen nur im Westen vor<\/h3>\n<p>Wir lebten in diesem au\u00dfergew\u00f6hnlichen Land voller Sklaven, in dem alle dem System geh\u00f6rten. Diejenigen, die uns anf\u00fchrten, waren einfach die gr\u00f6\u00dften Sklaven. Niemand trug die Verantwortung f\u00fcr sein Land. Die Kolchose-Sklaven sind enteignet worden und ihnen war es egal, ob die Ernte heranwuchs oder nicht. Die Arbeiter-Sklaven soffen, und ihre Vorgesetzten schickten gef\u00e4lschte Bilanzen ans Ministerium. Die regierenden Sklaven nahmen diese verdrehten L\u00fcgen als g\u00fcltige Resultate in Empfang.<\/p>\n<p>\u00dcber Jahrzehnte wurden eigene und fremde Leute angeschwindelt, und man st\u00f6rte sich nicht daran, dass niemand dem anderen glaubte. Unter dem erlogenen \u201eAufruf einer Gruppe von Genossen\u201c fiel man in die Tschechoslowakei ein. Man log, dass man uns nach Afghanistan eingeladen habe. Es wurde geschwindelt, wenn bei Flugzeugkatastrophen Fu\u00dfball- oder Hockeymannschaften starben\u00a0\u2013 denn solche Katastrophen kamen ja nur dort vor, im Westen. Die ganze Welt wurde angeschwindelt, als ein s\u00fcdkoreanisches Flugzeug abgeschossen worden war.<\/p>\n<p>Chruschtschow wurde aus den offiziellen Bildern des Empfangs von Gagarin auf dem Roten Platz herausgeschnitten. Man log \u00fcber die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft, zu jedem Anlass, egal ob wichtig oder unwichtig.<\/p>\n<p>Meine Mutter unterrichtete damals in der Schule, doch ich habe zu der Zeit nat\u00fcrlich noch nicht realisiert, wie schwierig die Gestaltung des Unterrichts f\u00fcr sie und alle Lehrer war: Sie standen vor einer unl\u00f6sbaren Aufgabe\u00a0\u2013 die Kinder zu lehren, die Wahrheit zu sagen, und sie gleichzeitig auf ein Leben im Land der L\u00fcgen vorzubereiten. Nach dem geschriebenen Gesetz sollte man immer die Wahrheit sagen, doch das ungeschriebene hie\u00df: Wenn du die Wahrheit sagst, wirst du Kummer ernten.<\/p>\n<h3>Erziehung in der schwierigen Kunst des \u00dcberlebens<\/h3>\n<p>Sie lehrten uns L\u00fcgen, an die sie selbst nicht glaubten, weil sie uns liebten und uns retten wollten. Denn in unserem Land wurde mit Worten ein t\u00f6dliches Spiel getrieben. Man musste die richtigen Worte aussprechen und die falschen verschweigen. Niemand zog diese Grenze offiziell, doch jeder sp\u00fcrte sie in sich. Die Dissidenten verstie\u00dfen gegen diese Spielregeln\u00a0\u2013 aufgrund ihres selbstm\u00f6rderischen Verst\u00e4ndnisses f\u00fcr Gef\u00fchle der pers\u00f6nlichen Wertsch\u00e4tzung (so lautete Solschenizyns ber\u00fchmter Aufruf: \u201eNicht nach der L\u00fcge leben\u201c). Auch unerschrockene junge Leute verstie\u00dfen dagegen\u00a0\u2013 aus Dummheit.<\/p>\n<p>Die Lehrer versuchten, diese wahrheitsliebenden Jugendlichen zu retten, indem sie ihnen eine belebende Dosis Furcht einimpften. War das im Moment ein bisschen schmerzhaft, so immunisierte es doch f\u00fcr das ganze folgende Leben. Vielleicht hatte man uns Chemie oder Englisch nur schlecht beigebracht, doch wir erhielten eine beispielhafte Erziehung in der schwierigen Kunst des \u00dcberlebens\u00a0\u2013 das eine zu sagen, aber das andere zu denken und zu tun.