{"id":9343,"date":"2015-02-25T09:24:07","date_gmt":"2015-02-25T08:24:07","guid":{"rendered":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=9343"},"modified":"2021-01-25T06:09:41","modified_gmt":"2021-01-25T05:09:41","slug":"deportierte-voelker","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ichkeria.at\/?p=9343&lang=de","title":{"rendered":"Deportierte V\u00f6lker"},"content":{"rendered":"<header class=\"atc-Header\">\n<div class=\"atc-HeadlineContainer \">\n<p class=\"atc-Headline atc-Headline-lg\">Vor 70 Jahren lie\u00df Stalin die Tschetschenen und Inguschen aus ihrer Heimat im Nordkaukasus nach Zentralasien verschleppen. Die Folgen wirken sich bis heute auf das Geschehen in Europas unruhigster Region aus &#8211; und auf die gesamte russische Politik.<\/p>\n<\/div>\n<\/header>\n<div class=\"atc-Text \">\n<p id=\"pageIndex_1\" class=\"First atc-TextParagraph\"><span class=\"atc-TextFirstLetter\">D<\/span>er Tag, an dem in Sotschi mit viel Aufwand der Abschluss der\u00a0<a class=\"rtr-entity\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/sport\/thema\/olympia\" data-rtr-id=\"1c0d4236d79111c365bff69ca26153a6d291174a\">Olympischen Spiele<\/a>\u00a0gefeiert wird, ist zugleich der 70. Jahrestag dramatischer Ereignisse, die nur wenige hundert Kilometer nord\u00f6stlich der Olympiastadt, auf der anderen Seite des Gro\u00dfen Kaukasus, stattgefunden haben: Am 23. Februar 1944 begann die Deportation der Tschetschenen und Inguschen aus ihrer Heimat nach Zentralasien. Dieses Geschehen hat bis heute gro\u00dfe Auswirkungen auf die Politik im Nordkaukasus und dadurch in ganz Russland &#8211; so wie derzeit in Sotschi, wo nach Anschlagsdrohungen nordkaukasischer Extremisten Sicherheitsma\u00dfnahmen in einem Umfang n\u00f6tig sind, wie es sie bei Olympischen Spielen noch nie gab.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Am 31. Januar 1944 ordnete das Staatskomitee f\u00fcr Verteidigung der Sowjetunion die Aufl\u00f6sung der Tschetscheno-Inguschischen Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik (TschIASSR) und die Verbringung aller ihrer tschetschenischen und inguschischen Einwohner nach Zentralasien an. Zu dieser Zeit waren die konkreten logistischen Vorbereitungen auf die Deportation allerdings l\u00e4ngst angelaufen. So waren neue gel\u00e4ndeg\u00e4ngige Studebaker-Lastwagen, die aus den Lend-Lease-Lieferungen der Vereinigten Staaten an die Sowjetunion stammten, schon ab August 1943 in gro\u00dfer Zahl in und um die TschIASSR zusammengezogen worden.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Am fr\u00fchen Morgen des 23. Februar 1944 trat die Operation \u201eTschetschewiza\u201c (Linse) in die entscheidende Phase. Die zentrale Rolle spielte das von Josef\u00a0<a class=\"rtr-entity\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/thema\/stalinismus\" data-rtr-id=\"6c43243af1b56427aa5957fd4c6009eccbf1db8e\">Stalins<\/a>\u00a0Vertrautem Lawrentij Berija gef\u00fchrte Volkskommissariat f\u00fcr innere Angelegenheiten (NKWD). Die unmittelbare Leitung der Deportation lag bei Berijas Stellvertreter Iwan Serow, der 1954 zum Gr\u00fcndungsvorsitzenden des Komitees f\u00fcr Staatssicherheit (KGB) werden sollte. Insgesamt wurden zur Deportation