{"id":8566,"date":"2018-11-14T21:29:54","date_gmt":"2018-11-14T19:29:54","guid":{"rendered":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=8566"},"modified":"2018-11-14T21:29:54","modified_gmt":"2018-11-14T19:29:54","slug":"was-behindert-die-integration-von-tschetscheninnen-in-europa","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=8566&lang=de","title":{"rendered":"Was behindert die Integration von Tschetschen*innen in Europa?"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_8567\" aria-describedby=\"caption-attachment-8567\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-8567\" src=\"http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/memo-e1542223716276.jpg\" alt=\"\" width=\"540\" height=\"267\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-8567\" class=\"wp-caption-text\">Foto Marit Cremer<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Das Verh\u00e4ltnis zu Gefl\u00fcchteten aus Tschetschenien ist in den L\u00e4ndern der Europ\u00e4ischen Union uneindeutig. Jedoch sind es auch die Traditionen der Tschetschen*innen selbst, die eine Anpassung an die neuen Lebensbedingungen erschweren<\/strong><\/p>\n<p>Vor 15 Jahren war es, als Siegfried Stupnig, der damals in \u00d6sterreich tschetschenischen Gefl\u00fcchteten Deutschunterricht gab, seinen Sch\u00fclern vorschlug, Fu\u00dfball zu spielen. Heute erz\u00e4hlt er gerne scherzhaft die Geschichte von der Gr\u00fcndung und den sportlichen Erfolgen des ersten und einzigen \u00f6sterreichischen Fu\u00dfballvereins \u201e FC Tschetschenien\u201c. Dieser, so Stupnig, habe zur erfolgreichen Integration praktisch aller seiner Mitspieler in \u00d6sterreich beigetragen.<\/p>\n<p>Ein weniger positives Bild entsteht beim Lesen deutscher Zeitungsartikel und eher beunruhigenden Geheimdienstberichten: \u201eHier werden die Tschetschenen als Problemgruppe aufgefasst, eine Gruppe, die sich von anderen Gefl\u00fcchteten durch eine erh\u00f6hte Neigung zu Gewalt und Islamismus, Aggressivit\u00e4t und dem Unwillen zur Integration unterscheidet\u201c, erkl\u00e4rte die Soziologin Marit Cremer von MEMORIAL Deutschland im Interview mit der Deutschen Welle.<\/p>\n<p><strong>Folter in Tschetschenien, Rechtlosigkeit in Europa<\/strong><\/p>\n<p>Stupnig und Cremer nahmen an der Konferenz \u201eZwischen Ankunft und Abschiebung. Tschetschenische Gefl\u00fcchtete in Europa\u201c teil, die am 8.11.2018 auf Initiative mehrerer Menschenrechtsorganisationen aus verschiedenen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern in Berlin stattfand.<\/p>\n<p>Die auf der Konferenz auftretenden Menschenrechtler*innen, Anw\u00e4lt*innen, Sozialarbeiter*innen und Vertreter*innen der tschetschenischen Diaspora sprachen \u00fcber die Situation in Tschetschenien, die Willk\u00fcr des Regimes von Ramsan Kadyrow, \u00fcber Repressionen und Folter in tschetschenischen Gef\u00e4ngnissen. Thematisiert wurde au\u00dferdem die, ihrer Einsch\u00e4tzung nach, zunehmende katastrophale rechtliche Situation tschetschenischer Gefl\u00fcchteter in Europa: die Ablehnung ihrer Asylantr\u00e4ge, Abschiebungen und Auslieferungen an die russischen Beh\u00f6rden.\u201eLeider sind es nicht nur die russischen Beh\u00f6rden, die sich ihrer Verantwortung f\u00fcr die Tschetschenen entziehen\u201c, so die Leiterin der \u201eB\u00fcrgerhilfe\u201c und Vorstandsmitglied von Memorial, Svetlana Gannushkina, \u201edie Einstellung ihnen gegen\u00fcber \u00e4ndert sich auch in Europa nicht zum Besseren hin.\u201c<\/p>\n<p><strong>Auslieferungen von Tschetschenen &#8211; Ein Instrument des Kremls?<\/strong><\/p>\n<p>Einige Menschenrechtler*innen vertreten die Meinung, dass dies Folge des Handelns russischer Geheimdienste sei. Ihnen sei es gelungen, mit Verweis auf den Kampf gegen den internationalen Terrorismus europ\u00e4ische Beh\u00f6rden zu \u00fcberzeugen, dass tschetschenische Gefl\u00fcchtete eine Gefahr f\u00fcr die \u00f6ffentliche Sicherheit darstellen.