{"id":867,"date":"2017-07-14T21:43:57","date_gmt":"2017-07-14T19:43:57","guid":{"rendered":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=867"},"modified":"2017-07-14T21:43:57","modified_gmt":"2017-07-14T19:43:57","slug":"wer-sind-die-tschetschenen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=867&lang=de","title":{"rendered":"Wer sind die Tschetschenen?"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-868 alignleft\" style=\"text-align: -webkit-center;\" src=\"http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/b7_o-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" \/><strong>Die Tschetschenen verloren in den K\u00e4mpfen gegen orientalische Eroberer zwei Drittel des eigenen Volkes, verlie\u00dfen die fruchtbaren T\u00e4ler und gingen in die Berge. Die Berge wurden f\u00fcr die Tschetschenen f\u00fcr immer Asyl, Zuflucht, heimatliche, ja sogar geheiligte Gegend.<\/strong><\/p>\n<p align=\"center\">* * *<\/p>\n<p>Die Tschetschenen sind \u00fcberzeugt, dass ihre tiefsten Wurzeln bis zum sumerischen Staat (30. Jahrhundert v. u. Z.) hinabreichen. Sie halten sich f\u00fcr Nachkommen der alten Bewohner von Urartu (9. &#8211; 6. Jahrhundert v. u. Z.). Auf jeden Fall weist die entschl\u00fcsselte Keilschrift dieser beiden Zivilisationen darauf hin, dass sich in der tschetschenischen Sprache nicht wenig authentische W\u00f6rter erhalten haben.<\/p>\n<p>Es kam so, dass die Tschetschenen im Laufe ihrer ganzen Geschichte keinen eigenen Staat hatten. Der einzige Versuch, im 14. Jahrhundert das K\u00f6nigreich Sinsir zu gr\u00fcnden, kam zur Unzeit: Die neu geborene Idee wurde durch Timurs Reiterei zertreten. Die Tschetschenen verloren in den K\u00e4mpfen gegen die orientalischen Eroberer zwei Drittel des eigenen Volkes, verlie\u00dfen die fruchtbaren T\u00e4ler und gingen in die Berge: Von dort aus war es f\u00fcr sie g\u00fcnstiger, den Kampf fortzuf\u00fchren. Die Berge wurden f\u00fcr die Tschetschenen f\u00fcr immer das Asyl, die Zuflucht, die heimatliche, ja sogar geheiligte Gegend.<\/p>\n<p>Neben den fremden Eroberern gab es nicht wenig \u00f6rtliche Feinde: Die kampflustigen Trupps anderer kaukasischer ethnischer Gruppen griffen einander fortw\u00e4hrend an, das geh\u00f6rte zu ihrer Lebensweise. Man musste seine Waffe stets bei sich haben. Um das eigene Heim, die eigene Siedlung besser zu sch\u00fctzen, schlossen sich die Gebirgsbewohner zu Landwehrtrupps zusammen und legten Verteidigungslinien an. Bis heute sind \u00fcber die Kaukasus-Gipfel hunderte uralte, aus gebrochenem\u00a0Naturstein gebaute Festungst\u00fcrme verstreut. Von hier aus beobachtete man die Feinde, und sobald sie in Sicht kamen, entz\u00fcndete man Feuer, deren Rauch die Gefahr signalisierte. Das st\u00e4ndige Gefasstsein auf \u00dcberf\u00e4lle, die Notwendigkeit, immer in Gefechtsbereitschaft zu sein, militarisierten nat\u00fcrlich das Bewusstsein, erzogen jedoch zugleich zu Tapferkeit und Todesverachtung.<\/p>\n<p>In den K\u00e4mpfen spielte jeder S\u00e4bel eine gro\u00dfe Rolle, deshalb wurden alle Jungen von klein auf hart und roh, als k\u00fcnftiger K\u00e4mpfer, erzogen. Wie die Ethnologin Galina Saurbekowa, Mutter von vier Kindern, sagt, verbietet es das tschetschenische Ethos bis heute, die Kinder zu verw\u00f6hnen und zu verz\u00e4rteln, die altert\u00fcmlichen tschetschenischen Wiegenlieder besingen auch heute den Kampfesmut, die Tapferkeit, ein edles Pferd und gute Waffen.