nach Angaben Berijas vom 7. M\u00e4rz 1944 bis zu 19 000 sogenannte \u201eoperative Mitarbeiter\u201c des NKWD, des Volkskommissariats f\u00fcr Staatssicherheit (NKGB) sowie der milit\u00e4rischen Gegenspionage \u201eSmersch\u201c plus bis zu 100 000 Offiziere und Soldaten des NKWD eingesetzt. Au\u00dferdem mobilisierte Berija zur Erledigung von Hilfsaufgaben noch Zivilisten, darunter Russen, einige tausend Dagestaner und etwa 3000 Osseten. Dabei war der Krieg gegen Deutschland noch in vollem Gange, und man h\u00e4tte eigentlich annehmen m\u00fcssen, dass die Sowjetunion jeden Mann an der Front ben\u00f6tigt.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Noch am 23. Februar meldete Berija an Stalin, dass bis 11 Uhr Vormittag 94 741 Personen aus ihren H\u00e4usern geholt worden waren, von denen bereits 20 023 in Eisenbahnwaggons sa\u00dfen. Wegen der sich verschlechternden Wetterverh\u00e4ltnisse gab es insbesondere in abgelegenen Bergregionen gro\u00dfe Probleme beim Abtransport der zu deportierenden Menschen. Am 27. Februar sollen daher NKWD-Leute im Bergdorf Chaibach nach verschiedenen Angaben zwischen 200 und 750 Tschetschenen bei lebendigem Leib in einer Scheune verbrannt und Fliehende erschossen haben. Die Faktenlage ist allerdings nicht ganz gekl\u00e4rt &#8211; und heutige Stalin-Apologeten bestreiten, dass es \u00fcberhaupt ein solches Massaker gegeben habe. Verbrennungen und Massenerschie\u00dfungen insbesondere alter, gebrechlicher und kranker (\u201enicht transportabler\u201c) Personen d\u00fcrften aber auch in anderen Ortschaften vorgekommen sein. Die Dorf\u00e4ltesten waren auch und gerade deswegen \u201eZiel\u201c des NKWD, weil sie bei den beiden V\u00f6lkern Tr\u00e4ger der Traditionen und Gebr\u00e4uche sind und daher besonderes Ansehen genie\u00dfen.<\/p>\n<p id=\"pageIndex_2\" class=\"atc-TextParagraph\">Schon sechs Tage nach Beginn der Aktion, am 29. Februar, berichtete Berija an Stalin, dass inzwischen 478 479 Menschen, davon 387 229 Tschetschenen und 91 250 Inguschen, in 177 Z\u00fcge verladen worden seien, von denen 159 bereits abgefahren seien. Im Gebirge bef\u00e4nden sich noch rund 6000 Tschetschenen, doch auch sie w\u00fcrden innerhalb der n\u00e4chsten beiden Tage abgeholt. Im Juli 1944 meldete Berija dann in einem Bericht an Stalin, im Februar und M\u00e4rz seien 496 460 Tschetschenen und Inguschen deportiert worden. Dazu setzte man etwa 180 Z\u00fcge mit je 65 G\u00fcterwaggons ein. 411 000 Personen brachte man nach Kasachstan, 85 500 nach Kirgistan. Dort wurden die \u201eSpezialumsiedler\u201c genannten Deportierten bereits von einem ganzen Netz an \u201eSpezialkommandanturen\u201c des NKWD erwartet, das bis 1955 eine totale Kontrolle \u00fcber sie aus\u00fcbte. F\u00fcr nicht genehmigtes Verlassen des Verbannungsorts war eine Strafe von 20 Jahren Zwangsarbeit festgelegt.