<\/p>\n<p>Akhmed Gisaev von der norwegischen NGO \u201eHuman Rights Analysis Center\u201c ist \u00fcberzeugt, dass Russland die Auslieferungen von Tschetschenen durch fabrizierte, politisch motivierte Gerichtsverfahren erreicht.\u201eF\u00fcr Russland und Kadyrow ist das ein Mittel, tschetschenische Gefl\u00fcchtete im Namen der<br \/>\nKonfliktl\u00f6sung im Nordkaukasus zu terrorisieren\u201c, erkl\u00e4rte Gisaev, \u201eund der Westen l\u00e4sst dieses Rechtsmittel und seinen Missbrauch zu.\u201cIhn emp\u00f6rt auch die Tatsache, dass deutsche Geheimdienste eine Liste mit potentiellen islamistischen Terroristen f\u00fchren, darunter etwa 200 Tschetschenen. \u201eWenn sich diese Leute etwas zu Schulden haben kommen lassen, muss man sie verurteilen, sie hinter Gitter bringen, aber nicht in irgendeine Datenbank eintragen\u201c, meint Gisaev. Die Frage des DW-Korrespondenten, wie man mit einem \u00fcberzeugten Islamisten, der bisher keine Tat begangen habe, f\u00fcr die man ihn verurteilen k\u00f6nne, umgehen solle, rief nicht nur bei dem Menschenrechtler aus Oslo, sondern auch bei einigen der anwesenden Tschetschenen heftige Reaktionen hervor.<\/p>\n<p>Einer der Teilnehmer bezeichnete die Eintragung der 200 Tschetschenen auf der Liste potentieller Terroristen als Diskriminierung und Willk\u00fcr, verglich sie sogar mit der Verfolgung der Juden: \u201eEs gab damals einen Informationskrieg gegen die Juden, und genau der gleiche Informationskrieg wird heute gegen Tschetschenen gef\u00fchrt\u201c, sagte er. Nach dieser Aussage riss der Anw\u00e4ltin Barbara Wessel der Geduldsfaden. \u201eIch vertrete schon viele Jahre die Interessen tschetschenischer Gefl\u00fcchteter, ich bemerke die wachsenden negativen Einstellung ihnen gegen\u00fcber, aber alle Vergleiche mit 1933 und der Verfolgung der Juden in Nazideutschland sind absolut unzul\u00e4ssig und unlauter.\u201c<\/p>\n<p><strong>Gr\u00fcnde f\u00fcr die Radikalisierung tschetschenischer Gefl\u00fcchteter<\/strong><\/p>\n<p>Libkan Bazaeva von der Organisation \u201eWomen for development\u201c aus Grozny erkl\u00e4rt die Hinwendung einiger tschetschenischer Gefl\u00fcchteter zum Islamismus mit dem Umstand, dass \u201etschetschenische Gefl\u00fcchtete, wie auch Einwanderer aus anderen L\u00e4ndern, in Europa losgel\u00f6st von ihrer religi\u00f6sen Identit\u00e4t sind, von den traditionellen religi\u00f6sen Praktiken, die sie in ihren Heimatl\u00e4ndern gepflegt haben.\u201cSchwierigkeiten bei der Sozialisation, Heimweh und die Suche nach einem neuen Weg der Religionsaus\u00fcbung w\u00fcrden einige zum Salafismus f\u00fchren, sagte sie im Interview mit der Deutschen Welle.<\/p>\n<p>Nach Beobachtungen von Ekaterina Sokirianskaia vom Conflict analysis and prevention centre (Istanbul), suchen Tschetschenen, die sich schon in ihrer Heimat radikalisiert haben, nicht den Weg nach Europa, sondern gehen entweder in die T\u00fcrkei oder in den Nahen Osten. \u201eDas sind konservative Leute, die wollen nicht in der westlichen Gesellschaft leben. Wenn man in Europa auf radikalisierte Tschetschenen trifft, dann sind diese erst dort mit diesen Ideen in Ber\u00fchrung gekommen.\u201c<\/p>\n<p>Die Soziologin Marit Cremer hat sich dieser Frage aus wissenschaftlicher Sicht gen\u00e4hert. Gest\u00fctzt auf ihre Forschungsergebnisse spricht sie von einer Phase der \u201eDesozialisierung\u201c tschetschenischer Gefl\u00fcchteter in Deutschland. \u201eSie erleben eine Phase der Unsicherheit und Desorientierung, verstehen nicht, wie die deutsche Gesellschaft funktioniert und wie man sich ad\u00e4quat verh\u00e4lt\u201c, so Cremer. \u201eUnd genau in dieser Phase kommen Vertreter der tschetschenischen Diaspora oft schon in die Erstaufnahmestellen f\u00fcr gerade angekommene Gefl\u00fcchtete und nehmen sie unter ihre soziale Kontrolle.