<\/p>\n<p>Diese L\u00fcge darf keinesfalls als S\u00fcnde bezeichnet werden\u00a0\u2013 in ihr konzentrierte sich die ganze Kraft der Vitalit\u00e4t, die St\u00e4rke der \u00dcberlebensgeister. Jeder, der geboren wurde, fand sich in diesem geschlossenen Kreis aus L\u00fcgen wieder. Doch warum? Wie konnte es so kommen? Ich kann mich erinnern, wie mich als Jugendlicher die einfache Erkl\u00e4rung \u00fcberrascht hat, die ich dazu im Artikel \u201eDas Paradox der L\u00fcge\u201c gelesen habe, den der verbotene Philosoph Nikolai Berdjajew 1939 im Exil \u00fcber die Diktaturen von Hitler und Stalin geschrieben hatte: \u201eDie Menschen leben in Angst, und die L\u00fcge ist ihre Waffe zur Verteidigung.\u201c Die Machthaber f\u00fcrchteten sich vor ihrem eigenen Volk und logen deshalb. Und die Bev\u00f6lkerung machte bei dieser L\u00fcge mit, denn sie f\u00fcrchtete sich wiederum vor der Macht.<\/p>\n<p>Die Machthaber und ihr Volk hatten einen Gesellschaftsvertrag miteinander geschlossen: Wir wissen, dass wir l\u00fcgen und dass ihr l\u00fcgt und werden weiter l\u00fcgen, um zu \u00fcberleben. Mit diesem contrat social sind Generationen gro\u00df geworden.<\/p>\n<h3>Gef\u00e4ngnisstaat bricht in sich zusammen<\/h3>\n<p>Ich wei\u00df noch, wie wir vom Reaktorungl\u00fcck in Tschernobyl erfahren haben. Ich arbeitete damals an einer Schule. In der Pause rannte ein sichtlich erregter Physiker zu uns ins Lehrerzimmer, der von einem Bekannten hinter vorgehaltener Hand \u00fcber die Katastrophe unterrichtet worden war. Ihm glaubten wir sofort. Er, und nicht die Regierung, sagte, man solle die Kinder in die H\u00e4user holen.<\/p>\n<p>Die offiziellen Kan\u00e4le schwiegen noch lange, und dann berichteten sie zwar \u00fcber die Ereignisse, beschwichtigten aber gleichzeitig, es bestehe \u00fcberhaupt keine Gefahr. Die Bev\u00f6lkerung wusste bereits, was das bedeutete: Wenn sie sagten, es gebe keine Gefahr, dann stand es nicht gut.<\/p>\n<p>Ein gespaltetes Bewusstsein \u2013 das eine zu sagen und etwas anderes zu denken und zu tun \u2013 machte die Wirklichkeit einer ganzen Nation aus. Wenn sich eine L\u00fcge von sich selbst abschottet, wird sie f\u00e4hig, eine neue Realit\u00e4t zu konstruieren. Diese Realit\u00e4t sind wir. Und alle wir Russen, die heute leben, kommen aus ihr. Sowohl Regierungsbef\u00fcrworter wie auch Oppositionelle.<\/p>\n<p>Gegen Ende des 20.\u2009Jahrhunderts fand in Russland ein Wunder statt. Die obersten Sklaven starben einer nach dem anderen, und unser Gef\u00e4ngnisstaat brach einfach in sich zusammen. Von Mitte der achtziger bis zu Beginn der neunziger Jahre erhielt mein Volk die einzigartige M\u00f6glichkeit, sein Leben neu aufzubauen, eigene Entscheidungen zu treffen. 1991 befreiten wir uns zwar von der Kommunistischen Partei, doch von uns selbst konnten wir uns nicht befreien. Unser gewohnter Gesellschaftsvertrag blieb auch nach dem Zerfall der UdSSR in Kraft.<\/p>\n<h3>Demokratie &#8211; das bedeutete Chaos<\/h3>\n<p>Wir waren naiv. Alles erschien so einfach und offensichtlich: Unser Land ist von einer Bande von Kommunisten eingenommen worden, und wenn man die Partei verjagt, werden sich die Grenzen \u00f6ffnen und uns eine R\u00fcckkehr erm\u00f6glichen in die Familie der Nationen, die nach den Gesetzen der Demokratie, der Freiheit und der Pers\u00f6nlichkeitsrechte leben. Die Worte klangen wie ein wunderbares M\u00e4rchen \u00fcber die unerreichbare Zukunft \u2013 Parlament, Republik, Verfassung, Wahlen.