<\/p>\n<p>Der h\u00f6chste Gipfel des Ostkaukasus, der Berg Tebolus-Mta, ragt 4 512 Meter empor. Der Aufstieg des tschetschenischen Volkes zu dieser H\u00f6he, die heroischen Schlachten gegen den verfolgenden Feind bilden das Thema so manchen Volksglaubens. Der gebirgige Charakter der kaukasischen Landschaft &#8222;zerkleinerte&#8220; das tschetschenische Volk: Die Menschen lie\u00dfen sich in den Schluchten nieder, eine jede Gruppe f\u00fcr sich, die Grenze verlief nicht durch ein Gebiet, sondern zwischen den Geschlechtern und Clans. Auf diese Weise entstanden die tschetschenischen Tejps, die vereinigte Gruppen von Familien darstellen, wobei einer jeden davon ein w\u00e4hlbarer \u00c4ltester vorsteht. Am meisten verehrt und geachtet sind die ureingesessenen, uralten Tejps, w\u00e4hrend die anderen, die mit einer infolge der Migrationsprozesse kurzen Ahnenreihe, &#8222;die j\u00fcngeren&#8220; genannt werden. Heute z\u00e4hlt Tschetschenien 63 Tejps. Ein tschetschenisches Sprichwort besagt: &#8222;Der Tejp ist die Festung der Adat&#8220;, das hei\u00dft, der traditionellen Lebensregeln und Verhaltensmuster in der tschetschenischen Gesellschaft (Adat). Aber der Tejp sch\u00fctzt nicht nur die seit Jahrhunderten bestehenden Sitten und Gebr\u00e4uche, sondern auch jedes seiner Mitglieder.<\/p>\n<p>Das Leben im Gebirge pr\u00e4gte s\u00e4mtliche gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse. Die Tschetschenen gingen vom Ackerbau zur Viehhaltung \u00fcber, der Grundsatz der Lehensbriefe und der darauf fu\u00dfenden Wirtschaft war ausgeschlossen, und das zwang einen jeden zur Arbeit. Die Voraussetzungen f\u00fcr die Entwicklung eines Feudalstaates, das Bed\u00fcrfnis nach einer Hierarchie waren verschwunden. Es herrschte die so genannte Gebirglerdemokratie, bei der alle gleich waren, deren Gesetze jedoch nicht angezweifelt werden durften. Falls sich Menschen zu einer anderen Denkweise bekannten, wurden sie aus den Gemeinden einfach verdr\u00e4ngt: Geh\u00a0doch, wenn es dir nicht gef\u00e4llt! Die Ausgesto\u00dfenen, die ihren Clan verlie\u00dfen, gerieten in die Siedlungsgebiete anderer V\u00f6lker und assimilierten sich.<\/p>\n<p>Der Geist der Gebirglerfreiheit und -demokratie erhob den Begriff der pers\u00f6nlichen W\u00fcrde zu einem Kult. Auf eben dieser Grundlage formte sich die tschetschenische Mentalit\u00e4t. Die Worte, mit denen die Tschetschenen einander seit alters gr\u00fc\u00dfen, spiegeln den Geist der pers\u00f6nlichen Unabh\u00e4ngigkeit wider: &#8222;Komm als freier Mensch!&#8220;<\/p>\n<p>Eine andere feste Redewendung lautet: &#8222;Es ist schwer, ein Tschetschene zu sein.&#8220; Wahrscheinlich stimmt das, schon deshalb, weil das stolze, freiheitsliebende Wesen der Pers\u00f6nlichkeit eines Tschetschenen buchst\u00e4blich in die eisernen Panzer der Adat &#8211; der ethischen Normen, die sp\u00e4ter zum Gewohnheitsrecht erhoben wurden &#8211; geschlagen war. Wer die Adat nicht befolgte, dessen Los waren Schmach, Verachtung und Untergang.