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Einige tausend Tschetschenen und Inguschen versuchten, sich in den Bergen und W\u00e4ldern der Deportation zu entziehen. Dort wurden sie vom NKWD als \u201eBanditengruppen\u201c mit dem Ziel ihrer \u201eVernichtung\u201c erbarmungslos gejagt. Dieser Kleinkrieg war erst nach einem Jahrzehnt endg\u00fcltig vorbei. Ein Erlass des Pr\u00e4sidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 7. M\u00e4rz 1944 erkl\u00e4rte die Tschetscheno-Inguschische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik f\u00fcr aufgel\u00f6st. In einem Erlass desselben Gremiums vom n\u00e4chsten Tag wurden 714 Mitarbeitern von NKWD und NKGB f\u00fcr ihre Leistungen bei der Deportation Orden und Medaillen zuerkannt.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Die auffindbaren Daten \u00fcber die Zahl der Todesopfer w\u00e4hrend der Deportation und in der ersten Zeit des Zwangsaufenthalts in Zentralasien schwanken erheblich, doch ist die Annahme realistisch, dass durch Hunger, K\u00e4lte, Krankheiten sowie Misshandlungen von Seiten sowjetischer Aufsichtsorgane mindestens ein Drittel der Tschetschenen und Inguschen umkam &#8211; ein enormer Aderlass f\u00fcr die ohnedies kleinen V\u00f6lker. Eine von dem russischen Ethnologen und Sozialanthropologen Valerij Tischkow redigierte Enzyklop\u00e4die der V\u00f6lker Russlands hielt 1994 n\u00fcchtern fest: \u201eDie Inguschen als Volk standen unter den Bedingungen der Herrschaft des totalit\u00e4ren Regimes am Rande des Verschwindens.\u201c Sie \u00fcberlebten aber, wie die Tschetschenen, die ihnen von Stalin bereitete H\u00f6lle. Nicht ganz vier Jahre nach dessen Tod, im Januar 1957, wurde die Tschetscheno-Inguschische Republik vom Obersten Sowjet wiedererrichtet. Die beiden V\u00f6lker konnten in ihre Heimat zur\u00fcckkehren. Das Trauma der Deportation nahmen sie mit sich &#8211; und es blieb auch im kollektiven Ged\u00e4chtnis der folgenden Generationen.<\/p>\n<p id=\"pageIndex_3\" class=\"atc-TextParagraph\">Apologeten der Deportation in der Sowjetunion und im heutigen Russland behaupten, Tschetschenen und Inguschen h\u00e4tten w\u00e4hrend des Kriegs im Hinterland der sowjetischen Front Aufst\u00e4nde und Anschl\u00e4ge unternommen. Sie h\u00e4tten der Roten Armee schaden und damit den Vormarsch der Wehrmacht beschleunigen wollen, die indes nur einen kleinen Teil ihres Siedlungsgebiets besetzt hatte. Das ist eine Wiederholung der pauschalen Anschuldigungen wie \u201eVerrat der Heimat\u201c, die in dem Erlass des Obersten Sowjets \u00fcber die Aufl\u00f6sung der Tschetscheno-Inguschischen Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik vom 7. M\u00e4rz 1944 erhoben wurden. Immer wieder verwiesen wird in diesem Kontext auf die Tschetschenen Majrbek Scheripow und Hassan Israilow (get\u00f6tet 1942 beziehungsweise 1944), die das &#8211; v\u00f6llig unrealistische &#8211; Ziel einer Abspaltung des ganzen Nordkaukasus von der Sowjetunion verfolgt hatten. Es d\u00fcrfte sich heute aber kaum noch wirklich feststellen lassen, wie umfassend ihr \u201eAufstand\u201c wirklich war. Sowjetische wie auch bestimmte postsowjetische russische Politiker, Historiker und Publizisten versuchen, ihn hochzustilisieren und seine Urheber und Teilnehmer als \u201eBanditen\u201c und \u201eTerroristen\u201c zu diffamieren &#8211; zur Rechtfertigung der Deportationen 1944. Allerdings vermuten verschiedene Historiker, dass die Deportation schon ab 1939\/40 vorbereitet worden war. Zudem waren Israilow und seine Leute nicht einmal imstande, die laufende Deportation auch nur zu st\u00f6ren oder zu verz\u00f6gern, von einer Verhinderung ganz abgesehen. Das best\u00e4tigte ein \u201eunverd\u00e4chtiger\u201c Zeuge, n\u00e4mlich Berija pers\u00f6nlich, in seinem Bericht an Stalin vom 29. Februar 1944: \u201eDie Operation verlief organisiert und ohne jede ernstzunehmenden F\u00e4lle von Widerstand oder andere Zwischenf\u00e4lle.