„Russland ist in Wahrheit stark verwestlicht“

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Sputnik International

Der russisch-orthodoxe Publizist Sergej Tschapnin über die konservative Agenda des Kremls und die Verzahnung der orthodoxen Kirche mit dem Staat

„Wiener Zeitung“:Das Verhältnis zwischen Russland und dem Westen ist schlechter kaum vorstellbar. Das Wort vom Neuen Kalten Krieg ist fast schon ein geflügeltes – dieses Mal aber nicht mit einem kapitalistischen Westen und einem kommunistischen Osten, sondern mit einem sich liberal und fortschrittlich gebenden Westen und einem konservativen Russland. Das erinnert an die Situation im 19. Jahrhundert, als die europäische Kritik am konservativen Zaren stark war. Sind wir wieder zurück im 19. Jahrhundert?
Sergej Tschapnin: Ich sehe das anders. Ich würde sagen, dass wir in Russland gar keine konservative Agenda haben, jedenfalls keine gelebte. Das konservative Programm der russischen Regierung ist in Wahrheit nur Rhetorik.

Warum?

Weil wir immer noch nach einer Identität suchen. In den 1990er Jahren, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, versuchte man, auf liberalem und demokratischem Weg der düsteren kommunistischen Vergangenheit zu entkommen. Während die liberalen Eliten versuchten, Russland zu reformieren, kam es zu einem Wiederaufleben der russisch-orthodoxen Kirche. Die Kirche war die einzige Institution des alten, prä-sowjetischen Russland, die die Sowjetperiode überlebt hat – unter Verfolgung und Martyrium zwar, aber dennoch. Sie war die einzige Brücke zur russischen Vergangenheit und stand für einen entschlossenen Bruch mit dem sowjetischen Erbe.
War die Kirche der späten Sowjetzeit – trotz aller Märtyrer zur Zeit Lenins und Stalins – nicht auch vom KGB durchsetzt und vom Staat kontrolliert?
Doch, definitiv. Die Kirchenstruktur, die Mitte der 1940er Jahre wiederhergestellt wurde, war stark vom sowjetischen Geheimdienst infiltriert. Dennoch symbolisierte die Kirche nach 1991 den Aufbruch Russlands. Ihr Versuch, die Nation wieder zu bekehren, scheiterte in den 1990er Jahren allerdings ebenso wie der Versuch, in Russland eine demokratische Gesellschaft aufzubauen. Am Beginn des 21. Jahrhunderts, nach den gescheiterten Experimenten, bot sich erneut eine Zukunftsvision Russlands als Imperium an. Die Kirche hat damals diese politische Wende von der Demokratie zur Autokratie unterstützt – etwa mit dem Programm „Russki Mir“, der „russischen Welt“.

Können Sie uns dieses Programm erläutern?

Die ursprüngliche Idee war, eine Art Schirm zu entwickeln für die russischen Gemeinschaften im Ausland. Es leben ja viele Russen in der Ukraine, im Baltikum oder Zentralasien, und Weißrussland ist ohnehin größtenteils ein russischsprachiges Land. Es ging um die Förderung und den Erhalt der russischen Sprache für kommende Generationen und um gemeinsame Kulturprojekte – um klassische Soft Power. Die Kirche spielte dabei von Anfang an eine wichtige Rolle. Die Entwicklung von „Russki Mir“ geht auf eine Initiative der russisch-orthodoxen Kirche zurück.

Was war der Grund dafür?

Es ist in erster Linie die Kirche, die die russischsprachigen Gemeinschaften im Ausland vereint. Sie ist eine wichtige administrative und spirituelle Autorität und bewarb als solche das „Russki Mir“-Programm intensiv, vor allem als 2009 Metropolit Kirill Patriarch wurde. Das weckte Begehrlichkeiten des Staates, der mehr ideologischen Einfluss auf die Russen jenseits der Grenzen nehmen wollte. Tatsächlich änderte sich das Konzept binnen kürzester Zeit fundamental: Aus kultureller Kooperation wurde binnen zweier Jahre ein Konzept ideologischen Drucks auf die russischsprachigen Gemeinschaften jenseits der Grenzen Russlands. Sie sollten das „Russki Mir“-Konzept und damit die Vorherrschaft Russlands akzeptieren. Das hat zu Verstimmungen geführt. Der Krieg in der Ukraine hat dem Konzept dann den Todesstoß gegeben, weil speziell im ersten Kriegsjahr viele der Russen, die auf der Seite der Separatisten im Donbass kämpften, angaben, sie kämpften für „Russki Mir“ gegen die ukrainischen „Faschisten“. Das war das Ende dieses Projekts. Die Kirche verwendet dieses vor zehn Jahren sehr populäre Konzept heute selbst nicht mehr.

