{"id":8696,"date":"2018-11-29T15:25:36","date_gmt":"2018-11-29T13:25:36","guid":{"rendered":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=8696"},"modified":"2018-11-29T15:25:36","modified_gmt":"2018-11-29T13:25:36","slug":"russische-propaganda-putins-geniestreich","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=8696&lang=de","title":{"rendered":"Russische Propaganda. Putins Geniestreich"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_8697\" aria-describedby=\"caption-attachment-8697\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-8697\" src=\"http:\/\/ichkeria.at\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/wladimir-putin-e1543497874366.jpg\" alt=\"\" width=\"540\" height=\"304\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-8697\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9Alexander Zemlianichenko\/Picture Alliance<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Die sozialen Medien haben ein Putin-Problem: Im Ukrainekonflikt d\u00fcrfte die russische Propaganda ein neues Niveau erreichen, dem Westen fehlt noch immer ein passendes Gegenmittel.<\/strong><\/p>\n<p>Der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine kocht wieder hoch, und das sp\u00fcrt man in sozialen Medien. Kein Zufall. Wenn man in deutschen Onlineredaktionen nachfragt, wann sie zum ersten Mal massiv mit prorussischen Wutb\u00fcrger-Kommentaren konfrontiert wurden, lautet die Antwort meist: &#8222;Zuerst ist es uns zu Beginn der Ukrainekrise aufgefallen.&#8220;<\/p>\n<p>Vor allem aber soziale Medien haben ein Putin-Problem. Man muss dem Historiker Timothy Snyder, der in seinem neuen Buch Putin die Schuld an mehr oder weniger allen politischen Verwerfungen der Gegenwart zuweist, nicht in jedem Detail folgen. Aber seine Recherchen weisen in eine Richtung, die sich lohnt, im Netz nachzuverfolgen. Liberale Demokratien sind weltweit in Gefahr oder bereits mitten im Zerst\u00f6rungsprozess, vor allem durch eine &#8222;autorit\u00e4re Revolte&#8220;. Deshalb ist essenziell, dass Putin in vielen L\u00e4ndern der wichtigste Verb\u00fcndete von Rechten und Rechtsextremen ist:<\/p>\n<p>Ein russischer Banker und Putin-Freund finanziert die rechtsextreme Front National (inzwischen Rassemblement National) in Frankreich, es sind Kredite in zweistelliger Millionenh\u00f6he nachweisbar. Parteichefin Le Pen erkl\u00e4rte 2014, Putin sei &#8222;der letzte Verteidiger christlicher Werte in Europa&#8220; und habe sich &#8222;nicht von der homosexuellen Lobby unterjochen lassen&#8220;.<br \/>\nDer rechtsextreme Innenminister Italiens, Salvini, ist regelrechter Putin-Fan, er hat selbst begeistert Fotos mit seinem Idol in sozialen Medien ver\u00f6ffentlicht. Seine Partei wurde im letzten Wahlkampf von russischen Kr\u00e4ften nach Kr\u00e4ften im Netz unterst\u00fctzt.<br \/>\nDie rechtsextreme Regierungspartei FP\u00d6 in \u00d6sterreich f\u00e4llt immer wieder durch ihre Russlandn\u00e4he auf. Zuletzt hatte die von der Partei eingesetzte (parteilose) Au\u00dfenministerin Putin zu ihrer Hochzeit eingeladen, samt gemeinsamem Tanz und absurdem Hofknicks vor dem russischen Pr\u00e4sidenten.<br \/>\nEs gibt den konkreten Verdacht, dass der wichtigste Finanzier der Pro-Brexit-Kampagne russisches Geld verwendet hat, um die Partei UKIP des rechtspopulistischen Nigel Farage zu unterst\u00fctzen.