\u201c Es seien lediglich 2016 \u201eantisowjetische Elemente\u201c unter den Tschetschenen und Inguschen verhaftet worden.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Drastisch unterschiedliche Bewertungen erf\u00e4hrt die Frage nach Kontakten zwischen dem antisowjetischen \u201eUntergrund\u201c der Tschetschenen und Inguschen und der nahen Wehrmacht: W\u00e4hrend sie von vielen tschetschenischen und inguschischen Stimmen f\u00fcr unbedeutend erkl\u00e4rt oder \u00fcberhaupt in Abrede gestellt werden, werden sie auf russischer Seite nicht nur als erwiesen, sondern auch als bedeutsam f\u00fcr die operative Lage eingesch\u00e4tzt. Doch betonte der 1984 verstorbene inguschische kommunistische Funktion\u00e4r Abdul-Hamid Tangijew in seinen &#8211; im Internet in russischer Sprache zug\u00e4nglichen &#8211; Erinnerungen, dass es w\u00e4hrend des Vorsto\u00dfes der Deutschen auf den Nordkaukasus 1942 in der Tschetscheno-Inguschischen Republik nicht einen einzigen politisch motivierten Anschlag oder Akt der Diversion gegeben habe; der gesamte Verkehr, das Fernmeldewesen, Medien, Elektrizit\u00e4ts- und Wasserversorgung sowie andere Infrastruktur h\u00e4tten v\u00f6llig unbeeintr\u00e4chtigt funktioniert.<\/p>\n<p id=\"pageIndex_4\" class=\"atc-TextParagraph\">Bis heute bem\u00fchen sich Tschetschenen und Inguschen unabl\u00e4ssig, den Einsatz ihrer Landsleute in der Roten Armee beim Kampf gegen die ab Juni 1941 in die Sowjetunion einmarschierende Wehrmacht herauszustellen &#8211; allerdings so gut wie ohne Erfolg in der \u00f6ffentlichen Meinung Russlands. Dazu kommt ein Aspekt, auf den unter anderen der sowjetrussische Milit\u00e4rhistoriker (und General der Roten Armee) Dmitrij Wolkogonow in seinem \u201epolitischen Portr\u00e4t\u201c Stalins aufmerksam machte: W\u00e4re dieser seiner \u201everbrecherischen Logik\u201c immer gefolgt, h\u00e4tte er angesichts der Aufstellung der Wlassow-Armee auf deutscher Seite auch die Russen deportieren m\u00fcssen. Stalin versuchte allerdings bekanntlich nichts dergleichen (von der praktischen Undurchf\u00fchrbarkeit einer solchen Aktion einmal abgesehen), sondern brachte am 24. Mai 1945 im Kreml seinen ber\u00fchmten Toast auf das russische Volk aus, das unter allen Nationen der Sowjetunion das hervorragendste sei.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">In Nordossetien war man nach 1944 wie selbstverst\u00e4ndlich davon ausgegangen, dass die Inguschen nie mehr in den Nordkaukasus zur\u00fcckkehren w\u00fcrden. Der inguschische Politologe Jakub Patijew meinte, dass der Grund der Deportation seines Volkes nicht eine Kollaboration mit der Wehrmacht war, sondern \u201edie geographische Lage des Ethnos und das Bem\u00fchen des Zentrums, den Lebensraum f\u00fcr andere auszuweiten\u201c. Diese \u201eanderen\u201c waren die besonders \u201eprorussischen\u201c und \u201eprosowjetischen\u201c