War „Russki Mir“ nicht auch von Anfang an politisch? Schließlich versteht sich Russland als Nachfolgestaat der alten Kiewer Rus, die die mittelalterlichen Vorfahren der Ukrainer, Russen und Weißrussen vereint hat – während nationalistische Ukrainer die These vertreten, sie seien die alleinigen Nachfahren der Rus, und die Russen stünden in tatarischer Tradition. Spielt dieser Gegensatz, der Streit um die Rus, nicht auch eine Rolle bei dem „Russki Mir“-Konzept?
Ja. „Russki Mir“ hat viele Dimensionen. Eine dieser Dimensionen war, Russland, Weißrussland und die Ukraine einander näherzubringen als Länder, die gemeinsame Wurzeln in der Taufe von Fürst Wladimir haben. Der Erfolg stellte sich aber nicht ein, und zwar deshalb, weil wir Russen oft nicht verstehen, was in den Nachbarländern vorgeht. Das betrifft übrigens nicht nur die Ukraine, sondern auch Weißrussland. Auch Belarus ist von Russland sehr verschieden, auch dort findet heute ein – in dem Fall stiller – Prozess der Nationsbildung statt. Russland nimmt das nicht ernst und denkt nach wie vor, ach, ihr seid doch immer noch ein Teil unserer Welt, ein Teil dieses früheren Russischen Reiches. Doch das stimmt nicht. Diese Länder unterscheiden sich von Russland. Den Weißrussen zum Beispiel ist klar, dass ihre geopolitische Situation ihre nationale Identität sehr stark beeinflusst. Sie leben zwischen dem katholischen Westen und dem orthodoxen Osten.

Wie die Ukraine.

Ja, aber Weißrussland ist insgesamt homogener als die Ukraine, die stark gespalten ist. Die Westukraine ist natürlich westlich orientiert mit starkem polnischen Einfluss, die Ostukrainer ähneln kulturell sehr stark den Russen. Es ist sehr schwierig für viele Russen, die Ukraine als einen unabhängigen Staat zu akzeptieren. Sie verstehen nicht, wie die Unabhängigkeit der Ukraine oder auch Weißrusslands passieren konnte. Diese Blindheit verursacht viele Probleme.

Im Westen hat die Trennung von Kirche und Staat tiefe historische Wurzeln, die bis ins Mittelalter zurückreichen. Im Bereich der Orthodoxie ist das anders. Lange hat in der Nachfolge des Byzantinischen Reiches eine Art „Cäsaropapismus“ vorgeherrscht, eine starke Anbindung der Kirche an den Staat.
Das ist tatsächlich ein Problem. Die byzantinische Tradition, in der Russland steht, kennt nur die enge Beziehung zwischen der Kirche und dem Staat. Allerdings gab es einen kurzen Moment, eine kleine historische Chance auf einen anderen, moderneren Weg nach dem Kollaps der Sowjetunion. Damals hätte man die Erfahrungen der Emigranten, die nach der Oktoberrevolution ausgewandert sind, nutzen können. Deren religiöse Gemeinschaften waren tatsächlich unabhängig vom Staat, denn es gab in der Emigration keinen orthodoxen Staat. Das hat den Menschen geholfen, die spirituelle Dimension der östlichen Christenheit wiederzuentdecken. Das, was diese Gruppen im Ausland hervorgebracht haben, steht bei vielen orthodoxen Christen heute noch in hohem Ansehen.

Durchgesetzt hat sich dieser Ansatz aber nicht.

Nein. Die traditionelle enge Bindung an den Staat war stärker. Außerdem brauchte die Politik die Kirche als Unterstützerin für ihr Konzept eines neuen Imperiums. Der frühere Patriarch Alexij war dazu nicht bereit, aber Kirill, Patriarch seit 2009, sehr wohl. Er ist ein starker Anhänger der Idee einer Zusammenarbeit mit dem Staat. Das Konzept Russlands als Vertreter konservativer Werte im Gegensatz zum liberalen Westen stammt wesentlich von ihm. Er entwickelte es Ende der 1990er Jahre und „verkaufte“ es 2012 an Präsident Wladimir Putin – zu Beginn dessen dritter Amtszeit, als im Kreml neue Ideen nötig waren.

Was ist daraus geworden? Ist Russland heute so konservativ, wie es sich gibt?

Nein. Das ist größtenteils Rhetorik für die Auslage. In Russland selbst sind heute Programme und Konzepte nicht so wichtig. Die Menschen sind damit beschäftigt, zu überleben. Die wirtschaftliche Situation wird immer schlechter, und es gibt keinen Wettbewerb im politischen Leben. Natürlich spricht man viel von konservativen Werten wie Familie, aber die Statistiken sprechen eine andere Sprache. Auf zwei Hochzeiten kommt eine Scheidung. Die Abtreibungsraten gehen zwar zurück, aber nicht wegen traditioneller Werte oder religiöser Motivationen, sondern aufgrund von vermehrtem Gebrauch von Verhütungsmitteln. Russland ist in Wirklichkeit ein sehr säkulares und stark verwestlichtes Land.

Gerhard Lechner

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