<br \/>\nTrump ist nicht nur Putin-Bewunderer, er hat bei seiner Wahl auch von der Unterst\u00fctzung russischer Kr\u00e4fte profitiert. Die fr\u00fchere US-Au\u00dfenministerin Albright sagt: &#8222;Trump ist fast ein Geschenk an Putin.&#8220;<br \/>\nUnd auch die AfD suhlt sich in Russlandliebe, selten kommunizieren die Parteichefs Gauland und Meuthen so ehrf\u00fcrchtig wie \u00fcber und mit Putin, hier im Mai 2018: &#8222;An Seine Exzellenz Wladimir Putin, Pr\u00e4sident der Russischen F\u00f6deration. Wir gratulieren Ihnen, Herr Pr\u00e4sident, zu Ihrer vierten Wiederwahl.&#8220; Glitschig. Wegen zweifelhafter Verbindungen und Zuwendungen wie Privatjetfl\u00fcgen nannten die Gr\u00fcnen die AfD schon den &#8222;verl\u00e4ngerten Arm Putins im deutschen Parlament&#8220;.<br \/>\nWie russische Propaganda im Netz funktioniert, ist nichts weniger als genialisch. Meiner Einsch\u00e4tzung nach hat Putin, selbst ehemaliger Geheimdienstler, dabei vor allem das Zusammenspiel zwischen redaktionellen und sozialen Medien perfektioniert. Russische Staatspropaganda im Netz ist gewisserma\u00dfen zugleich &#8222;state of the art&#8220; und &#8222;art of the state&#8220;. Es ist dem Kreml damit gelungen, die St\u00e4rke liberaler Demokratien in eine Schw\u00e4che zu verwandeln: die offene Debatte n\u00e4mlich.<\/p>\n<p>Die politische Debatte in der \u00d6ffentlichkeit ist in liberalen Demokratien das wichtigste Mitbestimmungsinstrument au\u00dferhalb von Wahlen. Sie umfasst im weiteren Sinn sowohl klassische Medien als Korrektiv und Kontrollinstanz wie auch ein st\u00e4ndiges Stimmungsbild der Bev\u00f6lkerung. Putins Manipulatoren haben es mithilfe des Internets geschafft, die Debatten liberaler Demokratien zu hacken. Das Erstarken autorit\u00e4rer, rechter und rechtsextremer Kr\u00e4fte wurde dabei teils ausgenutzt und teils forciert.<\/p>\n<p><strong>Bezahlte Trolle und unbewusst arbeitende Unterst\u00fctzer<\/strong><\/p>\n<p>Die Strategie dahinter ist ein klassischer Geheimdienstansatz: Die Schw\u00e4chung der Gegner macht uns automatisch st\u00e4rker &#8211; was \u00fcbrigens auch westliche Geheimdienste aufs antidemokratischste verfolgt haben. Putins Trollfabriken &#8211; die durch Presserecherchen, Leaks und Whistleblower nachvollziehbar geworden sind &#8211; sind die Verk\u00f6rperung der Informationskriegsf\u00fchrung im 21. Jahrhundert. Sie produzieren st\u00e4ndig Blogbeitr\u00e4ge, sind in sozialen Medien h\u00f6chst aktiv und verlinken immer wieder staatliche Propagandamedien wie RT, ehemals Russia Today. So wird keine &#8222;Gegen\u00f6ffentlichkeit&#8220; gesponnen, sondern eine Gegenrealit\u00e4t.<\/p>\n<p>Nach BBC-Recherchen engagierten sich Putin-Trolle sogar als &#8222;Impfkritiker&#8220;, weil damit Zweifel an Beh\u00f6rden und dem ganzen &#8222;verschw\u00f6rerischen&#8220; System transportiert werden. Wer sich auf die so gewobene Gegenrealit\u00e4t einl\u00e4sst, findet \u00e4hnlich wie bei Verschw\u00f6rungsgl\u00e4ubigen kaum mehr zur\u00fcck in eine tats\u00e4chlich ausgewogene Betrachtung der Welt, sondern beginnt im Gegenteil, die Verbreitung der &#8222;selbst entdeckten Wahrheit&#8220; zur eigenen Mission zu machen. Deshalb gibt es nat\u00fcrlich nicht nur bezahlte Trolle, sondern auch kostenlos und unbewusst arbeitende, gl\u00fchende Verfechter der so verbreiteten Weltsicht: Der Geniestreich virale Propaganda.