Osseten, die offenkundig von der Deportation der Inguschen und der Aufl\u00f6sung ihrer Republik profitierten. Die inguschische Historikerin Marjam Jandijewa spricht von den \u201estrategischen Interessen von Stalins Imperium\u201c als Hintergrund der Deportationen im Nordkaukasus. Die turkst\u00e4mmigen Karatschaier und Balkaren seien (im November 1943 beziehungsweise im M\u00e4rz 1944) deportiert worden, weil Stalin einen Eintritt der T\u00fcrkei an der Seite Hitlers in den Krieg bef\u00fcrchtet habe.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Der amerikanische Historiker Norman M. Naimark sah einen Grund f\u00fcr die Deportation der Tschetschenen und Inguschen in dem Umstand, dass sie einer \u201eVerschmelzung von russischem und Sowjetpatriotismus im Weg\u201c gestanden seien. Zudem verwies er auf die kulturelle und religi\u00f6se Autonomie der beiden V\u00f6lker (die mit dem sowjetischen Anspruch auf allumfassende Kontrolle unvereinbar war), ihren Widerstand gegen die \u201eModernisierung\u201c in ihrer sowjetischen Variante sowie auf ihren aktiven und passiven Widerstand gegen die Kollektivierung der Landwirtschaft Anfang der drei\u00dfiger Jahre, die ihre traditionelle Lebensweise weitgehend zerst\u00f6rte.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Im de facto unabh\u00e4ngigen Tschetschenien der Jahre 1991 bis 1994 und 1996 bis 1999 waren best\u00e4ndige Hinweise auf die Schrecken der Kriege im Nordkaukasus des 19. Jahrhunderts, die mit der Unterwerfung der Tschetschenen durch das Zarenreich endeten, sowie der Deportation von 1944 ein wichtiger Teil der Rechtfertigung der Abspaltung von Russland. Auf der anderen Seite forderten w\u00e4hrend beider Kriege in Tschetschenien (1994 bis 1996 und ab 1999) extremistische russische Politiker und Medien sowie nicht wenige \u201eeinfache\u201c B\u00fcrger eine neuerliche Deportation der \u201eilloyalen\u201c und \u201efremden\u201c Tschetschenen oder aber den Einsatz von Massenvernichtungswaffen gegen sie.<\/p>\n<p id=\"pageIndex_5\" class=\"atc-TextParagraph\">Zahllose &#8211; mitunter von russischen Beh\u00f6rden herausgegebene oder finanzierte &#8211; B\u00fccher, Brosch\u00fcren, Artikel sowie Materialien f\u00fcr Fernsehen und Internet bem\u00fchten sich, die postsowjetische, russische (und, wenn m\u00f6glich, auch die internationale) \u00d6ffentlichkeit davon zu \u00fcberzeugen, dass Tschetschenen und Inguschen \u201eschon immer Banditen\u201c und geradezu \u201egenetisch\u201c fanatisch, unzivilisiert, ungez\u00fcgelt und gewaltbereit gewesen seien. Deshalb d\u00fcrften sie sich weder \u00fcber die Deportation von 1944 noch \u00fcber das Vorgehen der russischen Streitkr\u00e4fte 1994 und 1999 wundern.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Diese Darstellung beeinflusst die in der mehrheitlich slawischen Gesellschaft, \u00d6ffentlichkeit und politischen Elite gepflegten Feindbilder. Nordkaukasier (also nicht nur Tschetschenen und Inguschen) werden oft als Verbrecher und Terroristen kollektiv verunglimpft oder rassistisch als \u201eSchwarze\u201c beschimpft. So finden Forderungen wie \u201eSchluss mit dem F\u00fcttern des Kaukasus!