<\/p>\n<p>Irgendwie dachten wir gar nicht daran, dass all diese Worte bei uns bereits Wirklichkeit waren \u2013 immerhin galt die Verfassung Stalins aus dem Jahr 1937 als \u201edemokratischste Verfassung der Welt\u201c \u2013, und auch an Wahlen nahmen wir regelm\u00e4\u00dfig teil. Wir verga\u00dfen, dass alle guten Worte, wenn sie die Grenze zu unserem Heimatland \u00fcberquerten, pl\u00f6tzlich eine ganz andere als ihre urspr\u00fcngliche Bedeutung annahmen.<\/p>\n<p>Demokratie \u2013 das bedeutete Chaos. Parlament \u2013 ein Ruheposten f\u00fcr das Ganoventum. Brot \u2013 Tinte. Wer h\u00e4tte damals gedacht, dass die Kommunistische Partei zwar verschwindet, wir aber dieselben bleiben \u2013 und mit uns auch all die guten Worte: Demokratie, Parlament und Verfassung wurden einfach zu Schlagst\u00f6cken im endlosen Kampf um Macht und Geld im neuen Russland.<\/p>\n<p>Es erwies sich als unm\u00f6glich, die W\u00e4chter zu verjagen, denn jeder war sich selbst ein Wachposten. Wenn der Aufruhr im Str\u00e4flingslager nicht unterdr\u00fcckt werden konnte, so h\u00f6rte er irgendwie von selbst auf, und er endete einfach damit, dass die Leute in ihre Baracken zur\u00fcckkehrten. Schlie\u00dflich musste man weiterleben. Die Ordnung stellte sich von selbst wieder her. Die gleiche Ordnung wie fr\u00fcher \u2013 denn eine andere kannte dort niemand. Und wieder besetzten die St\u00e4rksten die besten Pritschen und dr\u00e4ngten die Schwachen zum Abort.<\/p>\n<h3>Staatliche Mittel verschwinden in den Taschen der Beamten<\/h3>\n<p>Die kommunistische L\u00fcge wandelte sich zu einer demokratischen. Die Leute wurden nun unter demokratischen Losungen ausgeraubt. Die Clique ehemaliger Partei- und Komsomolfunktion\u00e4re teilte alle nat\u00fcrlichen Ressourcen unter sich auf und beeilte sich, sie so schnell wie m\u00f6glich ins Ausland zu verkaufen, um heute reich zu werden, ohne an die Zukunft des eigenen Landes zu denken. In diesem Licht sieht der unterdr\u00fcckte, gr\u00f6\u00dfte Teil der Bev\u00f6lkerung heute die demokratischen Reformen der neunziger Jahre.<\/p>\n<p>Denn hinter der Maskerade des 21.\u2009Jahrhunderts treten die ewigen russischen Konstanten \u00fcberdeutlich hervor: ein Haufen Diebe, Beamte und Oligarchen, die den Reichtum des Landes an sich gerissen haben und keine Sekunde daran denken, mit der armen, versoffenen Bev\u00f6lkerung zu teilen. Das Geld f\u00fcr die bald ausverkauften Bodensch\u00e4tze flie\u00dft in den Westen und wird nicht in russische Stra\u00dfen, Krankenh\u00e4user oder Schulen investiert. Staatliche Mittel, die f\u00fcr soziale Zwecke zur Verf\u00fcgung gestellt werden, kommen gr\u00f6\u00dftenteils nie an ihrem Bestimmungsort an, sondern verschwinden in den Taschen der Beamten.<\/p>\n<p>Die Fingerabdr\u00fccke aus L\u00fcgen bleiben dieselben. So wie in der UdSSR schwindelt auch die russische Propaganda eine andere Realit\u00e4t vor. Die Automobilindustrie ist zusammengebrochen, die Flugzeugherstellung ebenfalls; Raketen werden zwar noch abgeschossen, doch sie st\u00fcrzen regelm\u00e4\u00dfig ab; die H\u00e4lfte aller Nahrungsmittel wird importiert, Haushaltsger\u00e4te kommen zu beinahe 100 Prozent aus dem Ausland. Das Land produziert praktisch nichts mehr, der Staatshaushalt gr\u00fcndet allein auf dem Verkauf von \u00d6l und Gas, doch das Fernsehen erkl\u00e4rt der Bev\u00f6lkerung, \u201eRussland erhebe sich von den Knien\u201c.