<\/p>\n<p>Die Sitten sind zahlreich, aber im Mittelpunkt steht der Kodex der m\u00e4nnlichen Ehre. Er bestimmt die Verhaltensregeln f\u00fcr die M\u00e4nner und orientiert auf Tapferkeit, edle Gesinnung, Ehre und kaltes Blut. Dem Kodex zufolge muss ein Tschetschene nachgiebig sein: Die Gebirgspfade sind schmal. Er muss f\u00e4hig sein, seine Beziehungen zu den anderen Menschen zu gestalten ohne auch nur im Geringsten seine \u00dcberlegenheit hervorzukehren, denn das l\u00e4sst \u00fcberfl\u00fcssige Konflikte vermeiden. Begegnet ein Reiter einem Fu\u00dfg\u00e4nger, so hat er als erster zu gr\u00fc\u00dfen. Kommt ein alter Mann einem Reiter entgegen, so muss dieser vom Pferd steigen und erst dann gr\u00fc\u00dfen. Ein Mann darf in keiner Lebenssituation &#8222;verlieren&#8220;, in eine unw\u00fcrdige, l\u00e4cherliche Lage geraten.<\/p>\n<p>Die Tschetschenen dulden tief in ihrem Inneren keine Beleidigung, sei es eine pers\u00f6nliche oder eine, die sich auf die eigene Familie und den eigenen Tejp bezieht; als Beleidigung gilt auch die Nichtbefolgung der Adat-Regeln. Bedeckt sich ein Mitglied des Tejps mit Schmach, so ist das weitere Leben f\u00fcr ihn unertr\u00e4glich, die Gemeinde kehrt sich von ihm ab. &#8222;Ich f\u00fcrchte die Schmach, deshalb bin ich immer vorsichtig&#8220;, sagte ein Gebirgler, der den Dichter Alexander Puschkin auf dessen Reise nach Arsrum begleitete. Auch heute zwingen die inneren und \u00e4u\u00dferen Verhaltensregeln einen Tschetschenen dazu, in der Gesellschaft \u00fcberaus gesammelt, reserviert, schweigsam und h\u00f6flich zu sein.<\/p>\n<p>Die Adat enth\u00e4lt ausgezeichnete, w\u00fcrdige Regeln. Zum Beispiel das Kunakentum (Verbr\u00fcderung), die Bereitschaft zur gegenseitigen Hilfe: Einem, der kein Haus hat, wird es von der ganzen Gemeinde gebaut. Oder die Gastfreundschaft: Selbst ein Feind, der \u00fcber die Schwelle eines Hauses tritt, bekommt Zuflucht, Brot und Schutz. Erst recht trifft das auf Freunde zu.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-869 alignleft\" src=\"http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/911_n-1-217x300.jpg\" alt=\"\" width=\"270\" height=\"373\" srcset=\"http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/911_n-1-217x300.jpg 217w, http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/911_n-1-480x662.jpg 480w, http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/911_n-1-362x500.jpg 362w, http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/911_n-1.jpg 585w\" sizes=\"auto, (max-width: 270px) 100vw, 270px\" \/>Doch gibt es darin auch destruktive Sitten, zum Beispiel die Blutrache. Gegen diesen Archaismus k\u00e4mpft die moderne tschetschenische Gesellschaft, es wurden Verfahren f\u00fcr die Auss\u00f6hnung zwischen Blutr\u00e4chern geschaffen. Allerdings erfordern diese Verfahren guten Willen auf beiden Seiten, dem steht aber die Angst im Wege, &#8222;nicht m\u00e4nnlich&#8220; zu wirken und verh\u00f6hnt zu werden.<\/p>\n<p>Ein Tschetschene wird nie eine Frau vor sich gehen lassen: Sie ist zu sch\u00fctzen, auf einem Gebirgspfad lauern viele Gefahren, etwa ein Bergsturz oder ein wildes Tier. Zudem wird hinterr\u00fccks nicht geschossen. Die Frau spielt in den Sitten der Gebirgsbewohner eine besondere Rolle. Vor allem hat sie f\u00fcr den heimischen Herd zu sorgen. In alten Zeiten hatte diese Metapher den direkten Sinn: Die Frauen waren daf\u00fcr verantwortlich, dass im Herd, auf dem gekocht wurde, stets Feuer brannte. Gegenw\u00e4rtig hat der Ausdruck nat\u00fcrlich einen \u00fcbertragenen, doch sehr tiefen Sinn. Bisher gelten bei den Tschetschenen die Worte &#8222;Dass das Feuer in deinem Herd erl\u00f6sche!&#8220; als der furchtbarste Fluch.