\u201c nach einer Meinungsumfrage des angesehenen und unabh\u00e4ngigen Moskauer Lewada-Zentrums vom Oktober 2013 \u00fcber 70 Prozent Zustimmung.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Der Kreml verlangt zwecks St\u00e4rkung des Patriotismus eine \u201epositive Geschichtsschreibung\u201c, welche die &#8211; angeblichen und tats\u00e4chlichen &#8211; Errungenschaften, Siege und Erfolge Russlands betont. Das impliziert freilich eine Uminterpretation oder v\u00f6llige Ausblendung unerfreulicher Ereignisse, und so fehlen f\u00fcr eine breite kritische Auseinandersetzung mit den Deportationen ganzer V\u00f6lker von der s\u00fcdlichen Peripherie der Sowjetunion unter Stalin die Bedingungen. Stattdessen h\u00e4lt man in Russland bis heute an der Vorstellung fest, dass das Zarenreich im 19. Jahrhundert den \u201ewilden Bergv\u00f6lkern\u201c des Nordkaukasus \u201edie Zivilisation gebracht\u201c habe. Nicht wenige russische Gespr\u00e4chspartner f\u00fcgen dem hinzu, dass diese \u201eMission\u201c Russlands, wenn n\u00f6tig, bis heute auch unter Einsatz der Streitkr\u00e4fte wahrzunehmen sei, weil insbesondere die Tschetschenen nach wie vor \u201eunzivilisiert\u201c und \u00fcberhaupt hartn\u00e4ckig \u201enicht unsere\u201c seien.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Wer in Putins Russland bedauernd oder sogar best\u00fcrzt von den Zehntausenden zivilen Toten und Hunderttausenden Fl\u00fcchtlingen dieser Kriege (in einer Republik, die vor dem Krieg etwa eine Million Einwohner gehabt hat) spricht, stellt sich gegen die dominierende Stimmung in der Bev\u00f6lkerung und gibt sich in den Augen des Kremls als unverbesserlicher Oppositioneller zu erkennen. \u00dcbrigens begeht man den 23. Februar, der schon zu sowjetischen Zeiten der Roten Armee gewidmet war, im postsowjetischen Russland als (seit 2002 sogar arbeitsfreien) \u201eTag der Verteidiger des Vaterlandes\u201c.<\/p>\n<p id=\"pageIndex_6\" class=\"atc-TextParagraph\">Die Deportation hat bis heute auch gro\u00dfen Einfluss auf das Verh\u00e4ltnis der nordkaukasischen V\u00f6lker untereinander. Auf besonders dramatische Weise wurde das deutlich w\u00e4hrend der Geiselnahme in der Schule des nordossetischen Ortes Beslan 2004: Noch bevor bekannt war, dass unter den T\u00e4tern Inguschen waren, hatten Osseten schon Inguschen f\u00fcr das Verbrechen verantwortlich gemacht. Ein Grund f\u00fcr die inguschisch-ossetische Feindschaft ist eine Folge der Deportation &#8211; der Streit \u00fcber den Prigorodnyj-Bezirk, den die Inguschen f\u00fcr ihre historische Wiege halten. Hier liegt die Ortschaft Tarskoje, die urspr\u00fcnglich Anguscht hie\u00df, wovon sich die russische Bezeichnung f\u00fcr dieses Volk (\u201eInguschi\u201c) ableitet (sie selbst nennen sich \u201eGalgai\u201c). Der Bezirk wurde 1934 Teil des Tschetscheno-Inguschischen Autonomen Gebiets und blieb es bis 1944, als sein Territorium zum Gro\u00dfteil in Nordossetien aufging. Bis 1944 hatte es kaum Osseten im Prigorodnyj-Bezirk gegeben, doch dann siedelten die sowjetischen Beh\u00f6rden zielgerichtet Osseten aus S\u00fcdossetien, dem \u00fcbrigen Georgien und Nordossetien an. 1956 waren von den 33 000 Bewohnern des Prigorodnyj-Bezirks 23 500 Osseten. 