<\/p>\n<p>Putin begann seine Regentschaft sogleich mit L\u00fcgen. Als er den zweiten Tschetschenienkrieg vom Zaun brach, erkl\u00e4rte er gleichzeitig den Massenmedien den Krieg. L\u00fcgen umh\u00fcllten den Untergang des U-Bootes Kursk, Explosionen in Moskauer Wohnh\u00e4usern, die Trag\u00f6die in Beslan, die Geiselnahme und deren t\u00f6dlichen Ausgang im Musicaltheater Nord-Ost.<\/p>\n<h3>Ungem\u00fctliche Suche nach der Wahrheit<\/h3>\n<p>Gleichzeitig mit der Zunahme der L\u00fcgen steigt die Popularit\u00e4t des Staatsf\u00fchrers. L\u00fcgen gibt es nur dort, wo man nach der Wahrheit sucht. Doch da, wo man nicht sucht, da gibt es auch keine L\u00fcgen. Allein nach der Wahrheit zu suchen, wird ungem\u00fctlich.<\/p>\n<p>In Tolstois Roman \u201eAnna Karenina\u201c fragt Levin einen Bauern: \u201eMichajlitsch, was h\u00e4ltst du vom Krieg? Was findest du? Sollen wir f\u00fcr die Christen k\u00e4mpfen?\u201c Die Antwort: \u201eWas soll man da denken? Zar Alexander Nikolajewitsch denkt doch f\u00fcr uns, das hat er immer gemacht. Er kennt sich da besser aus.\u201c<\/p>\n<p>Dem Gro\u00dfteil der Russen erging es schlecht in der marktwirtschaftlichen Pseudodemokratie. Das sich satt gegessene Land wurde von Sehnsucht ergriffen. Generation f\u00fcr Generation hat man den Menschen alles weggenommen und ihnen zur Kompensation das stolze Gef\u00fchl vermittelt, B\u00fcrger eines riesigen, ruhmreichen Imperiums zu sein. F\u00fcr sie wurde gedacht, f\u00fcr sie wurde entschieden, sie wurden geleitet. Eine solche Leere empfindet wohl ein aus dem Armeedienst entlassener Berufssoldat. Pl\u00f6tzlich muss man Verantwortung f\u00fcr sein eigenes Leben \u00fcbernehmen, den eigenen Weg finden, selbst denken.<\/p>\n<p>Die Menschen vermissten die Eindeutigkeit, die Ordnung, die Obrigkeit. Die russische Schwermut. Sehnsucht nach einem eindeutigen Weltbild. Nach der Unterteilung in eigen und fremd. Nach einem weisen v\u00e4terlichen Anf\u00fchrer. Nach einem gro\u00dfen Sieg. Nach der Gr\u00f6\u00dfe des Heimatlands. Die Propaganda keimt auf diesem gut vorbereiteten Boden.<\/p>\n<h3>Patriotismus als Sicherung der diktatorischen Macht<\/h3>\n<p>Die Fernsehbilder der Leiche Gaddafis waren f\u00fcr diejenigen, die mein Land in Geiselhaft genommen haben, ein Wink aus den Weiten des Weltalls. Hunderttausende Menschen, die sich mit den gef\u00e4lschten Wahlen 2011 nicht abfinden wollten und sich auf den Pl\u00e4tzen Moskaus versammelten, zwangen den selbst ernannten Herrscher im Kreml zum Nachdenken. Der Sieg des Maidan und die w\u00fcrdelose Flucht von Wiktor Janukowitsch riefen Panik hervor und forderten sofortiges Handeln. Denn wenn die Ukrainer ihre Bande verjagen konnten, so k\u00f6nnte dies dem Brudervolk zweifellos als Beispiel dienen.<\/p>\n<p>Als Erstes zog das Fernsehen in den Krieg. Das Medium zur Masseninformation wandelte sich in eine Massenvernichtungswaffe. Die L\u00fcge ist die Verteidigungswaffe eines Regimes vor seinem Volk. Nun wurde ein von allen Diktaturen erprobtes Mittel herangezogen \u2013 ein \u00e4u\u00dferer Feind. Vor unseren Augen wandelten sich die Ukrainer zu \u201eUkrofaschisten\u201c. So wurden die vision\u00e4ren Worte Churchills Wirklichkeit: \u201eThe fascists of the future will be called anti-fascists.