<\/p>\n<p><strong>Nichts ist wahr, alles ist gelogen oder zumindest alles blo\u00df eine Meinung<\/strong><\/p>\n<p>Medien wie RT oder Sputnik News appellieren dabei strategisch gegen vorgebliche Einseitigkeit. RT erkl\u00e4rt: &#8222;Unser Leitbild lautet: &#8222;Wir zeigen den fehlenden Teil zum Gesamtbild. Also genau jenen Part, der sonst verschwiegen oder weggeschnitten wird.&#8220; Daraus folgt, dass es eine Art westliche Medienverschw\u00f6rung g\u00e4be, die absichtlich stets einen Teil wegl\u00e4sst. Diese Weltsicht erlaubt nur mithilfe der Vermutung, ganz ohne Beweis an wirklich allem zu Zweifeln. Mit diesem Ansatz h\u00f6ren sich auf einmal auch Zweifel an der Existenz des Mondes m\u00f6glich an: Warum haben alle westlichen Medien eine so verd\u00e4chtig \u00e4hnliche Meinung zum Mond? Was wird uns verschwiegen? Wo bleibt die andere Seite?<\/p>\n<p>Eigentlich ist nichts wahr, alles gelogen oder zumindest alles blo\u00df eine Meinung &#8211; das ist die Essenz russischer Propaganda. Sie erf\u00fcllt drei Funktionen: Realit\u00e4t und Meinung verschwimmen zu lassen, Verwirrung zu stiften und zugleich die eigenen L\u00fcgen akzeptabel erscheinen zu lassen. Weil ja alle immer l\u00fcgen. Niemand ist leichter manipulierbar als der, der glaubt, dass eh alle l\u00fcgen. Und zwar genau von demjenigen, der ihm diese schlimme Botschaft \u00fcberbringt und deshalb als einzig verl\u00e4ssliche Instanz betrachtet wird.<\/p>\n<p><strong>Putins Social-Media-Krieg<\/strong><\/p>\n<p>Das geneigte Publikum f\u00e4llt damit auf den wirkungsvollsten Trick der Propagandageschichte herein: Wer fordert: &#8222;Zweifeln Sie an allem!&#8220;, der ignoriert nicht nur en passant die messbare Realit\u00e4t &#8211; er verhindert vor allem Zweifel am Absender dieser Botschaft selbst. Weil liberale Demokratien aber eine gewisse politische Einigkeit brauchen, um Kompromisse \u00fcber das weitere Vorgehen zu erzielen, k\u00f6nnen weitverbreitete Verwirrung, falsche Zweifel und antidemokratisches Ressentiment gew\u00e4hlte Regierungen l\u00e4hmen. Was wiederum die Skepsis an der repr\u00e4sentativen Demokratie sch\u00fcrt: ein Teufelskreis der Propaganda.<\/p>\n<p>Die liberalen Demokratien samt der klassischen Medienlandschaft haben bisher kein gesellschaftlich wirksames Antidot gegen Putins digitale Manipulationsmaschinerie gefunden. Mit dem kommenden Ukrainekonflikt werden wir ein weiteres Meisterst\u00fcck des Putin&#8217;schen Social-Media-Krieges serviert bekommen. Wahrscheinlich sogar hier in den Kommentaren. Danke, Putin.<\/p>\n<p><strong>Eine Kolumne von Sascha Lobo<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>http:\/\/www.spiegel.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die sozialen Medien haben ein Putin-Problem: Im Ukrainekonflikt d\u00fcrfte die russische Propaganda ein neues Niveau erreichen, dem Westen fehlt noch immer ein passendes Gegenmittel. Der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine kocht wieder hoch, und das sp\u00fcrt man in sozialen Medien. Kein Zufall. 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