1957, bei der Wiedererrichtung der Tschetscheno-Inguschischen Republik, verblieb ein Gro\u00dfteil des Prigorodnyj-Bezirks bei Nordossetien, was ein schwerer Schlag f\u00fcr die eng mit diesem Landstrich verbundene nationale Identit\u00e4t der Inguschen war. Sie kehrten nach 1957 aus der Verbannung jedoch ungeachtet aller Behinderungen durch die Unionsbeh\u00f6rden in Moskau wie der nordossetischen F\u00fchrung auch in den Prigorodnyj-Bezirk zur\u00fcck. Nach Angaben der Statistikverwaltung beim Ministerrat Nordossetiens lebten am 1. Januar 1989 in der ganzen Republik 32 783 ethnische Inguschen, davon 16 579 im Prigorodnyj-Bezirk. F\u00fcr den Stichtag 31. Oktober 1992 nannten die nordossetischen Beh\u00f6rden 34 500 Inguschen in ganz Nordossetien. Tats\u00e4chlich d\u00fcrften es aber 65 000 bis 75 000 gewesen sein, da seit 1957 immer mehr Inguschen im Prigorodnyj-Bezirk lebten, als offiziell gemeldet oder bei den sowjetischen Volksz\u00e4hlungen erfasst.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Im Fr\u00fchjahr 1990 begannen in Nordossetien die Vorbereitungen zur Bildung einer \u201eB\u00fcrgerwehr\u201c. Ab Mitte 1991 wurden &#8211; in offenkundiger Verletzung russischer Gesetze &#8211; diese \u201eB\u00fcrgerwehr\u201c sowie eine \u201eRepublikanische Garde\u201c aufgestellt. Parallel dazu r\u00fcstete Nordossetien sein Innenministerium auf. In der Nacht vom 30. auf den 31. Oktober 1992 kam es im Prigorodnyj-Bezirk zu ersten gro\u00dfen Zusammenst\u00f6\u00dfen zwischen inguschischen Paramilit\u00e4rs einerseits und der Miliz (Polizei), der Sonderpolizei OMON, der \u201eB\u00fcrgerwehr\u201c und der \u201eRepublikanischen Garde\u201c Nordossetiens andererseits. Am 2. November 1992 begannen 68 000 Soldaten der russischen Armee und Paramilit\u00e4rs aus Nord- und S\u00fcdossetien eine Gro\u00dfoffensive gegen inguschische D\u00f6rfer im Prigorodnyj-Bezirk und vertrieben innerhalb weniger Tage die meisten Bewohner. Viele Inguschen betrachten diese \u201eethnische S\u00e4uberung\u201c bis heute als eine Art Fortsetzung der Deportation von 1944.<\/p>\n<p id=\"pageIndex_7\" class=\"atc-TextParagraph\">Nicht wenige Darstellungen des inguschisch-ossetischen Konflikts im Herbst 1992 \u00fcbernahmen die Bilanz einer Untersuchungsgruppe des russischen Innenministeriums, der zufolge die K\u00e4mpfe 546 Menschenleben, davon 407 Inguschen und 105 Osseten, gefordert haben; es liegen aber auch erheblich h\u00f6here Zahlen vor. Die Angaben \u00fcber die inguschischen Vertreibungsopfer schwanken stark, n\u00e4mlich zwischen 30 000 und 70 000. Von den 16 D\u00f6rfern des Prigorodnyj-Bezirks, in denen Inguschen kompakt gelebt hatten, wurden 13 zerst\u00f6rt. Die Angaben \u00fcber die Zahl der vernichteten H\u00e4user schwanken zwischen 3000 und 4000; jedenfalls geh\u00f6rte der ganz \u00fcberwiegende Teil Inguschen. Das Ziel der Zerst\u00f6rung von inguschischen H\u00e4usern war offensichtlich: Sie sollten weder den Wunsch noch die M\u00f6glichkeit haben, an die Orte ihres fr\u00fcheren Lebens zur\u00fcckzukehren, das hei\u00dft, in Nordossetien erwartete man sich &#8211; \u00e4hnlich wie anl\u00e4sslich der Deportation des ganzen inguschischen Volkes 1944 &#8211; eine \u201edefinitive L\u00f6sung\u201c der \u201eProbleme\u201c mit den Inguschen nun wenigstens f\u00fcr den Prigorodnyj-Bezirk. Die nordossetischen Beh\u00f6rden bewiesen bei der Erfindung immer neuer Schikanen gegen r\u00fcckkehrwillige Inguschen gro\u00dfen Einfallsreichtum. Wenig \u00fcberraschend schleppte sich daher die R\u00fcckkehr der Inguschen nach Nordossetien jahrelang hin, um 2007 praktisch zum Stillstand zu kommen.