\u201c Wieder wurden die Russen in einen Krieg gegen den Faschismus gerufen.<\/p>\n<p>Zum x-ten Mal in der Geschichte beruft sich ein Diktator zur Sicherung seiner Macht auf den Patriotismus. Von den Fernsehbildschirmen hallt es nun hysterisch: \u201em\u00e4chtiges Russland\u201c, \u201ewir erheben uns von den Knien\u201c, \u201edie R\u00fcckkehr der russischen L\u00e4nder\u201c, \u201edie Verteidigung der russischen Sprache\u201c, \u201edas Sammeln der russischen Erde\u201c, \u201ewir retten die Welt vor dem Faschismus\u201c. Und nat\u00fcrlich schreitet unser F\u00fchrer ganz an der Spitze voran: Putin im Panzer, Putin im U-Boot, Putin im Flugzeug.<\/p>\n<p>Abermals wird die Geschichte umgeschrieben, man l\u00e4sst ihr nur noch kriegerische Siege und erk\u00e4mpften Ruhm und unterstreicht die Losung des stalinistischen Gelehrten Michail Pokrowski: \u201eGeschichte ist Politik, die sich der Vergangenheit zuwendet\u201c \u2013 und bei dieser Gelegenheit auch die Losung des totalit\u00e4ren Regimes in Orwells \u201e1984\u201c: \u201eWer die Gegenwart beherrscht, beherrscht auch die Vergangenheit, und wer die Vergangenheit beherrscht, der wird auch in Zukunft herrschen.\u201c In die Schulb\u00fccher wurde bereits ein Kapitel \u00fcber die ruhmreiche R\u00fcckkehr der Krim eingef\u00fcgt. Das folgende Kapitel muss noch geschrieben werden: Kiew kriecht wie ein verlorener Sohn in die offenen Arme der russischen Welt.<\/p>\n<h3>Krieg ist Krieg<\/h3>\n<p>Der Krieg mit der Ukraine passt vollst\u00e4ndig in jenes Korsett aus L\u00fcgen, das ganzen Generationen vertraut ist. \u201eAuf der Krim gibt es keine russischen Soldaten\u201c, hei\u00dft es unverfroren. Den eigenen Leuten ist alles klar; der Gesellschaftsvertrag der L\u00fcge beh\u00e4lt seine G\u00fcltigkeit. Dann wird das Offensichtliche mit selbstzufriedenem L\u00e4cheln best\u00e4tigt: \u201eAuf der Krim waren russische Truppen.\u201c Im Westen wundert man sich, wie man sein eigenes Volk so schamlos bel\u00fcgen kann. Doch die Bev\u00f6lkerung nimmt das nicht als L\u00fcge wahr. Krieg ist Krieg, wir verstehen doch alles, es geht darum, den Feind zu t\u00e4uschen. Das ist kein Laster, sondern eine Tugend.<\/p>\n<p>\u201eIn der Ukraine k\u00e4mpfen keine russischen Soldaten.\u201c \u2013 \u201eIn der Ukraine gibt es keine russischen Panzer.\u201c \u2013 \u201eDie Boeing wurde von Ukrainern abgeschossen.\u201c<\/p>\n<p>Das alles gab es schon oft, auch dass man \u00fcber Leichen geht. Das sowjetische Radio \u00fcbertrug einst folgende in Umlauf gebrachte L\u00fcge: \u201eTass, die russische Nachrichtenagentur, teilt mit, dass sich kein sowjetischer Soldat auf dem Territorium Koreas befindet!\u201c So gab es auch keine sowjetischen Soldaten in \u00c4gypten, in Algerien, im Jemen, in Syrien, in Angola, in Mosambik, in \u00c4thiopien, in Kambodscha, in Bangladesch oder in Laos. Wenn sie das Gl\u00fcck hatten, am Leben geblieben zu sein und dann nach Hause kamen, wurde ihnen angeordnet: kein Wort!