\u201c<\/p>\n<p>In dieser Phase suchen die Menschen nach Orientierung, einige finden sie in der verst\u00e4rkten Hinwendung zur Religion, der sie in ihrer Heimat jedoch eine weniger bedeutende Rolle beigemessen hatten. \u201eWir stellen fest, dass zum Beispiel Frauen sich hier verschleiern, was sie zuvor nie getan hatten. Sie richten sich st\u00e4rker nach traditionellen Regeln\u201c, stellt Cremer fest, \u201ezudem sondern sie sich von der hiesigen Gesellschaft ab, von der sie den Eindruck haben,<br \/>\nabgelehnt zu werden.\u201c<\/p>\n<p><strong>\u201eGesetze der Altvorderen\u201c und Besonderheiten des Selbstverst\u00e4ndnisses<\/strong><\/p>\n<p>Das f\u00fchrt keineswegs zwangsl\u00e4ufig zur religi\u00f6sen Radikalisierung, schafft jedoch bestimmte Probleme bei der Anpassung an die Lebensbedingungen der europ\u00e4ischen Gesellschaft. Hinderlich f\u00fcr die Integration sind zudem einige Traditionen und Besonderheiten des tschetschenischen Selbstverst\u00e4ndnisses: die Vorherrschaft des Gewohnheitsrechts, mithin die Angewohnheit, sich nach den \u00fcberlieferten Gesetzen der V\u00e4ter, und nicht des Staates, zu richten;<br \/>\ndie Vorstellungen \u00fcber die Rolle der Frau, die Regeln der Blutrache, das Verst\u00e4ndnis der kollektiven Verantwortung und au\u00dferdem die Verschlossenheit der tschetschenischen Gemeinde.<\/p>\n<p>Libkan Bazaeva erz\u00e4hlte ein Beispiel von ihrer Bekannten, die in S\u00fcdfrankreich lebt: Diese k\u00f6nne sich nicht damit abfinden, dass ihr 14-j\u00e4hriger Sohn mit einem farbigen M\u00e4dchen befreundet ist.<br \/>\nDer Gedanke, dass die beiden heiraten und farbige Kinder bekommen k\u00f6nnten, l\u00e4sst sie nicht los. Bazaeva nennt das \u201eSnobismus des wei\u00dfen Mannes.\u201c<br \/>\n\u201eUnsere Traditionen, der Adat, das ist unsere spirituelle Kultur\u201c, sagte sie. \u201eDie besten Werte sollten wir mit allen anderen auf der Welt teilen, aber es gibt auch einen Teil, der sich historisch \u00fcberholt hat. Es ist wichtig, dass wir lernen, im Einklang mit der neuen Welt zu leben, modern zu sein, und gleichzeitig unsere Traditionen zu wahren\u201c,- so Bazaeva in einer lebhaften Diskussion, die sich nach einer \u00c4u\u00dferung Svetlana Gannushkinas entz\u00fcndete. Diese hatte erz\u00e4hlt, dass sie h\u00e4ufig von Frauen und M\u00e4dchen um Hilfe gebeten wird, die sich einem starken Druck bis hin zu Todesdrohungen seitens ihrer Verwandten ausgesetzt sehen.<\/p>\n<p>\u201eIhre Familien lassen sie nicht in Ruhe, wenn sie einen europ\u00e4ischen Freund haben oder einen geheiratet haben\u201c, erkl\u00e4rte Gannushkina. Sie forderte auf, tschetschenischen Frauen das Recht zu gew\u00e4hren, ihre Gemeinschaft verlassen zu k\u00f6nnen. Nach den Zwischenrufen und Redebeitr\u00e4gen der anwesenden<br \/>\nTschetscheninnen und Tschetschenen zu urteilen, l\u00e4sst sich schlie\u00dfen, dass dieser Vorschlag von ihrer Mehrheit extrem negativ aufgefasst wurde. \u201eTolerant zu sein ist schwierig, wenn es dir wichtig ist, deine eigene Identit\u00e4t zu wahren, und der Widerstand der Tschetschenen gegen jegliche Versuche von Tschetschenen, sich ihrer Gemeinschaft zu entziehen, verh\u00e4lt sich disproportional zur Gr\u00f6\u00dfe dieses Volkes\u201c, kommentierte Gannushkina die Reaktionen im Interview mit der Deutschen Welle.<\/p>\n<p>von Nikita Jolkver, Deutsche Welle (\u00dcbersetzung: MEMORIAL Deutschland e.V.)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>https:\/\/memorial.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Verh\u00e4ltnis zu Gefl\u00fcchteten aus Tschetschenien ist in den L\u00e4ndern der Europ\u00e4ischen Union uneindeutig. 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