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Die Kontroverse wird auch auf juristischer Ebene ausgetragen. Artikel 6 des russischen Gesetzes \u201e\u00dcber die Rehabilitierung der repressierten V\u00f6lker\u201c vom April 1991 sieht eine \u201eterritoriale Rehabilitierung\u201c vor. Daraus resultierte in der Interpretation der Inguschen eine Verpflichtung zur R\u00fcckgliederung des Prigorodnyj-Bezirks an die Tschetscheno-Inguschische Republik beziehungsweise &#8211; nach deren Aufteilung 1992 &#8211; die Republik Inguschetien. In Nordossetien wird dieses Gesetz denn auch bis heute vehement kritisiert.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Konsequent findet sich bis heute in der Verfassung der Republik Inguschetien von 1994 der (von Nordossetien naturgem\u00e4\u00df immer heftig bek\u00e4mpfte) Artikel 11, der \u201edie R\u00fcckkehr von mit ungesetzlichen Mitteln von Inguschetien abgetrennten Territorien\u201c &#8211; also dem Prigorodnyj-Bezirk &#8211; verlangt. Allerdings deutet nichts darauf hin, dass Nordossetien in der \u00fcberschaubaren Zukunft den Prigorodnyj-Bezirk freiwillig \u00fcberstellen oder Moskau in dieser Angelegenheit ein \u201eMachtwort\u201c sprechen k\u00f6nnte. Damit aber sind aus der Sicht der Inguschen die Folgen der Deportation von 1944 politisch, administrativ und demographisch einzementiert.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Weder in der Sowjetunion noch im postsowjetischen Russland kam irgendjemand f\u00fcr die Teilnahme an Planung und Ausf\u00fchrung von Stalins Deportationen aus dem Nordkaukasus vor Gericht. In Tschetschenien und Inguschetien selbst wird heute das Andenken auf Sparflamme gehalten, und auch der dortige geschichtswissenschaftliche Diskurs dazu f\u00e4llt weit weniger intensiv aus, als man erwartet h\u00e4tte. So ist bezeichnend, dass eine von der Historikerin Marjam Jandijewa verfasste Geschichte der Deportation in einer Auflage von nur 400 St\u00fcck erschienen ist &#8211; und zwar nicht in Russland, sondern in Georgien. Der \u00dcberblick \u00fcber die Geschichte Tschetscheniens auf der Homepage von Putins Statthalter in Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, handelt die Deportation 1944 in ganzen zwei lakonischen S\u00e4tzen ab. Immerhin hat das Europaparlament 2004 die Deportation als Akt des Genozids anerkannt. Doch in der heutigen inoffiziellen \u201eLoyalit\u00e4tshierarchie\u201c des Kremls f\u00fcr die nordkaukasischen V\u00f6lker stehen die Tschetschenen und Inguschen wie bereits zu Stalins Zeiten auf den letzten Pl\u00e4tzen &#8211; und die Osseten auf dem ersten.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/die-gegenwart\/russland-deportierte-voelker-12804712\"><span class=\"atc-MetaAuthorText\">VON\u00a0<\/span><strong><span class=\"atc-MetaAuthor\">DR. 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