<\/p>\n<p>Die Heimat verleugnete sie \u2013 erst in den neunziger Jahren erkannte man sie an und subsumierte sie als Teilnehmer kriegerischer Handlungen unter den Gesetzesparagrafen \u201e\u00dcber die Veteranen\u201c. In diesem Gesetz ist eine Aufz\u00e4hlung der \u201eunsichtbaren Kriege\u201c aufgef\u00fchrt, in denen unsere Soldaten und Offiziere gek\u00e4mpft haben, deren Teilnahme jedoch kategorisch und grimmig von unseren Regierungen verneint wurde. Die zuk\u00fcnftigen Gesetzgeber werden auch die Ukraine in diese Liste aufnehmen m\u00fcssen.<\/p>\n<h3>Putins W\u00e4hlerschaft ist mit seinen L\u00fcgen einverstanden<\/h3>\n<p>Ich erinnere mich, dass der Mutter eines meiner Klassenkameraden, der in Afghanistan gefallen war, verboten wurde, auf dem Grabstein den Ort seines Todes anzugeben. Heute, wenn die \u201eFracht 200\u201c aus der Ukraine nach Russland kommt, wird den Angeh\u00f6rigen der in der Ukraine Gefallenen auch nicht erlaubt, ihre Geliebten \u00f6ffentlich beizusetzen. Wieder werden in meiner Heimat Begr\u00e4bnisse im Verborgenen durchgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Niemand glaubt an die massenweisen Infarkte und Gehirnschl\u00e4ge, die jene Soldaten aus einer Ecke bei Rostow getroffen haben sollen, als sie im Urlaub waren \u2013 alle verstehen alles. Und niemand verletzt den contrat social der L\u00fcge. Der Vater eines Fallschirmj\u00e4gers, der ohne Beine aus der Ukraine nach Russland zur\u00fcckgekommen ist, hat auf Facebook geschrieben: \u201eMein Sohn ist Soldat, er hat seine Befehle ausgef\u00fchrt, deshalb hat er, was auch immer mit ihm geschieht, richtig gehandelt, und ich bin stolz auf ihn.\u201c<\/p>\n<p>Wenn Putin seinem eigenen Land ins Gesicht schwindelt, wissen alle, dass er l\u00fcgt, und er selbst wei\u00df, dass es alle wissen. Doch seine W\u00e4hlerschaft ist mit seinen L\u00fcgengeschichten einverstanden.<\/p>\n<p>Wenn Putin den westlichen Politikern unverfroren ins Gesicht l\u00fcgt, schaut er mit offensichtlichem Interesse und nicht ohne Spa\u00df auf ihre Reaktionen, sonnt sich in ihrer Fassungslosigkeit und Hilflosigkeit. Zu solchen L\u00fcgen sind sie nicht bereit. Die westlichen Politiker schwindeln anders, im demokratischen Europa herrscht ein anderer Algorithmus der L\u00fcge. So k\u00f6nnen sie beispielsweise nicht ihre Soldaten zum Sterben schicken und sich gleichzeitig von ihnen lossagen wie in Russland. Das w\u00fcrde ihre W\u00e4hlerschaft niemals verstehen und verzeihen.<\/p>\n<p>Wird Europa diesem Tsunami der L\u00fcgen etwas entgegensetzen k\u00f6nnen, oder wird es den Putinischen Gesellschaftsvertrag akzeptieren?<\/p>\n<p>Man muss die Ukrofaschisten zerschlagen. In der Ukraine gibt es keine russischen Panzer. Brot \u2013 ist Tinte.<\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>VON\u00a0<strong><a class=\"cicero-red\" href=\"https:\/\/www.cicero.de\/autoren\/schischkin-michail\">MICHAIL SCHISCHKIN<\/a>\u00a0<\/strong>am 17. November 2014<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>https:\/\/www.cicero.de<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Wahrheit abzustreiten, das hat in Russland nicht nur Tradition, sondern ist vielmehr Teil des Gesellschaftsvertrags. Auch deshalb wirkt der Westen im Ukrainekonflikt so hilflos Als Kinder lasen wir alle das Buch \u201eGelsomino im Lande der L\u00fcgner\u201c des Italieners Gianni Rodari. 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