<\/p>\n<p>Die tschetschenischen Familien sind sehr fest gef\u00fcgt, die Adat f\u00f6rdert das. Die Lebenweise, der Lebensstil sind stabil und vorausbestimmt. Der Mann mischt sich niemals in die h\u00e4uslichen Angelegenheiten ein, sie sind die ausschlie\u00dfliche Sph\u00e4re der Frau. Unzul\u00e4ssig, undenkbar ist es, eine Frau ohne Achtung zu behandeln, sie zu erniedrigen oder gar zu schlagen. Doch wenn die Frau ihren Mann durch ihren Charakter oder ihre Launen erbost, kann er sich h\u00f6chst einfach von ihr scheiden lassen: Dazu braucht er nur dreimal zu sagen: &#8222;Du bist nicht mehr meine Ehefrau.&#8220; Die Scheidung ist auch dann unvermeidlich, wenn die Frau den Verwandten ihres Mannes nicht die geb\u00fchrende Achtung entgegenbringt. So blieb den Tschetscheninnen nichts anderes \u00fcbrig, als sich die feine Kunst des geschickten Umgangs mit der Verwandtschaft ihres Mannes anzueignen.<\/p>\n<p>Die\u00a0Adat verbietet dem Tschetschenen beliebige &#8222;herrliche Torheiten&#8220;, aber trotzdem wagen sie es zum Beispiel, eine Braut zu entf\u00fchren. In alten Zeiten wurden junge M\u00e4dchen, wie Galina Saurbekowa erz\u00e4hlt, am h\u00e4ufigsten dann entf\u00fchrt, wenn die Familie den Br\u00e4utigam abwies und ihn so in seiner pers\u00f6nlichen W\u00fcrde traf. Darauf stellte er seine Ehre wieder her, indem er das M\u00e4dchen raubte und zu seiner Ehefrau machte. Ein weiterer Grund f\u00fcr die Entf\u00fchrung von jungen M\u00e4dchen war, dass das Brautgeld (Kalym), das ihren Eltern zustand, nicht vorhanden war. Doch kam es nat\u00fcrlich auch vor, dass ein Mann von st\u00fcrmischer Leidenschaft erfasst wurde. Wie dem auch sei, der &#8222;Schlusspunkt&#8220; wurde auf zweierlei Weise gesetzt: Entweder wurde die Tat dem Entf\u00fchrer verziehen und darauf die Hochzeit gefeiert, oder aber es verfolgte ihn die Blutrache sein Leben lang. Heute tr\u00e4gt ein Brautraub eher einen romantischen Charakter. In der Regel bildet er einen Bestandteil des Hochzeitsrituals und geschieht mit beiderseitigem Einverst\u00e4ndnis.<\/p>\n<p>Die Hochzeit ist f\u00fcr die Tschetschenen eines der gr\u00f6\u00dften Feste. Ihre Formen haben sich so gut wie nicht ver\u00e4ndert. Gefeiert wird drei Tage lang, wobei jeder Abend mit T\u00e4nzen ausklingt. Der tschetschenische Tanz ist ungew\u00f6hnlich temperamentvoll und grazi\u00f6s zugleich. Dieses zahlenm\u00e4\u00dfig kleine Volk hatte im 20. Jahrhundert die gl\u00fcckliche M\u00f6glichkeit, die Sch\u00f6nheit seiner nationalen Tanzkunst der ganzen Welt vorzuf\u00fchren: Dem gro\u00dfen T\u00e4nzer und &#8222;tschetschenischen Ritter&#8220; Machmud Essambajew wurde in allen L\u00e4ndern mit st\u00fcrmischem Beifall gedankt. Der Plastik, dem Sinngehalt des tschetschenischen Tanzes liegen die Motive der ethischen und \u00e4sthetischen Hauptwerte zugrunde: Die M\u00e4nner sind mutig und stolz, die Frauen z\u00fcchtig und sch\u00f6n.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>https:\/\/de.sputniknews.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Tschetschenen verloren in den K\u00e4mpfen gegen orientalische Eroberer zwei Drittel des eigenen Volkes, verlie\u00dfen die fruchtbaren T\u00e4ler und gingen in die Berge. Die Berge wurden f\u00fcr die Tschetschenen f\u00fcr immer Asyl, Zuflucht, heimatliche, ja sogar geheiligte Gegend. * * * Die Tschetschenen sind \u00fcberzeugt, dass ihre tiefsten Wurzeln bis zum sumerischen Staat (30. 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